Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf: Fünfzehn heitere Erzählungen
Part 5
»Mähmäh mäh,« meckerte es plötzlich neben Traumfriede, und verdutzt schaute sich der Bube um. Alle Märchenherrlichkeit war verschwunden, er saß wieder neben dem Stachelbeerbusch, und vor ihm stand Friederike, Muhme Lenelies' höchst kluge und gebildete Ziege. Sie war Friede nachgelaufen und schien sehr ungnädig, daß sie so wenig beachtet wurde. Der Bube schämte sich ein bißchen, ihm war es immer, als könnte Friederike in seinem Herzen lesen, und gewiß lachte sie heimlich über all die Geschichten, die er immer zusammenträumte. Aber Friederike lachte nicht, sondern beschnupperte ein paar feine Blättchen und geruhte sie zu fressen. »Komm heim, Friederike,« rief Friede, »du darfst hier nicht fressen! Wenn es Leberecht Sperling sieht, schreibt er uns auf.«
Leberecht Sperling, der gefürchtete Waldhüter, der jedes Kind, das er im Walde traf, mißtrauisch ansah, ob es nicht eine Dummheit gemacht hatte oder vielleicht eine machen wollte, schien auch Friederike zu erschrecken. Sie trabte geduldig neben Friede her, und bald lag der Wald mit aller Märchenherrlichkeit hinter den beiden.
Es vergingen viele, viele Tage, und die Herren aus der Stadt, die das Hünengrab erforschen wollten, kamen nicht. Die Kinder vergaßen die Geschichte beinahe, nur Traumfriede nicht, der saß, so oft er konnte, auf dem Steinhaufen, aber auch seine Angst, die Zerstörer würden kommen, legte sich nach und nach.
Und dann waren die Herren auf einmal da. Als die Kinder an einem Mittwoch aus der Schule kamen, sahen sie vor dem Wirtshaus »Zur himmelblauen Ente« einen Wagen stehen. Natürlich liefen sie nun nicht heim, sondern rannten alle vor das Wirtshaus, und Heine Peterle, dessen Oheim der Wirt war, lief hinein und brachte die Nachricht: »Es sind die da, die zu dem Hünengrab wollen.«
»Wir gehen auch hin,« sagten gleich zwei, drei Stimmen, und ein paar andere antworteten: »Na ob! Natürlich!«
Die drei Herren, die inzwischen in der Wirtsstube saßen und auf das bestellte Mittagbrot warteten, konnten gar nicht begreifen, warum der Wirt auf einmal sagte: »'s ist schade, daß Mittwoch ist!« -- »Warum denn?« fragte der älteste der drei Herren erstaunt, es war ein stattlicher Mann, mit weißgrauem Vollbart und klugen Augen, »das Wetter ist doch so gut?«
»Na ja,« brummte Kaspar auf dem Berge und lief hinaus, um nach dem Mittagessen zu sehen. Draußen schüttelte er mit dem Kopfe und sagte: »Nä, das weiß man doch, daß am Mittwoch die Kinder immer bei allem dabei sind und einem in die Quere kommen!«
Davon schienen nun die gelehrten Herren aus der Stadt keine Ahnung zu haben. Sie verzehrten ihr Mittagbrot, auf das sie noch recht lange warten mußten, dann sprachen sie noch mit dem Herrn Lehrer und dem Schulzen. Der Herr Pfarrer war an diesem Tage nicht daheim, und der Herr Lehrer erwartete einen Kollegen, er versprach nachzukommen. Nur der Schulze konnte die Herren begleiten, auch der Wirt kam mit, ein paar Knechte folgten mit Hacken und Grabscheiten, und so zogen alle miteinander in den Kuhberger Wald. Als sie auf der Waldwiese anlangten, blieben die Herren verblüfft stehen; auf dem Steinhügel saßen sämtliche Oberheudorfer Buben und Mädel, saßen da, als müßte es so sein, als wäre dies der einzige Fleck, auf dem sie just diesen Nachmittag sitzen konnten.
