Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf: Fünfzehn heitere Erzählungen
Part 9
Daheim erzählten dann die Oberheudorfer Buben und Mädel, wie frech die Niederheudorfer gewesen wären, und diese erzählten das gleiche von den Oberheudorfern. Die Erwachsenen nahmen Partei: jedes Dorf wollte gern die Bahn, jedes Dorf hielt sich für berechtigt, jedes meinte, besonders gut zur Bahnstation zu passen, und es dauerte nicht lange, da standen sich die beiden Dörfer wie Hund und Katze gegenüber. »Kriegen wir die Bahn?« das war die Frage, die in dieser Zeit die Alten und die Jungen, die Großen und die Kleinen beschäftigte. Standen zwei auf der Dorfstraße zusammen, dann redeten sie über die Bahn, die Kinder sprachen sogar davon in der Schule, und der Herr Lehrer sagte mitunter seufzend zu seiner Frau: »Ich wollte, die Bahn führe schon am Dorf vorbei und nicht immer meinen Schulkindern im Kopf herum.«
Sämtliche Buben und Mädel hatten schon die wunderbarsten Reisegedanken, und die Sparbüchsen hatten es in dieser Zeit gut, sie durften so tüchtig Pfennige schlucken, daß sie ganz fett wurden. Es war Mode unter den Buben und Mädeln, Reisegeld zu sammeln, und wer einen Pfennig oder gar einen Fünfer in seine Sparbüchse tun konnte, der krähte wie ein Hähnlein bei Sonnenaufgang. Auch bei den Erwachsenen fing beinahe jedes Gespräch mit den Worten an: »Wenn wir erst die Bahn haben!«
»Nun wird's Ernst,« sagte in dieser Zeit einmal der Oberheudorfer Schulze, »die Bahnlinie soll jetzt vermessen werden.«
Die gleichen Worte sagte an diesem Tage der Niederheudorfer Schulze, und mehr noch als sonst wurde nun in den Dörfern vom Bahnbau gesprochen. Als ein reisender Handwerksbursche durch Oberheudorf kam, dachten sogar etliche Buben und Mädel, der Mann könnte vielleicht etwas mit dem Bahnbau zu tun haben, und dem armen Handwerksburschen wurde himmelangst, weil ihm auf Schritt und Tritt eine Anzahl Buben und Mädel nachliefen. In Niederheudorf ging es zur gleichen Zeit einem Handelsmann nicht besser, aber der war ein Schelm und erzählte den Kindern: »Ja freilich, ihr kriegt schon die Bahn, paßt nur ordentlich auf! Wenn einer von der Bahn kommt, dann müßt ihr ihm nur gut zureden.« Eine Stunde später sagte der Handelsmann dies auch zu den Oberheudorfern, und seitdem warteten sämtliche Buben und Mädel in Ober- und Niederheudorf auf den Mann, dem sie gut zureden konnten.
In diesen Sommertagen wurde es einem Studentlein in einer großen Stadt zu schwül. Er packte seinen Rucksack und zog hinaus ins weite Land, ging über die Berge und durch Wälder, um sich einen recht stillen Erdenwinkel auszusuchen, wo er in aller Ruhe arbeiten konnte. Das arme Studentlein mußte im Herbst sein Examen machen, und nun zuguterletzt fiel ihm ein, daß er recht, recht oft das Studieren vergessen hatte. Es galt nun, das Versäumte nachzuholen, und weil ihn in der Stadt allerlei von der Arbeit abgezogen hatte, wanderte er mit sehr ernsthaften Fleißgedanken auf das Land hinaus. Er wanderte etliche Tage hin und her und gelangte an einem besonders warmen Nachmittag an eine Wassermühle, die ein wenig abseits von einem freundlichen, schmucken Dorf im Tale lag. Wie ein silbernes Band, das irgend eine Riesenjungfrau verloren hatte, floß das Bächlein durch den grünen Wiesengrund, die Mühle klapperte, das Wasser rauschte, und im blühenden Gärtchen neben der Mühle saß eine freundliche Frau und nähte. Sie grüßte den Studenten mit einem so guten Lächeln, daß er stehen blieb und rasch fragte, wie der Ort heiße. »Oberheudorf,« sagte die Frau. Ob er hier wohl etliche Wochen wohnen könnte, forschte der Fremde weiter. »Wir sind kein Gasthaus,« sagte die Frau freundlich, »was will denn der Herr?«
»Arbeiten,« sagte das Studentlein, »studieren. Das ist eine sehr wichtige Sache, und Ruhe muß ich dazu haben.«
»Freilich schon, das stimmt, Ruhe muß eins zur Arbeit haben,« gab die Frau zu.
