Neues Altes

Part 9

Chapter 93,435 wordsPublic domain

Ich hatte eine unglückliche Liebe zu einer Dreizehnjährigen, deren Blick allein aus den hechtgrauen Augen mit den schwarzen Wimpern, allen Blicken gleichkam der Heiligen in den Kirchen. Sie hatte keine rechte Freude am Leben, als ob sie die Wirrnisse des irdischen Jammertales vorausahnte, die eigentlich allen so schwermütig Blickenden in Aussicht stehen. — Ich machte ihre Tragödien mit, die noch nicht vorhanden waren, und vor dem Leben beschützen konnte ich sie dennoch nicht. Sie war die Tochter eines Schuhmachers in dem kleinen, armseligen, felderumrankten Orte J.. Er hatte 11 Kinder. Die, die schon verdienten, verdienten. Aber die Kleinen mußten von meiner Dreizehnjährigen betreut werden. Wie liebevoll wurden sie betreut! Darüber kann man gar nichts schreiben. Sie mußte die 15 Enten hüten, die Schweine füttern, und die kleinen Kinder brauchten dies und jenes. Ich liebte Anna, aber selten kam sie in meine Nähe, und auch dann glitt mein Blick von freundschaftlichster Zärtlichkeit an ihren Augen ab, wie Öl über Wasser.

Eines Abends saß ich allein auf der Bank, in der alten verstaubten Lindenallee und wartete auf Anna vergebens. Da kam ihre siebenjährige Schwester Josefa, die für mich immer und immer einen Blick von tiefer Menschenfreundlichkeit hatte, aus ihren zwei verschieden blickenden Nachtfalteraugen, so reell-gutmütig, so leichtverständlich, so wie das a-b-c des Menschenherzens — — —. Sie hatte mich lieb!

Ich führte sie in die nahegelegene Meierei, ließ ihr Schlagsahne geben und Biskuits. Immer lächelte sie mich an, wie von edler Liebenswürdigkeit getrieben. Da küßte ich sie auf Stirne, Haare, Augen. Sie rührte sich nicht, empfand es als Pflicht der Dankbarkeit, sich küssen zu lassen — — —.

Da vergaß ich meiner Leiden um Anna, die mein gequältes Herz stets ruhig aus ihren geliebten hechtgrauen schwarzbewimperten Augen betrachtet hatte. Da sagte Josefa: »Schenkens mir noch zwei Biskuits, ich trag’ sie nach Haus für die Annerl. Sie darf net kommen mit Ihnen, weil sie schon zu groß ist. Was kann sie dafür, daß sie schon zu groß ist?!?« Da gab ich ihr 20 Biskuits mit für ihre Schwester, die wirklich nichts dafür konnte, daß sie dem Blicke eines unermeßlich liebevollen Menschenherzens mit mißtrauischer Gleichgültigkeit bereits begegnen mußte, wie im vorhinein gepanzert gegen die hinterlistige Männerwelt — — —!

GERICHTSVERHANDLUNG IN WIEN

Fräulein Str., eine arme Klavierlehrerin, kannte alle Schandtaten ihres Herrn Bruders. Aber sie schickte Geld und Geld, wenn er darum schrieb. Und Geld und wieder Geld. Immer galt es ihr, ein wertvolles Leben noch zu retten, das aber wertlos war. Und übrigens, wer könnte das entscheiden?!

Der Richter sagte: »Ihr Vorgehen, Fräulein, ist strafbar, aber es macht Ihrem Herzen alle Ehre — —.«

Das Fräulein erwiderte: »Für irgend etwas muß man sich doch abplagen. Nur seinen armseligen Hunger stillen?!? Wenn er nicht wär’, no, so wärs halt was anders, die Kirche oder eine Leidenschaft — — —. Für irgend etwas muß man sich doch abplagen.«

Man verurteilte sie wegen Vorschubleistung.

Als die Blicke der beiden verurteilten Geschwister sich begegneten, begannen einige Menschen im Auditorium zu weinen — — —.

