Neue Novellen

Part 7

Chapter 73,584 wordsPublic domain

Endlich klappte der Maler das Buch zu und sagte lächelnd: »wenn Sie mir versprechen wollen, eine gehorsame Schülerin zu sein -- so möchte ich wohl Herrn von Plessow um die Erlaubniß bitten, ihn einigemal in der Woche bei seinem Unterricht unterstützen zu dürfen. Ich weiß, wie beschränkt seine Zeit ist!« -- Elisabeth unterdrückte einen Freudenschrei -- aber sie ließ ihre seligen Augen leuchten. »Erlauben Sie es auch, lieber Herr Onkel?« fragte sie dann, und als Herr von Plessow lachend sagte: »ich muß mich sogar bei ihm bedanken für solch großmüthiges Anerbieten!« -- da neigte sie mit dem Ausdruck reizendster Demuth ihre Lippen auf die Hand der »gnädigen Frau« und bat: »nicht wahr, auch _Sie_ werden es erlauben?«

»Wie wunderbar hübsch sie jetzt ist!« dachte Albano, während Frau von Plessow kalt ihre Hand zurückzog und in gezwungen scherzhaftem Tone sagte: »Meine Erlaubniß ist überflüssig -- ich selbst möchte vielmehr um Erlaubniß bitten, in diesen Unterrichtsstunden als Zuschauerin figuriren zu dürfen, =ma chère=. Wer weiß, vielleicht nehme ich selbst noch den Pinsel in die Hand und wetteifere mit Ihnen!« -- Die Sache war abgemacht. -- Man betrachtete noch einmal die Skizze mit der Akropolis, plauderte, kritisirte -- Albano erzählte -- der kleine Zwischenfall schien vergessen.

* * * * *

»Der Gottfried hat wieder einen Brief mitgebracht von Elisabeth!« rief die Pastorin durch die halbgeöffnete Thür in ihres Mannes Studierstube. -- »Endlich! Sie ließ diesmal lange warten!« -- »Nun wir haben heut den 12. März und der letzte Brief war vom 1. Februar. Du vergißt immer, wie viel die Kleine mit ihrem Zeichnen zu thun hat.« -- »Gieb nur schnell das Schreiben her.« -- »Die Aufschrift ist an mich, Väterchen. Ich muß zuerst lesen. Komm Du lieber in die Wohnstube hinunter, da will ich Euch vorlesen. Hier treibt mir der Tabaksqualm ohnehin das Wasser in die Augen. Und der Gottfried möchte doch auch gern zuhören.« -- »Gut, so laß uns gehn.«

Während er aber langsam hinter der Voraneilenden die knarrende Treppe hinabstieg, murmelte er doch ärgerlich: »daß sie diese Tabaksempfindelei nicht ablegen kann! Qualm! Als ob je aus einer einzelnen Pfeife ein Qualm aufsteigen könnte!« --

Der Pastor und dessen junger Substitut mußten sich jedoch noch lange gedulden und schritten, in zwar sehr einsilbigen, aber doch kirchlichen Gesprächen auf und nieder. Die Mutter mußte ja erst den Brief allein lesen, ganz allein, dann wurde ein Weilchen geweint, nachher kamen verschiedene Ausrufe und endlich las sie dann, oft unterbrochen von eigenen und fremden Bemerkungen, folgenden Brief:

»Geliebte Mutter! -- Böse mußt Du mir nicht sein, und auch der Vater darf's nicht, daß ich so lange nicht geschrieben -- ich hab's selber bis zu dieser Stunde nicht gewußt daß es so viele Tage her war. Es fiel mir nur auf, daß Frau von Plessow mich heute fragte, ob ich nicht daran denken wolle meine Kleider und Hüte für das Frühjahr zurecht machen zu lassen. Da erfuhr ich denn erst, welches Datum wir schreiben. In der Stadt merkt man ja den Frühling nicht, wie Ihr ihn merkt da draußen. Am 12. ist ja Gottfrieds Geburtstag -- wenn ich Zeit habe, schreibe ich ihm eine französische Gratulation unter den Brief.

