Neue Novellen

Part 6

Chapter 63,621 wordsPublic domain

Stumm ging er an ihrer Seite weiter -- denn sie war nicht stehen geblieben. Mild und lieblich bat sie nach einer Weile: »sorge gut für die Eltern!« -- Er gab keine Antwort, sondern fragte nur nach einer Pause gepreßt: »wirst Du oft schreiben?« -- »So oft ich kann!« -- »Wird auch ein Gruß in Deinen Briefen sein für mich?« -- »Tausend für einen!« versicherte sie. »Aber weißt Du, ich könnte Dir wohl französisch schreiben, das wäre eine gar gute Uebung -- und Du antwortetest mir dann auch so und schriebst mir was ich für Fehler gemacht. -- Willst Du?« -- Er nickte.

Sie waren bis an das Ende des Kiesweges gekommen. »So leb denn wohl!« brach er plötzlich hervor und die Thränen stürzten aus seinen Augen. -- »Aber Gottfried! -- Sei doch vernünftig!« bat sie -- und seltsam -- ihre weiche Stimmung verschwand plötzlich, als sie seine Thränen sah. -- »Wenn Du Dich wunderst, daß ich weinen kann, so weißt Du auch nicht --« -- »Was denn?« -- »Wie unsagbar lieb Du mir bist!« -- »Lieber guter Gottfried, ich weiß ja Alles -- aber trotzdem sehe ich nicht ein warum Du weinst, wenn ich auf ein paar Monate weggehe, um etwas zu lernen was mich glücklich machen wird!« Sie hatte sehr ruhig gesprochen. -- Er sah sie schmerzlich lächelnd an. »Glücklich machen wird!« wiederholte er. »Ja, so glücklich, daß Du -- _uns_ (mich hatte er sagen wollen) darüber vergißt!« -- »Das thue ich nimmermehr! Da, meine Hand darauf,« sagte sie rasch und innig. »Und nun auf Wiedersehen im nächsten Frühling.«

Sie pflückte eine volle Rose von dem Bäumchen, an dem sie eben standen, und gab sie ihm. Aber als er die Blume ergriff und an sich zog, fielen die rothen Blätter auf den Boden. -- Elisabeth sah es nicht mehr -- sie hatte sich abgewandt und ging -- sich ohne noch einmal umzuschauen, dem Hause zu.

Als aber eine Stunde später das junge Mädchen den Abschiedskuß und die Segensworte des Vaters empfing, weinte sie. -- »Geh fleißig in unsere Kirche und berichte mir ausführlich über die Predigten meiner Collegen,« sagte der Pastor noch zum Schluß. »Geh nur fremdem Gottesdienst aus dem Wege, wenn Dir an meinem Segen noch etwas gelegen, -- und meide sogar den Umgang mit Andersgläubigen. Enthalte Dich aller religiösen Gespräche und verschließe Deine Ohren vor den Worten der Spötter.« -- »Vater, so hübsch wie Heute ist mir unser Pfarrhaus noch nie vorgekommen!« sagte sie als er sie an den Wagen führte. -- »So ist's recht!« antwortete er leise. »Du sollst es auch lieb haben! Komm Du nur bald und gern wieder. -- Es ist ja Deine eigentliche Heimath, denn so der Herr will, sollst Du Dein Lebenlang hier bleiben, aber nicht etwa als altes Jüngferlein, sondern als junge hübsche Pastorsfrau! -- Der Gottfried würde dermaleinst ein prächtiger Ehemann werden! Nur gar _zu gut_, fürchte ich, für Dich, kleiner Trotzkopf!« -- Sie sah ihn überrascht an und blieb einen Augenblick stehen. Die Farbe wich von ihren Wangen. Dann aber lachte sie, wie ein junges Mädchen lacht das man eben geneckt, und meinte: »ja, _der_ wäre wahrlich zu gut!«

Die Mutter, die mit dem Cousin vorausgegangen und bis jetzt sehr gefaßt gewesen, zerfloß nun doch in Thränen und ließ ihr Kind sehr schwer aus den Armen. Aber mitten im Schluchzen, als der Wagen schon sich in Bewegung setzen wollte, rief sie ihr noch zu: »merke es Dir, Elisabeth, das Blaue nur für Abendgesellschaften, das Grüne kannst Du aber jeden Sonntag anziehen! -- Die gelbe Echarpe --!« Die Pferde zogen an -- ein Winken herüber und hinüber -- und Alles war vorbei.

