Neugesammelte Volkssagen aus dem Lande Baden und den angrenzenden Gegenden

Part 7

Chapter 73,717 wordsPublic domain

Ein reisender Handwerksbursch, welchen sein Weg über den Berg führte, legte sich daselbst ermüdet nieder und schlief ein. Durch ein Streichen über sein Gesicht ward er geweckt, und vor ihm stand die weiße Jungfrau und fragte ihn, ob er arm sey. Nachdem er es bejaht hatte, hielt sie ihm ihr Gebund Schlüssel hin, mit den Worten: »Wähle einen der Schlüssel, und wenn Du den rechten erräthst, so ist Dir und mir geholfen!« Auf seine Bitte, ihm den rechten zu zeigen, erwiderte sie, daß sie selbst denselben nicht kenne. Er suchte nun einen Schlüssel aus, allein als sie ihn aus dem Gebund ziehen wollte, wählte er einen andern, darauf nahm sie diesen heraus und steckte ihn in das Schlüsselloch einer Thüre, die daselbst in den Berg führte, aber erst jetzt sichtbar wurde. Trotz aller Anstrengung konnte die Jungfrau die Thüre nicht aufschließen, worauf sie traurig sagte: »Es ist der rechte Schlüssel nicht!« und im Nu, nebst der Thüre, verschwunden war.

Der Burgbrunnen steht mit einem wasserreichen See in unterirdischer Verbindung, daher er immer gleich stark fließet. Bei ihm ging vormals ein Gang in den Berg, welcher mit einer eisernen Thüre verschlossen war. Auf derselben sah, Nachmittags um halb 4 Uhr, ein dort arbeitender Mann einen Vogel sitzen, der sich gutwillig von ihm fangen ließ. Er that ihn in sein Sacktuch, legte es nebenhin in's Gras und seine Jacke darauf. Nach einer halben Stunde sah er wieder nach dem Vogel; aber da war derselbe weg, obgleich Jacke und Sacktuch unverrückt gewesen. Nun erkannte der Mann, daß er es mit keinem wirklichen Vogel zu thun gehabt habe.

Drei andern Männern kam kurz vor dem Abendgeläute, als sie die Bergtreppchen hinunter gingen, ein Unbekannter mit einem Stock entgegen, welcher ihren Gruß nicht erwiderte und, da sie ihn genauer betrachteten, Geisfüße hatte.

Im Advent hat man schon, um Mitternacht, eine Geisterprozession vom Berg herunter in die katholische Kirche im Durlacher Schlosse gehen sehen.

Auf dem Heimweg von Söllingen hörte ein Durlacher Metzger, bei einbrechender Nacht, auf dem Thurmberg Kegel schieben. Weil er dieses Spiel sehr liebte, band er das Kalb, welches er mitführte, an einen Baum und begab sich auf den Berg. Daselbst kegelten mehrere unbekannte Männer, allein sie hatten Niemand zum Aufsetzen. Unaufgefordert übernahm dies der Metzger; aber nach einiger Zeit ward ihm, bei dem steten Schweigen der Männer, so unheimlich, daß er davon lief. Da wurde ihm eine der Kugeln nachgeworfen, die hart an ihm vorbei rollte und am Berge liegen blieb. Ohne sie aufzuheben, eilte er zu dem Kalb und brachte es nach Hause. Bald jedoch wurmte es ihn, daß er die Kugel nicht mitgenommen habe, welche, als er sie in aller Frühe aufsuchte, noch am nämlichen Platze lag. Mit Freude entdeckte er, daß sie von Silber sey, und kaufte sich damit ein Stück Feld, das die _Silbergrube_ benannt wurde.

Eines Abends sahen Buben bei dem Wächterhäuschen eine Menge gelber Blechlein aufgehäuft liegen. Einer von ihnen steckte ein Dutzend derselben ein, und als er sie daheim herauszog, waren es goldene Elfguldenstücke geworden.

121.

Schatz ausgeliefert.

