Neues Altes

Part 7

Chapter 73,323 wordsPublic domain

Der Ältere und der Jüngere waren anfänglich kolossal eifersüchtig aufeinander. Bis der Ältere ihr einen geläuterten Brief schrieb. Darin stand unter anderm: »Der Jüngere ist der Jüngere. Daher hat er den momentanen Sieg. Aber der Ältere ist der Ältere. Daher hat er einen Vorsprung, welcher Art immer. Es wird sich schon zeigen —.« Sie verstand kein Wort davon. Infolgedessen versöhnten sich die beiden Rivalen.

Dem Jüngeren ward sie aber zu einfach, zu ruhig mit der Zeit. Der Ältere ruhte bei ihr aus, von den Strapazen seiner Seelenweltreisen. Der Jüngere hatte sie lieb, solange sie nicht da war, der Ältere erst, wenn sie neben ihm dahinging wie ein verlorenes Kindchen. Er dachte dabei an die »Ludern«, denen er unnützerweise sein Denken, sein Dichten, sein Träumen geweiht hatte durch Jahre, und die doch nur sich-überhebende freche Püppchen gewesen waren zeitlebens.

Aber auch er hatte bald genug von ihr, obzwar er sie brüderlich zärtlich lieb hatte und sie ganz verstand und achtete. Der Jüngere feierte hie und da dennoch immer wieder Orgien mit ihr und behauptete dann, sie sei doch die einzige von allen. Der Ältere brachte sie zum Chor der Operette. Es begann ihr sehr gut zu gehen. Aber immer wieder kam sie zu dem Jüngeren zurück ohne Grund, und zu dem Älteren sagte sie sanft: »Wissen Sie noch, wie Sie mir die Pfirsiche geschenkt haben?!« Später fuhr sie im eigenen Automobil. Sie vergaß ganz des Jüngeren. Aber so oft sie den Älteren erblickte, sagte sie sanft: »Servus, Pfirsich-Herr!«

DIENSTE

Man kann vielen Menschen riesige Dienste in den geringsten Kleinigkeiten leisten. Aber niemand tut es. Zum Beispiel einer Dame zu sagen: »Wenn Sie sich abends mit einem trockenen englischen Reibhandschuh, fleshglove, den ganzen Leib leicht rosig reiben lassen werden, ganz, ganz zart, ohne Reibeisengefühl, so werden sie gegen Zugluft vollständig immun werden!«

Ich trat einst auf eine wunderbar schöne Frau zu und sagte zu ihr: »Gnädige Frau, ich könnte Ihnen einen wesentlichen Lebensdienst leisten, den Ihnen wahrscheinlich sonst niemand leisten würde —.« »Nun, worin besteht er?!« »Sie haben in Ihrem wunderbar modellierten Ohr einen schwarzen Mitesser, den ich auf die zarteste Weise mit einem geschickten Druck meiner zwei Finger entfernen könnte. Mancher Mann könnte daran enttäuscht werden, und es könnte Ihren edlen Lebensweg erschweren —.«

Die Dame erbleichte, stand auf, ging mit mir hinaus. Ich entfernte ihr den schwarzen Mitesser aus dem rosigen Ohr.

Dann sagte sie: »Sie, Herr, wie kommen Sie eigentlich zu solchen Unverschämtheiten?! Was gehen Sie denn meine Ohren an?!«

»Nichts«, erwiderte ich und entfernte mich befriedigt.

WIE ICH GESUNDET BIN

Ich bin nämlich gar nicht gesundet, sondern aus dem Grabe, wie ein Gespenst meiner selbst auferstanden. Aber ich habe in Inzersdorf bei Wien einen schönen stillen Park gehabt mit Naturwiesen, einen allerbesten Direktor Emil Fries, einen Gentleman vom Kopf bis zu den Sohlen, seine edle französische Frau zu meiner idealen Gesellschaft, taktvoll und herzlich vom Kopf bis zu den Sohlen; Fräulein Herta, die in sich Gekehrte ... Und die Gouvernante der Kinder war eine edle Melancholikerin, die die Bürde des Lebens tragisch auf sich nahm. Der Park hatte eine Allee mit großen holzgeschnittenen Löwen, die Wappen trugen, und in den riesigen runden dunklen Gebüschen nisteten Vögel.

