Neugesammelte Volkssagen Aus Dem Lande Baden Und Den Angrenzend

Chapter 6

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Als ein solches Gebund hat Knorr auch auf der Hilpertsauer Brücke sich sehen lassen und vor Darübergehenden hin und her gewälzt. An dieser Brücke stand früher ein kleines Haus, welches das _Knorrhäuslein_ genannt wurde.

Wenn er als Katze erscheint, rollt er sich zuweilen den Leuten unter die Füße, daß sie über ihn fallen, und auch in andern Thiergestalten legt oder stellt er sich ihnen häufig in den Weg, und wenn sie ihm ausweichen, ist er öfters gleich wieder hart vor ihnen.

Vor manchen ist er schon im Zickzack hergelaufen; viele sind von ihm irregeführt, mehrere beohrfeigt und andere mit Gewalt in die Murg gestellt worden.

100.

Der Grafensprung.

(Abweichung von Nr. 160 des Hauptwerkes.)

Auf der Burg Neueberstein waren einmal drei Grafen und Brüder, welche über die Theilung ihrer Güter lange nicht einig werden konnten. Endlich kamen sie überein, daß derjenige von ihnen sie alle erhalten solle, der den steilen Abhang des Schloßbergs gegen die Murg drei Mal hinauf und herab reiten werde. Der Jüngste unternahm es zuerst und gelangte zwei Mal glücklich hinauf und herunter; beim dritten Aufritt aber stürzte er mit dem Pferd in die Tiefe und brach das Genick. Hierdurch abgeschreckt, verglichen sich die beiden andern in brüderlicher Weise; auch nahmen sie, zum immerwährenden Andenken, in ihr Wappen drei Männer auf, deren einer ohne Kopf ist. Von dem Vorgange trägt der Abhang den Namen _Grafenries_ oder _Grafensprung_.

101.

Erdweiblein.

Die _Erdweibleinshöhle_ im kleinen Lautenfelsen trägt diesen Namen wegen der Erdweiblein, welche vordem darin wohnten. Zwei von ihnen, holdselige Mädchen, pflegten Abends mit ihren Spindeln nach Lautenbach in die Spinnstube und, wenn Tanz war, auch zu diesem zu kommen. Stets aber gingen sie vor Mitternacht weg, weil sie über dieselbe nicht ausbleiben durften. Einst, beim Fortgehen, wurden sie von einem Anwesenden gefragt, was sie in ihren hinaufgebundenen Schürzen hätten, worauf die eine antwortete:

»Hättest Du mich eher gefragt, Hätte ich Dir es gesagt.«

Von Tag zu Tag gewannen die Bursche die beiden Mädchen lieber, und einmal, beim Tanze, vermochten sie sie, bis nach Mitternacht zu bleiben. Als dieselben darauf heim wollten, baten sie die Bursche, sie zu begleiten und am Felsen zu warten, wenn sie hineingegangen. Fließe dann Blut aus ihm, so seyen sie, wegen ihrer Verspätung, umgebracht worden; komme aber Milch heraus, so hätten sie kein Leid erfahren. Nicht lange waren sie im Felsen, so quoll Blut daraus; und nachher sind keine Erdweiblein mehr in Lautenbach gesehen worden.

Andere erzählen: die Erdjungfrauen seyen allein heimgegangen; sie hätten aber ein Messer zurückgelassen und gesagt, wenn sie, wegen ihres Verspätens, getödtet würden, so werde das Messer blutig werden, und dieses sey auch geschehen.

102.

Schatz bei Gernsbach.