»Und ruhig ist's hier, noch nicht einmal die Bahn fährt,« sagte das Studentlein und lachte.
»Der ist von der Bahn,« dachte die Müllerin, »dem muß ich schon ein Quartier geben, sonst läuft er noch nach Niederheudorf.« Sie erklärte sich also bereit, den Studenten aufzunehmen, räumte ihm eine geräumige Stube im Oberstock ein und sorgte für den Gast, als sei das ein lieber heimgekehrter Sohn. Dem Studenten gefiel es sehr in der Mühle. Er packte seinen Rucksack aus, schrieb in die Stadt, man sollte ihm Bücher nachschicken, und dachte: »Na, das habe ich mal gut getroffen!«
Am Abend wußten es schon alle Leute in Ober- und Niederheudorf, daß der Herr von der Bahn in der Wassermühle wohnte. »Allweil 'n bißchen jung sieht er aus,« sagte der Schulze, dem einfiel, wie man einmal einen Maler für den Schulrat in Oberheudorf gehalten hatte. »Man muß sehen, ob's stimmt,« meinten auch die andern Bauern.
Am Abend sagte der Müller zu seinem Mieter: »Hm, 's wär schon recht, wenn wir die Bahn kriegten, nicht die Niederheudorfer!«
»Freilich,« erwiderte der Student, der recht höflich sein wollte. Als er am andern Tage erst den Schulzen, dann den Schnipfelbauern, den Kaspar auf dem Berge, den Waldbauern und zuletzt Hans Rumps hintereinander traf und jeder sagte: »Hm, 's wär schon gut, wenn wir die Bahn kriegten und nicht die Niederheudorfer,« erwiderte er allemal sehr freundlich: »Natürlich, Oberheudorf muß die Bahn haben.« Er meinte das auch wirklich so, Niederheudorf kannte er gar nicht, und da die Oberheudorfer sich so sehr eine Bahn zu wünschen schienen, wünschte er sie ihnen auch.
Die Niederheudorfer waren wütend, denn natürlich erzählten es ihnen die Oberheudorfer gleich: »Wir bekommen die Bahn!« Am zweiten Tage lief darum der Niederheudorfer Schulze so lange im Walde herum, bis er den Studenten traf. Der sammelte gerade Blumen, denn er war Botaniker, und das Blumensuchen gehörte zu seiner Arbeit. »Hm,« brummte der Niederheudorfer Schulze grimmig, »die Bahn soll wohl hierher kommen?«
»Bewahre, die kommt doch nach Oberheudorf,« erwiderte der Student und ließ den Schulzen stehen, seine Pflanzen gefielen ihm besser als der dicke Schulze. Der lief wütend heim, und die Niederheudorfer beschlossen, eine Eingabe an die Regierung zu machen, die Bahn solle über ihr Dorf gehen.
Am nächsten Morgen trafen zufällig etliche Oberheudorfer Buben und Mädel mit einigen aus Niederheudorf zusammen, und die Oberheudorfer taten sich so gewaltig mit der Bahn, daß es den Niederheudorfern zu viel wurde; sie behaupteten, es sei noch gar nicht sicher, gingen wie die Kampfhähne auf die andern los, und mit lautem Geschrei prügelten sie sich alle lustig untereinander.