In diesem Milieu, wo nichts mich marterte, lugte ich noch einmal aus dem Grabe heraus, so ein letzter Blick auf wahre Werte der arg verworrenen Menschheit.

In einem dunklen Gartenparterrezimmer sitzen seit Jahren Graf C. und Herr von D. hart nebeneinander in alten Lederfauteuils, wortlos, ohne sich zu rühren, stunden- und stundenlang wie Wachsfiguren, bis jemand kommt und sie zu Bette legt. Nie, nie, nie sprechen sie einen Wunsch aus, rauchen nicht, langweilen sich nie, warten auf die Tage, die Monate, die Jahre, wie alte Bäume im Frieden der Natur.

Ich bin nicht gesundet; meine Qualen haben sich ins Maßlose gesteigert, ich ringe um Tag und Stunde und um irgendeinen Lichtblick, wie es die englische Tänzerin Esther war, die am ersten Abend zu mir gesagt hat: »I have been in the whole world, but I have learned only one important thing: To hate the man! Was will er ewig von uns, während unsere Seelen noch kalt sind, und wir ihm doch schon unser Bestes, ja unser Liebstes, unser Tanzen spenden?!?« Esther, Esther, o Esther — Sie sagte: »Du, ich werde dich besuchen, aber nur wenn du ganz krank bist, ganz, und mit geschlossenen Augen daliegst, denn da brauchst du nicht mit mir zu sprechen.«

Ich bin nicht gesundet und werde es nie, nie mehr wieder. Ich ringe mir noch irgendeinen Lichtblick ab, und dann adieu. —

GOTTESGNADENTUM

Gott, der in der Natur _geheimnisvoll_ thront, um Ideale abzuwarten, die sich endlich _realisieren_ sollen, will für alle, alle, alle, leidenschaftlichst ihre Entwicklung zu ihrer Vollkommenheit, zur Glückseligkeit, zu ihrem eigenen inneren und äußeren Frieden! Er überträgt daher vorerst den Herrschern diese zarte und schwierige Mission, solange das Volk noch _unmündig_ ist. Aber später fühlt es leider der Herrscher nicht, daß seine Milliarde von Schützlingen _aus eigener Kraft_ Gottes Wege zu wandeln bereits erstarkt sind! Wie wenn ein Achtzigjähriger noch immer von seinem fünfzigjährigen Sprößling sagte: »Karlchen hat sich verkühlt — er muß einige Tage das Bettchen hüten — — —«. So behandeln die Monarchen ihr geliebtes Volk, haben keine Ahnung, daß es _längst mündig_ geworden ist, sie selbst aber unterdessen _greisenhaft_.

Gottes Gnade kann einem einzelnen verliehen sein, der für alle _zugleich_ sorgt; sie kann aber _später_ allen verliehen sein, die _einzeln für sich selbst sorgen_! Vom einzelnen und von der Gesamtheit jedoch kann Gottes Gnadentum in gleicher Weise mißbraucht werden! Es kann einer für alle das Glück verschaffen oder verhindern; es können alle es für sich selbst ebenso!

Gottes Gnade strömt aus Gottes Geist, aus Gottes Herzen; und ein kleiner zarter Knabe kann sie ausüben, wenn er tausend Erwachsene vor einer Gefahr bewahrt, die sie selbst nicht ahnen in ihrer rastlosen Geschäftigkeit. Wenn der Herrscher die _wirkliche Gnade Gottes_ repräsentiert in bezug auf ein ganzes Volk, so hat er das Recht, von seinem _Gottesgnadentum_ zu sprechen!

In diesem Falle aber wird selbstverständlich das ganze Volk diese Repräsentation auch unbedingt bis in die innersten Nerven hinein spüren, und daher _aufjubeln_ und Dankgebete für ihn verrichten! Wenn das aber nicht geschieht, sondern _Murren_ und _bange Verzweiflung_ in den Landen losbrechen, dann ist es an der Zeit, für die Weisen der Nation, Einkehr zu halten, Ausschau, und dem _Bedenken_ ihre geistigen Tore weit zu öffnen!

