Neugesammelte Volkssagen aus dem Lande Baden und den angrenzenden Gegenden

Part 3

Chapter 33,832 wordsPublic domain

Vor sechszig Jahren sah ein Bube vom Rothenhof, als er zum ersten Male mit dem Vieh in den dortigen Bergwald fuhr, auf dem Troge des Tränkbrunnens eine weiße Jungfrau sitzen, die ihm hinwinkte. Erschrocken eilte er auf den Weideplatz zu den andern Hirtenknaben und erzählte ihnen, was ihm begegnet. Sie sagten ihm, die weiße Jungfrau sey schon oft da gesehen worden, und wenn sie ihm wieder winke, solle er nur zu ihr gehen. Am andern Tage that er dies und wurde von ihr mit folgenden Worten angeredet. »Du kannst mich aus diesem Gebirge befreien, in welchem ich schon zweihundert Jahre umgehe, und mir zum Himmel verhelfen. Komm' heute Nacht um zwölf Uhr wieder hierher, dann wirst Du von mir erfahren, was Du zu meiner Erlösung zu thun hast!« Nach diesem war sie verschwunden. Zur bestimmten Zeit kam der Bube zu dem Brunnen, auf dessen Trog der Geist wieder saß und sprach: »Geh' jetzt dort in den Wald und hole mir den goldenen Kelch her, den Du unter einer großen Tanne finden wirst. Es geschieht Dir kein Leid; Du darfst aber weder ein Wort sprechen, noch Dich durch etwas irren oder schrecken lassen. Habe ich den Kelch, dann fülle ich ihn hier am Brunnen, trinke ihn aus und bin erlöst.« Gutes Muthes machte sich der Knabe auf den Weg und kam richtig zur Tanne, worunter der Kelch sich befand. Da hörte er in der Luft ein Gesause; er blickte empor und sah über sich einen großen Mühlstein[2] an einem dünnen Faden hängen, welcher sich schnell herumdrehte und auf ihn herabzustürzen drohte. Voll Schrecken stieß er einen Schrei aus und floh über Hals und Kopf zum Brunnen zurück. »Nun ist es um meine Erlösung geschehen!« klagte die Jungfrau, »und ich muß wieder warten, bis die kleine Tanne hier zu einem Sägbaum geworden und aus seinen frisch geschnittenen Brettern eine Wiege für ein neugeborenes Kind gemacht ist. Wenn dasselbe dann Dein jetziges Alter erreicht hat, so wird es mich von meinem Leiden befreien.« Hierauf verschwand die Jungfrau, welche in der Folge wieder öfters am Brunnen gesehen worden ist.

[2] Andere sagen: ein gewaltiges Schwert.

35.

Geist nieset.

Drei Männer aus Krotzingen gingen einst Nachts von Staufen nach Hause. Im Hohlweg hörten sie zweimal stark niesen; »Helf' Gott!« sagte jedesmal der eine, aber als es zum dritten Male nieste, sprach er: »Wenn Dir Gott nicht hilft, so helfe Dir der Teufel!« Da rief eine klägliche Stimme: »Hättest Du noch einmal 'helf' Gott' gesagt, so wäre ich jetzt erlöst, nun aber bin ich ewig verdammt!« und verhallte dann in Jammertönen[3].

[3] Der Schluß dieser Sage ist eben so ungewöhnlich, als unkatholisch.

36.

Der Hunnenfürst mit dem goldenen Kalb.

Bei einem Einfall in Deutschland kamen die Hunnen nach Schlatt, zerstörten das Frauenkloster bei dem Heilbrunnen und den größten Theil des Dorfes. Zwischen diesem und dem Rheine trafen sie das Heer der Deutschen und erlitten eine völlige Niederlage. Ihr Fürst fiel in der Schlacht; er wurde von ihnen in einen goldenen Sarg gelegt, den ein silberner und letzteren ein hölzerner umschloß, und mit seinen Schätzen und einem lebensgroßen goldenen Götzenkalb drei Stunden von der Hochstraße beerdigt. Über dem Grabe errichteten sie einen mächtigen Hügel und rechts und links, in geringen Entfernungen, je einen kleinern, damit die Feinde nicht wissen sollten, wo der Fürst begraben sey. Noch immer ist dieser mit allen den Kostbarkeiten unaufgefunden. Auf dem Schlachtfelde läßt in manchen Nächten Kampfgeschrei und Waffengetös unsichtbarer Streiter sich hören[4].

