Neue Novellen

Part 3

Chapter 33,550 wordsPublic domain

Der Vogel im Käfig schlief, der kleine Hund Gottsched's lag am Ofen und regte sich nicht, nur dann und wann, wenn vielleicht der Leser seine Stimme ungewöhnlich erhoben, blinzelte er schlaftrunken mit den Augen. Der Asternstrauß, den gestern kein Mensch recht angeschaut, stand heute mitten auf dem Tische im Kerzenlicht und glühte und leuchtete wunderbar, und die Blumen schienen sich zu regen, wie vom Winde geschaukelt. -- Die schönsten Lichter und Schatten aber spielten auf dem Frauenantlitz dicht vor dem jugendlichen Lector, der heute so schlecht las wie noch nie in seinem Leben. Das war ein Blitzen und Gaukeln auf dieser mädchenhaften Stirn, auf diesen rosigen Wangen, in dem Grübchen am Kinn, auf Hals und Schultern, und dazu das rasche Spiel der Finger mit den zahllosen Klöppeln. Und wenn gar die Augen langsam aufblickten und auf den Leser sich richteten, und die Hände lässig in den Schooß sanken, weil Victoria Adelgunde das Arbeiten vergaß beim eifrigen Hören, -- dann schien das Manuscript gar zu schwer zu entziffern, denn der junge Student gerieth aus einem Stocken in's andere. -- Seine Zuhörerin mußte endlich laut darüber lachen, und wie lieblich lachte sie, und da konnte er nicht anders als ein Weilchen mitlachen. -- Als das Stück endlich aus war, -- der Poet dankte sich selber im Stillen zu tausend Malen, daß er's nicht länger denn zu drei Aufzügen gemacht, geriethen die Beiden unvermerkt so recht in's trauliche Plaudern. Lessing vertraute vor allen Dingen der jungen Frau sein innigstes Wünschen und Hoffen: daß nämlich die Theaterdirectorin Caroline Neuberin sich geneigt finden lassen möchte, dieses sein Lustspiel aufzuführen, und klagte ihr seine Sorge, daß die so vielfach Bestürmte wohl schwerlich das Erstlingswerk eines Studenten ohne gewichtige Empfehlung einstudiren lassen werde. Victoria Adelgunde versuchte ihn hierüber zu trösten, und sie redeten lange hin und her, auch über die bedauerlichen Zerwürfnisse zwischen Gottsched und der Neuberin. Der berühmte Mann hatte nämlich die volle Schale seines Zorns ausgegossen über die einstige Freundin, weil diese sich geweigert, ein Stück nach seiner Bearbeitung aufführen zu lassen. Gottsched war, in Folge dieser Weigerung, die Veranlassung gewesen daß sich eine zweite Truppe, die Schönemann'sche Theatergesellschaft, in Leipzig niederließ, die dann auch die Truppe der Neuberin bald vertrieb. Die energische Frau kehrte jedoch nach mancherlei Irrfahrten im Jahre 1744 nach Leipzig zurück, sprengte durch ihre reizenden Schauspielerinnen, die Lorenz und die Kleefelder, und die ausgezeichneten männlichen Mitglieder ihrer Gesellschaft, wie z. B. Koch und Heydrich, die Schönemann'sche Bande, und eine ihrer ersten Thaten war nun, ihren frühern Freund und Gönner, den Professor der Logik und Metaphysik, Johann Christoph Gottsched, von der Bühne herab als Zerrbild dem allgemeinen Gelächter Preis zu geben. -- Nun war an keine Aussöhnung mehr zu denken, so sehr sich auch die Neuberin, ihre Uebereilung bereuend, gar bald mühte den Schwerbeleidigten wieder gut zu machen. Gottsched verbot seiner Frau das Theater zu besuchen, und die ganze Stadt theilte sich in zwei Partheien, die Anhänger der Neuberin und die Gottsched's. Die Parthei der Theaterdirectorin war jedoch unbestritten die Stärkste, denn sie hatte, wenn sie wollte, die Lacher auf ihrer Seite. Victoria Adelgunde hatte sich alle Mühe gegeben, ihren Gatten milder zu stimmen gegen die verdienstvolle Frau, deren rasches entschlossenes Wesen, und große Wärme und Lebendigkeit, sie gar mächtig angezogen, -- allein vergebens. Oft war sie sogar mit dem Vorsatz ausgegangen der Neuberin zu begegnen, um sie zu bitten, noch einmal dem Gekränkten ein reuevolles Wort zu sagen, aber seltsamer Weise war es ihr nie gelungen der Ersehnten habhaft zu werden. Die Neuberin zeigte sich auch selten allein, immer nahm sie ihre jungen Schauspielerinnen unter ihre Flügel, für deren Wohlergehn und guten Ruf sie in jeder Art wahrhaft mütterlich sorgte. -- Die Gottschedin war dann bei ihrem Herannahen allezeit schüchtern zur Seite getreten und hatte es bei einem verstohlenen Gruß bewenden lassen, statt sie anzureden. Die Zieglerin ließ es sich dagegen bei jeder Gelegenheit angelegen sein, den Professor noch mehr gegen die Neuberin aufzubringen, da ihr die Freundschaft des berühmten Gelehrten mit dieser Frau von allem Anfang an ein wahrer Dorn im Auge gewesen. --

