Neue Novellen

Part 2

Chapter 23,036 wordsPublic domain

Sie erschien niemalen in ganz sauberem Anzug, auch fehlte es selten an einigen Dintenspuren an den Händen, eben so war es schon vorgekommen, daß sie noch mit der Feder hinter dem Ohr in eine Gesellschaft getreten, aber ihre Bescheidenheit, Fröhlichkeit, und ihre witzige Zunge ließen dergleichen übersehen, wenigstens war die Dichterin trotz alledem bei Männern und Frauen beliebt. Eine sehr hübsche, jugendliche Frau wurde von ihr dem Hauswirth und der Hauswirthin vorgestellt, sie hieß Johanna Charlotte Unzer, geborene Ziegler aus Halle, Gattin eines ausgezeichneten Arztes, die auf ihrer Durchreise nach Hamburg, allwo sich ihr Gatte vor wenigen Wochen angesiedelt, einige Tage in Leipzig verweilte. Man rühmte von den Gedichten der Unzerin, daß sie sich durch ungezwungene Munterkeit auszeichneten, und nannte sie eine Schülerin der Volkmann. Was aber die Gottschedin für diese liebliche Frau zur Stelle einnahm, war der Ruf einer zärtlichen Gattin und Mutter, der ihr vorausging. Die Volkmann selbst konnte nicht müde werden, die beiden Frauen einander gegenseitig anzupreisen, wobei sie nicht verfehlte bald die Eine, bald die Andere heftig zu umarmen. Dann flüsterte sie der Gottschedin zu: »setzt Euch zu mir oder der kleinen Unzerin, und überlaßt den jungen Weiße der Zieglerin, sie ist nämlich in ihn verliebt und er könnte doch beinahe ihr Enkel sein. Den Lessing setzen wir dann zur Augsburgerin. Das wäre zum Todtlachen!« -- Damit schlüpfte sie fort und dem eben eintretenden Gellert entgegen, dem sie, ehe er sich dessen versah, einen Kuß auf die Wange gedrückt. -- Dicht hinter ihm erschienen nun auch die jungen Studenten Ephraim Lessing und Christian Weiße. -- Letzterer war seines sanften feinen Gesichts und seiner anmuthigen Manieren wegen von den Frauen sehr gern gesehen. Den Andern kannten nur Wenige, und diese Wenigen fanden seinen Blick zu stolz, sein Haar zu fliegend, seinen Gang zu kühn, seinen Anzug zu nachlässig, und insbesondere seine Redeweise, für einen jungen Studenten der Theologie, viel zu keck und frei. Während Christian Weiße nun Reihe um die Hände küßte, und Lessing hinter den Stuhl der Hauswirthin trat, huschte die Volkmann an ihn heran, zupfte ihn am Ohr und flüsterte ihm die Frage zu, wie ihm die Gottschedin gefalle. Ein flüchtiges Erröthen war die einzige Antwort des jungen Mannes, was ihm ein helles Gelächter der boshaften Dichterin eintrug. Als sie aber sich von ihm wandte, nahm er, nachdem er einige Worte mit dem Hausherrn gewechselt und alle Anwesenden mit einer stummen Verneigung begrüßt, hinter dem Stuhl der kleine Doctorsfrau aus Halle Platz, allwo er den ganzen Abend hindurch verblieb. -- Warum hätte er ihn auch verlassen sollen? -- Das reizende Bild, dessen Anblick er von seinem versteckten Sitze aus so ungestört genießen durfte, würde ihm ja dann entzogen worden sein, und welch reichen Stoff zum Denken und Träumen gab eben dies Bildchen, ein Frauenköpfchen auf dunklem Grunde. Von dem tiefbraunen Grunde eines Rockes, den der hochberühmte Professor der Dichtkunst, Logik und Moral, Christian Fürchtegott Gellert, trug, hob sich nämlich ein feines Frauenprofil ab. Die Linien waren so edel und rein, daß sich die Augen des jungen Studenten der Theologie nicht satt daran sehen konnten. Und zuweilen regte und bewegte sich dies Bild ein klein Wenig, das Profil verschob sich und zeigte das holdseligste Antlitz mehr als zur Hälfte, der köstlich geschnittene Mund lächelte, ein Grübchen in der Wange erschien, und die Wimpern des zweiten Auges tauchten auf. Und es kamen auch Momente, wo sich der kleine Kopf Victoria Adelgundens ganz zu ihm wandte und zwei dunkelblaue Augen ihn anschauten, halb fragend, halb schüchtern freundlich grüßend. --

