Neugesammelte Volkssagen Aus Dem Lande Baden Und Den Angrenzend

Chapter 4

Chapter 43,489 wordsPublic domain

Die Namen Gutach's, Bleibach's und Simonswald's.

Zu der ersten Äbtissin des Waldkircher Fräuleinstifts kamen drei Brüder und baten, sich in ihrem öden Gebiete ansiedeln zu dürfen. Sie erlaubte ihnen, sich die Plätze selbst zu wählen. An einer hübschen Stelle sprach der Eine: »Hier ist's gut!« und baute sich da an. Wegen dieser Rede erhielt der Ort den Namen _Gutach_. Der zweite fand jenseits des Baches einen Platz, der ihm wohl gefiel, und sagte. »Hier bleib' ich!« Davon wurde der Ort _Bleibach_ genannt. Der dritte endlich, welcher Simon hieß, siedelte sich in einem Walde an, und seitdem trägt dieser den Namen _Simonswald_.

57.

Der Ahornbauer.

Als ein Mann von Simonswald wegen Zauberei verbrannt werden sollte, sprach er. »So gewiß bin ich unschuldig, als bei meinem Haus ein Ahornbaum wachsen wird.« Gleich nach der Hinrichtung kam auch bei dem Haus ein Ahorn hervor, und seitdem ist dort immer ein solcher Baum; denn wenn man den einen umhaut, wächst unverzüglich ein anderer nach. Von dem Baum hat der Hofbesitzer den Namen _Ahornbauer_ erhalten.

58.

Der Blindensee will ausbrechen.

Vor langer Zeit drohte dieser Bergsee bei dem Triberger Wasserfall auszubrechen, und das dortige Thal zu überschwemmen. Da kam die Mutter Gottes und spannte vor die Öffnung ein Netz von Fäden, wodurch das Wasser, wie durch einen Damm, zurückgehalten ward. Jedes Jahr aber verfault einer der Fäden, und wenn endlich alle verwest sind, dann bricht der See heraus und überfluthet das ganze Thal. Dies geschieht am Bartholomäustag, an welchem in Triberg Jahrmarkt gehalten wird.

59.

Zum todten Hund.

In die Wohnstube eines Schwarzwälderhofs schlug der Blitz und fuhr durch einen Tisch, worauf ein kleines Kind schlief; dasselbe ließ er unversehrt, tödtete aber einen Hund, der, gerade unter dem Kind, auf dem Stubenboden lag. Von diesem Vorgang wird der Hof »zum todten Hund« genannt.

60.

Messen angelobt.

Als im Jahr 1796 die Neufranken verheerend gegen Ettenheimweiler zogen, gelobte die Pächterin eines benachbarten Hofes, fünfzig Messen lesen zu lassen, wenn ihr Haus von der Grausamkeit dieser Feinde verschont bliebe. Letzteres geschah, zur allgemeinen Verwunderung; die Frau unterließ jedoch, ihr Gelübde zu erfüllen, und ohne dasselbe Jemand offenbart zu haben, starb sie nach drei Jahren in Ettenheimweiler. Als ihre dort verheirathete Tochter, nach Verfluß von ebenso viel Jahren, Nachmittags auf dem Fuchsberg die Reben schnitt, erschien ihr plötzlich eine Frau mit grauem Gesicht und grauem Kleid und sprach: »Du mußt mich erlösen!« Vor Schrecken fiel jene in Ohnmacht; als sie daraus erwachte, war die graue Gestalt verschwunden. Dieselbe kam aber, einige Tage nachher, am Morgen zu ihr in die Küche und sagte, sie sey ihre Mutter, und um sie zu erlösen, solle die Tochter von Haus zu Haus so viel Geld zusammenbetteln, daß davon die fünfzig Messen gelesen und vierundzwanzig Kreuzer der Magd bezahlt werden konnten, der sie, bei ihren Lebzeiten, drei Batzen am Lohne abgezogen habe. Hierauf verschwand sie, die Tochter aber eilte zu ihrem Mann und erzählte ihm, was ihr begegnet. Um ihr das Betteln zu ersparen, wollte er selbst das Geld hergeben, was auch der Pfarrer, den sie darüber um Rath fragten, für genügend erklärte. Ehe jedoch der Mann das Geld beisammen hatte, erschien seiner Frau ihre Mutter wieder in der Küche und sprach drohend: »Willst Du Alles thun, was ich Dir geheißen habe, oder willst Du meinen Zorn fühlen!« Voll Angst versprach die Frau, zu gehorchen, machte sich auch alsbald auf den Weg und bettelte von Haus zu Haus bis gegen Freiburg hinauf. In vierzehn Tagen hatte sie das Geld beisammen; damit bezahlte sie die Magd und ließ in den benachbarten Klöstern die fünfzig Messen abhalten. In der Nacht nach Lesung der letzten Messe kam die Mutter, in glänzend weißer Gestalt, zu dem Mann und der Frau in die Schlafstube, sagte für ihre Erlösung Dank und legte, um diesen zu bezeugen, ihre rechte Hand auf eine Flegelruthe, die, nach ihrem Begehren, ihre Tochter ihr hinhielt. Da brannten sich ihre fünf Finger hinein, und sie verschwand. Die Flegelruthe wird noch jetzt in dem Hause aufbewahrt.