In einem Hause beim Pforzheimer Roßwehr war eines Abends die Frau allein in der Stube. Da rief ihr die Stimme eines Unsichtbaren herein: sie solle in den Keller gehen, den Hafen mit Eiern, der dort auf einem gewissen Platze stehe, holen und den Schatz auch die Armen genießen lassen. Sogleich begab sich die Frau in den Keller, fand an der bezeichneten Stelle den Hafen mit Eiern und nahm ihn mit sich. Am nächsten Morgen waren die Eier zu Gold geworden, wovon die Frau und ihr Mann den Armen reichlich mittheilten.

122.

Der Feuerschläger.

Im Walde bei Eisingen geht Nachts und Mittags ein riesenhafter schwarzer Mann um, der mit einem Feuerzeug Funken, so groß wie Sterne, schlägt und der Feuerschläger genannt wird. Häufig steht er bei einer gewissen Eiche am Saume des Waldes; häufig auch führt er die Leute irre. Unter der Eiche sahen Nachts ein vorübergehender Schornsteinfeger und sein Gesell einen Haufen glühender Kohlen liegen. Trotz der Abmahnung seines Meisters ging der Gesell hin und wollte von den Kohlen nehmen; aber da bekam er von unsichtbarer Hand eine solche Ohrfeige, daß er eilig sich zurück begab.

123.

Königsbach.

Dieses Dorf hat seinen Namen daher, daß auf dem dortigen Berg ein König wohnte, und an jenes Fuße ein Bach entspringt. Der König trieb arge Wegelagerei, und um darüber zu täuschen, wo er und seine Mannen seien, legten sie ihren Rossen die Hufeisen verkehrt auf. Weil seine Burg das einzige steinerne Haus im Orte war, wurde der Berg, worauf sie stand, der _Steinhausberg_ genannt. Übrigens war Königsbach damals so groß, daß es siebenhundert Bürger zählte. Im Schwedenkrieg kamen dieselben auf sieben herunter, welche, als der Friede verkündet ward, im Adlerwirthshaus zusammen kamen und mit einer Geige aufspielten. Um ihr Feld wieder einzusäen, mußten sie den Samen weit herkommen lassen; denn sieben Jahre lang hatten die Schweden alle Frucht im ganzen Land abgeschnitten.

Aus der Burg, von welcher jetzt wenig mehr übrig ist, führte ein unterirdischer Gang zu dem Schlosse in den Brachenthaler Wiesen. Als einst Mittags an der Stelle, wo dasselbe gestanden hatte, ein Bauer zackerte, brach sein Pferd mit einem Fuße in den Boden. Beim Herausziehen hing eine lange Goldkette daran, die aber, als der Bauer das Pferd fluchend antrieb, augenblicklich versank.

Auf der Burg liegt, bei einem Nußbaum, ein großer Schatz in einem tiefen Brunnen, der mit einer steinernen Platte zugedeckt ist. Dahin wandeln öfters aus der Ortskirche zwei gespenstige Fräulein in weißen Schleiern und Gewändern mit Schlüsselbunden, und verschwinden auf der Steinplatte. Auch die Geister von Kapuzinern und ein nächtliches Licht lassen sich im Burgraume sehen.

In ein dortiges Gewölbe schaute eines Sonntag Mittags ein Mann durch ein Mauerloch und gewahrte eine Kiste, auf welcher ein Hund mit feurigen Augen lag. Als er den Kopf zurückziehen wollte, war derselbe so geschwollen, daß, um ihn herauszubringen, das Loch erweitert werden mußte. Nachher wurde das Gewölbe durchsucht, aber weder Kiste, noch Hund gefunden.

Durch einen zickzackigen Gang kam einmal ein Lehrjunge in den Burgkeller; er entfloh jedoch, als er darin einige Hunde auf Truhen sitzen sah. In dem Keller poltert es zuweilen, wie wenn Küfer an Fässer klopfen.

Ein anderer Bube erblickte auf dem Berg einen Hafen voll gelber Schneckenhäuschen. Er steckte eines davon ein und fand es später in einen goldenen Knopf von der Größe einer Doppelkarlin verwandelt.

