Part 8
Eine geliebte Frau muß uns schützen wollen zu jeglicher Stunde, da wir einmal in bezug auf ihren geliebten, vergötterten Leib in einer Art von mysteriöser Hypnose uns befinden! Diese unsre schreckliche, durch sie allein erzeugte Krankheit muß sie behandeln wie ein Arzt einen unglückseligen schwer Erkrankten, der seiner Obhut sich gläubig überläßt! Wehe, wenn sie diesen ohnedies schwer Leidenden auch noch absichtlich schwächen wollte, statt ihm Heilung zu bringen, da es doch nur von ihrem edlen anständigen Willen abhängt, es zu erreichen!
Diese Heimtücke, uns absichtlich unglückselig zu machen, ist die Schlange in ihr. Denn jede anständige Persönlichkeit hat den natürlichen Wunsch, ihren armen Nebenmenschen zu helfen und zu dienen, soweit es nämlich möglich ist! Die Zerstörungselemente sind eine gottlose infame Gemeinheit, die nur in teuflischen Organisationen liegt. Jede andre sucht zu schützen und zu helfen, soweit es möglich ist!
Eifersucht ist eine schwere Erkrankung des Gehirns, die von jeder menschenfreundlich gesinnten Frau gebannt, geheilt werden kann. Wenn sie es absichtlich unterläßt, so ist sie eine Teufeline, eine, die sich an der Zerstörung unsrer heiligen Lebenskräfte weidet, weil sie nur Böses überhaupt leisten kann und Zerstörendes, nicht aber Leben, Freudiges und Gedeihendes!
Mögen die wertvollen, kultivierten Männer ein wenig genauer zusehen, wodurch ihnen der größte Teil ihrer wertvollsten Lebensenergien eigentlich vollkommen grundlos täglich geraubt und vernichtet wird, und mögen sie endlich anfangen, sich ernstlich zu schützen vor dieser tiefsten Gefahr: Ungezogenes, eitles, freches und sich überhebendes Weib! Teufeline statt Schutzengel!
JULI-SONNTAG
Fünf Uhr morgens. Alles ist gebadet in gelbem Sonnenlicht. Noch ist es frisch und kühl. Viele Touristen erheben sich aus dem Schlaf, unausgeschlafen, der Sonne entgegen. Leicht wird es ihnen, mit kaltem Wasser das Schlafbedürfnis zu bannen. Noch ist es kühl, und man schreitet dem heißen Tag entgegen, wie in die heiße Schlacht!
Viel zu wenig bieten der Tag und die Stunde den meisten. Und auch das genügsamste Herz lechzt nach Außergewöhnlichem. Da kommt der Juli-Sonntag in grellem gelbem Licht! Juli-Sonntag, du sollst es bringen!
Überallhin echappiert die unzufriedene Menschheit. Müde gelaufen fällt sie dann zurück in die Pflicht! Montag, wie wärest du sauer, wärest du nicht die Quelle und Ursache sonntäglich kommenden süßen Glücks! Sonntags siehst du die Müden in Wiesen und Wäldern gelagert, rein gebadet vom Schmutz der vergangenen Woche, kommender Woche gefaßter entgegenharrend.