Der Student geriet bei seiner Heimkehr aus dem Walde gerade unter die Streitenden. Er rief: »Aber Kinder, aber Kinder, was tut ihr denn? Schämt euch doch!«
»Da ist er!« schrieen die Oberheudorfer, und die Niederheudorfer riefen ebenfalls: »Da ist er!« Ihnen allen fiel die Mahnung ein, daß sie gut zureden sollten, und sie dachten, jetzt sei die Gelegenheit günstig, und auf einmal begannen die Niederheudorfer zu bitten: »Wir möchten die Bahn, ach bitte, bitte, wir möchten sie!«
Wütend schrieen die Oberheudorfer: »Gelle, wir kriegen sie, uns ist sie versprochen!«
Der Student schüttelte erstaunt den Kopf. Die Leute schienen hier sonst so nett zu sein, wenn sie nur nicht die unglückliche Bahn im Kopf gehabt hätten; er konnte mit niemand reden, ohne daß gleich von der Bahn gesprochen wurde. Und dabei war es doch gerade so schön still. Gut, daß es noch keine Bahn gab! Das wilde Geschrei der Kinder ärgerte ihn, und nun begannen noch die unnützen Buben und Mädel an ihm herumzuzerren und baten immer lauter: »Wir wollen die Bahn, gelle, wir kriegen die Bahn!«
»Niemand kriegt sie,« rief der Student ärgerlich und versuchte, die Kinder von sich abzuwehren. Aber die dachten an das Wort des Handelsmannes, sie sollten nur zureden, und so baten sie immer stürmischer: »Wir wollen die Bahn, nein, wir, wir, gelle, wir kriegen sie?«
Dem Studenten wurde die Sache zu bunt, er schüttelte sich wie ein ins Wasser gefallener Pudelhund und schalt fürchterlich. Aber alles half ihm nichts, am Rockzipfel hingen ihm zwei, an der Botanisiertrommel eins, rechts und links an jedem Arm gleich immer drei, und alle bettelten und baten: »Wir wollen die Bahn, bitte, bitte, uns!«
»Niemand kriegt sie, niemand,« brüllte der Student, da riß der Riemen seiner Botanisiertrommel, und pardauz flogen Pflanzen, Notizbuch, Frühstücksbrot, alles in einem weiten Bogen herum, und ritsch, riß dem Studenten auch noch ein Ärmel aus. »Wenn ihr mich jetzt nicht los laßt, dann -- dann dürft ihr nie mit der Bahn fahren,« rief der Geplagte wütend. Da bekam er endlich etwas Luft, raffte seine Sachen zusammen und rannte, was er konnte, der Mühle zu.
Die Kinder ihm nach, heidi, wie der Wind, sie sahen aber nur gerade noch des Fremden Rockzipfel in der Mühle verschwinden, als sie ankamen, und hinein wurden sie nicht gelassen. Sie zogen also jammernd nach Hause, und dort erzählten sie klagend, was geschehen sei. Darüber gab es eine mächtige Aufregung in beiden Dörfern. Zuerst bekamen alle Buben und Mädel, die dabeigewesen waren, so heftige Schelte, daß sie die Nase bis auf die Erde hingen und sich nur wunderten, daß an diesem Tage nicht auch draußen Blitze und Donner herniedergingen. »Wenn wir die Bahn nicht kriegen, seid ihr schuld daran,« sagten sie in Ober- und Niederheudorf.
