Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig: Eine Novelle
Part 6
Halt! Welch ein Gedanke? Er, der kranke Mann, leidet unter meiner Kälte? Ist es möglich? War seine abweisende Haltung gegen mich von jeher nur die Folge meiner abweisenden Haltung gegen ihn?
Unmöglich! Und doch! Ein Kind kann ja tief beleidigen! Oder -- stehen wir beide vor einem unbegreiflichen Gesetz, uns in der ~Ferne suchen~ und in der ~Nähe hassen~ zu müssen.
Ich verjagte diesen für mich gefährlichen Gedanken. Denn ich fühlte, wenn die geringste Regung für meinen Vater (den alten, kranken Menschen) mich erfaßte, -- ich könnte meine Tat im Stiche lassen, -- und -- selbst -- Sinaïda!
Am Morgen des 27. Mai ging ich mit meinen Freunden in die Auen des großen Stroms hinaus. Die neuen Bomben sollten ausprobiert werden.
Es war eine wundersame Wildnis, wo wir Halt machten. Wildgänse, Reiher, Störche zogen über uns dahin. Libellen und Milliarden Insekten zitterten über den Urverschlingungen dieses Dschungels, der nur ein wenig seitab von der Weltstadt lag.
Die Explosion verwundete einen großen fasanenartigen Vogel, der aus den Ästen einer Esche ins Gras fiel und tiefsinnig regungslos mit den offenen Augen der Erkenntnis liegen blieb.
Schweiß der Scham und des Verbrechens brach mir aus allen Poren. Wie habe ich gestern noch mich als Erlöser gefühlt?!
Nun hatte ich ein Fleckchen dieses Sterns mit Blut gefärbt. Von diesem Augenblick an erfaßte mich das Bewußtsein meines Vorhabens mit ganzer Wucht. Ich ertrug weder zu sitzen, noch zu stehen. Meine Glieder zitterten. Mich peinigte ein unlöschbarer Durst. Ich trank ein Glas Wasser nach dem anderen. Ich floh zu den Träumen des Opiums. Als ich ermattet das achteckige Turmgewölbe verlassen wollte, stand ich plötzlich vor Sinaïda. Auf ihrem bleichen Gesicht fand ich neue Schatten. Sie trug einen großen Bernsteinschmuck, der dumpfe Strahlen warf.
Schreck und süßes Herzklopfen nahmen mir den Atem:
„Auch Sie?“
„Auch ich, seitdem mich die Furien verfolgen.“ Sie verschränkte die Finger ineinander, als wollte sie sie zerbrechen.
Ich faßte Mut:
„Warum haben Sie vor zwei Tagen meine Hand genommen und sind dann fortgelaufen, Sinaïda?“
„Ich habe Mitleid mit Ihnen gehabt. Sie sind ein Kind, ein kleines Kind!“ „Wieso denn Mitleid?“
„Sie haben mehr auf sich genommen, als Sie wissen!“
„Attentat?“
Sinaïda sah mich langsam an:
„Wie unsachlich sind doch die Männer, die Sachlichen, die Objektiven? Noch kein Mann hat etwas Gutes und Schlechtes, etwas Großes oder Niedriges aus einem anderen Grunde getan, als sich selbst zu erhöhen. Was sind denn all eure Entschlüsse und Taten wert? Ich habe noch keinen Mann gesehen, der ~wirklich~ gelitten hätte! -- Ihr könnt an nichts anderem leiden, als an der Erniedrigung eurer Persönlichkeit. Und darum mißhandelt ihr die Welt so!“
„Gibt es denn ein anderes Leiden?“
„O, es gibt nur ~ein~ Leiden. Dieses Wort müssen Sie aber sehr weit verstehen! Das Leiden der Mütter!“
„Kennen Sie dieses Leiden, Sinaïda?“
„Ich kenne dieses Leiden.“
„So sind -- so -- so waren Sie selbst Mutter?“
Sinaïda fuhr langsam mit der Hand über ihr Haar. Dann sagte sie sehr einfach: „Nein!“
Als ich schwieg, sah sie mich mit in der Ferne beschäftigten Blicken an.
