Part 1
Neues Altes
von
Peter Altenberg
S. Fischer, Verlag, Berlin 1919
_Vierte und fünfte Auflage._
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin.
Gewidmet Anna Konrad
Motto:
»Solche Männer und ihresgleichen sind einfach geniale Naturen, mit denen es eine eigene Bewandtnis hat; sie erleben nämlich eine _wiederholte Pubertät_, während andere Leute _nur einmal_ jung sind.«
Goethe, Gespräche mit Eckermann.
PA: Aber wie _glücklich zu preisen_ sind die, die _nur einmal_ jung zu sein brauchen, und dann ruhig absterben dürfen, während jene anderen _Unseligen_ von ewigen inneren Räuschen gefoltert werden — — —.
»J’ai de mes tourments multiplié les causes — — — d’innombrables liens vont de mon âme aux choses!«
Baudelaire.
INHALT
Seite Widmungen in meine Bücher 13 Wesen der Freundschaft 17 Was ist ein Dichter? 19 Bekenntnis 20 Entwicklung 21 Sankt-Martins-Insel 23 Konzert 25 Buchbesprechung 26 Ideale 30 Ein Brief 31 Variété 33 Die abgelehnte Einladung 35 Hypokrisie 37 Strandbad »Gänsehäufel« 38 Rückkehr vom Lande 39 Krankenlager 41 Hunde 43 H. N. 45 Helga 46 Das Telephon 47 Die Lüge 48 Plauderei 49 Lebensbild 52 Lebensbilder aus der Tierwelt 54 Brief an Mitzi von der »Lamingson-Truppe« 57 Aphorismen 59 Texte auf Ansichtskarten 60 Heilmittel 67 Der Nebenmensch 68 Schutz 70 Brangäne 72 Der Affe Peter 73 Ungeziefer 75 Mutter und Tochter 76 Der Dichter 77 Hysterie 78 Weihnachten 80 Der Tag des Reichtums 81 So sollte es immer sein 83 Inschrift 85 Tope 86 Bekanntschaft 87 Eifersucht 89 Goethe 90 Die Pflegeschwester Rosa Schweda 91 Geschwister 92 Der Besuch 94 Sommerabend in Gmunden 95 Ästheten 97 Erinnerung 99 Vöslau 101 Ein Brief 103 Der Fortschritt 105 Über Lebensenergien 107 Strandbad 109 Wesen der Religion 110 Wie sie es glauben wollen, so ist es 111 »Prodromos« 112 Restaurant Prodromos 115 Der Brand 117 Rücksicht 118 Myosa 119 Im Stadtpark 121 Ehebruch 123 Hamsun-Menschen 125 Memoiren 129 Widmung an Anna Konrad 130 Der Tod 131 Eine ganz wahrhaftige Beziehung 133 Im Volksgarten 135 Ansprüche einer Romantikerin 137 Lebensweg 139 Dienste 140 Wie ich gesundet bin 141 Gottesgnadentum 143 An einen unmodernen Arzt 145 Zynismus 147 Nacht-Café 149 Die Nerven 151 Britische Tänzerinnen 152 Der Trattnerhof 155 Artistische Rundschau, Wien 157 Parfüm 159 Übers Schreiben 161 Angstschrei 163 Juli-Sonntag 165 Der Jagdherr 166 Episode 169 Josef Kainz 170 Bettlerfrechheit 171 Von meinem Krankenlager aus 172 Krankheit 174 An eine Elfjährige 177 Krankenbesuch 179 Notiz 181 Rückkehr vom Lande 183 Nichts Neues 185 Das Dorf 187 Gerichtsverhandlung in Wien 189 Semmering Ende September 1911 190 Peter Altenberg als Sammler 191 Yvette Guilbert 193 Krankenpflege 195 Herbst am Semmering 197 Herbstanfang 198 Eine Begebenheit 201 Beschäftigung 203 Besuch im einsamen Park 205 Tanz 209 Peter Altenberg 213
WIDMUNGEN IN MEINE BÜCHER
Fräulein H. M., immer und ewig werden die Dichter an dem fast absichtlichen »Unverständnis« geliebter, vergötterter Frauen zugrunde geh’n — — —. Du allein brachtest mir die volle _Sicherheit_, daß mein sonst so oft _mißverstandenes_ Dasein von dir _erkannt_ wurde, in Weisheit und in Milde, wie von Gott selbst — — —! Heißt man das Liebe?! Gleichviel. Es ist die »Erlösung«, die eben keine andere bringen kann!
An Frau D. M., in unzerstörbarer Freundschaft.
