Neue Novellen

Part 4

Chapter 43,585 wordsPublic domain

Sie aber entwand sich ihm und sagte, ihren jungen Lehrmeister seltsam traurig anblickend: »da mein Gatte sein Weihnachtsgeschenk, meine arme Ode so früh empfangen, so mag ich auch Eure Christgabe nicht länger zurückhalten. Nehmt sie denn hiermit, -- 's ist ein schwacher Dank für die Mühe, so Ihr mit mir gehabt!« -- Und sie zog aus ihrer Kleidertasche einen gedruckten Zettel, worauf zu lesen stand:

»Am zweiten Christtage wird allhier folgendes Stück aufgeführt werden, mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung:

»_Der junge Gelehrte._«

Lustspiel in drei Aufzügen von Gotthold Ephraim Lessing. Folgende Personen werden darin vorkommen:

Chrysander, ein alter Kaufmann Heinrich Koch. Damis, der junge Gelehrte, Chrysander's Sohn Karl Heydrich. Valer Johann Neuber. Juliane Mamsell Lorenz. Anton, Bedienter des Damis Fritz Huber. Lisette Mamsell Kleefelder.

u. s. w.«

Der junge Dichter aber -- den Zettel in der Hand -- stand da wie ein beschenktes Kind und staunte die schöne Geberin an wie im Traume, -- dann wieder die gedruckten Worte, -- und hat in seinem Leben kein so seliges Christfest wieder gefeiert denn damals in dem Stübchen der Gottschedin am 22. December Anno 1746. --

Als aber später die Gatten wieder allein waren, und Victoria Adelgunde nach dem Grunde der so überraschenden Rückkehr Gottsched's fragte, -- wagte er doch, ihren ernsten reinen Augen gegenüber, nicht die volle Wahrheit zu gestehn. Es war nur eine halbe Beichte, die er ihr da stammelte. Sie hatte jedoch mit dem feinen Gefühl der Frau Alles errathen, -- und fühlte plötzlich einen scharfen Schmerz durch ihr Herz gehn. -- »Meine Lehrstunden werden mit diesem Tage für immer enden,« sagte sie nach einer Pause ruhig, aber mit einem tiefen Seufzer, »dafür bitte ich Euch aber mir zu erlauben am zweiten Weihnachtstage das Theater der Neuberin zu besuchen. Ich gestehe Euch hiermit, daß _ich selbst_ diese Frau überredet, das Stück Lessing's aufzuführen, -- aber auch die »Matrone zu Ephesus« des jungen Weiße soll Anfang Januar einstudirt werden, nachdem die Zieglerin sich vergeblich bei der Theaterdirectorin dafür verwendet. Ich denke, die Verzeihung für diesen Schritt und die Gewährung meiner Bitte sei eine geringe Belohnung für eine lateinische _Ode_ und eine gelinde Strafe für Euch für das, was Ihr von mir, Eurer Ehefrau, geglaubt!« -- --

Und am zweiten Weihnachtstage wurde der »junge Gelehrte« wirklich aufgeführt, unter großem Beifall der Zuhörer. Die Schauspieler thaten ihr Bestes, und die versammelte heitere Menge schaute oft neugierig auf den Platz, den der Professor Gellert eingenommen. Hinter ihm saßen nämlich zwei Studenten, und man bezeichnete den Einen von ihnen als den Dichter des Stückes, mit der Bemerkung, »der da, mit den großen Augen und fliegenden Haaren, der ist's!«

Ephraim Lessing aber war in einer wunderbar gehobenen Stimmung. Er sah seiner Seele höchsten Wunsch erfüllt, -- er sah seine Dichtung lebendig vor Augen, der Beifall der Hörer klang wie Musik in sein Ohr -- es war ihm als lebe er ein Märchen. Und in seinem Herzen fühlte er sich so froh und leicht wie noch nie. Der Schleier, der noch vor Kurzem die Holdeste aller Frauengestalten umhüllt, lag nun zerrissen zu seine Füßen, in ungetrübtem Glanze lächelte Victoria Adelgunden's Bild zu ihm hernieder. -- Die Erzählungen seines Freundes Weiße, von dessen Lippen jetzt der Bann des Schweigens genommen, hatten alle seine bangen Zweifel zerstreut. Welch reizende Lösung jenes Räthsels, das den jungen Dichter so sehr bedrückt. Durch Christian Felix allein hatte sich ja die Gottschedin das Manuskript des »jungen Gelehrten« verschafft, -- und er war ihr Begleiter gewesen zur Neuberin, in derem Hause man die ersten Proben in Gegenwart der holden Schützerin Lessing's abgehalten. --