61.

Das Kruzifix zwischen Ettenheim und Altdorf.

Ein frommer Jüngling in Ettenheim wollte sich auf den Wunsch seiner Eltern verheirathen; er schwankte aber zwischen zwei gleich braven Mädchen, deren eines zu Straßburg, das andere zu Freiburg wohnte. In dieser Ungewißheit betete er eines Tages in der Messe inbrünstig um Erleuchtung, und da kam ihm in den Sinn: er solle sich auf eines seiner Pferde setzen und es laufen lassen, wohin es wolle; denn es bringe ihn an den Wohnort desjenigen der beiden Mädchen, welches ihm von Gott zur Frau bestimmt sey. Nachdem er aufgesessen, schlug das Pferd von selbst den Weg gegen Altdorf ein, daß er dachte, es gehe nach Straßburg; aber plötzlich springt es von diesem Weg ab und über die benachbarten Felder auf die Landstraße nach Freiburg, wo es den Jüngling glücklich hinbringt. Derselbe heirathete nun das dortige Mädchen, und er lebte mit ihr so glücklich, daß er zum Danke an der Stelle, wo das Pferd den Weg nach Straßburg verlassen, ein steinernes Kruzifix errichtete, welches das _Kreuz zum guten Rathe_ genannt wird[8].

[8] An dem Kruzifix ist folgende Inschrift:

=ChrIste IesV bonI ConsILII Dator MIserere nobIs.= =D. O. M.= =Piorum consiliorum inspiratori benignissimo crucem hanc in debitae gratitudinis pignus erexit Franc. Valentini Satori et Annae Mariae Neumayer P. M. relicta progenies 1763.=

62.

Spinne nicht in der Nacht vor Fronfasten.

In der Nacht vor Fronfasten spann eine Frau zu Orschweier noch nach elf Uhr. Da kam die Fronfastenfrau zur Thüre herein und legte ihr ein Dutzend Spulen hin, mit den Worten: »Alle diese Spulen mußt Du bis zwölf Uhr vollgesponnen haben, wo ich sie wieder holen werde!« Nicht lange war sie weggegangen, so lief die Frau, welche sich nicht zu helfen wußte, zum Pfarrer, und fragte ihn, was sie machen solle. Er rieth ihr, um jede Spule drei Fäden im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zu spinnen, was sie auch that und Schlag zwölf Uhr fertig war. Als gleich darauf die Fronfastenfrau die Spulen abholte, sprach sie: »Du hast wohl gethan, den Rath des Schwarzrocks zu befolgen; denn sonst solltest Du gesehen haben, was ich mit Dir gemacht hätte!« Nach dieser Rede entfernte sie sich.

63.

Mordthat offenbart.

