Part 11
Da sprang die Kleine mit einem Ruf des Zornes auf -- stampfte mit dem Fuße und blitzte den Frevler mit einem Blick an, der den Grafen erschreckte und entzückte. Dann drehte sie ihm langsam fast königlich stolz den Rücken ohne ein Wort zu reden, machte aber auch keine Bewegung die Korallen aufzuheben. -- Allein sie erlaubte ihrem fremden Bewunderer den ganzen Abend an ihrer Seite zu sitzen und mit ihr zu plaudern.
Als der Graf endlich den Heimweg antrat, streifte er an dem kleinen Geiger vorüber, der einsam auf einem umgestürzten Baumstamm saß. Die nackten Füße hatte er über einander geschlagen, den Kopf auf den linken Arm gestützt, seine Geige lag neben ihm im Grase. Sein Gesicht war todtenblaß und der Ausdruck um Lippen und Augen ein so verzweifelter, daß Alfred Saldern erschrak. Unwillkürlich blieb er neben dem Knaben stehen in der Absicht ihn anzureden. Aber wie vor dem plötzlichen Anblick einer giftigen Schlange fuhr Anthony Czermak da empor, raffte seine Geige auf und war in zwei Sprüngen verschwunden.
Wenige Tage später sah man nicht nur zwei herrliche Korallenbänder an den Armen Czinka's, sondern sie trug auch eine Korallenkette um ihren Hals. An demselben Abend als Alfred Saldern sie der kleinen Zigeunerin in den Schoß warf, tanzte sie freiwillig vor dem Grafen. Aber Anthony Czermak spielte nicht mit, wie damals. Er warf seine Geige gleich nach den ersten Tacten zu Boden und lief in den Wald.
Ungarische Zigeunermusik! Wer sie je einmal hörte in ihrer melancholischen Wildheit, in ihrer hinreißenden Gluth, ihrem fremdartigen Reiz und wunderbaren Rhythmus, der vergißt sie so wenig wie man eine Masurka, oder einen jener zauberischen traurigen Walzer des Chopin vergißt, wo die Lust mit dem Leid zum Tanz antritt. -- Beide Musikarten rufen ähnliche Empfindungen hervor: unsagbare Traurigkeit, die sich gleich darauf in rasende Lust verwandeln möchte, Wohlgefühl wie es den Gefangenen beim Anblick einer Schwalbe durchbebt, und zitternde Seligkeit wie beim Hauche des Wortes: »Ich liebe Dich!« Diese häufigen Synkopen, punktirten Achtel, entgegengesetzten rhythmischen Bewegungen reißen uns in einen Wirbel von Leidenschaft hinein, und die harmonischen kecken Licenzen in Bezug auf Octav und Quintenfortschreitungen, die unvorbereitete Anwendung von Septimen und Nonenaccorden, die seltsamen Halte und Figurirungen auf der Dominante, wirken fast wie der Genuß des Champagners in toller Gesellschaft, wenn wir eben für immer von der Geliebten Abschied genommen. --
Alfred Saldern fühlte sich von einem Taumel befangen, seit er unter und mit diesem seltsamen Völkchen der Zigeuner lebte, gegen dessen täglich wachsende Macht er sich so vergebens wehrte, wie ein des Schwimmens Unkundiger gegen die Gewalt der Wellen. Ein neuer Tag ging allmählich vor den Augen seiner Seele auf und die Sonne dieses Tages hieß: Czinka.
Czinka's fremdartige Schönheit, ihr schillerndes seltsames, halb scheues, halb zuthunliches Wesen bestrickte ihn täglich mehr. Sie verkehrte fast mit ihm wie eine junge Schwester mit einem ältern Bruder verkehrt, dessen Liebe sie verwöhnt, indem sie allen Launen nachgab. Sein Herz fühlte sich von einem Feuer ergriffen das ihn mehr entzückte als marterte, und seine Seele träumte am Tage davon wie es doch eigentlich das Beste und Kurzweiligste sei, eine Zeit lang Zigeuner zu werden, und mit dieser kecken Bande schöner Frauen und fröhlicher Männer, frei und ungebunden in der schönen Gotteswelt umherzuziehen. In den Nächten träumte er aber noch viel seltsamere Dinge, an die er mit wachen Augen kaum zu denken wagte: er sah sich selbst nämlich wieder in Wien in seinem eleganten Hause. -- Seine Blumen dufteten ihm entgegen, der Speisesaal war mit Guirlanden geschmückt, auf der gedeckten Tafel schimmerten kostbare Geräthe, -- aber es brannten keine Kerzen, wie sonst bei den glänzenden Festen im Saldern'schen Hause, -- die Vorhänge waren nicht geschlossen, die Sonnenstrahlen hielten ungehindert Musterung über die Schaar der versammelten Gäste. Und oben an der Tafel saß der Festgeber -- und ihm zur Seite -- -- sein Weib: -- die lebendig gewordene fremde, leuchtende Purpurblüthe des =Cactus speciosissimus=, _Czinka_, die reizende Zigeunerin.
