Neues Altes

Part 3

Chapter 33,215 wordsPublic domain

Das ist der _Werdegang_! Zuerst _völlern_, auf seine _überschüssigen_ Kräfte hin! Dann _sparsam leben_, wegen _seiner unterschüssigen_ Lebenskräfte. Und dann _infolgedessen_ gesunden, reich werden und es _bleiben_! Dekadenz ist der _organische Übergang_ zur _Aszendenz_! Zuerst _vergeuden_ die Menschen ihre Kräfte, weil sie _zu viel_ davon haben. Dann _sparen_ sie damit, weil sie _zu wenig_ haben. Und schließlich haben sie wieder _angesammelt_ und _sparen_ wegen schlimmer Erfahrungen! Es gibt keinen anderen Weg!

Es wäre denn, daß ein »physiologischer« Religionsstifter die _persönliche Macht_ ausübte, daß die _Verschwender_ an Lebenskräften zu _sparen_ begännen, _ehe_ es unbedingt notwendig wäre! Dann könnte er »gottähnliche Menschen« züchten auf Erden! »Erkenntnisse aus Not« sind eigentlich dennoch lächerlich, sie haben keine »Verführungskraft«. »Erkenntnisse« aus »Erkenntnis« allein haben Triebkraft. Sie zeitigen Blüten und Früchte am Baume der Erkenntnis! Der ganze mögliche Fortschritt also: _Erkenntnisse_ haben und sie _durchsetzen_, ohne »physiologisch« dazu bereits _genötigt_ zu sein! Zum Beispiel also, Krankenkost essen, ohne es _nötig_ zu haben, keusch leben, ohne es _nötig_ zu haben, zehn Stunden schlafen, ohne es _nötig_ zu haben! Mit diesem gewonnenen Überschuß an Lebenskräften es versuchen, ein »höherer, besserer Mensch« zu werden!

LEBENSBILD

Die fünfjährige Marie Ch. mußte um 6 Uhr morgens, bei 10 Grad Kälte, nur mit einem Hemd bekleidet, den Fußboden des Vorhauses reiben. Ein Adeliger, ein Geschäftsmann wollte ich sagen, der zufällig in das Haus trat, machte die polizeiliche Anzeige. Alle ärmlichen Bewohner des weiten alten Hauses atmeten auf. Sie selbst hätten sich vor der Furie von Mutter nicht getraut, es zu tun.

Der Richter zu der Mutter: »— — — und was ist es mit den blutigen Striemen auf dem Leibe dieses schwächlichen todbleichen Geschöpfes?!«

»Dös Menscherl hat eh zu viel Blut — — —.«

Der Richter war empört und verurteilte sie zu 8 Tagen. Nach diesen acht Tagen wird sie also jedenfalls das »vollblütige Menscherl« nicht mehr den Boden des Vorhauses reiben lassen, da dort »Adelige« vorbeigehen und die Anzeige machen könnten. Im trauten Gemache, einen Knebel im Munde, gibt es verschwiegenere Martern für irgend etwas. Nun hat aber höchstwahrscheinlich diese »Mutter« eine Entschuldigung. Denn sie nahm das Mäderl von Bauersleuten weg am Lande, die es zwar sehr fürsorglich behandelten, aber immerhin 6 bis 10 Kronen monatlich erhielten. Grund genug, ein Kind als »unerträgliche Last« zu empfinden für durch Armut in einem ununterbrochenen Zustande von »reizbarer Schwäche« befindliche Nervensysteme. _Grauen befällt den Allweisen erst_ in dem gar nicht seltenen Falle, wo Pflegeeltern ein abgöttisch geliebtes, edel gehegtes Kindchen ohne einen Kreuzer Entschädigung à tout prix behalten wollen, und die »Eltern« es nicht _gestatten_, sondern es nach Hause nehmen, um es der gerechten Strafe, geboren worden zu sein, unter unermeßlichen Qualen zu unterziehen, bis der Frevel seiner Geburt mit dem Tode gesühnt ist!