Es gibt kein Zurück, nach Gottes Ratschluß! Es gibt nur ein Vorwärts, Vorwärts, Vorwärts, in jeglicher Sphäre menschlicher Betätigungen! Wer das unternimmt, ein einzelner oder alle, steht unter Gottes Gnadentum!

AN EINEN UNMODERNEN ARZT

Werde gläubig! Gehe doch endlich von deinen eingewurzelten Prinzipien ab, die für niemanden passen als eventuell für dich selbst, und siehe, für dich sogar _vielleicht auch nicht_! Denn du sogar bist _besser_ als dein eigenes Wissen!

Wolle neue, dir unbekannte, dir noch unverständliche Welten kennen lernen, öffne deine Augen und Ohren den neuen merkwürdigen Ereignissen!

Was du selbst weißt und erfahren hast, ist alt, vermodernd und tot!

Was andere dir bringen aus anderen Welten, kann dich erneuern!

Schaue mit _ihren_ Augen, horche mit _ihren_ Ohren, fühle mit _ihren_ Seelen, denke mit _ihrem_ Geiste!

Wehe dir, wehe, wehe, der du deine eigene Welt den anderen _aufoktroyieren_ willst!

Solches durfte nur der Heiland — — —. Denn er _wußte_ es, _wofür_ er sich kreuzigen ließ — — —.

Aber du hast dich ewig zu _bescheiden_ und den Welten der _anderen_ zu lauschen, von denen du Töne vernehmen kannst, die dir bisher leider fremd waren!

Nicht was du _bisher_ wußtest, kann dich bereichern, sondern das, was du bisher _nicht_ wußtest!

Aus der Weltenwurzel ewig neuartige Säfte, Kräfte ziehen, heißt, ein feiner, nobler, kultivierter Mensch sein!

Sein eigenes armseliges Weltchen den ungeheuren Komplikationen des Weltenalls _entgegenstemmen_ wollen, ist eine _feige Gemeinheit_!

Ergib dich den neuen, dir noch unverständlichen Wundern, und erhoffe es dir, durch neue Erfahrungen _dich selbst endlich desavouieren zu dürfen_!

ZYNISMUS

Ein neunzehnjähriger Gymnasiast tötet eine Fünfzehnjährige mit fünf Revolverschüssen. Er verteidigt sich in keiner Weise. Was liegt also vor?!? Es liegt vor das unbewußte Bewußtsein aller Höllenqualen, die einem liebenden Manne noch Zeit seines verdammten Daseins bevorstehen und die eine dumme, verwöhnt werdende fünfzehnjährige Schöne den Männern bis zu ihrem 35. Lebensjahre unbedingtest allmählich noch bereiten wird! Rettung gibt es da nicht in diesem Höllenpfuhle. Die mörderische Schlacht ist vorzeitig, ist also rechtzeitig entbrannt, und muß zu Ende gekämpft werden, von dem _unbewußt voraussichtigen_ Desperado, mit fünf heimtückischen Todesschüssen, weil die 15jährige Geliebteste, Allergeliebteste, von einem Nachbar in »kindlicher Freude« fünf Rosen annahm, einen Don Juan von Kellner daran liebenswürdig-holder Weise riechen ließ, und dieselbe Gnade dem unglückselig Liebenden dann ironisch versagte! Seine Voraussicht kommender grauenvoller Leiden war seine _verbrecherische Genialität_! Das Fräulein beginnt bereits, ganz geheimnisvoll, sich zu fühlen als Beherrscherin und Zerstörerin dieser unglückseligen zarten Welt »männliche Zuneigung«, und der neunzehnjährige Rüpel weiß nicht anders die schreckliche Gefahr zu bannen, als indem er fünf tödliche Schüsse auf die Schuldig-Unschuldige abgibt! Die Frau, die zartfühlende, menschenfreundlich-adelige hat eine _Verpflichtung_ gegen an ihr erkrankte Männerseelen! Nicht gerade die Verpflichtung, endgültige Erlösungen ihnen zu spenden, jedesfalls aber nicht mutwillig in eiternden Wunden herumzustochern — — —. Es ist keine große Kunst und keine Lebensaufgabe, Männer irrsinnig und seelenkrank zu machen; aber ihnen wenigstens wie ein milder, menschenfreundlicher Arzt die äußersten und unnötigen Qualen zu ersparen, das wäre beginnendes, zartes, strahlendes, sich selbst vor allem belohnendes Menschentum!