* * * * *
Das ungewöhnliche Musiktalent des wunderlichen Anthony Czermak erregte selbst die Aufmerksamkeit des vielbeschäftigten Grafen. Unwillkürlich mußte er lauschen, sogar mitten im Gespräch mit dem jungen Mädchen, wenn der Knabe, was jetzt öfter geschah, auf seiner Geige seine phantastischen Stücke vortrug. Die übrigen Musikanten ruhten dann aus, die Frauen zogen die spielenden Kinder auf ihre Knie, die Männer lagerten sich im Kreise, und so schwebte der großartige Ton seiner Geige wie ein Vogel über alle Häupter dahin. Aber es war dieser Ton keine fröhlich himmelan steigende Lerche, sondern eine Nachtigall, die ihr Lied in die dunklen Gebüsche trägt, oder ein sterbender Schwan, der seine Todesseufzer mit dem Gemurmel der Wellen mischt. Einmal, bei einer besonders elegischen Melodie, welche unter allerlei selbstgeschaffenen wilden Verzierungen und Wendungen immer wieder, wie ein blasser Mond durch zerrissene Gewitterwolken, auftauchte, bemerkte Alfred Saldern eine besondere Traurigkeit auf den Gesichtern aller Hörer. Er selbst neigte sich seltsam bewegt zu der schönen Czinka und fragte sie um die Bedeutung jener Melodie.
»Das ist die =siralmas nota= -- die weinende Melodie« sagte sie ernst, »die uralte Klage der Zigeuner um ihr verlorenes Reich.« Und als Anthony geendet rief sie ihm zu: »spiele jetzt die Rakoczy Nota!« Der Ton ihrer Stimme war zwar herrisch, aber ihre Augen baten.
Der junge Geiger streifte das junge Mädchen einen Moment mit einem halb wilden, halb zärtlichen Blick, dann ließ er ein rührendes Adagio, dem ein feuriges Allegro folgte, über die Saiten seiner Geige ziehen. Als er nun geendet, kam er zu Czinka, neigte sich zu ihr und fragte:
»Wirst Du nun auch wieder einmal mit mir singen?«
Sie schlug die Augen nieder und nickte kaum merklich mit dem Kopfe. Da flog ein Lächeln über sein dunkles Gesicht wie ein Sonnenstrahl über die braune Haide. Und nach einem köstlichen Ritornell fiel Czinka mit ihrer schwachen, aber süßen Stimme ein und sang mit der Geige um die Wette ein wehmüthiges Lied im Vierachteltact in sehr langsamem Tempo. Fremd und ergreifend war der Accent der leichten Tacttheile des zweiten und vierten Achtels, den der Geiger mit voller Gewalt unterstützte. Die Textesworte verstand der Graf nicht, die leidenschaftliche klagende Melodie traf aber mächtig sein Herz.
»Wie heißt das Lied?« fragte er am Schlusse die Sängerin.
»Ich will versuchen es Euch zu übersetzen,« antwortete Czinka. »Es ist meine Lieblingsnota, die Worte und die Melodie hat Anthony gemacht:
»O meine müden Füße, ihr müßt tanzen In bunten Schuhen Und möchtet lieber tief Im Boden ruhen.
»O meine armen Augen, ihr müßt blitzen Im Strahl der Kerzen Und möchtet im Dunkel lieber Schlafen von euren Schmerzen.«
»Was kann ich Euch schenken?« fragte der Graf an diesem Abende freundlich den jungen Geiger. »Bis zur Stunde haben sie Alle von mir irgend eine kleine Gabe angenommen, nur Ihr allein nicht! Meint Ihr, es sei mir entgangen, wie Ihr die silberne Kette, die ich Euch durch Czinka überreichen ließ, zerrissen und von Euch weggeschleudert? Erlaubt mir doch endlich Euch zu zeigen wie wohl mir Euer Spiel gefällt!«
»Nun, so schenkt mir den kleinen Dolch, den Ihr immer mit Euch führt!« antwortete Anthony nach kurzem Besinnen.