Ueber alle diese entzückenden Dinge sann der Dichter wieder und wieder nach, während auf der Bühne _seine_ Worte geredet wurden und die Gestalten _seiner_ Schöpfungen sich vor seinen leiblichen Augen auf und ab bewegten. -- Und als endlich der Vorhang fiel und die Zuhörer jubelten, da flog ein Lorbeerkranz auf die Bühne. -- Wessen Hand hatte ihn wohl dem jungen Dichter gewunden? --

Am nächsten Tage aber nahm Victoria Adelgunde einen feierlichen Abschied von ihrem Vorleser und Lehrmeister und bat ihn ferner nur in Gesellschaft seines Freundes, nimmer wieder allein, und an fest bestimmten Abenden zu ihr zu kommen. Was sie ihm dann noch erzählt -- was sie zu ihm gesprochen -- was er ihr erwidert -- Niemand weiß es, -- aber die Beiden schieden in tiefster Erschütterung von einander und sahen sich fortan selten und immer seltner. -- Und wie viele Späheraugen die schöne Frau und den Jüngling auch fort und fort beobachteten wenn man sie mit einander in Gesellschaften unter Andern sah, Niemand konnte in Haltung und Wesen der Beiden gegen einander auch die kleinste Ungehörigkeit entdecken. Denn das leise Zittern, das wohl auf einen Augenblick die Gestalt der liebenswürdigen Gefährtin Gottsched's durchflog wenn der junge Dichter eintrat, -- fühlte zum Glück nur _sie_ allein, und das verrätherische Beben _seiner_ Stimme, wenn er mit _ihr_ redete, vernahm Niemand denn _sie_ allein. Aber Beide erkannten aus diesen Zeichen doch daß sie -- an einem Abgrund gespielt, wie Kinder, die Gefahr nicht ahnend, -- und daß die Hand, die sie zurückgezogen, die Hand eines Mannes war, den Beide verehrten. -- -- Den Studenten Lessing jedoch litt es nicht mehr lange in Leipzig -- -- _was_ ihn forttrieb hat wohl Niemand je erfahren.

Victoria Adelgunde aber schloß sich inniger an ihren Mann an, der nun auch nicht ermüdete ihr öffentlich wie unter vier Augen die Beweise einer zärtlichen und anbetenden Liebe zu geben. Es war als fühle er, daß er ihr Etwas zu ersetzen habe, und sie fühlte wiederum daß sie ihm Dank schulde. Wofür -- wagte sie sich kaum zu gestehn. -- Großes Aufsehn machte aber das Zurückziehn des berühmten Gelehrten von seinen Freundinnen. Gottsched besuchte plötzlich jene »himmlischen« Kreise nicht mehr, und brach allen Verkehr mit den Musen Leipzig's ab. Dagegen öffnete er nun sein Haus jedem jungen strebsamen Talent, und wandte sich jetzt mehr denn je der studirenden Jugend zu, was ihm viele dankbare Herzen erwarb, obgleich er nicht, wie der liebenswürdige Gellert, jenes mild ernste und doch warme Wesen zeigte, das die Jugend so unwiderstehlich anzieht und fesselt. -- Victoria Adelgunde nun, fand den leitenden Faden aus dem Labyrinth ihrer aufgeregten Gedanken und Gefühle zunächst in der _Arbeit_, die schon Manchen davor bewahrt Schaden zu nehmen an Leib und Seele. Sie hörte alle Privat-Vorlesungen ihres Gatten über Philosophie, Poesie und Rhetorik, an der verschlossenen Thüre ihres Schlafzimmers sitzend an, -- sie übersetzte aus dem Englischen und Französischen, sie wurde dem Gelehrten eine treue umsichtige Helferin bei all seinen ernsten Arbeiten, sammelte, sichtete, und stellte für ihn die verschiedenen Stoffe zusammen, überraschte ihn auch zu seinem Geburtstag, oder zum Christfest, regelmäßig mit einem kleinen Drama, wie z. B. »Die ungleiche Heirath,« »Die Hausfranzösin,« »Der Witzling« u. A. m. -- Nur das Lateinische und Griechische hatte sie, seltsamer Weise, bei Seite geschoben und begraben, trotz aller leisen Mahnungen ihres Gatten. -- Ihr Hauswesen dagegen hielt sie nach wie vor in musterhafter Ordnung, sah fleißig in Küche und Keller nach und zeigte eine ungleich lebhaftere Freude wenn ihr Gatte ein von ihr selbst verfertigtes _Gericht_ denn ein _Gedicht_ lobte, und alle ihre Freunde wußten daß sie lieber über ihre Spitzen Bewundrung einerntete als über ihre Feder. --

