Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig: Eine Novelle
Part 10
„Für einen Philosophen, Theologen oder sonst einen Kathedermenschen mag es vielleicht theoretisch wirklich gleichgültig sein, für den Juristen aber ist nur das reale Faktum gültig und vorhanden. Und dann! Ihr Herr Vater ist wohl dem alten Julius Kalender recht wenig vergleichbar. Wer hat den strammen, strengen, feschen Offizier vor Jahren in unserer Stadt nicht gekannt? Das war der richtige Marssohn, ein rauher Kriegsmann, Soldat von echtem Schrot und Korn, bei dem es keine Weichheiten und Nachgiebigkeiten gab. Der Sohn eines solch schneidigen, geraden Mannes ist gewiß nicht auf Daunen gebettet; er muß etwas leisten, empfängt mehr Scheltworte als Belobungen, und da wir Juristen ja Seelenkenner und erfahrene Psychologen sind, können wir die Meinung gelten lassen, daß durch solche, vielleicht allzu straffe Erziehung in einer jungen Seele Wunden, Brüchigkeiten, Schorfe entstehen, die später zu Haß, Feindschaft und bösen Taten führen mögen.
Daß das Gesagte bei Ihnen gewissermaßen eingetreten ist und auch bestraft wurde, ist hieramts bekannt.
Sie sehen, Herr Parricida, ein Staatsanwalt hat mitunter auch das Zeug zum Verteidiger.
Aber stimmen denn die obengenannten mildernden Umstände für den bestialischen August? War sein Vater nicht ein Bonhomme, eine Art Künstlernatur, ein gutmütiger Witzbold, ein schwächlicher Papa, der niemals Radau machte und die Sauf- und Hurenschulden jenes sauberen Gesellen immer wieder zahlte?“
Erlauben Sie mir, mein Herr Staatsanwalt, hier eine Bemerkung:
Ob der Vater hart oder weichmütig ist, bleibt sich in einem ~letzten Sinne~ fast gleichgültig. Er wird ~gehaßt~ und ~geliebt~, nicht weil er böse und gut, sondern weil er ~Vater~ ist.
Dieses Geheimnis, diese sehr unscheinbare aber recht tiefreichende Erkenntnis habe ich den schwersten Stunden meines Lebens zu verdanken, vor allem einer Stunde, wo viel vom Wesen der Welt sich meinem Gefühl enthüllte.
Sie fragen:
„Wenn der Haß gegen die Väter ein allgemeines Naturgesetz ist, unter dem die Söhne stehen, warum bringen nicht mehr Söhne ihre Väter um, warum ist im Rechtsbewußtsein der Zeiten der Vatermord seit je der scheußlichste der Morde geblieben? Antworten Sie: Warum bringen nicht mehr Söhne ihre Väter um?“
Ich aber sage Ihnen:
Sie bringen sie um!
Auf tausend Arten, in Wünschen, in Träumen und selbst in den Augenblicken, wo sie für das väterliche Leben zu zittern glauben.
Sie, Verehrtester, haben klassische Bildung genossen. Ich leider nicht. Denn mein Vater, so gut er’s eben wußte, hatte mich zum Besuch der Kadettenschule verdammt. Dennoch kenne auch ich jene griechische Tragödie, wo Ödypus unwissend, daß der grauhäuptige Reisende sein Vater ist, den alten Mann erschlägt. Diese Tragödie ist eine wahre Fundgrube der Metapsychik des Menschen und ich scheue mich nicht, mit Sophokles zu glauben:
Jeder Vater ist Laïos, Erzeuger des Ödipus, jeder Vater hat seinen Sohn in ödes Gebirge ausgesetzt, aus Angst, dieser könnte ihn um seine Herrschaft bringen, d. h. etwas ~anderes werden~, einen anderen Beruf ergreifen als den, den er selbst ausübt, seine, des Vaters, Weltanschauung, seine Gesinnungen, Absichten, Ideen nicht fortsetzen, sondern leugnen, stürzen, entthronen und an ihre Stelle die eigene Willkür aufpflanzen.
Jeder Sohn aber tötet mit Ödipus den Laïos, seinen Vater, unwissend und wissend den fremden Greis, der ihm den Weg vertritt. Und -- damit wir uns besser verstehen -- betrachten Sie doch im großen und ganzen die Generationen, wie sie einander gegenüberstehn!