Ebenda zeigte sich, Mittags um 12 Uhr, einem dritten Knaben ein Hafen mit Goldkäfern. Sogleich lief er damit nach Hause, und siehe, die Käfer waren zu Goldmünzen geworden.

Die Magd eines Hauses, das unten am Berge liegt, war Morgens auf ihn gegangen, um Futter zu holen, aber über dem Geschäft ermüdet eingeschlafen. Als sie erwachte, schlug es 11 Uhr, und plötzlich sah sie vor sich einen Haufen alten Geldes liegen. Stillschweigend wollte sie ihn in ihre Schürze thun, da rief ihr ihre Frau aus dem Fenster, sie möge doch endlich heimkommen, und alsbald versank das Geld in den Boden.

Im Burgraum hängt an manchen Mittagen feine weiße Wäsche, von der man nicht weiß, wo sie herkommt; und in der Christnacht hat einmal, von halb 11 bis 12 Uhr, der ganze Berg in spukhaftem Feuer gestanden.

124.

Nachgeholte Wallfahrt.

Ein Mann in Weingarten hatte gelobt: von da ein hölzernes Kreuz von dreiunddreißig Pfund über den Engelsberg nach Walldürn zu tragen; dabei auf jeder der vielen Staffeln des Engelsbergs ein »Vaterunser« und »Gegrüßet sey'st du Maria« zu beten, und in Walldürn ein Amt halten zu lassen; er war aber gestorben, ohne dieses Gelübde erfüllt zu haben. Gleich nach seinem Tode erschien er seiner ledigen, armen Tochter und bat sie, das, was er gelobt, für ihn zu thun, wobei ihre vier Geschwister ihr behilflich seyn würden. Gerne auch ließen dieselben das Kreuz machen und begleiteten ihre Schwester auf der Wallfahrt. Als sie den Engelsberg zu besteigen begannen, stürzte ein unsichtbarer Teufel das Mädchen mehrmals nieder, worauf ihre Geschwister sie nebst dem Kreuze von Staffel zu Staffel hinauftrugen. In Walldürn angekommen, opferte sie das Kreuz in die Kirche und ließ nachher das Amt halten. Unter diesem erschien ihr ihr Vater in glänzend weißer Gestalt und dankte für seine Erlösung. Alsdann legte er seine Hand auf die ihre, welche sie mit einem Tuch bedeckt hatte, und verschwand. Wo seine Hand gelegen, war deren Abbild schwarz in das Tuch gebrannt.

125.

Geist zu Weingarten.

Auf dem Thurmberg in Weingarten geht am Ostersonntag, Mittags zwischen elf und zwölf, ein Mann in seinem ehemaligen Wingert um und lies't Rebschnitzel auf, weil er es bei seinen Lebzeiten einmal ebenso gemacht hat. Einst beredete ihn ein Bube, der ihn nicht kannte, über die Entheiligung des Feiertags, und da warf der Geist eine Hand voll Rebschnitzel gegen ihn, welche lauter Feuer waren.

126.

Marienburg.

Auf einem Berge bei Obergrombach liegt das Schloß Marienburg. Als in der Gegend die verheerende Bräunkrankheit herrschte, wurde, wenn Jemand starb, auf dem hohen Schloßthurm eine kleine Glocke geläutet, die deßhalb das _Bräunglöcklein_ hieß.

Von der Burg haben unterirdische Gänge nach Obergrombach, in das Frauenkloster bei Helmsheim und in das Schloß in den _Steinhaufen_ geführt; sie sind aber jetzt, wie die Burg selbst, größtentheils verfallen. In dieser hat man schon Mittags zwischen elf und zwölf Geister kegeln hören, und Nachts zeigt sich daselbst ein sternförmiges Licht und eine schneeweiße Frau, welche nur auf der großen Zehe einen schwarzen Flecken hat.

Ebenda und im benachbarten Burgwingert geht ein ehemaliger Aufseher der Schloßkelter um, welcher sich an derselben erhängt hat. Er wird der _Kelterhännsle_ genannt und pflegt manchmal nach den Vorübergehenden mit Erdschollen zu werfen.