SEMMERING, ENDE SEPTEMBER 1911

Immer noch dieses Nachtgebrause im Göstritzwalde, immer noch um 7 morgens diese silbergrauen Nebelschleier. Aber meine Seele ist krank, weil Du nicht da bist, Anna Konrad! Du gehst, unausgeschlafen, müde, in die Schule, lernst mechanisch, daß Hannibal den Giftbecher trinken mußte aus irgendeinem Dir unverständlichen Grunde. Du kannst nicht mehr abends beim Abschiede zu mir sprechen: »Also schicken Sie mir bestimmt heute noch ›halb und halb‹; das hieß: Für 20 Heller Extrawurst, und für 20 Heller Zuckerln als Dessert!« Ich kam mir da jedesmal vor wie Kaiser Josef in den Volksstücken, der Leute beglückte, indem er einfach sagte: »Was braucht Ihr zu Eurem Glücke?! 10000 Gulden? Da habt Ihr sie!« Nun bist Du ferne, Anna Konrad! Immer noch dieses herrliche Nachtgebrause im Göstritzwalde, immer noch um 7 morgens die dichten silbergrauen Nebelschleier um Berg und Wald — — —.

Anna, Anna, Anna Konrad, ich liebe Dich!

Peter Altenberg.

PETER ALTENBERG ALS SAMMLER

Die »Internationale Sammlerzeitung« veröffentlicht in ihrer eben erschienenen Nr. 13 eine interessante Rundfrage über den Wert des Sammelns. Die Zeitschrift bringt unter anderem Beiträge vom Unterrichtsminister Grafen Stürgkh, Alfred Lichtwark, Alma Tadema, Harden, Paul Heyse, Max Kalbeck, Eduard Pötzl, Felix Salten, Balduin Groller, Ginzkey. Peter _Altenberg_ gab auf die Frage nach seiner Sammelliebhaberei die folgende interessante Antwort: »Es ist ganz merkwürdig, daß Sie sich gerade an mich wenden in dieser Angelegenheit. Denn Sie können es absolut nicht wissen, daß ich, ein ganz Armer, seit vielen Jahren ein einfach fanatischer Sammler bin, und mir, gleich den Milliardären, eine heißgeliebte, gehegte und mit vielen Opfern zustande gebrachte herrlichste Bildergalerie verschafft habe: 1500 Ansichtskarten, 20 Heller das Stück, in zwei herrlichen japanischen Kästchen mit je sechs Fächern. Es sind ausschließlich _photographische_ Aufnahmen von Landschaften, Frauen, Kindern, Tieren. Ich fand vor einigen Wochen, daß der wirklich Ausgebildete des Lebens sich seiner Schätze _entäußern_ müsse, um das _tiefste einzige_ Glück des »Gebens«, des »Spendens« auch noch bei seinen Lebzeiten _miterleben_ zu können an seinen »Beschenkten«. Daher sandte ich beide japanische Kästchen mit den seit 1897 gesammelten 1500 Ansichtskarten nach Hamburg an die junge Dame, die allein von allen Frauen dieses Geschenk zu werten weiß. Seitdem sammle ich desto eifriger, desto leidenschaftlicher, um nun die Sammlung meiner Freundin zu komplettieren. — — Hier also sind gleich zwei heilsamste Ablenkungen von dem gefährlichen Bleigewicht des eigenen Ich: erstens das Glück des Sammelns selbst, zweitens das Glück, es _für einen anderen_, ebenso Verständnisvollen tun zu können! »Sammeln« heißt, sich auf etwas außerhalb der eigenen Persönlichkeit Liegendes konzentrieren können, das aber nicht so gefahrvoll und undankbar ist wie eine geliebte Frau — — —.«