Sie sind genug Psychologe und Berufsmensch, um die Abneigung und Angst zu kennen, mit denen die älteren Beamten, Militärs, Kaufleute, Künstler den Weg der jüngeren Kollegen verfolgen. Die Alten möchten die Jungen alle abschaffen oder ihnen zeitlebens wenigstens als dankbaren Schülern, gelehrigen Jüngern den Meister zeigen. Die Triebkraft unserer Kultur, Herr Staatsanwalt, heißt Vergewaltigung! Und die ~Erziehung~, die wir so stolz im Munde führen -- auch diese Erziehung ist nichts anderes als leidenschaftliche Vergewaltigung, verschärft durch Selbsthaß, Erkenntnis ~eigener~ Blutsfehler am Ebenbilde, die jeder Vater statt an sich selbst, an seinem Sohn bestraft.
Die Tragödie -- Vater und Sohn -- ist wie jede andere über einer Schuld gebaut. Wollen Sie die Schuld dieser allgemeinen menschlichen Tragödie wissen? -- Sie heißt: gierig unstillbare Autoritätssucht, sie heißt: Nicht-beizeiten-Resignieren können!
Ach, mein Herr Staatsanwalt, wissen wir, ob die Gutmütigkeit des liebenswürdigen Julius zu seinem verkommenen August nicht auch eine der Millionen Spielarten der Autoritätssucht war? Gestehen wir uns nur ein, wir kennen Vater und Sohn Kalender recht wenig, wissen nichts von dem Wesen ihrer Beziehung, denn Julius kann nicht mehr sprechen und August -- will es nicht.
Aber, es steht fest, daß dieser Vatermord kein Raubmord war.
Eines noch!
Der Fall Kalender und der Fall Duschek (es tut mir nichts, daß Sie mich für verrückt halten), dürfen aus folgendem Grunde klassisch genannt werden.
Der Beruf, zu dem mein Vater mich von frühauf zwang, war der Beruf des ~Tötens~! Fechten, Schießen, Taktik, Artillerieunterricht, -- all das, was ich in vielen bitteren Stunden, ohne meinen Widerstand überwinden zu können, lernen mußte, all das war die Wissenschaft vom Mord.
Und August Kalender? In welchem Beruf hielt ihn sein Vater fest? Von erster Jugend an sah er tagaus, tagein nichts anderes als jene Bälle, hart wie Steine, die roh, wuchtig, von häßlichen Ausrufen begleitet, menschliche Köpfe bombardierten.
Die Schule, Verehrtester, in die uns beide unsere Väter schickten, war eine Akademie des Menschenmords!
Wer also ist der Schuldige?
Es gibt ein altes albanisches Sprichwort:
„~Nicht der Mörder, der Ermordete ist der Schuldige!~“
Ah! Ich will mich nicht freisprechen. Ich, der Mörder, und Er, der Ermordete, wir beide sind schuldig! Aber Er, -- Er um ein wenig mehr.
Sollte es aber noch „Mitschuldige“ oder besser gesagt „Hauptschuldige“ geben, Schicksalsbazillenträger guter und böser Art, die uns anstecken, „Geister im Wind, die uns an den Mantelenden vorwärts zupfen?“
Sehen Sie! Am dreißigsten Mai vorigen Jahres, eben demselben Tag, an dem ich zum zweitenmal die Hand wider meinen Vater erhob, war mir ursprünglich keine geringere Absicht suggeriert worden, als ein Attentat gegen den Zaren von Rußland.
Von wem?
Von den reinsten Menschen, den uneigennützigsten Fanatikern! Ja, zum Teufel, das waren sie alle, obgleich ich Augenblicke habe, wo es mir scheint, sie wären Wahngebilde, Traumgespenster gewesen, und ich hätte nie Opium geraucht. -- Aber, verzeihen Sie mir, das gehört gewiß nicht hierher.
Hingegen fordere ich Sie, mein Herr, der Sie Richter sind, auf, bevor Sie Ihre Anklageschrift in die Hände des Gerichts legen, eine Nacht in Kalenders Bude, in der Gesellschaft seiner Charakterpuppen zu verbringen.