NACHTCAFÉ

Was ist ein Nachtcafé?! Etwas Unverlogenes. Die Mädchen wollen leben und nicht Frondienste leisten, nicht Schaffel reiben und Nachttöpfe fremder Menschen reinigen, solange sie noch entzückende Leiber haben. Sie wollen sich andererseits betrinken, um zu vergessen, daß das alles nicht so weiter geht, in infinitum. Sie stehen vor stündlichen Gefahren, müssen sich berauschen an irgend etwas, um sich Mut zu machen für die Schlacht des Lebens! Niemand behandelt sie nach ihres jungen Herzens Wunsche! Infolgedessen rächen sie sich, wie sie es können, bald so, bald anders! Heimtückische, feige Marodeure sind nur die Männer! Eine, der ich in Briefen meine tiefste Sympathie, mein gerechtestes Verständnis bewiesen hatte, sagte dennoch: »Du mußt mir die zwanzig Kronen im vorhinein bezahlen — —! Wir haben es leider gelernt, selbst romantisch veranlagten Dichtern nicht mehr zu trauen — — —!«

Die Damenkapelle ist eine Oase. Sie sind verheiratet, Bräute, oder sonst treu irgend jemandem. Sie haben ein konsolidierteres Schicksal. Sie haben irgend etwas gelernt, wodurch man sich weiterbringt. Sie haben sich der Lebensordnung eingefügt. Ob sie glücklicher sind, nicht andern Enttäuschungen, Gefahren ausgeliefert?!? Zwei Welten, hart aneinander, einander gleich in ihren schweren Kämpfen. Keine Damenkapelle ohne diese Hetären, keine Hetären ohne diese Damenkapelle! Nur die Männer sind das perfide Element. Sie möchten alle zusammen unglücklich machen, ihre ewig hungrigen Eitelkeiten mästen mit den unglückseligen Blicken verliebter Frauen! Damenkapelle oder Hetäre gilt ihnen gleich, ihre innere rohe Leere mit einem liebevollen dummen Frauenherzen auszufüllen — — —! Nachtcafé, du kleine miserable Welt, du Abbild der großen, noch viel miserableren!

DIE NERVEN

Ich hatte einen Freund, einen höchst intelligenten Menschen. Aber seine Nerven, oh, die waren gar nicht intelligent ...

Eines Abends im Café sagte er zu mir: »Du, Peter, du könntest mir einen riesigen Freundschaftsdienst erweisen! Ich fühle mich heute wieder so greisenhaft, so ausgelöscht ... Bitte sage mir nach fünf Minuten, daß ich heute besonders frisch und jugendlich aussehe ...«

Ich nahm die Uhr, legte sie auf den Tisch, und sagte nach fünf Minuten: »Du, sage mir, was ist heute los mit dir? So jugendlich frisch hast du wirklich schon lange nicht ausgesehen ...!«

Er wurde ganz rot vor Freude, ganz begeistert, und erwiderte: »Wirklich? Das freut mich! Solche angenehme Sachen sagt einem halt niemand auf der Welt wie du!«