DER JAGDHERR
»Herr Baron, weshalb sehen Sie heute so gedrückt und verstimmt aus?! Wenn _Sie_ nicht froh und sorglos aussehen sollten, wer könnte es dann noch überhaupt?!?«
»Sie scheinen es nicht zu wissen, daß jetzt der Herbst ist und die ›Hirschbrunft‹ anfängt. Nein, wie mir mein Oberförster gemeldet hat, daß die Hirsche bereits ›röhren‹, da begann meine Verzweiflung. Ich hörte schon die stundenlangen, endlosen Gespräche meiner geehrten Jagdgäste darüber, weshalb und aus welchen komplizierten Gründen sie den Vierzehnender nicht _getötet_ haben. Ich sage zu meinen Jagdgästen immer absichtlich ›getötet‹, denn da giften sie sich am meisten; denn eigentlich müßte man sagen —, aber das stupide technische Wort kann ich mir, oder will ich mir vor allem, nicht merken. Meine Gäste wären so nette Menschen, wenn sie nicht jagen würden! Ich verstehe absolut nicht, weshalb ein Hirsch, der vierzehn Enden hat, interessanter sein sollte als einer, der überhaupt kein Ende hat. Jedenfalls, so viel Enden kann kein Hirsch haben, daß er für mich an Interesse gewänne! Ich esse nicht einmal sein Fleisch, da es schwarz, saftlos und meistens zäh ist. Einmal sagte mir ein Weiser:
›Wissen Sie, Herr Baron, weshalb ich so gern Hirschbraten esse?!?‹
›Nein,‹ erwiderte ich, ›das kann ich mir gar nicht denken — — —.‹
›Wegen der Sauce Cumberland, die so gut dazu paßt, aus Hetschepetschfrüchten, Rosenfrucht, bereitet!‹
›Aber, lieber Freund, da essen Sie doch die Hetschepetschsauce für sich alleine!?‹
›Ja, Herr Baron, wenn man _das_ könnte; aber das _kann_ man nicht — — —! Sie gehört zum Hirschbraten‹.
Ein Jagdgut ist sehr angenehm natürlich, aber nur wegen der Mühlen, Kalkbrennereien und so weiter, die dazu gehören. Die vielen Hirsche stören mich, sie lenken mich ab von einer anständigen, fruchtbringenden und sinnvollen Tätigkeit. Besonders die Vierzehnender hasse ich; über die wird nämlich am meisten und wichtigsten Blödsinn geredet. Am tragischsten aber ist es für mich, wenn dieses Tier nicht getötet, sondern nur angeschossen wird. Da erreicht die Aufregung meiner Jagdgäste den Höhepunkt. Man glaubt jedesmal, sie hätten die Schlacht von Sedan verloren oder wären plötzlich entthront worden. ›Man wird es schon finden, das arme Tier,‹ sage ich da jedesmal, um sie zu giften. ›Es wird in einem Gebüsch _gestorben_ sein, etsch!‹ Beim Wort ›gestorben‹ möchten sie mich alle ohrfeigen — — —.
Aber lieber ist es mir, das arme Vieh werde sogleich ins Herz geschossen, damit es die Leiden erspare und ich meine Ruhe haben könne beim Souper. Nun werden Sie mich natürlich fragen, weshalb ich überhaupt eine Jagd habe und Jagdgäste dazu einlade. Da kann ich Ihnen nur mit dem _mysteriös-philosophischen_ Satze, den noch _kein Kultivierter_ je ergründet hat, antworten: ›Mein lieber Herr, das verstehen Sie nicht, _es gehört einmal dazu_!‹«
Der Baron schwieg; dann sagte er:
»Einer meiner geehrten Herren Hirschgeweihjagdgäste lud mich aus Dankbarkeit wieder zu seiner ›Wildschweinjagd‹ ein. Ich war gezwungen, irgendwo auf einem Balkon, der mit Reisig eingefriedet war, auf das gutmütige und häßliche Vieh zu warten. Endlich erschien es und knabberte schnauzend an einem Hügelchen von Kukuruz, das als Lockspeise eigens listig errichtet war. Da schoß ich es, pumps, ins Herz, und bekam als Trophäe die Stoßzähne, die ich in den Abort warf — — —.«