»Ach so,« sagte der Herr mit dem weißen Vollbart, den seine Begleiter immer Herr Geheimrat nannten, »darum bedauerte der Wirt, daß wir an einem Mittwoch gekommen sind. Nun verstehe ich, warum!«
»Ja, das Kindervolk,« brummte der Schulze, »immer ist es dabei, immer will es zusehen. Na, und wenn unsere Mädel und Buben nicht dabei sind, ist es auch nicht recht.« Nach dieser Erklärung zog er seine Stirn in finstere Falten und schrie: »Nun marsch runter von da oben!« Die Kinder gehorchten, nicht sehr geschwind und nicht sehr vergnügt, aber sie taten es doch; dann freilich blieben sie dicht an dem Steinhügel stehen. Sie wurden zwar immer wieder ermahnt, weiter zu gehen, einmal schalt der Herr Geheimrat, ein anderes Mal der Schulze, dann flogen die Buben und Mädel auseinander wie eine Spatzenschar, in die jemand mit einem Blasrohr hineingepustet hat. Fünf Minuten, ach nein, drei, nein, zwei Minuten später standen alle schon wieder dicht am Steinhügel, und bei jedem Stein, der aufgehoben wurde, schrieen sie »Oh!« und »Ah!« als sei das etwas ganz Wunderbares.
Leberecht Sperling kam herbei und Hans Rumps. Die beiden schalten auch über das neugierige Kindervolk, aber Heine Peterle sagte patzig: »Wir tun doch nichts, und ein Nachtwächter hat jetzt überhaupt nichts zu sagen, es ist doch Tag!«
Die andern Buben und Mädel gaben ihrem Beifall so laut Ausdruck, daß der Herr Geheimrat und die beiden andern Herren ordentlich erschraken. »Sagt mal, Kinder,« fragte der Geheimrat, »eßt ihr gern Schokolade, und hat der Krämer welche?«
»Ja,« schrieen sämtliche Buben und Mädel und lachten, als erwarteten sie, daß die Schokolade gleich vom Himmel herunterpurzeln sollte.
»Na, dann paßt mal auf,« sagte der Geheimrat, zog sein Portemonnaie hervor und suchte alles Kleingeld zusammen. Seine Begleiter taten es ihm nach, und jedes Kind erhielt einen Groschen. »Dafür dürft ihr gehen und euch Schokolade kaufen.«
»Geht nach Niederheudorf, da gibt es bessere,« riet der Schulze. Er dachte, Niederheudorf ist weiter, da sind sie nicht so rasch zurück. Die Kinder nickten, und eins, zwei, drei waren sie vom Steinhaufen weg und im Walde verschwunden. Zwei Minuten später aber waren sie alle wieder da.
»Na nu, holt ihr denn keine Schokolade?« riefen die Herren verdutzt.
»Krämers Trude ist gegangen, sie bringt uns alles, wir erzählen ihr nachher, was los ist,« riefen Buben und Mädel wie aus einem Munde und kamen geschwind so dicht heran, als müßten sie durchaus mit ihren Nasen dabei sein.
»Mir scheint, es hilft uns nichts, wir müssen uns mit den Kindern abfinden,« sagte der Geheimrat halb lachend, halb ärgerlich, »na, vielleicht wird ihnen die Sache bald langweilig!«
Diese Hoffnung sollte sich auch erfüllen, den Kindern wurde das Zusehen wirklich langweilig. Sie hatten gedacht, es würde ganz geschwind gehen, und die goldenen Schätze würden aus der Erde gehoben werden wie die Kartoffeln im Herbst, statt dessen mahnte der Geheimrat immer zur Vorsicht, und nur langsam wurde ein Stein nach dem andern abgetragen. So kam es, daß die Kinder gar nicht dabei waren, als am nächsten Tage gegen Abend endlich das Grab geöffnet wurde. Es fanden sich wirklich allerlei Urnen und Bronzegeräte darin, ein Schwert, Armringe und dergleichen. Die Sachen wurden in das Wirtshaus gebracht und dort aufgestellt. Kaspar auf dem Berge hatte heilig und teuer gelobt, er wollte alles sorgsam behüten, während draußen im Walde die drei Herren das geöffnete Grab noch weiter untersuchten.
Ganz Oberheudorf war über das Hünengrab in Aufregung. Freilich waren die meisten etwas enttäuscht; sie hatten wie die Kinder erwartet, in dem Grab würden kostbare Schmucksachen liegen, Gold und Edelsteine; die paar unansehnlichen Dinge wollten ihnen gar nicht recht gefallen. Sie konnten nicht begreifen, warum die gelehrten Herren so froh darüber waren und taten, als hätten sie Wunder was für Kostbarkeiten gefunden.