Noch in ihren letzten schmerzensvollen Lebenstagen sagte sie lächelnd zu Gottsched: »Gottlob daß ich mein Bischen Latein und Griechisch jetzt völlig vergessen, nun darf ich doch sterben wie ich gelebt: eine _ungelehrte_ Frau!« --

Auf ihrem Schreibtisch fanden sich nach ihrem Tode -- den 26. Juni 1762 -- folgende rührende Verse:

»Mein Gottsched -- Du allein Und daß Du mich geliebt das soll mein Lorbeer sein! Daß Du mich hochgeehrt, daß Du mich unterwiesen, Das wird der Nachwelt noch durch manches Blatt gepriesen. Wer _solchen_ Meister hat, da stirbt der Schüler nicht. So leb ich denn durch Dich -- wie könnt' ich schöner leben? Dein Ansehn wird mir schon Lob, Ruhm und Ehre geben.«

* * * * *

Eine Sammlung ihrer bewunderungswürdigen Briefe gab eine ihrer Freundinnen, Frau von Runkel, in drei Bänden heraus. In diesen Blättern hat sich die geistvolle warmfühlende Frau das schönste Denkmal gesetzt, und sonnenklar bewiesen, daß nicht _jede_ Frau, die einmal die Feder zu andern Dingen in die Hand nimmt als um Tagesausgaben oder Waschzettel zu schreiben, dintengeschwärzte Finger, und nachlässige Kleidung zur Schau tragen, und eine schlechte Hausfrau _sein muß_. Es sind reizende Briefe, das Abbild einer wahrhaft schönen Frauenseele, -- der zu ihrer vollen Befriedigung vielleicht nur _Eines_ fehlte: -- das selige Gefühl Mutter zu sein. -- Die _lateinischen_ Uebungsbriefe, die Victoria Adelgunde an ihren jungen Lehrmeister schrieb, sind aber _nicht_ unter jenen gesammelten Blättern. Die hat der Lessing so wie jenen Lorbeerkranz, den _ihre_ Hand damals für den jungen Dichter auf der ersten Stufe des Ruhmestempels niederlegte, -- und _so gut_ verwahrt, daß nur _ein_ Augenpaar sie erblickt: nämlich das der Erzählerin

Elise Polko.

Elisabeth.

(1859.)