EPISODE
Zwei elegante junge Leute stellen sich verlegen vor:
»Wir sind seit langem begeisterte Verehrer Ihrer Dichtungen und bitten Sie um die Ehre, an unserm Tische mit uns Champagner zu trinken — — —.«
»Meine Herren, ich bin sehr, sehr krank, und bitte Sie daher, mir vorher alle Garantien zu bieten, daß man sich in vollster Korrektheit benehmen werde!«
»Aber Herr Altenberg, würden wir sonst um die Ehre Ihrer Gesellschaft zu bitten überhaupt wagen?!?«
Zwei Stunden später: »Sie, Peterl, mir san ganz gewöhnliche naive Menschenkinder, aber Sie haben doch das Raffinement, Sie verstehen doch diese Sachen aus dem ff. Sie, bitt’ Sie, mir beide fliegen so kolossal auf dös Menscherl dort am dritten Tisch. Gehn’s, kobern’s es uns zu — spielen Sie den Vermittler!«
Ich stand auf, sagte: »Meine Herren, Sie vergessen Ihre zugesagten Garantien! Ich muß Sie ernstlich daran erinnern — — —.«
»Was Garantien — wir wollen uns für unser Geld amüsieren.«
Darauf stand ich brüsk auf, ging zu der Dame hin und brachte sie an den Tisch. Eine Pause entstand beklommener Verlegenheit. Dann sagte ich: »Sie haben nun für Ihr Geld Ihr Vergnügen! Apropos, es gebühren mir aber noch für die Vermittlung zwei Flaschen Schampus! Also her damit! Ich werde sie aber _allein_ an einem anderen Tische trinken!«
JOSEF KAINZ
Habt ihr Wasser über Felsen donnern, krachen gehört?! Hagel aufschlagen in taubeneigroßen Körnern?! Wolkenbrüche auf Dächern niedersausen?! Sturmwind durch Wälder fegen?! Felder gemäht werden vom Winde?! Seewellen an Land hingepeitscht werden?! Und die Geräusche aller übrigen entfesselten Naturkräfte?!? Seht, so, so war Josef Kainzens Stimme!!! So ähnlich muß Gottes Stimme getönt haben, Als er bei Erschaffung der Welt befahl: »So und so will ich es!!!«
BETTLERFRECHHEIT
Es ist doch selbstverständlich, daß ein Bettler, der in einem palastartigen Zinshause im ersten Stocke schüchtern-bescheiden anklopft oder vielmehr auf den elektrischen Knopf kurz drückt und in äußerster Zerknirschung um ein Stückchen Brot bittet, es erwartet, daß man ihm ein Beefsteak mit Spiegelei und extra eine Krone bar hinausreiche.
Sollte aber jemand naiverweise den Wunsch nach einem Stückchen Brot à la lettre erfüllen, so darf er sich über die vollständig korrekte Antwort nicht wundern: »Dös können’s selber fressen!«
Daher zeugt die Art, ohne demütig zerknirscht anzuklopfen, sondern ernst und in gerader Haltung 1000 Kronen _geborgt_ zu verlangen, von tieferer Menschenkenntnis; denn hier klammert sich das Opfer der »ungerecht verteilten Lebensgüter im Dasein« wenigstens an diese letzte Hoffnung: »Er wird zurückzahlen, falls er kann — — —.« Nein, Esel, falls er will! Aber er will nie, nie, nie. Denn wenn er die Kraft mitbekommen hätte von seines Gehirnes Gnaden, zurückzuzahlen, so hätte er auch vor allem die Kraft mitbekommen, so sparsam zu leben, daß er nie in eine so verzwickte, also bereits der _Unanständigkeit_ und dem _Betruge_ nahe Lage gebracht worden wäre!