Eine Weile nachher hatte Elisabeth schon die Heimath im Rücken und lachte recht herzlich über die lustigen Geschichten, die der »Herr Onkel,« denn so nannte sie ihn jetzt, ihr von seinen ersten Portraitversuchen erzählte. Zur selbigen Zeit ging der Pastor, von einer seltsamen Unruhe befallen, in seinem Studierzimmer auf und ab, und ließ ein über das andere mal seine Pfeife ausgehn -- und in dem kleinen Schlafstübchen saß die Mutter auf dem verlassenen Lager der Tochter und weinte sich satt. -- Aber draußen in der Fliederlaube saß Einer -- der keine Thränen mehr hatte in seinem Leid.

* * * * *

Der Sommer und Herbst waren vorüber, am ersten November empfing Frau von Plessow wieder, und die Empfangsabende in ihrem Hause waren eben so besucht als amüsant, wie besonders die junge Welt behauptete. -- Die verschiedensten Stände fanden dort ihre Vertreter, und wenn auch die Zahl der jungen Mädchen, denen man erlaubte in diesem Salon erschienen, nur klein war, so traf man desto mehr hübsche Frauen dort, mit denen sich's ja ohnehin nach der Ansicht der jungen Elegants, ungleich »bequemer« verkehrt.

Die hübsche Enfilade von fünf Zimmern war glänzend erleuchtet, die Einrichtung zeigte Comfort und feinen Kunstgeschmack. -- Große Tische mit prächtigen Mappen und Büchern, davor bequeme Fauteuils und kleine Ottomanen, im Mittelsalon ein aufgeschlagener Flügel, halbversteckte Büffets mit Erfrischungen, und einer leise auftretenden Bedienung, -- nirgends betäubend duftende Blumen, überall verschleierte Kugellampen, deren Licht für den Teint so vorteilhaft, überall Winkel zum Plaudern, und in keiner Ecke jene lästigen Nippes, die nur aufgestellt sind um angestoßen zu werden.

Die Räume waren schon ziemlich gefüllt von jungen und alten Künstlern, einigen wenigen Uniformen und ungewöhnlich vielen Frauen in glänzenden Toiletten.

Zu einer heitern Gruppe in der Nähe einer sehr schönen, kleinen Copie der Diana aus dem Louvre, in Marmor ausgeführt, die künstlerisch zwischen dunklem Grün aufgestellt war, trat jetzt der Hausherr. »Ich habe Dir einen angenehmen Gast anzukündigen, liebe Amélie,« sagte er zu einer zarten Frau in blaßblauen Tafft und langen blonden Locken, offenbar eine der elegantesten Erscheinungen im Salon; »Paul Albano ist von Griechenland zurückgekehrt, seit vorgestern, und wird sich selbst und einige seiner Skizzen diesen Abend wieder hier einführen.« -- »Albano zurück?« rief Frau von Plessow ungewöhnlich lebhaft, und ihre aristokratisch bleiche Wangen überflog ein verrätherisches Roth. »Ich glaubte er würde den Winter über in Athen bleiben!« -- »Wer weiß, welcher Magnet ihn zurückzog,« antwortete Plessow gleichgültig. »Er hat freilich zu Vielen den Hof gemacht, als daß man an eine »Einzige« glauben könnte der solche Macht über den Schmetterling verliehen.«