Einst ließ sich ein Bursch in das tiefe Gewölbe an einem Seil hinab. Darin sah er große Fässer herumliegen und einen Mann regungslos an einem Tische sitzen. Nachdem er ihn vergebens angeredet hatte, berührte er ihn, und da fiel derselbe als Staub auseinander. Ebenso fielen die Fässer, als sie angefaßt wurden, in Stücke. Der Wein war darin, durch die Länge der Zeit, ganz eingetrocknet.

Ein anderes Mal gruben Nachts drei Männer stillschweigend nach der Kiste voll Geld, die unter dem großen Thurme verborgen liegt. Endlich stießen sie auf dieselbe, und da sprach einer von ihnen: »Jetzt sind wir darauf!« Bei diesen Worten versank die Kiste dröhnend in die Tiefe, und die Männer hatten das leere Nachsehen.

127.

Reden bringt um den Schatz.

In den sogenannten _Steinhaufen_ bei Obergrombach hat vor Zeiten ein Schloß gestanden, und es liegt dort eine Kiste voll Geld im Boden. Nach derselben grub in einer Nacht ein Mann, und schon erblickte er ihren Deckel, als ein Pudel herbeikam und sich anschickte, darauf zu kacken. »Gehst du fort!« rief der Mann ihm zu, und augenblicklich waren Kiste und Pudel verschwunden.

128.

Wie Bruchsal um den Eichelberg kam.

Von ihrem Fürstbischofe hatte die Stadt Bruchsal einen namhaften Geldbetrag entlehnt, und ihm dafür den schön bewaldeten Eichelberg versetzt. Dabei war bedungen worden, daß, wenn die Rückzahlung nicht in einer bestimmten Zeit an den Fürsten selbst geschähe, das Pfand ihm anheimfalle. Als die Frist sich ihrem Ende nahte, verreiste der Bischof, und kehrte erst nach ihrem Ablaufe zurück. Er erklärte nun den Eichelberg für sein Eigentum, aber die Bruchsaler, welche am letzten Tage der Frist ihre Schuld hatten abtragen wollen, erhoben dagegen beim Kaiser eine Klage. Von demselben erhielten sie ein günstiges Urtheil, das mit goldenen Buchstaben geschrieben war. Trotz dessen wollte der Fürst den Eichelberg behalten, und in dieser Absicht lud er die zwölf Rathsherren von Bruchsal zu sich auf das Obergrombacher Schloß. Nachdem er sie köstlich bewirthet hatte, bestürmte er sie mit Bitten und Drohungen, eine Urkunde zu unterschreiben, die ihm den erwähnten Berg überlasse; allein standhaft verweigerten es alle. Auf dieses ließ er sie in den Burghof führen und, in seiner Gegenwart, ihrer elf, einen nach dem andern, durch den Scharfrichter enthaupten. Hierbei floß das Blut, wie ein Bach, den Schloßberg hinunter. Als die Reihe an den zwölften Rathsherrn kam, fragte der Bischof den Scharfrichter, wie ihm das Kopfabschlagen gefalle. »Wenn's Krautköpfe oder Weidenstümpfe wären, die wieder ausschlagen, gefiele es mir schon; so aber gefällt es mir nicht!« gab derselbe zur Antwort. Hierdurch ward der Fürst bewogen, den Rathsherrn zu begnadigen; er ließ ihm aber das kaiserliche Urtheil abnehmen, welches derselbe bei sich auf der Brust trug. Nachdem der Rathsherr nach Bruchsal zurückgekommen war, verkündete er das Geschehene und regte dadurch Alles zur Rache auf. Es wurde verabredet, daß, wenn der Bischof bei seiner nächsten Durchreise auf die Salbrücke komme, mit der Glocke des dortigen Kirchleins die bewaffnete Bürgerschaft zusammen gerufen werde, um sich seiner zu bemächtigen. Dies hinterbrachte ein Verräther dem Fürsten, der darauf, in der Nacht vor seiner Durchreise, den Schwengel der Glocke heimlich herausnehmen und dafür einen Fuchsschwanz hineinhängen ließ. Als er dann über die Brücke fuhr, wollte man eilig in dem Kirchlein läuten; aber die Glocke mit dem Fuchsschwanz tönte nicht, und so kam der Bischof unangefochten durch die Stadt. Den Eichelberg hat diese, bis auf den heutigen Tag, nicht zurück bekommen.[13]

[13] Keiner der Bruchsaler Fürstbischöfe hat den Eichelberg auf solche Weise an sich gebracht.

