Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf: Fünfzehn heitere Erzählungen

Part 6

Chapter 63,838 wordsPublic domain

Es war ein heller Sommerabend. Der Mond stand rund und voll am Himmel und guckte recht behaglich auf Oberheudorf hinab. Das war so ein kleines Nest, an dem der Mond immer seine besondere Freude hatte; er schaute darum auch stets ordentlich liebevoll in alle Ecken und Winkel hinein. Jedes Haus, jeder kleine Schuppen, jeder Baum, ja selbst jeder Strauch im Gartenwinkel bekam ein Scheinchen Himmelsglanz. Und in manches Mädchenstübchen und Bubenkämmerlein lugte der Mond hinein, sah sich die Schlafenden an und dachte wohl: »Wenn sie so friedlich schlafen, sieht man es ihnen gar nicht an, was für wilde, unnütze Buben und Mädel es eigentlich sind.« An diesem Sommerabend nun machte der Mond so ein verwundertes Gesicht, daß ein berühmter Professor, der das liebe Himmelslicht gerade durch ein Fernrohr betrachtete, erstaunt ausrief: »Alle Wetter, ja, was fällt denn dem Mond ein? Bei dem scheint etwas nicht in Ordnung zu sein.«

An des Mondes verändertem Aussehen war aber niemand weiter schuld als Heine Peterle, Schulzens Jakob, der dicke und der blaue Friede und Schnipfelbauers Fritz. Die fünf Buben kamen barfuß und nur mit Hemd und Höschen bekleidet sacht aus den Häusern heraus. Vor Anton Friedlichs Vaterhaus blieben sie ein Weilchen stehen und warteten, aber drinnen rührte und regte sich nichts, nur der Hofhund begann zu bellen, und da wurde es den Buben unheimlich, und sie zogen ab. Drinnen im Hause aber saß Anton auf der obersten Treppenstufe und traute sich nicht hinabzugehen, weil die Treppe so knarrte, daß er meinte, alle im Hause müßten davon aufwachen. Ach, und er wäre so gern dabeigewesen bei dem dummen Streich, den seine Kameraden jetzt leise im Mondschein unter heimlichem Wispern und Kichern ausführten.

Die Geschichte kam allen fünf Buben unendlich komisch vor. Heine Peterle steckte einmal beide Hände in den Mund, um nicht herauszuplatzen, und der dicke Friede führte die wunderlichsten Sprünge aus vor Vergnügen, Schnipfelbauers Fritz gar legte sich platt auf die Erde, versteckte sein Gesicht im Gras und strampelte mit den Beinen, so mußte er lachen. Hans Rumps aber schlief tief und fest, schlief einen rechten, guten Nachtwächterschlaf und merkte gar nichts von allem dem, was um ihn herum vorging. Er träumte sogar allerlei höchst angenehme Dinge, von einem riesengroßen Kalbsbraten und einer Leberwurst, und im Traume hörte er jemand sagen: »Hans Rumps soll nächstens Nachtwächter in Berlin werden, der Kaiser hat es gewünscht!« Aber dann wollte ihm jemand die Leberwurst wegnehmen, und irgend etwas kitzelte ihn an der Nase, heizih! nieste er und schlief dann weiter.

»Er hat nichts gemerkt,« wisperte und tuschelte das neben ihm, und dann krachte es oben in den Zweigen der Linde, huschte hierhin und dahin, und der Mond wurde immer runder vor Erstaunen. Was war nur heute in Oberheudorf los?

Sehr früh am Morgen, die Sonne träumte noch hinter lichtroten Wolkenschleiern, wurde es auf dem Dorfplatz lebendig. Die Bäuerinnen kamen, um die Wagen zur Marktfahrt zu rüsten. Die Schulzin war zuerst zur Stelle, gleich nach ihr kam die Schnipfelbäuerin, die ein braunes Pferdchen am Zügel führte. »Schnipfelbäuerin, kommt nur und seht,« rief die Schulzenfrau, und der Waldbäuerin, die hinterdrein kam, rief sie es auch zu. Und nun kamen die andern Frauen auch, eine nach der andern, und alle stellten sich um die Bank herum, auf der Hans Rumps noch immer im tiefen Schlaf lag, und lachten, lachten so laut und herzhaft, daß der Nachtwächter erschrocken aufsprang. »Es brennt,« rief er, »es brennt!« Er griff nach seinem Horn und wollte blasen. »Potztausend,« schrie er verdutzt, »was ist denn das?« Statt des Hornes hielt er einen alten hölzernen Hampelmann im Arm.