»Recht viel habe ich zu thun, liebe Mutter, und doch, wenn ich am Abend zu Bette gehe, bin ich oft recht traurig, denn es kommt mir dann vor, als ob ich nichts gethan. Eine ganze große Mappe voll Zeichnungen habe ich, die ich Euch einst mitbringen werde, aber es stehen nicht wie sonst Bäume, Felsstücke, Wasserfälle, sondern Arme, Beine, Füße und Köpfe darauf. Albano behauptet ich hätte mehr Talent zum Porträt als zur Landschaft. Ich habe nämlich seinen Kopf aus dem Gedächtniß nachgezeichnet, und den fand er in meiner Mappe. Selbst Frau von Plessow fand ihn ähnlich und hat ihn in ihr Album gelegt. Er ist aber auch so leicht zu treffen, die Linien sind alle so schön und regelmäßig. Ich freue mich eigentlich, daß ich Porträtirtalent haben soll, es ist so hübsch ein liebes Gesicht so festzuhalten. Euch Alle will ich zeichnen, Dich, liebe Mutter, in der Blondenhaube mit den breiten Bandschleifen, die Du immer des Sonntags trägst, den Vater im Sammetkäppchen und mit der Pfeife, und den Gottfried? -- Ja, wie zeichne ich den gleich? -- Am besten wohl über ein Buch geneigt, die Augen tief niedergeschlagen, wie ich ihn immer Abends beim Vorlesen sah. -- Auch Brigitte wird gezeichnet im Sonntagsputz, die Katze auf dem Schooße.

»Du fragst gewiß, wann das geschehen wird, Mütterchen. Freilich noch nicht so bald als wir dachten, aber doch, so Gott will, bestimmt im nächsten Herbst. Wer hätte geglaubt, daß so sehr viel zu lernen sei! -- Zu den Farben bin ich noch gar nicht gekommen! -- Ich begreife nicht, daß Albano nicht die Geduld mit mir verliert. Aber er ist eben so unendlich gut -- ich könnte mir keinen bessern Lehrer wünschen. -- Im Sommer wollen mich Plessow's mit auf ihr Gut nehmen, da will ich aber doch ganz heimlich wieder Baumschlag und Landschaft studieren. Ein kleines Atelier soll ich dort haben, und mich malen zu lehren, hat mir der Onkel versprochen. Das sind wunderschöne Aussichten. Und Stoff zu Porträts werde ich genug finden, denn es soll immer sehr viel Besuch dort sein. -- Obgleich man sagt, daß man mit dem Porträtiren sich viel Geld verdienen könne, so möchte ich doch lieber -- arm bleiben, wenn ich dafür nur einen kleinen Theil so warm, so leicht, so lebendig skizziren könnte wie Albano. Ach! wenn ich Euch einmal ein Stückchen Landschaft von ihm zeigen könnte!

»Ein recht unruhig Leben haben wir hier -- ich möchte manchmal davonlaufen vor all den Besuchenden. Sitze ich in meinem Stübchen, so schickt Frau von Plessow wohl zehnmal im Vormittag herauf, bald soll ich eine neue Mantille, die mir der Herr Onkel gekauft, anprobiren, bald mir vom Schneider Maß nehmen lassen zu einem neuen Kleide, das mir Frau von Plessow schenkt, bald muß ich mit ihr in die Läden fahren, bald mich einigen Fremden vorstellen lassen. Deine lieben Kleider, gute Mutter, und die langen Shawls habe ich aber nicht etwa aufgetragen, behüte mich der Himmel, ich soll sie nur jetzt eine Weile liegen lassen, Frau von Plessow hat einen so wunderlichen Geschmack.