129.

Muttergottesröslein.

Die heilige Jungfrau pflegte die Windeln des Jesuskindes an Sträuchen wilder Rosen zum Trocknen aufzuhängen. Davon erhielten diese Stauden und alle von ihnen abstammende einen lieblichen Geruch, und ihre Blumen den Namen _Muttergottesröslein_.

130.

Hexenkuchen.

Am Tage der Gochsheimer Kirchweihe rief einmal eine dortige Frau, die allgemein für eine Hexe galt, ein kleines Mädchen zu sich und schenkte ihm ein Stück schönen, weißen Kuchens. Ohne davon zu essen, nahm das Kind den Kuchen mit nach Hause, wo seine Mutter, als sie erfahren, woher er komme, ihn gleich in die Küchenkammer verschloß. Am andern Morgen fand sie, statt seiner, ein Stück groben Schwarzbrods, worin eine Menge Menschenhaare eingebacken war.

131.

Tochter dem Teufel verschrieben.

Betrübt über den Zerfall seines Vermögens ging ein Müller in den Wald, wo er einem fremden Mann begegnete. Derselbe fragte ihn um die Ursache seiner Traurigkeit, und als er sie erfahren hatte, versprach er dem Müller eine Menge Geld, wenn dieser ihm dasjenige verschreibe, was jetzt hinter der Mühle sey. In der Meinung, dies sey der Staub, welcher beim Mahlen dahin zu fliegen pflegte, ging der Müller den Vertrag ein und unterschrieb ihn mit seinem Blute. Er erhielt hierauf das Geld, brachte es heim und erzählte seiner Frau, wie er dazu gekommen. Da erfuhr er von ihr, daß er seine Tochter dem Teufel verschrieben habe, die damals hinter der Mühle die Körner aus dem Staub gelesen, um daraus das Essen zu bereiten. Sie waren nun sehr betrübt, beschlossen aber, ihrer Tochter nichts zu sagen. In der Nacht kam der Böse zur Mühle und klopfte an die Thüre; die Tochter öffnete, weil sie aber, als ein frommes Mädchen, beim Schlafengehen sich in den drei höchsten Namen mit Weihwasser besprengt hatte, konnte der Teufel sie nicht mit fortnehmen, sondern stieß sie zurück. Ebenso ging es in der folgenden Nacht, worauf der Müller, auf Befehl des Bösen, das Weihwasser hinwegschaffen mußte. In Ermangelung dessen segnete sich das Mädchen am dritten Abend mit dem am Fenster angelaufenen Wasser und bewirkte dadurch, daß der Teufel, als er in der Nacht kam, ihr wieder nichts anhaben konnte. Am nächsten Morgen erzählte sie ihren Eltern, was ihr in den drei Nächten begegnet, worauf dieselben ihr Alles offenbarten. Da legte sie ihre Hand auf einen Klotz und hieb sie sich mit dem Beile ab, nachher ließ sie die andere Hand sich auch abschlagen und überließ beide dem Teufel, worauf dieselben sogleich verschwanden. Alsdann ging sie auf und davon, betete fleißig und bekreuzte sich dabei mit ihren Armen. Sie kam in einen schönen Garten bei einem fürstlichen Schlosse, in welchem sie zur Stillung ihres Hungers einige Äpfel mit dem Munde aufhob und verzehrte. Weil ihre Wunden noch bluteten, entdeckte der Fürst ihre Spur, und nachdem er derselben an zwei Tagen vergebens nachgegangen war, fand er am dritten in der Frühe mittelst seines Hundes das Mädchen in einem Busche, wo sie ruhig schlief. Sie gefiel ihm so wohl, daß er sie heirathete, wodurch sie aber nicht hoffärtig ward, sondern stets demüthig