Richter: »Ihr Kind hat es doch dort so gut gehabt, und Sie selbst haben in zwei engen Stuben acht Kinder zu ernähren?!«

»Wo acht hungern, kann das neunte auch mithungern, soll sie’s besser haben als mir, warum?!«

Richter: »Der Bauer, der Ziehvater, hat erklärt, er setze es zur Erbin ein — — —.«

»Nix, dös Kind g’hört zu seine Eltern, zu seine Geschwister — — —.«

Das Kind wurde später zu Tode gemartert.

Ich stelle einen einfachen logischen Gesetzesantrag: »Kinder, die nachweislich es bei Zieheltern, die _keinerlei Entschädigung_ dafür verlangen, gut haben, dürfen den Eltern, falls sie in bedrängten Verhältnissen leben, _unter keiner Bedingung wieder ausgefolgt werden_!«

LEBENSBILDER AUS DER TIERWELT

Ich habe mit Begeisterung diese Hefte angesehen, gelesen. Es ist endlich die Natur »aus erster Hand«, unverfälscht durch den Künstler, der sich seit Jahrhunderten _verbrecherischerweise_ zwischen Gott und die Urromantik des Seins drängt, ein zwar _notwendiger_, aber für unsereinen _überflüssiger_ Vermittler und Erklärer der Schätze des Daseins! Wir sind selbst »_Künstlermenschen_« geworden!

Dieser »_Hochzeitstag_« z. B. der Eber im dunklen alten Forste; ja, weshalb hat bis heute keiner von den protokollierten »Landschaftern« so etwas gemalt?!? Diese schwarzen Ungetüme, in Liebe aufgelöst, einer auf den anderen getürmt; die anderen schauen dumm zu, und der Forst ist voll riesiger schwarzer Stämme. Solche Dinge bringt heutzutage die »Kamera« fertig und beschämt den Maler, der den Eber »mit _seinem_ Auge«, also _falsch_ sieht! Der Japaner allein bemühte sich, der Natur mit unsäglichem Fleiße nahezukommen, beizukommen. Aber bei uns steht immer der Größenwahn des »Menschen« der einfachen schönen Wahrheit _heimtückisch hinderlich_ im Wege! Der Maler bringt überall »seine Seele« hinein, für diejenigen, die nicht einmal »ihre eigene dumme Seele« besitzen! Aber Gottes Seele, die _aus jeglichem_ ausstrahlt, muß endlich _ohne Vermittlung_ dieses Hofmeisters »Künstler« erfaßt werden können! Wer eine Frau erst als wertvoll, als mysteriös, als Verhängnis empfinden, sehen, erfassen könnte, bis der geniale Maler ihre Werte gemalt, der Dichter ihre Werte besungen hätte, dem, dem wird sie ihr Leben lang nur ein »unenträtselbares Sexualtierchen« bleiben! Der Künstler ist ein Lehrer und Vermittler, und solange man seiner bedarf und er als wertvoll erscheint, ist man nur ein »Schüler des Lebens«, ein nicht schauen und hören Könnender, in Gottes All hinein, ein Menschlein, fern dem Herzen und Gehirne, das in der Natur überall geheimnisvoll verborgen liegt, auf daß erst der zum wirklichen Leben »Ausgereifte« es genießen dürfe auf seinem Weg zum Heile, zur Gottähnlichkeit! Den anderen ist es wohlweislich verschlossen, und man schickt diese »Babies« in die »Lebensschule« zum Herrn Lehrer »Künstler«, der ihnen _primitiverweise_ die Anfangsgründe beibringen soll, mit leichtfaßlichen Beispielen, »Kunstwerke« genannt!

Wir aber entnehmen diesen mit der einfachen »Kamera« aufgenommenen »_Lebensbildern aus der Tierwelt_«, R. Voigtländers Verlag, Leipzig, und diesen Texten, die nur klar und einfach berichten von den Ereignissen des Tierlebens bei Tag und Nacht und zu jeder Stunde, und von den »Homerischen Kämpfen« unter Grashalmen und Gebüschen verborgen, wir entnehmen ihnen alle Poesien, alle Romantik, alle Tragödien, alle Rätsel, die es hienieden gibt! Unsere Lehrer sind Gott und Natur!

Man müßte eigentlich einer geliebten Frau diese in Lieferungen erscheinenden, »Lebensbilder aus der Tierwelt«, R. Voigtländers Verlag, Leipzig, als Geschenk senden. Denn es ist ein absoluter Prüfstein für ihre »inneren Werte«; wie sie darauf nämlich reagierte!?

