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Part 9

Chapter 93,619 wordsPublic domain

»Plessow!« rief die Mutter freudig überrascht. Der Pastor stand auf und legte seine Pfeife bei Seite. Aber Plessow beachtete keinen Gruß. »Elisabeth, liebes böses Kind!« rief der Eintretende mit dem heitersten Gesicht, »ich bin Dir nachgelaufen! Nicht nur Deine Sachen mußte ich Dir selbst bringen, sondern auch eine gar gute Nachricht dazu!« -- Und damit wollte er sie umarmen, aber sie sah ihn mit weitgeöffneten Augen, ohne sich zu regen an, wurde todtenblaß und sank dann plötzlich zurück. Sie war zum erstenmal in ihrem Leben ohnmächtig geworden.

Das gab denn eine gewaltige Bewegung und viel rathloses Hin- und Herrennen, bis endlich Gottfried das Fenster öffnete, und die Bewußtlose dem frischen Luftstrom entgegentrug. -- Sie kam wieder zu sich und streckte auch gleich mit freundlichem Lächeln dem »Herrn Onkel« die Hand entgegen. Er neigte sich zu ihr herab und flüsterte ihr zu: »so sei doch ruhig, wunderliches Kind! Mein Kommen bedeutet das Beste. Ich selbst bin jetzt mit der ganzen Geschichte ausgesöhnt. -- Denke Dir, der Schmetterling hat gestern bei mir um Dich angehalten -- wirklich angehalten -- und ich trage Briefe an Dich und den Vater in der Tasche!«

Da brach ein Freudenstrahl aus ihren Augen, da stand ein siegendes Lächeln auf, in ihrem Angesicht -- aber nur einen Moment lang -- dann erwiederte sie leise aber fest: »Und Sie sind doch _umsonst_ geschrieben, diese Briefe!« -- Er sah sie ungläubig an, -- dann bat er den Pastor in scherzhafter Feierlichkeit um eine Unterredung unter vier Augen, überreichte ihm ein Schreiben, drückte Elisabeth einen Brief in die Hand und setzte sich in der Sophaecke zurecht. -- Das junge Mädchen verließ sofort das Zimmer.

»Ich denke, wir können diese Unterredung hier abmachen,« sagte der Pastor etwas unruhig. »Vor meiner Frau kann ich kein Geheimniß haben, und vor dem Gottfried da _mag_ ich keins haben, besonders, wenn es unsern gemeinsamen Liebling, die Elisabeth angeht, wie ich vermuthe.« Aber Berger war schon aufgestanden, schützte einen dringenden Krankenbesuch im Dorfe vor, und ging hinaus.

* * * * *

Das Gespräch der Drei währte lange, lange. -- Die Mitternachtstunde war vorüber, als sie sich trennten. Die Pastorin geleitete mit rothgeweinten Augen ihren Gast in die Fremdenstube. An der Thür gab Plessow ihr noch die Hand und sagte verdrießlich: »Dein Mann ist ein Starrkopf, wie ich ihn nie gesehn! Heut zu Tage macht kein Mensch mehr einen Unterschied zwischen einem katholischen oder protestantischen Schwiegersohn. Hätte ich eine Tochter, und sie wollte einen Juden oder Türken heirathen -- und er wäre brav und das Kind hätte sein Glück in ihm gefunden, -- ich sagte Ja. Und ein Prediger will intoleranter sein als wir gewöhnlichen Menschenkinder, die wir dem lieben Herrgott doch lange nicht so nahe stehen? -- Er mag sich in Acht nehmen, daß ihm diese Starrköpfigkeit nicht seine Tochter kostet. Ein Mädchenherz ist ein zerbrechlich Ding.« -- »Warum habe ich sie je von mir gelassen!« schluchzte die Pastorin.

»Versuche Du Dein Heil mit ihm -- wir Beide sind fertig mit einander. Morgen spreche ich noch einmal mit Elisabeth, und dann reise ich ab. Gute Nacht!«

Die tiefbetrübte Mutter schlich noch einmal an Elisabeths Kämmerlein und drückte auf die Klinke. -- Die Thür war jedoch abgeschlossen, auf ihr leises Rufen kam keine Antwort. »Gott sei Dank! Sie wenigstens schläft,« dachte sie und ging wieder hinab.