und fromm blieb. Nach einiger Zeit mußte er in den Krieg; während seiner Abwesenheit gebar sie ihm Zwillingsknaben und ließ es ihm schreiben. Der Bote, welcher den Brief überbringen sollte, schlief unterwegs an einem Waldbrunnen ein, da kam der Böse und vertauschte den Brief mit einem andern, worin unter dem Namen der Hofherren die abscheulichsten Dinge über die Fürstin gemeldet wurden. Der Fürst schrieb zurück, man solle, bis er heimkomme, seine Frau mit der seitherigen Ehrerbietung behandeln; aber als der Bote auf dem Rückweg abermals an dem Brunnen eingeschlafen war, nahm ihm der Teufel wieder das Schreiben und steckte ihm ein anderes zu, worin den Hofherren befohlen wurde, die Fürstin mit ihren Kindern unverzüglich auszutreiben. Dieses ward vollzogen und ihr dabei das eine Kind auf die Brust, das andere auf den Rücken gebunden. Vor Durst schmachtend, kam sie zu dem Brunnen, konnte aber wegen ihrer an sie gebundenen Kinder sich nicht niederbücken, um zu trinken. Da rief sie Gott um Hilfe an und alsbald trat ein Mann zu ihr, band ihr die Kinder los und hieß sie ihre Arme auf den Klotz legen, der plötzlich mit ihren abgehauenen Händen vor ihr stand. Sie that es und der Mann heilte ihr die Hände so gut an, daß sie dieselben gleich gebrauchen konnte. Nachdem sie in eine Wildniß gekommen, worin kein Obdach zu finden war, betete sie um ein solches, und siehe! auf einmal stand ein Hüttlein mit Geräth und Lebensmitteln da. Dankbar bezog sie es mit ihren Kindern und führte ein frommes Einsiedlerleben. So oft ihr die Nahrungsmittel ausgingen, erhielt sie auf ihr Gebet stets neue. Als so Jahre verflossen waren, kam eines Abends zu dem Hüttlein ein Mann und bat um Nachtlager. Da sie nur _ein_ Bett hatte, mußte sie ihn auf der Bank schlafen lassen. In der Nacht hörte er, wie die Kinder zu einander sagten: wenn sie nur ihren Vater sehen würden; er befragte darüber am Morgen die Frau und erfuhr von ihr, wie sie verstoßen worden sey. »Wenn ihr keine Hände hättet, würde ich euch für meine unschuldig verbannte Frau halten, die ich seit meiner Rückkunft aus dem Kriege schon jahrelang suche,« erwiderte er, und darauf erzählte sie ihm, wie sie ihre Hände wieder erhalten habe, und zeigte, daß sie angeheilt seyen. Da erkannten sie einander zu ihrer und ihrer Kinder großen Freude. Der Fürst beschloß, ihr Einsiedlerleben zu theilen; auf das Gebet seiner Frau stand statt der kleinen Hütte eine größere mit mehr Geräth und Nahrungsvorrath da, in welcher sie Gott dienten bis zu ihrem seligen Ende.

132.

Gespenstige Rathsversammlung.

In einer Spinnstube zu Eppingen wurde spät in der Nacht die Frage aufgeworfen: wer wohl den Muth habe, jetzt in das alte, verrufene Rathhaus zu gehen. Ein Mädchen erbot sich dazu und nahm eine Ruthe und eine schwarze Katze mit. Als sie in den Rathssaal kam, saßen darin zwölf gespenstige Rathsherren um den Tisch, welche zu ihr sprachen: »Hättest du die Ruthe und die schwarze Katze nicht bei dir, so wollten wir dir etwas Anderes sagen!« Voll Schrecken entfloh das Mädchen und starb noch in derselben Nacht.

133.

Meerweiblein.