BRITISCHE TÄNZERINNEN

Im Wiener Moulin Rouge ist jetzt eine Truppe von acht jungen Engländerinnen, die angeblich nicht viel tanzen können. Das ist aber grundfalsch und eine echt dilettantische Auffassung. Die Art, wie eine Frau ihre Persönlichkeit in Bewegung, in Tanz wiedergibt, ist das Wertvolle an ihr und an ihrer Darbietung! Das allein! Das Schreckliche an unsern frühern Tänzerinnen war eben, daß die Schulung und die Künstlichkeit ihre persönliche Grazie, ihre individuelle Bewegungsart auslöschen, vernichten mußten! In der modernen Welt wird aber die Persönlichkeit frei, und man verzichtet gerne auf die sogenannte hohe Schule! Diese jungen acht Engländerinnen, die angeblich nicht viel können, wie die Tanzmeister an den Tanzschulen behaupten, diese jungen acht Engländerinnen repräsentieren in Art und Gebärde dennoch die keusche, kindliche, merkwürdige Anmut aller englischen Mädchen und Frauen, die von Natur aus und ganz von selbst mit unbeschreiblichem Geschmack und Takt begabt sind und niemals mehr vorstellen wollen im Leben, als ihnen von Natur und Schicksal beschieden ist! Sie bleiben kindlich-herzig unter allen Umständen, in jeder Situation, in jeder Lebenslage; sie akkomodieren sich nicht feigerweise, wünschen lieber zu langweilen, als mit übertriebener Lustigkeit aufzuwarten! Sie tanzen, wie Kinder im Volksgarten, im Stadtpark tanzen würden; oder im Hofe bei einem Werkel, oder sonstwo für sich allein — — —. Sie rühren, ergreifen, und ihre Tanznatürlichkeit besiegt die entsetzliche Tanzkunst, die sich eine jede fast in emsigem Bemühen erwerben kann! Möchten wir uns doch endlich, in jeder Hinsicht, von der schrecklichen historischen Überlieferung emanzipieren, dieser Arterienverkalkung der menschlichen Seele! Es gibt heutzutage bereits einige Tänzerinnen, die nur ihr eigenes Wesen in Bewegung umsetzen, ihre persönliche Grazie allein wirken lassen! Mögen sie bei den Tanzmeistern durchfallen, bei den Meistern des lebendigen Lebens werden sie reüssieren. Diese acht jungen Engländerinnen tanzen wie die allerherzigsten Kindchen, sie rühren und ergreifen, sie geben sogar eine Idee von Englands Frauen überhaupt! Seien wir ihnen vor allem dankbar, daß sie uns die manierierten, affektierten, berechnenden Frauen noch unausstehlicher machen durch den Kontrast!

»Ich hole mir eine arme englische Tänzerin zur Frau«, sagte einmal ein genialer welterfahrener Mann zu mir.

»Bravo,« erwiderte ich, »aber wissen Sie auch, weshalb Sie das tun?!?«

»Es sind kindliche und dankbare Geschöpfe, die es einem nie vergessen, daß man sie errettet hat vor dem und jenem, was immerhin passieren könnte. Außerdem ist ihnen der sichere Ehrentitel »Missis so und so« wertvoller als die flüchtigen Triumphe, denen Enttäuschung auf dem Fuße folgt!«

Ich glaube, die anständige, angeblich temperamentlose Engländerin macht das bessere Geschäft auf Erden, als die leichtsinnigen, lebensunkundigen andern. Anständigkeit ist Willenssache. Aber diesen Willen eben haben wollen, in allem und jedem, ist Kultur und Adel. Die Engländerin will eben anständig sein! Möge sie daher Frieden, Achtung und Sorglosigkeit einheimsen! Man gönne es ihr ...

DER TRATTNERHOF

Also dieser aristokratisch-einfache, zweckmäßig gegliederte alte Bau soll nun auch verschwinden!

Statt dessen werden schreckliche Unnötigkeiten erstehen, Türmchen mit Kupferplatten versehen, oder eiserne schwarze, oder vergoldete; riesige Emailplatten in allen Farben; kleine Balkone, auf die niemand hinaustreten kann, mit Geländern wie irrsinnig gewordene Schlänglein! Ein Tohuwabohu von Unzulänglichkeiten! Ein architektonischer Hexensabbat alles Unnötigen, Unzweckmäßigen, blöd Verschwendeten auf Erden! In unseren geliebten Spielereischachteln einstens waren Häuser mit glatten edlen Wänden, breiten Fenstern, hohen Dächern, großen Haustoren. Da konnten wir uns weite, stille, abgeschiedene Zimmer hineindenken, in denen man ein Refugium fand vor den Stürmen des äußeren Lebens! Aber heutzutage ist man ehrlich; an der Schnickschnackfassade sollst du es nämlich sogleich zu spüren bekommen, daß du auch in deinem eigenen, von dir selbst bezahlten Zimmer, keinerlei klösterlichen Frieden, Ruhe, Sicherheit, Vereinsamung, Abgeschlossenheit mehr finden könntest — — —! Die Menschen suchen Ornamente, Verschnörkelungen, _Zieraten_ (ein ekelerregendes Wort), weil sie zu ihren eigenen, in sie von Gott gelegten _Paradieseseinfachheiten_ noch nicht vorgedrungen sind!