Das junge Mädchen saß aber völlig angekleidet vor einem kleinen Tische, und hatte eben unter tausend, tausend Thränen folgende Zeilen an Paul Albano niedergeschrieben:

»Sie haben mir in Ihrem Briefe gesagt, daß Sie mich liebten, und mich gefragt, ob ich Ihr Weib werden wolle. Vor wenig Wochen hätte mich solch ein Geständniß und solch eine Frage selig gemacht -- jetzt machen mich Ihre Worte nur ganz unsagbar traurig. -- Vor wenig Wochen glaubte ich ja noch, daß _Sie_ mich liebten wie _ich_ Sie liebte -- -- das ist nun vorbei. -- Ich weiß jetzt daß Sie mir nur geben, was Sie einer Andern genommen, oder -- was eine Andere verschmäht, -- und die kleine Predigerstochter ist zu ehrlich und zu stolz solche Geschenke anzunehmen. -- Fragen Sie nicht woher mir dies traurige Wissen kommt, -- ich würde es Ihnen doch nie gestehen, wie ich es wohl keinem Menschen gestehen werde.

»Ob mein Vater seine Einwilligung geben würde zu einer Heirath seines Kindes mit einem Katholiken, weiß ich nicht, -- Alle, die ihn kennen zweifeln daran. Wäre Ihre Frage aber vor Wochen gekommen, Albano, Gott weiß es daß meine Liebe stark genug gewesen ihm zu trotzen mit jenem Spruche, der allen Gläubigen gleich heilig sein muß: »_Du sollst Vater und Mutter verlassen und Deinem Manne anhangen._« -- Jetzt hat meine Liebe eines verloren: -- den Muth.

»Leben Sie wohl, Albano! Ich liebe Sie -- also glaube ich an ein Wiedersehn, und da ich hier auf Erden nicht Ihr Weib werden sollte, so vergessen Sie nicht, daß ich Sie im Himmel mein nennen will. Leben Sie wohl, tausend, tausendmal, lieber, geliebter Albano! -- Elisabeth.«

»Ein Narr mag eine Mädchenliebe begreifen!« murmelte Plessow, als er am andern Tage in dem Wagen saß und nach F. zurückrollte. »Die Kleine ist, seit sie die Luft im Elternhause athmet, wie verwandelt und noch toller als der Alte. -- Nun, meintwegen mag sie heirathen wen sie will. Im Grunde gönne ich dem Schmetterling Albano diese Zurückweisung -- das Herz bricht ihm nicht darüber! Aus dem Kinde werde ich aber nicht klug. Erst kompromittirt sie sich aus Liebe zu dem Wildfang vor einer ganzen Gesellschaft -- kaum eine Woche darauf weist sie den regelrechten Heirathsantrag desselben Mannes zurück, weil -- ihr Vater nicht will daß sie die Frau eines Andersgläubigen werde! Und mit welcher Ruhe giebt sie ihm den Abschied! Da glaube einmal Einer noch an die Beständigkeit eines Frauenherzens.«

* * * * *

Von nun an war es stille, sehr stille im Pfarrhause. -- Zwar kamen noch einige Briefe aus F. an die Pastorin, nach deren Empfang sie mehrere Tage mit verweinten Augen umherging, -- auch an Elisabeth kamen Briefe, die sie aber uneröffnet verbrannte. Gesprochen wurde über den Besuch Plessow's nie wieder, nach des Mädchens ausdrücklichem Wunsch. Ihre Staffelei hatte sie in dem sogenannten Gartenzimmer aufgestellt und arbeitete unermüdlich fleißig, -- aber sie malte nur Blumen, gepflückt auf jenen einsamen Spaziergängen die der Vater ihr jetzt schweigend gestattete. Die Zusammenstellung der einzelnen Blumen und Gräser beschäftigte sie oft Tage lang -- sie saß wie in tiefen Träumen verloren zwischen all dem Grün und den Blüthen, die sie gesammelt.