Eine Viertelstunde von Waldangelloch entspringt eine frische Duelle, die von dem Holderbusch, der früher bei ihr stand, _Holderbrunnen_ heißt. In deren Umgebung pflegte eine arme, alte Frau das Futter für ihre Kuh zu suchen, mit dem sie eines Abends erst um 9 Uhr, als es schon lange Nacht war, nach Hause kam. Hierwegen befragt, erwiderte sie nur, sie sey bei guten Freundinnen gewesen, welche sie erst heute habe kennen lernen. Eine ähnliche Antwort gab sie auch an den folgenden Tagen, wo sie ebenfalls erst zur erwähnten Stunde heimkehrte. Endlich schlichen ihr einige Leute nach, sahen sie mit zwei fremden, schönen Mädchen bei dem Holderbusche stehen und letztere, als sie sich näherten, in dem Brunnen verschwinden. Auf dieses ward die Frau noch mehr mit Fragen über die Mädchen bestürmt und gebeten, dieselben in ihr Haus mitzubringen, worauf sie erwiderte: »Meine Freundinnen leben unter der Erde, und ich werde, wie sie wünschen, bald mit ihnen hinabgehen; in mein Haus kommen sie schwerlich, jedoch will ich versuchen, sie dazu zu bereden.« Dieses gelang ihr: am bestimmten Abend kamen die beiden Mädchen, ohne daß sie von der Frau abgeholt wurden, oder im Orte sich nach deren Haus erkundigten, zu ihr in die Spinnstube. Jede brachte ein brennendes Laternchen, eine Kunkel und Hanf mit; sie waren gekleidet wie die Dorfmädchen, hatten aber Gürtel und weiße Schürzen an. Während des Spinnens scherzten und lachten sie mit den anwesenden Mädchen und Burschen, erzählten, daß es bei ihnen wie auf der Erde sey, und nahmen nichts als Obst und Brod an. Schlag neun Uhr zündeten sie ihre Laternen an und gingen, trotz alles Bittens, länger da zu bleiben, mit dem Versprechen fort, am nächsten Abend wieder zu kommen. Dasselbe erfüllten sie und fanden fortan dreiundzwanzig Tage lang jeden Abend, wenn es dunkel war, sich ein. Ihr Betragen blieb stets das gleiche; nur knüpfte die eine mit einem der Burschen eine Liebschaft an. Ihm allein erlaubten sie, beim Heimgehen sie halbwegs zu begleiten; bis zum Brunnen hätte er nur dann mitgedurft, wenn er Willens gewesen wäre, sich auch hinein zu begeben. Letzteres zu thun, konnte er erst auf vieles Zureden seiner Geliebten sich entschließen. Als sie an die Quelle kamen, wollten die Mädchen, daß zuerst die eine, dann er und nachher die andere sich hinunter ließe, er aber begehrte, der Letzte zu seyn. Auf dieses schnallte ihm seine Geliebte ihren Gürtel um, indem sie ihm versicherte, daß er durch ihn vor dem Naßwerden geschützt sey, dann stieg sie und nachher ihre Gefährtin in den Brunnen hinab; aber der Bursch wagte nicht, ihnen zu folgen, sondern blieb an der Quelle stehen. Auf einmal ward deren Wasser blutroth, worauf er eilig den Gürtel hineinwarf, weil er dachte, daß derselbe nicht hätte zurückbleiben sollen. Die Mädchen, welches Meerweiblein waren, sind nachher niemals wieder gesehen worden.

134.

Zauberarbeit.

Ein Schuster zu Waldangelloch hatte gewettet, er allein werde vom Morgen bis zum Abend ein Paar Stiefel und ein paar Schuhe machen. Auf sein Verlangen schlossen ihn seine Gegner in seine Werkstätte ein, in die sie nach einigen Stunden durch das Schlüsselloch schauten. Da sahen sie den Schuhmacher müßig sitzen, vier unbekannte Männer aber emsig arbeiten. Schnell drangen sie hinein, fanden aber statt dieser Männer nichts, als vier Mücken unter vier Fingerhüten. Sie ließen darauf den Schuster wieder allein, und am Abend hatte er die Stiefel und Schuhe fertig und damit die Wette gewonnen.

135.

Raubmörder geht um.