»Wenn sie wenigstens ordentlich blank wären,« sagte Annchen Amsee und deutete verächtlich auf einen fast schwarzen Armring. Etliche Buben und Mädel standen nämlich wieder einmal vor den ausgegrabenen Sachen. Es war Sonnabend nachmittag, aber obgleich schulfrei war, waren die Kinder nicht in den Wald gelaufen, wo die Herren das Grab wieder zuschütten ließen, nur ein paar ganz neugierige Buben waren mitgerannt, den andern war es eben zu langweilig. Morgen wollten die drei Herren abreisen, und der Wirt sagte wichtig zu den Kindern: »Seht euch nur alles noch einmal gründlich an, die Sachen kommen nachher in ein Mu -- se -- um, ja, so hat der Herr Geheimrat gesagt!«
»Was ist denn das für ein Ding, Oheim?« fragte Heine Peterle.
»Hm ja,« Kaspar legte den Finger an die Nase, »das ist, nun das ist eben eine große Truhe.«
»Aber so schmutzig, wie alles ist,« rief Waldbauers Mariandel, die ein kleines, sauberes Mädel war und himmelgern putzte und wischte. »Wir wollen es blank putzen,« schrieen Annchen Amsee und Schulzens Röse begeistert, »gelt ja, wir dürfen?« fragten sie den Wirt. »Der Herr Geheimrat wird sich sicher arg freuen.«
»Na ja, hm, ich weiß nicht recht, gut wär's freilich schon, wenn der Schmutz runter käme,« sagte Kaspar nachdenklich.
Die Mädel bettelten und baten, die Buben halfen ihnen, und endlich erlaubte es der Wirt; er dachte auch, die Gäste würden sich schon freuen.
Flink holten nun Annchen Amsee und Mariandel Sand, Seife, Scheuerbürsten und Lappen herbei, die Buben standen mit den Händen in den Hosentaschen da und sahen zu, und Heine Peterle befahl, als sei er mindestens ein General: »Zuerst den Säbel!« Damit meinte er das Schwert, aber das wollten die Mädel nicht anfassen, davor graulten sie sich. »Vielleicht ist mal jemand damit totgestochen worden, brr, nä,« rief Annchen Amsee und schüttelte sich, als sei sie ein Apfelbaum, von dem alle Äpfel herunterfallen sollten. Mariandel ergriff einen Armring und sagte: »Wir wollen erst mal sehen, ob es geht. Pfui, ist das Ding schmierig!« Das kleine, handfeste Mädel rieb tapfer mit Seife, Sand und der Scheuerbürste an dem uralten Reif. »Na, das geht aber schwer,« stöhnte sie, rieb und rieb und siehe da, der Schmutz ging wirklich etwas ab.
»Macht nur nichts entzwei,« warnte der Wirt die Eifrigen.
»Bewahre,« riefen die Buben, als wären sie es, die putzten, »wir passen schon auf!«
»Na, euch brauchen wir gar nicht,« erwiderte Annchen Amsee schnippisch, »ihr steht uns ja nur im Wege.«
Schulzens Jakob wollte gerade seine Entrüstung über diese Frechheit aussprechen, als sich die Türe öffnete und der Herr Geheimrat eintrat. »Zum Donnerwetter, was macht ihr denn da?« schrie er so laut und so wütend, daß Mariandel vor Schreck gleich mit ihrer Scheuerbürste hintenüber purzelte.
»Wir putzen,« stammelten Annchen Amsee und Krämers Trude, »wir...« Weiter kamen sie nicht, der Geheimrat riß ihnen die Reifen aus den Händen, und dabei schalt und wetterte er so, daß es den Buben und Mädeln himmelangst wurde und der Wirt mit puterrotem Gesicht erschrocken zur Türe hereinsah. »Was gibt's denn, was gibt's denn?« rief er.