»Deßhalb also der ungewöhnlich reiche Damenflor!« flüsterte ein bekannter sarkastischer Portraitmaler dem Hausherrn ins Ohr. »Die Kunde seiner Rückkehr hatte sich im Fluge heut in dem guten F. verbreitet. -- Welche Macht ist nun ausgerückt den gefährlichen Feind zu bekämpfen.« -- »Oder sich besiegen zu lassen!« lachte Plessow. »Seine Skizzen sind mir aber viel werth,« setzte er laut hinzu; »geistvoll und glühend ist alles was aus seinem Pinsel fließt. -- Nicht so Amélie?« -- Frau von Plessow, anscheinend sehr vertieft in ein Gespräch mit ihrer Nachbarin, der alten Gräfin Darschau, über die Eleganz der Hofmäntel, antwortete nachlässig: »meinst Du die Skizzenblätter Albano's, =cher ami=? Sie sind allerdings hübsch, aber zu unruhig und phanthastisch für meinen Geschmack. Wie könnten sie auch anders sein da der, der sie schafft --« -- »Du hast nun einmal ein kleines Vorurtheil gegen ihn,« unterbrach Plessow die Rede seiner Frau, die in demselben Augenblick in vollendeter Haltung einigen ankommenden Gästen entgegen ging.

Man ging und stand umher, man empfing und theilte Huldigungen aus wie immer. -- Die Frau vom Hause war sehr umringt -- aber man wollte bemerken daß sie zerstreut war, und mehr als einmal sah man, daß ihre Augen sich auf die Thür richteten mit dem Ausdruck einer gewissen Unruhe. -- Auch weigerte sie sich heut ihre graziösen Mazurka's und Notturno's zu spielen, mit denen sie sonst zu brilliren liebte.

»Da ist Albano,« sagte plötzlich ein junger Mann in ihrer Nähe und trat zur Seite. Wieder flog jenes feine Roth über Frau von Plessow's Wangen, -- einen Augenblick nachher begrüßte sie aber mit vollkommener Ruhe einen jungen Mann, der rasch durch den Salon geschritten war und ihr jetzt gegenüber stand. -- Es war in der That der bekannte und vielgesprochene Landschaftsmaler, dessen Talent selbst in den allerhöchsten Kreisen die schmeichelhafteste Aufnahme gefunden, dessen reizende Skizzenblätter zu kennen zum guten Ton gehörte. Er hatte ein halbes Jahr in Griechenland verträumt, und war so plötzlich zurückgekehrt wie er aufgebrochen. Die Frauen beteten ihn an, nicht _obgleich_, sondern grade _weil_ er sie unbarmherzig behandelte. Ihn wirklich zu fesseln war noch Keiner gelungen, -- an Versuchen dazu ließen es wenige fehlen.

Kurz vor seiner Abreise bezeichnete das Gerücht Frau von Plessow selbst als den ausschließlichen Gegenstand seiner flüchtigen Huldigungen. Seine Flucht gab aber damals kaum mehr Stoff zur Unterhaltung als eben jetzt seine unerwartete Rückkehr. -- Unbarmherzige Augen waren von allen Seiten auf die Wirthin gerichtet, feine Ohren lauschten auf jedes ihrer Worte. Frau von Plessow war aber Weltdame genug um das zu wissen. -- Vollkommen unbefangen rief sie dem Ankommenden scherzend entgegen: »willkommen im Winterquartier! Nicht wahr, unsere Kamine haben auch ihren Reiz?« -- »Sagen Sie lieber, unsere Oefen, gnädige Frau!« antwortete er eben so und küßte ihre Hand. An dem Blick der über ihr Gesicht glitt, an dem conventionellen Lächeln das sie ihm zurückgab, konnte Niemand etwas aussetzen. Auch der übliche Handkuß konnte nicht flüchtiger ausgeführt werden. -- »Weßhalb schon zurück, Unstäter?« fragte hinzutretend Plessow, dem Maler die Hand schüttelnd.

»Ich fror!« lautete die einfache Antwort. -- Man lachte -- eine halbe Stunde verging mit verschiedenen Begrüßungen, -- endlich sah man, wie der junge Mann sich an der Seite der Frau vom Hause niederließ. Die Comtesse Feldern, die sich nur zögernd hinweg begab um, wie sie boshaft gegen einen Freund bemerkte, »das Pärchen nicht zu stören,« wollte gehört haben, daß Albano ein »Endlich!« geseufzt. -- In Wahrheit sagte er aber in demselben Augenblick, in elegantem Französisch: »nun erzählen Sie mir, angebetete Freundin, wie man hier gelebt hat.«

