Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig: Eine Novelle

Part 3

Chapter 33,579 wordsPublic domain

Diese Briefe zu schreiben war eine Qual, die mir regelmäßig Kopfschmerzen machte. Hingegen mochte es geschehen, daß, wenn ein Brief meines Vaters fällig war, ich in Unruhe und erwartungsvolle Aufregung geraten konnte; kam dann dieser Brief, so wirkte er wie ein kalter Guß. Auch er brachte nur trockene Daten, aber aus seinem Ton spürte ich eine ärgerliche Mißachtung. Alles, was der Vater schrieb, jede harmlose Aussage, klang wie ein Befehl. Die Briefe waren in die Schreibmaschine diktiert und trugen nur die eigenhändige Unterschrift: „Dein Vater Karl Duschek, Edler von Sporentritt, Feldmarschallleutnant“.

Der frühere Frontoffizier hatte eine glänzende Karriere gemacht. Die Stufenleiter des Generalstabs, spielend war sie von ihm erstiegen worden. Als Befehlshaber einer der glänzendsten Divisionen zum Frontdienst zurückgekehrt, war er neuerdings zum Korpskommandanten der Residenz ernannt worden.

Er gehörte zu den einflußreichsten Militärs des Reiches, hatte den starräugigen, jägerbösen Thronfolger zum Freund, ohne deshalb am greisenhaft eigensinnigen Hofe mißbeliebt zu sein, und es war ein offenes Geheimnis, daß im Kriegsfalle ihm die Führung einer Armee zuteil werden würde.

Von allen Seiten hörte ich, daß die Stellung meines Vaters die beste Prognose meiner eigenen Laufbahn sei und, daß ich ein Schlemihl und Schwachkopf sein müßte, wenn ich nicht vorwärts käme.

Schon sieben Jahre hatte ich den General nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen -- doch dafür verging keine Nacht, in der ich ihn nicht (allerdings war er da fast immer nur Hauptmann) in meinen qualvollen Träumen sah. Ein Traum kehrte oft wieder.

Es ist Krieg. Ich liege schwer verwundet mit aufgerissener Bluse auf der Erde. Mein Blut dringt langsam durch den dicken Stoff. Die Generalität ist um mich versammelt. Grüne Federbüsche wehen. Da tritt ein knieweicher Greis in purpurroten Hosen und schneeweißem Galarock, eine goldstrotzende Feldbinde um die Hüfte, auf mich zu und heftet mir ein großes weißes Kreuz (Maria Theresienorden) an die Brust. Auch mein Vater kommt auf mich zu. Er trägt die Uniform eines Feldwebels und raucht eine Pfeife. Kaum sieht er mich, so wird er blaß, schwankend, durchsichtig und fällt auf den Rücken. Er liegt nun da und ich erhebe mich. Furchtbare Wonne durchströmt mich. Versöhnung! Versöhnung! Von diesem Begriff bin ich ganz durchtönt. Ganz allein sind wir nun.

Klein und gelb in einer Mulde liegt er hingestreckt. Von Schluchzen durchschüttelt reiche ich ihm die Hand.

Donnerschlag! Weltuntergang!

Wir beide schweben im formlosen, grauen Raum. Stimmen zirpen von allen Seiten:

Vater, Sohn und Geist. Geist, Sohn und Vater.

Dies ist noch der gelindeste meiner Träume. Dennoch ist mir der Tag, der ihm folgt, ein rasselndes Gespenst.

Der Vater, der inzwischen eine zweite Frau, eine sehr begüterte Dame der hohen Aristokratie geheiratet hatte, schickte mir keine Zulage zu meiner Leutnantsgage. So lebte ich schlechter als die andern Herren unseres Regiments, dessen Offizierkorps nicht zu den armseligen Kommisschluckern der übrigen Infanterie gehörte und an Geltung den Artilleristen gleichkam. Nur zu meinem Geburtstag erhielt ich ein väterliches Geschenk, eine Hunderter-Note, auf den Tag, ohne Glückwunsch und Brief, mit Postanweisung zugestellt. Dagegen schrieb ich zum Geburtstag des Vaters einen Brief, der mit jener Phrase anfing, die mich die Mutter gelehrt hatte, wenn ich auf einen großen, glänzenden Bogen, dessen Kopf einen gemalten Alpenblumenstrauß zeigte, meinen Glückwunsch schreiben mußte:

„Lieber Vater, zu Deinem Wiegenfeste...“

So begann die lange, stereotype Formel!