Die Bilder aber die dann entstanden, hätte man nicht »Stillleben,« sondern »Seelenleben« nennen mögen, es mußten dem warmherzigen Beschauer lieblich-wehmüthige Gedanken kommen, beim Anblick dieser Schöpfungen. Aus dem kleinen Stückchen frischen Rasen z. B., auf dem eine Hand voll Feldblumen hingestreut war, standen Märchen auf, und das in einem zerbrochenen Glase geordnete Bouquet Astern, an deren schönster ein todter Falter hing -- war ein gemaltes Gedicht.

Vater und Mutter standen oft bewundernd vor ihres Kindes Staffelei -- aber Elisabeth nahm nicht mehr wie sonst ihr Lob mit freudigem Erröthen entgegen. Es war überhaupt etwas Fremdes zwischen Eltern und Tochter getreten, für das Niemand einen Namen wußte, und das auch Keiner dem Andern gestehen mochte. -- Nur das Verhältniß Elisabeths zu Gottfried gestaltete sich unerwartet freundlich, zur großen Genugthuung des Pastors, der allmählich im Stillen seine alten Lieblingsideen wieder aufnahm. -- Sie bat den Vetter zuweilen ihr vorzulesen, sie plauderte mit ihm in den Dämmerstunden, sie zeigte ihm ihre Bilder, sie verkehrte mit ihm recht wie eine zärtliche Schwester mit einem Bruder, von dem sie lange getrennt gewesen. Und er? -- Nun er war still wie immer, aber er schien heiterer als seit langer Zeit. Keinen Moment ließ er sie aus den Augen, allezeit bereit für sie zu thun was sie eben von ihm begehren mochte, und nur zuweilen bekümmert daß sie eben so wenig begehrte.

»Die Kinder finden sich endlich,« flüsterte der Pastor einmal seiner Frau zu, »und wenn ich den Gottfried bewegen könnte, sich einstweilen um eine kleine Pfarre zu bewerben und wegzugehn, so hoffe ich das Beste. -- Trennung ist allezeit ersprießlich für die Liebe. Elisabeth wird sich in einem Jahre nicht mehr weigern Frau Pastorin zu werden, und wenn ich einmal todt bin entgeht dem Gottfried diese Pfarre nicht. Ihre Zukunft ist nun geordnet -- wir werden Freude an dem Mädchen erleben! Sie ist ja auch mein starkgläubiges vernünftiges Kind!«

Das »starkgläubige« Kind war seltsamer Weise nur nicht zu bewegen in die Kirche zu gehn, auch spielte sie nie mehr mit dem Vetter jene vierhändigen geistlichen Lieder, die zu hören dem Vater immer so viel Freude gemacht. -- Dagegen hatten manche Leute sie am Marienbilde gesehn, und auch im Gespräche getroffen mit der freundlichen Jungfer Marianne, der alten Schwester des katholischen Pfarrers.

* * * * *

Es geschieht oft, daß ein Stück Leben hinschleicht, Jahre lang, wie ein schwüler Sommertag, daß man immerfort ein Gewitter ahnet und doch noch keine Wolke sieht, von der herab der zerschmetternde Blitzstrahl zucken soll.

So waren im Pfarrhause fast zwei Jahre vergangen. Gottfried Berger war schon seit Monaten wohlbestallter Paster in L., kaum zwei Stunden von M. -- Einen anderen sehr steifen und sehr trockenen Kandidatus Theologiä hatte man in seine Stelle geschoben, der mit der Familie in gar keiner Verbindung stand. Die Pastorin kränkelte, Elisabeth lebte malend und still einen Tag wie den andern fort. -- Sie ging umher mit ernsten Augen und traurigem Lächeln, und die alte Brigitte pflegte von ihr zu sagen, sie schaue aus wie Jemand, dem man einen kalten schweren Stein auf's Herz gebunden. Regelmäßig jeden Morgen in der ersten Frühe trat sie ihren Spaziergang an, Winter und Sommer, und kam um acht Uhr wieder heim. --