Dem Taglöhner eines Gernsbacher Gutsbesitzers träumte drei Nächte nacheinander: er solle auf einem gewissen Acker seines Herrn, im Bezirk _Entensee_, zackern und die Mäuse, die dabei zum Vorschein kämen, unbeschrieen todtschlagen und sorgfältig bewahren; denn sie seyen Silbermünzen. Am Morgen darauf wurde er vom Gutsbesitzer, der von dem Traume nichts wußte, beauftragt, den erwähnten Acker zu pflügen. Um dabei die Ochsen zu leiten, nahm er einen Buben mit, dem er befahl, während der ganzen Arbeit nichts zu reden. Beim Zackern kamen eine Menge Mäuse aus dem Boden und sprangen dem Manne nach; er schlug sie stillschweigend todt, legte sie auf einen Haufen und deckte etwas darüber. Auf einmal merkte er, daß die Pflugschaar in etwas stecke, und als er nachsah, fand er sie im Ringe eines Kessels, der ganz voll Geld war. Über das öftere Halten ungeduldig, rief jetzt der Bube dem Taglöhner, fortzumachen, und da sank der Kessel dröhnend in die Tiefe. Nachdem der Mann den Buben wegen des Rufens tüchtig gezankt hatte, schaute er nach dem Haufen Mäuse, und siehe, sie waren zu lauter silbernen Geldstücken geworden.

In zwei Jahren, am ersten März, Vormittags zwischen zehn und elf Uhr, sahen die Leute, welche dem Acker gegenüber wohnten, auf dem Platze, wo der Kessel versunken, etwas Glänzendes liegen. Beim zweiten Mal dachte der Mann, es sey ein Schatz und ging stillschweigend darauf zu; aber unterwegs wurde er von einer Frau gefragt, wo er hin wolle, und im Augenblick war das Glänzende verschwunden.

103.

Der Bildstock am Hördtelstein.

Ehe die jetzige Landstraße durch das Murgthal gemacht war, zog mitten an der flußbespülten Felswand des Hördtelsteins ein Fußpfad hin. Damals fuhr ein Mühlknecht von Ottenau, um Frucht zu holen, nach Hördten und schlief auf dem Wagen ein. Am Hördtelstein schlug das Pferd, statt auf dem Fahrweg zu bleiben, den erwähnten Fußpfad ein und kam glücklich über den Felsen. Als der Mühlknecht gleich darauf erwachte, erkannte er, wie wunderbar er mit seinem Gefährt erhalten worden sey. Zum Danke dafür ließ er an der Stelle einen steinernen Bildstock errichten, auf dem ein kleines Kruzifix ausgehauen ist.

104.

Schätze bei Michelbach.

Auf einer Wiese steht ein großer Nußbaum, welcher vom Wind schon zwei Mal mit der Wurzel ausgerissen worden ist, jedes Mal aber sich selbst wieder aufgerichtet und im Boden festgestellt hat, weil, noch aus der Heidenzeit, Geld unter ihm vergraben liegt.

Auch da, wo das Bergschloß gestanden, ist ein Schatz verborgen, und es zeigt sich dort eine Schlange, die einen goldenen Ring mit drei Schlüsseln um den Hals hat.

Auf der Klotzwiese gehen drei weiße Jungfrauen um, die öfters wunderschön singen und am angrenzenden Bache waschen. Eines Tages riefen sie einen vorübergehenden Mann von Sulzbach zu sich und sagten ihm, er könne sie erlösen und den großen Schatz, welchen sie hüten müßten, gewinnen, wenn er sie in den Gestalten, worin sie ihm erscheinen würden, küßte, wobei er nichts zu befürchten habe. Nachdem er sich bereit erklärt, ward er von ihnen zu einem Felsen des nahen Münzbergs geführt, an welchem er jetzt zum ersten Mal eine Thüre erblickte. Durch dieselbe kamen sie in ein Gewölbe, worin drei Kisten standen, auf deren jeder ein schwarzer Hund lag. Auf Geheiß der Jungfrauen sprangen die Hunde herab, und jene öffneten die Kisten, deren eine mit Kupfer, die zweite mit Silber, die dritte mit Gold gefüllt war. Nach diesem standen, statt der Jungfrauen, eine Kröte, eine Schlange und ein Drache da. Den zwei erstern gab der Mann je einen Kuß; den Drachen aber vermochte er nicht zu küssen, sondern fiel in Ohnmacht. Als er wieder zu sich kam, lag er außen, beim Felsen, die Jungfrauen standen traurig um ihn und sagten ihm, sie müßten jetzt wieder warten, bis aus einem Kirschkern, welchen ein Vogel am Münzberg fallen lasse, ein Baum geworden und aus diesem eine Wiege für ein neugebornes Kind gemacht sey; dieses Kind erst könne, wenn es erwachsen, sie erlösen. Hierauf verschwanden sie. Der Mann gelangte mit Mühe nach Hause und starb in drei Tagen.