VON MEINEM KRANKENLAGER AUS
Ich lese so viel wertlose Bücher annonciert, besonders die, deren Illustrationen ebenso unverständlich blöd wie die »Sand in die Augen streuenden« pathologisch-aufgeblasenen Texte dazu sind. Ich gelte selbst als unverständlich und verworren. Das ist aber ein großer Irrtum. Ich bin nämlich ganz einfach zu verstehen für Leute, die eine _Seele_ haben und sogenannte »_Hyperästhesien_«, wie wir Griechen uns auszudrücken belieben, damit das _Volk_ uns nicht sogleich verstehe. Auf Deutsch heißt es: _Überempfindlichkeiten_. Und daran krankt oder, wie tiefer Denkende es auffassen, daran _gesundet_ allmählich unser, bisher ein bißchen zu brutales Zeitalter. Aber, um auf das Thema dieses Aufsatzes zu kommen, dessen Einleitung bisher ziemlich verschroben und unnötig gewesen ist — — —, ich fühle mich eben in diesen verworrenen Zeitläuften, wo schlecht von gut deshalb schwer zu unterscheiden ist, weil so viele talentlose Idioten die Konjunktur »Richard Wagner war auch einst verkannt und mißverstanden« frecher- und tölpelhafterweise ausnützen, ich fühle mich eben in diesen verworrenen Zeitläuften verpflichtet, ein unbeschreiblich einfaches, Kindern verständliches, herrliches, rührendes Buch öffentlich zu erwähnen: Philippe Monnier: Blaise, der Gymnasiast, übersetzt von Dr. Rudolf Engl und Marie Döderlein, Verlag Albert Langen. Ich glaube, viele unserer Literatursnobs werden sich schämen, wenn sie die Wirkung dieses unerhört einfachen Buches verspüren werden in ihren, zu gordischen Knötchen verschlungenen Gehirnchen! Es ist keine sonderliche Kunst, sich, indem man andere, Contemporains, bewundert, den Erfolg eines adelig denkenden Unabhängigen, Vorurteilslosen zu ergattern! Aber solche _Manöver_ wird man dem todeskranken, bereits in lichteren Sphären befindlichen Autor der ausgezeichneten Bücher »Wie ich es sehe« und »Was der Tag mir zuträgt« keineswegs zumuten können. Blaise, der Gymnasiast, versetzt feinfühlige Menschen in alle poetisch-romantisch-alltäglichen Vorkommnisse ihrer Jugend, deren Erlebnisse niemand _vor_ dem 40. Lebensjahr zu genießen oder literarisch zu verwerten weiß! Jugendzeit, du goldene Zeit — — —, aber mit welchen _tiefen Niaiserien_ ist sie in diesem Buche vorgeführt! Man erholt sich von sogenannten talmimodernen Malern, Dichtern, Bildhauern und Frauen. Wenn ich einfach sein _will_, so muß ich es vor allem auch wirklich sein _können_. Nicht ein jeder darf nämlich als »_härener Pilger_« uns belästigen! Etsch!
KRANKHEIT
Wenn sogenannte Freunde einen Schwerkranken besuchen, haben sie ausschließlich die Absicht, alles schön zu färben. Niemals hat er blühender ausgesehen, ja direkt verjüngt. Man möchte es nicht glauben, in dieser kurzen Zeit! Die Hoffnung, mit dem billigsten, was es auf Erden gibt, dem schönen liebenswürdigen Wort, sich aus der Affäre zu ziehen, ist größer als der Zwang der Anständigkeit, den die schlichte Wahrheit erfordert. Man findet sein Zimmer ganz einfach süperb, viel gemütlicher als sein einstiges Heim, obzwar man genau weiß, daß er mit allen Fasern seines Herzens an jedem Winkel seines geliebten Heimatzimmerchens hing. Man vermeidet es geschickt, zu fragen, wer denn alles bezahle, und fragt diskret an, ob die drei Kronen, die man einmal rekommandiert geschickt habe, auch wirklich angekommen seien. Bei bejahender Antwort verklärt sich das Antlitz des Spenders, und er sagt: »No, siehst du, Peter, wie man dich nicht verläßt in deinen schweren Zeiten!?«
Der Kranke wird plötzlich zu einem Verfemten, mit dem man geschickt lavieren muß. Den Gesunden konnte man auf verschiedene und eigentümliche Art ausnützen und verwerten: War er gescheiter, so konnte man seine eigene Stupidität hinter ihm bequem verbergen; war er liebenswürdiger, so konnte man die eigene Roheit durch ihn geschickt kaschieren. Aber der Kranke ist zu nichts Rechtem mehr zu gebrauchen. Ihn den Würmern noch für längere Zeit vorzuenthalten, ist scheinbar eine schlechte Spekulation; aber ein gewisses Schamgefühl verhindert sie dennoch, den Unterschied zwischen der Beziehung zu dem Gesunden und zu dem Schwerkranken allzu augenfällig zu machen. Außerdem könnte es ja doch unter der Million von Idioten einen geben, der die ganzen Manöver durchschaute.