Ehe sie zu antworten vermochte, kam ein junges Mädchen in einem etwas engen, etwas verblichenen, etwas unmodernen blauen Seidenkleide hastig zu ihr und fragte, nach flüchtiger Verbeugung vor dem Fremden, sichtlich freudig erregt: »liebe Frau Tante, erlauben Sie, daß heute getanzt wird? Herr von Winter will Tänze spielen, wir sind sechs Paare.« -- Sie sah so ernsthaft bittend Frau von Plessow an, als hinge Leben und Seligkeit von ihrer Gewährung ab. -- Mit einem ungeduldigen Wink der Hand sagte die schöne Frau: »=mais mon Dieu= -- tanzt so viel ihr wollt! Nur erhitzen Sie sich nicht noch mehr -- das =echauffement= ist für Sie nicht vortheilhaft.« -- Aber das junge Mädchen war schon verschwunden, ehe sie die zweite Hälfte des Satzes völlig beendet, und mit einem Spottlächeln wandte sich Frau von Plessow wieder zu ihrem Nachbar. -- Der aber war aufgestanden und folgte verwundert mit den Augen jener jugendlichen Erscheinung. Dann neigte er sich zu seiner Dame und fragte lebhaft: »Wer war denn dies wunderlich angezogene, reizende Mädchen das Sie »Tante« zu nennen das Glück hat? Sie erzählten mir nie zuvor von dem Dasein einer Nichte.«

»Ich würde auch in Verlegenheit gerathen sein, solch einen Ausbund von Uneleganz als zu _mir_ gehörig präsentiren zu müssen. Die Kleine gehört zur Verwandtschaft meines Mannes. Sie heißt Elisabeth Müller und ist ein Gänseblümchen vom Lande, abgepflückt aus dem Garten einer schlichten Pfarre durch Plessow's Hand. -- Er wird sich freuen, daß Sie seinen Geschmack theilen. Die Kleine soll Malerin werden. Sie ist übrigens, glaube ich, ein gutes Kind. Seit September oder Ende August ist sie hier. -- Wünschen Sie noch weitere Details?« -- Sie sah ihn spottend an und lachte. Sie wußte, daß sie doppelt reizend war wenn sie lachte. -- Albano setzte sich wieder.

»Erlauben Sie mir diese »Details,« für jetzt wenigstens, ausreichend zu nennen. -- Wie schön kleidet Sie dies schelmische Lachen! -- Das Lachen einer Frau ist doch tausendmal bestrickender als ihre Thränen. Ich möchte Sie nie weinen sehen, gnädige Frau!« -- »Eine kluge Frau gönnt Euch wahrhaftig solchen Triumph auch nicht so leicht. Denn ein Triumph ist es ja nun doch einmal für einen Mann eine Frau zu Thränen zu bringen! Eine kluge Frau weint daher im Stillen.« -- »Vielleicht nur weil sie weiß daß wir es ihren Augen dennoch später ansehen, und daß wir »Augen, die sich im Weinen übten,« um so heftiger lieben. Nur die Thränen selbst zu sehen lieben wir nicht -- das wirkliche Weinen macht häßlich!« -- »Mich dünkt, niemand verdiene weniger daß eine Frau um seinetwillen häßlich werde, als eben Paul Albano.« -- »Sie mögen Recht haben. Ich verlange es aber auch von Keiner -- und doch müßte es schön sein wenn eine Frau --.« -- »Bitte, nur keine Ihrer alten Paradoxen! Ich vergesse sonst daß Sie sechs Monate fern waren, und also als ein eben Zurückgekehrter noch einigen Anspruch auf Nachsicht haben.« -- »Sechs Monate, 15 Tage, 13 Stunden, gnädige Frau -- ich rechne besser! -- Aber -- sagen Sie mir doch, wie lange soll denn jene Kleine in dem seltsamen Kleide bei Ihnen bleiben?« -- »So lange wahrscheinlich, bis sie ein wenig pinseln gelernt. Mag sie -- mich genirt sie nicht -- sie hat ihre eignen kleinen Zimmer und erscheint, außer zum Diner und Souper, nur wenn ich sie rufen lasse.«

Eben trat Plessow heran. »Wollen Sie ein allerliebstes Genrebild sehen, Albano?« fragte er. »Werfen Sie einen Blick in den Tanzsaal dort. Es ist eine wahre Herzenserquickung Elisabeth tanzen zu sehen. Könnte ich ihr diese Freude am Leben doch erhalten!« Albano erhob sich sofort und bot der Frau vom Hause den Arm um sie in den Salon zuführen, wo die jungen Leute tanzten. Aber sie lehnte kühl ab, und trat rasch zu einer Gruppe von Damen, die sich um ein Album gesammelt hatten.

