Neue Novellen

Part 10

Chapter 103,614 wordsPublic domain

In der nächsten Woche hatte man nach langer Dürre wieder einmal einen recht pikanten Unterhaltungsstoff in den Salons von F. Die kleine Blumenmalerin war gestorben, an einem schleichenden Fieber, und hatte sich in einem wunderlichen altmodischen hellblauen Seidenkleide begraben lassen. -- Ihrem Sarge folgte der katholische Priester, der tieftrauernde Albano, -- und die Wagen vieler Vornehmen. Ihre nachgelassenen Bilder übergab eine alte würdige Frau, die schon seit längerer Zeit bei der Verstorbenen gewohnt, und die man im Hause unter dem Namen »Jungfer Marianne« kannte, dem berühmten Maler im Auftrage der Heimgegangenen. Albano ließ ein kostbares Marmorkreuz an dem Grabe aufstellen, auf dem mit goldenen Lettern nur zu lesen war:

_Elisabeth._

Man zerbrach sich die Köpfe über den Zusammenhang des Ganzen. -- Es war nur leider Niemand da den man ausfragen konnte; Albano reiste am Tage der Kreuzaufstellung nach Italien, ohne von Jemand Abschied zu nehmen, und ließ nie wieder von sich hören. --

Die alte Marianne fand eine neue Heimath in dem Hause des neuen protestantischen Pastors in M. Er kam selbst, um sie von F. abzuholen. Sie sollte ihm den Haushalt führen, da er unverheirathet war und blieb. Sein Name war Gottfried Berger.

Mit seinem neuen Kollegen in N., denn Elisabeths alter Freund ruhte ja längst schon aus von seiner Arbeit in der kühlen Erde, verkehrte er auf das Freundlichste. -- Gottfrieds Lieblingsplatz blieb jene Stelle an der Mauer des Gartens, wo man auf die grünen Gräber des Friedhofes schaute, und zu seiner Grabschrift hatte er sich den Spruch bestellt: »Wer viel liebet, dem wird viel vergeben werden.«

Czinka.

(1859.)

»=Huzdra Cziganny!=« »Spiel auf, Zigeuner!«

In Wien, der schönen glänzenden Kaiserstadt, lebte vor etwa sechszig Jahren ein junger eleganter Cavalier, der sich durch seinen Reichthum und seine Unabhängigkeit (Eltern und Geschwister waren ihm gestorben) mit leichter Mühe, ohne sonderliches Zuthun gar viele Freunde und Freundinnen erworben. Sie ermüdeten nicht ihm immer und immer zu wiederholen, daß er ohne alle Frage nicht nur der liebenswürdigste Wirth, der angenehmste Gesellschafter, der kühnste Reiter und beste Tänzer, sondern auch der geistvollste und eleganteste Cavalier zehn Meilen in der Runde sei, und seltsamer Weise hörte Graf Alfred diese Versicherungen, so oft sie ihm auch zu Ohren kamen, mit demselben Vergnügen an. Er glaubte seinen Freunden auf's Wort, und mit solcher festen Ueberzeugung der Wahrheit ihrer Behauptungen ließ sichs ganz angenehm leben. Der allgemeine Liebling war daher stets heiterer Laune, hielt offene Tafel, gab reizende kleine Feste und half, wo man ihn um Hülfe ansprach. Die Gesellschaften, die er in seinem mit vollendetem Geschmack eingerichteten Hause veranstaltete, wurden von den vornehmsten Frauen besucht, da eine alte Tante des Grafen, die verwitwete Marquise d'Anville, bei solchen Gelegenheiten die Honneurs auf die feinste Weise zu machen pflegte. Freilich munkelte man auch von manchen andern üppigern Gelagen, bei denen keine Marquise präsidirte, bei denen man aber dennoch nicht minder schöne Gestalten, nicht minder werthvolle Diamanten und Spitzen zu bewundern fand als bei jenen Soupers und Bällen der vornehmen Aristokratie.