»Es wäre schon am besten, einmal zu dem Herrn hinzugehen,« sagte am nächsten Morgen seufzend der Schulze von Oberheudorf, und der von Niederheudorf dachte das auch. »Aber freilich, es muß noch jemand mitgehen,« sagte der Oberheudorfer Schulze, und der von Niederheudorf forderte gleich zwei reiche Bauern auf. Die Niederheudorfer hatten sich etwas schneller besonnen, und so kam es, daß die Bauern alle miteinander an der Wassermühle zusammentrafen. Sie schauten sich ein bißchen verlegen an, es wußte gleich jeder vom andern, warum er gekommen war. Die Müllerin kam den Gästen mit betrübter Miene entgegen und klagte: »Er ist fort! Gestern ist er fuchswild heimgekommen, und heute in aller Morgenfrühe hat er seine Sachen gepackt und ist abgezogen. Er hat gesagt, hier wär's sonst schon recht, und die Mühle gefiele ihm besonders gut, aber daß die Leute alle den Bahnrappel hätten, das wäre schlimm.« Die Müllerin trocknete sich die Augen mit der Schürze ab, die Sache ging ihr nahe; daß das Studentlein fort war, tat ihr bitter leid, sie hätte dem blassen Stadtherrn doch himmelgern rote Backen angepflegt. »Wie er schon ein Stückchen weg gegangen war,« fuhr sie klagend fort, »hat er sich noch umgedreht und gerufen: >Besser wär's, wenn gar keine Bahn herkäme!<«
Die Bauern sahen sich betroffen an. Na, das wäre ja eine schöne Geschichte! Über diesen Schreck vergaßen sie allen gegenseitigen Zorn und redeten ganz vernünftig zusammen. Nachher zogen sie sehr verstimmt, sehr geärgert heimwärts. Die Müllerin sagte zwar, sie glaube, der Herr habe gar nichts mit der Bahn zu tun gehabt, aber trau' einer den Stadtleuten. Nach drei Tagen bekamen der Ober- und Niederheudorfer Schulze je einen Brief, in dem stand, daß die Bahn über Langenrode gehen würde, das lag etwa eine Stunde von jedem Dorf landeinwärts. »Schockschwerenot, da haben wir's! An der ganzen Geschichte sind nur die Kinder schuld, das unnütze Gesindel,« rief der Niederheudorfer Schulze, und der von Oberheudorf schalt nicht minder, nur sagte er: »Hagelwetter!«
Die Buben und Mädel, die dabeigewesen waren, hatten keine guten Tage. Immer hieß es: »Da seid ihr daran schuld!« Ach, und sie hatten es doch so gut gemeint und hatten sich selbst so sehr auf die Bahn gefreut.
Wieder nach einigen Tagen erfuhren es die Leute in beiden Dörfern, daß das Studentlein ganz unschuldig an der Sache war. Da atmeten die Kinder auf: nun konnten sie doch nichts dafür, daß es keine Bahn gab. Sie sagten auch gleich sehr keck: »Na, auszureißen brauchte der Herr auch nicht gleich, wir waren doch so nett mit ihm!« Und flugs waren sie wieder lustig und unnütz wie vorher. Die Müllerin meinte auch, nun könnte ihr Stadtherr eigentlich wiederkommen. Aber der kam nicht, der hatte genug von der Oberheudorfer Ruhe.
Ein Wundervogel.
Wieder einmal war die Zeit der großen Sommerferien gekommen. An einem Sonnabend saßen alle Buben und Mädel, die fleißigen und die faulen, sehr vergnügt und feierlich zum letzten Male in der Klasse. Drei Wochen Ferien lagen vor ihnen, eine lange, wundervolle Zeit! Sämtliche Buben- und Mädelfüße zappelten an diesem Tage unter den Tischen hin und her wie Mäuslein, wenn sie in eine Falle gegangen sind, sie konnten das Hinauslaufen gar nicht mehr erwarten. Und das tuschelte und wisperte in den Reihen, und die Augen blitzten und blinkerten wie frisch geputzte Fensterscheiben im Sonnenglanz. Mädelzöpfe wippten auf und ab, und bald kicherte es hier, bald dort, ein Federhalter, der zu Boden fiel, brachte die ganze Schar zum Lachen, und Anton Friedlich tunkte beinahe mit seiner Nase in das Tintenfaß vor Vergnügen. Die Spatzen, die auf dem Fenstersims saßen und Frühstückbrotreste verspeisten, dachten sicher: »Na, das sollen nun brave, gesittete Schulkinder sein! Potztausend, ja, anders geht es in unserer Spatzenschule auch nicht zu!«
»Ob wir viel Ferienarbeiten kriegen?« flüsterte auf der Mädelseite Annchen Amsee ihrer Nachbarin Mariandel zu, und drüben auf der Bubenseite seufzten Heine Peterle, Anton Friedlich und noch einige andere: »Hoffentlich gibt's nichts auf!«
In diese Fragen hinein sagte der Herr Lehrer plötzlich: »Ferienarbeiten will ich nicht viel geben, nur einen Aufsatz sollen die Großen schreiben, von irgend etwas erzählen, was ihr erlebt habt, oder etwas beschreiben, was euch sehr gefällt; die Kleinen mögen...«
Was die Kleinen sollten, darauf hörten die Großen gar nicht mehr, sie waren nur heilfroh, daß sie selbst nicht viel aufbekommen hatten. Ein Aufsatz! Pah, die Arbeit war nicht groß, die störte nicht die Ferienfreude, und so stürmten denn die Kinder mit lautem Jubelgeschrei nach Schluß der Schule auf die Dorfgasse hinaus.