Von all diesen Dingen redete nun Victoria Adelgunde mit dem jungen Studenten, -- und die Zeit flog mit solcher Windeseile über ihre beiden Häupter hinweg, daß die junge Frau erstaunt aufblickte als Gottsched eintrat und nach dem Nachtessen verlangte.

»Habt Ihr die Zieglerin, die Ihr besuchen wolltet, nicht daheim getroffen?« fragte sie.

Er lächelte und antwortete: »volle vier Stunden habe ich ihres Umgangs genossen, von 5 Uhr bis 9 Uhr, und ich freue mich von Herzen, daß der Studiosus Lessing Euch in dieser Zeit so wohl unterhalten. Er muß aber nun dafür auch die Abendsuppe mit uns essen!«

Aber Ephraim Lessing dankte. Es war ihm zu Sinn als hätten die Götter eigenhändig ihn mit Necktar und Ambrosia gespeist, -- wie sollte ihm da irdische Kost munden? Auch konnte und wollte er sich den Suppenlöffel nicht in einer gewissen kleinen Hand denken, die ihm nur dazu geschaffen schien, Lorbeern und Rosen zu vertheilen, oder allenfalls beim Vorlesen mit schlanken Fingern Spitzen zu klöppeln. -- Er stürzte also nach einigen wunderlichen Entschuldigungen fort, nachdem ihn Gottsched noch ungewöhnlich freundlich aufgefordert bisweilen des Abends seiner Frau ein Stündlein zu vertreiben durch erbauliche Lectüre, dieweil _er_ »leider« mit seinen alten Freundinnen nicht brechen dürfe, sondern sie nach wie vor besuchen müsse. --

Während des Nachtessens fragte der berühmte Mann seine schöne Lebensgefährtin: »was haltet Ihr denn eigentlich von dem jungen Studenten und seinem Stück? Meint Ihr daß Beide etwas taugen?« --

»Das Stück verdient daß es die Neuberin aufführe,« antwortete sie lebhaft, »und ich gäbe viel darum wenn ich's zu Wege bringen könnte!«

»Er muß sich an die Zieglerin wenden!«

»Meint Ihr daß _die_ Alles könnte?«

»Ja!«

»Ich meine es aber nicht! Laßt uns das abwarten! -- Und was den Lessing angeht, so ist mir heute nur Eines klar geworden, daß aus ihm nämlich eben so wenig ein _Pfarrer_ wird, wie aus mir -- eine Zieglerin!«