Freundschaft, du immer und ewig _mißbrauchtes, geschändetes Wort_! Du bist »Erkenntniskraft des Gehirnes«, _gemildert_ durch »des Herzens Wohlwollen«!
An Maria Maraviglia, spanische Tänzerin.
Leben, flüchtigstes, zerrinnendstes, kann ich dich nicht festhalten?! Ja! Durch Erinnerung, Melancholie und Ergebung ins Schicksal — — —.
Frau M. B. in Aachen.
Aus Fernen kam ein begeisterter Gruß — — —. Wie selig war ich — — — zwischen Aachen und Wien ist genügend Raum für die Enttäuschungslosigkeit zusammengehöriger Seelen geschaffen — — —!
An die Gemahlin des Herrn J. S.
Wie eine Aristokratin sehen Sie aus des 18. Jahrhunderts — — —. Augen voll ernster Ruhe und Noblesse, und dennoch wieder Augen der Sphinx und der Rheinnixen! Die Nase wie von urältesten Adelsgeschlechtern herstammend, sanft gebogen und dennoch stumpf abbrechend. Adlernase und Stumpfnase zugleich! So aus einer Zeit von vergangener Würde und Größe. Man sitzt neben Ihnen, betrachtet Sie, spricht ehrfurchtsvoll, wie mit _keiner anderen_. Man ist unter einem unerklärlichen Banne. Wie wenn man vorgestellt würde der »Kaiserin Marie Antoinette«. Man möchte zu Ihnen sagen: »Votre Altesse Royale — — —«. Aber man muß über die kleinen Ereignisse des Tages sprechen — — —. Und dabei blickst du wie eine traurige Fürstin — — —!
Für P. H., die »Romantikerin«.
Sie erwünschen es sich, daß ich Ihnen von meiner einsamen Landpartie im Vorfrühling Blätter ins Haus sende, in die enge Gasse der Vorstadt?! Nun, ich befestigte alles einzeln vorsichtig an silbernen Drähten, zarte, gelbgrüne Blättchen. Wie gleicht Ihr Herz doch der Vorfrühlingslandschaft — — —! Man bedauert direkt, daß es bald zu greifbarer Blüte und Frucht ausreifen werde im Sonnenbrande des Lebens!
_Für Gertrude Barrison, Tänzerin._
Kalt und hart scheinbar sind Sie im Leben, das alle zu leben, alle zu erleiden, alle zu ertragen haben! Aber _hinter_ diesem »gewaltsamen Sein« schlummert den ewigen Schlaf, besiegt und längst abgestorben, die »vergrämte Idealistin«! _Geschreckt_ von der _Heimtücke des Daseins_, traut sie sich nie mehr zum Vorschein — — —. Und nur des Dichters Auge blickt noch in Welten, über die der Sargschleier, alles verbergend, liegt — — —.
_An Miß Bessie._
Ich hatte dich irrsinnig lieb und vergeblich — — — man hat immer nur _irrsinnig_ lieb, wenn es _vergeblich_ ist!
An Frau E. R.
Eine Welt von zärtlichster Zärtlichkeit mußte in mir ersterben, auf dein Geheiß! Auf deinen strengen unerbittlichen Wunsch! In späteren Tagen warst du sanftmütig und gütig zu mir; in späteren Tagen! Aber den »süßen Wahnsinn« hast du mir gemordet, wolltest durchaus meiner Seele endlose Welten auf ein _erfaßbares Maß_ zurückführen; vergeblich! _Stört_ euch »unser Wahnsinn«, so enttäuscht euch schließlich noch mehr die »normale Liebe« der anderen! Sind wir auch »übertrieben« in unserer Verehrung, sind die _anderen allzu nüchtern_ in ihrer gesunden Gerechtigkeit!
_An Else Wiesenthal._
Immer und überall im Leben vermißt man »Hoheit und Würde« und »edle Kindlichkeiten« zugleich! Aber in _Ihrem Tanzen_ findet man es. Deshalb ist man so beglückt und erlöst und erleichtert. Was man an seiner geliebtesten Geliebten schmerzlich-melancholisch vermißt, findet man, erstaunt, gerührt, bei Ihnen! Unerbittlich und starr wird immer naturgemäß sogleich die Seele des Mannes, falls ein _wertvolleres_ Bild vor seine Seele tritt! Ehebruch, Treuebruch, was seid ihr für nichtssagende Namen! Das »_Zulänglichere_« löscht einfach stets das »_Unzulängliche_« aus! Soll man weiter verehren, was der Verehrung nicht mehr wert ist?! Gehet von hinnen, Schwerfällige, wenn die »_idealere Tänzerin_« naht! Die »_Gleitende_« besiegt die »_Schleichende_«!