Kein Dorfgeschichtenschreiber hätte eine hübschere Lage für die Heimath seiner Lieblingsgestalten erfinden können als die Lage der beiden Dörfer M. und N. Die niedern Häuser mit den rothen Dächern standen in dem Schatten von Obstbäumen, im Vordergrunde breiteten sich fette Wiesen und Kornfelder aus, im Hintergrunde zeigte sich ein frischer Laubwald, dem die dunkleren Parthien, kleine Tannengruppen, auch nicht fehlten, und den Horizont begrenzte jene malerische Bergreihe, die sich längs dem Rheinufer zwischen St. Goar und Bingen hinzieht. Jedes Dorf hatte einen schlanken Kirchthurm, auf dem einen schimmerte ein Kreuzlein, auf dem andern blitzte ein Wetterhahn. Die Kirchthüre in N. stand allezeit weit offen und trug die Inschrift: »Kommt her zu mir Alle, die ihr müheselig seid und beladen -- ich will euch erquicken.« Ueber der Kirchthüre des andern Dorfes stand keine Inschrift, und der alte Küster, der zugleich Schullehrer war, schloß sie nur des Sonntags auf, oder zu Trauungen und Kindtaufen. In jener offenen Kirche waren buntgemalte Fenster, die einen warmen lieblichen Schein warfen auf die dunkelbraunen geschnitzten Betstühle und die Steine des Bodens; auf dem sinnig geschmückten Altar standen im Sommer frische Blumen, in silbernen Gefäßen, um das Crucifix, und brennende Kerzen, und inmitten der Kirche hatte man eine lebensgroße heilige Mutter aufgestellt, mit dem Jesuskind im Arme, in einem blauen Mantel, dessen Saum mit silbernen Sternen gestickt war. Die ewige Ampel schimmerte sanft, und graue Weihrauchwolken zitterten wie Nebelschleier durch den geweihten Raum. Kühl und würzig war die Luft in dem Kirchlein, denn die liebe Sonne kam durch die weit offene Thür mit den frommen Betern zugleich herein.

In der viel größeren Sonntagskirche waren die Wände recht hübsch weiß getüncht. Den Mittelraum füllten lange Reihen von braunen Holzbänken, mit braunen Holzwänden davor, die einen vorspringenden Rand hatten um die Gesangbücher darauf zu legen. An diesen Holzwänden, sowie an der Rücklehne der Bänke, waren viele grüne, rothe und blaue Schilder angebracht, worauf mit Goldschrift verschiedene Namen standen. Auf solche Schildplätze durfte sich Sonntags kein anderes Menschenkind setzen als jenes, so den Namen trug der darauf zu lesen war. -- Der Altar hatte eine verblichene grüne Tuchdecke auf der die Bibel lag, zwischen zwei Leuchtern deren Kerzen niemals brannten. An der Wand hinter dem Altar war ein großes Bild eingefügt, Gott der Herr, strenges Gericht haltend über die Guten und die Bösen, und die Schafe sondernd von den Böcken. Der unbekannte Maler hatte am Ende des Bildes, mit bedeutendem Farbenaufwand, den leibhaftigen Bösen mit Hörnern, Ofengabel und ellenlangem Schwanz dargestellt, wie er eben mit frohem Grinsen seines feuerspeienden Rachens einige verstoßene Seelen aufspießt. Diese höllische Fratze hatte schon manche fromme Beterin in ihrer Andacht gestört, und sogar manche zu frühe Entbindung veranlaßt. -- Die hohen trüben Fenster waren theilweise verhangen mit grauleinenem Zeuge, damit die andächtige Gemeinde nicht von den zudringlichen Sonnenstrahlen verhindert wurde den Herrn Pfarrer auf der Kanzel zu sehen.

Mit einem Worte -- das eine Dorf war katholisch, das andere protestantisch, und das hätte man schon allein den Pfarrhäusern anmerken können. In dem protestantischen Pfarrhause in M. standen allezeit die Hausthür und die Hinterthür, die in den Hof und in den Garten führte, gegen einander offen, was einen argen Zug gab, in dem aber verschiedene muntere Knaben und Mägdlein aufwuchsen. Der hübsche Garten, in dem viel Gemüse gedieh, hing die ganze Woche voll Kinderwäsche, bunte Gardinen verhüllten die Fenster, und an den Sonnabenden pflegte der Herr Pastor, bei leidlich gutem Wetter, immer seine Predigt auf dem Spazierwege oder in der Fliederlaube zu memoriren, weil das ganze Haus sodann unter Wasser stand. --