Man liebte den Gesunden selbstverständlich ebensowenig wie den Kranken, aber man hatte damals wenigstens keine Gelegenheit, ihn als eine direkte Last zu empfinden, und infolgedessen hielt man die natürlichen Grausamkeiten ihm gegenüber in gewissen Schranken der sogenannten Wohlerzogenheit. Trotzdem gönnte ihm niemand Zeit seines Lebens Freude und Glück, und wenn er es sich trotzdem errang, so geschah es unter merkwürdig schwierigen, belastenden Umständen, die aus dem Neid der sogenannten besten Freunde entsprangen. Dem Gesunden gönnte man nicht eine Stunde lang seine Kraft, zu leben, begeistert zu sein, zu lieben und aufwärts zu kommen, und erst der Schwerkranke befreit die Freunde von der stündlichen Gefahr, daß er ihnen über den Kopf wachse. Wenn die Erfahrungen, die der Kranke macht, dem Gesunden zugute gekommen wären, wäre er fast ein Genie geworden an Lebenskunst; so aber wurde er das selbstverständliche Opfer der heimtückischen Lüge des Lebens.
Oscar Wilde starb, wie keiner von der Million der Enterbten je dahingestorben ist; aber viele Jahre nach seinem Tode setzte ihm eine Pariser Dame einen Grabstein, der vierzigtausend Franken kostete. Könnte der Tote seine geniale Hand emporrecken, so würde er die wertlosen steinernen und bronzenen Dekorationen zertrümmern, die eine Gans seinen vermoderten wertlosen Gebeinen gesetzt hat. Gebt dem Lebendigen die Kraft, alle Genialitäten seines Hirns, seines Herzens für euch Stumpfsinnige, Keuchende, Kriechende zu verwerten und ausleben zu lassen, und überlasset die Sorge um die sechs Rappen, die den Leichenwagen des zu Tode Gemarterten ziehen werden, der Entreprise des pompes funèbres!
AN EINE ELFJÄHRIGE (†)
Hilde, Elfjährige, ich wußte nichts bis dahin über dich — — —.
Nun aber habe ich deine Stimme vernommen, deine wunderbar klare tönende Stimme,
wie Seelenglocken so hinaustönend in die dumpfe stumpfe Welt!
Und diese Stimme wird alles viel deutlicher, viel tiefer, viel erhabener, viel verzweifelter einst sprechen, was das Leben des Tages und der Stunde uns zu sagen zwingt!
Wie wird diese Stimme einst sagen: »Bleibe bei mir!?«
Wie wird sie es sagen: »Du liebst mich nicht mehr!?« Und: »Adieu, adieu — — —.«!?
Diese Stimme ist so klar und rein wie Gottes Träume über das Leben der Menschen!
Aber das Leben der Menschen selbst ist unklar und schmutzig-trübe! Diese Stimme wird hineintönen wie eine Seelenglocke, ernst, erhaben, liebevoll, feierlich, rührend, in das dumpfe Gebrause der Menschheit, sie wird verklingen, übertönt werden und ausgelöscht — — —. Sie wird ihren tönenden Glockenklang verlieren und dumpf werden wie die Umwelt — — —.
Aber ein alter Dichter auf dem Sterbebett hat sie noch vernommen und nimmt den Klang mit aus einer dumpfen stumpfen Welt, tief gerührt und ergriffen — — —.
Stimme der elfjährigen Hilde, klare tönende Seelenglocke, läute, töne, solange, solange es irgendwie geht — — —.
Und wenn sie dumpf wird im Brausen des Lebensgetriebes, dann gedenke, Hilde, des unglückseligen Dichters, der noch die Seelenglocke deines edlen elfjährigen Herzens im Ohre mit hinübernahm — —.
KRANKENBESUCH
Die Freunde wollten dem todkranken Dichter eine nach ihrer Ansicht ganz exzeptionelle vollkommene Schönheit, eine Künstlerin aus München, vorführen. Sie nahmen daher ein Auto und fuhren hinaus zu ihm in das Sanatorium.
Die Dame war ganz einfach angekleidet, ganz in Schwarz. Sie hatte ungefähr die Gestalt der Kaiserin Elisabeth, ein bleiches Gesicht, aschblonde, fast hellgraue Haare.
