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Part 12

Chapter 123,646 wordsPublic domain

Die schöne Delphine warf schnell einen schmachtenden Blick in den gegenüber hängenden Spiegel: das weiße, theure Spitzenkleid, in Paris gemacht, saß vortrefflich, der blaßrothe Atlas des Unterkleides schimmerte wie Morgenroth durch die köstlichen Kanten, die Rose an der linken Seite der langen Locken hätte freilich noch etwas tiefer, mehr wie herabgesunken, stecken können, die dumme Margot verstand doch gar Nichts! Das Freifräulein Melanie aber, das dem Grafen gegenüber saß, warf ihm zu derselben Zeit einen kecken Blick zu und lachte, -- sie wußte nämlich genau daß sie nie hübscher war, als wenn sie lachte. Beide Damen knüpften jedoch ein eifriges Gespräch an mit ihren Nachbarn, denn sie hörten, daß der Graf seinen Sessel rückte und -- man mußte ja die _Ueberraschte_ spielen, wenn man ihn plötzlich vor sich sah! Allein sie sprachen und sprachen -- was sie redeten, wußten weder sie selber noch verstanden es ihre Nachbarn, -- es dauerte auch allzu lange! Endlich mußten doch Beide ein wenig zur Seite blinzeln und da sahen sie -- wie die Sammetportière eines Seitencabinets zurückgeschlagen wurde, und der Graf auf dessen Schwelle erschien. -- Aber an der Hand führte er eine Frau, die er zu jenem leeren Sammetsessel geleitete und mit den einfachen Worten: »Czinka, Gräfin von Saldern,« jetzt der Versammlung vorstellte. Die neue Gräfin verneigte sich mit der schüchternen Grazie eines Kindes, und nahm den Platz an der linken Seite ihres Gemahls neben der alten Marquise ein, die sie mit mütterlicher Zärtlichkeit empfing. »Da meine Frau als Ungarin unsere deutsche Sprache nur mangelhaft versteht und kaum redet, so sieht sie sich für heute zu ihrem Bedauern noch genöthigt auf das Vergnügen der Unterhaltung mit meinen Freunden zu verzichten,« sagte der Graf noch, dann knüpfte er sofort mit seiner schönen, fast zu Stein erstarrten Nachbarin so unbefangen ein Gespräch an, als gäbe es keine Gräfin Saldern in der Welt und die stolze Delphine war Weltdame genug, um scheinbar heiter auf seine Unterhaltung einzugehen. Dann und wann wandte sich jedoch Alfred Saldern mit einem sonnigen Blick und Lächeln zu seiner jungen Frau, ihr einige leise Worte zuflüsternd, die sie eben so leise und mit einem lieblichen Erröthen beantwortete. Redete er nicht mit ihr, und gönnte die Marquise d'Anville ihr Ruhe, so saß sie ernst und gedankenvoll da und betrachtete mit dem Staunen eines jungen Mädchens das zum ersten Mal den Ballsaal betritt, jene glänzenden Gestalten der Gäste, die sich um die Tafel reihten. Aber überall begegnete ihr Blick dem Ausdruck so lebhafter Bewunderung und Neugier, daß sie endlich ihre dunklen traurigen Augen senkte, und nicht anders wieder erhob als um ihren Gemahl anzusehen, oder jene stolze Purpurblüthe in der silbernen Vase vor ihrem Sitze. -- Die junge Gräfin trug ein Kleid von kostbarem indischen Mousselin, mit Spitzen reich verziert, der zarte Hals, die feinen Schultern und Arme schimmerten durch den klaren Stoff doppelt reizend. Die Aermel waren mit Korallenagraffen zurückgenommen, eine Kette von Korallen mit einem prachtvollen Schloß schlang sich um ihren Hals, eine andere um die zierlichen Handgelenke. In dem schwarzen lockigen, kurzverschnittenen Haar trug sie einen Kranz von Granatblüthen. Ihr Gesicht, leicht angehaucht von einem köstlich feinen Bronceton, war bezaubernd in seinen Linien und in dem Ausdruck einer sanften Melancholie. Die Lippen strahlten in köstlicher Frische, und es war nicht möglich sich schönere Augen mit vollkommnerer Zeichnung von Brauen und Wimpern zu denken, so behaupteten wenigstens alle männlichen Gäste des Grafen, während die Frauen den Augen der Gräfin Saldern wenigstens in so fern Gerechtigkeit widerfahren ließen, als sich eine Jede gestand, sie seien, ihre _eigenen_ Augen natürlich ausgenommen, die »hübschesten« im Saale. -- Zu diesem glänzenden Vorzug der jungen Frau kam aber noch ein Jugendschein, eine Frische, die in den Herzen der sämmtlichen Schönheiten der Tafelrunde die heißeste Sehnsucht erweckten nach -- dem verbannten _Kerzenlicht_, die Herzen der Männer dagegen in lebhafte Bewegung versetzte. Das war der wirkliche Frühling der sechszehn Jahre der auf dieser Stirn, auf diesen Wangen seinen Siegerthron aufgeschlagen, jener reiche Frühling mit seinem üppigen Grün, seinen Knospen und Verheißungen, seinem Duft und Schimmer. -- Ein sechszehnjähriges liebliches Mädchen ist ja eine wilde Rose im Walde, eine Siebzehnjährige eine Moosrosenknospe, die Achtzehnjährige die Moosrose selbst -- -- die Neunzehnjährige aber schon meist -- -- eine Theerose -- -- zuweilen reizend zart, schmachtend -- -- und Theerose bleibt sie dann bis -- -- -- die Liebe kommt, sie in eine Centifolie zu verwandeln und sie vor dem bittern Loose zu schützen eine -- Klatschrose zu werden. --