[4] Diese Erzählung ist genauer, als die unter Nr. 41 des Hauptwerkes mitgetheilte.

37.

Geistige Nonne.

Die Stifterin des ehemaligen Klosters der Lazaristinnen zu Schlatt erscheint noch dort in manchen Nächten. In ihrer Ordenstracht, mit goldglänzenden Schuhen, geht sie schweigend, die Hände übereinander gelegt, von dem Platze des Klosters durch das Herrengäßlein in die Herrenreben. Wer ihr über seine _rechte_ Schulter nachschaut, dem verschwindet sie sogleich, wer es aber über die _linke_ thut, der sieht sie bis in die erwähnten Reben.

38.

Geld sonnt sich.

Während der Mittagsruhe sahen einmal die Steinbrecher von Biengen auf dem nahen Schlatter Rebberg einen schimmernden Haufen liegen. »Heute ist der erste März, da sonnen sich die Schätze,« sprach einer von ihnen und eilte nach dem Berge. Dort fand er nur thönerne Scherben und nahm einige zu seinen Genossen mit. Diese zerschlugen sie in kleine Stücke, deren er etliche einsteckte, um sie seinem Meister zu zeigen. Als er dies am nächsten Morgen thun wollte, fand er statt ihrer zerschlagene Silbermünzen, auf dem Berg aber, wohin er sogleich lief, keine Scherben mehr und keine Geldstücke.

39.

Geldmännlein.

In Hausen an der Möhlin hatte eine Frau ein sogenanntes Geldmännlein. Dies war eine lebende Kröte, welche sie in einer Schachtel aufbewahrte, täglich in einem Glase Rothwein badete und dann dasselbe austrank. Jeden Abend legte sie einen Thaler zu der Kröte in die Schachtel, und am andern Morgen konnte sie stets zwei solcher Geldstücke herausnehmen. Nachdem sie so sich genug Vermögen gesammelt, suchte sie das Geldmännlein zu verschenken, allein sie brachte es nicht an und starb endlich, ohne es los geworden zu seyn. Da füllte sich gleich das Haus mit schwarzen Katzen, deren eine bei dem Leichnam sitzen blieb, bis er begraben wurde. Auch nachdem dies geschehen war, tobten die Katzen in dem Hause umher, und da sie auf keine Weise hinaus gebracht werden konnten, ward es von seinen Bewohnern verlassen. Viele Jahre stand es leer, endlich wurde es ganz neu hergestellt, und seitdem sind die Katzen daraus verschwunden.

40.

Todter von Erde und Wasser ausgeworfen.

Ein Geizhals in Munzingen hatte viel Geld zusammengescharrt und der Gemeinde Felder und Gerechtsamen wiederrechtlich entzogen. Nach seinem Tode litt ihn die Erde nicht in sich, sondern stieß allnächtlich den Sarg aus dem Grabe. Ebenso wenig duldete ihn das Wasser; denn als man die Todtenlade durch den Bach in den Rhein flößen wollte, warf jener sie alsbald an das Ufer.

Auf dieses wandte man sich an einen frommen Priester, welcher dann den Geist des Verstorbenen herbei beschwur. Derselbe erschien in Gestalt eines kleinen Schweines; er ward in einen Kasten gesperrt und auf einen vierspännigen Wagen geladen. Mit diesem mußte nun so lange im Land umhergefahren werden, bis ein dazu bestimmter namhafter Geldbetrag verbraucht war. Nur Nachts durfte die Fahrt geschehen, wobei der Wagen oft so schwer wurde, daß die Pferde ihn kaum fortbrachten. Bergab hatte er Vorspann, bergauf den Hemmschuh nöthig. Seinen Führern war auferlegt, daß Geld möglichst bald auszugeben. Zu dem Ende kehrten sie in jedem Wirthshause ein, bezahlten die kleinste Dienstleistung, durften aber nie mehr geben, als gefordert wurde. Dem Schweine ward täglich Fressen vorgesetzt, und es auch stets von ihm verzehrt. Nachdem das Geld verbraucht war, fuhr der Wagen wie jeder andere, und kehrte nach Hause zurück. Daselbst ließ der Priester den Geist wieder frei und den Sarg mit dem Leichnam in das Grab legen. In diesem konnte er nun bleiben, da auch von des Verstorbenen Erben der Gemeinde ihr entzogenes Eigenthum zurückgegeben worden war.