* * * * *

Seitdem kam der Student Lessing wenigstens drei Mal in der Woche in das Haus des Professors der Logik und Metaphysik, las der jungen Frau vor, oder hielt eine Zwiesprache mit ihr über Alles was sein junges Herz bewegte und seinen Feuergeist beschäftigte. Und es war eine Welt von Fragen und Zweifeln, Träumen und Gedanken, die in diesem Jünglingskopf auf und nieder wogte wie die Wellen des Meeres. Da that es denn wohl Noth, daß solch eine Meerfey am Ufer saß und mit ihrer weißen Hand die wild rauschenden Wasser glättete, und zuweilen ein Zaubersprüchlein murmelte wenn es gar zu ungestüm hin und her und auf und nieder wallte. Und doch zögerte sie zuweilen jenes Wort zu sprechen, denn es dünkte sie gar wunderbar herrlich diesem Auf- und Abwogen zuzuschauen, und dem Gesang der Sturmgeister zu lauschen. So seltsam und erhaben klangen die Melodien, daß die Meerfey darein schaute mit schwimmenden Augen, und ein Entzücken empfand wie noch nie zuvor. -- Zuweilen war es ihr als müsse es eine Seligkeit sein, sich in diese brausenden Wellen zu stürzen, sich heben und tragen zu lassen, mit zu kämpfen und mit zu ringen, wie dies junge Herz, diese mächtige Seele da vor ihr, -- wie dieser Geist, dessen künftige Größe sie ahnend im Voraus empfand. -- Die engen Schranken ihrer eignen Gedankenwelt stürzten gar bald zusammen, in diesem Verkehr mit dem seltsamen jungen Studenten, sie gewöhnte sich unvermerkt weit und immer weiter auszuschauen, die Augen thaten ihr Anfangs weh dabei, aber sie hob sie immer und immer wieder, und lernte allmählich die Fülle des Lichts ertragen, die sie überströmte. -- Sie verlor auch nach und nach ihre mädchenhafte Schüchternheit ihrem neuen Freunde gegenüber, wagte einen Gedanken auszusprechen, urtheilte, vertheidigte und unterwarf sich. -- Gottsched erstaunte oft, im Zusammensein mit seiner Frau überraschende Blitze freiesten Denkens und Empfindens an ihr wahrzunehmen. Victoria Adelgunde fing sogar, zu seiner großen Freude, an in Gegenwart anderer Männer, erröthend zwar, und in reizend weiblicher Weise, aber doch bestimmt und klar ihr _eignen_ Ansichten darzulegen. Ihr Gatte vermochte sein Entzücken darüber kaum zu bergen, und mit echt männlicher Eitelkeit schrieb er sich allein und seinem Einfluß diese wunderbare Wandlung zu. Wie hätte er auch ahnen können, der berühmte Mann, daß in jenen stillen Abendstunden, in denen sich seine Gattin mit dem »wunderlichen« Studenten aus Kamenz, aus »purer Gutherzigkeit« ohne Zweifel gewaltig »langweilte«, jene Blüthen getrieben wurden, deren Duft ihn jetzt berauschte. --

Und der junge Student selber? -- Nun der lag unter einem Blüthenbaum, und neben ihm saß die Göttin Poesie selber, und streute Blumen auf ihn herab und flüsterte: »laß dich begraben Träumer!« -- Aber das Grab war nur eine durchsichtige Blumendecke, -- und darüber hing der blaue Himmel zweier wunderschönen Frauenaugen. -- --