So war denn wieder einmal ein Frühling gekommen. Die Laube that diesmal ihr Möglichstes, kein Sonnenstrahl vermochte durch die dichten Geisblattranken zu dringen, die Goldregensträuche legten sich noch zum Ueberfluß darüber hin und schmückten den Eingang mit ihren Trauben, der Flieder blühte blau und weiß, und die alte Linde mit ihren hellgrünen Blättern rauschte ganz vernehmlich: »das Leben ist doch schön!« und die Vögel sangen auf dies Thema die kunstvollsten Variationen. Da kam an einem Sonntag-Nachmittag Gottfried Berger von L. herüber und hielt feierlich, und sichtlich tiefbewegt, um Elisabeth an. -- Alles Blut wich aus ihren Wangen als er seine Worte an sie richtete -- sie waren allein in der Laube. -- Hastig und verwirrt dankte sie ihm für seinen Antrag und -- wies ihn bestimmt und kurz ab. --

Er schien im ersten Augenblick völlig fassungslos über solche Antwort. Seine Züge verzerrten sich -- seine Augen flammten. »Also _das_ meiner langjährigen Liebe?« stammelte er. »Habe ich noch nicht geduldig und lange genug gewartet und geschwiegen? -- Beherrscht sie Dich _noch_ unumschränkt die Erinnerung an jenen Mann der Dich so leichten Kaufes aufgab, daß er nicht einmal kam um -- Abschied von Dir zu nehmen?«

»Quäle mich nicht!« sagte sie mit bleichen Lippen; »ich bin kaum fertig geworden mit meinem Herzen, und habe zur Noth so viel Frieden gefunden wie ich brauche, um weiter zu leben. -- Ich werde aber nie eines Andern Weib, da ich nicht das Weib dessen werden konnte den ich liebte.« -- »O ich weiß Alles! Sein Glaube allein trennte Dich nicht von ihm. Er war ein Nichtswürdiger, der Dich nur zur Ehe begehrte weil er seiner Geliebten, einer verheiratheten Frau, überdrüssig war. Hörst Du nun, daß ich Alles weiß? -- Und früher als Du selbst es wußtest -- und mein _Herz_ allein hat mir das verrathen!« -- »Und trotzdem gehöre ich ihm doch!« -- »Und trotzdem lasse ich Dich nicht! Das ist auch Liebe, Elisabeth! Jetzt wollen wir sehen, welche Liebe festeren Stand hält, die Deine oder die meine. Die Zeit des Duldens, Harrens und Schweigens ist jetzt für mich vorbei -- es ist eine Kampfeslust über mich gekommen, die mir das Blut wild durch die Adern jagt. -- Immer und immer werde ich wieder kommen, Dich bitten, Dich quälen mein Weib zu werden -- so lange, bis Du gemartert von meiner Treue, gemartert von Deinem armen öden Leben, gemartert von den Bitten Deiner Eltern, die jetzt Beide zu mir stehen, -- die Meinige zu werden einwilligst. -- Ich weiß, daß Du mir ein krankes Herz zubringst, eine zerquälte Seele, einen müden Leib, -- aber ich will mich begnügen Krankenpfleger zu sein. -- Sieh, _so_ liebe ich Dich!« --

War das Gottfried, der Stille, Sanfte, der _so_ sprach, so blickte? Einen Zug von Energie hatte die Leidenschaft in dies Johannesgesicht gezeichnet, der es völlig verwandelte. -- Er sah jetzt aus wie -- ein Mann. -- »Ich nehme den Kampf an -- auf Leben und Tod!« sagte Elisabeth nach einer Weile fest. »Gut. Wer unterliegt, dem möge Gott helfen.« -- Sie trennten sich. --

