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Part 8

Chapter 83,655 wordsPublic domain

Die Plessow'sche Ehe galt schon mehrere Jahre lang für ein Musterverhältniß in den höheren Kreisen F.s. Der stattliche Fünfziger hatte nach zwölfjährigem Witwerstande seinen Namen und sein Vermögen der armen, aber reizenden Adele Felsen zu Füßen gelegt. Sie brachte ihm zwar kein freies, aber ein dankbares Herz zu -- er hatte sie ja aus einer drückenden Lage im Hause hochmüthiger Verwandten erlöst, und eine Jugendliebe zu einem armen Offizier war ohnehin hoffnungslos. -- Fast zehn Jahre lang stand sie als anmuthige Wirthin und liebenswürdige Frau dem Hause ihres Mannes vor, der sie schmückte und werth hielt wie ein Lieblingsspielzeug. Er versagte ihr keinen Wunsch, aber sie war auch so artig, nur die billigsten Wünsche zu äußern -- die unbilligern höchstens errathen zu lassen. -- Die Gesellschaft hatte bis vor einem Jahre über Frau von Plessow nicht mehr zu flüstern gewagt, als sie eben über jede hübsche Frau, die einen ältern Mann geheirathet, zu flüstern gewohnt ist. -- Da erschien Albano, der junge elegante Maler, im Plessow'schen Hause -- die Scenerie veränderte sich -- die Beleuchtung wechselte. -- Die Männer spöttelten, die Frauen munkelten, verdammten, kreuzigten -- aber nicht, weil hier eine Frau heilige Pflichten zu verletzen schien -- sondern nur -- weil der schönste Mann F.s den kunstreichsten Netzen sich entzogen hatte, um in den Locken der »kleinen koketten Plessow« hängen zu bleiben! --

Eines Tages -- der Herbst kam heran, man redete schon davon in die Stadt zurückzukehren -- unternahmen Plessow's mit einigen ihrer Gäste einen Ausflug nach einer, wenige Stunden vom Gute entfernten Ruine. -- Mehrere Damen, unter ihnen Elisabeth, fuhren, -- Frau von Plessow und die Männer ritten. Wieder war Albano an ihrer Seite -- wieder wehte die braune Feder und der lange Schleier, und stolz lächelnd, mit flüchtigem Kopfnicken und fliegenden Locken, sprengte die graziöse Frau vorüber. -- Ein Seufzer flog ihr nach -- ein schöner Mädchenkopf unter einem runden Hute neigte sich weit über den Wagenschlag, um ihr nachzusehen. -- Als der Wagen aber nach kurzer Fahrt vor dem Wirthshause hielt, trat Albano an den Schlag -- und einen Augenblick lang nur zitterte Elisabeths Hand in der des Geliebten -- und fühlte einen kurzen heißen Druck, -- aber solche Augenblicke werden zu seligen Jahren in der Erinnerung, Dank dem Gotte der uns die Erinnerung gönnte! -- Nachdem man eine Erfrischung genommen, bestieg man die romantische Burg, Elisabeth am Arme ihres »Herrn Onkels« war die Letzte im Zuge. -- »Erspare mir die steile Bergtreppe, mein Kind,« sagte Herr von Plessow plötzlich, »im Burggarten ist die Aussicht ebenso schön -- komm, ich will Dir's beweisen, auch möchte ich gern mit Dir ein Wort allein reden.«

Sie sah ihn ahnungsvoll an und ließ sich schweigend von ihm führen. -- Der Burggarten war groß, romantisch verwildert, und voll poetischer Plätzchen, die einen Blick in das weite Land gestatteten. An Grotten, verfallenen Bassins und eingestürzten Brücken fehlte es nicht, Herr von Plessow zog es aber vor sich auf eine neugezimmerte Bank zu setzen, die der Wirth der naheliegenden Waldschenke für die Besucher der Ruine an einer der lieblichsten Stellen hatte aufführen lassen.