YVETTE GUILBERT

Sie ist das Wunder des Chansons, das, an und für sich nichtig, farblos, leblos, durch sie eine Fülle von Tragik, grotesken Dingen, Lieblichkeit, Koketterie erhält. Ihre Augen bereits drücken alles aus, was es an seelischen Dingen überhaupt gibt, aber auch ihre Arme und Hände sprechen überaus eindringlich. Ihre Wirkungen grenzen an das Wunder. Und diese nur andeutende Art, diese wechselnden Nuancen, der clin d’œuil, der alles sagt, was zu sagen ist. Sie allein von allen hat die Macht, ein Lied auszuschöpfen, ja, es erst in seiner Fülle zu dichten! Ganze Schicksale bringt sie in einen sinnlosen Refrain, und man staunt über das Außerordentliche, das sich da ereignet. Aus einem Nichts ein Alles machen, darin könnten alle von ihr lernen, wenn es erlernbar wäre. Le minimum d’effort et le maximum d’effet ist auch ihre Devise. Den Höhepunkt ihrer Chansons bildet unbedingt »Les cloches de Nantes«. Wie ein düsteres Schicksal erdröhnen von allen Seiten die großen Glocken in den alten Kirchentürmen. Da gibt sie sich ganz aus, bricht los, bewirkt Enthusiasmus! Die Guilbert gehört zu den wenigen Erscheinungen, die einen als etwas nie wieder in die Welt Kommendes ergreifen. Man darf es nie versäumen, sie wieder und wieder zu sehen, zu studieren, so oft sich die Gelegenheit bietet. Für mich gehören zu solchen Erscheinungen Mitterwurzer, Girardi, Hermann Winkelmann. Es sind Menschen, die nicht ersetzt werden! Ihre Macht ist nicht zu definieren, da sie irgend etwas Rätselhaftes hat. Man befürchtet stets, daß sie einmal sterben werden, und geschieht es, ist man untröstlich, hat ein persönliches Leid erfahren. Man möchte in Trauer gehen um sie. So eine Organisation ist auch Yvette Guilbert. Diseusen, ach, lernet doch von ihr das leider Unerlernbare!

KRANKENPFLEGE

Eine Frau, die, während ihr Geliebter im Sterben liegt, sich ebenso pflegt, wäscht, mit hundert Salben salbt, wie eh’ und je, und keinerlei Bedenken hat, sich ebenso zu pflegen und zu hegen, wie sie es gewohnt war, hat ihn nie, nie wirklich lieb gehabt! Sie müßte plötzlich alles aufgeben, sich schmutzig werden lassen, sich verkommen lassen, auf ihre adelige Körperpflege vollkommen verzichten können, sich Hände und Gesicht nicht mehr waschen wollen, ja sogar die schönen Haare nicht mehr pflegen, sich in einen Abgrund stürzen lassen, wo das reale Leben zerschellt und aufhört — — —.

Es müßte alle ihre weibliche Eitelkeit plötzlich ersterben, nicht mehr sein — — —. Sie müßte zu einem Aschenbrödel werden, ganz in sich zurückgezogen und unbeachtet, nur in der edlen Pflege aufgehend und unscheinbar werdend vor Aufmerksamkeiten! Sie müßte unwillkürlich aus einer Dame zu einer »Pflegerin« werden, sich degradieren, um sich zu erhöhen!

Ihre Fingernägel müßten ihre Edelpolitur verlieren, ihre Strümpfe müßten Löcher bekommen und Knöpfe müßten ihr an der Bluse fehlen. Ihre werdende Ungepflegtheit müßte ihre Ehre sein! Ihre Freundinnen müßten zu ihr sprechen: »Du siehst gealtert aus, meine Liebe, schließlich muß man doch auch ein bißchen auf sich schauen, solange man jung und hübsch ist — — —.«

»Dazu habe ich jetzt, Gott sei Dank, keine Zeit mehr übrig — — —.«

»Gott sei Dank?!« sagten die Freundinnen und kicherten: »Sie muß immer apart sein — — —.«

HERBST AM SEMMERING

Müde schleichen die Stunden dahin. Noch einmal ist es mir Zähestem vergönnt, die herbstliche Pracht meines Kindheitsparadieses (damals gab es nur Gasthof »Nedwall«) zu erschauen! Brennesselgebüsche und dunkelbraune vertrocknete Sträucher. Ein kleines Mäderl in Lederhöschen, mit dicken, rostbraunen Zöpfen, in die grellrote Seidenbänder eingeflochten sind, repräsentiert mir die »Schönheit der ganzen Welt«. Die Eltern nennen sie, tief entzückt, schlimm und übermütig. Wie wenn die Saharet, Ruth St. Denis, Grete Wiesenthal, schlimm und übermütig sein könnten! Der Schneeberg trieft von zerrinnendem Schnee, und das Elisabethkirchlein ragt in graue Wolken. Ein Direktor reitet, kranke Frauen fahren langsam durch den Fichtenwald. Lila Enzian, kurzstengelig, und Löwenzahn. Aber meine »heilige Stunde« ist von 3 bis 4. Da spielt nach dem Essen die Amerikanerin mit ihrem großen schlanken Freunde im Café Karambol. Er belehrt sie natürlich väterlich, die doch _alles_ bereits mitbekommen hat vom Schicksal, Anmut und Beweglichkeit und Gazellenglieder und Feenhände. Jede ihrer Bewegungen ist vollkommen. Das ist meine »heilige Stunde«, da ich menschliche Vollkommenheit erblicke. Da vergesse ich, daß Gottes Träume sich noch nicht realisiert haben — —.