Er sprang auf und platschte mit beiden Beinen in eine Wasserbütte. Das Wasser spritzte hoch auf, die Frauen wichen lachend und schreiend zurück, Hans Rumps aber griff nach seinem Kopf und rief: »Das ist verhext, das ist verhext!« Plumps rutschte ihm ein dicker, gelber Ringelblumenkranz über die Nase und lag dann wie eine Krause um seinen Hals.

Hilflos starrte der Nachtwächter um sich. Was war nur mit ihm geschehen? Da fiel sein Blick auf seinen Stock, an dem seine Laterne sonst hing. Nein, sein Stock war das doch nicht, auf einer Bohnenstange hing ein alter Blechtopf. »Und keine Knöpfe hat er am Rock,« rief die Schulzenfrau, und die andern Frauen wiederholten: »Keine Knöpfe!«

Hans Rumps sah seinen Rock an, auf dessen blanke Knöpfe er so stolz war: Tannenzapfen bammelten daran, von Knöpfen war nichts zu sehen. »Ich träume, ja, ja, das ist eben ein Traum,« murmelte er, »natürlich, na freilich, ich träume!«

»Unsinn,« rief die Schulzenfrau, »das ist kein Traum, das ist ein Schabernack, den die Buben Euch gespielt haben, Hans Rumps. Ganz sicher, die Buben sind's gewesen, denn das da ist unser alter Kaffeetopf, den ich erst vor ein paar Tagen fortgeworfen habe. Die Bütte gehört auch uns, na, und Schnipfelbäuerin, den Hampelmann müßt Ihr doch kennen.«

»Na ob,« sagte die Schnipfelbäuerin, »der gehört meinen Kindern. So gewiß, wie ich die Schnipfelbäuerin aus Oberheudorf bin, so gewiß sind das die Buben gewesen, die dies angerichtet haben. Meint Ihr nicht auch, Muhme Lenelies?«

Die Muhme war als letzte herbeigekommen, sie nickte: »Freilich, freilich sieht das wie ein Bubenstreich aus, oder vielleicht sind's gar Heine Peterles Holzpantoffel gewesen!«

»Darum,« murmelte Hans Rumps, »darum! Nä, so eine verflixte Bande!« Und dann schrie er angstvoll: »Ach du meine Güte, nä, nun haben die ja wohl mein Horn und meine Knöpfe in den Teich geschmissen. So was, nä, so was! Ich bin ja gar kein Nachtwächter mehr, ich habe kein Horn, ich habe keine Knöpfe, ich habe keine Laterne! Ich beschwere mich, ich gehe zum Herrn Grafen, dem Gericht zeige ich es an, unserem Herzog sage ich es, ich, ich, ich --«

Hier ging Hans Rumps vorläufig die Luft aus, er sank wieder auf die Bank zurück und starrte die Frauen verzweifelt an. »Seht doch nach oben,« sagte da auf einmal Muhme Lenelies mit leisem Lachen, und alle schauten empor in das Blättergewirr der Linde. Es sah aus, als hätte die gute, dicke Linde in der warmen Sommernacht durchaus ein Weihnachtsbaum werden wollen. Sie hatte sich allerlei aufhängen lassen: da baumelte eine Laterne, eine Mütze und ein Horn, und mit bunten Wollfäden waren einzeln die blanken Knöpfe vom Nachtwächterrock angebunden.