Da geschah es, daß ich in eine höchst peinliche Geschichte hineingezogen wurde. Ich hatte, schwach und leicht zu überreden, wie ich bin, für die Ehrenschuld eines mir im übrigen recht widerlichen Kameraden gebürgt. Der Mann, ein Intrigant und Feigling, hatte sich vor der Zeit aus dem Staube gemacht und in kurzer Frist zu verschiedenen Truppenkörpern versetzen lassen. Der Zahltag kam, ich stand mittellos und ohne Freund, der mir hätte beistehen können, da. Die Verwicklungen mehrten sich. Es stellte sich heraus, daß bei einem reichen polnischen Zivilisten Bank gehalten wurde, an welche die Kavalleristen der Garnison fabelhafte Summen verspielt hatten und die jungen Herren unseres Regiments nach ihrem Vermögen bestrebt gewesen waren, ihnen nachzueifern. Falschspielerei, Dokumentenfälschung, gebrochene Ehrenwörter kamen nach und nach ans Tageslicht. -- Zu alledem war die vierzehnjährige Tochter eines Gutsbesitzers geschwängert worden und, ohne zu gestehen, wer der Verführer gewesen, im Kindbett gestorben. Der Hauptverdacht in diesem Rattenschwanz von Schmutzereien fiel auf mich, -- auf mich, der ich weder je eine Karte, noch ein Weib berührt hatte.

Denn ich bin zum Sündenbock wie geschaffen.

Systematisch zerstörten Selbstbewußtseins war ich gesonnen, wenn in der Gegend irgend ein Mord begangen worden war, mich selbst für den Mörder zu halten. Ich identifizierte mich mit jedem Angeklagten, dessen Verhandlung ich im Gerichtssaalsbericht las. Auf meiner Seele lastete die Überzeugung meiner Mitschuld an jedem Verbrechen. Bei allen Verhören, und mochte es sich auch nur um einen entwendeten Federstiel in der Kadettenschule handeln, war ich verstockt, und eine unüberwindliche Selbstzerstörungslust in mir zog wie ein Blitzableiter den Verdacht an. -- So war es auch in den Verhören, die der Oberst und seine Kommission mit mir pflogen. Ich war verstockt und bösartig, besonders dann, wenn die Vorgesetzten mir gütig zuredeten, obgleich in solchen Augenblicken mein Gemüt in heiße Tränen sich auflöste. Gänzlich unschuldig, ja gar nicht fähig, den Fall zu übersehen und zu verstehen, erfand ich in krankhaftem Zwang Lügen, phantasierte von Beziehungen, die ich niemals gehabt hatte und spann so mit eigenen Händen ein irrsinniges Netz, in dem ich endlich ganz bedenklich zappelte.

Man schüttelte bedeutsam die Köpfe, man nahm die Gelegenheit der Rache an einem häßlichen Sonderling wahr, -- diejenigen, die am meisten Butter am Kopf hatten, begannen mich zu schneiden, ja im Grunde waren alle zufrieden, den Sohn eines in Fachkreisen und in der Gesellschaft berühmten Generals als Hauptperson in einer üblen Angelegenheit agieren zu sehen, denn das bedeutete einen doppelten Vorteil: Erstens war die Ehre des Regiments weniger in Gefahr -- und zweitens gönnt man einem Erfolgreichen stets Beschämung.

Es kam immer ärger. Protokolle häuften sich, der Urheber des Schmutzes, jener Leutnant, der sich hatte versetzen lassen, war verschwunden und trotz aller dienstlichen Anfragen unauffindbar -- ich selbst in meinen eigenen tollen Widersprüchen gefangen, war nicht mehr in der Lage, die einzige vernünftige Wahrheit zu sagen: Ich weiß von nichts!

Meine Situation wurde immer schiefer. Man schnitt Grimassen, zuckte die Achseln und schon wurde die Ansicht laut, daß ein ehrenrätliches Verfahren nicht genüge, einen kriminellen Fall auszutragen.