Als Elisabeth neben ihm Platz genommen, sagte er ohne alle Einleitung: »ich habe heute einen Brief von Deinem Vater erhalten. Die Eltern wünschen, daß Du vor dem Winter nach Hause kommst, -- die Mutter wird Dir wohl selbst in diesen Tagen schreiben. Der junge Berger will fort. Er hat sich zu einer Pfarrstelle in S. gemeldet und wird bald dort eine Probepredigt halten.« -- »Gottfried will den Vater verlassen?« rief Elisabeth und schlug staunend die Hände zusammen. -- »Ueberrascht Dich das so sehr?« -- »Wie sollte es nicht, Herr Onkel! Und Unrecht ist es auch vom Gottfried!« -- »Warum?« -- »Nun, er hat mir ja versprochen die Eltern nicht zu verlassen, bis ich heimkomme.« -- »Hast Du ihm denn alle _Deine_ Versprechungen so gewissenhaft gehalten, daß Du ihn so streng richtest?« -- »Ich habe dem Gottfried im Leben noch nichts versprochen als das Eine: bald möglichst nach M. zu kommen. Sie wissen ja selbst, Herr Onkel, daß ich das nicht halten konnte.«

»Aber -- Elisabeth, sieh mich nicht so erschreckt an! -- der Vater schreibt ganz so als ob ihr Beiden euch _näher_ anginget, der junge Berger und Du -- als ob --« -- »Gottfried und ich? Gewiß gehen wir uns nahe an -- wir haben uns lieb wie Bruder und Schwester.« -- »Nein, Elisabeth -- so ist's nicht! Und wenn Du's nicht weißt oder nicht wissen willst, so laß mich Dir's nur rund heraussagen: -- Dein Vater will, daß Du den Gottfried heirathest, und der Gottfried will Dich auch zur Frau, -- aber jetzt denkt er daß ein Anderer Dich ihm streitig gemacht hat, und da will er denn, nach Art unglücklicher Liebhaber, allsogleich auf und davon gehen.« --

Todtenblaß schaute das Mädchen dem Sprechenden ins Gesicht und ihre Hand zitterte, als sie nach einer Weile die Hand Plessows berührte und mit veränderter Stimme bemerkte: »Herr Onkel, _das_ kann der Vater nicht wollen!« -- »Lies den Brief selber, mein Kind! Der Vater ist plötzlich ängstlich geworden um Dich und verlangt Dich heim. -- Und wenn Du meinen Rath hören willst, mein Kind -- Du weißt, ich habe Dich lieb, sehr lieb sogar -- so geh! -- Geh, Elisabeth, so lange es noch Zeit ist.« --

Er verstummte, denn Stimmen wurden laut und Fußtritte, die Gesellschaft überraschte die Zurückgebliebenen. Elisabeth steckte den Brief wie im Traume zu sich -- sie schrack zusammen, als neben ihr Albano's Stimme leise, halb scherzend, sagte: »jetzt weiche ich nicht mehr von Ihrer Seite!«

Man streifte durch den Garten. Ein breiter Fahrweg durchschnitt unbarmherzig die schönsten Taxuswände, Fuhrleute und arme Wanderer zogen darüber hin, unbekümmert um die gestürzten steinernen Helden und Göttergestalten, die hart an der Straße, überwuchert von Gras und Kräutern, lagen. -- Herbstblätter bedeckten den Weg, den jetzt die elegante Gesellschaft betrat. -- Der Himmel hing blau über ihnen, die Sonne schien warm, und fröhliches Lachen klang durch die heitere Luft. Die geschmückten Frauen, leicht über den rauhen Pfad hinschreitend, erschienen so glücklich und anmuthig, die Männer so liebenswürdig -- die Unterhaltung war so lebhaft und glänzend, der landschaftliche Hintergrund so reich -- es war ein lebendiges Wouvermann'sches Bild in moderner Tracht.