Zu Ottenheim hatte ein armes Mädchen mit einem vermöglichen Burschen, der Soldat war, Bekanntschaft und wurde in Folge davon schwanger. Dessenungeachtet bewarb er sich bald darauf um eine reiche Bauerstochter, und weil er befürchtete, daß jenes Mädchen ihm hinderlich sey, beschloß er, es aus dem Wege zu räumen. In dieser Absicht ging er Samstag Nachts mit einer Schaufel in den Wald, wo er in einem abgelegenen Schlag eine tiefe Grube machte. Am andern Nachmittag lud er das Mädchen zu einem Gange dahin ein, und als sie dort waren, sagte er ihr: sie solle Reue und Leid erwecken; denn sie müsse jetzt sterben. Flehentlich bat sie ihn, ihrer und seines Kindes zu schonen, sie wolle gern in die weite Welt hinaus, um ihn an der reichen Heirath nicht zu hindern; aber Alles war vergebens, und er gewährte ihr nur noch so viel Zeit, um drei Vaterunser zu beten. Als sie damit fertig war, sprach sie zu ihm: »Das sage ich Dir, wenn Du mich umbringst, wird mein Blut Dich verrathen!« Hierüber lachend, tödtete er sie mit mehreren Stichen und verscharrte sie in die Grube. Bald nachher begab er sich auf einige Jahre zu seiner Fahne, während welcher Zeit der Wald in Gemeindewiesen umgewandelt ward. Nachdem der Bursch im Heere ausgedient hatte, ließ er sich in Ottenheim nieder und heirathete die reiche Bauerstochter. Einst mußte er die Gemeindewiesen mähen helfen, wobei er gerade auf die Grube zu stehen kam. Beim ersten Hieb, welchen er in's Gras that, wurde die Sense voll Blut; erschrocken wischte er es ab und verließ gleich die Stelle. Zu Hause entdeckte er seiner Frau den Vorfall und die Ermordung des Mädchens. Einige Zeit nachher gerieth er mit ihr in Hader und brachte sie durch Stockschläge so in Harnisch, daß sie auf die Straße lief und laut die Mordthat verkündete. Er ward darauf festgenommen und, nachdem er Alles eingestanden, mit dem Schwerte hingerichtet. Die Gebeine des Mädchens fand man noch in der Grube und brachte sie auf den Gottesacker.

64.

Wunderbarer Hirsch.

Ein frommer Einsiedler des Bruderthals pflegte alle Morgen nach dem Kloster Schuttern oder, wenn Mönche von da sich in Heiligenzell aufhielten, nach diesem zur Kirche zu gehen. Abends trat er den Rückweg an, auf dem sich, wenn es dunkel war, am Anfang des Waldes ein Hirsch zu ihm gesellte, welcher ein Licht zwischen den Hörnern hatte und ihm bis zu seiner Klause leuchtete. Einmal war der Weg vom Regen so schlüpferig, daß der Waldbruder aus einem Weinberg einen Rebpfahl nahm, um sich im Gehen darauf zu stützen. Als er in den Wald kam, war kein Hirsch da, und er mußte im Finstern nach Hause tappen. Auch an den zwei folgenden Tagen ließ der Hirsch sich nicht sehen. Da erinnerte der Einsiedler sich des Rebpfahles, that ihn dahin, woher er ihn genommen, und hierauf fand der Hirsch sich wieder ein und leuchtete ihm wie zuvor.

65.

Das Kruzifix auf dem Kirchhofe zu Oberweier.

Vor etlichen Jahrhunderten verirrte sich Nachts ein Wanderer im wilden Walde. Geängstigt durch die vielen Schlangen und Kröten, welche darin hausten, that er das Gelübde: wenn er unbeschädigt hinaus in einen Ort käme, wolle er auf dessen Gottesacker ein Kruzifix stiften. Da ertönte in der Ferne eine Glocke; er ging dem Schalle zu und gelangte glücklich nach Oberweier, wo Nachts um zwei Uhr geläutet zu werden pflegte.

Ungesäumt ließ er nun ein steinernes Kruzifix verfertigen und es auf den dortigen Kirchhof setzen, welchem es noch gegenwärtig zur Zierde dient.

Am Fuße des Kreuzes sind der Name des Stifters (Jakob Erim) und allerlei Schlangen und Kröten eingehauen.

66.

Das Grabenthier.

Zu Gengenbach spukt Nachts ein mächtiges schwarzes Thier mit feurigen Augen, welche so groß wie kleine Pflugräder sind. Es geht vorzüglich im ausgetrockneten Stadtgraben um, und wird deßwegen das _Grabenthier_ genannt.

67.

Gespenstiges Thier.

Ein Mädchen von Bergach war zu Gengenbach in der Christmette gewesen und wollte Nachts zwischen ein und zwei Uhr wieder heimgehen. An der Kinzig kam ein Thier, so groß wie ein Metzgerhund, ihr entgegen, das einen abscheulichen Gestank verbreitete. Sie ergriff die Flucht, ward aber von dem Thiere verfolgt, wobei dasselbe ein garstiges Geschrei ausstieß und allmählig so groß wurde wie ein Ochse. Bis zum Haigeracher Bache gejagt, sprang das Mädchen hinüber und kam dadurch in Sicherheit, weil das Thier den Bach nicht überschreiten durfte.