Von diesem Tage an begann ein Leben voll Qual für Elisabeth. -- Die Eltern fingen an, in Anspielungen und Andeutungen, bald in sanfter, bald in gereizter Weise ihr den Wunsch zu erkennen zu geben, sie nun als Gottfrieds Braut zu sehn. -- Des Mädchens ruhiger und beharrlicher Weigerung folgten immer dringendere Versuche. Sie waren ebenso erfolglos. -- Lange peinliche Ermahnungen des Vaters kamen nun, und thränenreiches Zureden der Mutter. -- Elisabeth setzte jedoch dem allen eine abweisende Kälte entgegen, sie ließ sich weder auf Gründe, noch Erklärungen ihrer Weigerung ein, sondern wiederholte nur immer einfach: »ich will nicht heirathen.« Nach und nach wurden dergleichen Scenen heftiger, die Gereiztheit des Vaters, die Thränen der Mutter nahmen überhand, dazu kam jeden Sonntag Gottfried herüber und warb mit Blicken und Worten unermüdlich. -- Sie blieb scheinbar ruhig, unbewegt wie ein Fels, den die Wogen umbrausen, aber sie wurde bleich, ihre Augen verloren an Glanz, ihre Gestalt an Fülle. -- So schleppte sie ihr Dasein weiter. Halbe Tage lang verweilte sie vor ihrer Staffelei und die übrige Zeit ließ sie sich geduldig quälen. --

Es schien, als ob die Verheirathung der Tochter plötzlich der alleinige Lebenszweck beider Eltern geworden und kein anderes Interesse, außer dieser einen Angelegenheit, mehr ihre Seelen zu beschäftigen vermöchte. Die Mutter quälte allerdings zunächst die Sorge, die Tochter möchte unverheirathet bleiben in dieser Abgeschiedenheit, ein Gedanke, der ihr wie vielen Müttern unerträglich war. Seitdem sie ihre so kühnen Hoffnungen hatte begraben müssen, ängstigte sie sich allen Ernstes um die Zukunft Elisabeths. Zudem fühlte sie eine Art rastloser Unruhe ihr einen Halt zuzuweisen, da sie sich als die Veranlassung zu dem geheimen Herzleid ihres Kindes ansah. Hätte sie das Mädchen ruhig in M. gelassen, sie wäre ja jetzt ohne Zweifel längst Frau Pastorin Berger. An einem eigenen Heerd, an der Brust eines Mannes der sie auf seinen Händen zu tragen verheißen, würde Elisabeth schon wieder froh werden und sich aufrichten, meinte sie. Der Gottfried war ja in der That auch keine schlechte Partie, so jung und schon eine so gute Pfarre und dazu die sichere Anwartschaft auf M.! Und vor allen Dingen liebte er ihr Kind, gewaltig, unermüdlich, das hatte er in Worten und Thaten bewiesen. Elisabeth mußte das endlich einsehen! Ein Tropfen, der immer und immer auf dieselbe Stelle fällt, höhlt ja den härtesten Stein aus: -- die Mutterthränen mußten ihre Wirkung thun mit der Zeit. --

Der Vater marterte sein Kind aus ganz andern Gründen. Es handelte sich bei ihm um Erfüllung eines lange gehegten Wunsches, um eine Bitte die er ja, kraft seiner väterlichen Autorität, in einen Befehl hätte verwandeln können, ohne daß es ihm Jemand zu verwehren vermocht. Und seine Tochter stellte sich trotzig ihm, einem Bittenden, gegenüber! Er war an keinerlei offene Widersetzlichkeiten gewöhnt, weder in dem Verhältniß als Familienvater zu den Seinen, noch als Pastor zu seiner Gemeinde. -- Die Störrigkeit seines Kindes betrübte ihn nicht, sie empörte ihn. Als er ihr damals mit dürren Worten gesagt daß er niemals in eine gemischte Ehe willigen und selbige segnen werde, war sie doch so ruhig gewesen, wie es sich für eine gehorsame Tochter ziemte. -- Und nun? Doch er verzagte keinen Augenblick, er war sich der Mittel bewußt, diesen Trotz zu brechen. -- Hatten Nadelstiche doch schon einen Elephanten getödtet -- diesem unablässigen Mahnen und Drohen mußte der Teufel des Eigensinns weichen.