WESEN DER FREUNDSCHAFT
Ich kenne nur zwei Menschen, die mir freundschaftlich gesinnt sind, mein Bruder und A. R. Sie verstehen alles, was ich denke, empfinde, sage, geben allen Dingen die _wohlwollendste_ Auslegung. Sie sind ganz ohne »Fallen-stellen-wollen«. Sie vernehmen nur das Wertvolle, _überhören_ eventuelle Mißtöne, ohne zu zucken. Sie schöpfen vom geliebten Menschen den Rahm ab, beklagen sich nicht über die wässerige Milch, die darunter liegt, sondern erfassen es als ein Naturgesetz, daß der Rahm nicht bis zuunterst reichen kann — — —. Sie erläutern uns nach unseren _in uns verborgen liegenden_ Idealen, nicht nach unseren allen augenfälligen alltäglichen Schwächen! Sie lauern auf unsere _seltenen_ Höhepunkte, beachten nicht unsere Verkommenheiten. Sie sind noble Ausleger, Ausdeuter unseres _wirklichen Wesens_. Sie _begreifen_ unsere Schwächen, sie _achten_ unsere Stärke! Sie sind mit uns, wie man mit edelrassigen Kanarienvögeln, Papageien, Staren, Hunden, Affen ist. Man achtet ihre Eigenart, fordert von ihnen nichts Unmögliches. Man hält sich an ihre »besonderen« exzeptionellen Eigenschaften. Diese wohlwollend-sentimentale Art von Nervengutmütigkeit heißt: _Freundschaft_. Jede andere ist tief verlogen. Diese edle »_ewige Gutmütigkeit_« ist von _Gottes Gnaden_! Man hat sie zumeist erst mit Verstorbenen. Da kommt man erst zur Besinnung über besondere Werte, dringt tiefer ein in das Wesen desjenigen, dessen Lebendigsein uns nicht mehr stört. So lange er lebte, beging er die störende Ungeschicklichkeit, ein anderer zu sein an Denken und Empfinden als wir selbst!
WAS IST EIN DICHTER?
Er sah am »Gänsehäufel« ein fremdes junges Mädchen, ganz lang und schlank, goldbraune wehende Haare, lange, schmale Hände und Füße, ein ockergelbes seidenes Trikot an dem mulattenbraunen Leibe.
Er konnte sie nie, nie, nie mehr vergessen.
Er sah in einer japanischen Akrobatentruppe ein fünfjähriges Mäderl, gelber Teint, Stumpfnäschen, schwarze Haare wie eine Perücke. Lebendig gewordenes Kinderspielzeug!
Er konnte sie nie, nie, nie mehr vergessen.
Er las von einer wunderschönen Preisfechterin in Venedig, aus reicher, geachteter Familie, die ohne Grund, neunzehnjährig, sich aus ihrem Zimmer, drei Stockwerke hoch, aufs Pflaster stürzte und starb.
Er konnte sie nie, nie, nie mehr vergessen.
Er hatte neben sich eine, ganz, ganz neben sich, hart neben sich, bei Tag und bei Nacht.
Die konnte er aber vergessen, vergessen, vergessen!
BEKENNTNIS
Du gabst mir alles — — — und ich gab dir nichts! Mein Aug’, mein Ohr, mein Denken und mein Träumen gehörten vielleicht eher den dunklen Mädchen von den Sundainseln, romantischen Gebilden fremder Welten, die ihre stillen Wege gehn nahe dem Urwald — — —. Du gabst mir alles — — — und ich gab dir nichts! Wie Märtyrerinnen warst du aus der Vorzeit, oder wie Krankenpflegerinnen fremder Menschen, wie sie heut’ noch sind in Krankenhäusern und in Klöstern — — —. Belohnung war dein _eigenes_ Gefühl in dir! Im _Geben_ nahmst du _tausendfach zurück_, was du gespendet. Und _davon_ lebtest du! Nun bist du in dem Dienste deiner heiligen Seele krank geworden — — — der magische Schein der Selbstaufopferung verlischt — — — du kannst nicht mehr grenzenlos ergeben sein! Und weinend siehst du nun zum ersten Male deines Lebens Not — — —. Du gabst mir alles — — — und ich gab dir nichts! Und dennoch traure ich verzweifelt am Sarge deiner armen Seele — — —. Denn, glaube mir, sie starb!