68.

Feenweg.

Als noch auf das Bergschloß Staufenberg blos ein Fußpfad führte, wohnte dort ein reicher Freiherr, der nur ein einziges Kind, eine schöne Tochter, hatte. Um sie bewarben sich viele Edle; aber er wollte sie nur Demjenigen geben, der ihm in einer Stunde einen guten Fahrweg auf die Burg herstelle. Betrübt über die Unerfüllbarkeit dieser Bedingung, wandelte ein junger Ritter am waldigen Fuße des Schloßbergs, und da begegnete ihm die dortige Fee Melusine. Sie fragte ihn, warum er so traurig sey, und als sie es erfahren hatte, bestellte sie ihn gegen Mitternacht wieder her, wo ihm geholfen werden würde. Nachdem er zur bestimmten Zeit sich eingefunden, hieß ihn die Fee die Herstellung des verlangten Weges getrost beginnen; er that es und merkte bald, daß eine Menge Unsichtbarer ihm Hilfe leiste. In einer Stunde war der Fahrweg zum Schlosse fertig und voll Freude und Hoffnung ritt der Ritter auf seinem Schimmel hinauf. Gleichwohl ward ihm das Fräulein von ihrem Vater verweigert, und er dadurch so empört, daß er denselben erschlug und in den tiefen Burgbrunnen hinabwarf.

69.

Schatz und Spuk auf dem alten Schlosse bei Durbach.

Vor etwa fünfzig Jahren kam ein österreichischer Geistlicher nach Durbach und miethete sich eine Wohnung. Nachdem er mit mehreren Männern aus dem Orte bekannt geworden war, eröffnete er ihnen, daß auf dem alten Schlosse ein großer Schatz vergraben sey, den sie mit ihm heben und theilen sollten. Gerne willigten die Männer ein und gingen mit ihm mehrere Nächte auf das alte Schloß, wo sie, nach seiner Anleitung, gewisse Gebete verrichteten. In der letzten Nacht wurde von einem Priester aus der Gegend, welchen der Geistliche auch für die Sache gewonnen hatte, eine Zwangsmesse gelesen, worin dieser den Diener machte. Kaum war sie zu Ende, so erhob sich aus dem Boden ein großer Haufe glänzenden Geldes, das die Männer schweigend aus den mit vier Rappen bespannten Wagen eines von ihnen luden und damit nach dessen Haus fuhren. Als sie darin waren, vergaß einer, daß vor der Vertheilung des Schatzes kein Wort gesprochen werden dürfe, und rief: »Jetzt haben wir das Geld, jetzt sind wir reich!« Da lag im Augenblick, statt des Schatzes, ein Haufe Sand auf dem Wagen und der österreichische Geistliche war auf immer verschwunden.

* * * * *

Aus dem alten Schlosse fährt um Mitternacht eine gespenstige Kutsche, die mit sechs Rappen oder Schimmeln bespannt ist und von einem grauen Mann gelenkt wird.

70.

Verwunschener Schüler.

Eines Sonntags, unterm Hochamt, kam im Stollenwald zu einem Knaben ein verwunschener Schüler und fragte ihn, was er da mache. »Ich will Vogelnester ausnehmen,« erwiderte treuherzig der Bube und darauf der andere: »Geh du mit mir, und nimm dir aus jeder Kiste, die ich aufmache, eine Handvoll Geld, aber nicht mehr, und ohne ein Wort dabei zu reden!« Unbedenklich folgte ihm der Knabe auf das alte Schloß, wo der Schüler aus einem Büschel Moosfarn einen Schlüssel holte und damit auf dem Boden eine unter Laub versteckte Steinthüre aufschloß. Durch dieselbe stiegen sie hinab und kamen nacheinander in drei mit Kostbarkeiten angefüllte Gewölbe. In dem ersten öffnete der Schüler eine Kiste voll Silbergeld, im zweiten, nach Herabjagung eines schwarzen Pudels, eine voll Goldstücke, und im dritten eine voll Kupfermünzen. Aus jeder nahm sich der Bube schweigend eine Handvoll und folgte dann seinem Führer in's Freie zurück. Letzterer schloß nun die Steinthüre zu, legte den Schlüssel wieder in den Büschel und verließ den Knaben. Als dieser das Geld heimgebracht und erzählt hatte, wie er dazu gekommen, mußte er mit seinem Vater gleich wieder auf das alte Schloß; allein dort konnte er weder Büschel, noch Schlüssel, noch Steinthüre mehr auffinden.