Trotz diesen Extravaganzen war der junge Graf durchaus kein Roué, er lebte eigentlich nur _äußerlich_ wie ein vornehmer Cavalier. In seinem Herzen achtete er die Frauen hoch, denn eine engelgleiche Mutter hatte seine Kindheit gehütet und eine zärtlich geliebte, früh verklärte, Zwillingsschwester stand noch wie eine Heilige vor den Augen seiner Seele. Im Grunde war ihm, wie er seinen vertrauten Freunden gestand, der Frauenumgang zu unbequem, er liebte ein lustiges Zechgelage unter Männern weit mehr als jene fantastisch-wilden »gemischten« Feste und die reizendsten Frauen vermochten ihn kaum eine flüchtige Stunde zu fesseln. Wunderliche Geräthschaften verschollener Zeiten, alte Waffen und seltene Blumen interessirten ihn mehr als menschliche Gestalten, eine Eigenthümlichkeit, die er von seinem Vater geerbt, und er reiste viel eher Stunden weit, um eine alte ausgegrabene Vase zu sehen, als daß er um einer hübschen Frau Willen einen Weg von wenigen Minuten gemacht hätte. Tropische Gewächse, und vorzüglich die so mannigfach und seltsam geformten Cacteen waren es denen er eine besondere Zärtlichkeit widmete, seine Wohnzimmer glichen Treibhäusern, und je wunderlicher die Form der Pflanze, je brennender die Farbe der Blüthen, desto leidenschaftlicher liebte er sie.

Seine Freunde baten ihn im Scherze oft inständig sich nicht dermaleinst mit einer Blumenfee zu verheirathen, und Diners und Soupers von Sonnenstaub und Thautropfen zu veranstalten, und warnten ihn ganz besonders dringend vor der gluthäugigen Purpurblüthe des =Cactus speciosissimus=, welches seltsame Gewächs sein bevorzugter Liebling war. Er pflegte darauf heiter lachend zu antworten, daß er jedenfalls dermaleinst nur eine Frau heimzuführen gedenke, deren Blick ihn an jene geliebte Blume erinnere.

Daß sich der Graf Alfred bis zu seinem neunundzwanzigsten Jahre nicht verheirathete, fand Jeder, wenn auch vielleicht nicht _Jede_, cavaliermäßig, als man aber seinen dreißigsten Namenstag mit einem lucullischen Mahle feierte, wagten sich schon einige schüchterne Trinksprüche hervor mit deutlichen Anspielungen auf eine junge reizende Hausfrau. Sie veranlaßten manches Erröthen, manchen schmachtenden Augenaufschlag, manches kokette Fächerspiel. Diese Mahnungen wurden mit jedem Jahre lauter und dringlicher, und glichen bei der Feier der dreiunddreißigjährigen Wiederkehr des ominösen Tages fast einer Bestürmung. Da erhob sich endlich der Graf und erklärte, daß er noch in diesem Jahre sein Möglichstes zu thun bereit sei, um den Wunsch seiner Gäste zu erfüllen. Er versicherte feierlich daß er Alles aufbieten werde den Speisezettel des künftigen Festdiners mit einem neuen Gerichte, freilich nur einem Schaugerichte zu vermehren: mit einer schönen Wirthin nämlich.

Unter der anwesenden unverheiratheten Damenwelt brachte diese, einem Versprechen gleiche, Erklärung eine nicht geringe Aufregung hervor und Jede sah sich schon im Geiste dort oben an jenem Ende der Tafel, geschmückt mit Brillanten und Blumen, in weißem schimmerndem Atlas, eingerahmt von hohen silbernen Vasen, bestrahlt vom Lichterglanz des vielarmigen Kronenleuchters. Graf Alfred hielt nämlich alle seine Diners auch zur Frühlingszeit, wie eben jetzt, bei Kerzenlicht.