»Um sie nicht böse zu machen, ziehe ich die Sachen an, die sie mir giebt, aber will ich mich einmal recht nach meinem Sinne putzen und vergnügt sein, so schließe ich meine Thür zu und ziehe eines der Kleider an die Du mir gegeben. Besonders lieb habe ich das blaßblaue Seidenkleid -- ich trug es ja an meinem ersten Tanzabend! -- Weißt Du, wann ich nur ganz allein bin, liebe Mutter? -- Nach Tische, von 3--4, zuweilen sogar bis 5. Dann aber fahren wir aus, und Abends besucht Frau von Plessow Gesellschaften oder das Theater, und ich spiele mit dem Herr Onkel und zwei seiner alten Schwestern Whist, oder wir bleiben ganz einsam und spielen Schach.

Auf einen Ball wollten mich Plessow's zuweilen mitnehmen, aber ich habe ja dem guten Vater versprochen niemals in öffentlichen Sälen zu tanzen, und werde mein Versprechen auch gewissenhaft halten. Aber schön mag's dort sein, Albano erzählt mir oft davon, und wenn Frau von Plessow so strahlend hervorschaute aus einer Wolke von leichten und glänzenden Stoffen, Blumen und Perlen, da -- nun, Dir darf ich's ja leise in's Ohr sagen, Mütterchen, da wurde ich so traurig, wie wohl Aschenbrödel gewesen sein mag, wenn sie ihre Stiefschwestern zum Balle schmückte. Wenn dann der Wagen fortgefahren war und ich so allein saß -- lauschte ich doch heimlich, ob nicht aus irgend einem Winkel eine gute Fee hervortreten würde, ein Gewand von Silberstoff für mich in der Hand tragend. -- Im Theater sehe ich immer nur, wie ich's ja gleichfalls dem Vater versprochen, lauter ernste Stücke. Wie im Traume bin ich wenn der Vorhang aufgegangen, und es ist mir, als lebte ich wirklich mit denen, die da auf- und niedergehen vor mir, und hätte auch ein Wörtchen darein zu reden. Wenn Albano in der Plessow'schen Loge nicht immer hinter mir säße und mich mit ruhigen Worten und Erklärungen zur rechten Zeit aufweckte, wer weiß welchen Unsinn ich begehen würde. -- Nur das Weinen kann ich nicht unterdrücken; neulich in der Maria Stuart stürzten mir die Thränen unaufhaltsam aus den Augen. Es war mir, als fühlte ich mein Herz in Stücke brechen, wie sie von dem treulosen Leicester scheidet. Sie hat ihn nämlich noch lieb, Mutter, Du kannst mir's glauben, ich fühlte das. Ich war nur froh, daß sie bald ausgelitten hatte, -- der Gang zum Tode kann ihr nicht schwer geworden sein -- das Leben wäre ja doch viel schwerer gewesen. -- Warum hat uns Gottfried niemals Maria Stuart vorgelesen?

»Liebe, liebe Mutter, schreibe mir nur bald und erzähle mir recht von Euch. Knurrt der alte Caro noch immer so, wenn Gottfried vorübergeht? --

»Wie mir's nur sein wird, wenn ich wieder einmal in der Laube sitze oder an der Mauer lehne, wo ich auf den Kirchhof sah! -- Nun, zu Deinem Geburtstag im Oktober bin ich wieder bei Euch. Liebe Mutter, ich kann dem Gottfried nicht mehr besonders gratuliren, thu Du's recht von Herzen für mich. Albano wird gleich hier sein, und ich muß hinuntergehen um Papier und Stifte zurecht zu legen. Lebe wohl, Du Liebe, Gute! Ich denke oft daran, wie einsam es Dir sein mag in unserm stillen Dorfe, da Du ja auch weißt wie bunt und schön sich's in der Stadt lebt. --

»Wie viel werde ich Euch zu erzählen haben, wenn ich heimkehre! Der Gottfried braucht dann nicht vorzulesen, den ganzen Winter lang nicht. -- Ich grüße Euch alle und umarme Dich und den Vater in Gedanken viel hundert tausendmal. -- Elisabeth.