71.

Geist erlöst.

Nach dem Tode eines Schappbacher Hofbauers ließ sich Nachts in seinem Bergwald ein Licht sehen, welches an einem Gränzstein hin und her schwebte. Einst ging ein berauschter Metzger aus dem Orte mit einem Kalb spät an dem Berg vorüber und als er das Licht erblickte, rief er ihm zu. »Komm herunter und leuchte mir, da droben hilfst du mir nichts!« Augenblicklich war dasselbe bei ihm und brachte ihn und das Kalb im Nu hinauf zu dem Gränzstein. »Drehe den Stein!« sagte das Licht zu dem nüchtern gewordenen Metzger. »Das werde ich nicht können,« erwiderte er, und darauf jenes: »Es geht schon, versuche es nur!« Als er es that, konnte er den Stein ganz leicht bis in eine gewisse Richtung wenden. »So, jetzt bin ich erlöst!« sprach dann das Licht und verschwand. Zu Hause zeigte der Metzger die Sache an, und bei der Untersuchung stellte sich heraus, daß der Hofbauer bei seinen Lebzeiten dem Gränzstein eine falsche Richtung gegeben, und dadurch ein Stück des anstoßenden fremden Waldes sich verschafft hatte, welches nun dem rechtmäßigen Eigenthümer zurückgegeben wurde.

72.

Die lange Ell.

In den Straßen von Oppenau geht Nachts eine gespenstige Frau, in der Ortstracht, um. Sie ist so hoch, daß sie in den zweiten Stock der Häuser sieht, und wird die _lange Ell_ genannt. Frauen, welche noch spät in der Nacht häusliche Geschäfte verrichteten, hat sie schon ermahnt, dieselben künftig früher zu besorgen.

73.

Der Teufel kommt um die Beute.

In einer Stube zu Oppenau verrichteten Nachts zwischen elf und zwölf drei Männer das Christoffelsgebet. Da kam der Teufel, brachte ihnen einen Zuber voll Geld und sprach: »Wer zuletzt hinaus geht, der ist mein!« In der Angst wußten die Männer nicht, was sie thun sollten: endlich lief einer zum Pfarrer und erzählte ihm das Geschehene. Darauf holte derselbe die Monstranz mit dem Allerheiligsten und begleitete den Mann zu den zwei andern. Auf sein Geheiß verließen dann die drei mit ihm die Stube, er ging hinter ihnen und rückwärts, die Monstranz in den Händen, so, daß der Heiland der Letzte war. Hierdurch kam der Teufel um seine Beute; er nahm aber auch den Zuber voll Geld wieder mit hinweg.

74.

Reden bringt um den Schatz.

Um den Schatz zu heben, welcher am Hohenrain bei Lautenbach vergraben ist, ließen zwei Bursche Mittags in diesem Dorf eine Zwingmesse lesen. Während derselben hackten sie stillschweigend auf dem Platz über dem Schatze ein wenig Erde weg, steckten zwei Weidenruthen hin, und von selbst hob sich die Kiste voll Geld aus dem Boden. Als sie darnach langten, kam einer, der ganz mit Kochlöffeln behängt war, den Berg herunter, bei dessen Erblickung der eine Bursch dem andern zuflüsterte: »Sage nur nichts!« Da versank die Kiste dröhnend in die Tiefe, und der mit den Kochlöffeln war wie weggeblasen. Daß die Hebung des Schatzes mißlungen sey, merkte der Priester sogleich in der Zwingmesse.

75.

Feiertags-Entheiligung bestraft.

An Maria-Geburt 1843 heimste ein Mann zu Oberkirch ohne Noth sein Grummet ein, worauf er äußerte, jetzt sey es vor dem Wetter gesichert. Zur Strafe dafür schlug in der folgenden Nacht der Blitz in sein Haus und verbrannte dasselbe mit allem Futter und Vieh, das darin war.

76.

Schatz und Spuk auf der Schauenburg.