Elisabeth erschien ungewöhnlich lebhaft, sie plauderte hastig mit ihrem Begleiter, aber ihre Wangen glühten, ihre Augen schimmerten feucht. In all dieses Schwirren fröhlicher Menschenstimmen klang jetzt plötzlich ein fremder trauriger Ton -- das Glöcklein des Monstranzdieners. -- Aus dem Walde hervor schritt ein ehrwürdiger Priester, gefolgt von dem Meßner, der die letzte heilige Labung einem Sterbenden entgegen trug -- Alle traten zur Seite -- der einzige Katholik unter ihnen -- Paul Albano -- beugte das Knie. -- Aber -- war es eine weiße Wolke die neben ihm zur Erde sank in demselben Augenblick? -- Er hob die Augen -- dicht an seiner Seite kniete Elisabeth am Rande der Straße, die Hände gefaltet -- das holdselige Gesicht überströmt von einem verklärenden Schimmer von Andacht und -- Liebe. --

Warum sie niedergesunken -- sie wußte es nicht; sie betete, weil sie eben ihren Geliebten beten sah; sie warf sich mit ihm, neben ihm in den Staub vor dem Gotte der ihr reines Herz -- ihre Liebe kannte; sie hatte in diesem einen überwältigenden Moment alles vergessen, nur das Eine nicht: daß sie neben ihm, _mit ihm_ auf den Knien lag. -- Der Priester lächelte gütig, machte das Zeichen des Kreuzes über diese beiden jungen Häupter -- und wandelte weiter. -- Das Glöcklein verhallte, die ganze Scene ging vorüber wie ein Schattenspiel. --

Elisabeth kam erst wieder zu sich bei dem Klange einer scharfen Frauenstimme, die folgende Worte sagte: »seit wann kniet die Tochter eines protestantischen Geistlichen vor einem katholischen Kaplan? Sie spielen ja recht artig Komödie, Fräulein Müller!« -- Frau von Plessow war es, die spöttisch lachend neben Elisabeth stand.

Das junge Mädchen erhob sich. Verwirrt blickte sie umher; sie begegnete überall neugierigen Augen; man flüsterte mit einander -- man flüsterte über sie! -- Jetzt erst besann sie sich _was_ sie gethan; aber ihre plötzliche Verwirrung, ihr Erröthen und Erblassen galt nicht jener Gesellschaft, der sie unbewußt »eine artige Vorstellung« gegeben -- Elisabeth dachte einzig und allein in diesem Moment an ihren Vater. -- Was würde er empfunden haben, hätte er sein Kind _so_ gesehen! -- Sie fühlte ihr Herz heftig schlagen -- sie fühlte, wie eine namenlose Angst herankroch: -- sie rang nach Athem. »Komm, mein Kind,« sagte jetzt die gedämpfte Stimme Plessow's. »Es ist besser, wir fahren nach Hause -- Du und ich. -- Meinst Du nicht auch Elisabeth?« -- »Ja, ja, nach Hause!« wiederholte sie und athmete auf. -- Noch einmal wandte sie im Fortgehen den Kopf zurück -- Albano stand neben Frau von Plessow, -- seine Augen trafen die ihren mit einem tiefen dunklen Blick.

Als sie im Wagen neben ihrem stummen Begleiter saß, wandte sie sich plötzlich gegen ihn und sagte: »ich will aber wirklich nach Hause, Herr Onkel!« -- »Du thust wohl daran, mein Kind!« lautete die Antwort. -- »Morgen früh will ich fort! Ich muß dem Vater alles sagen!« -- »Wußtest Du nicht, daß Albano ein Katholik sei?« -- »Nein! Ich sah nur daß er betete und -- ich betete mit ihm.« --

»Aber Elisabeth, glaubst Du, der Vater, _Dein_ Vater, würde zugeben, daß Du, sein einziges Kind, eines Katholiken Weib würdest?«

Sie sah ihn erblassend an -- ein Ausdruck von so unendlicher Angst breitete sich über das Gesicht, daß Plessow mitleidig seinen Arm um sie schlug und sehr weich sagte: »sei nur ruhig, Elisabeth, ich schreibe selbst an Deinen Vater -- es wird schon alles gut werden. Albano hat doch sicher längst mit Dir geredet?« -- »Er hat mir nie gesagt daß er mich zu seiner Frau begehre,« antwortete sie, und ihr Auge strahlte wieder, »aber ich weiß ja -- daß er mich lieb hat, denn --« -- »Was denn?« -- »Denn -- _ich_ liebe ihn ja so über alle Maßen!« Sie war in diesem Augenblicke wunderschön in ihrer einfachen starken Zuversicht. -- »Armes Kind!« murmelte Plessow. --