„Nein, ich war niemals Mutter -- und -- und -- ich werde es jetzt auch niemals mehr werden.“
„O Sinaïda!“ Ich hätte auf die Knie fallen mögen. Diese Heilige! Ich sagte:
„Alles, alles wird Ihnen in Erfüllung gehen!“
Sie zog ihre Hand zurück, die ich nehmen wollte:
„Nein! Niemals mehr! Ich bin im Vorjahre schwer krank gewesen! Seither ist diese Hoffnung vorbei. Im übrigen die gerechte Strafe.“
„Strafe?“
Sie schloß die Augen.
„Ja und sehr gerecht.“
Plötzlich sagte sie mit leichterer Stimme:
„In zwei Tagen werden Sie einen Revolver abdrücken! Aber ich warne Sie! Klopft es in Ihrem Zimmer des Nachts, als wären die Wände hohl? Sind Sie in der Dämmerung auf der Hausstiege einem alten Herrn begegnet, der ein trauriges Gesicht macht und dessen Schritte lautlos sind? Meist trägt er einen unmodischen Zylinder. Seine silberne Uhrkette funkelt.“
„Was fragen Sie da?“
„Kennen Sie die Oper Freischütz?“
Freischütz! Ich hörte dieses Wort. Immer wieder begegnet es mir. Ich sah den Vater vor mir, nicht weißhaarig, nein, mit jenem vergangenen gelben Gesicht.
„Ah! Gewiß kennen Sie diese Oper! Da zielt einer -- ich weiß nicht mehr worauf -- aber, er trifft seine Geliebte. Zum Schluß wird alles gut, weil sich der Himmel einmischt. Aber dennoch, die Freikugel wird von den Mächten gelenkt, höhnisch gelenkt von den Mächten, die in unseren Wänden klopfen, die uns auf den Treppen begegnen....“
„Haben Sie Furcht, ich könnte mit der Bombe mein Ziel verfehlen!“
„O, schweigen Sie!“ flüsterte Sinaïda und preßte den Finger an den Mund. Ihr Blick strahlte irrsinnig: „Auch ich habe geschossen!“
„Sie -- Sie?“
Sinaïda schwieg lange:
„Auch ich glaubte die Menschen zu lieben -- nein, nicht lieben, sie rächen zu müssen. Ich suchte das eitle Erlöserleiden! Es war damals in Tula. Mich, die neunzehnjährige Studentin, traf das Los der Vollstreckung. Ich sage Ihnen, jener Tag war der schönste Frühlingstag, den man sich nur denken kann. Ich stand zitternd an meiner Straßenecke und die laue Sonne blendete mich. In der Tasche hielt meine Hand den Revolver umspannt.
Die Uniform des Großfürsten blitzte aus dem Wagen. Neben ihm saß sein sechsjähriges Töchterchen, -- dieses süße, schöne Geschöpf. O -- o -- dieses kleine, liebe Mädchen. Ich tötete nicht den Großfürsten, ich -- tötete -- das Kind!“
„Sinaïda!“
„Schweigen Sie doch! Ich habe für immer ~mein~ Kind getötet! Gott! Ich hoffe nur eins, daß ich selbst bald zugrunde gehe. Am besten heute noch -- heute noch!“
„Sinaïda,“ schrie ich auf, „ich liebe Sie für all’ das, Sie Schöne, Sie Heldin, noch tausendmal mehr!“
Sie trat zwei Schritte zurück. Das erstemal zeigte sich ihr Gebrechen stark.
„Was wollen Sie? -- Gehen Sie doch!“ rief sie.
Der Abend war gekommen. Wir hatten uns im Keller versammelt. Der Fluß gröhlte. Die Windlichter umzirkten nur einen kleinen Kreis von Helligkeit. Rund um uns dehnte sich das riesige Gewölbe wie ein unabmeßbares Felsengrab, das Schwamm- und feuchten Moderduft mit unterirdischen Atemstößen aushauchte. Heute sollten wir das letztemal zusammenkommen, denn daß ich als Anarchist angeredet worden war und noch andere Anzeichen ließen ahnen, daß man uns auf der Spur war.
Die peinlichsten Vorsichtsmaßregeln wurden beobachtet; wir alle waren auf hundert Umwegen, um unsere Verfolger irrezuführen, hier zusammengekommen.
Ich saß zwischen Chaim und Sinaïda.
Jeder murmelte leise mit seinem Nachbarn.