Des andern Pfarrhauses breite dunkelgrüne Thür war immer wohl verschlossen, wer Einlaß begehrte, mußte an ein Seitenpförtchen klopfen, das man im grünen Weinlaube kaum sah. Blendend weiße Gardinen bauschten sich an den hellen Scheiben, sanft singende Vögel hingen in zierlichen Käfigen vor den Fenstern. Im Gärtchen, das so niedlich aussah, daß man es hätte gleich in einem Salon als Zierrath aufstellen mögen, blühten die schönsten Blumen in jeder Jahreszeit, der wohleingerichtete Küchengarten lag versteckt hinter üppigem Strauchwerk, in dem Hof und Hühnerstall sich umzusehen, war eine Lust, und das Taubenhaus sah einem hübschen Pavillon gleich. -- Die freundliche alte Schwester des Pfarrherrn trug zwar nur Kattunkleider und weiße, eng anschließende Hauben, sie sah aber doch allezeit aus, wie die Leute im Dorfe meinten, wie eine »Weihnachtspuppe.«

Daß sich »die Herrn Collegen« von M. und N. niemals anders als mit einem sehr steifen Kopfnicken grüßten, und die Frau Pastorin und die »alte Mamsell« gar nicht, verstand sich von selbst. Die M'sche Pfarre war ausgezeichnet, aber der »Herr Pastor« sagte oft zu seiner Frau, daß er mit der Hälfte der Einnahmen zufrieden sein würde, wenn er die Katholiken nicht zu Nachbarn hätte. -- Er war sonst, wenigstens nach seiner eignen Meinung, äußerst »tolerant,« nur gegen die »Katholiken« und gegen »Juden« spürte er eine kleine Abneigung, ähnlich jener, die er empfand, wenn ihm seine Frau einmal gelbe Rüben auf den Tisch brachte. -- Wäre N. zehn Meilen von M. belegen gewesen, keinen katholikenfreundlicheren Mann hätte man sich denken können als den Pastor Müller. So aber kaufte man im Pfarrhause zu M. keiner Bäuerin aus N. etwas ab, auf strengen Befehl des Hausherrn, was der Pastorin oft schwer genug wurde, und jeder kleine Liebeshandel zwischen einem M'schen und N'schen Pfarrkinde wurde um so strenger vom Pastor getilgt, als der katholische Pfarrherr gegen dergleichen »Verirrungen,« wie er diese Verhältnisse mit seinem feinen Lächeln zu nennen pflegte, ziemlich nachsichtig war.

Der Herr Pastor richtete sogar seine Spaziergänge nie nach der Seite von N., weil er es nicht ertragen konnte, an Marienbildern, Kreuzen und Heiligen vorbei zu passiren. Sein steter Kummer war, daß die Post, die damals von Köln nach Frankfurt ging, zuerst durch N. kommen und anhalten mußte, während der Pfarrherr von N. ohne Neid es geschehen ließ, daß der Schwager auf dem Rückwege seine Pferde in M. fütterte. Weder gemeinsames Glück, nämlich reiche Ernten, noch gemeinsames Unglück, Mißwachs oder Hagelschaden, noch die alles gleichmachende Zeit vermochten hier die Verhältnisse zu ändern, und bewahrte man auch nach Außen hin einen gewissen Schein von Verträglichkeit, predigte man auch von den Kanzeln gewissenhaft das »liebet eure Feinde,« so hatte wenigstens der Herr Pastor seine »grillenhaften Stunden,« in denen er darüber nachsann, warum wohl der Herr nur in »grauen Zeiten« Schwefel und Pech vom Himmel regnen ließ -- natürlich auf jene, die es verdienten! --

Als der Herr Pastor älter und in Folge des ewigen Zuges und vielen Scheuerns gar sehr von der Gicht geplagt wurde, bewilligte man ihm auf seine Bitte einen jungen Helfer, den er zu sich in's Haus nahm. Gottfried Berger, ein Theologe wie ihn empfindsame Seelen malen, nämlich »Johannesartig« mit blauen Augen und blondem Haar, war der hinterlassene Sohn der verstorbenen Schwester des Pastors. Er verstand sich trefflich in Onkel und Tante zu finden, und es wurde bald ein Lieblingsgedanke des Kränkelnden, sich diesen Neffen als Nachfolger und -- Schwiegersohn dermaleinst in M. zu denken. Hatte er auch zur Zeit an dem jungen Manne noch vieles auszusetzen, vornehmlich daß er den Pfarrherrn von N. viel zu freundlich grüßte, auch seine Spaziergänge in jener von ihm stets vermiedenen Richtung machte und dergl. mehr, so hoffte er ihn doch durch seine unausgesetzten Ermahnungen auch in dieser Hinsicht auf den »allein richtigen« Weg zu leiten.