41.

Todtenvorschau.

Ein Nachtwächter in Ober-Rimsingen pflegte allnächtlich, wenn er beim Ausrufen der Stunden an die Kirche kam, knieend ein Vaterunser zu beten. Während dessen sah er stets diejenigen Ortsbewohner, welchen binnen vierzehn Tagen der Tod bevorstand, auf den Plätzen des Kirchhofs knieen, wo sie nachher begraben wurden.

42.

Hexe als Hase.

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts war Joseph Klingler herrschaftlicher Jäger in Ober-Rimsingen und als trefflicher Schütze bekannt. Eines Tages sah er auf dem Felde einen Hasen sorglos in seine Nähe kommen, er schoß auf ihn, bekam von seinem Gewehr einen heftigen Stoß, und der Hase hüpfte unverletzt von dannen.

Nachdem ihm dies noch einige Mal begegnet, wandte er sich an die Kapuziner in Staufen. Von denselben erhielt er eine kleine Ladung geweihten Pulvers mit der Weisung, dazu nur solche Schrote zu nehmen, die nicht tödten könnten. Er that es, und als bald nachher der Hase wieder gegen ihn kam, schoß er auf ihn, ohne vom Gewehr gestoßen zu werden. Da floh derselbe im schnellsten Laufe nach dem Dorfe, und als der ihm nacheilende Jäger auch dahin kam, hörte er, daß der Arzt zu der Frau des Vogtes geholt werde, die einen Schrotschuß empfangen habe. Jetzt wußte er, wer der Hase gewesen, welchen er fortan nicht wieder zu Gesicht bekam.

43.

Die Grüninger Kapelle.

Im Jahr 1807 mußte dieses Kirchlein nach dem Willen der Herrschaft und des Pfarrers eingehen. Dieser und der Verwalter hoben selbst das Altarblatt weg, und letzterer rief den Arbeitern, welche sich scheuten, die Gelübdebilder abzunehmen, höhnisch zu: »Werft die Kerle herunter, daß sie die Beine brechen!« Am folgenden Tage wollte er, in Hausen an der Möhlin, eine Leiter hinaufsteigen, aber auf der zweiten Sprosse glitt er aus und brach den einen Fuß so stark, daß derselbe nach der Heilung, wie ein Thierfuß aussah. Auch der Pfarrer wurde alsbald von einer anhaltenden Krankheit heimgesucht. Nachdem er zwei Jahre vergebens alle Mittel gegen sie angewendet, bat er eines Sonntags die versammelte Gemeinde, ihm die Kapelle wiederherstellen zu helfen, da er es allein nicht vermöge. Mit Freude ward diese Hilfe geleistet; bald stand das Kirchlein schöner da, als zuvor, und am Tage der Einweihung war die Krankheit des Pfarrers auf immer verschwunden.

Einige Zeit nachher zeigte sich in mehreren Nächten das Innere der Kapelle von wunderbarem Glanz erleuchtet. Zwei Rheinwächter sahen beim Heimgehen diese Erhellung und beschlossen, in das Kirchlein zu schauen. Zu dem Ende ließ sich der eine vom andern zu einem Fenster emporheben; aber kaum hatte er hineingeblickt, so verlangte er voll Schrecken wieder hinab. Auf die Frage: was er in der Kapelle gesehen habe -- antwortete er nur: »Schaut selbst!« und am dritten Tage war er eine Leiche.

44.

Der Schatz im Ambringer Grunde.