Der alte, einfache, edle Trattnerhof hat durch Jahrzehnte niemanden gestört, belästigt. Ich sehe nun schon alle Künsteleien ihre schändlichen Orgien feiern. Häuser werden zum Bewohntwerden errichtet, meine Herren Architekten; architektonische Knockabouts gehören in den Wurstelprater!

ARTISTISCHE RUNDSCHAU, WIEN

_Djellah_. Über diese Künstlerin wollen wir einem berufenen Fachmann und zwar dem Altmeister _Peter Altenberg_ das Wort lassen, welcher folgendes schreibt:

Es ist sehr schwer für mich, über den »Clou« des Etablissements »Tabarin« zu schreiben. Denn es ist geradeso, wie wenn man sein eigenes Kindchen zu loben hätte öffentlich. Und stets betrachtete ich diesen speziellen Typus von adeliger, schlankster brauner Frauenschönheit als meine geliebten vergötterten Kindchen. Ich meine in diesem Falle die malayische Tänzerin Djellah. Nicht was sie kann, was sie ist, ist ihr Besonderes! Ihr Sein, die Form ihrer Glieder, der Ausdruck ihrer Augen, die Modellierung von Stirn und Nase, die Farbe ihrer Haut, die Zartheit ihres Wesens ist ihr Besonderes. Man würde sie ebenso verehren, wenn sie langsam durch Lianenwälder schritte, oder in einem kleinen Rindenboote säße, oder in einem Dorfe vor einer niederen Hütte kauerte — — — Sie repräsentiert eine _andere_ Welt, eine schlanke, biegsame braune Welt, erfüllt mit natürlicher Anmut und sanfter Bewegungsfreudigkeit. Die unbeschreibliche Schönheit ihrer gelbbraunen Beine zu schildern, wäre geschmacklos. Vor Idealen verstummt man, falls man nicht ein ganzes Feuilleton darüber zu schreiben den ehrenden Auftrag erhalten hätte. Da freilich muß man loslegen, coute que coute. Djellah ist in der Richtung der herrlichen Ruth St. Denis; nur leidenschaftsloser, weniger prunkvoll, selbstverständlich, ohne Cobragiftdekoration. Um so edler und wertvoller. Bei uns kümmert man sich leider noch immer viel zu viel um das »Können« von Menschen, als ausschließlich um ihr »Sein«. Das Erlernbare ist »erlernbar«, aber vor dem »Unerlernbaren«, in jeglicher Richtung, da müssen wir »Habt Acht« stehen und ehrfurchtsvoll salutieren. Heil Djellah — — —! Können, erlernen, ist gar nichts; aber es von Schicksals Gnaden mitbekommen haben, Glieder, Hände, Füße, Gelenke, Teint usw. usw., das ist das wirklich Besondere auf Erden — — —! Da beginnt nämlich die _physiologische Aristokratie_!

PARFÜM

Als Kind fand ich in dem Schreibtisch meiner geliebten wunderbar schönen Mama, der aus Mahagoni war und geschliffenem Glase, in einer Lade einen leeren Flacon, der aber noch immer intensiv nach einem bestimmten, mir unbekannten Parfüm duftete.

Oft schlich ich mich hin und roch dann.

Ich verband dieses Parfüm mit aller Liebe, Zärtlichkeit, Freundschaft, Sehnsucht, Traurigkeit, die es überhaupt gibt.

Aber alles bezog sich auf meine Mama. Später überfiel uns das Schicksal wie eine unvorhergesehene Hunnenhorde und bereitete uns allenthalben schwere Niederlagen.