»Potztausend, das nenne ich einen guten Schlaf,« rief die Schulzenfrau. »Da liegt der Nachtwächter und merkt nicht, daß ihm die bösen Buben seine Knöpfe abschneiden!«

»Ich soll geschlafen haben, ich -- ich?« stotterte Hans Rumps verlegen. Es schien ihm selbst sehr unglaublich, am liebsten hätte er sich gleich wieder auf die Bank gelegt und darüber nachgedacht, ob er wirklich geschlafen habe; da dies aber doch nicht anging, begann er, seine Sachen von der Linde herabzuholen. Er seufzte und stöhnte dabei jämmerlich und schalt ärgerlich vor sich hin, während die Frauen unter Lachen sich daran machten, ihre Wagen zu rüsten. Jeden Knopf sah Hans Rumps ängstlich darauf an, ob die Buben ihn auch nicht verdorben hatten, und immer dachte er: »Wenn es nur wenigstens niemand gemerkt hätte, dann wäre es ja weiter nicht schlimm. Ob die Frauen wohl davon still sind, wenn ich sie darum bitte?« Er schleuderte ärgerlich den Kranz weit fort und stülpte sich seine Mütze auf. Nun hing nur noch sein Horn auf der Linde, sein geliebtes Horn. »Verflixte Buben, wie die auch klettern können,« seufzte er und griff nach dem Horn. Heil und unversehrt kam es in seine Hände, er dachte aber doch: Vielleicht haben sie es verdorben und gar was hineingesteckt. Er setzte es an und blies hinein, so leise, daß er selbst nichts hörte. Er blies noch einmal, etwas stärker, ein Ton kam heraus, aber er meinte, der klänge gar nicht so wie sonst. Hans Rumps wurde es ganz unheimlich zumute, sein Horn war vielleicht kaput. Und auf sein Horn war er doch so stolz, ohne Horn war er doch gar kein richtiger Nachtwächter mehr, auf das Horn kam es doch an und nicht auf das dumme Wachbleiben.

Er stöhnte schwer, dann setzte er mit aller Kraft an und blies in sein Horn hinein, daß es nur so schmetterte. »Ha, es geht,« frohlockte Hans Rumps und blies und blies im Eifer, daß es die Leute in jedem Hause hörten.

Die Frauen waren erschrocken zusammengefahren. »Mein Himmel, was macht Ihr denn?« rief die Schnipfelbäuerin, und die Waldbäuerin ächzte: »Mir ist der Schreck in die Beine gefahren, Hans Rumps, was soll denn das?«

»Feuer, Feuer, es brennt, es brennt!« schrie in diesem Augenblick Kaspar auf dem Berge und kam zur >Himmelblauen Ente< herausgestürzt. Magd und Knecht folgten ihm. Auch aus den andern Häusern stürzten die Leute heraus. Muhme Rese kam mit der Kaffeekanne in der Hand, und der Schulze zog sich noch auf der Gasse seine Weste an. Auch der Pfarrer und der Lehrer kamen herbei, und alle wollten sie wissen, wo es brenne.

Hans Rumps stand ganz verdattert da. Er hielt sein Horn ängstlich an sich gedrückt und stammelte, immer verlegener werdend: »Daran sind nur die verflixten Buben schuld, oh nä, die Buben, die Buben, die Buben!«

»Nehmt mir das nicht übel, Hans Rumps,« sagte die Schulzenfrau lachend, »aber ein bißchen dösig scheint Ihr mir zu sein. Ja, nun blast Ihr noch das ganze Dorf zusammen, damit alle erst erfahren, wie es Euch ergangen ist!«

Nun erfuhren es wirklich alle, was die Buben dem armen Nachtwächter für einen Streich gespielt hatten.

»Und das soll nun ein Nachtwächter sein!« rief der Bäcker. »Der merkt es ja nicht einmal, wenn das ganze Dorf weggetragen wird!«

»Doch, doch,« brummelte Hans Rumps, »ich merk's schon, ich merke alles. Aber die Buben, nä, die heillosen Buben, die sind zu unnütz!«

Von diesen unnützen Buben nun ließ sich merkwürdigerweise kein einziger sehen, und sie waren doch sonst überall, aber auch überall, wo es was zu sehen gab, dabei. Selbst die, die nicht mitgemacht hatten, blieben fern, es war doch sicherer. Und in der Schule waren sie alle an diesem Morgen so erschrecklich brav, daß der Herr Lehrer dachte: »Ja, man merkt das schlechte Gewissen!«