Der Kreis hatte sich endlich unter lebhaftem Hin- und Widerreden geordnet, und der Professor Gottsched zwischen der Zieglerin und der Knackrüggin einen etwas engen Sophaplatz gefunden. Neben der Dichterin aus Augsburg saß der junge Weiße, dann folgte die Volkmann mit dem Professor Gellert, die Gottschedin mit der Unzerin, und der junge Lessing machte den Schluß. -- Man schlürfte eine Schaale dünner Chokolade, aß allerlei Backwerk dazu und schickte sich allmählich an zuzuhören. -- Ja, aber wem zuerst? -- Die Zieglerin sprach nämlich laut und vernehmlich den Wunsch aus, zuvor einige _ihrer_ eignen neuesten Dichtungen vortragen zu dürfen, ehe die jungen Studenten ihre Schauspiele dem Richterspruch des »edlen Kreises« zu unterwerfen begannen, und setzte mit sauersüßem Lächeln hinzu, daß sie hoffe, ihre geliebten Schwestern in Apoll würden nachher desgleichen thun. »Wir wissen gar wohl, wir armen Frauenzimmer,« sagte sie mit einem wohlstudirten Augenniederschlag und tiefem Seufzer, »daß wir nicht mehr bestehen können, so ein _Mann_ vorher seine Werke zu Gehör gebracht. Die Schöpfungen der Herren der Welt gleichen ja den Palmen, dieweil wir nur armselige Gänseblümlein bringen. Ist's nicht so, meine theuren Freundinnen?«

Die Knackrüggin senkte zustimmend das Haupt, die hübsche Doctorsfrau lächelte verstohlen die Hauswirthin an, die Volkmann aber rief: »ich will Nichts wissen von Gänseblümchen, und habe auch, so ich mich erinnere, im Garten der Poesie niemalen welche gepflückt! Die Unzerin und ich suchten nur allezeit nach Veilchen!«

Einen vernichtenden Blick warf die gekrönte Dichterin auf die schalkhafte Sprecherin, dann sagte sie, zu Gottsched gewandt: »Hochverehrter Freund, sintemalen doch Bescheidenheit die höchste Zier des Weibes, mögen denn meine armen Geisteskindlein diesen Reigen eröffnen, damit -- --«

»Das _Beste_ gebührend zuletzt komme, meint Ihr sicher, liebste Zieglerin?« unterbrach hier lachend die Volkmann.

Die berühmte Frau fuhr auf, aber der Professor der Logik und Metaphysik zog sie mit einer ängstlichen Geberde auf ihren Sitz zurück und flüsterte: »bleibt würdevoll und ruhig, liebwertheste Freundin. Sie liebt es nun einmal, Jedweden weidlich zu necken, und weiß doch so gut als ich, daß Ihr die berühmteste Frau der Lindenstadt seid und bleibt.« -- Die Gottschedin legte erschrocken ihre Hand auf den Arm Gellerts, der aber lächelte und sagte ruhig: »Ihr müßt Euch an dergleichen gewöhnen, schönste Frau, sie sind nun einmal Alle so unter einander und mit einander. Sie fahren sich aber dabei doch nimmer wirklich in die Haare und nennen sich trotz alledem gute Freunde.«

Und die Zieglerin zog geräuschvoll eine dicke Rolle beschriebener Blätter aus der Tiefe ihrer Kleidertasche und las, ohne viel zu wählen, mit erhobener Stimme, wie folgt:

»Auf ein paar schöne Augen.«

»Hört zu, Christian Weiße!« schaltete noch die Volkmann schnell ein.