»Mein Gott wie schön ist dies Mädchen!« murmelte Albano, die Tanzende mit glühenden Blicken verfolgend, »wahrhaft leuchtend schön in ihrer Freude!« -- »Und wie lieblich sind diese ungeschulten Bewegungen!« fügte Plessow hinzu.

Eben stand sie unfern von ihnen still. Sie bemerkte ihren »Herrn Onkel« und in überwallender Lebhaftigkeit ihm die Hand hinreichend, sagte sie so recht aus tiefster Seele: »ach ich bin so vergnügt! Wie schön ist's doch zu tanzen! Ich hätte es nimmer gedacht!« Aus dem Ton der Stimme klang der innere Jubel durch, ihre wunderschönen Augen, mit den Wimpern einer Murillo'schen Madonna, strahlten vor Glück, ihr reizender Mund lachte, und ihre junge Gestalt erschien wie getragen von Lust und Freude. -- Albano beneidete plötzlich ihren Tänzer, er, der seit Jahren schon den Blasirten gespielt auf allen Bällen. Er bat Herrn von Plessow ihn seiner Nichte vorzustellen. -- »Hatte das meine Frau nicht schon gethan?« fragte der verwundert indem er ihn zu Elisabeth führte. »Herr Albano kann jetzt Deinen Onkel ein wenig ablösen bei Dir, liebes Kind, und Dein Zeichnen und Malen überwachen. Er ist unser erster Landschaftszeichner. Du mußt ihn aber recht freundlich bitten daß er Dir helfe, er ist gewohnt gebeten zu werden,« setzte er scherzend hinzu.

Ein Schatten von Ernst flog plötzlich über die Stirn des jungen Mädchens. »Dazu hätte ich nicht den Muth, Herr Onkel,« antwortete sie. »Sie wissen, wie verzagt ich geworden bin mit meinem Zeichnen! Ich habe nie geträumt daß man soviel dabei zu lernen hätte. -- Ach, ich kann ja noch gar nichts, und niemand wird so viel Geduld haben mit mir als Sie!« -- »Sie erlauben, daß wir darüber zu einer andern Zeit ausführlicher reden,« sagte Albano verbindlich. »Morgen z. B., wenn ich meine Mappe bringe. Jetzt aber möchte ich Sie nur bitten den nächsten Tanz mit mir zu tanzen.« -- »O! ich bin schon für den ganzen Abend versagt!« entgegnete sie plötzlich wieder in heller Freude aufleuchtend, mit einem triumphirenden allerliebsten Lächeln.

»Nun, dann muß ich eine Extratour haben!« bat er, sich zuerst vor ihr, dann vor ihrem Tänzer verneigend. Ueber und über erglühend nahm sie seine Hand. Wie lange hatte er nicht getanzt. In diesem Augenblicke dachte er daran, aber er empfand zugleich ein süßes Behagen, eine Wiederkehr längst entschwundener jugendlicher Lebenslust, als er seinen Arm um ihre schlanke Taille legte und ihre kleine, rasch pulsirende, Hand in der seinen fühlte. Wie leicht flog sich's mit diesem Kinde! Wie flüchtig berührt ein siebzehnjähriger Fuß den Boden! -- Wie anmuthig waren die Bewegungen seiner jungen Tänzerin die noch nie den glatten Boden eines Tanzsaals betreten, ja die noch kein französischer Tanzmeister geschult!