Sie sprachen nun Beide kein Wort weiter miteinander auf der Rückfahrt, und als sie aus dem Wagen gestiegen, ging Elisabeth sogleich in ihr Zimmer hinauf. -- Herr von Plessow hielt sie nur noch einmal zurück, um ihr zu sagen: »Morgen Mittag, sobald ich aus der Stadt komme, sprechen wir weiter mit einander. Bringe Deine Sachen nur einstweilen in Ordnung, vielleicht begleite ich Dich selber nach M. -- Mit der Post kannst Du nicht reisen, die fährt des Nachts um zwei Uhr hier vorbei.« --

Die übrige Gesellschaft kam erst mit Dunkelwerden zurück -- Elisabeth ließ sich zum Souper entschuldigen, und bald nach neun Uhr zogen sich die verschiedenen Gäste in ihre Gemächer zurück. --

Es war fast zehn Uhr als Elisabeth, inmitten ihrer fast krankhaften Geschäftigkeit, sich plötzlich erinnerte, ihr Skizzenbuch im Salon vergessen zu haben. Es mußte auf dem Klavier liegen, Albano hatte diesen Morgen noch darin geblättert. -- Sie nahm ein Licht und ging geräuschlos die teppichbelegten Treppenstufen hinunter. Im Vorzimmer war es leer, die Thür des Salons nur angelehnt, -- es war noch Licht da, auch in dem Boudoir der Frau vom Hause, das dicht daran stieß. Das junge Mädchen fand die Mappe und wollte eben wieder den Rückweg antreten, als eine tiefe, ach nur zu sehr geliebte Männerstimme gedämpft, von dem Nebenzimmer her, an ihr Ohr schlug. Sie hörte Albano reden und stand still, keine Macht der Welt hätte sie jetzt dazu gebracht von dieser Stelle zu weichen. Starr, ein schönes Steinbild, das Buch an die Brust gedrückt, den kleinen silbernen Leuchter mit der brennenden Kerze in der Hand, stand sie und lauschte: -- _er_ redete ja! -- Bleicher als das weiße Kleid, das sie trug, wurden ihre Wangen, ungestüm schlug ihr Herz -- aber sie wankte nicht -- es war ja _seine_ Stimme! --

»Aber ich will sie nicht länger dulden in meinem Hause -- sie ist eine gemeine Kokette!« sagte die bebende Stimme der Frau von Plessow. -- »Erlauben Sie mir zu bemerken daß meiner Ansicht nach Elisabeth sich grade in _dieser_ Hinsicht bis jetzt wunderbar ungelehrig gezeigt hat!« -- »Wie? Sie wagen es mir gegenüber dies Mädchen in Schutz zu nehmen?« -- »Sie bedarf meines Schutzes nicht, meine Gnädige. Wer so rein und blumenhaft wie dieses junge Wesen --.« »Ich verbitte mir alle sentimentalen Phrasen! Sie langweilen mich!« -- »Aber um Gotteswillen Ruhe, Adele! Sie sind ja außer sich -- Sie sind -- -- verblendet!« -- »O! Sie meinen ich sei eifersüchtig? Lassen Sie mich lachen! Und recht von Herzen! -- Nein, Paul, _solche_ Nebenbuhlerin fürchte ich noch nicht!« -- »Aber Sie dürften sie vielleicht zu fürchten haben, wenn Sie -- Elisabeth beleidigten, wenn Sie das Mädchen zwängen Ihr Haus zu verlassen!« -- »Auf diese Drohung hin wage ich es, mein Herr! -- Oder hätten Sie vielleicht Lust die kleine Pastorstochter zu heirathen? Eilen Sie -- Papa und Mama in M. werden Sie mit offnen Armen aufnehmen. Ein Schwiegersohn ist allzeit willkommen. Gehen Sie -- versäumen Sie keine Zeit mein Herr -- wer möchte Sie halten?« -- »Und wenn ich nun diese Erlaubniß benutzte?« -- Ein halb unterdrückter Schrei -- der Name »Paul!«, ausgestoßen in Verzweiflung und Zorn, drang in Elisabeths Ohr.