Auf dem _Schloßberg_ im Ambringer Grunde stand vor Zeiten eine stattliche Burg, und in der Nähe war ein dazu gehörendes Bergwerk. Dasselbe lieferte an Gold und Silber so reiche Ausbeute, daß die Burgherren in einem unterirdischen Gewölbe große Schätze aufhäufen konnten. Darunter befanden sich neun silberne Kegel und drei goldene Kugeln, womit die Bergleute an Festtagen, nach der Vesper, zu spielen pflegten. Der Schlüssel des Gewölbes war von Gold und hing auf dem Altar der Schloßkirche, an dem goldenen Standbilde ihres Schutzheiligen Martin. Eine halbe Stunde von der Burg wohnte in einer Waldklause, an dem Ursprung der Felsenquelle, ein Einsiedler Namens Heini, welcher auf dem Schlosse gut bekannt war. Plötzlich wurde dieses in der Nacht von Feinden angegriffen und nach kurzer Gegenwehr eingenommen. Während sie darin raubten, alle Bewohner ermordeten und es den Flammen Preis gaben, gelang es dem Einsiedler, das Standbild des heiligen Martin nebst dem goldenen Schlüssel zu retten. In das Gewölbe kamen die Feinde nicht, und noch jetzt liegen alle die Reichthümer darin, wobei ein schwarzer Riese und ein zottiger Bär Wache halten. Auch Bruder Heini, der mit dem Standbild und Schlüssel bei dem _Eselbrunnen_, in tiefer Bergschlucht, begraben ist, muß als Geist die Schätze hüten. Wie bei seinen Lebzeiten geht er Mittags an der Quelle auf und ab, indem er aus einem Buche betet. Wenn man ihm ruft, bleibt er stehen, aber ohne umzuschauen.

Einen Mann aus dem Münsterthal führte er eines Abends in die verfallene Burg und darin in einen unterirdischen Gang, der vorn, in der Mitte und hinten eine eiserne Pforte hatte. Die letzte derselben war eine Gitterthüre, und alle drei wurden von dem Einsiedler mit dem goldenen Schlüssel aufgemacht. Alsdann kamen sie in das Gewölbe, wo der Mann alle die Reichthümer betrachten, aber nichts davon mitnehmen durfte. Beim Herausgehen schloß Heini die Pforten wieder zu und außerhalb der Burg schied er von dem Manne.

Das Bergwerk ist längst eingegangen, und von ihm nichts mehr übrig, als ein halb verschütteter Schacht.

45.

Kirchenverhöhnung bestraft.

Als die Schweden Kirchhofen angezündet hatten und dann weiter zogen, wandte sich einer ihrer Anführer auf dem Pferde halb um und rief, auf die Kirche zeigend: »Seht doch, wie das Geißhaus brennt!« In dieser Stellung erstarrte er und war trotz aller Bemühungen nicht daraus zu bringen. Da gelobte er, auf seine Kosten die Kirche so wiederherzustellen, wie sie gewesen, wenn ihm geholfen würde. Auf dieses hörte die Erstarrung auf, und er säumte dann nicht, sein Gelübde in Erfüllung zu bringen.

46.

Die Tafel bei Kirchhofen.

Als einst Nachts der Felsenmüller von Ehrenstetten mit vollem Geldgurt heim ging, ward er im Walde bei Kirchhofen von drei raubsüchtigen Bauern angefallen. In demselben Augenblick fing sein Hund in der über eine Stunde entfernten Mühle so an zu rasen, daß die Knechte ihn von der Kette losmachen mußten. Stracks rannte er nun seinem Herrn zu Hilfe, riß zwei der Bauern nieder und jagte den dritten in die Flucht. Wegen dieser wunderbaren Errettung ließ der Müller auf dem Platz eine Tafel errichten, worauf das Auge Gottes abgebildet ist, mit der Unterschrift:

»Gott ist überall zugegen, wie in offenen Landen, so in düstern Wäldern.«

Die Tafel ist noch an dem Orte, und er wird wegen ihr der _Tafelplatz_ genannt.

47.

Das Brunnenbecken zu St. Ulrich.

(Abweichung von Nr. 46 des Hauptwerks.)