»Die dummen Dinger hier,« schrie ihn der gelehrte Herr an, »putzen an den Sachen herum. Nennen Sie das aufpassen, Herr Wirt?«
»Hm ja,« murmelte Kaspar ganz verdattert, »schmutzig genug ist doch das Zeug, und die Mädel wollten dem Herrn Geheimrat doch eine Freude machen!«
»Eine Freude!« Der Geheimrat schaute drein, als wüßte er nicht, ob er lachen oder vielleicht jemand eine Ohrfeige geben sollte, und die Mädel brachen vor Angst in ein so furchtbares Jammergeschrei aus, daß der Geheimrat sie entsetzt anstarrte. Sein Zorn legte sich ein wenig, da er sah, daß der angerichtete Schaden noch nicht groß war, und er sagte etwas freundlicher: »Aber Kinder, weint doch nicht so!«
Wenn die Oberheudorfer Mädel aber einmal heulten, dann besorgten sie das gleich gründlich. Mit drei Tränlein vielleicht war bei ihnen die Sache nicht abgetan, Taschentuch und Schürze mußten zum Ausringen naß sein, und an Geschrei durfte es auch nicht fehlen. Zum Überfluß stand noch Mine an der Türe und heulte mit, Kastor, der Haushund, bellte dazu, die Buben schnitten grimmige Gesichter, und draußen auf der Dorfstraße schnatterten die Gänse, bellten die Hunde, und Schuster Pechdraht schaute zu dem offenen Fenster hinein und fragte: »Was haben denn die Mädel, was fehlt ihnen denn?«
Der Geheimrat sah sich ratlos um: der Lärm war ja gräßlich, die Ohren hätte man sich zuhalten mögen bei diesem Geschrei. Ihm riß schließlich die Geduld, und er schrie empört: »Hinaus, macht, daß ihr alle hinauskommt!«
»Er haut!« schrie Anton Friedlich erschrocken, und hops! war er an der Tür. Er rannte Mine und Kastor beinahe um, und wie die wilde Jagd folgten ihm die andern. Ein Scheuereimer wurde umgeworfen, ein Stück Seife flog in eine Ecke, eine Scheuerbürste fiel dem Geheimrat vor die Füße, und der alte Herr fing da plötzlich an zu lachen, laut und herzlich. »Er ist übergeschnappt,« jammerte Mine und flüchtete in die Küche. Dem Geheimrat aber kam die Geschichte nun doch sehr komisch vor, er lachte noch, als seine beiden Gefährten zurückkamen. Er zeigte ihnen die Putzversuche und sagte: »So etwas ist mir auch noch nicht vorgekommen, nein, so dumme Mädel!«
Im Dorf sagten ihm später dies Wort nur etliche Leute nach, die meisten fanden, die Mädel wären doch aber sehr brav gewesen, und dem schmutzigen, alten Kram wäre das Putzen schon recht gewesen; viel dümmer sei es, ihn schmutzig zu lassen!
»Nä, schmutzig müssen die in der Stadt aber sein,« sagte Heine Peterle verächtlich und wischte sich mit seinem Jackenärmel seine kleine Stupsnase ab. »Pfui, nicht mal putzen lassen die die alten Sachen!«
»Pfui!« riefen auch die Mädel verächtlich, die noch immer tief beleidigt waren.
Die drei gelehrten Herren aber packten ihre ausgegrabenen Sachen geschwind sorgsam ein; sie hatten Angst, es könnte sie noch jemand mit Sand und Seife abscheuern wollen. Am nächsten Morgen, der sonntäglich hell und schön war, ging der Geheimrat noch einmal nach dem Hünengrab hinaus, das wieder sorgfältig zugeschüttet worden war. Als er hinaus kam, fand er Friede draußen. Der Bube saß auf den Steinen, er hatte den Stachelbeerstrauch, den man achtlos beiseite geworfen hatte, neben sich liegen und weinte bitterlich.
»Warum weinst du denn?« fragte der alte Herr den Knaben mitleidig.
Der hob seine blauen Augen zu dem gelehrten Herrn empor und sagte leise, zaghaft: »Der Busch hier ist ausgerissen worden und alles zerstört. Und -- es war doch so schön!« Dann sprang er rasch auf, nahm den Stachelbeerbusch und lief davon.
Kopfschüttelnd sah der Geheimrat ihm nach: »Eine wunderliche Gesellschaft, diese Oberheudorfer Kinder, höchst merkwürdig! Ein Bube, der weint, weil man ein paar Büsche ausgerissen hat, ist wirklich sehr merkwürdig; ich glaube beinahe, in dem steckt ein Dichter. Na, ich werde den Kindern eine große Zuckertüte schenken!« Das tat der Geheimrat auch, und seitdem finden ihn alle Oberheudorfer Buben und Mädel sehr nett. Annchen Amsee aber sagte: »Er hat sich halt doch über unsere Putzerei gefreut.«
In Muhme Lenelies' winzigem Garten fand der Stachelbeerbusch von dem Hünengrab noch ein Plätzchen, und Friede pflegte ihn, als sei er der kostbarste Strauch der Welt.