Nun, ich habe das mit einer unbeschreiblich verehrten Dame getan.

Sie schrieb mir zurück: »Lieber Freund, sein’s mir nicht bös, aber dös interessiert mich leider gar nicht ...«

Nun, hat es meine Anhänglichkeit an sie aber zum Schwinden gebracht?!? Keine Spur!

BRIEF AN MITZI VON DER »LAMINGSON-TRUPPE«, DÄNIN.

Liebes, liebes Fräulein, Mitzi von der »Lamingson-Truppe«!

Ich weiß es nicht, wie lange Sie noch in Wien und hier im »Casino de Paris« bleiben werden, und eines Tages können Sie fort sein, fort auf Nimmerwiedersehen, irgendwohin in die lustige oder traurige Welt der Künstler, der Artisten, tausend und tausend merkwürdigen Schicksalen und Begebenheiten ausgesetzt!

Mögen Sie es daher wissen, daß ein alter armer glatzköpfiger uneleganter Dichter Ihnen nachweinen wird und Ihre herrliche liebliche wundervolle Persönlichkeit gleichsam im Innern seiner Augen aufbewahren wird, lange lange lange Zeit — — —.

Man vergleicht oft junge Mädchen mit schlanken Rehen im Walde; aber niemals, niemals hat ein Vergleich so sehr gestimmt! Sie sind das schlanke rührende edelbeinige Reh, nicht ahnend, woher der Schuß eines grausamen Jägers kommen wird im Waldesfrieden — — —.

Ihre lieben lieben, beim Lächeln zusammengezwickten Augen, werde ich nie nie vergessen, nie Ihre blondbraunen Haare, Ihre aristokratisch-noblen Glieder, Ihre edelgebogene und dennoch rechtzeitig abstumpfende Nase, Ihren süßen Mund!

Wenn Sie fort sind, Mitzi, Fräulein Mitzi, wird es mir sein, wie wenn mir jemand ungeheuer Liebes gestorben wäre, und ich werde Ihnen nachtrauern und um Sie besorgt sein!

Ihre außergewöhnliche Schönheit, Ihr Leib, der wie das zarte Gedicht eines Dichters ist, haben mich tief, tief gerührt; und ich möchte, daß junge, reiche elegante Männer mit derselben Ehrfurcht vor Ihrer lieblichen Herrlichkeit sich innerlich verneigen könnten wie ich alter Mann.

Man müßte Sie betreuen und beschützen wie einen kostbaren lebendigen Gegenstand, man müßte für Sie sorgen bei Tag und bei Nacht. — — — Mit liebevollster Fürsorge!

Lächeln Sie nicht, wenn Sie diese Zeilen lesen, Ihre Härte könnte mich nicht verwunden, nicht verletzen — — —.

Ich bete zu Gott, daß Sie glücklich werden, Sie Allerlieblichste!!!

Peter Altenberg.

APHORISMEN

Ich verstehe unter »_Kultur einer Frauenseele_«, einen Mann, dem man sich einmal gewidmet hat, nicht zu _kränken_, bevor man nicht aufrichtig-traurig zu ihm gesprochen hat: »Es ist Schluß!«

Eine Frau kann ihr Schlachtopfer »Mannesseele« grausam umbringen, wie Krebse in siedendem Wasser, oder in milder Form, mit einem Schnitt wie Kälber. Weshalb es ihnen also verzeihen, wenn sie es grausam tun?!

Grausam bereits ist der »_kokette Blick_«!!!

Sage also, Kanaille, lieber vorher: »_Es ist Schluß!_«

TEXTE AUF ANSICHTSKARTEN

_Rokoko_

In dieser Zeit lebten Menschen, die vom Leben nicht wußten, wie es _wirklich_ und _einfach_ ist!

Sie lebten in einem »falschen Märchenlande« — —.

Denn das »echte Märchenland« ist die Romantik des _Kartoffelfeldes_ in einer _wirklichen_ Mondnacht! Solange die menschlich-kindischen Herzen noch nicht reif sind für die ernste »Romantik der Natur selbst«, schaffen sie sich »kindische Spielereien«! Aber diese »Verirrten« waren wenigstens »_Wege-Sucher_«, die sich nur kindisch _verirrten_! Das wollen wir ihnen also _zugute_ halten!