Alfred zog die zierliche Waffe aus ihrem Futterale und überreichte sie nach kurzem Zaudern dem Geiger. »Laßt uns nun auch Freunde sein,« sagte er.
Die Augen des Knaben blitzten. Er prüfte die feine Klinge und musterte mit Wohlgefallen den zierlich ausgelegten Griff. Dann schob er die Waffe in die lederne Scheide und verbarg sie an seiner Brust. Mit heiterem Lächeln dankte er nun dem Grafen und war von Stund an minder scheu und fremd zu ihm, aber wahrhaft zutraulich wurde er dennoch keinen Augenblick, so viele Mühe sich auch Alfred Saldern gab seine Zuneigung zu erwerben.
* * * * *
Tage und Wochen vergingen -- das Leben des Grafen glich einem phantastischen Märchen, und er verspürte zuweilen den Drang sich an Nase und Ohren zu zupfen, um zu erproben ob er wirklich wache. -- Jene nächtlichen Träume, in denen er die schöne Czinka in seinem eleganten Hause in Wien sah, träumte er jetzt auch sogar am Tage: immer unabweisbarer tauchte der Gedanke in ihm auf, dies köstlich frische Kind als sein Weib heimzuführen. Zerflossen waren alle Bedenken, verstummt die widerstreitenden Stimmen in seiner Brust; die Stimme der Liebe hatte sie alle zur Ruhe gebracht. Das leidenschaftliche Verlangen nach dem Besitze eines Etwas das er _nicht_, wie sonst Alles was ihm gefiel, durch die Macht seines Reichthums zu erkaufen vermochte, entzückte ihn, -- er schwelgte in diesem neuen Gefühl und empfand zu Zeiten kaum die Sehnsucht sich durch ein entscheidendes Wort aus diesem, für ihn so neuen, köstlichen Zustand zu erlösen. Ob Czinka seine Empfindungen ahnte? Er wagte es nicht zu hoffen. Sie war und blieb unbefangen gegen ihn wie ein Kind. Seine Geschenke hatte sie mit harmloser Mädchenfreude entgegengenommen, seinen Erzählungen von der großen Kaiserstadt, von seinem Palaste, von den Genüssen des Reichthums mit glühenden Wangen und leuchtenden Blicken gelauscht, wenn aber Anthony Czermak seine Geige stimmte, schnellte sie doch empor, wurde zerstreut und unachtsam, und spielte er in seiner kecken wilden Manier gar den ersten Tact irgend eines Tanzes, so hatte Alfred das Gefühl als ob diese Töne Czinka von einem offenen Grabe, worin man ihr Liebstes so eben versenkt, wegzulocken vermöchten. Fast mit einem Schauer sah er zu, wie sie dann auf und dahin flog: ihr Busen wogte, ihre Füße berührten kaum den Boden, ihre Augen lachten und die leichte Gestalt schwebte dahin, als sei eben die Bewegung des Tanzes ihr einziges Element. Ließ sie endlich mit dem letzten Strich der Geige des braunen Knaben die Arme sinken und warf sich in's Gras, halberschöpft, halb selig von der eben genossenen Lust, da hätte der Graf sein Leben und seine Habe ihr zu Füßen werfen mögen und doch war es ihm, als könne er dreister der stolzesten Herzogin in Wien einen Heirathsantrag machen, als zu dieser kleinen Zigeunerin von Liebe reden.