HERBSTANFANG

Freitag nachts, Marien-Feiertag, 8. September. Eine verzweifelte Stimmung ist in mir, ich fühle es, ich spüre es, _alles geht zu Ende_. Die dunklen Herbstabende kommen, Deine Schule, A. K., fängt an, und böse, heimtückische, neidische, lieblose Menschen _zerstören_ mir mein Paradies, das ich in meiner alten, kranken, dem _Untergange geweihten_ Dichterseele für Dich, einzig und fast irrsinnig _geliebtes Geschöpf_, errichtet habe unter Tränen. _Du_, _Du_ allein bist auf dieser traurigen Erde in meinem gefolterten Herzen, und Du weißt nichts davon, kannst, wirst davon, willst davon nichts wissen — — —. Nie wirst Du meine Anhänglichkeit ahnen. Dein _Blick_, Deine _Stimme_, _alles_, _alles_ an Dir ist der Balsam meines todeswunden, todesmüden Herzens. Ich habe Dich lieb, lieb, wie niemand Dich je lieb haben wird — — —. Und nun spüre ich das Ende heranschleichen, sonst könnte ich nicht so traurig, so lebensmüde sein, und beim Erwachen am Morgen so bitter weinen und weinen, obzwar mir eigentlich nichts Böses geschehen ist — — —. Ich verlange nichts von Deiner kindlichen dreizehnjährigen Seele, Anna K., als daß Du es mir glaubst in Deinem tiefsten Herzen, daß schon im _Anfang_ Deines ins _ungewisse gefahrvolle_ Leben hinein aufblühenden Lebens, ein Mann _in unbeschreiblicher Zärtlichkeit_ an Deiner geliebten, merkwürdigen, kindlichen und dennoch bereits tief melancholischen Persönlichkeit, mit _ergebenster liebevollster_ Seele gehangen ist, und viel, viel um Dich getrauert hat, weil die anderen Menschen alles _mißverstehen_ und _böswillig_, _heimtückisch deuten_!

Ich wollte Dir mit der kleinen Uhr eine besondere Freude bereiten, Dir meine _vollkommen selbstlose Anhänglichkeit_ zu verstehen geben, aber auch das haben die hartherzigen, mißtrauischen Menschen nicht _Dir_, nicht _mir_ gegönnt!

Bleibe mir _gütig gesinnt_, Anna, lasse Dich _von niemandem_ auf falsche Gedanken bringen! Ein Atemzug Deines Mundes, ein Blick Deiner Augen, ein Schritt Deines müden kranken Fußes bedeuten mir _die Schönheit_, _die Traurigkeiten der ganzen Welt_!

Dein Peter Altenberg.

»Annerl, hast du den Brief heute Samstag erhalten, den ich noch gestern Freitag nachts an dich geschrieben habe?!? Und hast du ihn verstanden?!«

»Selbstverständlich. Was soll ich daran nicht verstehen?! Ich kenn’ Ihnen doch auswendig und inwendig — — —.«

Pause.

»Sie, nächste Woche fangen die Schulen an. Da brauch’ ich schöne Schulrequisiten. Also zwei solche schöne dicke Tonking-Bambus-Federstiele, wie Sie sie immer benützen, dann 20 von Ihnere Stahlfedern, Kuhn 201, aber wirklich 20, oder wissen S’ was, 25, daß es eine gerade Zahl gibt. Und dann ein schönes Zeichenheft. Und dann einen Radiergummi. Und dann, no, Sie werden doch wissen, was ich sonst noch in der Schule brauche. Ja, richtig, einen Bleistiftspitzer, wie Sie einen haben, in einem kleinen Schachterl. Gott, die Schul’, na wenigstens is ma in der Schul’. Was haben S’ denn, Sie, Herr Peter?!?«

»Nichts — — —«, erwiderte ich.