Die freiwillige Pflegerin des Dichters begrüßte vor der Zimmertür die Ankommenden und warf einen flüchtigen, merkwürdigen Blick auf das unbeschreiblich schöne Perlenkollier an dem nackten Hals der fremden jungen Dame.
Darauf sagte einer der Freunde des Dichters: »Sie, Fräulein, der Dichter befindet sich immer in schweren ökonomischen Krisen. Wenn er dies herrliche Kollier an Ihnen sieht, wird es ihn bei seinen sowieso zerrütteten Nerven aufregen, daß es Künstler gibt, die anders bezahlt werden als er.«
»Oh,« sagte sie, »glauben Sie wirklich, daß ihn das aufregen wird? Dann will ich es ablegen.« Sie nestelte an der Goldschließe, nahm das Kollier in die hohle rechte Hand — — —.
»Sie sind eine liebe, feine Person!« sagte einer der Freunde. »So etwas Takt- und Geschmackvolles, diesen halb irrsinnigen Dichter so zu schonen! Ich muß wirklich sagen, ich könnte Ihnen die Hand dafür küssen.«
Die Dame trat als erste ruhig in das Krankenzimmer an das Bett des Dichters, nannte ihren Namen, gab ihm ihre wunderschöne rechte Hand und ließ ihm das darin befindliche Perlenkollier in der seinen.
Beim Abschied sagten die Freunde: »Jetzt ist keine Gefahr mehr. Jetzt können Sie Ihr herrliches Perlenkollier schon wieder anlegen.«
»Ich will es lieber in der Tasche behalten«, erwiderte ruhig die Dame — — —.
NOTIZ
Die Polizei hat die Vorführung einer Reihe von Filmen in den Kinematographentheatern, diesen modernsten, theoretisch wenigstens _einzig möglichen_ Bildungsstätten für das Volk, verboten, weil sie Tiermißhandlungen (Ausreißen der Straußenfedern auf Farmen, Stopfen, Mästen der Gänse in Pistyan usw. usw.) _selbstverständlich_ in derselben schamlos krassen Art zur Darstellung gebracht haben, in der sie aber _tatsächlich_ ausgeübt werden. Die _Entrüstungsrufe_ des Publikums sollen zu dieser polizeilichen Verordnung den Anstoß gegeben haben. Die Menschen sollen es also _nicht_ erfahren, welche _Schändlichkeiten_ aus Erwerbszwecken begangen werden. Das erinnert allzu sehr an die alte Anekdote, in der ein Millionär seinen Kammerdienern befahl: »Werft’s mir diesen alten unglücklichen Hausierer hinaus, er zerbrecht mir das Herz!«
Nur ein _unerbittlicher Einblick_ in das Unglück, das so viele Wesen schuldlos trifft, kann die stumpfen, trägen Herzen der Menschen _aufrütteln_, zu Verbesserungen und wahrhaftiger Menschlichkeit! Ich füge ein Erlebnis hinzu, das zwar nicht daher paßt, aber immerhin einen Einblick gewährt in die in Vertiertheiten schlummernde Seele der heutigen Menschen. Einer meiner Bekannten, ein fanatisches Mitglied des Tierschutzvereines, stellte einmal einen brutalen Kutscher zur Rede, und als dies nur nachteilige Folgen für die armen Pferde hatte, machte er die Anzeige gegen den Kutscher. Vor der Verhandlung sagte der edle Rechtsanwalt Dr. Kr. meines Bekannten zu ihm: »Sagen Sie nicht allzu schroff ungünstig gegen den Kutscher aus, und verlangen Sie besonders nicht seine Bestrafung, weil er drohend gegen Sie den Peitschenstiel erhob. Es geht nur _an den armen Pferden aus_! ›Wart’s, Ludern, dös sollt’s mir büßen‹ — — —!«
In Deutschland ist das _künstliche_ Stopfen, Mästen von Geflügel strengstens _bei hoher Strafe_ verboten. »Friß, so lang’ du fressen kannst und magst!« ist ein humaneres Prinzip als: »Friß, ob du magst oder nicht — — —!«
Ein bisserl Anständigkeit, meine Herrschaften, man verlangt ja eh nicht viel! Die Gansleber wird auch schmackhaft nach sechs Monaten, laßt’s doch dem armen Vieh Zeit, seine Leber dem niederträchtigen, wollüstig-feigen Gaumen der Menschen zuliebe maßlos zu vergrößern! Man muß ja nicht mit den verbrecherischen Fingern und Federkielen nachhelfen; Tiere wie Menschen _fressen sich ja eh zu Tode_, wenn man sie nur laßt!