Das junge Mädchen glitt hinweg, geräuschlos wie sie gekommen. --

Als die Postkutsche in der zweiten Morgenstunde langsam heranrollte, stand eine verhüllte Frauengestalt, ein kleines Bündel in der Hand, am Wege, hart am Thore des Plessow'schen Gartens. -- »Nach M.« sagte eine schüchterne Stimme. -- Der Wagen war leer. -- Die Dame stieg ein, die Pferde trabten weiter, und das Geräusch der Räder verlor sich allmählich in der tiefen Stille der Nacht. -- --

Elisabeths kleine Dienerin brachte am frühen Morgen dem Herrn des Hauses folgenden Brief:

»Lieber Herr Onkel! -- Zürnen Sie mir nicht, daß ich eher abgereist bin als ich wollte. Ich _mußte_ fort, ich würde gestorben sein wenn der Postwagen nicht gekommen wäre. O wäre ich nur schon zu Haus! -- Fragen Sie mich aber nie, weßhalb ich so schnell fortlief, schreiben Sie mir auch nie, auch nicht dem Vater -- schicken Sie mir nur meine Staffelei und mein Malergeräth. -- Ich will wieder fleißig sein, recht fleißig, damit ich es auch verdiene, daß Sie mich lieb haben. -- Dank für Ihre Güte -- Dank für alles -- Gott segne Sie! -- Elisabeth.«

* * * * *

Wie still waren die langen Herbstabende in dem Pfarrhause! -- Die Schwarzwälder Uhr in der Wohnstube tickte einförmig, der Pastor saß rauchend und sinnend in einem Sessel, die Pastorin strickend auf dem harten Sopha, Gottfried Berger auf einem Strohsessel ihr gegenüber. Zwar lagen zwei Bände »Lebensbeschreibungen berühmter Deutschen« auf dem Tische, zwar fing der Kandidat regelmäßig nach dem Nachtessen an darin zu lesen -- er wurde aber sicher, noch ehe er zwei Seiten vollendet, von irgend einem Etwas unterbrochen. Entweder fiel nämlich die Nadel der Frau Pastorin unter den Tisch, und er bückte sich sie aufzuheben, oder die Pfeife des Pastors erlosch, und der Lesende war es der es zuerst bemerkte und einen Fidibus anzündete, und bei solchen Gelegenheiten war man ehe man sich dessen versah, in das allgemeine Lieblingsgespräch vertieft, das sich immer und immer wiederholte und dessen doch niemand müde wurde: man redete über Elisabeth. -- Ihre Briefe wurden aus dem Strickkörbchen, wo sie jederzeit lagen, hervorgeholt, und wieder und wieder durchgegangen und hin und her besprochen.

Wochen waren vergangen, seit der letzte Brief ins Pfarrhaus geflogen. Und diese Zeilen waren so jubelvoll gewesen, und doch so kurz, daß der Vater über das theure Porto schalt. Nachher meinte er aber doch das Blättchen habe ihm Freude gebracht, obgleich im Grunde nichts darin gestanden, es sei ihm gewesen, als ob Elisabeth in alter Weise ihm heimlich einen Blumenstrauß ins Studierzimmer gestellt. -- Der Mutter Herz hatte im Stillen gejubelt und in ihr Abendgebet jenen Mann eingeschlossen, dessen Namen ihr Kind _nicht_ in diesem letzten Zettelchen genannt. -- »Sie wird die Frau eines berühmten Künstlers, der Himmel hat meine Pläne gesegnet. Gott behüte das Plessow'sche Haus.«

An demselben Abend hatte sie eine lange Unterredung mit ihrem Gatten, und als sie sein Studierzimmer verließ, nahm sie die Genugthuung mit hinweg, daß der Pastor, anscheinend wenigstens, von einer seiner Lieblingsideen völlig zurückgekommen sei. Er hatte nämlich am Schlusse jenes wichtigen Gespräches geäußert: »es sei ihm jetzt ganz lieb und recht, daß der Gottfried die Pfarrstelle in S. erhalten und in einem Monat dahin abgehe.« -- Seitdem war aber eine Pause eingetreten, die allmählich anfing auf alle zu drücken: -- Elisabeth schrieb nicht.