Als die Tafel aufgehoben war und die Gäste sich zurückgezogen hatten, entließ die junge Frau die glänzende Versammlung mit so vollendeter Haltung, daß Niemand _laut_ gewagt hätte -- wenigstens an demselben Tage noch nicht -- -- die überraschende Wahl des Grafen zu bekritteln. --

* * * * *

»O meine müden Augen, Ihr müßt blitzen Im Schein der Kerzen Und möchtet doch im Dunkeln Schlafen von euren Schmerzen.«

Jahre waren hingegangen. Aus der sechszehnjährigen wilden Rose war eine bleiche vornehme Theerose geworden, Czinka Saldern trat als sechsundzwanzigjährige Frau so sicher auf, in der großen Welt, als hätte sie sich von Kindheit an in derselben bewegt. Man bewunderte die junge Frau, man machte ihr den Hof, sie war eine gefeierte Erscheinung wo sie sich zeigte, und die Eigenthümlichkeit ihres Wesens und das Fremdartige ihrer Schönheit rechtfertigte diese Bewunderung vollkommen. Ihre Gestalt war noch immer schlank und zierlich, aber von vollendeten Formen, ihr Gesicht mit dem Ausdrucke geduldiger Trauer um den Mund, und den Augen voll verschleierter Leidenschaft war hinreißender denn je. Sie lernte die deutsche Sprache nie vollkommen und schien sie auch nicht gern zu reden; dieser Mangel und ein unbezwinglicher, fast trotziger Stolz, allen Huldigungen gegenüber, erwarben ihr den Namen die »fremde Königin.« Als eine auffallende Seltsamkeit bezeichnete man ihre Abneigung gegen den Tanz. Niemand konnte sie bewegen auf den Bällen einen Fuß zu heben zu irgend einem Walzer oder Galopp. Sie saß dann ruhig und träumerisch auf der Estrade und schaute zu.

»Solche Musik macht mich nicht tanzen, sie schläfert mich ein,« sagte sie einmal.