»Nachschrift. -- Ich gehe auch alle Sonntage in die Kirche, aber der alte Konsistorialrath hat keine Zähne mehr, und da können nur die ihn verstehn, die dicht unter der Kanzel, oder ihr gerade gegenüber sitzen. Sie haben hier auch auf allen Bänken Schilder mit Namen, wie bei uns, auch klappert der Küster gerade so hart mit dem Klingelbeutel wie in unserer Kirche. Aber viele geputzte Damen gehen hin, und die Herren stehen in den Gängen umher und gucken sich keck frei die verschiedenen Gesichter an. -- Ich bin recht traurig immer auf dem Heimwege, daß ich nie dort von Herzen andächtig sein kann. Wenn mir der Vater nur nicht böse wird deßhalb!« --

Mit strahlenden Augen reichte die Mutter den Brief dem Vater hin. »Sie ist da wie Kind im Hause,« sagte sie freudig, »sie hat ein gutes Leben dort!« -- »Und wird als tüchtige Malerin zurückkommen,« meinte der Pastor, nahm die Brille aus dem Futteral und setzte sich behaglich an das Fenster, um die Epistel noch einmal zu lesen. »Ich wundere mich nur,« murmelte er zwischen dem Lesen, »daß sie gar nichts von meinen alten Universitätsfreunden schreibt, für die sie doch dicke Briefe mitgenommen -- von dem muntern Fritsche, ehemaligem Calculator, und vom dicken Senf, der uns immer Predigten hielt und nun Nachmittags-Prediger an der F. Frauenkirche ist, so viel ich weiß.«

»Elisabeth lebt in einem gar vornehmen Hause,« fiel hier Gottfried Berger ein, und seine sonst so sanfte Stimme klang so bitter und verändert, daß beide Eltern aufsahen. Er stand abgewendet von ihnen an dem Fenster und trommelte leise an die Scheiben. -- »Sie haben ganz recht! Ich glaube nicht, daß eine Frau wie die Plessow, mit Calculatoren und Nachmittags-Predigern verkehrt!« sagte die Pastorin kühl. -- »Nun, ein Nachmittags-Prediger ist doch immer ein Prediger, und wer steht denn höher in der menschlichen Gesellschaft als ein geweihter Diener des Herrn?« rief der Pastor, sich hoch aufrichtend mit allem Stolz jenes souveränen Herrschers, dem die Macht gegeben »zu binden und zu lösen.« -- »Wer höher steht?« wiederholte der junge Kandidat und wandte langsam sein bleiches Gesicht dem Fragenden zu. »Hier in M. freilich niemand, lieber Onkel; in großen Städten aber gilt jeder Pinsel mehr heut zu Tage.« --

»Herr Kandidat -- die Kinder mit dem Geburtstagsstrauß sind draußen!« meldete Brigitte. »Sie haben aber gewaltig schmutzige Klumpen (Holzschuhe) an; in die Wohnstube kann ich sie nicht lassen, die ist gestern erst gewaschen.« -- »Sie mögen in meine Stube kommen!« antwortete Gottfried und verließ das Zimmer.

Draußen begrüßte ihn eine kleine Schaar mit Händedrücken und frohem Gemurmel. Das größte Mädchen trug einen Strauß von Tannenreisern und Märzveilchen in der Hand. Er nickte ihnen freundlich zu und schloß seine Stube auf. Nach kurzem Kampf mit Brigitten, die ihnen gewaltsam die beschmutzte Fußbekleidung abnahm, drängte sich die kleine Schaar in Strümpfen nach. -- Der junge Mann hörte geduldig allerlei stockende Glückwünsche an, versprach den Ueberbringern für nächsten Sonntag einen Kuchen, und die Kinder gingen vergnügt wieder weg.