Es war am Abend vor Gottfried Bergers Abgang nach S. -- draußen pfiff ein schneidender Herbstwind, der Himmel zeigte sich grau verhangen, die welken Blätter retteten sich in wilder Flucht von den Bäumen, als fürchteten sie noch einen schlimmern Feind als -- den Tod. Drinnen in der Wohnstube hatte man schon längst die grüne Schirmlampe angesteckt, auch brannte ein kleines Feuer im Ofen, -- die Drei saßen wie immer um den runden Tisch.

»Ob die Postkutsche schon durchgekommen sein mag?« fragte die Pastorin eben. -- »Sie wird in zehn Minuten hier sein,« antwortete Berger mit melancholischer Stimme, »ich will hinunter gehn zum Postverwalter, vielleicht ist heute ein Brief da.« -- Und er rückte seinen Stuhl, wie jeden Abend, und stand auf um seinen Hut zu nehmen. Da klinkte es an der Hausthür -- da kamen Schritte -- da klopfte es wie im Fluge an die Stubenthür -- eine hohe Mädchengestalt im verhüllenden Mantel und Hute trat ein, ehe Jemand »herein« gerufen, -- eine sanfte Stimme sagte: »Vater! Mutter! Gottfried!« -- Herr Gott des Himmels -- es war das Kind, -- es war Elisabeth!

Als Vater und Mutter sie umfaßt hielten, da begriffen Beide nicht daß sie dies Kind so lange entbehren konnten. -- Aber als die Mutter ihr den Mantel und den Hut abnahm und der Vater den Schirm von der Lampe abhob, damit der volle Lichtschein das geliebte junge Angesicht treffe, da war es ihnen, als sei das nicht mehr jenes Mädchen, das damals von ihnen gegangen. -- Größer war sie geworden, doch blaß -- recht sehr blaß -- und ihr Lachen war nicht mehr so fröhlich -- ihre Stimme klang anders.

»Und Du kommst allein, -- und so überraschend, -- warum schriebst Du nicht vorher?« fragte die Mutter und küßte sie wieder und wieder. -- »Der Gottfried wollte ja fort, und da mußte ich wohl kommen,« antwortete sie scherzend, aber die Augen standen ihr voll Thränen. -- »Er geht auch morgen nach S. zur Probepredigt für nächsten Sonntag,« sagte der Vater. Sie sah ihn erstaunt an. »Also wirklich? Auch nicht noch einen Tag sollen wir mehr mit einander plaudern, Gottfried?« -- »Willst Du es -- so kann ich noch einen Tag bleiben.« -- »Ich bitte Dich darum!«

Die Pastorin konnte es diesen Abend kaum erwarten ihr sichtlich ermüdetes Kind in die Schlafkammer zu führen, -- sicherlich hatte Elisabeth eine Last froher Mittheilungen auf dem Herzen. Sie sah ja ganz aus wie eine heimliche Braut -- so ernst, so gedankenvoll, sie wechselte die Farbe so jählings! --

Endlich waren die Stunden des Hin- und Herfragens, und das Nachtessen, vorüber, -- Brigitte hatte in der Freude ihres Herzens den Eierkuchen verbrannt -- und Mutter und Tochter waren allein im stillen Kämmerlein. -- Die Pastorin stellte den Leuchter auf den Tisch, und nestelte wie sonst ihrem Kinde das Kleid los. Aber Elisabeth sprach und fragte nur gleichgültige Dinge, wenngleich sie sich's gefallen ließ daß die Mutter, wie vormals, sie auskleidete, ihr das Haar einflocht und das Nachtkleid überwarf. -- »Dein Haar ist viel schöner geworden, sieh, ich bringe die Flechten kaum unter das Häubchen!« sagte die Pastorin mit mütterlichem Stolz. »Und wie viel hübscher verstehst Du Dich zu kleiden! Du hast auch gewiß allerlei Schönes mitgebracht. Plessow's waren ja so gut gegen Dich. Wann kommen Deine Sachen?«