»So oft ein Künstler euch zu schildern ist bemüht, So trifft er euch doch nicht, wie man gar öfter sieht; Doch ist nicht seiner Faust der Fehler beizumessen, Wenn er die Aehnlichkeit von euch dabei vergessen. Und lebt' Apelles noch, so könnt' es nicht geschehn, Denn Adler können nur blos in die Sonne sehn. Der Strahl, der in euch sitzt, steht gar nicht abzureißen, Der Maler müßte denn ein Halbgott wirklich heißen.«

»Wessen Augen habt Ihr dabei im Sinne gehabt, theuerste Zieglerin?« fragte die Volkmann sehr freundlich.

»Welche anders als die _Euren_, geliebte Freundin!« lautete die höhnische Antwort.

»Ich danke Euch, und werde dagegen zum Beweis meiner Erkenntlichkeit Eure Rosenwangen und Perlenzähne besingen.«

»Habt Ihr noch ein so fürtreffliches Gedicht für unsere verzückten Ohren?« fragte da Gottsched rasch, denn die fast zahnlose Dichterin erglühte unter ihrer Schminke vor Wuth. Wie ein Balsamtropfen fielen aber diese Worte in die Wogen ihres Zorns, und sie las und las die verschiedensten ihrer größern und kleinern Dichtungen hastig und bunt durcheinander, wie z. B. »Das Bild eines wahren Christen,« und gleich darauf »die Unterkehle Celindens,« und die »höhnische Lisette« wobei sie während der Schlußstrophe:

»es läßt aus Furcht sich Niemand mit ihr ein, Lisette ist fürwahr ein schädlich Stachelschwein,«

einen bedeutsamen Blick auf ihre Lieblingsschwester in Apoll zu werfen nicht ermangelte, den die Volkmann jedoch mit dem zärtlichsten Nicken erwiderte. Auch die »Grabschrift eines Verliebten« trug die Unermüdliche vor, welche folgendermaßen lautete:

»Die Gluth verzehrte mir das Mark in den Gebeinen, Und diese machet auch die Gruft zu Feuersteinen. Ihr Tobaksbrüder kommt und tretet noch heran, Zieht Stahl und Schwamm hervor und schlagt euch Feuer an.«

Als hierauf Gellert doch leise an die verrinnende Zeit zu mahnen wagte, las die berühmte Frau noch schnell ein Lied auf die »garstige Lorette«, einige »zufällige Gedanken über einen Mopsen«, ein geistlich Lied, und schloß dann mit den Strophen:

»Bin ich der Arbeit überdrüssig, Die man von Damen fordern kann, So kommt mir, weil ich nicht kann müssig Wie Viele gehn, das Dichten an. Da greif' ich schnell zu meiner Feder, Ob selb'ge gleich nur, wie ihr wißt, Von schlechtem Gänserumpf und Leder Und nicht vom Schwan geborget ist.«

»Herrlich!« rief die Volkmann, klatschte in die Hände und sprang auf, um die Zieglerin zu umarmen, »man könnte euch allein schon lieben um der wunderbaren treffenden Wahrhaftigkeit willen in Euren meisterlichen Gedichten, Höchstverehrte! Aber nach Euch wage ich nicht in meine Leier zu greifen! Aber ich habe einige Kleinigkeiten unserer Freundin _Hedwig Zäunemann_ aus Erfurt mitgebracht, die, wie Ihr Alle wohl vernommen, vor vier Jahren, bei Arnstadt von einem Brückenstege fallend, eines kläglichen Wassertodes gestorben. Sie hat mir noch wenig Tage vor ihrem unerwarteten Sterben damals ein anmuthig Verslein über unsere Stadt Leipzig eingesandt, allwo sie so oft glückliche Tage verlebt, und das folgendermaßen lautet:

»Was man vordem in Rom, Athen und Tyro fand, Was diese wünscheten, wonach Karthago stand, Das läßt die Lindenstadt, das schöne Leipzig sehn, Welch Pinsel, welcher Kiel kann dessen Ruhm erhöhn?«

Ein ander Gedichtlein von ihr greift die Männer an, meine Freunde, und liest sich auch recht gut. Hört nur!