»Bewahr' mich!« sagte Muhme Rese, die mit ihrem Strickstrumpf vor der Haustüre saß, »heute schreien aber die Kinder wie die Hottentotten!« Muhme Rese hatte zwar in ihrem ganzen Leben noch keinen Hottentotten gesehen, und wo die eigentlich lebten, wußte sie auch nicht, aber »Hottentottengeschrei« galt ihr als etwas Fürchterliches.
»Nä, der Lärm! Wozu es auch nur Ferien geben muß!« murrte Schuster Pechdraht.
Nun, wenn es der Schuster auch nicht wußte, die Buben und Mädel wußten es ganz genau, wozu Ferien da sind; sie hatten so viele lustige Ferienpläne, wußten so viele Spiele, die sie spielen wollten, daß sie auch mit sechs Wochen Ferien fertig geworden wären.
Als Traumfriede heimkam und seine Bücher in den Schrank legte, kam Muhme Lenelies rasch aus dem Gärtchen heraus und sagte: »Du, Friede, die Wassermüllerin war vorhin da, sie läßt fragen, ob du die Ferien über Hirt bei ihr sein willst; ihr Peter soll bei der Ernte helfen. Magst du?«
Die gute Muhme fragte ein bißchen mitleidig, sie hätte ihrem Pflegesohn gern die Ferienfreiheit gegönnt.
Friede aber machte gar kein betrübtes Gesicht, sondern sah sehr vergnügt drein. Des Wassermüllers Kühe austreiben und den lieben langen Tag draußen sein zu dürfen, erschien ihm ein köstliches Ferienvergnügen.
Er sagte darum hell und froh: »Ei gewiß, Muhme, ich tu's gern!«
Am Montag in aller Morgenfrühe zog der Bube mit seiner kleinen Herde nach dem Buchberg, einem nicht allzu hohen Berg, der gutes Weideland hatte. Alle andern Oberheudorfer Buben und Mädel lagen noch in ihren Betten und genossen Ferienruhe, aber Friede beneidete sie nicht, es dünkte ihm wundervoll, so an einem taufrischen Sommermorgen auszuziehen, einen langen, sonnigen Tag vor sich. In seinem Rucksäckchen hatte er Brot und ein Buch, das ihm der Lehrer geborgt hatte, damit kam er sich reich und glücklich wie ein Prinz vor. --
Ferien sind eigentlich kuriose Dinger, sie haben so lange Beine, daß sie weglaufen, ehe Buben oder Mädel noch recht wissen, daß sie da sind. Hui, wupp! sind sie um die Ecke herum, und das arme Schulkind steht da und hat das Nachsehen. Den Oberheudorfer Kindern erging es gerade so. Erst hatten sie gemeint, die Ferienwochen wären endlos lang, und auf einmal war schon die dritte Woche da, sie wußten nicht wie. »Es sind gar keine richtigen Ferien,« schalt Heine Peterle am Montag dieser letzten Ferienwoche; er hatte nämlich dreimal auf dem Felde helfen müssen, und nun stöhnte der kleine Faulpelz über die viele Arbeit. An diesem Montagmorgen nun hatte er so viel zu tun, daß er, die Hände in den Hosentaschen, vor der Haustür stand und -- gähnte. Er wußte nicht, was er zuerst anfangen sollte. Die Mutter hatte gesagt: »Fange heute einmal deinen Aufsatz an, es wird Zeit!« Muhme Rese hatte geraten: »Hilf mir heute etwas im Garten, das ist gesund,« und der Vater hatte den Vorschlag gemacht: »Erst schreibe etwas, dann komm und hilf beim Einfahren, das muß ein künftiger Bauer lernen.«