Der arme Hans Rumps aber ging tiefbetrübt nach Hause. Dort trank er Kaffee, aß sechs Klappbrote dazu und legte sich danach zu Bett, er mußte sich ausschlafen von den Anstrengungen der Nacht. Nachher wollte er selbst die Buben bestrafen, hatte er gesagt. Als er mittags aber aufstand, stieg er mit dem rechten Bein aus dem Bett. Natürlich hatte er da gleich gute Laune, und dann hatte ihm die Schulzenfrau ein Gericht Schweinefleisch mit Sauerkraut geschickt und eine andere Bäuerin ein Stück Wurst, da wurde Hans Rumps noch vergnügter. Es tat ihm daher ordentlich leid, daß er die Buben bestrafen wollte, und als er sie nachher auf der Dorfstraße sah, ging er ihnen aus dem Wege.

Die Buben machten es ebenso, denn sie hatten ein sehr schlechtes Gewissen.

Drei Tage lang gingen sich Nachtwächter und Buben aus dem Wege, Hans Rumps, weil er nicht wußte, wie er die Buben bestrafen sollte, und diese, weil sie nicht wußten, ob sie bestraft werden würden. Und dann waren sie auf einmal alle miteinander wieder gute Freunde. Wie es gekommen war, das wußten sie selbst nicht recht, aber sie waren es. Hans Rumps hatte gelächelt, als er Heine Peterle sah, und Heine Peterle hatte gelacht, und dann war Schulzens Jakob dazugekommen, und der hatte gesagt: »Das Feuerlärmblasen, das war mal ein feiner Spaß!«

»Na freilich,« sagte der Nachtwächter stolz, »ich kann auch Spaß machen.«

Über diesen Witz lachten die Buben so sehr, daß geschwind noch ein paar andere dazukamen, und dann standen sie alle miteinander einträchtig auf der Dorfstraße, schwatzten und lachten, und niemand dachte an eine Strafe. Hans Rumps blieb Nachtwächter und ist es immer noch. Was sollte ohne ihn auch aus Oberheudorf werden!

Schauspieler sind da!

»Was ist denn das?« fragte Schnipfelbauers Fritz, als er an einem Maitag so geschwind aus der Schule herauskam, wie er nie hineinlief. Das Herauskommen war dem Fritz nämlich das Angenehmste von der ganzen Schulgeschichte. Er riß seine Augen so weit auf, als müßten durchaus ein paar Suppenteller daraus werden. Nein, diese Überraschung!

»Was ist denn das?« riefen nun auch alle Buben und Mädel, die nach Fritz aus der Schule kamen, und es gab an diesem Tage erstaunlich viele aufgerissene Augen und offene Münder in Oberheudorf.

Es war aber auch etwas sehr, sehr Seltsames, was da auf der Dorfstraße stand. Ein großer grüner Wagen war es, der Fenster hatte mit kleinen Gardinen daran, und vor dem Wagen standen etliche Damen und Herren, richtige Städter. Die sprachen mit dem Schulzen; der sah sehr wichtig drein und sagte endlich laut und vernehmlich, er hätte nichts dagegen.

»Wie in Niederheudorf zum Vogelschießen sieht es aus,« sagte Heine Peterle bewundernd.

Aber ach, was waren alle Wunder des Niederheudorfer Vogelschießens, was waren Karussell, Pfefferkuchen, ja selbst das Kasperletheater gegen die Herrlichkeit, die jetzt in Oberheudorf ihren Einzug hielt! Schauspieler waren gekommen, es sollte in dem großen Saal des Wirtshauses »Zur himmelblauen Ente« Theater gespielt werden. Kaspar auf dem Berge, der Wirt, war unendlich stolz; der Herr Schauspieldirektor hatte zu ihm gesagt, so einen wundervollen Wirtshausnamen hätte er noch nie gehört, überhaupt scheine ihm das Oberheudorfer Publikum sehr viel Interesse für die Kunst zu haben.