_Frau E... R....._

Schaffst du denn Symphonien, weibliches Beethoven-Antlitz?!? Du bist ein _Weib_, kannst dich nicht _austönen_! Nicht dich _erlösen_! Ein _Spiegelbild der Welt_ kannst du nicht sein! Zur _Tagestat_ zu groß, zur _ewigen_ zu _klein_! So _bleibst_ du Weib und kannst’s dennoch nicht sein!!

_Fräulein Barbara von G._

»_Nichts_ ist gekommen, nichts _wird kommen_ für meine Seele — — —.

Ich habe _gewartet_, _gewartet_, oh, _gewartet_ —.

Die Tage werden dahinschleichen —.

Und _umsonst_ wehen meine aschblonden seidenen Haare um mein bleiches Antlitz — — —.«

Über die Grenzen des All blicktest du sinnend hinaus;

Hattest nie Sorge um Hof und Haus!

_Leben_ und _Traum vom Leben_ — — — — plötzlich ist alles aus — — —.

Über die Grenzen des All blickst du noch sinnend hinaus — — —!

Nach Jahren kommt eine _unaussprechliche Dankbarkeit_ in uns für die Frau, die wir »unglücklich liebten« — — —. Aus _Bürgern des strengen Tages_ machte sie uns nämlich zu _weltentrückten Poeten_, _erschloß_ uns unseres eigenen Herzens Tiefen, _erhöhte_ uns zu »inneren tragischen Helden«! _Unsere Tränen_ gab sie uns, bannte das _leere Lächeln_! Sie sei also bedankt und gepriesen!

_Schneesturm_

Seele, wie bist du schöner, tiefer, nach _Schneestürmen_ — — —.

Auch du hast sie, gleich der Natur — — —.

Und über beiden liegt noch ein _trüber Hauch_, wenn das Gewölk sich schon _verzog_!

Bloß ein Feld voll Zwiebeln — — —. Stillt es die _Not_ dessen, der es bebaut, Stimmt es _andächtig_ den, der es nur _als Künstler beschaut_!

Gräber von berühmten Toten sollen uns streng ermahnen, den Tag und die Stunde wertvoll zu gestalten, da wir _noch_ sind — — —!

Helle Wolken und schwarze Bäume!

Für Kinder zum Schrecken, Gespenster!

Für Dichter zum Weinen!

Und der gewöhnliche Mensch geht dran gelassen vorüber, sagt: »Das wäre etwas für Kinder zum Schrecken, und für Dichter zum Weinen!«

_Wald im Winter_

Ein kleines Mäderl sagte: »Onkel, aber, nicht wahr, hinten ist die böse Hexe, die die Kinder stiehlt?!« — Ich sagte: »Natürlich«; und bat den _friedevollen_ Wald um Entschuldigung — — —. Gewisse Menschen _wollen_ eben keinen Frieden — — —. Sie suchen selbst im Walde die böse Hexe, die die Kinder stiehlt — — —. Sonst hat er für sie gar keinen Reiz!

_Weg im Winter_

Geliebter verträumter verschneiter Weg! Ging ich hier mit Anita?!? Oder träumte ich nur, daß ich hier mit ihr gehen möchte?! Fußspuren im Schnee, ihr paßt nicht zu Anitas geliebten Schuhen —.

Hie und da rauschen Schneeklumpen zur Erde. Wie wenn der Frühling es versuchte, den Winter bereits abzuschütteln!

»Das Betreten der Kulturen ist strengstens untersagt« — — —; man wird es dennoch ewig tun! Betreten, zertreten! —

Zaun, wie machst du die Landschaft melancholisch! Im Grenzenlosen etwas Abgegrenztes!

Hier ist Friede — — —. Hier weine ich mich aus über alles. Hier löst sich mein unermeßliches unfaßbares Leid, das meine Seele verbrennt. Siehe, hier sind keine Menschen, keine Ansiedlungen. Hier tropft Schnee leise in Wasserlachen — — —.

Hier suchte sie die ersten Blüten, und fand nichts. Und ich sagte zu ihr: »Diese gelbgrünen feuchten Rasenflecke, die der zerrinnende Schnee bloßlegt, sind schöner als Blumen — — —.« Da sah sie hin und _erkannte_!