Auf dem verfallenen Bergschlosse Schauenburg liegt ein Geldschatz vergraben, bei dem alle sieben Jahre eine weiße Frau sich zeigt. Einst in der Nacht rief sie den Schweinhirten von Loh, welcher mit einem Bunde Holz am Schlosse vorbeiging, mit seinem Taufnamen Ciriak, und als er darauf stehen blieb, bat sie ihn, ihr aus dem benachbarten Brunnen einen Trunk Wasser zu holen; durch denselben werde sie erlöst und er dann Herr des Schatzes. »Ich habe kein Geschirr zum Schöpfen,« erwiderte der einfältige Mensch, und darauf die Frau: »So nimm deinen Schuh dazu!« Jetzt erst bemerkte der Hirt, daß sie auf der Brust einen schwarzen Flecken habe, und nun weigerte er sich, ihre Bitte zu erfüllen. Da entfernte sich die Frau unter fürchterlichem Krachen, und er wurde, ohne zu wissen wie, in einen hohen Tannenstamm gesetzt, der sich plötzlich zu einer Gabel gespaltet hatte. Weil er sich nicht heraushelfen konnte, erhob er ein großes Geschrei; aber erst am Morgen ward er von herbeikommenden Holzhauern gehört und aus seiner Klemme befreit.

77.

Teufelsstein.

(Abweichungen von Nr. 129 des Hauptwerks.)

1) Kaum war das Wendelinskirchlein bei Meisenbühl und Nußbach fertig, so wollte der böse Feind es zusammenwerfen. Zu dem Ende lud er, mit Hülfe der andern Teufel, den größten der _zwölf Steine_ sich auf, und begab sich damit allein auf den Berg über der Kapelle. Als er von ihr noch etwas entfernt war, fing es darin an zu läuten, und da mußte er den Felsen fallen lassen, welchen er nachher nicht wieder aufheben konnte.

2) Um die Kapelle zu zertrümmern, biß der Satan den Felsen vom Berg ab und ging damit auf sie los. Im _Erbsengarten_ begegnete ihm ein altes Männlein, das unser Heiland war, und fragte ihn, was er vorhabe. »Den Schweinstall da unten will ich mit dem Stein zusammenwerfen,« antwortete er, indem er auf das Kirchlein wies. Das Männlein redete ihm zu, vorerst seine Last abzulegen und auszuruhen, was er auch befolgte. Nach einiger Zeit wollte er den Felsen wieder aufheben; aber da war derselbe so weich geworden, daß sich seine Krallen darein drückten, und er mit ihm der Kapelle nicht mehr schaden konnte.

3) Als der Teufel den Stein auf das Kirchlein werfen wollte, erschien der Erzengel Gabriel, und durch dessen Macht wurde der Stein so heiß, daß er schmolz und für den Bösen unbrauchbar ward.

78.

St. Antonius bei Oberachern.

Als einst die Schweine von Oberachern im nahen Bergwald weideten, wühlten sie ein kleines hölzernes Standbild des heiligen Antonius von Padua aus dem Boden. Dasselbe stellten die Hirtenbuben an einen dortigen Eichstamm und machten ein Dach von geflochtenen Weiden darüber. Bald leuchtete das Bild mit Wundern, und mit der Andacht nahmen die Opfer so zu, daß auf dem Platz eine stattliche Kapelle erbaut werden konnte. Sie trägt den Namen des Heiligen, und auf ihrem Hochaltar ist das Gnadenbild aufgestellt.

79.

Hohinrot's Erbauung.

Der Sohn aus der Burg Rodeck und die Tochter aus der Burg Altwindeck wollten einander ehelichen; es fiel ihnen aber schwer, sich von ihren Eltern zu trennen. Sie suchten deßwegen auf dem Gebirge nach einem Platze, von welchem sie beide Burgen sehen könnten. Mit vieler Mühe fanden sie einen solchen und ließen dort für sich das Schloß Hohinrot erbauen, aus dessen Fenstern sie dann ihren Eltern fleißig zuwinkten.

80.

Brigitte.

Ein Ritter von Hohinrot hatte eine Frau, Namens _Brigitte_, von der die Burg auch das _Brigittenschloß_ heißt. Sie war eben so fromm, als mildthätig, besuchte und pflegte die Kranken der umliegenden Ortschaften, entband die Wöchnerinnen und schenkte den Armen so viel sie vermochte. Als sie einst denselben einen Korb voll Essen bringen wollte, begegnete ihr ihr Mann, der das viele Verschenken nicht leiden konnte. »Was hast Du in dem Korbe?« fragte er, und erhielt die Antwort: »Rosen.« Da hob er den Deckel auf, und sieh! der Korb war mit den schönsten Rosen angefüllt.