Es war dies eigentlich ebensowohl eine Beleidigung als eine Galanterie, dem schönen Geschlecht gegenüber. Er behauptete, daß keine vornehme Dame über sechszehn Jahre hinaus, keine Aristokratin der Kaiserstadt wenigstens, die Beleuchtung durch Sonnenstrahlen zu ertragen vermöchte ohne bedenkliche Beeinträchtigung ihrer Reize, und er liebte nun einmal, wie bei den Blumen, vor Allem die Frische in der Erscheinung einer Frau. Keine der Damen seiner Bekanntschaft konnte sich übrigens einer besondern Bevorzugung von ihm rühmen, er war leider liebenswürdig und aufmerksam gegen Jede. Er vergaß keinen Namenstag seiner zahlreichen Freundinnen und knauserte nie mit den Blumen seiner Treibhäuser und seines Gartens. Hatte er auf einem Balle mit der blonden Comtesse Delphine zwei Mal getanzt (die seit ihrer Bekanntschaft mit ihm sehr oft rothe Blumen und rothe Schleifen trug), und dagegen das stolze Freifräulein Melanie zu Tische geführt, so bat er bei der nächsten Gelegenheit sicher die hübsche Comtesse um den »beneidenswerthen« Platz an ihrer Seite, und ließ sich beim Tanze von den Augen der dunkellockigen Melanie heldenmüthig verbrennen. Kein Kaufmann konnte gewissenhafter seine Waare seinen verschiedenen Kunden zuertheilen und abwiegen, als Graf Alfred seine Aufmerksamkeiten, und selbst seine genauesten Freunde hatten keine auf irgend eine derartige Bevorzugung gegründete Vermuthung, welche Erscheinung aus der Reihe der aristokratischen Schönheiten den Platz als Wirthin beim nächsten Diner einnehmen dürfte.

Schon kurze Zeit nach diesem Feste schien jedoch Graf Alfred sein öffentlich gegebenes Versprechen ernstlich zu bereuen, er zeigte sich unruhig, ungleich in seiner Stimmung, verlor seine gute Laune, vernachlässigte seine Blumen, wurde bleich und einsiedlerisch und die Aerzte, so wie seine erschreckten Freunde, riethen ihm dringend und einstimmig zu reisen. Gar mancher bot sich ihm sogar in rührender Opferwilligkeit zum Reisegefährten an, was jedoch der Graf dankend ablehnte. Niemand wußte, ob er wirklich den Rath, den man ihm ertheilt, befolgen werde -- als eines Tages die Fenster seines Hauses sich mit grauer Leinwand verhangen zeigten und Abschiedskarten mit der zierlichen Krone und dem Namen »Alfred Graf Saldern« sich in schönen weißen Händen befanden und eben so schöne Augen nachdenklich das bedeutungsvolle »=p. p. c.=« betrachteten. -- Der elegante Cavalier war entflohen. Der sonst so glänzend geschmückte Portier stand in einem unscheinbaren Rocke gähnend in der Thür, der Gärtner lief mit Blumentöpfen aus den Zimmern in das Treibhaus, im Hofe klopften Diener langsam und pfeifend Teppiche aus, die Orangerie des Balcons war verschwunden -- es blieb kein Zweifel: Graf Saldern war abgereist -- aber _wohin_ wußte Niemand.

* * * * *

Ein warmer Junitag neigte sich seinem Ende zu als der bequeme Reisewagen des Grafen Alfred durch den vielgerühmten Bakonyer Wald rollte in der Richtung nach Raab. Die Sonne blitzte noch durch die Zweige der Bäume und huschte über das Moos, Kräuter und Gräser dufteten, Vögel zwitscherten ihr Abendlied, Bienen taumelten schwer beladen durch die Luft -- aufgescheuchtes Wild lief über den Weg, blieb wohl auch in geringer Entfernung keck zwischen den Gebüschen stehen und schaute mit großen glänzenden Augen herüber, -- man hörte die Räder des Wagens kaum im tiefen Moose rollen. Der Kutscher hielt die Zügel lässig, der Diener nickte auf seinem schwankenden Sitze und der Graf selber hatte sich noch nie in seinem Leben so wohl gefühlt als eben jetzt. Es war aber nicht ein blos körperliches Wohlsein, auch über sein Herz kam es wie ein Hauch süßer Freude und köstlichen Friedens. Eine wonnevolle Müdigkeit ergriff ihn, er blinzelte schläfrig zwischen den Wimpern hervor und athmete in langen und immer längeren Zügen die berauschende Waldluft ein. Es war ihm zu Sinne als sei er in jenen verzauberten Wald gerathen, von dem ihm die Mutter so oft in seiner Kindheit erzählt, und er müsse nun fahren und fahren und könne doch nimmermehr an's Ende kommen. Aber dieser Gedanke erfüllte ihn nicht mit Furcht wie damals, als er an den Knien der Mutter seinen kleinen Kopf verbarg, er hätte vielmehr immer und immer weiter rollen mögen, an den uralten Baumstämmen vorüber, die ihre Wipfel hoch über seinem Haupte rauschend gegeneinander neigten in die endlose grüne Dämmerung hinein. Die Erinnerung an die prunkende Kaiserstadt, die er verlassen, lag wie ein ferner Traum hinter ihm und nebelhaft wandelten die Gestalten seiner Freunde an ihm vorüber. Er fühlte sich so jung, so kräftig, so lebensfrisch wie noch nie, und doch hätte er sich um die Welt jetzt nicht wieder in jenes Leben hineinstürzen mögen, das er so eben verlassen.