Heine Peterle fand nun alle diese Pläne nicht sonderlich verlockend, viel vergnüglicher fand er Schulzens Jakobs Vorschlag, mit nach dem Buchberg zu gehen und Traumfriede zu besuchen. Wenn nur der Aufsatz nicht gewesen wäre, die Gartenarbeit und das Einfahren, dann -- --
»Heine Peterle,« rief just in diesem Augenblick seine Mutter, »du könntest heute erst einmal nach Niederheudorf laufen und dort beim Krämer Schnelle Stärke holen, unserer hat keine mehr!«
So, das war nun eine Arbeit, die Heine Peterle gut gefiel, zu der fanden sich auch Genossen, und schon nach etlichen Minuten trabte eine vergnügte Schar auf Niederheudorf zu. Dicht hinter dem Dorfe trafen die Kinder einen Boten des Grafen Dachhausen, der hielt sie an und erzählte ihnen, der Papagei der Gräfin sei ausgerissen; sie möchten unterwegs aufpassen, wer ihn wiederbrächte, sollte eine Belohnung erhalten. Der Vogel habe eine feine goldene Kette am Fuß, an der sei er vielleicht zu fangen. Dies war eine aufregende Sache. »Wir suchen ihn,« sagten die Kinder gleich sehr eifrig. Schulzens Jakob meinte sogar ganz kaltblütig: »Heine Peterle kann ja allein nach Niederheudorf gehen, wir laufen in den Wald und suchen den Vogel.«
Heine Peterle war sprachlos über diese Treulosigkeit, Annchen Amsee aber rief fix: »Nein, das tue ich nicht, der Vogel kann ja ebenso gut an der Straße auf einem Baum sitzen. Ich hab's Heine Peterle versprochen mitzugehen und gehe mit!«
Schulzens Jakob schwieg, er schämte sich ein bißchen, die andern Kinder aber sagten alle: »Annchen hat recht.« Sie zogen also miteinander nach Niederheudorf, liefen sehr still und eilig ins Dorf hinein, kauften Stärke ein und rannten wieder hinaus, sie wollten nicht erst von den Niederheudorfer Kindern gesehen werden. Auf dem Wege nach Niederheudorf hatten sie keinen blaugrünen Papagei gesehen, soviel sie auch geguckt hatten, und auf dem Rückwege durch den Wald war auch kein fremder Vogel zu erblicken.
Nahe am Buchberg, wo Traumfriede seine Herde hütete, kam Hans Rumps den Kindern entgegen. »Wißt ihr schon,« rief er bereits von großer Weite, »daß -- --«
»Ja,« schrieen die Kinder alle, »wir wollen ihn suchen!«
»Suchen, warum denn suchen?« fragte Hans Rumps verdutzt.
»Ist er denn schon da?« riefen die Kinder enttäuscht.
»Na freilich ist er da, ist immer dagewesen. Warum sollte er auch nicht da sein? Er hat es doch gesehen, wie der Wagen umfiel,« erklärte der Nachtwächter.