Ich hielt die Hand Sinaïdas; sie entzog sie mir nicht: „Alles, was Sie mir heute erzählt haben, zeigt mir, wie viel tiefer im Leben Sie sind, welch’ einen Vorsprung Sie vor mir voraus haben. Was war ich denn? Ein kleiner, gekränkter, rachsüchtiger Feigling. Aber jetzt? Jetzt ist mir, als könnte ich tausend Meter hoch springen, fliegen und durch Mauern dringen, wie ein Engel. Ich will leiden, jedes Leiden auf mich nehmen, nur um Ihnen zu gleichen!
Sie wissen nichts von mir. Sie wollen gewiß auch nichts von mir wissen. Jetzt aber nehme ich Abschied von Ihnen für ewig. Denn ob es mir gelingt oder mißlingt, ich habe mein Leben fortgeworfen und werde es höchstwahrscheinlich in kurzer Zeit lassen müssen. Aber daß es so ist, erfüllt meine Seele mit Glück. Denn wer bin ich, um Ihnen nahe kommen zu dürfen?“
Sie zog fein ihre Hand zurück und sagte: „Es ist gut, daß wir voneinander Abschied nehmen müssen. Mir fehlt ja alles, das Wichtigste. Wem kann ich noch etwas sein?“
Ich hörte einen Klang in ihrer Stimme, der sich mir entgegenneigte. Und dennoch, alles war so hoffnungslos.
Plötzlich krampfte sich ihre Hand zur Faust.
Sie flüsterte wie geistesabwesend:
„Tun Sie es nicht! Überlassen Sie es Hippolyt, überlassen Sie es Jegor!“...
Dann, als wüßte sie nicht, was sie eben gesagt hatte, gleichmütig:
„Ja! Wir werden uns wohl nicht wiedersehen, wir alle nicht. In vier Tagen werden Sie vor dem Untersuchungsrichter stehen -- und wir -- nun, wir auch, wenn wir nicht sogleich ausgeliefert werden. Doch -- es ist gut so! Endlich!“
Eine Hand legte sich auf die meine.
Beschitzer wandte sich mir zu. Seine schweren Tränensäcke, die roten Lidränder gaben ihm ein trauriges und müdes Aussehen:
„In keinem Augenblick der Prüfung, Bruder, vergiß die Sinnlosigkeit des Lebens! Bedenke, daß all unser Treiben, Essen, Trinken, Reden, Schlafen, Spielen der ~wahre Tod~ ist, und daß wir unser Leben erst vom Tode erwecken, indem wir ihn zu einem ~gewollten Ziel~ erheben und dadurch zum Leben aller Leben machen, reicher an Entzückungen, Freuden, Ekstasen und glückseligen Schmerzen, als nur eine ahnt.
Ich bin alt genug, um zu wissen, daß aller ideologische Hochmut und alle Erlösermühe vergeblich sind. Aber was ist der Sinn dieses sinnlosen Menschenlebens? Ich sehe nur einen Sinn: Niederen Wahn mit höherem Wahn zu vertauschen! Du fragst mit Recht: Was heißt denn das: Höherer Wahn? Was ist der Gradmesser allen Wahns? Nun, lieber Bruder Duschek, ich gebe dir zur Antwort: Der Wert eines Wahns nimmt mit abnehmender Dichtigkeit seiner egoistischen Tendenz zu! Das ist doch klar. Im übrigen! Höchster Zweifel bei höchster Illusionskraft ist die Lebenskunst des wahren Genies. Wahnfähigkeit zeigt ein großes Herz, Zweifelfähigkeit einen starken Kopf. Eins ohne das andere ist ekelhaft -- ekelhaft sind mir die Illusionisten, was, ich sag’s grad heraus, die romantischen Goim, fast noch ekelhafter aber sind mir die jüdischen Entwerter!“
„Ist, was wir vorhaben, was wir tun, nicht Romantik?“
„Es ist, -- hol’s der Teufel, -- es ist trotz allem Hoffnung!“
Noch andere Lehren gab mir der Alte.
„Angst ist immer ein Irrtum! Wiederhole dir diesen Satz mit ruhiger, innerer Stimme immer wieder angesichts der Tat und vor Gericht.