Hier bleibe stehen mit deiner geliebtesten Freundin, und _belausche_ ihr Antlitz — — —! Fühlt sie _dasselbe_ wie du, dann kannst du _beruhigt_ mit ihr weiterschreiten, in _die Gelände des Lebens_!

Ich suchte eine Frau, die den Schnee _wirklich_ liebte; und ich fand keine! Sie _benützten_ nur den Schnee, für ihre Sheerns! —

Junge Ochsen auf der Weide. Einst im Sonnenbrande, ziehend am allzu schweren Gespanne, könnt ihr euch nicht mehr der kühlen Weide erinnern. Aber in eurem _traurig-dummen_ Auge spiegelt sich alles, und kein Gram geht verloren in der gramvollen Welt — — —.

Margeritten im hohen Grase. Alles blüht und atmet Frieden! Auf dem Boden leben aber und sterben lautlos hunderttausend Insekten. Nur der Mensch erhebt seine Stimme und beklagt sein Schicksal. Kann er es ändern?! Ja. Er kann wenigstens weinen und schreien. Und falls er es nicht kann, tun es _für ihn_ liebevoll die _Dichter_!

Manche Frauen würden nicht elende »Treuebrecherinnen«, »Ehebrecherinnen« werden, wenn sie stets imstande wären, an den Schätzen der friedevollen mysteriösen Natur ihre zerfahrenen Seelen wieder und immer wieder aufzurichten!

Natur und Frau sollten in _gleicher Weise_ wirken, uns zu adeligen, _all_-verstehenden, sanftmütigen _Weltgeschöpfen_ zu transformieren! Einer Frau diese _geniale Aufgabe_ als _süße Pflicht_ beibringen, heißt: sie glücklich machen!

Sahst du nach dem Gewitterregen den Wald?!?

Alles rastet, blinkt und ist schöner als zuvor — —.

Siehe, Fraue, auch du _brauchst Gewitterregen_!

_Portrait d’une jeune femme_

»Je suis venue pour _donner_ — — — prenez, prenez, _prenez_!!«

_Cléo de Mérode_

Unzerstörbares Antlitz; Zeit und Erlebnis versuchen es vergebens, in deinem edlen Erz sich einzugraben — — —!

_Prinzessin Ruprecht von Bayern_

»Und dein Antlitz ist die ›Materie gewordene‹ Seele selbst!!«

_Kronprinzessin_

Geboren, einem Kaiser Kinder zu gebären und zu Fürstlichkeiten zu erziehen im Leben! Aber der Dichter erschaut in dir dennoch nur die einfache Vollkommenheit ohne Zweck und Ziel!

_Kronprinzessin Maria von Rumänien Glockenblumen_

Umringt bist du von deinen Lieblingsblumen, hehre Fraue! Aber du blickst und stehst nicht in Frühlingsfroheit, sondern ermüdet und enttäuscht. Vier allerherrlichsten Kindern gabst du das Leben, _deine eigenen Kräfte_, behieltest dennoch deine _heilige Mädchengestalt_ bei! Das Altern hat dich _nicht_ verändern können; deshalb blickst du _erstaunt_ und _wehmütig_!!! Du gabst und gabst und kannst noch immer geben und um Dich herum altert die alltägliche Welt — — —!

_Kaiserin Elisabeth von Österreich, Königin von Ungarn_

Wohin, träumerische Fraue, wandertest du, rastlos?!?

— »Weg _von der Lüge_!«

_Kaiserin Elisabeth_

Gott erschuf dich in Seiner tiefsten _künstlerischen Liebe_: zuerst, in der Jugend, wie man sich auszudrücken pflegt, ein _wildes Füllen_ in Berg und Tal, mit wirren Locken; und späterhin alle Leiden tragend von enttäuschten Dichtern; das _innere ewige Klagen_, und das Erschauen, daß Gottes Reich noch nicht gekommen sei für _Seinesgleichen_.

_Kaiserin-Elisabeth-Denkmal_

Ich hätte dich umringt mit dunklen Legföhren, Rhododendronbüschen, Edelweiß, Speik, und allen Blüten der Bergalmen!