»Ihr Männer, bildet euch nicht ein, Als ob Vernunft, Verstand, Gelehrsamkeit und aufgeklärter Sinn Sollt' Euer Eigenthum und Erbrecht sein. Nein wahrlich, der das Firmament gesetzt, Der hat das Weibervolk nicht minder hoch geschätzt, Und ihnen auch Verstand und Witz verlieh'n. Es soll wie Ihr des hohen Geistes Gaben Auch im Besitze haben. Drum muß _ihr_ Lorbeerzweig so wie der Eure blühn, Zürnt, tobet, lästert, neidet immerhin, Ihr werd't es doch nicht hindern können, Ihr sollt und müßt denselben doch die Ehre gönnen, Drum bildet Euch, Ihr Männer, ja Nichts ein!«

* * * * *

Ein heiteres Wortgespräch entspann sich nach diesem Madrigal, worin sich insbesondere Gottsched selber und die Volkmann hervorthaten. Aber die Zieglerin gönnte ihrer freundlichen Feindin nicht lange das Vergnügen die Gesellschaft durch ihren Witz zu belustigen, und unterbrach die Debatte mit der dringenden Bitte: die theuerste Teuberin, verwitwete Knackrüggin, möge der Versammlung nun auch einige Proben ihrer herrlichen Kunst ablegen. Die würdige Matrone ließ sich auch nicht allzulange bitten, obgleich sie zuerst behauptete, Nichts bei sich zu haben. Der geschwollene Arbeitsbeutel aber bewies genugsam, daß sie auf den Fall, die »lieben Freunde zu erlustiren mit den Spielen ihres schwachen Geistes« vorbereitet war, und selbiger wurde denn auch mit manchem Scherzwort ausgeleert. Es kamen da allerlei unschuldige Betrachtungen hervor, wie zum Beispiel: »Gedanken bei des Sohnes erster Predigt,« »beim Gesindemiethen,« »beim Aderlassen,« »bei der Wäsche,« »Gedichte auf einen Donnerschlag,« »auf den Tod meines Gatten,« »auf die Tugend der Weiber,« mit welchem Verse sie auch endlich ihre gewaltig lange Vorlesung zu allgemeiner Zufriedenheit, folgendermaßen beschloß:

»Ein Weib, das reinlich ist und jeden Unflath hasset, Ein Weib, das sparsam ist und niemals Geld verprasset, Ein Weib, das fleißig bleibt, die Kinder wohl regieret, Ein Weib, das ihr Gesind' mit Lust zur Arbeit führet, Ein Weib, das freundlich ist, lacht leise, redet wenig, Ein Weib, dem Mann getreu, doch mehr dem Himmelskönig, Ein Weib, das Gott, den Mann und ihre Kinder liebt, Verdient ein größ'res Lob, als hier die Feder giebt.«

Es war spät geworden unter all diesem Lesen und Reden, und Christian Felix Weiße mußte nun sein Schauspiel: »Die Matrone zu Ephesus« ziemlich rasch lesen, was indessen nicht dazu beitrug das Stück sonderlich zu heben. Dabei hatte sich die Zieglerin obendrein dicht neben ihn gesetzt und schaute mit in das Manuscript. Gar häufig unterbrach sie den Lesenden durch allerlei Ausrufungen und Bemerkungen. Trotzdem sprachen sich Alle zu Gunsten des Stückes aus, als Weiße endlich zum Schluß gelangt war, und tief aufathmend, mit glühenden Wangen, sein Manuscript zusammenrollte. Die gekrönte Poetin aber nahm es ihm ab, las einzelne Stellen mit lauter pathetischer Stimme noch einmal, strich dann mit einem gewaltigen Bleistift, den sie allezeit bei sich führte, einige Worte, auch wohl ganze Sätze, schob dafür andere ein, und äußerte endlich mit vornehmer Herablassung, daß sie selbst sich bei der Neuberin verwenden werde: das Stück solle und müsse aufgeführt werden. »Mein herrlicher Freund und Gönner Gottsched steht jetzund mit dem anmaßenden Weibe nicht sonderlich, sonst würde ich nicht von meiner armen Fürsprache geredet haben,« sagte sie, »die Theaterdirectorin hat sich, wie Jedermann weiß, allzu frech benommen gegen den berühmtesten Mann Leipzigs. Sie wagte es, einem »Cato« Gesetze vorzuschreiben über den Bau und Inhalt der aufzuführenden Stücke, und sogar schnöde Verspottung mußte unser Gefeierter von ihr erleben -- --«