105.

Die Entstehung der Wallfahrt zu Moosbronn.

1) Aus dem Lindenbaum, an dessen Fuß die Moosalb entspringt, ertönte einst lieblicher Gesang. Man suchte nach und fand in dem Stamme ein anmuthiges Mariahilfsbild. Nachdem nun noch, nächtlicher Weile, auf einen nahe gelegenen Platz überirdisches Feuer gefahren war, erbaute man auf demselben eine Kapelle und setzte darin das Bild zur Verehrung aus. Alsbald leuchtete es mit Wundern, und auch das Holz der Linde und das Wasser der Quelle erwiesen sich gegen verschiedene Übel heilkräftig.

2) Mit einem schwer beladenen Wagen Holz fuhr ein Mann den schroffen Mahlberg hinunter. An der jähsten Wegstelle brachen die Radsperren, und nun rollte der Wagen, mit Pferden und Mann, unaufhaltsam abwärts. In dieser großen Noth rief letzterer: »O Maria hilf!« und augenblicklich stand das Fuhrwerk auf dem steilen Abhange still. Wegen dieses Wunders ward im Thale eine Mariahilfskapelle erbaut, zu welcher bald von nah und fern Pilgerfahrten geschahen[9].

[9] Keine der beiden Erzählungen findet sich in den Moosbronner Pfarrschriften.

106.

Steine in Geld verwandelt.

Ein Niederbühler Bube sah einst an der Wassergrube, welche das _Glockenloch_ heißt, kleine Steine aufgehäuft liegen und warf etliche so darüber, daß sie auf der Oberfläche dahin hüpften. Sobald sie das Wasser berührten, schimmerten sie wie Silber. Er füllte deßwegen seine Kappe mit Steinen von dem Haufen, und als er dieselben zu Hause ausleerte, fand er sie zu werthvollen Silbermünzen geworden. In Begleitung seines Vaters eilte er sogleich zu dem Glockenloch, konnte aber den Steinhaufen nicht mehr entdecken. Sie nahmen nun ähnliche Steinchen von da mit; allein dieselben wollten sich nicht in Geld verwandeln.

107.

Der Rötterer Berg bei Rastatt.

(Zu Nr. 170 des Hauptwerkes.)

Dieser Berg war schon Nachts von spukhaftem Schein umgeben. Einst brach ein Mann sich dort eine Blume ab und fand sie zu Hause in einen goldenen Schlüssel verwandelt.

Ein anderes Mal bemerkten vorbeigehende Burschen am Berg eine Menge Kröten. Der Dummste steckte einige zu sich, und als er sie daheim hervorzog, waren sie zu eitel Gold geworden.

Zwei Knaben und Brüder von Rastatt, welche im Wald Holz gelesen hatten, sahen beim Heimgehen das weiße Fräulein an der Schuhuhütte stehen und ihnen winken, zu ihr zu kommen. Der ältere wagte es, wurde von ihr in die Hütte geführt und mit einem Sack voll Geld beschenkt. Kaum hatte er ihn mit Mühe zu seinem in der Nähe wartenden Bruder gebracht, so kam ein Mann aus der Rheinau, der von einer benachbarten Wiese alles mit angesehen, und wollte ihnen den Sack mit Gewalt wegnehmen. Auf ihr Geschrei trat jedoch der alterthümlich gekleidete Jäger hinter der Schuhuhütte hervor, schlug sein Gewehr auf den Mann an und jagte ihn dadurch in die Flucht. Alsdann half er den Knaben, den Sack forttragen, bis zufällig ein Wagen herbeikam. Dem Führer desselben gab der Jäger ein großes Trinkgeld, damit er die Buben nebst dem Sacke nach Hause fahre, und empfahl ihm, es ja gut zu besorgen. Überdies blieb er (aber nur dem ältern Knaben sichtbar) so lange bei dem Fuhrwerk, bis die Buben mit dem Gelde bei ihren hocherfreuten Eltern waren. Der Mann aus der Rheinau starb, in Folge des Schreckens, nach drei Tagen.