Ich hätte die Tiere der freien Berglüfte in silbernen Käfigen um dich herum gestellt — — —. Bergdohle und Murmeltier.

Aber man stellte dich in einen Garten, gepflegt und gehegt, und _wider die freie heilige Natur!!!_

_Manöver: Feld-Telephon und Fernrohr_

»Fern von der Schlacht, und dennoch mitten drinnen! So wie die Dichter!«

_Mein Lebensleitmotiv:_

»Nie über einen Graben springen, eine Hürde, wenn man _nicht_ ganz _gesichert_ ist, hinüberzugelangen mit _leichter_ Anmut!«

HEILMITTEL

Ich habe in einer Blumenhandlung in einer Kristallglaswanne zwei goldene japanische Zwergfische gesehen, mit riesigen durchsichtigen Flossen und dunklen hervortretenden Augen, mit der Anmut von modernen Tänzerinnen sich bewegend, und dabei doch reserviert gelassen ihrem Wärter, Pfleger an die Glaswand zuschwimmend. Ich begreife es absolut nicht, wieso reiche Damen sich diesen Schatz der Natur entgehen lassen können und sich nicht eine kleine Herde dieser allerentzückendsten Tiere anschaffen. Einer kostet allerdings 16 Kronen. Der Boden muß aus kleinen Kieseln bestehen, die jeden zweiten Tag herausgenommen und in warmem Wasser gereinigt werden müssen. Die Nahrung ist ausschließlich das Pulver »Piscidin«, das auf die Wasseroberfläche hingestreut wird. Man kann stundenlang vor dieser goldenen Anmutpracht verweilen. Die Tiere lernen uns baldigst kennen und lieben. Viele Frauen würden dadurch vor ihren bösen Gedanken, bösen Instinkten, und vor allem vor ihrer gefährlichen inneren Leere und vor Gelangweiltsein gerettet werden können. Gehet hin, Damen, und kaufet daher japanische Goldfische!

DER NEBENMENSCH

Neunzig Prozent unsrer Lebensenergien raubt uns die Ungezogenheit, die Taktlosigkeit unseres Nebenmenschen. Jedes falsch angebrachte Wort zerstört unser zart empfindliches Nervensystem. Nicht Distanzhalten von der Welt des andern, die man ja doch nicht begreifen kann, mordet die Nerven. Die unverständliche Welt des andern nicht achtungsvoll und scheu behandeln, ist eine bodenlose Feigheit. Es ist, wie wenn man jemandem, der unsäglich an Migräne litte, sagte, er bilde sich diese Leiden nur ein! Gläubig sein, ist aristokratisch; bezweifeln, ironisieren, ist plebejisch! Durch Gläubigkeit erweitert man seinen Horizont um den des andern, durch Skeptizismus bleibt man ewig in seine eigenen engen Grenzen eingebannt.

Niemandem wehe tun, falls es nicht unbedingt notwendig wäre, ist die natürliche Wirkung geistiger Kultur. Jedermann werde erfrischt, ja erlöst durch deine Gesellschaft, ja, er suche sie auf, wie das bedrückte Menschenkind den Beichtstuhl. — — —

Aber unsre Nebenmenschen sind noch Satan, Jago, Mephistopheles, Franz Moor; selbst zu ewiger innerer Unruhe verdammt, drängt es sie, auch in uns nur böse Unruhe zu erzeugen, damit wir ja nicht besser, nicht vornehmer werden als sie selbst es sein können. Sie gönnen uns nicht höhere innere Entwicklungen, wollen uns _absichtlich degradieren auf ihr eigenes erreichbares Niveau_! Nur der Dichter erlebt träumend künftige Entwicklungen gläubigen Herzens, und die, die sich ihm anschließen, tragen jedenfalls diese idealen Möglichkeiten kommender besserer Welten schweigend-demütig bereits in ihrem Herzen! Der Nebenmensch ist ein Gegenmensch. Er will nicht helfen, sondern schädigen. Wäre er selbst ein Zufriedener, wünschte er nur Zufriedenheit zu verbreiten; als Unzufriedener wünscht er uns ebenfalls nur Friedlosigkeit!