Um den Stein zu diesem Troge seinem Kloster zu verschaffen, schloß der heilige Ulrich mit dem Teufel folgenden Vertrag ab. Er wolle eine Messe lesen, und der Böse unterdessen den Felsen vom Meeresgrund herholen; treffe er damit vor Ende der Messe ein, so erhalte er als Lohn Ulrich's Seele, komme er aber später an, dann müsse er den Stein umsonst abliefern. Die Messe las darauf der Heilige so, daß er nur ihre Haupttheile, Aufopferung, Wandlung und Kommunion, verrichtete, alles Übrige aber wegließ, und daher fertig war, als der Teufel mit dem Felsen auf dem nahen Winterberg anlangte. Sich überlistet erkennend, liest der Böse zornig den Stein in den Klostergarten hinabrollen. Wo er ihn angefaßt, hatten seine Krallen tiefe Eindrücke gemacht, die noch jetzt an der Brunnenschale zu sehen sind[5].

[5] Diese Sage ist ebenso ungegründet, als die unter Nr. 46 des Hauptwerkes.

48.

Das Huttenweiblein.

Eine Bäuerin von Sölden pflegte Sonn- und Feiertags mit Holzhippe und Hutte[6] auf den waldigen Schönberg zu gehen und Holz zu lesen. Wegen dieser Entheiligung muß sie, seit ihrem Tode, auf dem Berg und in dessen Umgegend spuken und wird, weil sie eine Hutte trägt, das _Huttenweiblein_ genannt. Sie ist alt und klein, stützt sich auf einen Stock und hat ein Strohhütlein auf; ihre Jacke und Handschuhe sind mit Pelz besetzt, der eine ihrer Strümpfe ist weiß, der andere roth. Übrigens kann sie sich in viele andere Gestalten, von Menschen und Thieren, verwandeln. Häufig schreit sie: »Hu, hu, hu!« manchmal aber, besonders wenn sie in den Kronen der Tannen sitzt, singt sie:

»Heute strick ich, Morgen näh ich!«

In ihrer Hutte hat man schon Farnkraut wahrgenommen; auch trägt sie öfters darin Leseholz, das unbewacht im Wald aufgehäufelt liegt, zum Verdruß der Eigenthümer hinweg.

Einer Frau aus Freiburg, die, ehe sie in die Frühmesse ging, im Sternwald Himbeeren sammelte, begegnete das Huttenweiblein und sagte zu ihr: »Hättest Du keine guten Gedanken gehabt, so wollte ich Dich gezeichnet haben!«

Zu einer andern Frau kam es, zwischen Ebringen und Sölden, und fragte sie: »Kätherle! wo willst Du hin?« Auf dieses wußte die Frau, welche nicht Katharina hieß, gar nicht mehr, wo sie war, und fand sich erst wieder zurecht, nachdem sie stundenlang den Wald durchirrt hatte.

Eines Abends traf ein Geflügelhändler, der nach Pfaffenweiler heim wollte, bei Kirchhofen ein schönes Reh, welches das Huttenweiblein war. Auf sein Locken kam es herbei und ließ sich von ihm streicheln. »Das ist etwas in die Küche!« dachte er bei sich und wollte ihm eine Schnur um den Hals binden; aber da ward es so riesenhaft, daß er voll Schrecken davon lief. Die ganze Nacht rannte er in der Irre umher und erkannte erst am Morgen, daß er auf der Eschholzmatte bei Freiburg sich befinde.

Ein Mann, der Nachts durch den Bitterswald ging, rief spottend: »Huttenweiblein, komm und trage mich! hu, hu, hu!« Schnell, wie der Wind, war dasselbe da, packte und trug ihn auf die Todtnauer Höhe und stellte ihn so tief in den Sumpf, daß er nur mit vieler Mühe sich wieder heraus helfen konnte.

Andere Männer, welche im Feld bei Pfaffenweiler das Geschrei des Weibleins spottweise nachmachten, bekamen von ihr solche Ohrfeigen, daß einigen die Hüte von den Köpfen flogen, andere aber sogar zu Boden fielen.

In den Ortschaften, die um den Schönberg liegen, pflegt man die Kinder mit dem Huttenweiblein fürchten zu machen.

[6] Köze.

49.

Der heilige Bernhard zu Freiburg.

Auf seiner Reise nach Konstanz kehrte der heilige Bernhard zu Freiburg, im obern Eckhause der Kaiser- und Münstergasse, ein. In der Stube, welche er da bewohnte, gibt es seitdem keine Mäuse mehr.