Dieser Satz ist eine Arznei. Er lehrt dich das Leben richtig einschätzen. Was kann dir denn geschehen? Bedenke, daß unsere Natur so gnädig ist, nur soviel Schmerz bewußt werden zu lassen, als sie ertragen kann. -- Und das ist gar nicht so viel. Dreiviertel unserer Schmerzen sind Einbildung, daß etwas wehe tut, pure Konzentrationen der Aufmerksamkeit auf eine recht geringe Schmerztatsache.
Das Ticken einer Taschenuhr in der Stille der Nacht oder gar im Traum gleicht den mächtigen Axtschlägen der Holzhacker.
Nicht anders ist es mit unseren Schmerzen, die des Menschen angsterfüllte Aufmerksamkeit übertreibt.“
Noch an einen Ausspruch Beschitzers erinnere ich mich:
„Jeder anständige Mensch glaubt an zweierlei: an die Unsterblichkeit des Lebens und an die Geringfügigkeit alles Individuellen. Wie kann also der Tod furchtbar sein, da ja das Leben unsterblich und der Bestand des gerade So und So geborenen Ich weiter nicht wünschenswert ist?
Und dienen wir der Unsterblichkeit des Lebens, die wir mit unserer Form zu verlieren zittern, nicht am besten, indem wir den ~passiven Tod~ ausschalten, uns dem unsterblichen Lebensstrom der Liebe anpassen und einem Menschen oder einer Wahrheit zu Liebe den Tod willkürlich erleiden?
Heroismus ist nichts als höhere Intelligenz.“
Eine Stunde war vergangen. Der Alte erhob sich und gebot Schweigen:
„Die Zeit ist da! Wir müssen Abschied voneinander nehmen und uns in der Stadt und in den Dörfern so gut verbergen, als nur möglich. Ob wir ergriffen werden oder freibleiben, keiner darf vom andern das Geringste wissen. Ihr vermeidet es, euch zu begegnen! Einzig und allein ~ich~ bin es, den Ihr an dem bekannten Ort und zur bekannten Stunde aufsuchen dürft. Und nun, genug!“
Schweigend traten wir zueinander, schweigend umarmten wir uns. Ich wußte: Keinen werde ich je wiedersehen.
Sinaïda! Über ihr strenges Gesicht lief keine Träne. Sie stand ganz still. Ihre Augen warteten und zogen, einmal, ganz kurz, zuckte ihr Mund. Sie machte ein Schrittchen nach vor -- langsam -- das erste- und letztemal im Leben neigte ich meinen Mund diesem wahnsinnig zärtlichen Duft entgegen und küßte sie.
Wilder Ruf gellte, grell brach ein Lichtquadrat durch die aufgeklappte Falltüre. Der Schiefäugige schwankte mit seiner Diebslaterne hinab. Keuchend:
„+Damn it! Soldiers! Policemen! Fifty, hundred, fivehundred! Run away! Flee! I am lost! Every door is guarded!+“
Viele Menschen drängten sich durch die Falltüre, traten aufeinander, fielen die Stiege hinab, kämpften um den Eingang oder kugelten sich auf dem Boden unseres Kellers. Sie glichen im scharfen Licht der Blendlaterne strapazierten Puppen eines Jahrmarkttheaters.
Der Neger in weißem Flanellanzug gebärdete sich wahnsinnig, der Matrose kroch am Boden, der Syphilitiker grüßte gleichmütig und klapperte mit den Goldstücken in seiner Hosentasche. Der Meßner und einige Gespenster jammerten laut.
Verdächtige Paare in unordentlicher Kleidung schlichen verstört umher und hatten noch nicht die Besinnung gefunden, die ausgelöschten Kerzenleuchter, die sie in der Hand trugen, wegzustellen.
Die Männer nestelten nervös an geheimen Knöpfen ihres Anzuges, die Weiber kreischten roh und schleiften, schlampig breiten Schrittes, die Schnürriemen ihrer hohen Stiefel nach.
Breitspurig, hohnlachend stand der riesige Kerl in Uniform da und kratzte sich ungerührt den Hintern.
Es war ein sinnlos tolles Wirbeln, gedämpftes Jammern und Pst-Rufen!
Eine Stimme: „Die Türe zu!“
Eine andere: „Noch nicht! Es sind noch nicht alle da!“
„Wer fehlt noch?“
„Die Opiumraucher!“
Durch die Falltüre floß das übernatürliche Mondlicht; in dem kraftlosen Strahl tanzten die Stäubchen abgewandter Welten.
Und jetzt geschah etwas Seltsames.