SCHUTZ

Unter Yellowstone-Park versteht man bei uns bereits irgendeine wertvolle urwaldartige, mit allen ihren geheimnisvollen Schätzen an Pflanzen, Tieren, Steinen und Quellen erfüllte Gegend, die unter den Schutz des Staates gestellt wird, gegen die zerstörende unnachsichtige Barbarei der Menschheit. Eine Art von idealer Menagerie der Natur selbst! Solch einen Yellowstone-Park wird man nun in der Schweiz im Scarltal und seinen Nebentälern errichten, um die kostbaren Alpenpflanzen, um Bär, Luchs, Wildkatze zu erhalten. Und alles, was da blüht, kreucht und fleucht. Solche Yellowstone-Parke sollte man nun auch endlich für Menschenerhaltung errichten, für exzeptionell herrliche Frauen, für exzeptionell herrliche Männergehirne, die sonst verloren gingen in den zahlreichen Gefahren! Oasen für Denker und Träumer, in der Wüste des Lebens, die versengt, und verdorren macht. Oasen für wunderbar schöne Frauen, zu denen man pilgern dürfte, ihre schmalen schneeweißen langen Finger an die Lippen zu drücken und daran zu genesen, mehr als an Guber-Quelle, Virchow-Quelle, Hofbrunnen und Königsbrunnen, mehr als an den Mysterien Gasteins, Kissingens, Franzensbads, Karlsbads. Männergehirne, die man für die Menschheit schützen müßte vor dem Zugrundegehen, Frauenkörper, Frauenseelen, die man für die Menschheit schützen müßte vor dem Vernichtetwerden in zügellosen Orgien und Egoismen, in Treibjagden auf Seele und Leib! Yellowstone-Parke müßten geschaffen werden, Reviere, in denen wertvolle Gehirne, wertvolle Seelen, wertvolle Leiber, geschützt vor feigen Verfolgungen, die Ideale der Natur repräsentieren könnten für die verkommende Milliarde der Unzulänglichen!

Ein Mädchen zum Beispiel, zu dem man spräche: Pflege die Pracht deiner zarten, gebrechlichen, adeligen Glieder, deinen Milchteint und deine Beweglichkeiten! Du sollst in einem Tempelchen hausen und keinerlei Sorge haben! Auf daß die andern hinpilgerten und, schamvoll in sich gekehrt, es versuchten, dir nachzugeraten ein wenig!

Aber bisher schützt man nur Edelexemplare unter den Pflanzen und Tieren, ja sogar heiße Springquellen mit Marmorbecken. Aber Menschen, Menschen schützt man noch nicht — — —.

BRANGÄNE

Ich kenne eine Sache im Leben, die mich am tiefsten ergreift von allen, die ich erlebt habe. Es ist in der Stille des nächtlichen Liebesgartens der Gesang der edlen Wächterin Brangäne. Es ist die tönend gewordene Selbstlosigkeit, inmitten der nächtlichen Liebesgefahren. Es ist die Warnung an die Allzuirdischen, die in der Melodie des Herzens zugleich eigentlich von selbst ertönt; es ist die Klage der tiefsten, echtesten Freundschaft, hineingesungen in den dunklen Garten. In jedem Menschen sind solche Gefühle aufgespeichert, besonders in den alten Kinderfrauen, die man entläßt von ihren Lieblingen, wenn man sie nicht mehr braucht. Aber sie weinen sich im stillen aus, alle diese Herzvollen, während bei Brangäne das Leid und die edle Sorge um einen geliebten Menschen helltönend wird, und in die dunkle, harte, grausame Welt hinaus stöhnt! Auch unsre alte Bedienerin Luise sang uns ein unvergeßliches Lied, als sie beim Abschiede mir und meinem Bruder schrieb: »Die sieben Jahre in Ihren Diensten, meine Herren, waren das Glück und der Segen meines ganzen Lebens — — —.« Alle diese versteckten, edel-tragischen Dinge der dienenden Menschenherzen ertönen in Brangänens Gesang. Alle in der Menschheit bisher leider vergeblich aufgestapelten Selbstlosigkeiten und Ergebenheiten werden da zu singender Klage; aber die Menschen der leidenschaftlich irrigen Stunden vernehmen nichts davon als ihre eigenen, zum Abgrund führenden Sündhaftigkeiten, deren Brausen alles übertönt — — —.

DER AFFE PETER