Das war nun wahr, wenigstens die Kinder standen unentwegt und starrten das Wirtshaus an, als hätten sie es noch nie gesehen. Und wenn einer der Schauspieler nur die Nasenspitze zur Türe hinaussteckte, gleich gab es ein fürchterliches Geschrei, die Buben und Mädel stießen und drängten, als wollten sie die »himmelblaue Ente« umreißen.

Der Schulze hatte nichts gegen das geplante Spiel, und die Dorfleute freuten sich. Sie hatten gerade genug Zeit, in das Theater zu gehen, denn die Heuernte sollte erst in der nächsten Woche beginnen. Die Kinder aber fanden es über alle Maßen wundervoll, denn der Herr Theaterdirektor hatte gesagt, das Stück, das gespielt würde, sei für Erwachsene und für Kinder. Da wurden Sparbüchsen geleert, und mancher Bube oder manches Mädel, das in der nächsten Zeit Geburtstag hatte, wünschte sich das Eintrittsgeld im voraus als Geburtstagsgeschenk. Gab das einen Lärm und ein Geschrei unter den Kindern! Hatte eins die Erlaubnis erhalten, in das Theater zu gehen, dann schrie es die Neuigkeit die ganze Dorfstraße entlang. Von allen Buben aber war keiner aufgeregter als der dicke Friede und Heine Peterle. Die beiden vergaßen zuerst gänzlich, daß sie Schularbeiten zu machen hatten, ja sie vergaßen fast Essen und Trinken darüber, sie standen und bohrten beinahe Löcher in den grünen Wagen mit ihren Blicken.

Am Freitag waren die Schauspieler in Oberheudorf eingezogen, und am Sonntag sollte gespielt werden. Als die Kinder am Samstag wieder aus der Schule kamen und natürlich alle am Wirtshaus vorbeirannten, als sei das der einzig richtige Heimweg, da kam ihnen gerade der Herr Direktor entgegen. Der blieb stehen und schaute die Kinder so forschend an, als wäre er ein Schulrat und wollte prüfen, was sie gelernt hätten. Einigen war das Ansehen unheimlich, die liefen fort, etliche aber blieben stehen, darunter natürlich der dicke Friede und Heine Peterle. Und als hätte der Herr Direktor ihre allergeheimsten Wünsche erraten, so war es, er lächelte plötzlich und fragte sehr freundlich: »Wollt ihr beide mitspielen, ja?«

Heine Peterle, der sonst eigentlich nicht auf den Mund gefallen war, brachte kein Wort heraus, der dicke Friede aber schrie aufgeregt: »Ja!« Es klang, als wollte er das Dorf in Feuersbrunst und Wassergefahr zusammenschreien. Der Herr Direktor trat vor Schreck einige Schritte zurück. Dann aber lächelte er doch wieder und sagte: »Na, dann kommt nur mit mir, ich will euch sagen, was ihr zu tun habt.«

An diesem Nachmittag sprachen die Oberheudorfer Buben und Mädel von nichts weiter als von Heine Peterles und des dicken Friedes Theaterspiel. Wenn sich einer der beiden Buben sehen ließ, und die rannten immer mit hochroten Gesichtern und ungeheuer wichtigen Mienen vor der »himmelblauen Ente« auf und ab, liefen hinein und kamen heraus, dann stürzten gleich ein paar Buben und Mädel auf sie zu und schrieen: »Erzählt uns doch was! Seid ihr ein König? Was zieht ihr denn an? Müßt ihr ein Gedicht sagen?«

Aber die beiden neuen Schauspieler blieben stumm und taten, als wären sie bis an den Rand vollgestopft mit Geheimnissen. Sie lächelten nur gnädig, als wäre ohne sie in Oberheudorf eine Theatervorstellung nicht möglich. Von der Wichtigkeit ihrer Mitwirkung hatten sie beide auch ihre Eltern überzeugt; die hatten erst gar nicht ja sagen wollen, besonders den Müttern war es nicht recht. »Es ist und bleibt ein Unsinn,« sagte Heine Peterles Mutter. »Wer weiß, was dabei für eine Dummheit herauskommt.«

Aber Muhme Rese meinte: »Unser Heine Peterle wird seine Sache schon machen. Wenn der Bengel nur sagen wollte, wen er eigentlich im Spiel vorstellt.«

»Dem ist sein Mund zugeklebt vor lauter Einbildung,« sagte Heinrich lachend.