Eine zweite Eigenthümlichkeit nannte man ihre unbezwingliche Reiselust. In jedem Frühjahr wurde sie nämlich von einer Unruhe und Sehnsucht nach der Ferne befallen, die nicht eher endete als bis sie in den Reisewagen stieg. Man tadelte den Grafen, daß er alljährlich immer wieder diesen kostspieligen Launen nachgab, den größten Theil des Jahres mit seiner Frau auf Reisen zubrachte und Europa nach allen Richtungen hin durchstreifte. Wie ein Kind froh, lachend und strahlend nahm sie allezeit Abschied, und müde und bleich kehrte sie zurück. Allmählich munkelte man deshalb auch, daß der Graf doch vielleicht nicht ganz glücklich sei, und bemerkte mit weisen Mienen, wie es doch wohl nimmer rathsam sein könne sich eine »Curiosität« als sein Weib heimzuführen. Der Graf selbst gab durch sein Wesen durchaus keinen Grund zu dergleichen Bemerkungen, er erschien alle Zeit heiter und angeregt, arrangirte und besuchte Feste wie sonst, begegnete seiner Gemahlin mit der ausgezeichnetsten Aufmerksamkeit, hatte nur Augen für sie, schien es aber doch nicht zu sehen, daß die junge Frau, trotz ihres Lächelns, einer welken Blume glich oder einer an Heimweh Erkrankten. Wie man aber in _Wien_, der unvergleichlichen Kaiserstadt, sich nach irgend etwas zu sehnen vermochte das Draußen lag, das begriff eben Niemand.

War aber Czinka wirklich heimwehkrank? -- Sie wußte es selbst nicht. Sie fühlte nur, daß sie gern sterben würde wenn sie noch einmal den Wald von Zircz über ihrem Haupte rauschen, und Anthony Czermaks Geige dazu hätte spielen hören dürfen. Der böse Anthony -- wo war er nur, und warum war er davon gelaufen? Tagtäglich dachte sie ja an ihn und alljährlich suchte sie ihn mit einer Angst und Hast, die sie krank machte, -- und bis zur Stunde hatte sie noch keine Spur von ihm gefunden. Wie gut doch Graf Alfred war -- er hatte ihn so treulich suchen helfen -- er hatte sein Versprechen gehalten! -- Und wenn sie den Flüchtling endlich wirklich finden würde? Was dann? -- Sie kam nicht weiter mit ihren Gedanken -- sie dachte nur daran, daß er dann alle die wilden köstlichen Melodien spielen und sie -- _tanzen_ dürfe. O, tanzen, nur noch einmal tanzen nach _seiner_ Geige, -- das war die heimliche glühende Sehnsucht ihres Herzens. Wie oft verschloß sie sich in ihrem Schlafzimmer und öffnete einen schmalen unscheinbaren Schrein, der zu Häupten ihres Bettes stand, zog dort zwischen einem Bündel von Kleidern ein Paar kleine rothe Schuhe hervor, und legte sie an. Dann hob sie ihr schleppendes Seidenkleid ein wenig und sah lächelnd wie ein Kind auf ihre Füße, stampfte wohl auch einmal den Boden und stellte sich auf die Spitzen und schwankte, wie eine vom Winde bewegte Blüthe, hin und her. Nach einer Weile zog sie die rothen Schuhe aber langsam wieder aus, drückte sie an die Lippen und schluchzte bitterlich. Dann verschloß sie ihre Kleinodien sorgsam wieder und ihre gewöhnliche stolze Haltung annehmend, verrieth, wenn sie die Thür öffnete, kein Zug ihres Gesichts jene heimlichen Thränen.

Im elften Jahre seiner Ehe, gegen das Frühjahr hin, sah sich der Graf genöthigt, seine Frau auf einige Wochen zu verlassen, um nach Steyermark abzureisen. Auf seinem schönen Besitzthum dort, das ihm der Bruder seiner Mutter hinterlassen, war Feuer ausgebrochen, ein Theil der Wohngebäude zerstört worden, und der Gutsverwalter bat dringend um den Rath und das Erscheinen seines Herrn. Gleich nach des Grafen Rückkunft wollte dann das Paar eine längstbesprochene Reise nach Spanien antreten. Alfred trennte sich schweren Herzens von Czinka, es war ja die erste größere Trennung von ihr, und als er sie an einem kalten trüben Märzmorgen zum Abschied in seinen Armen hielt, lag das Vorgefühl eines ungeheuren Wehs auf seiner Brust.