ENTWICKLUNG
Es gibt zwei Arten von Genies. Die, die eine neue naturgemäße Sache entdecken, und die, die es _gläubig erfassen_ und verwerten. Der _Glaube_ an die Genialität des anderen ist die _nächstfolgende_ Genialität. _Glaube_ an neue Erkenntnisse ist bisher unterschätzt worden. Es ist ein _zweiter Grad_ von Genialität. Die anderen sind Skeptiker, also _ungenial_. Dann gibt es noch die _Mitläufer_ mit den Schwindlern und Hochstaplern. Das sind die ganz Ungenialen, die einem ebenso Ungenialen wie sie selbst sind, feige Kärrnerdienste leisten. Sie leben von der Hoffnung, man werde sie ernst nehmen, weil sie einem nicht ernst zu Nehmenden ernstlich Gefolgschaft leisten! Aber in Gottes Buche ist alles verzeichnet, und dieser riesigen unerbittlichen Buchführung über _Reelles_ und _Unreelles_ unterliegt schließlich alles! Alles wird _aufgedeckt_, die reellen und die gefälschten Ziffern, und man sollte eben deshalb schicksalsergeben sein. _Entwicklungskonjunkturen_ ausnützen ist jedoch eine der feigsten Gemeinheiten. Wenn man für die »Frauenseele« zum Beispiel kämpft, muß man zeit seines langen schrecklichen Lebens in jeder Beziehung daran auch elend verblutet sein. Die jungen Gänseriche haben aber noch einfach ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, ohne psychologische Mätzchen das Ihrige wie eh und je zu leisten. Der Entdecker _leidet_, und der Gläubige an ihn _leidet_. Aber der geschickte Ausnützer von Konjunkturen macht dabei seinen _Rebbach_.
Dasselbe findet in der Kunst statt. Gottes Pläne sind niemandem heilig, sondern man erstrebt es einfach, seiner eigenen verfehlten Organisation zum Durchbruche zu verhelfen! _Freaks_ sind noch lange keine _Genies_, obzwar Genies oft _Freaks_ waren. Sie waren es eben doch nur scheinbar. Denn _hinter_ ihnen thronte Gott und die Natur, wenn auch ein wenig in allzu grotesken Formen. Es gibt Räusche, in denen man Symphonien dichtet; und es gibt Räusche, in denen man sich erbricht. Beides sind Räusche, Ekstasen, übertriebene Zustände. Aber Rausch und Rausch sind nicht gleich; und nicht jeder torkelnde Betrunkene schreibt dann in seinem einsamen Zimmer Schubert-Lieder!
SANKT-MARTINS-INSEL
Als der Arzt ihr mitteilte, daß sie vor den dunklen Toren der Tuberkulose stehe, sagte sie: »Na, na, dös tun mer net, mit achtzehn Jahren?!«
Und sie eilte nach Gravosa, und lag auf der Sankt-Martins-Insel mutterseelenallein, mit ihren Proviantvorräten, von sieben morgens bis sieben abends, und breitete splitternackt die Arme aus, um die Heilkraft der Natur zu empfangen.
Sie ließ sich mit Mentholfranzbranntwein täglich zweimal eine halbe Stunde lang einreiben und nahm einen halben Liter Kakao mit sechs eingesprudelten rohen Eidottern. Ferner Bouillons mit eingesprudelten rohen Eidottern und Seefischfilets in großen Mengen.
Als sie gesund wurde, kam der Ehrgeiz und die Lebenslust über sie, und sie fand ein Engagement in einem ganz kleinen Theater. Ihre erste Rolle war die französische Gräfin Laborde-Vallais. Sie wußte durchaus nichts damit anzufangen, aber ein junger Herr schickte ihr in die Garderobe seine Visitenkarte.
Sie hatte sich mutig dem Tode entzogen, und bemerkte nun bald, daß das Leben es nicht wert sei, sich so sehr darum bemüht zu haben. Sie war dieser Gefahr »Tod« entronnen — nun kam diese größere Gefahr »Leben«! Dem konnte man nicht mit Sonnenbädern, Kakao, gesprudelten Eidottern, Mentholfranzbranntwein entrinnen!
Später lernte sie zufällig den Dichter kennen. Sie verstand nicht, worin das bestehe, ein Dichter zu sein. Man schreibt Bücher, und man ist ein Dichter. Aber was stellt es vor, und wozu ist es?!?
Aber eines Tages sagte er zu ihr: »Wie war es auf der Sankt-Martins-Insel?!? Sie lagen da, gottergeben, und erwarteten von Wiese, Wald und Sonne Ihre Heilung — — —.«
Und jemand sagte zu ihr: »Hören Sie mir schon auf mit Ihrer faden Sankt-Martins-Insel! Jetzt sind wir Gott sei Dank hier!«
Da blickte sie hilfeflehend zu dem Dichter, und sie fand einen hilfsbereiten Blick — — —.