Albano hatte früher für einen der besten Tänzer gegolten, er mühte sich in diesem Augenblick diesen Ruhm aufzufrischen, und als er seine Tänzerin an ihren Platz zurückgeführt, begriff er nicht warum er dem angenehmen Reiz des Tanzes so lange entsagt. »Sie tanzen gut!« sagte sie und sah mit ihrem Kinderlächeln dankend zu ihm auf. -- Dies naive Lob entzückte ihn so daß er den Rest des Abends im Tanzsaal verbrachte, abwechselnd zuschauend oder mit Elisabeth plaudernd. Als die jungen Leute endlich aufhörten zu tanzen, und die jungen Damen sich um Elisabeth drängten -- sie war ja die Nichte des Hauses wo man sich so gut amüsirte, und viel zu unelegant um ihnen zu schaden -- da verschwand Albano.

»Modernisiren Sie doch Ihre artige Verwandte ein wenig, Liebe!« sagte die Gräfin Darschau bittersüß scherzend, als eben Albano zu Frau von Plessow herantrat um sich zu verabschieden. »Geben Sie ihr ein wenig Unterricht in jener Kunst, in der Sie unser aller Meisterin sind, -- die böse Welt könnte sonst auf den Gedanken gerathen Sie fürchteten eine Nebenbuhlerin!« -- »Unsere Darschau hat Recht!« setzte die überschlanke Comtesse Feldern hinzu. »Etwas mehr Stoff für das Kind, liebe Plessow -- -- mein Gott, das blaue Taffetfähnchen ist ja kaum vier Ellen weit!« -- »Und dennoch ist Fräulein Elisabeth ganz unbeschreiblich reizend!« Mit diesen neckisch hingeworfenen Worten, und einer tiefen Verbeugung vor der Dame des Hauses, entfernte sich Albano.

Elisabeth konnte an diesem Abend lange nicht einschlafen vor lauter Freude. Zwar hatte die »Frau Tante« sie ungewöhnlich unfreundlich entlassen zur guten Nacht, und sie ein tolles Landmädchen gescholten, -- es war aber doch schön hier. -- Sie hätte nie gedacht, daß solche »=soiréen=« so angenehm wären. Köstlich lebte sich's in diesen schimmernden Räumen, unter diesen liebenswürdigen Menschen, die ja alle ein Lächeln für sie hatten. An all dieser Freundlichkeit hatte gewiß auch das schöne hellblaue Taffetkleid der guten Mutter seinen Theil -- wie hübsch sah es doch aus am Abend! -- Sie sah sich noch einmal aufmerksam im Spiegel an. »Wenn die Mutter mich gesehen hätte!« seufzte sie. »Die beiden Fräulein Warburg fanden es freilich nicht genug ausgeschnitten, sie meinten, die Schultern dürften nie bedeckt sein, das mache eine schlechte Figur. Und Alle trugen ein Blumenbouquet vor der Brust, das möchte ich wohl auch künftig tragen. Aber es könnte Flecken geben auf der schönen Seide. Wie habe ich das Kleid lieb -- wie köstlich tanzte sich's in dem Kleide, aber am Besten doch mit -- -- mit wie hieß er doch?«

Seinen Namen hatte sie vergessen, aber seine Augen nicht. Schönere hatte sie nie gesehen! -- Und sie träumte von diesen Augen und der Tanzmusik und dem blauen Kleide die ganze Nacht.

* * * * *

Am nächsten Tage, -- Elisabeth saß in ihrem Stübchen und arbeitete an den Zeichenvorlagen die ihr Herr von Plessow gegeben, -- rief man sie hinab in das Boudoir der »gnädigen Frau.« -- Albano war da mit seinen neuen Skizzen. Das junge Mädchen begrüßte ihn erröthend und nahm an dem Tische Platz, worauf man die kostbaren Blätter gelegt. -- Frau von Plessow, im Sammetsessel lehnend, in ihrem dunkelblauen Atlaskleide und coquettem Häubchen, wandte sich nur wenig nach ihr um und sagte vornehm nachlässig, indem sie mit ihrem goldenen Lorgnon spielte: »Berühren Sie diese Blätter nicht, Elisabeth -- Sie verstehen nicht mit dergleichen Dingen umzugehen!«