»Sei heiter, Czinka,« bat er, »zerstreue Dich und schließe Dich nicht ab -- in vier Wochen spätestens bin ich bei Dir und dann, -- Du weißt es ja, _dann suchen wir ihn wieder_! Und dies Mal vielleicht nicht umsonst.«

Sie sah ihn gerührt an: »Wie gut Du bist!« antwortete sie leise, »tausend Mal besser als der Anthony! Gott segne Dich, Alfred. Ich wollte, Du bliebest hier!«

Er küßte sie noch einmal zärtlich, der Wagen fuhr vor, er ging -- sie neigte sich aus dem Fenster und winkte ihm noch einen letzten Gruß nach. Der Wagen rollte dahin. -- Als die Gräfin dann die großen Räume durchschritt, um sich wieder in ihr Boudoir zu begeben, strömte plötzlich das Gefühl der Verlassenheit wie ein Eishauch durch alle ihre Glieder. Sie eilte, angstvoll und erschreckt wie ein Kind das sich im Dunkeln befindet, die Treppen hinauf, warf sich in ihrem reizenden Gemach auf den Divan und weinte bitterlich.

* * * * *

Die einzige Freude und angenehmste Zerstreuung der Gräfin seit längerer Zeit und insbesondere nach der Entfernung des Grafen, war der Besuch des Ballets. Sie zog jene Stunden im Theater der glänzendsten Gesellschaft vor, und an jedem Balletabend stand das elegante Cabriolet der Gräfin vor der Thür des Saldernschen Hauses und man konnte später die schöne Frau, meistens in Weiß gekleidet, welche Farbe sie am Liebsten trug, in Begleitung der Marquise in ihrer Loge erscheinen sehen, aus deren dunkelrothem Hintergrund sich der seltsam fesselnde Kopf wundervoll abhob. Kaum vierzehn Tage nach der Abreise Alfreds war ein neues Ballet angekündigt, und beim Beginn der Vorstellung saß Czinka Saldern einsam in ihrer Loge, mit jenem schweren träumerischen Blick und jener nachlässigen Haltung, die ihre Feindinnen verdammten, die aber ihre Anbeter entzückte. Den Theaterzettel hatte sie spielend zusammengerollt zwischen ihren zierlichen Fingern, sie wußte nicht was er ankündigte, das Lesen war so mühsam! Die Marquise d'Anville hütete heute eines kleinen Unwohlseins halber das Zimmer. Das Theater erschien ungewöhnlich gefüllt. Die Logennachbarin der schönen Frau, die alte Herzogin M., erzählte ihr daß heute eine ausgezeichnete Musikbande spielen werde. Der Vorhang flog auf -- die Gräfin zuckte zusammen. Alles Blut drängte sich nach ihrem Herzen. -- Die Decoration stellte ein Zigeunerlager vor. Das Feuer brannte, Männer und Frauen lagerten im Kreise, spielende Kinder liefen umher, der Mond stand über dem Walde. Da tönte der erste Accord einer fremden Musik -- er übertönte einen schwachen Aufschrei, der sonst wohl großes Aufsehen gemacht haben würde, denn er kam aus dem Munde der schönen gefeierten Gräfin Saldern. -- Das war ja eine wirkliche Zigeunerbande, die da spielte! Czinka glaubte zu träumen. Das war ja jener hüpfende, hinreißende Tact, das waren jene leidenschaftlich zuckenden Syncopen, der unregelmäßige Herzschlag der punktirten Achtel, die wie Blitze niederfahrenden unvorbereiteten Septimen und Nonen, und endlich diese Halte auf der Dominante, gleich wie stockender Athem bei dem Worte: »ich liebe Dich!