»Reden wir nicht davon,« unterbrach sie der Professor der Logik und Metaphysik mit einem Ausdruck von Verlegenheit und Aerger; »ich liebe das nicht!«

Während der letzten Verhandlungen und Besprechungen hatte die schöne Hauswirthin öfters gedankenvoll zu dem jungen Lessing hinübergeblickt, und zwei blaue und zwei dunkle Augen begegneten sich in mancher stummen Frage. Je länger und öfter Victoria Adelgunde das Gesicht des Studenten betrachtete, der nun seine Schöpfung diesem wunderlichen Kreise enthüllen sollte, je anziehender erschien ihr dasselbe. Es war ihr zu Muth, als sie diese klare, herrliche Stirn, ein Eiland des Friedens und der Wahrheit, betrachtete, als könne und dürfe sie sich dorthin flüchten mit ihren Augen und Gedanken aus diesem, für sie so unerquicklichen, Gewirr und Geschwätz. -- Ihr eigner Gatte kam ihr so fremd und verwandelt vor in dieser Umgebung, und vor den Frauen empfand sie mehr als Furcht, die heftigste Abneigung. Nur zu der kleinen bescheidenen Doctorsfrau fühlte sie sich hingezogen. -- Der Gedanke aber, der junge Lessing solle _hier_ in diesem Kreise lesen, wurde ihr plötzlich unerträglich, und die Vorstellung, die Zieglerin werde auch _sein_ Manuscript, wie das des jungen Weiße, mit jenem dicken Bleistift bearbeiten, trieb ihr das Blut in die Wangen. Je länger sie darüber nachsann, je unmöglicher erschien es ihr, daß er seine Dichtung _dieser_ Kritik unterwerfe. Ein seltsames Angstgefühl kam über sie, wenn sie sich seine weiche Stimme dachte, -- die sie zwar nur einmal vernommen deren Ton sie aber nicht vergessen, -- wie sie untertauchte in dem Geschwirr dieser scharfen Frauenstimmen. Sie hörte schon im Geiste wie sie über ihn herfielen, schon an dem Titel seines Werkes mäkelten, in jede Scene witzelnd oder tadelnd hineinredeten, um ihn am Ende zu zwingen sich unter den Schutz der Zieglerin zu stellen, die dann bei der Neuberin für ihn zu betteln versprechen würde. -- Das sollte, das durfte aber nimmermehr geschehn! -- Ein wunderlicher Entschluß stand in ihrer Seele auf. Sie wollte verhindern daß er las, selbst auf die Gefahr hin daß er sie für eine alberne, launenhafte Frau hielt. Um jeden Preis wollte und mußte sie ihm zahllose Kränkungen und Nadelstiche ersparen. Aber alle diese Gedanken, Empfindungen und Vorsätze erregten sie fast fieberisch, und die Farbe wechselte so jäh auf ihren Wangen daß Gottsched plötzlich in besorgtem Tone fragte: ob sie sich unpaß befinde. Mit einem schwachen Lächeln schüttelte sie den Kopf, und beruhigt wandte sich nun der berühmte Gelehrte zu dem Studenten Lessing und sagte: »so mögt Ihr lesen, junger Freund!«