Es geschehen trotz aller Zweifel noch Wunder an uns und Lebenselexire werden trotz aller medicinischen und andern Aufklärung noch täglich gebraut und getrunken. Die _Mutter Natur_, diese uralte Zauberin, die sich glücklicherweise nicht verbrennen läßt, braut sie aus den einfachsten Mitteln für ihre eigensinnigen störrischen Kinder. Ein Wald, eine Bergwiese, ein Schweizersee, das Alpglühen vollbringen an den verstocktesten Herzen die größten Wunder, -- Ketten und Schlacken fallen ab, die Seele athmet Genesungsluft, das Herz verliert seine Runzeln und schaut wieder mit Kinderaugen und Kinderglauben in die schöne reiche Welt hinaus. -- Wie lange der Graf in dem köstlichen Eichenwalde umhergefahren -- er wußte es nicht, er richtete sich nur rasch auf, als der Kutscher plötzlich die Pferde anhielt und sagte:

»Wir haben uns verirrt, der Weg hat hier ein Ende!«

Der arme Schelm sah leichenblaß aus, denn er kannte die Heftigkeit seines Herrn. Zu seiner großen Verwunderung sprang dieser aber heiter aus dem Wagen und anwortete:

»Wartet nur hier auf mich, ich werde den Weg suchen und Franz soll auch bleiben, ich will allein gehen!«

Und eine lustige Melodie pfeifend schlug er den ersten schmalen Fußweg ein, der vor ihm lag. Wie köstlich ließ sich's hier wandern in dem Purpurschein, der jetzt den Wald durchzitterte. Leichter war er nie über die glänzenden Parquets der Tanzsääle Wiens geschritten. Da war es ihm mit einem Male als trüge der Wind die abgerissenen Klänge einer fremdartigen Musik zu ihm. Unwillkürlich blieb er stehen und lauschte. -- Dann folgte er rascher der Richtung, aus welcher die Töne ihm zuströmten. Immer deutlicher, zusammenhängender schlug es an sein Ohr, endlich unterschied er eine wunderliche wilde Tanzweise im Zweivierteltact. Weiter schreitend lösten sich die Töne von Violinen, Violen, einer Clarinette und Cymbal aus dem Chaos.