Langsam und mondsüchtig, jeder mit einer kleinen Kerze in der Hand, Abstand haltend im Gänsemarsch, stiegen die Opiumraucher die steile Treppe hinab, allen voran Herr Seebär. Von seinem Zylinder hatte sich der Trauerflor losgelöst und wehte hinter ihm her wie eine Fahne für die anderen.
Jetzt erst, in diesem Verwesungslicht bemerkte ich, daß die meisten dieser alten Männer Backenbärte trugen, dünn und zerflattert. Die werden, fiel mir ein, an der Totenmaske hängen bleiben.
Endlich waren alle unten.
Keiner mukste. Wie eine Gesellschaft von durch ein Erdbeben aus dem Spital gescheuchten Sterbenden bewegte sich alles im Schein der Windlichter durcheinander.
„Auslöschen,“ schrie einer plötzlich. Ich fand Sinaïda und ließ sie nicht von meiner Seite.
Jetzt brannte nur mehr ein einziges gut abgeblendetes Licht.
Es geschah, daß sich alle um mich scharten und mich gleichsam durch stumme Abstimmung zum Führer wählten.
Ja -- und das war ich auch!
Niemals vor Soldaten, an der Spitze meines Zuges, selbst wenn ich hinter der Regimentsmusik her durch das Städtchen marschierte, hatte ich mich als Führer gefühlt.
Hier aber war ich Führer.
Entschlossenheit klopfte gleichmäßig in mir. Ich schnallte mir den Säbel um, ordnete bedachtsam die Rückenfalten meines Waffenrocks, zog die Handschuhe an und ließ meinen Blick über die aufgestörten Schatten schweifen, die mich anrührten wie einen Helfer, einen Retter.
Meine Freunde, die Russen, standen wortlos um das einzige Licht, das kaum einen Strahl hergab. Sie verschmähten es, sich in den Winkeln der riesigen Kellereien zu verstecken.
Sinaïda war in dem Augenblick von meiner Seite getreten, als ich mir, gewiß mit einer allzu ausgreifenden Bewegung, den Säbel umgeschnallt hatte.
Nun stand sie stumm trotzig und unbestimmt da, während ihr allein das Licht eine schwache weiße Hand auf die Stirne legte.
Ich erschrak, denn ich sah in der großen Finsternis nichts anderes, als diese weiße Hand auf der Stirne der Sinaïda.
Die würdelosen Spieler drängten sich um mich, jammerten, fluchten, prahlten, ebenso die halbbekleideten Dirnen und ihre Gäste.
Mit offenem, zahnlosen Mund, verschwundenen Augen und flatternden Härchen gingen die alten Opiumschläfer einzeln hintereinander immer im Kreis. Ihre schwarzen Röcke, einstmals straff für die weltbeherrschenden Hüften unerbittlicher Bankdirektoren, Theateragenten und Präsidialchefs geschnitten, schlotterten wie zerzauste Rabenflügel um ihre verkrachten Gestalten.
Wie vor einer Front schritt ich auf und ab, ließ meinen Säbel schleppen und sah mir auf die Füße. In diesem Augenblick hatte ich den Zaren, das Attentat, alles vergessen.
Ein wüstes Machtgefühl in mir! Hier! Dies waren meine Leute! Das war meine Armee, meine Truppen, die zu mir gehörten: Diese Spieler, Lumpen, Schnapphähne, Zuhälter, Huren, Hurenbolde, Opiumraucher -- und auch jene Hohen, Unerschrockenen, die ihr Leben schon hundertmal hingeworfen hatten, die niemals ihrem Leib ein anderes Recht gaben als das, für den Gedanken zu dulden! Und sie, auch sie!
Ja, alle hier waren meine Soldaten! In diesem unterirdischen Reiche, in diesem wahren Hades war ich ihr Feldherr, und ich hielt es nicht mit Achill, der lieber Tagelöhner eines Bauern im Licht sein wollte, als die ganze Schar der abgeschiedenen Schatten beherrschen! Mein Säbel schrillte über die Steinfliesen des Kellers. Keiner wagte es, mir den verräterischen Lärm zu untersagen.
Mit ihnen allen wollte ich ~meinen~ Krieg führen, es komme, wer da will! Niemand soll sich beklagen, daß ich ein schlechter Offizier sei, auch er nicht, auch er nicht!