50.

Pferde schauen zum Speicher hinaus.

Die Frau aus dem jetzt Stutz'schen Hause am Münsterplatz zu Freiburg war, mit reichem Geschmeide geschmückt, begraben worden. Der Bediente und die Köchin, welche eine Liebschaft mit einander hatten, beschlossen, die Kleinode zu entwenden, damit sie genug Geld bekämen, um sich zu heirathen. Zu dem Ende schlichen sie tief in der Nacht auf den Kirchhof und öffneten Grab und Sarg ihrer Herrin. Da kam diese, welche nur scheintodt gewesen, zu sich und richtete sich in die Höhe. Entsetzt flohen der Bediente und die Köchin nach Hause, sagten aber niemand etwas von dem Vorfall. Bald nachher schellte die Frau an der Hausthüre, ihr Mann machte das Fenster auf und fragte:

»Wer ist draus?«

»Die Frau aus dem Haus«, antwortete sie.

»Die ist todt und begraben«, erwiderte er, und darauf sie:

»So gewiß bin ich es, als unsere Schimmel zum Speicherloch heraussehen.«

Kaum hatte sie dies gesagt, so trappten die beiden Pferde die Treppen hinauf auf den Speicher und schauten zur Giebelöffnung hinaus. Da ließ der Mann seine Frau eilig herein, voll Freude, daß sie noch lebe. Weil der Bediente und die Köchin fürchteten, sie seyen auf dem Kirchhof von ihrer Gebieterin erkannt worden, thaten sie vor ihrem Herrn einen Fußfall und bekannten ihr Vergehen. Statt sie zu bestrafen, dankte er ihnen für die Wiedererlangung seiner Frau und beschenkte sie so reichlich, daß sie sich heirathen konnten. Auch ließ er zum ewigen Andenken die Schimmel in Holz nachbilden und innen an die Giebelöffnung stellen, die seitdem nicht zugemauert werden kann. Seine Frau lebte noch sieben Jahre, sprach aber wenig und lachte gar nicht mehr; dagegen betete sie viel und spann und wirkte ein großes leinenes Tuch für das Münster. Dasselbe brachte sie gerade fertig. Es ist aus _einem_ Stück, mit Bildern aus dem Leben des Heilands geziert, und wird noch heutiges Tags als Fastentuch gebraucht.

51.

St. Martin bei Oberried.

Aus amtlichen Verhandlungen.

In dem Goldberg bei Oberried war vor Zeiten eine reiche Goldgrube, Sankt Martin genannt. Darin lag, hinter einer silbernen Thüre, ein Standbild dieses Heiligen verborgen, welches von lauterm Gold und dreihundert Mark schwer war. Noch im Jahr 1521 wurde der Bau betrieben, aber bald nachher wegen des hereinbrechenden Krieges eingestellt. Die Bergleute schlossen jedoch die Grube mit einer eisenbeschlagenen Thüre und schütteten dieselbe mit Erde und Steinen zu. Hierdurch gelang es ihnen, das Bergwerk den Augen der Feinde zu entziehen, die sich mit der Plünderung und Verbrennung der Poch- und Schmelzgebäude begnügen mußten. Kaum war es wieder ruhiger geworden, so kam die Pest und raffte die Bergleute weg oder scheuchte sie in entfernte Gegenden. In Folge dessen blieb die Grube uneröffnet, und mit der Zeit ist sie immer mehr in Vergessenheit gerathen.

52.

Schützen-Klaus.

Der Schützen-Klaus war Jäger im Bezirke von St. Peter. Aus übertriebener Sorgsamkeit für den Wald verbot er den Leuten, Geisen zu halten. Um zu sehen, ob sie es befolgten, ging er Nachts an die Häuser und mäckerte wie eine Ziege. Wenn nun Geisen darin waren, so erwiderten sie sein Gemäcker, und er nahm dann die Leute in Strafe. Da sprachen dieselben die Verwünschung aus: er möge bis zum jüngsten Tage so mäckernd umgehen. Seit seinem Tode spukt er nun im Jagdanzuge, zwei Hunde an der Kette führend und häufig mäckernd, in seinem Bezirke. Nach der Abendglocke hat er Viele schon irre geführt, oder mit Steinen geworfen; und als Andere, um ihn zu verspotten, zu mäckern anfingen, war er im Augenblick da und schleuderte sie den Bergabhang hinunter.