»Ist denn der Papagei in einem Wagen gefahren?« Die Kinder sahen Hans Rumps verwundert an, und Hans Rumps sah die Kinder verwundert an und brummte: »Was redet ihr denn da von einem Papagei? Was ist das überhaupt für ein närrisches Ding?«
»Ein Vogel ist das,« riefen die Kinder und redeten dann alle durcheinander: »Davongeflogen ist er. Manchmal kann ein Papagei auch sprechen, sagt der Herr Lehrer.« -- »Der Frau Gräfin gehört er.« -- »Wenn wir ihn finden, sollen wir was kriegen. Helft uns doch suchen.«
»Na, ich sag's doch,« rief Hans Rumps höchlichst erstaunt, »bei uns passiert immer mehr, als ein Mensch vertragen kann. Dem Schulzen ist sein Erntewagen umgefallen, pardauz! da lag er, und nun fliegt auch noch ein Papagei im Walde herum. Du meine Güte, was soll das nur werden, wenn es so fortgeht!«
»Schafskopp, Schafskopp, halt den Schnabel,« kreischte neben Hans Rumps plötzlich eine Stimme, und der brave Nachtwächter erschrak so, daß er sich rittlings in das Moos setzte. »Was ist denn das, was schreit hier denn so?« jammerte er ängstlich. »Kinder, erbarmt euch, hier ist ja wohl am hellichten Tage ein Gespenst!«
»Mach die Tür' zu, mach die Tür' zu,« kreischte es wieder, und nun sahen die Kinder einen blaugrünen Vogel, der über ihnen auf einer Buche saß und sich Nachtwächter und Kinder ganz vergnügt von oben herab ansah.
»Es ist der Papagei, der Frau Gräfin ihr Papagei! Er kann sprechen, ach, er kann sprechen! Wir kriegen was,« schrieen die Kinder aufgeregt und sprangen an dem Baum hoch, um die feine goldene Kette zu fassen, die an dem Fuß des Wundervogels hing. »Hans Rumps, sieh doch, da ist er, da sitzt er!«
»Wo denn?« murmelte Hans Rumps und sah immer an einer Tanne hinauf. Er zitterte ordentlich, so war ihm der Schreck in die Glieder gefahren.
»Schafskopp, Schafskopp, mach die Tür' zu,« kreischte der Papagei wieder. Doch was zu viel ist, ist zu viel. Hans Rumps sprang wütend auf. Ein Vogel sollte das sein, der da sprach und ihn, den Nachtwächter von Oberheudorf, einen Schafskopf nannte, -- das war ihm doch zu toll. »Was fällt dir denn ein, du dummes Vieh du?« brüllte er und sprang auf. »Was hast du denn zu sprechen? So eine Frechheit, mich Schafskopf zu nennen! Nä, nu sag' noch ein Wort, dann sollst du...«
»Mach die Tür' zu, geschwind, geschwind!« schnarrte der Papagei und hopste wild von Ast zu Ast. Unten sprangen die Kinder ebenso wild nach der Kette, um den Vogel zu fangen, der Nachtwächter aber sagte beleidigt: »Das ist ein unverschämtes Tier, nä, das ist gar kein richtiger Vogel. Ich geh' nach Hause, schimpfen lasse ich mich nicht.« Er warf dem Papagei einen verächtlichen Blick zu, bückte sich, hob seine Mütze auf, die zu Boden gefallen war, und schickte sich an heimzugehen.
»Hahahahaha, willst du ein Küßchen?« kreischte der Vogel.
»Na, nun schlägt's dreizehn, nun will mir das unvernünftige Biest gar noch einen Kuß geben! Na warte!« rief Hans Rumps empört. Er nahm sein Horn, das er immer bei sich trug, denn es hätte doch wirklich einmal brennen können, und tutete laut hinein. »Tuttut,« klang es durch den Wald, und erschrocken flog der Papagei auf -- und weg war er.
Verblüfft starrten ihm die Kinder nach. »Nachtwächter,« riefen sie klagend, »du hast ihn verjagt, nun kriegen wir vielleicht nichts!«
»Schadet nischt,« sagte Hans Rumps ungerührt, »nun hat das Untier doch mal gesehen, wer ich eigentlich bin. Geht lieber nach Hause, 's ist gleich Mittagszeit. Wenn ihr zu spät kommt, kriegt ihr Schelte, und nachmittags ist der Vogel, der gewiß gar kein Vogel ist, sicher noch da. Marsch, lauft, sonst bekommt ihr nichts zu essen!«
Brummelnd, sehr verdrießlich und doch recht mittagshungrig traten die Kinder den Heimweg an. Der Nachtwächter tat, als bemerkte er ihren Ärger gar nicht, er ging stolz voran. Daß er dem Vogel Respekt eingeblasen hatte, befriedigte ihn ungemein; wie ein rechter Held kam er sich vor. --