Da brachte eines Tages der Postunteroffizier drei Briefe. Einer davon wanderte in die Kanzlei des Kommandanten. Das große weiße Dienstkuvert trug die Absenderadresse: Militärkanzlei Seiner Majestät!

Die beiden anderen Briefe waren an mich gerichtet. Der eine kam von meinem Vater, der andere von seinem Adjutanten. Der Brief des Vaters enthielt keine Anrede und lautete so:

„Ich werde es nicht dulden, daß ein Name, der Generationen hindurch der k. u. k. Armee zur Ehre gereicht hat, durch Dich in Verruf gebracht wird. Die Militärkanzlei Seiner Majestät hat die Akten und Protokolle über das unverantwortliche Treiben, dessen Hauptschuldiger Du bist, eingefordert, und wird selbst die Entscheidung treffen.

Du hast sofort abzugehen, hierorts einzurücken und innerhalb von achtundvierzig Stunden Dich bei mir zu melden.

Duschek von Sporentritt, Fmlt.“

Der Brief des Adjutanten enthielt diesen persönlichen Befehl in dienstlicher Fassung. --

Jetzt erst, nachdem mein Vater mir unrecht getan hatte, empfand ich die ganze lächerliche Tragik, der ich unschuldig verfallen war. Ich ging nach Hause und in dem Loch der Frau Koppelmann, das ich bewohnte, befiel mich ein stundenlanges Zittern, so daß ich das Teegeschirr, meinen Wasserkrug und den Handspiegel zerbrach, aus dem mich mein leichenhaft spitzes Gesicht mit den übertriebenen Backenknochen angeblickt hatte. --

Ich lag die ganze Nacht auf dem unsagbar dreckigen Fußboden ausgestreckt. Ungeziefer kroch langsam über meine Stirne, eine große Ratte, schwer wie eine trächtige Katze, lief über meinen Bauch. Ekel ließ mich den Tod ersehnen. Aber ich stand nicht auf. So war es recht. In den Abgrund gehörte ich. In die Schlangenhöhlen, in die Nester der Ratten, in die sumpfigen, stinkigen Schlupfwinkel der verfluchten Geschöpfe.

Gegen Morgen sah ich meinen Vater im Traum. Er trug jenen windigen Zivilanzug, in dem er wie ein Postassistent aussah, und hatte starkes Nasenbluten, das er durch ein vorgehaltenes Taschentuch zu stillen suchte. „Du meinst immer?“, sagte er mit einer recht umgänglichen Stimme, die nicht die seine war. „Du meinst, daß ich an nichts anderes denke, als dich zu züchtigen. Weit gefehlt! Ich habe mehr Gnade -- als Züchtigung an dir geübt. Schau nur!“

Er hielt mir ein paar Handfesseln entgegen, pfiff sich eins, wie ein Arzt, der zu spät zu einem Kranken geholt wird und sieht, daß nicht mehr zu helfen ist. Dann rief er noch, während sein Bild schon zu schwanken begann:

„Habt acht, Korporal! Was sich liebt, das neckt sich!“

Er verschwand und ich begann im Gänsemarsch hinter trauertragenden Zivilisten einherzugehen, deren gerötete Stiernacken von Ausschlag und Furunkeln entstellt waren.

Plötzlich bemerkte ich, daß ich mich nicht selbst bewege, sondern gedreht werde, immer schneller -- und -- da erwachte ich.

Mittags meldete ich dem Oberst mein Abgehen vom Regiment. Er schüttelte mir um einen Grad zu kameradschaftlich die Hand, wünschte mir Glück und versicherte, er sei überzeugt, daß die unangenehme Affäre sich zu allgemeiner Zufriedenheit aufklären werde, zumal die allerhöchste Stelle ein unbezweifelbares Interesse an den Tag lege. Er selbst zweifle keinen Augenblick daran, daß der Sohn seiner Exzellenz des Herrn Feldmarschalleutnants Duschek von Sporentritt nicht anders als rechtlich handeln könne.