* * * * *

Die Nachmittagspredigt in der M'schen Kirche war vorüber. -- Der junge Berger, der sie gehalten, ging eben langsam über den Kirchhof weg nach dem Pfarrhause. Einige alte Frauen verloren sich, die Gesangbücher in den Händen, zwischen den Gräbern, die Männer schritten grüßend an ihm vorüber. Kinder liefen ihm entgegen und boten ihm große Sträuße von Hollunder und Goldregen. Freundlich dankend nahm er sie und drückte sein Gesicht tief in die Blumen. Als er in den Hausflur trat, sagte die Magd, daß ihn der Herr Pastor bitten lasse, zu ihm in die Laube zu kommen, der Kaffeetisch sei allda aufgestellt. Er nickte und ging hinauf in seine Stube, sich umzukleiden.

Die Laube lag auf einer Anhöhe an dem äußersten Ende des langen Gartens. Im Sommer war sie recht dicht, fast kühl, denn die große Linde, die davor stand, stritt sich tagtäglich mit den Sonnenstrahlen herum, denen sie durchaus den Eintritt wehren wollte. Jetzt hingen nur einige grüne frische Ranken lose über das Gitterwerk, und die Linde selbst stand da, mit ihren jungen Blättern, wie unter einem durchsichtigen grünen Schleier, zitterte in der Frühlingssonne und dachte nicht daran Schatten zu geben. Auf die gelbliche Damastserviette auf dem Tisch fielen helle Lichter und zuckten hin und her.

Der alte Pastor saß in einem bequemen Sessel, den rechten etwas gichtischen Fuß auf einer gepolsterten Bank ruhen lassend. Es war ein hübsch geschnittener Kopf, von schlichtem Haar umgeben mit einigen Härten um Mund und Augen und einer eisernen Stirn. -- Die Pastorin war einst schön gewesen, der bitterste Nachruhm für eine Frau, und sehr verwöhnt, als einziges Kind eines reichen Kaufmanns. Ihr Vater machte einen bösen Bankerott und erschoß sich nachher; die Mutter starb vor Schreck und Gram, und die kaum zwanzigjährige Armgard war froh, eine Gouvernantenstelle in einem gräflichen Hause zu erhalten.

Dort umgab sie doch wenigstens jener gewohnte Glanz und Comfort, den sie allein »Leben« nannte. Die Unlenksamkeit ihrer Zöglinge, die Zudringlichkeit des Herrn Grafen, und die Eifersucht der launenhaften Gräfin machten ihr aber im Laufe der Zeit das Dasein im Hause so schwer, daß sie -- den Heirathsantrag des Gutspastors annahm, der jeden Abend mit den gräflichen Herrschaften Whist zu spielen pflegte. Gleich nach der Hochzeit erhielt Müller die Pfarrstelle in M., um die er sich insgeheim schon lange beworben, und siedelte mit seiner jungen Frau dahin über.