Als ihr Kind den Kopf auf die Kissen gelegt, setzte sich die Mutter auf den Rand des Bettes, und herab sich beugend zu der lang entbehrten jungen Gestalt, flüsterte sie bewegt: »hat meine Tochter auch ihr altes schönes Vertrauen zur Mutter wieder mitgebracht?« -- Da schlang Elisabeth ihre beiden Arme um den Nacken der Mutter und brach in ein heißes Weinen aus. Lange lange kam kein Wort über ihre Lippen, das Schluchzen sänftigte sich nur allgemach, und als die Thränen endlich milder flossen, konnte sie nur kaum vernehmbar murmeln: »es ist alles -- alles vorbei. Aber bitte, bitte, frage mich nicht -- ich muß sterben wenn ich davon reden soll! Es ist vorbei und ich bleibe bei Euch für immer.« -- Sie hatte die Hände zusammengepreßt und sah mit dem Ausdruck tiefsten Leides zu ihr auf.

»Ich verspreche es, wenn Du wieder ruhig werden willst,« antwortete die weinende Mutter. -- »Nun gute Nacht denn, Mütterchen,« sagte sie mit der Zärtlichkeit früherer Tage, »aber bete, ehe Du gehst, noch einmal mein Kindergebet mit mir. Ich habe es lange nicht mehr gebetet.« Und leise flüsterten nun zwei bewegte Stimmen:

»Müde bin ich, geh' zur Ruh, Schließe meine Augen zu, Vater laß das Auge dein Ueber meinem Bette sein.

Hab' ich Unrecht heut gethan, Sieh' es lieber Gott nicht an, Deine Gnad und Christi Blut Macht ja allen Schaden gut.

Kranken Herzen sende Ruh, Nasse Augen schließe zu, Alle Menschen groß und klein Sollen Dir befohlen sein.«

Die Mutter küßte die Tochter noch einmal und ging. -- Ob der liebe Gott wohl diese nassen jungen Augen schloß, in dieser ersten Nacht im Vaterhause?

* * * * *

Seltsame Tage waren es, die nun kamen und gingen im Pfarrhause. Es war scheinbar alles wie sonst und doch alles anders. Zuerst kam der Gottfried schon am zweiten Tage und erklärte, daß er nicht nach S. zur Probepredigt reisen werde. Er gab an, einen Brief erhalten zu haben, der die Aussicht auf Erfolg dort seinerseits zweifelhaft gemacht. Der Pastor und seine Frau sahen ihn zwar zuerst mit großen Augen an, freuten sich aber dann aufrichtig den gewohnten Hausgenossen behalten zu dürfen. Elisabeth reichte ihm stummdankend die Hand.

Sie saß jetzt wieder wie früher mit der Mutter im Wohnstübchen, -- Abends versammelte man sich um den runden Tisch, Gottfried las, als ob man gar nichts zu Plaudern hätte, aber es war etwas Fremdes zwischen Allen, das keiner mit Namen zu nennen wußte. Das junge Mädchen trug Kleider von anderm Schnitt, ihr Haar war in anderer Weise geordnet, aus den Schläfen weggestrichen, in Puffen zurückgeschlagen und hinten in einen tiefen Knoten zusammengenommen. Die edlen Linien ihres jugendlichen Profils traten so sehr blendend hervor. Die Rundung ihres Gesichts war aber verschwunden, die Wangen zeigten eine merkliche Verminderung ihrer sonstigen Fülle, und leise Schatten lagen unter den Augen. Das fröhliche Singen durchs Haus, das leichte Springen Trepp ab, Trepp auf, das helle Auflachen -- alles war nicht mehr da. Ernst glitt die junge Gestalt durchs Haus und sah man sie die Treppe hinaufsteigen, so meinte man, sie müsse müde sein, sehr müde. -- Zu den Poststunden zeigte sie eine gewisse fieberhafte Spannung, die Keinem entging. »Ich erwarte meine Staffelei und mein Malergeräth,« sagte sie dann wie zur Entschuldigung.

Eine Woche war vergangen -- da kam Gottfried Berger eines Abends nicht allein von der Post zurück; Männer, die verschiedenes Gepäck trugen, folgten ihm, und Allen voraus eilte ein kleiner starker Herr in einen Mantel gehüllt. Er war schon in der Wohnstube, ehe Berger das Pfarrhaus erreichte.