RÜCKKEHR VOM LANDE
Nun ist es wieder Herbst geworden, und die Graben-Kioske füllen sich zur Abendzeit mit wohlgepflegten und gebräunten Damen.
Man hat sich so viel zu erzählen, und man schweigt!
Man ist wieder in diesem Gefängnis »Großstadt«.
Man träumt von Licht und Luft und Wasser.
Man war ein anderer, besser, menschlicher, mit einem Wort »beweglicher«.
Nun geht man seinen Trab wie eh und je.
Man fühlt sich altern, schwerfällig werden, klammert sich an dieses unglückselige Wort: Verpflichtungen!
Die Wohnung will nicht in Ordnung kommen, und die Dienstboten kündigen.
»Die gnädige Frau war am Lande viel netter zu uns — — —.«
Ja, das war sie.
Die Kellner in den Kiosken begrüßen alle Gäste wie Weltreisende, die vielfache Gefahren überstanden haben — — —.
Nun nehmen sie Soda-Himbeer im sichern Port!
Die Deklassierten, die nicht fort waren, mischen sich in die Menge der Zurückgekehrten, als ob nichts vorgefallen wäre — — —.
Ja, sie haben sogar die naive Frechheit, zu behaupten, Wien wäre am angenehmsten, wenn alles »auf den Ländern« weile — — —.
Damen, mit den veredelten gebräunten Antlitzen, lasset euch nicht betrügen von dem Prunk der Großstadt! Erschauet in den Spiegeln eurer Gemächer einen Zug auf eurem Antlitz, den Licht und Luft und Wasser und Freiheit modelliert haben, und der nicht da war ehedem, und der verschwinden wird im Wintertrubel!
Komödie hier, Komödie dort vielleicht — — —.
Doch unter freiem Himmel ist das Theater schöner!
NICHTS NEUES
So viele Menschen, man könnte sie _Strindberg-Organisationen_ nennen, nach ihrer Art, physiologisch-psychologisch zu reagieren, erwarten immer und immer von der geliebten Frau _etwas ganz Besonderes_, als ob sie die Verpflichtung hätte, plötzlich die Seele eines indischen Theosophen zu bekommen, der Gott um Milliarden Kilometer näher steht als alle anderen _nur sogenannten_ Menschen!
Da erinnere ich mich immer und immer wieder dieses Franz Schubert, Liederdichters, zu dem seine vierzehnjährige Schülerin Komtesse Esterhazy einmal bei der Klavierlektion gesagt hat: »Das ist aber gar nicht schön, Herr Schubert, daß Sie mir nie eines Ihrer Lieder widmen — — —!«
Da erwiderte der gottbegnadete Mann: »Aber sie sind ja eh alle nur für Sie geschrieben — — —.«
Ja, ist das nicht das Höchste, einem Franz Schubert mitgeholfen zu haben zu seinen Liedern, wie Sonne, Tau und Regen mithelfen zum Wachsen von Pflanzen!?
Was braucht sie also an und für sich zu sein, diese Vierzehnjährige, unter dem öden Mikroskop herzloser verständnisarmer Menschen?!? Sie verhalf ihm zu seinen Liedern, und ohne sie wären sie nicht entstanden — — —!
Ich formulierte das später in die Verse:
»Oh Fraue, nicht was du _bist_, _bist_ du!
_Das_ bist du, was _wir_ von dir träumen!
_Unsere_ durchweinten Nächte um _deinet_willen, _das_ bist du!
_Gelassen_ nimmst du unsere Huldigung und unseren Schmerz entgegen — — —
Denn nimmer weißt du, wie es kam, weshalb, woher, wozu, zu welchem Ende!?!«
DAS DORF