Darüber war er aber sehr lange gegangen, -- endlich überfluthete es ihn wahrhaft mit Tonwellen und zugleich wandte sich der Weg, die Büsche traten zurück, als ob ein grüner Vorhang zerrisse, und Graf Alfred blieb wie erstarrt stehen. Er befand sich vor einem großen freien Platze mitten im Walde. Kaum zwanzig Schritte von ihm hatten ungarische Zigeuner ihr Lager aufgeschlagen. Auf der andern Seite sah man durch eine Lichtung die Umrisse der wunderschönen Cisterzienserabtei bei Zircz im Abendroth schimmern. Kleine Zelte waren aufgeschlagen, ein lustiges Feuer brannte in der Mitte, um das sich einige alte Frauen gesammelt hatten. Nackte braune Kinder, schön geformt wie antike Statuen von Bronce, haschten sich unter den Bäumen, Männer lagen und standen müssig umher und hörten der Musik des Zigeunerorchesters schweigend zu. Die zwölf Musikanten selbst saßen in einem Halbkreise. Sechs von ihnen spielten erste und zweite Geige, zwei die Viola, Einer eine Baßgeige, ein Anderer eine Art von Cello und die beiden Letzten Clarinette und Cymbal. Junge Männer und Mädchen knieten und kauerten am Boden, der kecken Musik lauschend und dem Tanz eines jungen Mädchens zuschauend, das eben in die Mitte des Kreises getreten war, und anfing nach dem Tacte der Musik sich hin und her zu bewegen.

Als der Graf jetzt die Tanzende anschaute, fiel ihm plötzlich seine Lieblingsblume ein, die glühende leuchtende Purpurblüthe der =Cactus speciosissimus=, und es war ihm als ginge das warme rothe Licht, das jetzt die ganze lebensvolle Gruppe überstrahlte, von dieser einen zarten Gestalt aus. Die Kleine war wohl kaum fünfzehn Jahr alt und reizend gewachsen. Sie trug einen scharlachrothen kurzen Rock und rothe Stiefeln an den kleinen Füßen. Den schlanken Oberkörper umschloß ein blendend weißes faltiges Hemd, das unter dem Halse mit einer Schnur zusammengezogen war. Ein Korallenkreuz hing an einem schwarzen Bande auf ihrer Brust. Eine lose Jacke, die vorn offen war, mit kurzgeschnittenen weiten Aermeln trug sie noch über dem Hemde. Ihr Haar fiel in schweren schwarzen Flechten fast bis zu ihren Knien herab, und an die Enden der Zöpfe hatte sie rothe Schleifen gebunden. Um beide Handgelenke der zarten, aber tadellos geformten Arme trug sie schmale silberne Ringe. Ihr feines, leicht gebräuntes Gesicht mit den köstlich frischen Lippen, lachte wie das Gesicht der glücklichen sorglosen Jugend lacht. Sie hob die Augen und blickte in das Grün der Bäume oder gerade in den Himmel hinein, wer konnte das wissen? Das waren Augen! Ja, von ihnen mußte jener Lichtstrom ausgehen in dem die ganze köstliche Gestalt schwamm, und auf- und niedertauchte, es konnte nicht anders sein! Das war ein Leuchten, Glühen, Schmachten, Funkeln, Drohen und Lächeln dieser zwei großen schwarzen Sterne! -- Jenem lautlosen Zuschauer, der Jahre lang ungeblendet in die Augen der berühmtesten Schönheiten der üppigen Kaiserstadt geschaut, kam ein Schwindel an, eine seltsame Angst und Seligkeit zugleich den Augen der kleinen Zigeunerin gegenüber. Und dazu die kleinen beweglichen Füße, dieser von Jugendlust und Jugendkraft geschwellte und getragene Körper! Was war dieser lebensvolle Tanz gegen jenes seltsame Schlürfen und Drehen, gegen jenes Hüpfen und Rasen in den Tanzsälen des großen Wien? Und dies junge, von Luft und Sonne gebräunte Angesicht konnte sich den vollen Sonnenstrahlen aussetzen und wurde nur schöner je heller es beleuchtet. Ein Schauer des Entzückens durchrieselte den Grafen, als endlich die tanzende Kleine mit dem Ausdruck höchster kecker Lust jenen bedeutungsvollen Zigeunerruf: »jah!« herausjubelte, den ebenso das höchste Leid als die höchste Freude von den Lippen gleiten läßt, -- und dann mit einem kühnen Sprunge ihren Tanz schloß. Als das Orchester nun mit einem vollen kurzen Accord abbrach, da war es aber dem Grafen plötzlich als sei er im Theater an der Burg und habe eben die schönsten Tänzerinnen gesehen. -- Der grüne Wald wurde zur täuschend gemalten Coulisse, die stattlichen, seltsam gekleideten Männer, mit den langen schmalen Schnurrbärten und schwarzen, glatt herabhängenden Haaren, zu trefflich costümirten Choristen, die üppigen, nachlässig verhüllten Frauengestalten zu koketten Choristinnen, die nackten Kinder, das Feuer, die kochenden brodelnden alten Weiber zu meisterhafter Staffage, -- Graf Alfred klatschte mit dem Feuer eines echten Balletenthusiasten in die Hände und rief:

»=Brava, Brava!=«

Da geschah es fast wie in jenen Märchen von den Elfentänzen, wenn die Elfenkönigin plötzlich einen unberufenen Lauscher entdeckte: wie ein Wirbelwind fuhr es über das ganze Zigeunerlager hin und die Scene veränderte sich rascher wie auf einem Pariser Theater. Die Frauen drängten sich hinter die Männer, die Kinder hingen sich an ihre Mütter, die Hexen des Feuers kauerten sich nieder wie zum Sprunge bereite Katzen, die Musikanten hörten auf zu spielen und nahmen eine trotzig drohende Haltung an und wohl hundert flammende Augen richteten sich plötzlich auf den Grafen. Die kleine Tänzerin allein war ruhig geblieben und blickte neugierig zu dem kühnen Fremden hin. Ein dunkler hochgewachsener Knabe, die Geige im Arm, war aber dicht an sie heran getreten in einer so herausfordernden Haltung, so schutz- und kampfbereit, daß der Graf sich eines Lächelns nicht erwehren konnte.

Da wendete sich die Kleine an ihn und fragte in gebrochenem Deutsch mit gerunzelter Stirn:

»Was willst Du hier?«

»Dich bewundern!« antwortete er und sah sie mit seinen hübschen blauen Augen leidenschaftlich an.

Jede Frau, sie gehöre welchem Volke und Stande sie auch wolle, unterscheidet mit einem Blicke die wahrhafte Bewunderung ihres Selbst von leichtem Wohlgefallen und tändelndem Spiel und ist niemals unempfindlich gegen dieselbe. Die junge Zigeunerin nahm daher auch die Hand des Grafen und sagte freundlich:

»Kommt mit mir und bleibt bei uns eine Weile. Seid ohne Sorge, Czinka wird Euch schützen!«

Sie rief ihren Gefährten einige ungarische Worte zu, und führte dann ruhig ihren neuen Bewunderer mitten in den Kreis.

Es war auch kaum eine Stunde vergangen, da saß der Graf wie ein echter Czigàny unter ihnen, plauderte mit den Männern, die sich mit deutscher Zunge einigermaßen verständlich zu machen wußten, scherzte mit den Frauen, sah dabei die schöne Czinka an, die ihm gegenüber saß neben dem finsterblickenden Knaben, und sprach dem großen Becher mit jenem süßen Tranke, den die Weiber trefflich zu bereiten verstanden, tapfer zu. Erst als die Nacht hereinbrach, dachte er wieder an seinen Wagen und an den armen wartenden Kutscher. Zögernd brach er auf und bat um einen Führer, um ihn an den Wagen und dann auf den Weg nach Zircz zu bringen, welcher Ort kaum eine halbe Stunde entfernt sein konnte.

»Anthony mag mitgehen!« sagte da Czinka gebietend und wandte sich zu jenem dunkellockigen Burschen mit der Geige, der noch nicht von ihrer Seite gewichen. Er stand auf, nickte gleichgültig, hing seine Geige an den nächsten Baum, und warf seinen Mantel um die Schultern.

»Wie lange bleibt und lagert Ihr hier an dieser Stelle?« fragte ihn der Graf.

»So lange es uns gefällt,« lautete die kurze Antwort des Burschen.

»Ich möchte Euch noch oft besuchen,« sagte der Graf zur schönen Czinka gewendet, »wenn Ihr es erlauben wolltet.«

Sie neigte freundlich gewährend mit stolzer Grazie den zierlichen Kopf. Dann nahm Alfred Saldern Abschied von den Vornehmsten der Bande und folgte seinem Führer, der eine Fackel angezündet hatte.