Da wußte sie, was ein Dichter sei und wozu er da sei — — —.
KONZERT
Du kamst aus dem Konzert, erfüllt von Liedern und den Liedertexten, die von Dichtern waren wie Stefan George, Richard Dehmel, Jacobsen, dem verstorbenen Dänen, der Musik in Worten machte.
Du warst schön und prächtig, gelb und gold war dein Gewand, und deine geliebten Augen blickten noch in Fernen, aus denen sie eben kamen. Ein Zwerg, ein Wurm, ein gekrümmtes armseliges Reptil erschien ich dir, ans Irdische dich feig gemahnend, die du aus hehren Fernen kamst, und meiner Liebe allzu gewohnte Seufzer verhallten in den Tönen deiner neuen Musikwelten.
Ich starb dahin vor Eifersucht auf das Konzert, und auf alles, was drum herum und dran hängt an Ablenkungen selbstverständlicher Art einer fanatisch geliebten Seele —. Ich starb dahin.
Du aber blicktest, gelb und goldig war dein romantisches Gewand, in Fernen, aus denen du soeben kamst, gleichsam von einer langen, langen, langen Reise —. Wo warst du, Frau?!?
Da senkte ich den Blick, der zuerst böse starrte, und ich ergab mich in das Schicksal — — —.
Du sagtest schlicht: »Es war sehr schön; man hat sehr viel gelernt; man blickte jedenfalls in Welten, die bisher verschlossen waren —.«
Da saß ich denn da und getraute mich nicht mehr, deine geliebten Hände zu berühren wie eh und je —.
Und du sagtest: »Was haben Sie?!?« Und ich sagte: »Nichts — — —.«
BUCHBESPRECHUNG
Er hatte zu ihr gesagt: »Nun habe ich dich, _über allen Kitsch der Künstler_ hinaus, den _Kunstwerken der Natur und des Lebens selbst_ allmählich näher gebracht, habe dich mühselig gelehrt, die Romantik des Daseins _aus erster Hand_ zu genießen! Nun gebe ich dir einen allerbesten, spannendsten, aufregendsten, ergreifendsten, lehrreichsten Roman zu lesen: »_Der Volkskrieg in Tirol_ 1809« von Oberleutnant Rudolf Bartsch.«
Und sie las es in einigen Stunden einer schlaflosen Nacht. Alle Menschen darin standen ihr nahe, und sie zitterte um eines jeden Schicksal! Erzherzog Johann, die Offiziere, die Diplomaten, die Bauernführer wurden ihr zu vertrauten Freunden. Sie begann das Getriebe der Welt zu erkennen und Freunde und Feinde in gleicher Weise zu verstehen! Sie sah die Schlachten zwischen _Intelligenz_ und _Herz_ im Menschen, zwischen _Vorurteil_ und _Urteil_, zwischen _Fernsicht_ und _Nahsicht_!
Sie gewann eine tiefe, tiefe Liebe zu Peter Mayr und Andreas Hofer, zu den reinsten der Reinen, den eigentlichen Idealisten in dem Buche.
Sie weinte bitterlich und stundenlang über ihre edle Art. Sie schrieb sich folgende Stelle auf ein Pergamentblatt heraus und ließ es einrahmen unter dem Titel: »So sind alle, die für die _Kommenden_ von Wert sind!«
Diese Stelle lautete: Der geniale Hormayr verscherzte sich das Zutrauen vieler, namentlich der Bauern. Als er nach dem Bankrott der österreichischen Invasion aus dem Lande floh, _schob_ so recht das ganze Volk von Tirol den gegen Hormayr einfältigen, aber sittenreinen Sandwirt an die höchste Stelle — ohne dessen Zutun.
Schob: dieses Wort bezeichnet viel in Hofers Wesen und Laufbahn! Der bedächtige Sandwirt war keine aggressive, ideenwälzende Natur wie Haspinger, kein genial tollkühner Unfried wie Speckbacher. Viele seiner Führer hatten weit größere Begabung als der bloß mit einem schlichten, gesunden Hausverstand ohne weiten Blick ausgerüstete Hofer. Gedrängt, unwiderstehlich gedrängt wurde Hofer zu allem, was er tat. Eine äußere, aber geheime Macht, deren Walten er wohl ahnte, der er nie zu widerstehen suchte und die er verehrte, trieb ihn: der Volksgeist von Tirol!