EINE BEGEBENHEIT

Ich lernte eine junge, sehr, sehr empfindsame Frau kennen, die Martyrien durchmachte wegen der Ruhe und Gleichgültigkeit ihres entzückenden Gatten. Sie sah Gespenster von fünfzehnjährigen, sechzehnjährigen Mädchen, lebte in unglückseliger innerer Hast dahin, verzehrte sich selbst. In dieser schweren Krankheit ihrer süßen kindlichen Seele entwickelte sich in ihr der Plan, für dieses endlose Martyrium Strafe, eventuell Erlösung zu haben. Sie begann daher, einem netten gutmütigen Manne Avancen zu machen. Der Gatte rührte sich nicht. Das machte sie noch kranker. Sie trieb sich kopfüber hinein. Der Gatte rührte sich nicht. Als ich diese gefährliche Situation überblickte, las ich eines Abends nach dem Nachtmahle den beiden mein Gedicht »Das Bangen« vor.

Das Gedicht lautet:

_Das Bangen_

Mir bangt um dich, Anna — — —. Weshalb mir bang ist, weiß ich nicht, Ich weiß nur, daß mir bang ist. Mir ist bang! Wie einer Mutter bang ist ohne Grund, Noch sind sie alle munter und gesund — — —! Und wie dem Schiffer bang ist, bange, bange, Während die anderen noch lange Den wolkenlosen Himmel blöd betrachten, Und den Warner ob seiner Weisheit nur verachten. Mir bangt, wie einem bangt, Der Kinder auf dem Meer-Sand-Hügel spielen sieht, Und weiß, daß nun die Flut vom Land sie abtrennt — flieht! Mir bangt, wie einem bangt, Der weiß, er wird gehenkt um sieben Uhr früh. So, so bangt mir um dich — — — Du bist _mein Leben_, es bangt mir um mich Du aber, du gehst deinen Weg von mir, Nicht bangt vor meinem bangen Bangen dir Dem neuen Schicksal treibst du jach entgegen — — — Und perlt mein Todesschweiß auf deinen Pfad hernieder, Nimmst du’s als Tau auf neuen Morgenwegen!

Ich las es langsam und eindringlich vor.

Pause.

Der Mann erhob sich, trat langsam auf mich zu, nahm meine Hand in seine beiden Hände, sah mich lange, lange, lange an — — —. Die Frau starrte hin, starrte hin, schrie auf: »Er liebt mich, er leidet, oh, er liebt mich! Ich Unglückliche — —!« und fiel hin.

Ich hatte das Gedicht um vierundzwanzig Stunden zu spät vorgelesen.

_In das Gedenkbüchlein einer Amerikanerin:_

»It’s inside in the human nature, to hate all those, who are better speaking, better dancing, better thinking, better feeling as we self!«

_Wintersport am Semmering:_

»Schneeglöckchen, immer sangen die Dichter von dir, du läutest den Frühling ein — — —.

Für mich _begräbst_ du den herrlichen Winter!«

BESCHÄFTIGUNG

Ich erfinde nichts, daher bin ich kein Schriftsteller und kein Dichter. Das Leben trägt mir alles zu, ich habe nichts dabei zu verrichten, als das Zugetragene _nicht_ zu verfälschen oder den anderen absichtlich plausibler machen zu wollen, denn man hilft ihnen ja doch nicht dadurch.