Als ich dem Oberleutnant Cibulka die Hand zum Abschied reichen wollte und in seinem Gesicht eine hochmütige Verlegenheit bemerkte, unterließ ich es, meinen anderen Kameraden Adieu zu sagen. Was gingen mich diese näselnden Dummköpfe an?

Am Abend war mir schon viel leichter zumute. Ich fühlte sogar ein Prickeln, wenn ich an die Residenz dachte, die ich nur als Kind besucht hatte. Erst als ich im Zuge saß, ergriff mich Unruhe. Denn ich sah ja nach langem das erstemal und unter wie peinlichen Umständen dem Wiedersehen mit meinem Vater entgegen.

Am frühen Morgen kam ich in der Residenz an. Wie groß war selbst zu dieser Stunde das Leben hier! Der Asphaltboden zitterte in feinem Ausschlag wie das Deck eines Dampfers, wenn die Maschinen ihre Arbeit aufnehmen.

Lastwagen, Straßenbahnen, Automobile! Menschen mit scharfen, unbeugsamen Gesichtern, die nicht gesonnen waren, sich beschimpfen zu lassen; sie alle, Arbeiter, Marktweiber, Commis, Ladenmädeln, Kaufleute, Studenten, sie gingen, ohne rechts und links zu schauen, zielbewußt ihres Wegs. Soldaten sah ich fast keine, und das machte mir die meiste Freude. All diese fünf Jahre war ich an keinem Ort gewesen, wo ich nicht ununterbrochen hätte spähen müssen, ob mir nicht salutiert würde, oder ob ich nicht salutieren müsse.

Hier war ich nichts, drum war ich Wer! Und hier war ein anderer auch nichts, drum war ich doppelt Wer! -- Mit Trotz und Trumpf fühlte ich das und mußte plötzlich stehen bleiben -- denn vor langen -- langen Jahren, ich wußte nicht wann und nicht wie, -- hatte ich diese Empfindung schon erlebt.

Ich bezog in einem sehr wenig standesgemäßen Gasthof eines äußeren Bezirks Quartier.

Der Portier sah mich zuerst sehr erstaunt an und war nachher überaus katzenfreundlich.

Ich wusch, rasierte und kleidete mich streng nach der Dienstvorschrift, denn ich kannte meinen Vater. Er stellte jeden jungen Offizier, dessen Kappe nicht die vorgeschriebene Höhe hatte und dessen Adjustierung nicht genau den Satzungen des Dienstbuchs +X+ entsprach.

Dann begab ich mich, ärgerlich, daß ich das feige, zaghafte Gefühl in mir nicht zu überwinden vermochte, zum Korpskommando.

In einem Vorzimmer fragte ich nach dem General. „Seine Exzellenz sind noch nicht hier,“ hieß es.

Ich wartete eine Stunde.

Offiziere schlugen krachend die Türen zu, schimpften mit den Ordonnanzen, ihr Reden war immer laut und überdeutlich, als stünden sie vor einer Front. Feldwebel eilten beflissen mit Akten und Dienststücken hin und her, sie blieben, wenn sie etwas meldeten, in großem Abstand vor dem Offizier stehen, auf ihrem Gesicht zeigte sich Todesfurcht, Eifer und Zerknirschung.

Ich wartete noch eine Stunde. Meine Aufregung war kaum mehr zu bemeistern.

Dann wandte ich mich an den diensthabenden Rittmeister und nannte meinen Namen.

„Ah, das freut mich wirklich.“

Er war zuvorkommend, höflich und rückte mir sogar einen Stuhl zurecht.

„Bitte nimm nur Platz! Exzellenz muß gleich kommen. Er ist bloß ins Ministerium gefahren. Wie gesagt, er wird gleich hier sein. Aber jetzt -- du siehst, wie ich zerrissen werde -- mußt du mich entschuldigen!“

Er eilte einem höheren Offizier entgegen, mit dem er in einer Türe verschwand.

Ich zog es vor, auf dem Gang zu bleiben, der wilder als eine Straße von hundert Schritten hallte. Plötzlich verstummte alles, das ganze Getriebe blieb wie angewurzelt stehen, Hände fuhren an die Hosennaht, Hacken klappten aneinander, Köpfe erstarrten in scharfer Wendung.