53.

Teufel helfen am Bau der Eisenbahn.

Als im Jahr 1844 die Eisenbahn bei Zähringen gebaut ward, sahen zwei unschuldige Kinder, während des Mittagessens der Arbeiter, zwei Teufel mit Geisfüßen und Hörnern emsig an der Bahn schaffen. Sogleich holten sie einige Arbeiter herbei; allein dieselben konnten die bösen Geister nicht wahrnehmen.

54.

Des Schwarzenberger's Bekehrung.

Auf die schöne Tochter seines Bauers vom Wahlhof hatte der Ritter von Schwarzenberg sein lüsternes Auge geworfen. Er verlangte sie in seinen Dienst; aber ihr Vater, obgleich er die Härte seines Herrn kannte, ließ sie nicht dahin. Da drohte ihm der Ritter, ihn vom Hofgut zu jagen, wenn er nicht dessen großen und vollsten Kirschbaum fällen und, die Pferde an die Krone gespannt, auf das Schwarzenberger Schloß schleifen würde, ohne eine einzige all der reifen Kirschen zu verletzen. Ohne Hoffnung, dies zu vollführen, ging der Bauer zu dem Baume, wo ein altes Männlein zu ihm kam und ihn fragte, warum er so betrübt sey. Nachdem es die Ursache erfahren, versprach es, ihm zu helfen. Stracks hieb es den Baum auf's geschickteste um, rief aus dem Wald drei Kohlrappen herbei, die es an die Krone des Baums spannte, und trieb sie dann, in Begleitung des Bauers, nach dem hoch und steil gelegenen Bergschloß. Als der Schwarzenberger sie dort ankommen und keine einzige Kirsche verletzt sah, war er höchlich erstaunt; das Männlein aber sprach zu ihm: »Weißt Du, wer den Kirschbaum hierher gezogen hat? Der erste Rappe ist Dein Vater, der zweite Dein Großvater und der dritte Dein Urgroßvater[7], welche die Bedrückung ihrer Unterthanen jetzt in der Hölle büßen, und Dir geht es einst eben so, wenn Du nicht von Deinen Sünden ablässest!« Da ergriff den Ritter die Furcht des Herrn, er that Buße und führte fortan ein gottgefälliges Leben.

[7] Andere sagen, es seyen _sechs_ Rappen und diese die _sechs_ nächsten Vorfahren des Schwarzenberger's gewesen.

55.

Forelle am Kandelfelsen.

Als eines Abends auf dem Kandel zwei Buben vom dortigen Hofe das Vieh zusammentrieben, sah der eine, unten am Kandelfelsen, eine Lache und darin eine große, goldschimmernde Forelle. Er rief seinen Gefährten herbei und wadete in das Wasser, um den Fisch zu fangen; allein er fand ihn an der Kette eines Lotteisens hängen, das im Felsen stack, und konnte ihn nicht los bringen. Sie fuhren nun mit dem Vieh heim und erzählten ihrem Herrn das Geschehene, worauf sie gleich mit ihm zum Felsen zurück mußten, wo aber weder Lache, noch Forelle, noch Lotteisen mehr zu sehen waren. Im folgenden Jahre nahmen jedoch die Buben die Lache mit der angeketteten Forelle abermals wahr, und im dritten und letzten ihres Aufenthalts auf dem Hofe nochmals; stets fanden sie den Fisch größer und glänzender geworden, aber alle ihre Bemühungen, ihn los zu machen, waren vergebens.

Drei Jahre nachher wurde von Holzhauern auf dem Kandelfelsen ein beschriebenes Pergament gefunden, welches die erwähnten Vorgänge umständlich erzählte und sagte, daß, wenn die Forelle ihr Ziel erreiche, sie mit dem Lotteisen den Felsen herausreiße und dadurch den See im Innern des Berges auf das Elzthal loslasse. Das Pergament brachten die Holzhauer nach Waldkirch, wo man es bei Erbauung der jetzigen Kirche in deren Grundstein legte.

56.