Eine Purpurgluth überströmte das junge Gesicht. Albano, der in diesem Augenblick zu ihr herübersah, begriff nicht wie er sie gestern so bezaubernd gefunden. Wie übermäßig frisch sah sie aus, und wie unmodern war sie angezogen! -- Dies abscheulich grüne Wollkleid mit dem schwarzen Moireegürtel, und diese dichten weißen Aermel mit den unächten Spitzen an dem Handgelenk! Und dazu eine stehende kleine Halskrause von einem dunkellila Bande zusammengehalten! -- =Quel horreur!= -- Wie konnten nur die Hände so ausgezeichnet hübsch aussehen, die aus solchen Aermeln hervorsahen? -- Er wunderte sich aber auch als er das offenbar gekränkte Mädchen jetzt so freundlich sagen hörte: »Sie irren, Frau Tante! Der Vater hat eine große Kupferstichsammlung, und ich weiß gar wohl, wie behutsam man dergleichen berühren muß!«

Albano reichte ihr ein Blatt hin und sagte: »ich bin nicht so ängstlich mit meinen kleinen Skizzen, mein Fräulein.« -- Sie lächelte wieder und sah plötzlich in diesem Lächeln so hübsch aus, wie man in einem »abscheulichen grünen Wollkleide« nur aussehen kann. -- Allein sie blieb still, während die Andern sehr viel und lebhaft von »Tönen -- Tinten -- Lichteffekten und Uebergängen« redeten, aber ihre ganze Seele war in ihren Augen, indem sie diese reizenden Farbenskizzen anblickte. -- Als man das letzte Blatt in die Mappe gelegt, saß sie seinen Augenblick wie in tiefe Gedanken verloren, dann schlug sie plötzlich die Hände vor's Gesicht und Thränen drangen zwischen ihren Fingern hervor, während die junge Brust sich von unterdrücktem Schluchzen hob.

»Was soll diese Kinderei?« fragte unwillig Frau von Plessow, während ihr Mann einige mitleidige Worte an die Weinende richtete. -- »Ach!« sagte Elisabeth nach einer Pause mit der Stimme eines tieftrauernden Kindes dem man sein liebstes Spielzeug zertreten, »als ich diese Bilder sah, da wurde es mir erst klar, daß ich -- doch _nie_ eine rechte und ordentliche Malerin werden kann!« -- »Liebe Kleine,« lachte die schöne Frau, »das hätte ich Ihnen schon früher sagen können. Eine Malerin wird nicht aus einer Jeden die ein bischen zeichnen kann, -- und wenn auch vielleicht eine Malerin, doch sicher noch keine Künstlerin.« -- »Die Tante scherzt,« sagte Herr von Plessow sehr mild; »Du zeichnest ganz artig und machst tüchtige Fortschritte. Mit den Farben hast Du es ja noch gar nicht versucht. Die Meister fallen nicht mehr vom Himmel, sie müssen sehr langsam zu Meistern werden.« -- »Darf ich Herrn Albano bitten daß er einmal meine Skizzenbücher und Zeichnungen durchsieht?« fragte Elisabeth plötzlich sich aufrichtend. »Er soll mir sagen, ob ich -- noch länger hier bleiben oder -- nach Hause gehen soll. Ich weiß, er wird aufrichtig sein!« -- »Hier meine Hand darauf!« antwortete Albano rasch, den diese Scene seltsam berührt hatte. »Lassen Sie mich Ihre Zeichnungen sehn und vertrauen Sie mir!« -- Das junge Mädchen verließ das Zimmer. »_Er_ wird aufrichtig sein?! -- =Pauvre enfant!=« flüsterte Frau von Plessow mit einem Seitenblick auf den Maler. --

Es war ein ziemlich dickes Buch und mehrere einzelne Blätter, das Elisabeth brachte. Ehe jedoch Albano einen Blick darauf warf, sagte er: »Aber ich gebe mein unumwundenes Urtheil nur unter _einer_ Bedingung, mein Fräulein. Sie dürfen mir nämlich durchaus nicht böse werden, wenn es nicht nach Ihren Wünschen ausfällt.« -- Sie schüttelte, blässer werdend, den Kopf und verließ dann mit ihren Blicken sein Gesicht nicht mehr. -- Während er langsam Blatt für Blatt umschlug, wechselte sie oft die Farbe und athmete schnell.