108.

Steinbild in Sulzbach[10].

Auf dem _Freihof_ zu Sulzbach hat vor Zeiten ein Schloß gestanden, das von einem adeligen Geschlecht bewohnt worden ist. Von diesem waren zuletzt nur Bruder und Schwester übrig; sie zeugten miteinander ein Kind und wurden deshalb enthauptet. An dem Sulzbacher Kelterhaus war früher ein Stein eingemauert, worauf die beiden Geschwister, ohne Köpfe, und das Kind ausgehauen waren.

[10] Im Amt Ettlingen.

109.

Doppelmord wegen eines halben Kreuzers.

Zwei wandernde Metzgergesellen bettelten in einem Hause zu Ettlingen und erhielten einen Kreuzer. Denselben wollte der Empfänger für sich behalten, der andere machte aber auf die Hälfte Anspruch. Hierüber geriethen sie mit einander in Streit, der eine zog ein langes Messer, der andere eine Hippe[11] hervor, sie fielen sich an und tödteten sich gegenseitig. Dies geschah am Ende der Stadt, Schöllbronn zu, und es stehen deßhalb am dortigen Wege zwei niedere Steinkreuze, auf deren einem eine Hippe, auf dem andern ein Messer eingehauen ist.

[11] Winzermesser.

110.

Messe nachgeholt.

Eines Abends ward in die Ettlinger Kirche zufällig ein Schulbube eingeschlossen, der während der Betstunde darin eingeschlafen war. Tief in der Nacht erwachte er; am Altare brannten die Lichter und an dessen Fuß stand ein Priester allein und begann die Messe. Nachdem er das =Introibo= gesprochen, schaute er auf beide Seiten, ob nicht ein Diener da sey, der ihm antworte, und als er keinen erblickte, machte er das Buch auf dem Altare zu und ging mit dem Kelch wieder in die Sakristei. Augenblicklich erloschen die Lichter von selbst, und den Knaben befiel eine solche Angst, daß er zur Thüre eilte, und als er sie verschlossen fand, um Hilfe rief. Dies hörte der vorübergehende Nachtwächter; er holte den Meßner und derselbe ließ den Buben aus der Kirche und führte ihn am Morgen zum Pfarrer. Nachdem dieser sich Alles hatte erzählen lassen, unterrichtete er den Knaben im Meßdienen und sagte ihm hierauf, was er zu thun habe. Vor Mitternacht begaben sich dann Beide in die Kirche, wo nach einer Weile die Altarkerzen sich von selbst entzündeten und wieder der Priester aus der Sakristei kam und sich anschickte, Messe zu lesen. Ungesäumt trat nun der Bube hinzu und diente ihm; aber nach der Messe ging nicht er, sondern der Pfarrer mit in die Sakristei. Dort von letzterem befragt, warum er im Grabe keine Ruhe habe, antwortete der Priester: »Als ich starb, war ich noch eine Messe schuldig, und um sie nachholen zu können, habe ich viele, viele Jahre auf einen Diener gewartet. Jetzt ist sie abgehalten, und ich gehe zu Gott, bei dem ich Deiner und des Knaben nicht vergessen werde!« Nach diesen Worten verschwand er.

111.

Burgstadel.

(Zu Nr. 186 des Hauptwerkes.)

Die Frau des Wattmüllers erblickte eines Tages auf dem Platze, wo das Schloß gestanden, einen offenen Keller, den sie vorher nie gesehen hatte. Sie stieg dessen Treppe hinab und bemerkte unten drei Kisten mit Geld. Eilends ging sie weg, um ihren Mann zu holen; aber als sie mit demselben zurückkam, war der Keller verschwunden.