Nachtwächter sein ist manchmal schwer.
In Oberheudorf sagten die Leute wohl manchmal von einem, der recht, recht gut schläft: Er schläft so fest wie Hans Rumps. Darüber war dann allemal Hans Rumps, der Nachtwächter, sehr ärgerlich; er wollte das nicht gern hören, weil doch eigentlich ein Nachtwächter wachen und nicht schlafen soll. Aber freilich, viel zu wachen gab es in Oberheudorf nicht, es passierte selten ein Unheil. Wenn es wirklich einmal brannte, dann war das Feuer meist so freundlich, am Tage auszubrechen, oder andere Leute merkten es und schrieen gleich so gewaltig, daß selbst Hans Rumps aufwachte und dann immer noch Zeit hatte, in sein Horn zu blasen. Spitzbuben und anderes lichtscheues Gesindel ließ sich kaum in Oberheudorf sehen. Hans Rumps meinte, weil sie alle Angst vor ihm hätten, die Dorfbewohner aber dachten, wohl weil ihr Dorf abseits von der großen Landstraße liegt und selbst Spitzbuben manchmal zu faul sind, erst Umwege zu machen. Mitunter hatten der Schulze und andere Bauern schon gesagt, eigentlich brauchten sie gar keinen Nachtwächter mehr, einen Nachtwächter zu haben, sei überhaupt gar nicht mehr Mode.
Potztausend, dann schimpfte aber Hans Rumps, wenn er so etwas hörte. Er meinte, ein Nachtwächter sei etwas ungeheuer Notwendiges und Wichtiges; wenn die Leute in den Städten so dumm wären und statt Nachtwächter Polizisten hätten, na gut, das mochten sie, aber ein Nachtwächter sei eben doch am besten, und Oberheudorf ohne Nachtwächter sei gar nicht auszudenken. Im Ernst dachte schließlich auch niemand daran, Hans Rumps seinen Posten zu nehmen. Von seiner Wichtigkeit waren freilich nur wenige überzeugt, aber das schadete nichts, er selbst war es desto mehr.
Weil nun Hans Rumps schließlich doch nicht Tag und Nacht schlafen konnte, spazierte er in der Zeit, in der er wachte, gern auf der Dorfstraße herum und tat, als hätte er tausend notwendige Dinge zu tun. Passierte irgend etwas im Dorf, und der Nachtwächter erfuhr es, dann konnte man sicher sein, daß es eine halbe Stunde später alle andern Leute auch wußten.
Mit den Kindern war Hans Rumps meist gut freund, die erzählten ihm gern alle ihre Schulgeschichten, und wenn der Nachtwächter langsam und feierlich durch das Dorf ging, dann hopsten meist ein paar Buben und Mädel neben ihm herum und schwätzten mit ihm.
Muhme Lenelies sagte manchmal: »Es hat halt jeder Mensch mitunter seinen Linksaufstehtag, an dem er nicht weiß, ob er mit der Sonne Streit anfangen oder dem Wind das Blasen verbieten soll.« So einen Linksaufstehtag hatte nun Hans Rumps auch mitunter, und dann war mit ihm nicht gut Kirschen essen, dann brummte und schalt er über alles, dann schrie er die Gänse an, sie sollten das Schnattern lassen, die Hühner sollten mehr Eier legen, und die Kinder hätte er dann am liebsten den ganzen Tag in der Schule nachsitzen lassen.
An einem solchen Tage nun fand der Nachtwächter einmal mitten auf der Dorfstraße ein paar Holzpantoffel. Heine Peterle hatte sie stehen lassen, weil es ihm einfiel, daß das Barfußlaufen an einem heißen Tage behaglicher sei. Die Pantoffel erst nach Hause zu tragen, das war ihm zu anstrengend gewesen, er hatte sie einfach auf der Straße stehen lassen und gedacht: Wenn ich zurückkomme, nehme ich sie mit. Schulzens Jakob, Anton Friedlich und noch einige andere Buben hatten ihn nämlich zum Indianerspielen aufgefordert, und dazu war es ihm gerade nicht zu heiß.