Und eines Tages zog ich denn von Parfümeriehandlung zu Parfümeriehandlung, um in kleinen Probefläschchen vielleicht das Parfüm zu entdecken aus der Mahagonischreibtischlade meiner geliebten verstorbenen Mama. Und endlich, endlich entdeckte ich es: Peau d’Espagne, Pinaud, Paris.

Da gedachte ich der Zeiten, da Mama das einzige weibliche Wesen war, das mir Freude und Schmerz, Sehnsucht und Verzweiflung bereiten konnte, das mir immer, immer wieder aber alles verzieh, und das um mich sich sorgte, und vielleicht sogar insgeheim abends vor dem Einschlafen für mein künftiges Glück gebetet hatte ...

Viele junge Damen sandten mir in kindlich-süßen Begeisterungen später ihre Lieblingsparfüme, dankten mir herzlichst für ein von mir erfundenes Rezept, jedes Parfüm nämlich unmittelbar nach dem Bade direkt auf die nackte Haut des ganzen Leibes einzureiben, so daß es wie echte eigene Hautausdünstung wirke! Aber alle diese Parfüme waren wie die Gerüche von wunderschönen, aber eher giftigen exotischen Blumen. Nur Essence Peau d’Espagne, Pinaud, Paris, brachte mir melancholischen Frieden, obzwar meine Mama nicht mehr vorhanden war und mir nichts mehr verzeihen konnte von meinen Sünden!

ÜBERS SCHREIBEN

Ich bin durch einen Brief meines wirklichen Freundes und freundschaftlichsten (er schreibt unerhört flink auf einer allerbesten Schreibmaschine) Fr. W. erst zur Erkenntnis gekommen, zur plötzlichen einbrechenden einfachsten Erkenntnis, daß _gut_ Briefe schreiben nur bedeuten könne, _so_ zu schreiben, als _höre_ der Briefempfänger während des Lesens unmittelbar den neben ihm sitzenden Schreiber des Briefes laut und eindringlich mit ihm _sprechen_! Diesen Unterschied des _schweigend_ Schreibenden und des _tönend_ Sprechenden ausgleichen können, vollständig, in einem Briefe, heißt Brief _schreiben können_! Alles andere ist literarischer Mumpitz mit Lorbeeren gekrönt à la Schweinskopf. Temperament, Ungezogenheiten, Eigenheiten, Frechheiten, Dummheiten, alles muß _herausgellen_, gellen, gellen; sonst ist es eine gemachte, verlogene und daher _ennuyante_ Sache! Briefmomentphotographie!

Zu mir kam einmal einer meiner Freunde, der Uhrmacher Josef T. Er hatte seine wunderbare 23jährige Geliebte zu Grabe geleitet.

»Peter, Sie kennen mich, helfen S’ mir! Eine Grabschrift von Ihnen für meinen marmornen Gedenkstein! Wann darf ich hoffen, daß Ihnen was Passendes einfallen dürfte?!?«

»_Sofort_,« erwiderte ich mitten auf der Straße, »oder _nie_!«

Er riß sein Notizbuch heraus.

Ich schrieb:

»Ich war der Uhrmacher Josef T., Und dann war ich im Paradiese durch Dich — — —. Und jetzt bin ich wieder der Uhrmacher Josef T. — — —.«

So rasch, so prompt muß man seine Menschlichkeiten ausschütten; denn später wird es eine fade Sauce! Daher die vielen faden Saucen — — —.

ANGSTSCHREI

Es gibt nur einen einzigen, einen allereinzigsten Beweis einer Frau, ihrer echten, menschlichen, aufrichtigen, anständigen Beziehung zu uns: das ist, uns mit Absicht und heiligem Willen jegliche Eifersuchtsqual zu ersparen, ja sie in jedem Augenblick einfach unmöglich zu machen! Dieser gütige Wille allein beweist uns ihre wirkliche Zusammengehörigkeit mit uns! Diesen gütigen Willen kann sie sich zulegen! Sonst bekommt unser Edelgehirn den Verfolgungswahn, gleich diesem adeligsten Gehirn Strindbergs!