Es klirrte die Stiege hinauf, das Schweigen durchbrach ein mit erhobenen Stimmen geführtes Gespräch.

Von zwei Stabsoffizieren flankiert, die angestrengt und ergeben ihr Ohr neigten, schritt ein General mit fabelhaft spiegelnden Lackreitstiefeln, breiten rotstreifigen Breeches und hellblau-goldknöpfigem Waffenrock über den Gang.

Er nahm von keinem der regungslos Versteinerten Notiz, schritt auch an mir vorbei, ohne den Allzunichtiges nicht beachtenden Blick von meiner Gestalt abzuwenden. Ich stand ebenso wie die anderen, herausgedrückter Brust und zurückgeworfener Schultern da.

Der General hatte die graue Kappe des hohen Militärs abgenommen. Sein Haar war weiß, sein kurzgestutzter Schnurrbart schwarz gefärbt. Ich erwischte ein Stück des Gesprächs:

„Das fällt nicht in mein Ressort. Der Akt muß an die Statthalterei weiter geleitet werden....“

Die Stimme kannte ich nur zu gut. Aber dieses Gesicht?

Es war seinen Weg gegangen.

Ich lehnte mich -- meine Stirne war kalt und feucht -- müde an die Wand.

Wie ist das möglich?

Dieser Fremde dort hatte durch einen warmen Tropfen seines Leibes mich erzeugt. Ich also war ein Tropfen, ein Teil seiner Natur. Ich war er selbst, -- ich -- dieser fremde General, der an mir vorbeigeht, an mir, den er als einen Tropfen einst verspritzt hatte!

„O schauerliches Geheimnis! --“

Der Rittmeister kam und führte mich in das Wartezimmer des Kommandanten:

„Exzellenz sind noch beschäftigt, einige Herren sind bei ihm. Du mußt noch warten, bis das Referat vorbei ist.“

Ich ließ mich auf einen Sessel, der gepolsterten Türe gegenüber, nieder. Noch einige Menschen warteten: ein eisgrauer Major, ein Staatsbeamter und eine ältere Dame.

Unvermittelt fiel mir eine Szene ein, deren Zeuge ich auf einem Bahnhof während meiner Reise gewesen war. Ein junger Mann, der mit gerötetem Gesicht ungeduldig, seine beiden Koffer in der Hand, am Fenster des Waggongangs gestanden war, bekam in dem Augenblick, da der Zug hielt, Tränen in die Augen, sprang wie rasend das Trittbrett hinab und fiel einem alten Herrn in die Arme, der in nicht geringerer Bewegung ihn immer wieder ansah und immer wieder streichelte, ansah und streichelte. Das spielte sich zu windiger Nachtzeit ab -- im wirren Schein der Lichter einer kleinen Station.

Ich allein war verstoßen!

Gut! Ich wollte von niemandem etwas. Ich brauchte niemanden. Aber auch hiersitzen und warten wollte ich nicht, ewig ängstlich, ewig Sklave einer bindenden und lösenden Macht, ewig vor der Türe jener Bataillonskanzlei, wo ich meine Schulaufgaben vorweisen mußte.

Die Polstertüre öffnete sich. Der General begleitete einen sehr vornehmen Zivilisten zum Ausgang. Der uralte Major stand zitternd stramm.

Ohne die Anwesenden und mich auch nur eines Blickes zu würdigen, kehrte mein Vater wieder in sein Arbeitszimmer zurück.

Ich wartete und wartete.

Erbitterung, die Sehnsucht, nach so langer Zeit wieder gut zu wirken, Unsicherheit eines Angeklagten, kurz hundert widersprechende Gefühle peinigten mich und machten mich krank.

Endlich waren alle anderen abgefertigt. Der Rittmeister winkte mir.

„Bitte!“

Ich trat in den großen, plüschig aufgedonnerten Arbeitsraum.

Mein Vater saß am Schreibtisch und schrieb.

Bebend verharrte ich sehr fernab in Habtachtstellung.

Der Vater beachtete mich nicht und schrieb.

Ich räusperte mich nicht.

Mein Vater reichte dem Adjutanten ein unterfertigtes Dienststück.