Bei dem Burgstadel war einem Mann ein Schwein verlaufen. Mit einer Gerte, die er sich aus einer Haselstaude schnitt, suchte er es im Gebüsche, wobei er zufällig mit ihr die Bergwand berührte. Da öffnete sich diese und zeigte ein Gewölbe, worin das weiß gekleidete Fräulein und verschiedene Kisten waren. Auf einer der letztern lag ein Hund mit einem Bund Schlüssel im Maule. Nachdem der Mann eingetreten, nahm das Fräulein die Schlüssel und machte damit die Kisten auf, welche voll Geld und Kostbarkeiten waren. »Nimm Dir davon, so viel Du willst,« sprach sie zu ihm, »aber vergiß das Beste nicht!« Ohne Säumen warf er die Gerte weg und packte von den Schätzen ein, so viel er fortbringen konnte. Als er damit im Freien war, schaute er nach dem Gewölbe um; aber da war der Berg wieder zu, und er erkannte nun, daß er das »Beste«, nämlich die Haselgerte, zurückgelassen habe.

Bei Tagesanbruch sah einmal der Knecht aus der Sägmühle das Fräulein an der Alb einen Kübel füllen und ihn auf den Berg tragen. Er erzählte es seinem Herrn, auf dessen Rath er am andern Morgen abermals an den Fluß ging und das Fräulein, welches wieder Wasser holte, fragte, was sie da mache. Sie erwiderte ihm, er möge ihren Kübel nehmen und ihr damit auf den Burgstadel folgen, was er auch ohne viel Bedenken that. Oben traten sie durch eine Höhle in das Schloß, worin viele Kisten und ein Faß standen, bei dem ein Hund auf einem Lotterbette lag. Nachdem das Fräulein den Kübel in das Faß ausgeleert hatte, sagte sie zu dem Knecht, er würde sie erlösen und alle die Schätze in den Kisten bekommen, wenn er den Frosch, worein sie sich verwandle, trotz des heftigen, aber unschädlichen Gebells des Hundes, dreimal mit der Hand um das Faß trüge. Beim ersten Gang um dieses bellte der Hund stark, beim zweiten noch stärker, beim dritten aber so fürchterlich, daß der Knecht den Frosch fallen ließ. Da war es um die Erlösung geschehen, und es erschien ein alter Mann und führte den Knecht zum Berge hinaus.

Als einst ein Schäfer beim Weiden oberhalb der Kalbenklamm ein Stücklein blies, kam das Fräulein und sagte ihm, er solle mit ihr gehen, seine Heerde werde unterdessen bestens gehütet. Auf dieses folgte er ihr und ward an einen Platz voll Schlüsselblumen geführt, deren er eine abbrechen und auf den Burgstadel mitnehmen mußte. Dort war eine Thüre sichtbar, welche er auf seiner Führerin Geheiß mit der Blume wie mit einem Schlüssel aufschloß. Sie gingen hinein und kamen zu drei Kisten, auf deren einer ein schwarzer Pudel lag. »Öffne die Kisten mit der Blume«, sprach das Fräulein zu ihrem Begleiter, »und nimm daraus, so viel Du willst, aber vergiß das Beste nicht!« Nachdem der Hund herab gesprungen war, schloß der Schäfer mit der Blume die Kisten auf und fand sie mit Schafzähnen gefüllt. Ohne große Freude steckte er damit seine Taschen voll und trat dann, die Blume zurücklassend, allein den Rückweg an. Kaum war er aus dem Berge, so rief ihm eine Stimme klagend nach: »Du hast das Beste vergessen!« Seine Heerde traf er schön beisammen und vergaß über ihr die mitgenommenen Schafzähne. Erst am nächsten Morgen dachte er wieder an dieselben; aber statt ihrer fand er in seinen Taschen lauter Goldstücke. Sogleich eilte er auf den Burgstadel; allein er sah die Thüre nicht mehr und merkte nun, daß unter dem »Besten« die Schlüsselblume verstanden war, mit der er immer wieder in den Berg und zu dem Golde hätte gelangen können.

112.

Spielleute beim Hexentanz.