Gern möchte ich es selber wissen: Ruhen diese Figuren in der Nacht, oder müssen sie im Rhythmus ihrer Verdammnis auch zu öder Stunde auf und nieder schweben?
Schleichen die alten Klavierspieler, Tanzlehrer, Leichenbitter auch im Morgengrauen durchs Zwielicht; sie, die geduldig ihre Köpfe den frechen Bällen preisgeben, sie denken wohl: „Oh, ihr kleinen und großen Idioten, die ihr meint, uns ~leider Unverwundbare~ treffen zu können! Wir sind die Fata Morgana nur zwischen eurem Ich und Du. Uns glaubt ihr zu verwunden und tötet einander!“
Ich schwöre es Ihnen, Herr Staatsanwalt, Sie werden angesichts der Kalenderschen Automaten diesen Brief verstehen.
Reinlich und wahrhaftig will ich dieses so amtsungebührlich lange Schreiben schließen.
Ich habe viel von der Feindschaft zwischen Vätern und Söhnen gesprochen.
O, glauben Sie mir, auch ich habe die Liebe des Sohnes zum Vater kennen gelernt. Ja, heute weiß ich es, diese Liebe war der stärkste Trieb meiner Seele, der verzehrendste Besitz meines Lebens gewesen; sie hat alles andere Leben von mir entfernt und mich zu meinem Unglück bis zum Rand erfüllt! Ich kenne diese Liebe. Sie muß die scheueste und geheimnisvollste von der Welt genannt werden, denn sie ist das Mysterium der Einheit und des Blutes selbst.
In der festen Hoffnung, daß Sie, Herr Staatsanwalt, unbedingt eine Nacht in der Kalenderbude verbringen werden, bin ich
Ihr sehr ergebener
Karl Duschek.
Ich habe hier genau die Kopie meines Briefes an den Staatsanwalt jener Hauptstadt wiedergegeben.
Am nächsten Tag ging ich in Cuxhaven an Bord des „Großen Kurfürsten“. Nach einer Reise von zehn Tagen erblickte ich die große Statue auf Liberty Island. Lärm und Musiken kamen fern und dumpf übers Meer.
Es war der erste August des Jahres Neunzehnhundertundvierzehn.
Hier aber die Worte eines Geretteten als
Epilog
Ich habe meine Kindheit und Jugend in einer Welt verbracht, wo, wie ich glaube, kein Mensch auch nur eine Ahnung vom ~rechten Erlebnis~ in sich trug. In einer Welt von aktiven und passiven Narren habe ich die unwiederbringlichsten Tage meiner Laufbahn verloren.
Unter falschen Gewichten stöhnend schuf die Seele falsche Gegengewichte.
Wenn ich an alles und an alle zurückdenke, erscheint vor meinem Auge ein Zug grabentlaufener Gestalten, die so phosphoreszieren, daß es mir unmöglich scheint, sie zu beschreiben. Und ich? Ich selbst bin mitten darunter.
Ich habe sie, mich, uns alle geschildert, aber wir waren, heute weiß ich es, alle so wenig ~wirklich~, so wenig ~wahr~, daß notwendig die Beschreibung voll unwahrscheinlicher Dinge sein mußte.
Weg damit!
Denn ich sehne mich, von mir selbst zu sprechen!
Da wäre viel, sehr viel zu sagen! So zum Beispiel, wie ich meine letzte Gefahr überwand, mein schwerstes Opfer brachte! Welche Gefahr wird man fragen. Wenn mich auch nur wenige verstehen werden, habe ich zu antworten:
Die Musik!
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Ich habe eins erkannt:
Alles ist ~sinnlos~, was der Welt nicht neues Blut, neues Leben, neue Wirklichkeit zuführt. Einzig um die neue Wirklichkeit geht es.
Alles andere gehört dem Teufel an. Vor allem aber die Träume, diese entsetzlichen Vampire, denen sich alle Schwächlinge und Memmen hingeben, alle, die niemals aus dem Winkel der Kindheit kriechen wollen. Und das wollen viele nicht, viele tausend Männer, ja Millionen bleiben lieber in den dunklen Dunstecken ihrer Kinderzeit verkrochen. Mir scheint, ihr da drüben, daß eure Welt der Uniformen, Höfe, Orden, Kirchen, Flitterrepubliken, Industrien, Handelsbeflissenheiten, Moden, Kunstausstellungen, Zeitungen und Meinungen, mir scheint, daß diese Welt nichts anderes vorstellt, als einen großen modrigen, verspinnwebten, dekorierten Winkel, in dem sich, mit Wahn und Träumen Unzucht treibend, die große Kind-Angst der Menschheit verkriecht.