Da aber erhob sich plötzlich die sonst so schüchterne Hauswirthin und antwortete statt des Angeredeten mit fester Stimme: »Ich bitte, daß Herr Lessing _nicht_ lese, -- -- mein Kopf thut mir sehr weh, und der Abendimbiß verdirbt, da es schon gewaltig spät geworden.« -- Eine glühende Purpurröthe folgte dieser ersten Lüge, die diese Lippen ausgesprochen. Man blickte einander theils verwundert, theils spöttisch an. Wie konnte man an solche Dinge denken, und gar von ihnen reden bei solchen Genüssen?! Wieder ein Beweis, wie erbarmungswürdig tief doch die Gottschedin stand. -- Die Unzer und Gellert allein fanden einige Worte des Mitleidens, dann aber schlossen auch sie sich den Andern an, die näher zusammenrückend sich wiederum in ein Gespräch über die »Matrone von Ephesus« vertieften. Ephraim Lessing hatte sich während dessen langsam erhoben und trat jetzt zu der jungen Frau. Seine Stirn war lebhaft geröthet, eine feine Ader trat in der Mitten hervor, die Augen blickten finster, und um die vollen Lippen zuckte Schmerz. Das leicht gepuderte Haar mit einer heftigen Handbewegung zurück aus den Schläfen streichend, sagte er stolz: »Erlaubt, daß ich nach Hause gehe -- da mein Bleiben allhier nunmehr seinen Zweck verloren.«

»Geht, wenn Ihr durchaus wollt,« antwortete die leise süße Stimme der Gottschedin, »ich mag Euch nicht zumuthen länger unter Fremden zu weilen. Aber Euer Stück müßt Ihr mir zur Aufbewahrung überlassen bis morgen Abend, wo Ihr vielleicht ein Stündchen Zeit finden werdet, es einer armen unwissenden Frau, die Euch keine Bleistiftzeichen auf die Blätter zu kritzeln versteht -- sonder Störung vorzulesen. --«

Sie sah ihn ernst und doch voll milder Freundlichkeit an, als sie diese Worte sprach, und es flog plötzlich wie ein Lichtstrahl in seine Seele. -- Sein Zorn war verflogen. -- Er begriff und verstand wie gut sie es mit ihm gemeint, und sein Herz schwoll ihm vor Dank und Freude. --

»Nicht Morgen allein, sondern allezeit bis an mein Lebensende werde ich zu Euren Diensten sein, Gütigste der Frauen« sagte er fast leidenschaftlich -- reichte ihr das Manuscript hin, küßte ihre Hand und flüsterte: »aber gehen werde ich doch -- und jetzt erst recht!« verneigte sich stolz vor dem kleinen Kreise, wechselte noch einige flüchtige Worte mit Gottsched und ging. --

* * * * *

An jenem Abend, der mit einem frugalen Nachtmahl schloß, athmete die Gottschedin erst erleichtert auf, als der letzte Gast das Zimmer verlassen. Dann fiel sie ihrem Manne um den Hals und rief: »Thut mit mir was Ihr wollt, herzliebster Ehegemahl, Ihr dürft es ja auch, denn Euch ist die Macht gegeben über meinen Leib wie über meine Seele, -- aber versucht nur nimmermehr eine Zieglerin aus mir zu machen!« -- --

Als am andern Morgen, -- an demselben Abend wagte sie's doch nicht recht, -- Victoria Adelgunde ihrem Gatten ihre kleine List in Betreff des Studenten Lessing beichtete und ihn bat, mit ihr zu Gericht zu sitzen über das Werk ihres Schützlings, lachte der Professor, streichelte ihr die Wangen und sagte: »Ihr seid allzu mitleidig mit dergleichen Burschen, und werdet keinen Dank davon haben. Das Stück mag er Euch getrost _allein_ vorlesen, -- ich habe es bereits durchgeblättert und dann -- -- dünkt mich, wolle sich's nicht recht schicken, wenn ein Professor als Zuhörer vor einem Studiosen sitze. --«

* * * * *

Am nächsten Abend sah es behaglicher aus in der Wohnstube der Gottschedin als am verflossenen. Es brannte zwar nur eine einfache Kerze, und auf dem Tische war kein Damasttuch ausgebreitet, sondern das Klöppelkissen lag darauf und davor saß eine heiter blickende Frau im Hauskleide, das gepuderte Köpfchen über die zierliche Arbeit der schlanken Finger geneigt. Gegenüber aber hatte der Student Ephraim Lessing Platz genommen, und las sein Schauspiel: Der junge Gelehrte. --