Aber er war trotz alledem noch nicht gewichen, als der Herbst kam -- und so befahl denn der Pastor eines Tages seinem Kinde, unter Vorhaltung des Spruches: »ehre Vater und Mutter, auf daß Dir's wohl gehe und Du lange lebest auf Erden,« -- am nächsten Sonntage Gottfried Bergers Antrag, falls er denselben wiederholen werde, anzunehmen. --

Elisabeth erwiederte kein Wort -- sie ging umher wie sonst, mit ernsten milden Augen -- sie blieb nur am Sonnabendmorgen länger als gewöhnlich auf ihrem Spaziergange. Als dann nun am Sonntage Gottfried Berger kam und, in Gegenwart von Vater und Mutter, sie wiederum bat sein Weib werden zu wollen, sah sie ihn kalt an und sagte: »Frage den Vater, ob er eine Ehe einsegnen wolle zwischen mir und Dir! -- Seit gestern Morgen gehöre ich nicht mehr zu Euch -- seit gestern nahm mich eine Kirche auf, die mir tröstend zurief: »wer viel geliebt, dem wird viel vergeben werden.« -- Ich bin Katholikin.« --

* * * * *

Etwa zehn bis zwölf Jahre später sprach man in F. viel von einer Blumenmalerin, deren reizende »Stillleben« ein bedeutendes Aufsehen machten, in den Ausstellungen wie in den Kunsthandlungen. Die kleinen Blumenstücke athmeten eine überwältigende Fülle von trauriger, süßer Poesie. Der Name der Malerin war Elisabeth Müller. -- Vorzüglich rühmte man ihre Darstellung verwelkter Blumen. Ueber ihren todten Blättern, geknickten Knospen, sterbenden Rosen, schwebte ein Hauch der Verklärung. -- Kleine Skizzen von ihr, in Wasserfarben, wurden sehr gesucht. Elisabeth Müller lebte aber so still und eingezogen in F., daß man dort längst schon ihre Schöpfungen bewunderte, ehe man ahnte, daß die Schöpferin in derselben Stadt wohnte, in der man sich für ihre Bilder so warm begeisterte.

Bei der Comtesse Feldern war »=reunion=.« Viel Lichterglanz, viel Uniformen, viel blendende Arme und weiße Schultern, viel Blumen und Federn, viel Zuthaten aller Art, wenig Natur, viel hübsche Gesichter, wenig bedeutende, viel nichtssagendes Geplauder, viel versteckte Langweile, viel forcirte Heiterkeit -- =et voila tout=. --

Aber dort, in der Nähe des Kamins, wer war der stattliche Mann mit dem leicht ergrauten Haar und dem schönen Kopfe, mit jener leisen Linie von Lebensüberdruß, die sich an den beiden feinen Mundwinkeln herabzog? Er saß allein und durchblätterte eben mit einem leichten Spottlächeln das Prachtalbum der Gnädigen. Man streifte an dem Einsamen mit besonders freundlichem Gruße vorüber, manche reizende Frau blieb wohl auch neben ihm stehen, einige flüchtige Worte an ihn richtend. Man schien ihn allgemein zu kennen. Es war der berühmte Landschaftsmaler Paul Albano, der erst seit zwei Tagen wieder in F. lebte, nachdem er seit länger als einem Jahrzehnt sich im Orient und Italien umhergetrieben, und bald hier bald dort, sein Künstlerzelt aufgeschlagen.

»Haben Sie das Letzte der Blätter schon eines Blickes gewürdigt?« fragte die sehr alt gewordene Comtesse heranrauschend. -- Als er verneinte, schlug sie das Buch ganz auf. Ein Blatt von neuem Datum war sorgfältig angefügt. Man sah einige Feldblumen aus einem Stück Rasen sprießen, unter ihnen ein Vergißmeinnicht das welkend das Haupt neigte. Rings umher blühten Löwenzahn, Schlüsselblumen und Veilchen, frisch und lebendig, trotz des Todes in ihrer Nähe. -- Albano stand plötzlich betroffen auf. »Wer hat dies Blatt gemalt?« fragte er hastig und gedämpft.