Eines Tages jedoch, der Abend dunkelte bereits, saß er mit ihr auf einem kleinen freien Platze unfern des Lagers unter einer großen Eiche. Die Musikbande war schon am Morgen fortgezogen, um zu dem Hochzeitfeste eines reichen Bauern aufzuspielen, mehrere der Männer und Frauen hatten sie begleitet. Es war still im Zigeunerlager. Das Feuer schimmerte durch die Büsche, das Lärmen und Lachen der spielenden Kinder drang gedämpft herüber. Czinka war ungewöhnlich ernst. Alfred Saldern saß stumm an ihrer Seite. Als die Sonne sank, brach das junge Mädchen plötzlich in Thränen aus und sagte:
»Um diese Stunde, heute vor fünf Jahren, starb meine Mutter und ließ mich allein. Den Vater habe ich nie gekannt, der starb ehe ich geboren war!« Nach diesen Worten küßte sie ein kleines Kreuz, das sie am Halse trug. »Ich möchte so gern wieder einmal in meiner Kirche beten,« fuhr sie dann gedankenvoll fort, »nehmt mich doch einmal mit nach Zircz! Die Andern lassen mich nicht allein fort und sind keine guten Katholiken! -- Wenn die Mutter noch lebte, wäre ich auch wohl nicht mehr hier unter ihnen! Wir wollten damals nach Raab ziehen oder vielleicht gar in's österreichische Land mit dem Anthony, damit er tüchtig Geige spielen lerne und ein großer Musikant werde. Armer Anthony!«
»Beklagt ihn nicht, Czinka, für ihn ließe sich noch Hülfe finden -- noch ist es Zeit, ich will ihn mit nach Wien nehmen, wir haben dort hochberühmte Meister bei denen er Tüchtiges lernen könnte.«
Sie fuhr empor mit leuchtenden Augen. »O wie gut Ihr seid!« rief sie freudig und faßte seine Hände. »Wollt Ihr das wirklich? -- Dann ginge ja die böse Weissagung der Czinka Panna, meiner Großmutter, nimmermehr in Erfüllung! -- Habt Ihr niemals von jener vielgefeierten Zigeunerin und Quartettspielerin reden hören? Nun seht, sie starb an dem Tage meiner Geburt. Aber man brachte mich an ihr Bette und da legte sie ihre kalten Hände auf mein Haupt und murmelte: »Armes Kind! Du wirst leben müssen ohne die berauschende Musik unseres Volkes und wenn eines Tages der größte Geiger unsers Stammes die =siralmas nota= vor Dir spielt, wird es -- in Deiner Todesstunde sein!« Wenn nun aber der Anthony Czermak wirklich ein _großer Geiger_ wird, so werde ich ihn alle Tage spielen hören, denn er wird mir oft genug die =siralmas nota= geigen wenn ich erst seine Frau bin.«
»Ihr des Anthony Frau?«
»Ja, so wollte es die Mutter, um die Prophezeiung der Großmutter zu nichte zu machen. Sie liebte den Anthony, der auch schon längst keine Eltern mehr hat, und Anthony liebt mich sehr!«
»Und Ihr, Czinka -- Ihr selbst -- redet doch -- möchtet _Ihr_ denn solch eines wandernden Zigeuners Weib werden?«
Sie sah ihn erstaunt an, des leidenschaftlichen Tones wegen, in dem er geredet. Er war so bleich geworden daß sie erschrak und eine Bewegung machte sich zu erheben. Mit Heftigkeit aber schlang er seinen Arm um ihren schlanken Leib, zog sie zu sich nieder und rief:
»Nicht eher weicht Ihr, Czinka, als bis ich Euch Alles gesagt!« Und als sie bebend es geschehen ließ daß er ihren Kopf an seine Brust lehnte, da redete er mit leisen glühenden Worten von seiner unbesiegbaren Liebe zu ihr, zu der wilden Rose, die da so dicht an seinem Herzen blühte und strahlte. Was er ihr sagte und versprach -- sein Kopf wußte nichts davon, sein Herz allein redete. -- Lange währte es auch nicht -- dann kam die Endfrage, die er aber mit fester, fast feierlicher Stimme aussprach: »Czinka, wollt Ihr mein Weib werden und mir in meine Heimath folgen?«
Er schwieg wie von einer schweren Last befreit, und lehnte mit dem Ausdruck der Erschöpfung seinen Kopf an den Stamm des Baumes, dessen Zweige sie Beide beschattete.
Da richtete sie sich langsam aus seinen Armen auf, sah ihn traurig an und antwortete mit langsamem Kopfschütteln nur das eine Wort: »Nein!« aber so ruhig, so unabweisbar, daß er fühlte, wie keine Bitten und Klagen diesen Laut in ein »Ja« zu verwandeln vermöchten. -- Ein unendlicher Schmerz zog durch seine Seele. Schweigend senkte er die Stirn. -- Was kümmerte es ihn zu wissen, was sie zu diesem »Nein« getrieben? Wozu noch ein Auseinanderreißen der Wunde, die er empfangen? Er sah sie noch einmal an, wie sie in ihrer sinnverwirrenden fremdartigen Schönheit vor ihm saß, die Fleisch gewordene Blüthe des =Cactus speciosissimus= -- dann riß er ihre Hände an seine Lippen und sagte einfach:
»Lebt wohl, Czinka!«
Da neigte sie ihr liebliches Haupt herab und küßte ihn leicht wie ein Hauch auf die Stirn. »Lebt wohl!« flüsterte auch sie. Aber plötzlich fuhr sie empor und wurde todtenbleich. »Hörtet Ihr nicht einen Seufzer, wie das Todesächzen eines getroffenen Rehs?« fragte sie leise und ängstlich.