Rette sich wer kann!
Was aber führt der Welt Wirklichkeit zu? Wer kann das sagen?
Der Gedanke, der zuerst das Feuer herabgebracht hat ebenso, wie der rauhe Lustschrei eines Wandernden in der Morgenröte! Der Blick, der zum erstenmal den Sternenknäuel entwirrt hat, die Hand, die zum Urschiff die Balken zusammenband ebenso, wie das langsame Auge einer säugenden Mutter, der göttliche Schritt eines schönen Weibes und jegliche Herzenstapferkeit.
Wer kann sagen, was ~Produktivität~ ist?
Aber was sie auch sein mag, sie ist nur das, was aus gerader unmittelbarer Seele kommt.
Drum hütet euch vor den Träumen der Krummen, Zertretenen, Verdrehten, Witzigen, Rachsüchtigen, wenn sie diese Träume als Schöpfertaten feilbieten!
Seitdem ich Wirklichkeit erlebt habe, sehne ich mich nach einem ~Sohn~.
Doch nein!
Jetzt darf ich es ja verraten.
Ich habe das erstemal an ~meinen~ Sohn gedacht, ~meinen~ Sohn in einer deutlichen Vision gesehen, als ich meinen Vater mit erhobener Waffe im Kreis um den Billardtisch jagte.
Und das war die Tiefe des Mysteriums jener Nacht!
Wir haben die Erde verlassen. Sie hat sich gerächt, indem sie uns alle Wirklichkeit nahm, tausend Wahne dafür und schlechte Träume gab.
Ich aber will mein Geschlecht wieder der Erde verschwistern, einer endlosen ungebundenen Erde, damit sie uns entsühne von allen Morden, Eitelkeiten, Sadismen, Verwesungen des dichten Zusammenwohnens.
Vor einigen Monaten habe ich geheiratet. Es geht uns leidlich gut und noch besser.
Aber -- daß ich es nicht vergesse, in den nächsten Tagen hoffe ich handelseinig zu werden.
Ich denke dabei an die kleine Farm im Westen, die ich kaufen will.
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe möglichst originalgetreu wiedergegeben, auch wenn dadurch inkonsistente Schreibweisen nebeneinander bestehen bleiben.
Einige falsche oder fehlende Satzzeichen wurden stillschweigend geändert bzw. eingefügt. Die folgenden zusätzlichen Stellen wurden korrigiert bzw. bedürfen des Kommentars:
# S. 15: ‚vlatten‘ → ‚platten‘ (‚mit breiten platten Absätzen‘) # S. 55: ‚sie‘ → ‚Sie‘ (‚Man muß Sie ja nur ansehen‘) ‚dich‘ → ‚Dich‘ (‚Equipier‘ Dich!‘) # S. 93: ‚eine‘ → ‚ein‘ (‚ein älterer, taubstummer Mann‘) ‚Sparziergängen‘ → ‚Spaziergängen‘ (‚von weiten Spaziergängen nach Hause‘) # S. 118: ‚umfaßlicher‘ könnte heißen ‚unfaßlicher‘; wurde aber so belassen (‚viel umfaßlicher, kaum zu‘) # S. 141: ‚ihrem‘ → ‚Ihrem‘ (‚Klopft es in Ihrem Zimmer‘) # S. 164: ‚Sie‘ → ‚sie‘ (‚Konnte sie mich sehen?‘) # S. 175: ‚sie‘ → ‚Sie‘ (‚das Gepfeife weckt Sie‘) # S. 184: ‚Queu‘ → ‚Queue‘ (‚Ich bin an der Queue marschiert‘) # S. 254: ‚sagen‘ → ‚sage‘ (‚Ich aber sage Ihnen:‘) # S. 267: ‚herabgegebracht‘ → ‚herabgebracht‘ (‚das Feuer herabgebracht hat‘)