Damit tat der Knecht dem Buben bitteres Unrecht; sie hätten alle beide himmelgern etwas erzählt, wenn sie nur gewußt hätten, was. Sie hatten bloß dreimal über die Bühne gehen müssen, dann hatte der Direktor gesagt, sie sollten sich neben den einen Stuhl stellen, und hinzugefügt: »Haltet nur das Maul und macht keine dummen Gesichter, das ist die Hauptsache.« Der dicke Friede sagte: »Es kommt noch.« Was, verriet er nicht, aber Heine Peterle tröstete sich auch mit dem Wort: »Es kommt noch.« Irgend etwas Wunderbares, Herrliches mußte doch geschehen. Der dicke Friede übte sich in dieser Erwartung schon allerlei Kasperlessprünge ein, vielleicht konnte er sie gebrauchen.

Am Sonnabend abend erzählte der Wirt, der Direktor und alle Schauspieler allen, die es hören wollten, und manche hörten dreimal zu, daß Grafens auch zur Vorstellung kommen würden. Der Herr Graf Dachhausen auf Schloß Friedheim, das etwa eine Stunde vom Dorf entfernt lag, hatte dem Direktor für sich, seine Familie und seine Gäste gleich acht Billets abgekauft. Dabei hatte er gesagt, er freue sich sehr auf die Vorstellung.

Wenn Grafens kamen, durften die Oberheudorfer nicht fehlen, ja selbst von Niederheudorf kamen etliche Bauern hinauf, und der Wirt sagte stolz: »Es wird rappelvoll werden.«

Es wurde auch rappelvoll. Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung war der Saal besetzt, nur die Plätze für Grafens waren frei, und immer, wenn die Tür aufging, dachten alle: »Jetzt kommen sie!« Endlich kamen sie auch, und der Wirt begleitete die vornehmen Gäste unter vielen Verbeugungen in den Saal hinein. Er verneigte sich rechts und verneigte sich links, und jedesmal, wenn ein Herr oder eine Dame sich setzen wollte, griff der Wirt in seiner Aufregung nach dem Stuhl, zog ihn weg und ließ den auch eine Verbeugung machen. Dabei hätte sich die Frau Gräfin beinahe auf die Erde gesetzt, im rechten Augenblick aber griff die Schnipfelbäuerin, die auf der zweiten Reihe saß, zu, und so setzte sich die Gräfin auf deren Schoß statt auf den Stuhl.

Die Gäste lachten, die Oberheudorfer lachten, zuletzt lachte der Wirt auch, obgleich er gar nicht recht wußte, warum. Er war heilfroh, als Grafens saßen, die waren es auch, und jeder im Saal dachte: »Nun kann es losgehen!«

Es war eine kleine Bühne aufgebaut worden. Ein roter Vorhang schloß den Raum gegen den Saal hin ab, und neugierig, gespannt starrten alle auf den roten Vorhang. Als der einmal ein bißchen wackelte, riefen ein paar Buben aus dem Hintergrund des Saales: »Nun geht es los!«

Es ging aber noch nicht los. Der Vorhang zitterte eine Weile, dann verhüllte er wieder ruhig die Bühne, und aus der Ecke, wo Buben und Mädel miteinander saßen, tönte ein klagendes Stimmlein: »Es dauert so lange!«

»Abwarten und dann Tee trinken,« sagte Leberecht Sperling, der auch gekommen war, brummig. Aber da ging auch schon der Vorhang auseinander, und alles Warten hatte ein Ende. Das Stück begann.

Noch heute weiß niemand recht in Oberheudorf, was eigentlich gespielt worden ist. Auf dem Zettel, der draußen an dem Tor des Wirtshauses klebte, stand zwar »Die Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragödie von Friedrich von Schiller«. Das klang ja sehr verheißungsvoll, aber alle, die das Stück kannten, meinten, es wäre es eben nicht. Erstens war die Jungfrau kein Hirtenmädchen, sondern eine Prinzessin, dann waren die Franzosen keine Franzosen, sondern Deutsche, und dann dachten im ersten Akt alle Zuschauer, es würde vielleicht ein Lustspiel werden. Muhme Rese sagte, es würde vielleicht Genoveva gespielt, dies war nämlich das einzige Stück, das sie je gesehen hatte.