Er schüttelte den Kopf und stand auf. Wirre Töne, Rufen und Lachen, klangen vom Lager her.
»Sie sind wiedergekommen!« sagte Czinka tiefaufseufzend. »Anthony sucht mich gewiß!« Dann legte sie ihre Hand auf den Arm Alfreds und flüsterte: »Jetzt weiß ich, daß ihr den Anthony _nicht_ mit nach Wien nehmen könnt, -- aber ich danke Euch doch daß Ihr es gewollt! Vergeßt mich und ihn, ich bitte Euch!«
Sie verschwand im Gebüsch. Er blieb noch einen Augenblick in tiefen Gedanken stehen, dann schlug er einen Seitenweg ein, der ihn zu seinem Wagen leitete.
In Zircz angekommen, befahl er seine Sachen sogleich zu packen und fuhr in derselben Nacht noch nach Raab. Dort blieb er einige Tage, trieb sich ruhelos umher und schwankte stündlich zwischen Abreisen und Bleiben. Die Festungsmauern beengten ihn, die düstern Straßen erhöhten seine Schwermuth, nur in dem Stadtviertel der Juden und Zigeuner, und in dem herrlichen alten Dom athmete er auf. Stunden lang konnte er in den schlechten Schenken sitzen und die Gestalten der ungarischen Zigeuner anstarren, die dort zechten, scherzten und ihr wildes Wesen trieben. Nur wenn irgend Einer der Bande seine Geige stimmte, üppige Frauengestalten aus den Winkeln auftauchten und der Wirth die Bänke zusammenrückte, um die niedere schmale Stube in einen Tanzsaal zu verwandeln, floh er, aber die tolle Musik, das Jauchzen und Stampfen folgte ihm bis an das Portal des ernsten Gotteshauses, allwo erst der böse Spuk wich. Wie viele Tage er in Raab verträumt -- er hatte sie nicht gezählt -- eines Abends aber stand Alfred Saldern an dem Fenster des Gasthauses mit dem festen Entschlusse, am nächsten Morgen nach Wien abzureisen. Der Regen schlug an die Scheiben, der Wind heulte, im Hofe irrten Laternen umher, -- auf den Straßen war es stille, -- auf Flur und Treppen nicht minder, obgleich es noch früh am Abend war. Die Lampe brannte düster auf dem Tische, gespenstische Schatten zuckten an den Wänden auf und nieder. Ein unsagbares Heimweh überkam den Verlassenen -- aber kein Heimweh nach seinem in all seiner Pracht doch öden Hause in Wien, oder nach den Gestalten der Genossen seiner rauschenden Freuden, nein, eine verzehrende Sehnsucht nach der längst gestorbenen Mutter, nach der längst begrabenen Schwester, -- ja nach dem kaum gekannten Vater, und in tiefer Wehmuth legte er seine Stirn in die Hände und fühlte Thränen -- seltene Gäste -- in seinen Augen. Da klopfte es rasch an die Stubenthür, sein Diener trat ein und meldete einen Knaben, der nach ihm gefragt. Zerstreut winkte der Graf ihn einzulassen. Er blickte kaum auf, in seine Erinnerungen versenkt, als die schlanke Gestalt eintrat -- er zuckte erst mit einem Schrei empor als eine kleine Hand, deren Pulsschlag ihn sympathisch berührte, die seine erfaßte. Hastig wandte er sich nun und erkannte, trotz der entstellenden Tracht, trotz des verschnittenen Haars -- Czinka, das geliebteste Geschöpf der Erde. Mit einem Laut des Entzückens riß er sie an seine Brust, er sah nicht wie bleich sie war und wie sie zitterte.