« -- Sie starrte in wilder Erregung auf die Bühne. Zwölf junge Zigeuner zogen paarweise herein und gruppirten sich malerisch. Aber wer war jener seltsame, schlanke, hochgewachsene Geiger mit der finstern Stirn und den todestraurigen Augen, der jetzt einige Schritte vortrat und ein Geigensolo begann dem das ganze Haus wie von einem Zauber befangen lauschte? -- Niemand wußte es, denn sein Name stand nicht auf dem Zettel. Und doch kannte ihn Eine, Eine nannte heimlich seinen Namen, Eine hing an seinen Zügen mit leuchtenden Augen, -- aber diese Eine allein regte keine Hand als das ganze Haus in Jubel ausbrach als der Geiger geendet. Man war entzückt, fast verwirrt von der seltsamen Schönheit dieses Spiels. Die Wiener hatten noch keinem der berühmtesten Geigenvirtuosen _so_ toll zugejauchzt wie jetzt diesem braunen unbekannten Zigeuner. Endlich als sich der Sturm gelegt, begann das Ballet, die steif geschnürten gezierten Zigeunerdamen des Balletcorps erschienen nämlich, und begannen einen kunstvollen Tanz nach der plötzlich voll losbrechenden Zigeunermusik. -- Da glitt die Gräfin geräuschlos aus der Loge -- da lief sie, in ihren leichten Mantel gewickelt, in den feinen Atlasschuhen pfeilgeschwind durch die Straßen nach Hause, da schlich sie wie eine Diebin die Treppe der Dienerschaft hinauf, in ihr Schlafzimmer, da zog sie jenen geheimnißvollen Schrein hervor, schloß ihn auf, warf ihre Kleider ab in fieberhafter Hast, -- und schlich nach Verlauf von kaum einer Viertelstunde tief vermummt wieder fort, an dem Kammermädchen und dem Portier vorüber, die zu tief in ihrer Unterhaltung begriffen waren, als daß sie jene vorüberhuschende Gestalt bemerken konnten. -- Im Theater war eben der erste Theil des Ballets vorüber, lebhafter Beifall lohnte den erschöpften Ballerinas. Plötzlich verstummte aber der Jubel, denn eine neue Ueberraschung enthüllte sich. -- Durch die Reihen der Tänzerinnen brach sich eine schlanke Frauengestalt Bahn. Sie trug einen kurzen rothen Rock mit seltsamen goldenen Zeichen gestickt, ein eng anschließendes Mieder, kleine rothe Schuhe und silberne Ringe an den Handgelenken. Ihr Haar hing in schweren Flechten herab. Wie schön war sie! Wie fremdartig schön! Und doch meinten Viele dies Antlitz schon einmal gesehen zu haben! Aber wo? -- Sie warf einen Feuerblick auf den Geiger und rief: »=Huzdra Czigány!=« (Spiel auf, Zigeuner!) -- Da fuhr es wie ein Blitzstrahl durch die Gestalt des Mannes, seine Lippen wurden aschfarben, seine Augen traten aus ihren Höhlen, er regte sich nicht -- wie zu Stein erstarrt stand er da. Aber sie trat dicht an ihn heran -- jetzt selber so bleich wie er, -- und sagte mit der Miene einer Königin: »=Huzdra, Anthony Czermak!=« Ihr Blick der nicht von ihm ließ, belebte allmählich die dunkle Statue. Wie im Traume erhob der Zigeuner seine Geige und spielte. Was er spielte -- in Worten ließ sichs nicht fassen, noch mit Worten bezeichnen: wie gewitterschwüle Wolken zog es über die Häupter der Hörer hin, wie ein glühendheißer Sommerabend voll schweren betäubenden Blumendufts und Wetterleuchten. Im weiten Saale regte sich Niemand. Keiner war da der solches Geigenspiel je gehört. Wer konnte sagen, wo die gewaltigste Schönheit: im Ton, in der Bogenführung, in der Composition? -- Und zu diesem hinreißenden Spiel tanzte die fremde Tänzerin wie man noch Keine hatte tanzen sehen. Das war der Tanz wie er zu diesem Spiel gehörte -- oder war das Spiel für diesen Tanz gemacht? -- Die reizende keusche Beweglichkeit der Glieder -- der tolle Jubel und die schmerzliche Lust dieses Tanzes entzückte und erschütterte jedes Herz: -- wie Waldesrauschen zog es durch das Haus, wie Elfenmärchen von der todtbringenden Königin zitterte es durch den Saal -- wie ein Traum lag es auf Aller Augen. -- Die Menge kam erst wieder zur Besinnung als die Zaubergeige längst verstummt war. Das Zigeunerorchester fiel nun rauschend ein. Die Ballettänzerinnen sprangen höher und kunstvoller denn je -- die Gestalten des Vorgeigers aber und seiner Tänzerin waren verschwunden!