Der Rittmeister entfernte sich, der General sah eine halbe Minute zum Fenster hinaus, -- dann erhob er sich und trat mir -- o, schon ein wenig steifbeinig -- entgegen.

Im Abstand der vorgeschriebenen Ehrfurcht blieb er stehn. Sein Gesicht war nicht mehr blaß, grünlichgelb von dem verbissenen Ehrgeiz des Vierzigjährigen wie früher, sondern zeigte schon die lila roten Wangen eines Herrn, der in den Gesellschaften zu Hause ist, wo nur die besten Weine serviert werden. Starr und ohne Interesse sah er mich an. Ich fuhr in der üblichen vorschriftsmäßigen Weise zusammen und schrie:

„Exzellenz, ich melde mich gehorsamst zur Stelle.“

„Danke... bitte kommod zu stehen!“

Dann reichte er mir drei Fingerspitzen seiner Hand und meinte:

„Da bist du also!“

Er trat zum Schreibtisch und wühlte ein Staatstelegramm hervor:

„In deiner Angelegenheit hat sich zu deinem Glück herausgestellt, daß du der Schuldige nicht bist! Jetzt eben ist das Telegramm des Kommandanten eingetroffen.

Wie dem auch sei, ein Offizier von Ehre vermeidet es, seinen Namen in eine Sache zu mischen, die unreinlich ist. Da gibt es fast nicht mehr Schuld und Unschuld. Ich habe alles getan, ~meinen~ Namen in dieser Geschichte vor einer ehrenrätlichen Untersuchung zu schützen.“

„Ich habe für die Spielschuld eines Kameraden gebürgt.“

„Dummheit! Deine alten Laster habe ich nur zu gut erkannt. Renitenz, Indolenz und Schlaffheit.“

„Ich habe geglaubt,...“

„Ein Soldat hat nicht zu glauben!“

Ich wollte etwas erwidern. Der General verwarf es mit einer Handbewegung. Wut und Ohnmacht würgten mich.

Er trat dicht an mich heran und musterte mich erregt.

„Du siehst nicht vorteilhaft aus,“ sagte er. „Man könnte dich für einen richtigen Doktor, für einen Reserveoffizier oder Sanitäter halten, für so einen, -- der über Thermometer oder Brunzflaschen gebietet. --

Sieh’ dir die jungen Leute hier an, wie sie schneidig sind und lern’ etwas von ihnen!“

„Ich habe nicht die Mittel, mich gut auszurüsten!“

„Ich habe die Mittel auch nicht gehabt und wie habe ich ausgesehen!“

Der Vater warf seine Zigarette weg und blies den Rauch durch die Nase.

„Vergiß nicht, daß du nicht für dich allein stehst, sondern auch für ~meinen~ Namen, den du trägst, verantwortlich bist. Ich habe meine Pflichten dir gegenüber erfüllt. Jetzt kommt die Reihe an dich, mir gegenüber deine Pflicht zu erfüllen.“ --

„Deine Pflicht hast du nicht erfüllt!“ O, ich wollte es ihm ins Gesicht schreien. Feig aber blieb mir das Wort im Halse stecken.

Der General ging auf und ab.

„Ich tue das Menschenmöglichste für dich... Deine Konduit ist schlecht. Sie gibt dir keine Aussichten, im Frontdienst etwas zu erreichen. -- Deine Vorgesetzten aber halten dich für intelligent. Ich richte mich danach und habe dich für die Kriegsschule anmelden lassen.

Du kannst morgen schon im Kurs erscheinen. Glücklich schätzen sollst du dich!“

Erschöpft und gerührt von einem solchen Aufwand an Fürsorge ließ er sich nieder. Er fragte: „Wo wohnst du?“ Doch ehe ich noch Antwort geben konnte, schnitt er ab: „Das ist ja gleichgültig.“

Meine Nerven ließen nach wie die Saiten einer Geige.

„Du siehst, ein General auf meinem Posten ist äußerst in Anspruch genommen. Ich hoffe dich aber am Abend bei mir zu begrüßen. Du kannst mit uns soupieren. Bei dieser Gelegenheit (hier wurde er unsicher, welchen Ausdruck er wählen solle) wirst du -- deine -- meine Gattin kennenlernen. Wir haben uns lange nicht gesehen. Warum bist du eigentlich nie auf Urlaub gekommen? Nun, ist schon gut! Also! Servus dieweil bis zum Abend. Danke!“ Er hob das Telephon ab, sah zur Seite und ich war entlassen.