Dem Ephraim Lessing waren, seit er die Fürstenschule zu Meißen verlassen, -- allwo schon seine große Selbstständigkeit in seinen Studien und Arbeiten kein geringers Aegerniß erregt, -- und die Universität zu Leipzig bezogen, erst wenige Frauen begegnet, mit denen er länger denn fünf Minuten geredet. -- Als Student der Theologie eingeschrieben, mit nur unbedeutenden Empfehlungsbriefen versehen, war er in wenigen Häusern und Familien bekannt geworden. Seine Neigung zu den Wissenschaften, zu den alten Sprachen, der Mathematik und Dichtkunst, gab ihm hinlängliche Beschäftigung in seinen Freistunden und bannte ihn in sein Stübchen, er las und schrieb viel, und beschäftigte sich überhaupt unablässig -- nur nicht mit dem Studium der Theologie. Die zärtliche Freundschaft, die er mit dem weichen und -- liebenswürdigen Christian Felix Weiße schloß, ließ ihn gar keinen andern Umgang vermissen. Das sogenannte schöne Geschlecht war ihm daher ziemlich gleichgültig geblieben, höchstens daß er einmal einem hübschen Mägdlein, das hinter Rosmarin und Rosen am Fenster hervorlugte, eine Kußhand zugeworfen, einem frischen Bürgerkinde die Wange gestreichelt, oder unter dem Fenster einer niedlichen Schauspielerin einige Male zerstreut auf und nieder gegangen war. -- Jetzt befand er sich aber zum ersten Mal in einem zwanglosen Verkehr mit einer Frau der höhern Stände, und zwar mit einer eben so schönen als fein gebildeten Frau, die bei all ihrer, von ihm sehr bald erkannten, geistigen hohen Bedeutsamkeit, doch ihren höchsten Ruhm nur darin zu suchen schien, eine tüchtige Hausfrau und zärtliche Gattin zu sein.

Der Zauber ihres ganzen Wesens umspann ihn wie mit einem goldenen Netze, und jener eine Abend hatte ihn plötzlich in eine Sphäre getragen in der er noch nie geathmet, in der zu leben ihm aber wunderbar süß däuchte. Es war ihm zu Muthe wie einem Falter, der nach langem Umherflattern, zum ersten Mal, einer kaum erblühten Rose in den Schooß taumelt. -- --

Gotthold Ephraim Lessing war in kurzer Zeit ein täglicher Gast geworden im Gottsched'schen Hause und Gottsched selber fand Gefallen an dem Jüngling, ließ sich wohl auch zu Zeiten herab längere philosophische Gespräche mit ihm zu führen, wunderte sich im Stillen über den Feuergeist, schüttelte aber dennoch den Kopf über die »freigeisterischen Gedanken« des jungen Burschen. Was nun Lessing's wiederholte dichterische Versuche betraf, so schenkte er diesen wenig oder gar keine Aufmerksamkeit, und verwies ihn mit dergleichen »Kinderspielen« an seine Frau, indem er dieser jedoch wiederholt versicherte, daß in dem Felix Weiße ein ungleich größerer Dichter stecke denn in dem Studenten aus Kamenz. --

Mittlerweile aber erblühten unter dem Sonnenschein der schönen Augen Victoria Adelgunden's langsam und farbenfrisch die _Anakreontischen_ Gedichte Lessing's, und zu ihren Füßen legte er diese reizenden Blumen nieder. --

Da geschah es aber eines Tages daß die junge Frau ihren Schützling bat ihr ein wenig im Latein fortzuhelfen, das sie bereits bei ihrem Vater in Danzig begonnen, -- -- die Anakreontischen Gedichte hatten sie plötzlich in eine seltsame Unruhe gebracht. -- Mit großem Eifer erbot sich der junge Dichter zu dieser anmuthigen Arbeit, und dieser Eifer verdoppelte sich als Victoria Adelgunde den schüchternen Wunsch aussprach, diese Lehrstunden einstweilen vor Jedermann geheim zu halten. »Mein eigner Gatte soll nicht eher ein Wort von diesem Unterricht erfahren als bis ich meinem geduldigen Lehrmeister Ehre bringe« sagte sie lieblich lächelnd. --

Die Vorlesungen hörten also nun auf und ernste Lehrstunden nahmen ihren Anfang, die junge Frau athmete erleichtert -- sie wußte aber doch nicht recht was sich ihr so schwer auf das Herz gelegt. -- Es war ein anmuthiges Bild diesen Lehrer und diese Lernende einander gegenüber zu sehen. Er, dessen Kopf mit der Imperatorstirn und den Feueraugen einen mächtigen Eindruck auf Jedweden machen mußte, der ihn mit Aufmerksamkeit betrachtete, sprach möglichst ruhig im belehrenden Ton, aber mit einem reizenden Schimmer von Glück um den Mund, zu jener Frau die bald schreibend, bald lesend, bald unter mädchenhaftem Erröthen irgend eine Frage beantwortend, sich nun seine Schülerin nannte. --