Da saß er nun allein, -- den Strauß von Tannenzweigen in den Händen, in tiefe Gedanken versunken. Der starke Duft des winterlichen Grüns durchzog die kleine Stube. Das Feuer im Ofen warf seinen flackernden Schein auf den Fußboden, der mit weißem Sand, von Brigittens kunstfertiger Hand in allerlei Schlangenwindungen, bestreut war, Regentropfen schlugen an die Scheiben, Frühlingswinde fuhren draußen durch die kahlen Bäume -- er hörte es nicht. -- Seine geistigen Augen sahen eben jetzt einen hellen Sommertag -- die Rosen blühten und die Linde -- ein warmer Abendschein lag auf dem stillen Garten. Er sah sich auf dem Rande jener Mauer, welche die Gräber abgrenzte von den Blumenbeeten, und -- den breiten Kiesweg hinab kam eine schöne junge Gestalt in einem blaßrothen leichten Kleide, eine Epheuranke um die schweren braunen Flechten geschlungen, eine verwelkte Rose im Gürtel.

»Zum Nachtessen, Herr Kandidat!« rief die harte Stimme Brigittens ins Stübchen. -- Hatte er denn so lange geträumt? --

* * * * *

Jedes Geschöpf hienieden hat seinen Sonnentag -- jedes Menschenherz seinen Frühling. Aber wie ein nordischer Frühling verschieden ist von dem Lenz des Südens, so sind auch die Frühlinge der Herzen verschieden. Wie viele liegen im Norden -- in wie wenigen glüht die Wärme des Südens! -- Wohl aber, -- tausendmal wohl jenen Wenigen! Für _sie_ ist aller Blüthenreichthum da, aller Glanz, alles Licht, wie in jenen gesegneten Ländern des ewig blauen Himmels, und vernichten auch furchtbare Erdstöße oft mit einem Schlage die ganze Herrlichkeit -- ist es nicht besser, neidenswerther, _einen_ Tag lang überreich gewesen zu sein -- als sich mondenlang zu begnügen mit einer Handvoll kargen Grüns, blasser Blumen, spärlicher Sonnenstrahlen? --

Ueber Elisabeths Herz hing der Himmel des Südens -- es war, als sei _sie_ beschenkt worden mit all jener Wärme, die sowohl der Natur des Vaters, wie dem Wesen der Mutter fehlte -- und in diesem jungen Herzen blühte eben der erste köstliche Frühling. -- Es war Sonnenschein da und Blumenpracht und Lerchenjubel und Nachtigallenklage: -- ein junges Herz liebte mit aller Kraft, aller Gläubigkeit und aller Sorglosigkeit einer ersten Liebe. --

Seit drei Monden waren sie alle auf dem reizenden Plessow'schen Gute, zwei Stunden von der Stadt gelegen, -- seit drei Monaten fand das junge Mädchen einen Tag schöner als den andern, seit drei Monaten lebte sie mit Albano unter einem Dache und sah ihn täglich. -- Sie war freilich niemals allein mit ihm, -- er redete kaum zehn Worte mit ihr, und sie sah ihm auch oft mit stiller Trauer nach, wenn er an der Seite der Frau vom Hause seine regelmäßigen Spazierritte unternahm. Denn wie vortheilhaft erschien die zierliche Gestalt der eleganten Reiterin, wie keck saß der braune Hut mit Feder und Schleier auf den blonden Locken, und wie schön war Albano zu Pferde! -- Recht lange währten diese Ausflüge, meinte Elisabeth, und so gut sie dem »Herrn Onkel« war, der dann immer mit ihr spazieren ging, oder auf der Terrasse saß und ihre Zeichnungen korrigirte, so hätte sie es -- sie wußte nicht recht warum -- doch lieber gehabt, wenn er sie ganz allein gelassen. -- O, sie war so gern allein! -- Es ließ sich so köstlich -- an _ihn_ denken. --