Drei Spielleute kamen Nachts beim Heimgehen von einer Kirchweihe zu einem hell erleuchteten Waldschloß, woraus lustiger Tanz erscholl. Um noch etwas zu verdienen, gingen sie hinein und in einen Saal des obern Stockes, worin eine Menge Weiber zu einer Gellflöte tanzten. Diese blies Einer, welcher auf dem Tische stand; die Spielleute stellten sich zu ihm hinauf und geigten wacker mit. Während dessen nahm der Baßstreicher einen goldenen und einen silbernen Becher vom Tische und steckte sie in die Tasche. Als sie im besten Fiedeln waren, schlug es zwölf und im Nu verschwand Alles, und die Drei waren allein im Dunkeln. Wie sie merkten, saßen sie auf einem Baume; einer von ihnen sprang hinab und brach das Genick. Auf dieses blieben die zwei Andern oben, bis es Tag wurde, wo sie sich auf einer hohen Tanne sitzen sahen, von welcher sie nur mit Mühe hinab kamen. Als der Baßgeiger nach seinen eingesteckten Bechern schaute, waren es eitel Kühklauen.

113.

Der Jungfernsprung bei Dahn.

(Abweichung von Nr. 198 des Hauptwerkes.)

Auf einer waldigen Höhe bei Dahn ward einst ein unschuldiges Mädchen, welches einsam Kräuter sammelte, von einem geilen Jäger angefallen. Sie entsprang ihm und floh, von ihm verfolgt, bis vor auf die steile Felsenwand, die die Höhe gegen das Thal bildet. Da sie keinen andern Ausweg hatte, that sie in Gottes Namen den Sprung in die Tiefe, wobei sie sich nur den kleinen Finger[12] verstauchte. Auf dem Platze, wohin sie gesprungen, sprudelte gleich eine klare Quelle hervor. Die Felsenwand erhielt von der Begebenheit den Namen _Jungfernsprung_, und es ward ein hölzernes Kreuz darauf gesetzt.

[12] Statt des kleinen Fingers nennen Manche hier und in Nr. 198 des Hauptwerkes die kleine Zehe, und Andere den kleinen Finger _und_ die kleine Zehe.

114.

Schatz gehoben.

Auf dem Wingertsberge bei Annweiler brannte früher ein nächtliches blaues Licht, das bald größer, bald kleiner wurde. Einmal kam ein Mann aus dem Orte, welcher spät in der Nacht nach Hause fuhr, in die Nähe des Lichtes; da ging er schweigend hin, deckte seinen Mantel darauf und setzte dann seinen Heimweg fort. Am nächsten Morgen um fünf Uhr war er wieder auf dem Berge, und als er seinen Mantel aufhob, lag ein Schatz Geld darunter, den er unangefochten sich zueignete. Seit dieser Zeit wird das Licht nicht mehr gesehen.

115.

Die Schlorpengasse.

Noch im vorigen Jahrhundert trieben sich zwischen Basel und Frankfurt vierzigtausend Betteljuden, Männer, Weiber und Kinder, heimathlos umher. Bei Karlsruhe hatten sie in dem Wald südlich von der Stadt ihren Lagerplatz, wo sie häufig aus dort blühendem Holler und zusammen gebetteltem Mehl und Schmalz sich Hollerküchlein bereiteten, endlich wurde ihnen von der Karlsruher Judenschaft ein Haus in der Rüppurrerthorstraße zur Herberge hergerichtet und nun schlorpten (schlarften) sie bei Tag und Nacht hinein und heraus. Davon erhielt die Straße auch den Namen _Schlorpengasse_, welchen sie aber jetzt, wo die Herberge nicht mehr besteht, beinahe wieder verloren hat.

116.

Laß die Todten ruhen.

Eine reiche Wittwe in Karlsruhe hatte eine einzige Tochter, die sie, weil dieselbe eben so schön, als verständig war, über die Maßen liebte. In der Blüthe der Jahre starb das Mädchen, und die Mutter war darüber ganz untröstlich. Täglich brachte sie mehrere Stunden auf dem Kirchhofe zu und weinte und klagte an der Gruft ihres Kindes. Als sie einst in der Frühe wieder dort saß und jammerte, rief ihr die Stimme ihrer Tochter aus der Gruft zu: »Mutter, laß mich doch ruhen!« Da verließ die Frau erschüttert den Friedhof und suchte, zur Beruhigung der Verstorbenen, über ihren Schmerz Meister zu werden.