Ihre Ehe war wie tausend Ehen, wo eben beide Theile nur an das denken, was sie dem Andern geben, nie an das, was sie empfangen. -- Armgard fühlte sich noch als die einzige gefeierte Tochter des reichen Bankiers, und Eberhard Müller fand es höchst anerkennenswerth daß ein wohlsituirter Pastor eine arme Gouvernante, »vom Fleck weg« zur Frau Pastorin erhoben. Die junge Frau versuchte Anfangs das schlichte Pfarrhaus umzumodeln in Erinnerung früherer Zeiten. Wunderlicher Flitterkram wurde hie und da aufgestellt, der in keinem Zusammenhange stand mit der übrigen Einrichtung; sie selbst trug sich ziemlich auffallend und schleifte die seidenen Kleider zum Staunen der Gemeinde durch das Dorf. Wer hätte sich getraut an solche vornehme Pastorsfrau ein fragendes oder bittendes Wort zu richten! Eine Weile schaute der Pastor anscheinend geduldig zu. Als aber das erste Kind da war und das Tauffest vorüber, gab es einmal eine ernste Scene im Pfarrhause. Acht Tage lang sah die Magd die Pastorin mit verweinten Augen herumgehen, -- nachher verschwand ein Zierrath nach dem andern, der Flitterputz dazu, -- statt der langen seidenen, trug sie jetzt kattunene oder wollene Kleider ohne Schleppen, und an die Stelle der dünnen Zeugstiefelchen traten derbe Lederschuhe. -- Fünf Kinder wurden im Laufe der Jahre im Pfarrhause geboren, und vier kleine Särge standen zu verschiedenen Zeiten in der Gartenstube. Da gab es Leid genug und Thränen, und in diesem Jammer näherten sich denn auch die Herzen der Gatten mehr als sie es je in der Freude gethan.

Ein einziges, das jüngste Kind wurde groß, es zählte jetzt volle 17 Jahre und führte den Namen Elisabeth. Der Pastor hatte zwar Anfangs viel gegen diesen Namen, er klang ihm zu katholisch, aber er war doch im Laufe der Zeit etwas nachgiebiger geworden gegen die Wünsche seiner Frau, und so wurde die Kleine endlich nach ihrer verstorbenen Großmutter mütterlicherseits, Elisabeth getauft. -- Das Mädchen wuchs auf, nicht nur als ein einziges, sondern auch als ein allein übrig gebliebenes Kind, bewacht und gehütet Tag und Nacht. Sie war beider Eltern Abgott, obgleich immer der Vater die Mutter, und diese wieder den Vater beschuldigte der kleinen Elisabeth zu viel Willen zu lassen. Jedes bewachte heimlich das Andere und freute sich über jeden sogenannten »Streich« in Betreff der Verwöhnung des Kindes, um ihn zu notiren und gelegentlich, bei irgend einem Angriff, als Vertheidigungswaffe zu gebrauchen.

So pflegte der Pastor als größten Beweis einer mütterlichen Schwäche zu erzählen, daß seine Frau lächelnd zugesehen, wie die Kleine ein Pastellbildchen -- die schöne Armgard im Costüm einer Schäferin darstellend -- so lange mit einem feuchten Schwamme bearbeitet, bis von den Farben keine Spur mehr vorhanden. Die Pastorin entschuldigte sich zwar damit, daß Elisabeth eben die Masern gehabt und der Arzt ihr befohlen, das Kind weder zu reizen, noch zum Weinen zu bringen, -- ihr Mann lachte aber immer etwas spöttisch dazu. -- Als Gottfried Berger später in's Haus zog, hatte ihm jedoch die Pastorin am ersten Abend gleich so viele Anekdoten von umgeworfenen Dintenfässern und zerrissenen Predigten vorgetragen, für welche Verbrechen das Töchterchen völlig straflos davon gekommen sei, daß dem jungen Kandidaten der Kopf schwindelte.

Mit jedem Jahre gestalteten sich die Träume der Pastorin in Bezug auf des Kindes Zukunft farbenreicher. Tausend Hoffnungen hingen an diesem jugendlichen Haupt. Sie verbarg aber dergleichen auf Goldgrund gemalte Bilder sehr sorgfältig vor den Augen ihres Mannes. Durch Elisabeth und mit ihr sollte ja ein neuer Tag kommen, der Tochter wünschte sie jenes reiche Leben, das sie selbst einst gelebt, -- in der Tochter Glück gedachte sie sich zu sonnen. Elisabeth sollte keine Dorfpastorin werden, _sie_ wenigstens durfte nicht in dieser Einsamkeit zwischen Rüben, Kartoffeln und Kornfeldern verblühen. Wie das freilich zu verhindern überließ die Pastorin zunächst einigen Jugendfreunden, mit denen sie noch korrespondirte, und -- der Zeit. Das Kind war ja noch so jung! --