Ob er sie wieder liebte, daran dachte sie lange nicht; sie hatte genug an ihre eigene Liebe zu denken. Später -- es war an einem schönen Sommerabend, viele Fremde waren da, und sie hatte viel hin und wider zu gehn und für Jeden zu sorgen -- da hatte er ihr wohl klar gezeigt, daß auch er sie liebe. -- Man war nämlich ein wenig in den nahen Wald gegangen -- Frau von Plessow am Arm des schönen Grafen Reinberg voraus, hinter ihnen verschiedene Paare, der »Herr Onkel« war mit einigen gichtischen alten Herren zurückgeblieben. Wer war da plötzlich an die einsam nachschlendernde Elisabeth herangetreten? Wer hatte ihr da einen Waldblumenstrauß gepflückt und Grashalmenkränze im Weiterwandeln für sie gebunden? Und als sie auch _ihm_ einmal die Halme zum Kranz gehalten und ihm gesagt, daß er sich nun etwas Ernstes, Großes wünschen könne, da hatte er leise geantwortet: »ich wünsche mir nur _Eines_ für mein Leben -- wollen Sie's wissen, Elisabeth?« -- Aber von einer süßen Angst ergriffen, hatte sie da den Kopf schütteln und dann langsam die Augen zu ihm aufschlagen müssen. -- Da war sie denn seinen Augen begegnet, die ihre Seele an sich gezogen mit unwiderstehlicher Gewalt -- und es war über sie gekommen wie Seligkeit und Entsetzen zugleich, und sie hätte in den Wald hineinlaufen mögen, so weit als ihre Füße sie getragen. -- Und doch war sie nicht entflohen, sie hatte vielmehr ihren Arm in den seinen gelegt, und so waren sie neben einander schweigend hergegangen, bis sie die Gesellschaft erreicht.

Das war Alles gewesen -- aber dieser Waldgang erschien in ihren schönsten Träumen -- an dieser Erinnerung hing sie mit Seele und Gedanken. -- In dieser zauberschönen Zeit bemerkte sie nicht, daß Frau von Plessow immer kälter und härter gegen sie wurde, -- sie lebte eben in einer andern Atmosphäre. Keiner Wolke aus der Alltagswelt gelang es, ihren Himmel zu trüben. -- Nie war sie lieblicher gewesen, nie heiterer, nie hatte sie von allen, die das Plessow'sche Haus besuchten, größere Aufmerksamkeit erfahren. Wäre sie kein armes Predigerstöchterlein gewesen -- viele hätten ihr zu Füßen gelegen, viele hätten um ihre Gunst geworben, viele hätten es für ein Glück gehalten, eine so reizende junge Braut zu erringen! -- So aber -- unsere Geschichte spielt in der Neuzeit, -- war »die Kleine« vor allen Dingen nicht reich, zweitens hatte sie einen abscheulich plebejischen Namen, drittens sprach sie nicht Englisch, und viertens war sie durchaus nicht musikalisch. -- Sie war also, nach Ansicht der heirathsfähigen Männer, eine Null im Plessow'schen Salon, freilich hübsch genug »=pour passer le temps= mit der Kleinen.« --

Während dessen träumte aber im stillen Pfarrhaus von M. eine Mutter wunderbare Träume vom einem vierspännigen Wagen mit gräflichem Wappen am Schlage -- von einer strahlenden Braut im weißen Spitzenkleide, die in der Dorfkirche getraut wurde, um gleich darauf mit ihrem jungen Ehegemahl eine Reise nach Italien anzutreten, von Koffern, Hutschachteln, Kisten u. s. w.

Albano war sehr gewissenhaft in seinen Unterrichtsstunden, alles Neue reizte ihn. Regelmäßig jeden Vormittag verbrachte er bei den beiden Frauen, mit der Einen plaudernd -- die Andere unterweisend. -- Elisabeth war eine talentvolle Schülerin und unermüdlich fleißig. Die Welt der Farben, in die sie jetzt die Hand des Geliebten einführte, entzückte sie. Es war ihr, als schmölzen sie alle zusammen zu einem prächtigen Farbenbogen, einem strahlenden Bande, dazu bestimmt ihre Herzen fester aneinander zu ziehen. -- Ueber das erste, nach der Natur gemalte Bouquet jubelte sie, um in der nächsten Stunde traurig die unerreichbare Wärme, den unnachahmlichen Schmelz der wirklichen Blumen mit ihren gemalten zu vergleichen. -- Und dennoch sagte ihr Albano: »Sie könnten eine der ersten Blumenmalerinnen werden -- aber dann müßten Sie auch einen andern bessern Lehrer haben, _ich_ verstehe nichts davon. Wenn wir wieder in die Stadt kommen, muß S. Ihnen Unterricht geben.« -- Sie hörte schweigend zu; aber seit jenem Tage wurde sie lässiger im Malen der Blumen und fing, zu seiner Ueberraschung, an sich in Aquarell-Landschaften zu versuchen. Auch hierin zeigte sie Talent, auch hierin machte sie Fortschritte -- Albano war ja ihr Lehrer.