* * * * *

Im dem kleinen zierlichen Gartenhause des Saldern'schen Gartens lag Anthony Czermak zu den Füßen Czinka's, eine kleine Lampe brannte auf dem Tische, die Läden der Fenster waren geschlossen. Die Gräfin trug aber nicht mehr jenes Zigeunercostüm, das sie während des tollen Tanzes getragen, sie hatte sich in ein weites dunkles Hauskleid gehüllt und einen Mantel fröstelnd um die Schultern geschlagen. Sie sah sehr bleich und erschöpft aus, und ihre Augen hingen voll leidenschaftlicher Trauer an der Gestalt des Geigers, der vor ihr kniete. Langsam strich sie ihm mit der schlanken Hand das lockige Haar aus der Stirn:

»Du siehst so fremd und wild aus,« sagte sie in weichem Ungarisch träumerisch.

»Sage lieber verloren und untergegangen,« antwortete er düster.

»Daß Du mich verloren ist ja Deine Schuld, -- Du hast es selbst gestanden, Anthony!«

»Ich _konnte_ nicht mehr an Dich glauben als ich Dich an jenem Abend Stirn an Stirn mit _ihm_ sah, -- aber ich wunderte mich, daß ich Euch Beide nicht niederstieß damals.«

»Es wäre vielleicht besser gewesen für uns Alle.«

»Wie Du das traurig sagst -- wie Du traurig blickst, Czinka, und wir haben uns doch wieder gefunden, wir sind doch wieder bei einander, Du wirst mir folgen und alles Leid wird vergessen sein!«

»Ich gehe nicht _heimlich_ von ihm fort, ich wiederhole es Dir -- er ist zu gut! Es würde ihm das Herz brechen!«

»Mag es doch -- hast Du nicht das meinige tausendfach gebrochen?«

»Aber Du hast es so gewollt in blinder Eifersucht und Du hattest einen Trost: _Deine Geige_ -- _er_ hat keinen Trost wenn ich ihn verlasse.«

Er schwieg eine Weile und sah finster zu Boden. Dann fragte er hart:

»Und wann willst Du kommen?«

»Wenn ich ihm Alles gestanden -- wenn er wieder bei mir ist.«

»Laß mich rechnen: -- in etwa vierzehn Tagen wird er zurückkehren. Dann wirst Du in der Stunde des Wiedersehens noch mit ihm reden, hörst Du?« Sie neigte bejahend das Haupt. »Ich erwarte Dich dann hier an dieser Stelle, oder einen Brief von Dir,« fuhr er fort, »der mir die Stunde unserer Vereinigung angiebt. -- Du wirst mich nicht warten lassen Czinka, ich weiß es!«

Er stand auf.

»Ich werde kommen,« flüsterte sie, »ich werde ihm in der ersten Stunde unseres Beisammenseins Alles, Alles sagen, Anthony, und er wird mich freigeben, -- und sollte ich zögern aus Muthlosigkeit oder aus Mitleid, so komm mit Deiner Geige unter mein Fenster und rufe mich, -- Deiner Geige muß ich folgen ohne Wahl. Du bist ein Dämon mit Deinem Spiel! Ich glaube, es risse mich in die Hölle!«

»Ich hätte vielleicht wie die Engel im Himmel geigen gelernt wenn Du bei mir geblieben.«

»Sprich nicht so, Du thust mir weh, sag' mir lieber wer Dich so spielen lehrte?«

»Mein verzweifeltes zertretenes Herz!«

»Armer Anthony!«

»Laß mich -- reiche mir nicht die Hand hin -- das sieht aus wie ein Almosen! Ich will kein Almosen, ich will Dich -- _Dich_ mit Leib und Seele -- geh weg mit Deiner Hand und laß Deinen mitleidsvollen Blick von mir! -- Hier küsse dies Amulet auf meiner Brust, Czinka, -- Du weißt, daß Deine Mutter es mir umgehängt, als sie mich zu Deinem künftigen Schützer bestimmte, und daß Deine berühmte Großmutter, die weise Czinka Panna, es getragen, küsse es, sage ich und schwöre, daß Du kommen willst!«

Sie berührte den aus einem Stein geschnittenen Stern und schwur.