»Hier bin ich,« sagte sie mit leidenschaftlichem Trotze, »ich will Dein Weib werden -- vergiß, daß ich Dir einst »nein« gesagt, aber Eins mußt Du mir zuvor versprechen: Du mußt ihn mir suchen helfen, den Anthony. Er ist in derselben Nacht da Du uns verlassen, mit seiner Geige entflohen, hinaus in die weite Welt! Niemand wird und kann mir suchen helfen als Du, Du allein! _Und wir werden ihn finden_ -- nicht wahr?«
* * * * *
Der Namenstag des Grafen Alfred rückte heran und noch wußte Niemand, wo der wunderliche Flüchtling sich umhertrieb. Manche glaubten ihn auf seinem schönen Gute in der Steyermark, Andere in Italien, wieder Andere wollten gehört haben, daß er sich am Rhein niedergelassen, und Alle bedauerten den Ausfall des sonst allezeit so glanzvollen Festes, als plötzlich die Einladungen für diesen Tag in gewohnter Weise ergingen, die fast ein Jahr lang verschlossenen Fenster und Thore des Saldern'schen Palastes sich öffneten, und bald in ihrem sonstigen Schmuck an Blumen und kostbaren Umhängen wiederum strahlten. Neugierige Freunde eilten herbei, aber der alte Haushofmeister wies einen Jeden ab mit der ruhigen Bemerkung, sein Herr sei noch bis zur Stunde nicht zurückgekehrt. Mit welcher Spannung man endlich am bestimmten Tage die prächtigen Raume des Festgebers betrat, läßt sich denken.
»Ob er wohl jenes Versprechen halten wird, das er vor einem Jahre der Versammlung gegeben, ob er sich verlobte auf seiner langen Reise, oder ob er irgend einer der geladenen Schönen öffentlich Herz und Hand anzubieten gedenkt?« diese Fragen beschäftigten die meisten der Gäste. Treppen, Flur und Vorzimmer waren ungewöhnlich glänzend decorirt, aber im Empfangzimmer wurden Viele unangenehm überrascht: _Tageshelle_ statt des gewohnten Kerzenlichts strömte ihnen entgegen; doch verschwand diese kleine fatale Empfindung bald bei dem überaus liebenswürdigen Empfang des Grafen, der dies Mal seine Gäste mit dem Ausdrucke wahrer Freude begrüßte, und jedem Einzelnen zu verstehen zu geben sich sichtlich mühte, wie sehr angenehm ihm gerade seine Erscheinung sei. Jeder und Jede sagte sich: »so freundlich lächelte er noch nie, so verbindliche Worte hörte ich noch nie von ihm!« Die Stimmung der Versammlung war deshalb sofort eine heitere, trotz aller Spannung. Als der Speisesaal geöffnet wurde, der auch im vollsten Tagesglanze strahlte, bewunderte man die geschmackvoll aufgehäufte Pracht der Geräthe und seltenen Blumen. Der Hausherr führte seine Tante zur Tafel, die alte Marquise d'Anville, die aber dies Mal ihre starre Miene abgelegt und mit schlauem Lächeln um sich schaute; ihm zur Rechten saß die schöne Gräfin Delphine -- der Platz auf seiner linken Seite blieb ganz frei -- ein leerer rother Sammetsessel stand dort und statt des Couverts erblickte man eine silberne Vase von herrlicher Arbeit, aus der ein selten schönes Exemplar des =Cactus speciosissimus= seine feurigen Blüthen durch den Saal leuchten ließ. Das Diner war glänzend, doch wollte die Unterhaltung, trotz der Lebhaftigkeit des Wirthes und der ungewöhnlichen Redseligkeit der alten Marquise, nicht recht in Fluß kommen, sie stockte öfter als der gute Ton es erlaubt, die Erwartung und Ungeduld der Gäste wuchs zusehends, man flüsterte unverhohlen mit einander, die Blicke der Männer wurden immer zerstreuter, das Lächeln der Frauen immer gezwungener. Endlich wurde das Desert aufgetragen, der feurige Cliquot löste die Zungen, der erste Toast auf den Hausherrn flog durch den Saal. Da erhob der Graf dankend sein Glas, ließ seine stolzen blauen Augen heiter über die Versammlung wandern, und sagte mit heller Stimme:
»Ich kam nur zurück von meiner Reise um meinen liebenswürdigen Gästen ein Versprechen zu halten, das ich Ihnen vor einem Jahre an eben dieser Stelle gegeben. Darf ich also bitten die Gläser auf das Wohl meiner _Hausfrau_ zu füllen?« Stürmischer Beifallsruf war die Antwort. Als der Jubel verhallt, verlangte man einstimmig die schöne Wirthin zu sehen. »Dieser leere Sessel ist für die Königin dieses Hauses bestimmt, wie Sie Alle wohl schon längst vermuthet, ich hoffe, sie weigert sich nicht ihn einzunehmen!« sagte nun Alfred und erhob sich.