Das war ein seltsamer Spaziergang! Mit der Behendigkeit einer Schlange schlüpfte der Knabe voraus durch die Gebüsche, und sprang über Wurzeln und Baumstämme, über Gräben und Bäche, ohne sich zu kümmern ob der Fremde folgte.

Der elegante Cavalier hatte die größte Mühe nachzukommen und blieb überall hängen. Aber das ganze Abenteuer und die seltsame Waldfahrt hatten ihn in eine ungewöhnlich glänzende Laune versetzt und so ließ er sich denn Alles ohne ein Wort des Aergers gefallen.

Nur einmal mußte er athemlos inne halten, er konnte nicht weiter, rief seinen Führer zurück und gebot ihm eine kleine Weile zu warten.

Der Knabe gehorchte und setzte sich mit einem spöttischen Auflachen unfern von dem Erschöpften nieder. Sein seltsames unschönes Gesicht sah in der Fackelbeleuchtung fast koboldartig aus.

»Seid Ihr unter den Musikanten?« fragte der Graf, indem er sich eine Cigarrette anzündete. »Es ist mir als hätte ich Euch im Orchester gesehen als die kleine Czinka tanzte.«

»Ich spiele die Geige,« antwortete der Knabe mürrisch.

»Wie heißt Ihr?«

»Anthony Czermak.«

»Liebt Ihr die Musik?«

»Wie meint Ihr das?«

»Nun -- ob Ihr gern Tänze spielt?«

»Wenn die Czinka tanzt -- sonst spiele ich lieber Lieder.«

»Habt Ihr die Czinka lieber oder Eure Geige?«

»Wenn Ihr so fragen könnt, so wißt Ihr nichts von einer Geige,« antwortete der Knabe verächtlich. »Mir ist meine Geige lieber als zehn Czinkas.«

Damit stand er trotzig auf und ging weiter. Wie ein Irrlicht huschte er hin und her und den Grafen überkam oft ein unheimliches Gefühl wenn er ihn so auftauchen und verschwinden sah zwischen dem dunklen Grün. Plötzlich verlöschte die Fackel und aus dem Dunkel heraus kicherte wie aus weiter Ferne der Knabe:

»Versuchts noch zehn Schritte weiter -- da steht Euer Wagen, Eurem Kutscher habe ich gesagt wie er fahren soll, um nach Zircz zu kommen!«

Dann rauschte Etwas durch die Büsche, streifte hart an ihm vorbei, ein spöttisches Gelächter wurde laut und Graf Alfred stand im tiefsten Dunkel. Mit einem derben Fluch rief er den Namen seines Dieners, der denn auch in geringer Entfernung antwortete und nach einiger Mühe und nachdem er über verschiedene Wurzeln gestolpert, an verschiedene Bäume gerannt, wobei er immer ein leises boshaftes Kichern zu hören glaubte, athmete er wie von einem bösen Traume befreit auf, als er wieder in seinem Wagen saß. Nach der Weisung, die in der That der Kobold Anthony dem Kutscher gegeben, rollte er nun auch auf der Straße nach Zircz fort, und noch vor Mitternacht erreichte er glücklich das Städtchen.

* * * * *

Am nächsten Tage besuchte Graf Alfred das Zigeunerlager wieder und so noch viele Tage, nur daß er sich Abends nie wieder von jenem trotzigen Burschen, sondern von seinem eigenen Diener zurückgeleiten ließ nach seinem Wagen, der ihn stets am Ausgange des Waldes erwartete. Schon beim dritten seiner Besuche nahm er allerlei Geschenke für die Frauen mit, die er von Raab sich kommen ließ, glänzenden Tand, der mit noch glänzenderen Augen empfangen wurde. Für die schöne Czinka brachte er zwei Korallenschnuren, die sie eben lächelnd um ihre Arme zu schlingen sich anschickte, als Anthony, der kleine Geiger, plötzlich herbeisprang, die Ketten aus des Mädchens Händen riß und mit den Worten: »Czinka trägt nur die silbernen Ringe ihrer Großmutter!« die Perlen ins Moos streute.