Die Stimme Beschitzers wurde laut:
„Ruhe, ihr Leute, Ruhe!“
Die weiße Hand von der Stirne Sinaïdas war verschwunden. Nun lag eine schwarze auf ihr.
Und jetzt hatte jemand das letzte Licht ausgelöscht.
Finsternis! Kein Atemzug. Nur der Chinese wimmerte vor sich hin:
„+Soldiers, Soldiers!+“
Plötzlich donnerten wuchtige Stiefel über die Falltüre. Noch waren wir nicht entdeckt. Die Schritte verschwanden -- kehrten wieder -- verschwanden.
Jetzt mußte sich unser Schicksal entscheiden.
Fast hatte ich Angst, man könnte die Falltüre nicht finden. Ich dürstete nach einem Kampf. Wenn alles still zu unseren Häupten würde, o, ich könnte es nicht ertragen!
Das Kellergewölbe war groß, führte unberechenbar weit unterm Fluß fort. Zu fliehen, sich zu verbergen, einen Ausgang zu suchen, wäre nicht schwer gewesen.
Keiner aber rührte sich.
Die Herde -- ich fühlte es -- wartete auf meinen Befehl. (Nur die Russen schienen in der Finsternis abseits zu stehen. Wo war Sinaïda?)
Ich befahl nichts!
Wenn sie doch nur kämen! Wenn sie doch nur kämen! Ein toller Gedanke packte mich. ~Er~ wird an ihrer Spitze stehen, der General, der Vater! Ist er denn nicht Korpskommandant der Residenzstadt? Ja, das ist er! Also stellt er zugleich die oberste Instanz aller Garnisoninspektionsoffiziere vor. Es ist klar. Überdies ist er krank und kann nicht schlafen. Kein Mittel hilft ihm mehr. Was bleibt ihm denn anderes übrig, dem Dienstfanatiker, als in der Nacht, gepeinigt von Schlaflosigkeit, aufzustehen, sich an die Spitze der Streifung zu stellen und die Anarchisten auszuheben, denn, ich weiß es, er ~ahnt~, ~er ahnt~....
Nie mehr wird die Gelegenheit, unseren Kampf auszutragen, so günstig sein, als heute.
Er muß kommen, er muß, ich fürchte mich nicht, keineswegs, er ~muß~ kommen, höchstpersönlich als General, der er ist!
Verflucht! Herzklopfen!
Da! Jetzt stampfte vorsichtig und prüfend ein Fuß auf der Falltüre. -- Ein zweitesmal! -- Zum drittenmal! -- Eiskörner rieselten mir langsam den Rücken hinab. So! Es war geschehen! Die Türe knarrte, wurde aufgehoben und starkes Licht warf sich über unsere Finsternis.
Sogleich stellten sich Chaim und die Freunde mir zur Seite. Ich fühlte Sinaïda.
Es waren etwa zehn Polizisten und ein Zug Infanterie, die Bereitschaft einer Kaserne, welche eindrangen und uns im Kreis umstellten. Das Militär stand Gewehr bei Fuß, die Polizei mit offenen Revolvertaschen.
Erst viel später stiegen schwatzend, Zigaretten rauchend, Offiziere die Treppe hinab. Ihnen folgten einige Gendarme mit Laternen und elektrischen Taschenlampen. Ein Major und zwei Hauptleute, -- die uns ohne viel Erstaunen betrachteten und noch immer die Zigaretten nicht fortwarfen. Unwillkürlich waren alle Eingeschlossenen hölzern und gleichgültig zu Automaten geworden. Nur der riesige Uniformierte, der erst noch so frech sich gespreizt hatte, nun lag er, wie fortgeworfen, unterm Tisch. Die Greise hatten ihren mysteriösen Rundgang unterbrochen, sie blinzelten und verstanden vom Ganzen nichts.
Ich selbst hatte im Kopf das unangenehme Gefühl, als müßte mir jeden Augenblick ein Stein gegen den Schädel sausen.
Endlich unterbrach der Major das Gespräch mit seinen Begleitern, trat in den Kreis, den die Bewaffneten bildeten und schrie:
„Sie alle sind verhaftet. Es hat sich keiner zu bewegen. Ich werde jeden einzeln herausrufen! Er hat seine Personalien dort dem Feldwebel zu diktieren. Also vortreten! Verstanden? Keiner mukst!“
Da ließ ich meinen Säbel gelassen über die Steine scharren und trat gleichgültig dem buschbärtigen alten Offizier entgegen.