»So leb' denn wohl, Du geliebte Verlorene! Auf Wiedersehen Czinka, auf Wiedersehen, zu einem Leben voll toller Lust!« Er neigte sich, nahm ihr bleiches Antlitz zwischen seine beiden Hände, sah sie mit einem verzehrenden Blicke an und murmelte: »Ich erwarte Dich, Gräfin Czinka Saldern! O, Du bist noch schön genug um die Geliebte Anthony Czermaks zu werden!«

Dann ließ er sie los und ging in die Nacht hinaus.

* * * * *

Zwei Tage später erhielt die Gräfin die entsetzliche Nachricht, daß ihr Gemahl todtkrank in einem kleinen Dorfe an der Grenze von Tyrol daniederliege. Auf der Rückreise begriffen war er mit dem Wagen umgeworfen und schwer verletzt in das Haus des menschenfreundlichen Caplans in B. getragen worden. »Eilen Sie,« schrieb der würdige Geistliche an die Gräfin, »dem Sterbenden den letzten Trost ihrer Gegenwart zu bringen, er nennt Ihren Namen mit dem Ausdruck innigster Sehnsucht.«

Czinka war fast gelähmt vor Schreck und Trauer. Sie ließ sogleich das Nöthigste packen und reiste wenige Stunden nach Ankunft der Schreckensbotschaft in Begleitung ihres Hausarztes nach dem Orte des Unglücks ab. Nach beschwerlicher, unausgesetzter Fahrt von mehreren Tagen, kam sie gegen Abend in dem lieblichen B. an. Sie ließ sich ohne Aufenthalt in's Pfarrhaus führen. Es lag wenige Schritte vom Dorfe entfernt in einem reizenden Garten, und sah aus wie eine Stätte des Friedens, wie ein Zufluchtsort für müde Wanderer. Der schöne Greis, der ihr grüßend auf der Schwelle entgegentrat, erschien ihr wie ein gottgeweihter Bote der Genesung. Sie streckte ihm beide Hände entgegen und brach in Thränen aus, unfähig zu fragen oder seinen Gruß zu erwiedern.

»Er lebt noch,« war sein erstes ernst-mildes Wort.

Erschöpft sank sie nun auf eine kleine Bank im Hausflur und faltete die Hände. Die Schwester des Caplans trat jetzt aus einer Seitenthür, eine freundliche Gestalt mit dem Antlitz einer barmherzigen Schwester, und führte die Fremde in ein kleines zierliches Zimmer.

»Ruhen Sie eine Stunde hier,« bat sie sanft, auf das blendende Bett zeigend, »Sie brauchen Kraft seinen Anblick zu ertragen -- der Odem ist noch in ihm, aber noch ist die Besinnung nicht wiedergekehrt!«

Czinka's Augen füllten sich von Neuem mit heißen Thränen, dann aber warf sie ihre Reiseumhüllungen ab und sagte entschlossen:

»Wie könnte ich ruhen, ohne ihn gesehen zu haben! Ich bitte, führt mich sogleich zu ihm!«

Niemand versuchte sie zurückzuhalten. Mit bebenden Knien trat die junge Frau in das enge halbdunkle Krankenzimmer. Da lag er, der sie in der Fülle der Gesundheit und Kraft verlassen, bleich und regungslos, das Gesicht entstellt und verzerrt von tausend Schmerzen, das Haupt in Tücher geschlagen und den linken gebrochenen Arm in den Schienen des Verbandes. Czinka's Herz bebte vor Schmerz. Sie neigte sich über ihn, sie nannte seinen Namen, -- er regte sich nicht -- nur zuweilen öffnete er müde und schwer die Augen, aber der Blick blieb glanzlos und starr.

»Ich bleibe bei ihm bis zum letzten Athemzuge,« sagte jetzt die Gräfin und sank, im innersten Wesen gebrochen, an dem Lager des Kranken auf einen Schemel.

* * * * *