Ich ging, Schritt für Schritt, bewußtlos, quer über die Straße. Plötzlich erfaßte mich ein Irrsinnsanfall.

„Ich würge ihn!

Ich würge ihn!

Ich würge ihn!“

Ich drosselte mit meinen Händen wollüstig einen kalten Hals. Es war eine Laterne. Ein Gigerl lachte, ein Arbeiter sah mir kopfschüttelnd nach.

„Der Herr Leutnant!“ mochte er denken.

„Freimachen! Freimachen!“ flüsterte ich immer wieder vor mich hin.

Was hatte ich mit diesem fremden Greis zu schaffen, der seine Pflicht erfüllt hat. Was habe ich mit dem Militär zu schaffen! Ich habe nichts gelernt. O! Dennoch! Lieber verhungern!

Herunter mit diesen grünen Fetzen! Herunter mit diesen bunten Aufschlägen und silbernen Sternen!

Tschindara! Eine Regimentsmusik zog vorbei. An der Spitze tänzelte das Pferd eines dicken Hauptmanns.

Stramm salutierte ich.

Ich ging weiter. Sehnsucht erfaßte mich nach dem Vater meiner Kindheit, nach dem Plagegeist meiner Knabenjahre.

Ich sah das gelbe, schneidige Gesicht mit dem aufgezwirbelten Schnurrbart. Aber er war doch nahe gewesen, so nahe! Und ich hatte es gefürchtet, aber so, wie man Gott fürchtet.

Werde ich je loskommen? Ist das Wahnsinn?

Ich beschloß am Abend zu Hause zu bleiben. Es ist ja gleichgültig, wo ich wohne.

Ich gedachte meiner Mutter.

Sie hatte mir manchmal die Haare gewaschen.

Am Abend, pünktlich, erschien ich dennoch in der Wohnung des Generals. Es war das Haus eines reichen Mannes, fast ein Palais. Vornehme Kandelaber brannten auf der läuferbelegten Treppe. Eine Ordonnanz, die großen Bauernhände in Zwirnhandschuhen, geleitete mich in ein Zimmer, wo ich eine halbe Stunde warten mußte.

Der General erschien in einer rotseidenen pelzverbrämten und reichverschnürten Haus-Litewka, seine wohlangepreßten weißen Haare dufteten, auf seinen Fingern waren Ringe lebendig, doch sein Blick und sein Gehaben schien nicht weichlicher geworden zu sein, nur zurechtgeglättet und gehauter.

Einen Augenblick wich meine Abscheu der Wehmut. Noch immer war die böse Kindheit ein großes Tor, durch das ich allabendlich heimkehrte.

„Bitte! Wir gehen zu meiner Frau,“ sagte der Vater, der in strenger Erfüllung seiner Karriere jetzt auch schon den leicht-ungarischen Akzent angenommen hatte, wie er zugleich das aristokratische Reiterblut und den überlegenen strategischen Kopf kennzeichnet.

In einem der Zimmer kniete eine lange, eckige Person vor dem Marienbild. Sie erhob sich rasch und zeigte platte Formen und in aufgebauter Frisur hochblond gefärbtes Haar.

„Dies hier ist Karl, Fürstin“, stellte mich der General meiner neuen Mutter vor. Ein süßliches Lächeln, Goldzähne bleckten mich an und ein Hals zeigte, trotz Perlenschnur und Diamantkreuz, seine gelben Falten.

Mit Pomp trat die Frau auf mich zu und erwiderte meinen sehr gemessenen Handkuß mit einem verwandtschaftlichen Kreuz, das sie mir flüchtig über die Stirne schlug.

„Gott segne Sie, Karl Johann,“ begann sie, indem sie versuchte, die Begrüßung zu einer Szene aufzubauschen, „es war nicht recht von Ihnen, daß Sie uns erst jetzt die Gelegenheit geben, einander kennenzulernen.“