Ich kannte vor vielen Jahren die Frau eines Literaturprofessors an der Universität W. Eines Tages sagte sie zu ihm: »Ich liebe diesen jungen Schauspieler, den wir vor vier Tagen (so lange brauchen nämlich die Reizungen des Nervus sympaticus, um dringend zu werden in der Seele) gemeinsam im Theater genossen haben — —«

»Lade ihn aber vorerst zu uns zu einem Souper ein, damit man sehen könne, ob er dieselbe Wirkung auf dich ausübt außerhalb seines Idealterrains — —«

Nach dem Souper sagte sie zu ihrem Gatten:

»Es ist nichts mit diesem Manne. Oh, du, du, du einziger — — —.«

Als ihr Mann in jungen Jahren gestorben war, sprach sie einst einen fremden Herrn vormittags, Ecke Kärntnerstraße und Graben an: »Ich ersuche um Ihren Namen und Ihre Adresse — — —.«

Seitdem arbeitete sie tagelang an Dingen der sogenannten Nadelmalerei, wobei man mit verschiedenfarbiger Seide die zarten Nuancen von Gegenständen nachzuahmen versucht. Alle diese Dinge schickte sie dem fremden Manne und war glücklich dabei und vor allem friedvoll, seelisch beschäftigt. Später unterrichtete sie Dorfkinder umsonst im Französischen, ihrer Muttersprache. Und dann hörte ich nichts mehr über sie 35 Jahre lang. Aber stets gedenke ich ihrer, besonders wenn ich an die modernen Tennisspielerinnen denke! Die suchen sich auch »die Zeit zu vertreiben«!?!

BESUCH IM EINSAMEN PARK

Wie wenn die müde Seele noch einmal auf längst gesprungenen Saiten ihre begeisterten Klagen singen dürfte, so ist es, wenn du zu mir kommst, Helene N.!

Der Alltag weicht da wie ein böser Zauber, der uns gefangen hielt, in einem Leben, das nicht die Stunde wert ist, die es bringt! Man lebte dem Tode entgegen!

Das alte Zauberreich von melancholischen Zärtlichkeiten erblüht durch dich, und der fade Park wird zum mysteriösen Urwald, wenn dein geliebter Schritt die alten öden Wege wandelt — — —.

Dein Sprechen wird wieder zu Musik, der Hauch des Atems wird wieder zum Wehen von Frühlings-Gebirgsalmen mit Kohlröschen und Seidelbast und Knieholz.

Dein Sitzen beglückt und dein Stehen und dein Wandeln — — —.

Alles, was _dich_ unglücklich macht, wird zugleich _mein_ Unglück, und deine Klage trifft ein exaltiertes Bruderherz; indem ich leide und dir die Last abnehme unverstandenen Kummers, _jauchzt_ meine Seele, daß sie _mit dir leiden darf_!

Ich möchte dich ins Zauberreich entführen,

wo du mein Kindchen wirst, gewiegt, getragen, beschützt, in überzärtlichen Armen, an einem für dich bebenden Herzen — — —,

weg von den Ungetümen »Menschen«, die dich mit ihrem feigen Unverständnis morden!

Bist du denn ein Distelstrauch am Wege, ein Unkraut oder Brennesselgebüsch?! Bist du dem Tritt des schweren frechen Fußes ausgesetzt?!

Bist du nicht eine zarte Blüte Gottes, die behütet werden muß vor jedem rohen Hauche?!

Bist du nicht die, die unser totes Herz zum Leben wieder zaubert?!?

und deren zarte, edle Gliederpracht aus unseren glitzernden, stieren Fischaugen ein gerührtes Künstlerauge wiederzaubert?!?

In welche Welt bin ich geraten, pfui!?! Wo alles sich in schnöder Ordnung abhaspelt!? Du bist die _andere_! Anders wie die andern! Wie Ambrosia anders war als Rumpsteak mit Salat! Göttliche Kräfte bringst du, ohne es zu wissen! Und pflichtlos sinken wir zu deinen Füßen hin! Nur eine Pflicht erkennend, vor dir hinzuknien!

Das zugeschnittene Maß, das alle _fördert_, ist uns _verächtlich_ und _vergiftet_ uns! Der _ekle Friede_ sorgenlosen Daseins macht unsere Kräfte _stocken_ und _vertrocknen_. Wir müssen brennen, glühen und vergehen!

Und unsere innere Träne, wenn du beim Scheiden uns ruhig die Hand reichst,

macht uns erst wieder leben, leiden und verzweifeln, und auf eine Stunde hoffen, da du, Gebenedeite, wiederkehrst! Für diese Stunde leben wir in Not!