Victoria Adelgunde war ungewöhnlich lieblich. Ihre Züge waren so fein, ihre Gestalt von vollendeten Formen, ihr Lächeln bezaubernd, ihre Farben rosenfrisch und ihre Augen von wunderbarem Glanz und Ausdruck. -- Armer Falter! -- -- Die junge Frau machte aber auch erstaunenswerthe Fortschritte, und nach kaum einem halben Jahre fing sie bei ihrem jugendlichen Lehrmeister das Griechische an, das sie ebenfalls mit großer Leichtigkeit faßte. Sie äußerte wiederholt ihre Freude bei dem Gedanken, ihren Gatten eines Tages mit dieser neuerworbenen Wissensfülle zu überraschen, ihn die Ode der Zieglerin vergessen zu machen, und lernte in dieser Hoffnung mit immer regerem Eifer, nur zu tausend Malen die Kürze der Zeit beklagend. -- Da war es denn Ephraim Lessing selber der einstmals den Vorschlag machte, seine Schülerin möge, um die Zeit außer den festgesetzten Lehrstunden möglichst zu nutzen, lateinische Uebungsbriefe an ihn richten, die er dann am andern Tage wohlcorrigirt und mit allerlei belehrenden Randglossen versehn, ihr wieder einzuhändigen versprach. -- Victoria Adelgunde ging nach kurzem Zögern auch wirklich auf jenen nützlichen Vorschlag ein, und so nahm denn an jedem Abend der junge Student ein zierlich beschriebenes, und wohl adressirtes Blättchen mit heim, und legte es in der nächsten Lehrstunde, mit verschiedenen rothen Strichen und Bemerkungen versehn, der schönen Frau wieder vor. -- Allmählich wurden der Striche weniger, aber der Blättchen mehr, -- -- und zuletzt gewöhnte sich Victoria Adelgunde daran, ein ausführliches Tage- und Gedankenbuch in lateinischer Sprache zu führen, das immer in die Hände ihres jungen Lehrmeisters wanderte, und -- -- immer _seltener_ in die ihren zurückkam. -- Es mochten vielleicht der Fehler zu wenige darinnen sein, -- oder der junge Student litt an Vergeßlichkeit und hatte versäumt jene Blätter einzustecken, -- genug, die Briefe blieben bei ihm, aber ihr Inhalt wurde um so eifriger besprochen in den Lehrstunden, so eifrig, daß die junge Frau über all dem Hin- und Widerreden vergaß die Blätter zurückzufordern. --

In jedem Menschenleben giebt es eine Zeit, -- oft ist's nur eine Stunde, -- oft ein Tag -- ein Monat -- wo das Herz jene leidenschaftliche Bitte Josua's nachstammelt: »o Sonne stehe still!« -- Aber sie steht nicht still bei unserm Ruf sie eilt unaufhaltsam weiter -- -- und wenn wir im tiefsten Herzen dies Gebet kaum ausgesprochen -- -- -- dann ist schon Mittag vorüber und -- -- es will Abend werden. --