Einmal hörte sie von ihm den Ausspruch: »Frauen sollten _nur_ Blumen malen lernen, wenn sie den Pinsel in die Hand nehmen, sie würden sicher sein uns auf diesem Felde allezeit zu besiegen. -- Eine Frau, die historische Bilder und Landschaften schaffen will, erreicht im besten Falle nur dasselbe, was eine Frau erreicht, die -- einen Roman schreibt. -- Wir Männer bilden uns nämlich doch immer ein es tausendmal besser zu verstehn als sie. Und nicht ganz mit Unrecht! -- Ein ächter Mann wird übrigens in unserer Zeit ebenso selten Blumenmaler, wie eine kräftige Feder sich herabläßt Lilien- und Rosenmärchen zu schreiben.« --

Zwei Tage nachher brachte sie ihrem Lehrmeister eine wilde Rose in Wasserfarben, halb vom Stengel gebrochen, einen Thautropfen auf den Blättern, mit einer so reizenden Grazie und Wärme gemalt, daß er sie bat, ihm das Blatt zu schenken. -- Wie stolz und freudeglühend sah sie zu, als er es in seine Mappe legte! --

Die erste Liebe eines reinen jungen Mädchenherzens ist doch das unschuldigste, lieblichste, traurigste Ding der Welt, -- ein Strahl, der dem Gegenstand den er trifft, erst Farben, Glanz und Wärme verleiht. -- Und wie der Sonnenstrahl zerfallenes Gemäuer, zerbröckelte Felsen, die alltäglichsten und ärmlichsten Dinge rosig verklärt, -- so die erste Mädchenliebe die unbedeutendsten Gestalten. -- Ein ächtes Mädchenherz liebt es eben zu malen und zu schmücken, und je mehr graue Flächen vorliegen, desto freudiger geht es an die Arbeit und malt und malt, bis die wirkliche Erscheinung jenem reizenden Fantasiebilde, wie es jede junge Seele mit sich herumträgt, täuschend ähnlich sieht. -- Nur Schwärmer reden von einem unwiderstehlichen Zuge der Seele zur Seele in solcher Zeit. -- Hand auf's Herz -- die feurigsten reinsten Mädchenherzen lieben fast immer zuerst um Nichts. --

In einem flüchtigen Beobachter wäre wohl kaum noch ein Zweifel aufgestiegen daß Elisabeth und Albano sich liebten. Das junge Mädchen verrieth sich zwar nur durch ihr strahlendes Erröthen, durch ihr freudiges Aufleuchten, wenn er sich zu ihr wandte, durch ihre Begeisterung, wenn von seinen Bildern gesprochen wurde; Albano dagegen zeigte bei jeder Gelegenheit die lebhafteste Theilnahme an ihrem Sein und Wesen, und seine wirklich schönen dunklen Augen hingen an der jungen Gestalt mit sichtlichem Entzücken.

Frau von Plessow selbst war es, die ihren Mann zuerst scherzend aufmerksam machte auf die Vorliebe des Malers für die »kleine Feldblume.« Plessow zuckte nur die Achseln und antwortete: »eine Laune -- wie wir sie von ihm gewohnt sind! Elisabeth wird aber vernünftig genug sein, das herauszufühlen. Um ihren verlorenen Frieden wäre es schade. Ich werde auf sie achten!« --