„Herr Major haben hier niemanden zu verhaften!“
Als ich das so nachlässig näselte, wunderte ich mich sogleich, daß ich es nicht fertig gebracht hatte, die dritte Person des militärischen Respekts zu vermeiden.
Der Major jappte blutrot:
„Wer sind Sie?“
„Leutnant Duschek! Und diese Leute hier stehen unter meinem Schutz!“
„Schutz -- Schutz -- so was -- Schutz -- Frechheit“, brüllend, „Sie haben selber Schutz nötig! Sie -- Sie -- Sie -- Sie -- Wie heißen Sie?“ Er stülpte seine Ohrmuschel vor.
Ich schrie nun meinerseits, die militärische Vorstellungssitte aufs gröblichste verletzend:
„Duschek, ist mein Name, wenn Sie’s wissen wollen!“
„+Psia krew!+ Was tun Sie hier -- Sie -- was haben Sie hier zu suchen -- Sie -- zu reden -- Sie?“
Ich brachte langsam mein Gesicht ganz nahe an das seine, sah ihm in die aufgerissenen Augen:
„Das geht Sie gar nichts an!“
Der Major trat glucksend hinter sich. Jetzt hingen ihm die Augäpfel aus den Höhlen:
„Wa -- Wa -- Was? Rebellion! Auflehnung! Insubordination! Dienstreglement Seite -- Seite --! Zugsführer Vojtech, Grillmann, Kunz, Schtjepan, den Leutnant abführen, den Herrn Leutnant führen Sie ab! Oben warten! Sofort!“
Die aufgerufenen Soldaten wollten sich mir nähern.
„Niemand wagt mich anzurühren!“ Ich sagte das ruhig und ohne viel Stimme.
Die vier blieben stehen.
Major stöhnte:
„Ich degradier -- ich degradier! Dienstbuch! Abführen, ihr Hunde! Abführen!“
Die beiden Hauptleute machten einige unwillige Schritte mir entgegen.
Da krachte ein Schuß, peitschte dicht über den Kopf des Majors und fuhr irgendwo in die Mauer. Hippolyt stand mit erhobenem Revolver da.
Sogleich riß einer der Hauptleute seine große Dienstpistole aus der Tasche.
Die Kugel pfiff nur ganz kurz. Wankte Sinaïda? Ich sah sie. Von ihrer Stirne war die schwarze und die weiße Hand verschwunden. Mehr sah ich nicht.
Fort mit dem Säbel! Ich warf mich auf den Major. O, wie das wohltat, diesen Hals zu würgen! Wo war Sinaïda? Konnte sie mich sehen? Merkwürdig!
Dieser dicke Major wurde immer dünner, geringer, der Hals immer wesenloser, wesenloser -- was soll das? -- der ganze Kerl ist ja ein grobes Taschentuch, das ich hin- und herschwenke...
In diesem Augenblick traf mich der Kolben und ich verlor die Besinnung.
Ich erwachte nach einem tieferquickenden, fast möchte ich sagen, gesunden Schlaf auf der Inquisiten-Abteilung des alten Garnisonsspitals.
Hinter den vergitterten Fenstern unerhörtes Blau eines Sommermorgens! Ganz leicht nur schmerzte mich der Kopf. Die Beule, die ich mit der Hand abtastete, schien gar nicht allzu wesentlich. Nirgends Blut!
Mein erster Gedanke war:
„Der ~wievielte~ Mai ist heute?“
Ich strengte mein Gehirn an zu ergründen, wann das alles sich begeben hatte, was hinter mir lag. War der Zar schon abgereist? Regierte er überhaupt noch?
Und Sinaïda? Ist etwas geschehen? Angst wollte nicht glauben, daß etwas geschehen sei.
Mit ganz leichten doch unsicheren Gliedern kleidete ich mich an. Den Säbel hatten sie mir weggenommen, oder hatte ich ihn selbst fortgeworfen -- wann -- damals -- gestern?
Nun stand ich auf meinen Füßen.
Übermäßig durchströmte mich Beseligung. Ich trat ans Fenster, zu diesem armen vergitterten Loch, das man in die dicke Mauer gebohrt hatte.