Als die zweite Hälfte des Jahres zu Ende gegangen und der Herbst schon dem Winter Platz zu machen sich anschickte, da sann die Gottschedin allen Ernstes darüber nach, welche Freude sie wohl ihrem Lehrmeister bereiten könne zum heiligen Weihnachtsfeste. Und sie sann so viel, daß sie bisweilen in den Lehrstunden gar sehr zerstreut erschien, und somit den jungen Dichter oft genug aus der Fassung brachte. -- Noch mehr als ihr verändertes Wesen beunruhigte ihn jedoch ihre Bitte, ihr einmal seinen Freund und Stubengenossen, Felix Weiße, herzusenden, und so zärtlich Lessing jenen treuen Gefährten liebte, so durchzuckte ihn doch ein bis zur Stunde nie gekanntes Gefühl des Neides und der Eifersucht, als er den Jüngling bald _allein_ zu seiner Schülerin gehen sah. -- Seit jenem Besuche Weiße's schien auch die Zerstreutheit seiner Schülerin sichtlich zuzunehmen, das glaubte wenigstens Lessing zu bemerken, und gerieth deshalb in nicht geringe Aufregung. In den lateinischen Uebungsblättern fanden sich bald Lücken vor, der Ton wurde unruhiger, die Gedanken springender. Kein Zweifel mehr: sie hatte ein Geheimniß vor ihm, -- und Felix Weiße wußte um dies Geheimniß. -- In der Woche vor dem Feste bat ihn Victoria Adelgunde sogar plötzlich, die Lehrstunden in den Nachmittag zu verlegen, da sie von nun an des Abends mit Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt sei. -- Mit bedrücktem Herzen erfüllte er ihren Wunsch, -- aber am Abend mußte er doch das Haus umstreifen, zu gewohnter Stunde, wie ein abgeschiedener Geist, der Sage nach, die Stätte seines einstigen Glücks umschwebt. -- Und was geschah ihm da? -- Allabendlich, um die siebente Stunde, öffnete sich nun -- und das dauerte eine Woche lang -- die Hausthür des Professor Gottsched, -- und heraus trat, Ephraim Lessing glaubte zu träumen, seine Schülerin selbst, gestützt auf den Arm Weiße's, eine Magd mit einer Laterne leuchtete dem Paare voraus. Daß sie es war, wirklich und wahrhaftig, wer hätte daran zweifeln können, -- keine Frau der ganzen Stadt hatte diese kleinen Füße, diese weichen reizenden Bewegungen, diesen schwebenden Gang. -- Die Drei schlüpften allezeit sehr eilig im Schatten der Häuser dahin, über den Markt, die Hainstraße hinunter. Vor dem Gasthof zur Taube machte man Halt -- pochte an die Thür, die sich dann sofort öffnete und das Kleeblatt einließ. -- Lessing blieb zum ersten Mal wie versteinert stehn. -- Allda wohnte ja die Neuberin! -- Was konnte die Ehefrau Gottsched's zu seiner Feindin führen? -- Und noch dazu in Begleitung Weiße's, dessen Stück die Zieglerin bei der Theaterdirectorin nicht hatte anbringen können?! -- Wollte seine Schülerin etwa ein gutes Wort einlegen für die »Matrone zu Ephesus?« Warum hätte sie da nicht eben so gut sich für den »jungen Gelehrten« verwenden können, den bittend zu der Neuberin zu bringen der Dichter selber zu stolz gewesen, und der somit ruhig daheim im Pulte schlummerte. -- Wunderliche Gedanken und Empfindungen bewegten den Wartenden, der kaum merkte, daß er wohl zwei Stunden draußen stand in grimmer Winterkälte. -- Er verspürte damals eine ganz absonderliche Lust, irgend einen Jemand aus der Welt zu schaffen, aber er war noch nicht mit sich einig, ob den Weiße, die Gottschedin oder -- die leuchtende Magd. Dabei wunderte er sich über die ausnehmend heiße Witterung, die ihm den Schweiß auf die Stirne trieb, -- und nahm zuweilen eine Hand voll Schnee, um sich zu kühlen. -- Als das Kleeblatt endlich wieder erschien, besann er sich jedoch so lange, auf wen er losstürzen solle, bis die Gottschedin mit ihrer Dienerin in ihrem Hause verschwunden, und ihr junger Begleiter sich mit einem äußerst devoten Kratzfuß von ihr verabschiedet. -- Wie ein Balsamtropfen fiel aber ihr gleichgültiges: »Gute Nacht, werthester Herr Studiosus -- auf Morgen denn --« um dieselbe Zeit in die erregte Seele des Lauschers, und er gewann es in Folge dessen über sich, ruhig nach Hause zu wandern, sich schlafen zu legen wie ein gewöhnlicher Mensch, um wieder -- von seiner Schülerin zu träumen wie -- er allezeit wachend und schlafend von ihr träumte.