117.

Todesvorzeichen.

Im Herbste 1851 verkündete zu Karlsruhe eine durchziehende Zigeunerin, im nächsten Frühjahr entstehe im Lande große Trauer. Ein Stadtwächter wollte sie deßhalb verhaften, sie sagte ihm aber, so gewiß gehe ihre Verkündigung in Erfüllung, als er neun Kreuzer bei sich habe, und da er nachsah, hatte er gerade so viel in seinem Beutel. Den Winter darauf erkrankte der Großherzog Leopold im Karlsruher Schlosse, wo alsbald die _weiße Frau_ sich dreimal sehen ließ. Einige Zeit nachher fingen die Glocken der Stadtkirche mitten in der Nacht von selbst an zu läuten, und als der Großherzog es erfuhr, sprach er: »Das war mein Grabgeläute!« Wirklich starb er auch am 24. April 1852 zum Leidwesen des ganzen Landes, und wurde dann in der fürstlichen Gruft unter der Stadtkirche beigesetzt.

118.

Schuhwechsel.

Einem Manne aus Au, der Nachts von Durlach heimging, setzte sich bei der Ruhebank der gespenstige Kapuziner, welcher dort umgeht, auf den Rücken und ließ sich bis in dessen Haus tragen. Als der Mann, unter der Last keuchend, die Stiege hinaufkam, rief ihm seine Frau zu, er solle seine Schuhe gegen einander wechseln. Er that es, und sogleich fiel ihm der Kapuziner vom Rücken und polterte gleich einem rollenden Fasse die Treppe hinunter.

119.

Todesvorzeichen.

Am Abend vor Allerheiligen 1831 waren ein Glaser und ein anderer Bürger aus Durlach mit einer Fuhr Wein, den sie in der Bruchsaler Gegend gekauft, auf dem Weg nach ihrem Orte. Der Mond schien hell, und die zwei Männer gingen weit hinter dem Fuhrwerk her. Als sie zwischen 8 und 9 Uhr in die Nähe von Untergrombach kamen, sahen sie über dem Straßengraben einen Reiter, der im Schritte neben ihnen herritt und, wie sein Pferd, einen Federbusch auf dem Kopfe hatte. In der Meinung, es sey Einer, der sie foppen wolle, sprang der Glaser hin und versetzte ihm einen Stockstreich; allein er traf einen Erlenbaum, und Reiter und Roß waren verschwunden. Nicht ohne Grauen begaben sich die Männer zu ihrem Weinwagen, und bald bemerkten sie und der Fuhrmann, wieder jenseits am Graben, eine einspännige Kutsche, worin ein Geharnischter mit Helmfedern saß, und deren Pferd, gleich einem Leichenroß, einen Federbusch trug, und von einem daneben gehenden Mann geführt wurde. Statt dieser Kutsche zeigte sich später eine zweispännige; der Geharnischte saß auch darin, und die Pferde hatten ebenfalls Federbüsche und Führer. Bis an die Steige oberhalb Weingarten's begleitete die Kutsche die Weinfuhr; dort aber war sie plötzlich weg und ließ auch nachher sich nicht mehr sehen. Zwei Tage darauf wurde der Glaser krank. Er sagte gleich, daß die Erscheinungen seinen bevorstehenden Tod bedeutet hätten, und wirklich erfolgte derselbe auch nach weitern neunzehn Tagen.

120.

Der Thurmberg bei Durlach.

(Zu Nr. 215 des Hauptwerkes.)

Eines Tages kam auf diesem Berge zu zwei Männern eine weiß gekleidete Frau und gab jedem stillschweigend einen Blumenstrauß. Sie dankten ihr, und als sie darauf anfing zu weinen, fragten sie um die Ursache. »Hättet ihr mir nicht gedankt«, antwortete sie, »dann wäre ich jetzt erlöst, so aber bin ich es nicht!« Nach diesen Worten verschwand sie.