»Eine gewisse Elisabeth Müller. O, Sie entsinnen sich ihrer gewiß nicht mehr! Sie war mit Plessow's verwandt und einmal, vor vielen Jahren, eine kurze Zeit im Plessow'schen Hause. Daß Sie die Kleine vergaßen, ist ganz natürlich -- Sie waren eben damals etwas angelegentlich mit der guten Plessow beschäftigt. =Mais -- en passant= -- war die schöne Adele nicht tausendmal liebenswürdiger in jener Zeit als jetzt, wo sie zum Orden der strengen Betschwestern gehört? -- Sie haben sie doch wohl schon auf ihrem Landsitz aufgesucht, den sie weder Sommer noch Winter verläßt? Fanden Sie nicht daß die Arme bedeutend gealtert, und daß Plessow etwas mürrisch geworden?« -- »Elisabeth Müller -- sagten Sie?« wiederholte Albano wie im Traume, und legte die Hand auf das Herz.

»=Mon Dieu!= -- Sie erinnern sich wirklich ihrer? Dann kommt es daher, weil die Kleine sich damals auf die abscheulichste Weise trug. Unvergeßlich ist mir auch eine hellblaue Seidenfahne, kaum vier Ellen weit.« -- »Aber sie lebt wirklich hier -- hier in F. und -- allein?« -- »So viel ich weiß. Aber hübsch ist sie nicht mehr, ich sah sie einmal auf der Straße im Vorüberfahren. Kränklich soll sie sein -- irre ich nicht, so sprach man neulich bei der Gräfin Reiner von einer auszehrenden Krankheit. Sie trägt sich aber jetzt weit besser -- ziemlich elegant im Schnitt, aber immer in Grau oder Schwarz. Künstlermarotte!«

Albano griff nach seinem Hut. »Entschuldigen Sie mich, gnädige Frau, ich muß fort.« -- »Doch nicht etwa um sich der kleinen Müller vorstellen zu lassen?« lachte die Dame. »Sie irren sich in der Zeit, lieber Albano! Sehen Sie, meine Uhr zeigt eben Mitternacht. Warten Sie zwölf Stunden länger!« -- »Sie haben recht -- ich warte. -- Vergessen Sie mein lächerliches Auffahren, aber -- erzählen Sie mir noch was man von dieser Elisabeth hier sagt.«

Die Feldern lehnte sich in den dunkeln Fauteuil zurück, winkte Albano zu sich und flüsterte geheimnißvoll: »sie soll katholisch geworden sein -- aus Interesse für einen jungen hübschen Kaplan wahrscheinlich, der in der Nähe ihres Heimathdorfes Pfarrer war, dergleichen Geschichten ereignen sich ja häufig. Der Uebertritt führte natürlich einen Bruch herbei mit Papa und Mama. Sie verließ ihre Heimath, Plessow verschaffte ihr hier ein Unterkommen in einer Familie, und veranstaltete zuerst eine kleine Ausstellung ihrer Bilder. Plötzlich verschwand sie wieder und pflegte ihre erkrankte Mutter bis zum Tode, brachte dann einen gichtbrüchigen, halb blinden Vater mit zurück, für den sie mit unermüdlicher Treue gesorgt haben soll, bis vor einem Jahre, wo er endlich starb. Ihre Staffelei stand in seinem Krankenzimmer, und sie verließ den Kranken nur zuweilen in den Abendstunden, um frische Luft zu schöpfen in dem kleinen Garten vor dem Hause. -- Sie hat ihm seine Verzeihung nach und nach wirklich abringen müssen, -- er soll im Anfang sein Kind entsetzlich gequält haben. Zuletzt starb er in ihren Armen, die Tochter segnend. -- Da haben Sie die Geschichte. -- Mir erzählte sie vor längerer Zeit die Baronin Eichstädt, die dem Hause der Kleinen gegenüber wohnt und sie sehr protegirt. -- Apropos, mein Herr -- wollen wir etwa morgen zusammen zur Eichstädt fahren? Sie citirt uns dann vielleicht die Malerin herüber?«

»Ich danke, gnädige Frau. Ich reise wahrscheinlich morgen früh auf einige Tage nach D.« -- »Unstäter! Aber Sie sehen recht angegriffen aus, Albano, -- ich bitte Sie, nehmen Sie ein Glas Eis.« -- »Sie sind sehr gütig -- meine Gnädige. Sie erlauben -- --«

Er stand auf und verließ den Saal. -- Als die Comtesse sich nach einer Weile in den andern Zimmern nach ihm umsah, war er verschwunden. --

* * * * *