Am nächsten Tage schaute er sie aber doch zuweilen seltsam forschend an, als er ihr wieder als ernster Lehrmeister gegenüber saß, -- und wenn sie auch ihre Aufgabe ohne Stocken herzusagen wußte, und einen Akt aus den Trauerspielen des Aeschylos fließend übersetzte, so riefen diese Blicke doch ein Erröthen hervor auf ihren Wangen, und ihre Hand zitterte ein Wenig, als sie ihm die lateinischen Tageblätter gab. -- --

»O Sonne stehe still!« -- --

Es hatten sich aber mittlerweile gar böse Augen auf das junge Paar gerichtet, das da alltäglich bei einander war, und jene schlimmen Zungen begannen allmählich zu zischeln, von denen es in jenem alten Volksliede heißt:

»Die Disteln und die Dornen die stechen gar zu sehr, Die falschen, falschen Zungen stechen _noch viel_ mehr!«

Solche Zungen waren es nun, die ungehindert allerlei Uebles redeten von der Gottschedin und dem jungen Studenten. Wie durften auch eine schöne Frau und ein geistvoller feuriger Mann _ungestraft_ mit einander verkehren? Solcher Verkehr allein war schon eine himmelschreiende Sünde wider -- jene häßlichen Schwestern, mit denen eben _kein_ junger geistvoller Mann verkehrte. -- Und der arglose Professor der Logik und Metaphysik, Johann Christoph Gottsched, erfuhr bald genug von den dünnen Lippen seiner Freundin Marianne Zieglerin, gebotene Romanus, eines Tages gar arge Dinge, -- so arg, daß er urplötzlich auffuhr wie von einer Tarantel gestochen, und nach Hut und Stock griff, um spornstreichs nach Hause zu laufen, und zur Stelle die Wahrheit zu erforschen aus dem Munde der geliebten Treulosen selber. -- Solches geschah am 22. December in der sechsten Stunde. Es war Licht in dem Stübchen der Frau Victoria Adelgunde, -- -- Gottsched schlich leise in's Haus und trat an die Thür der Wohnstube. Mit zitternder Hand schob er die Gardine vor dem kleinen runden Fensterchen in der Thür zurück und schaute in's Zimmer. Da sah er denn die Beiden sitzen, die Lehrstunde sollte just geschlossen werden. Seine Frau las noch mit lauter Stimme. -- Es war aber Latein, was sie las, -- es waren Verse, -- es war wahrhaftig eine Ode! -- Und in welchem reinen Latein, -- und wie correct las sie. Und die Ode, -- -- es schwindelte ihm, war an _ihn_ gerichtet, er hörte deutlich seinen Namen. Sollte Victoria Adelgunde dies classische Gedicht selbst verfaßt haben?! -- -- Unmöglich, der Gedanke wäre gar zu schön! -- Da verstummte die Leserin und er hörte nun den Studiosus Lessing sagen: »Fürtrefflich, hochgeehrteste Frau Professorin, es ist kein einziger Fehler in Eurem Gedicht!« --

Da riß der freudetrunkene Professor der Logik und Metaphysik die Thüre auf, stürzte mit dem Rufe: »habt Ihr wirklich diese lateinischen Verse gemacht?« auf die Erschrockene los und riß sie in die Arme. Und als sie halb unbewußt leise nickte, sagte er tief aufathmend mit ungewöhnlicher Hast: »Ich weiß zwar jetzt auch, daß ich Euch Nichts zu verzeihn, und daß die Zieglerin eine elende Lügnerin, aber ich gestehe Euch auch, daß ich um einer _selbstgefertigten_ reinen _lateinischen_ Ode Euch ganz gewaltig viel verziehn. O Victoria Adelgunde, ein schöneres Weihnachtsgeschenk hättet Ihr mir nimmer machen können! -- Euch aber, mein werthester Herr Lessing, danke ich zu tausend Malen, und werde Euch -- hier habt Ihr meine Hand darauf -- als Lehrmeister überall empfehlen, -- nur _eine_ Schülerin muß ich Euch abnehmen, alldieweil ich sie nun gern selber weiter bringen möchte, und das ist diese hier, -- meine geliebteste Ehefrau.« --

Und wieder zog er sie zärtlich an sich.