Die Hauptsache aber war, daß das Stück den Zuschauern gefiel, und das tat es. Besonders entzückt waren die Kinder; sie fanden alles wundervoll, nur waren sie enttäuscht, daß Heine Peterle und der dicke Friede nicht gleich von Anfang an auf der Bühne waren. Doch die ließen sich erst im zweiten Akt sehen. »Mit denen wird es ganz was Großartiges,« sagte Muhme Rese zu Muhme Lenelies, neben der sie saß. »Nä, nä, mein Herze zittert vor Angst, wenn ich an unsern Heine Peterle denke. Wenn er's nur recht macht!«

Gemütlich war es just eben Heine Peterle nicht zumute. Der stand mit dem dicken Friede hinter der Bühne, und beide starrten ängstlich und ehrfurchtsvoll auf die Schauspieler, die hin und her gingen und so seltsam redeten. Die beiden Buben steckten in rosenroten Pagenanzügen, dazu hatten sie gelbe Mützen auf, und goldene Leuchter, die aber nur aus Blech waren, sollten sie tragen. Ganz wundervoll kamen sie sich vor. Der dicke Friede fand freilich seine Höslein, die er sonst trug, viel bequemer als die rosenroten, die waren so eng, daß er sich gar nicht zu rühren wagte. Und Heine Peterle sah auch schon krebsrot aus, so preßte und drückte ihn das Wämslein. Die Frau Direktor aber hatte beim Anziehen gesagt: »Ja, wer der Kunst dienen will, hat es nicht leicht. Für so ein Paar dicke Dorfbuben sind unsere Pagenanzüge auch freilich nicht gemacht!«

Im zweiten Akt sollten die beiden Pagen auf der Bühne erscheinen, sie sollten neben dem Königsthron stehen ganz still und feierlich, und je näher der Augenblick kam, daß sie hinausgehen sollten, desto bänglicher schlugen ihre Herzen. Heine Peterle trat schon immer von einem Bein auf das andere, und dem dicken Friede lief der Angstschweiß über das Gesicht, als stände der Bube unter einer Regenrinne.

»Ich reiß aus,« ächzte Friede einmal, und Heine Peterle seufzte tief. Ach, so schwer hatte er sich das Theaterspielen doch nicht vorgestellt. »Wenn's doch erst vorbei wäre!« murmelte er.

»Jetzt kommt!« rief in ihr Seufzen, Stöhnen und heimliches Klagen hinein der Direktor und zog die Buben etwas unsanft auf die Bühne hinaus. Der Vorhang war noch geschlossen, aus dem Zuschauerraum tönte wie ein Brausen das Stimmengewirr. Friede seufzte laut, Heine Peterle leise, seufzen taten beide, und beide hörten vor Angst und Aufregung kaum, daß der Herr Direktor, der als König auf einem Thronsessel saß, sie ermahnte: »Steht still, zappelt nicht immer hin und her!« und dann: »Donnerwetter, Jungens, macht nicht so schrecklich dumme Gesichter!«

Die Mahnung war kaum verklungen, da schrillte eine Klingel, und schnurr ging der Vorhang auf.

»Da sind sie, nä, seht doch, seht doch!« brüllten im Zuschauerraum etliche Buben und Mädel.

»Ach wie fein!« quiekte Annchen Amsee.

»Nä, unser Heine Peterle, da ist er, da ist er!« schrie Muhme Rese. Sie vergaß ganz, daß so vornehme Gäste anwesend waren, stand auf und winkte mit ihrem Taschentuch. »Guten Tag, Heine Peterle, nä, was siehst du fein aus!« Muhme Lenelies zog die Aufgeregte rechts am Rock, Heine Peterles Mutter links, und endlich setzte sich Muhme Rese, während alle im Saal laut lachten.