_Die da sind, morden uns_;

doch die da kommen, um _von uns zu scheiden_, bringen uns das Glück des _abgrundtiefen Seelenschmerzes wieder_!

Wir wollen rauschen, brausen und zerschäumen!

Des Lebens eingedämmte Ordnung ist unser heimtückischer Feind, für dumpfes Erdenleben ganz geeignet, das uns, unter der feigen Maske der Rettung, nur lahmlegt und vernichtet und vorzeitigem Tod entgegentreibt.

Helene N., komme, auf daß ich hundert Stunden lang in Fieberzehrung dich erwarten könne — — —. In Fieber mich _verzehren_, ist mein _Leben_!

Und scheide von mir, auf daß ich tausend Stunden dir _nachtrauern_ könne — — —.

Mein Geist lebt nicht vom _Sein_, das lahm macht und gebrechlich — — —;

mein Geist lebt nur vom Hoffen und Verzweifeln!

Du kamst, Helene N., und alles ward belebt und blühte auf — — — —.

Du gingst, und Trauerflore hingen über der dunklen ausgestorbenen Welt — — —.

Die Welt der Pflichten ist vielleicht gesünder und fordert manches Wertvolle in kleinerem Kreise — —.

Wir aber wollen lieber an unseren inneren Symphonien elend scheitern; des Alltags Werkelton mordet uns ebenso, nur langsamer und qualvoller — — —. Wie stumpfe Messer gegen scharfe Klingen!

Der Folter wollen wir entgeh’n des leeren Lebens, das unseren Organen ihre Kraft entzieht;

und in der Schlacht trifft rücksichtsvoller uns der Tod, und herrlich plötzlicher,

als _vorbereitet_ zu jeder Stunde eines Lebens, das weniger als nichts für uns bedeutet!

Helene N., komm’ wieder in den Park,

wo Irre ihre irren Träume träumen — — —.

_Du_ wirst hier doch vielleicht _mehr_ Menschlichkeiten finden,

als in der Welt, die sich _frech fälschlich_ für die _normale_ hält!!!

TANZ

Elsa Wiesenthal, schlichte, rätselhafte Naturkraft, wie Rittner, Mitterwurzer, Girardi, bringst du uns nun wieder den Geist, der geheimnisvoll, diskret verborgen in den Dingen lebt?! Bringst du uns wieder Hoheit, Ruhe und Würde in deinem adeligen Tanzen?! Oder hast du dich vom »Geist« verführen lassen wie alle, die der geistvollen, geistleeren Herde sich verständlich machen wollen?!? Gib uns nicht mehr, als was _du_ kannst und _deine_ Kunst! Sei eine schweigende Fürstin des Lebens, die lieber unverstanden dahingleitet, als scheinbar verständlich Leidenschaft markiert! Sei du mit deiner süßen merkwürdigen Schwester Berta, wie einst ein edles Beispiel, wie man aus einem Nichts ein Alles macht!

PETER ALTENBERG

Von Hans Franck (Hamburg)

Es gibt viele, die seiner lachen.

Und wir, denen er mit wenigen inhaltsschweren Worten die Märchen des Lebens gedeutet, die »Bilderbogen des kleinen Lebens« koloriert, die er die Erlebnisse des Tages anders sehen gelehrt hat, wir können ihnen nichts dawider sagen. Müssen ihnen Recht geben, müssen zugestehen: Was ihr in Händen habt, was ihr seht, sind Lächerlichkeiten. Es ist, wie ihr es seht! Ihr!

Es ist, wie die Spötter sagen. Aber es ist zugleich anders. Die Kunst Altenbergs kann, wie das vielfarbige Leben, wie die widerspruchsvolle Natur — nach Fr. Th. Vischers Wort — an einem Ende gemein, am andern seelisch fein, nicht mit einem so oder so umgrenzt werden, sondern nur mit einem so und so.

Sie ist voller Lächerlichkeiten und Schönheiten, voller Gequältheiten und Feinheiten, voller Leerheiten und Vollheiten, voller nichtssagender Gewolltheiten und vielsprechender Gekonntheiten.

Sie ist — um wieder Vischers Wort von der Natur aufzunehmen — ein seltsam Ding.