Hans Rumps sah auch die Holzpantoffel an, schüttelte mit dem Kopf, zog die Stirn in Falten, bückte sich endlich, hob die Pantoffel auf und trug sie finster bis an den Dorfteich und -- warf sie hinein. »Es muß Ordnung auf der Dorfstraße sein,« murrte er, »mit dem Kindervolk ist's auch nicht mehr auszukommen.«
Annchen Amsee und Bäckermeisters Mariele, die am andern Ufer sehr eifrig mit ihren kleinen Geschwistern Puppenwäsche abhielten, sahen die Untat; sie schrieen laut auf vor Empörung, und Annchen Amsee wäre beinahe vor Schreck in das Wasser gefallen. Hans Rumps ärgerte sich über das Geschrei, hob drohend die Hand empor und sagte scheltend: »Ich werde euch in das Spritzenhaus sperren, wenn ihr so schreit!«
Das war doch arg! Die Mädel sahen sich ganz entsetzt an ob dieser Grobheit, dann nahmen sie eins, zwei, drei Wäsche, Puppen und kleine Geschwister und zogen heim. Unterwegs trafen sie die Buben, die gerade in voller Indianeraufregung ankamen. Ihnen erzählten die Mädel empört, was geschehen war, und nicht lange nachher standen sämtliche Oberheudorfer Buben und Mädel um den Teich herum, auf dem Heine Peterles Pantoffel schwammen, und lärmten, als zöge der Feind mit hundert Kanonen auf Oberheudorf los.
Hans Rumps aber war in seiner schlechten Laune erst zum Schulzen und dann zum Herrn Lehrer gegangen und hatte die Kinder verklagt; sie wären ausbündig ungezogen. Der Schulze war gerade arbeitsmüde vom Felde heimgekommen und hatte ein großes Amtsschreiben vorgefunden, das er beantworten sollte. Nun kam auch noch der Nachtwächter mit seiner Klage. Das war ihm zu toll. Er lief hinaus und hielt den Buben und Mädeln eine solche Strafrede, daß es denen zumute war, als prasselten Hagelkörner auf ihre Köpfe hernieder. Sie waren anfangs so verdutzt, daß sie überhaupt nichts sagen konnten, als aber der Herr Lehrer auch noch dazukam, gefolgt von Hans Rumps, und auch noch schelten wollte, da erhoben Mädel und Buben ein furchtbares Jammergeheul. Sie schrieen und klagten: »Wir haben ja nichts getan!«
Heine Peterles Holzpantoffel, die eigentlich das ganze Unheil angerichtet hatten, schwammen inzwischen ganz vergnügt auf dem Teich herum. Ein leichter Wind hatte sich erhoben und bewegte ein wenig das Wasser. Schnipfelbauers Fritz, dem das Schelten und Klagen etwas langweilig geworden war, hatte eine Bohnenstange am Teichrand gefunden. Damit bemühte er sich in allem Wirrwarr, die Pantoffel an das Land zu ziehen, und gerade als Hans Rumps seine Anklage vorbringen wollte, platschte es, das Wasser spritzte hoch auf, und -- zwei Bubenbeine ragten einige Sekunden zappelnd in die Luft.
Entsetzt sprangen der Schulze und der Lehrer herbei, und so schnell als er hineingefallen war, so schnell kam Schnipfelbauers Fritz auch wieder aus dem Wasser heraus. Er schluckte, pustete, spuckte und schrie, der Schulze aber fuhr ihn an: »Mach, daß du nach Hause kommst, dummer Bengel du! Und ihr andern schert euch auch fort, sonst fallen noch ein paar von euch ins Wasser. Nun marsch, kehrt, drückt euch!«
Damit endete die Geschichte. Hinterher fand der Schulze, daß eigentlich nur Heine Peterle einen Rüffel verdient hätte, denn Holzpantoffel dürfen eben nicht auf der Dorfstraße stehen. »So ein Gezeter um ein Paar Holzpantoffel,« brummte er Hans Rumps an, »was soll denn das heißen? Haben die Dinger vielleicht gebissen?«
Der Nachtwächter zog beschämt von dannen, ging heim und legte sich schlafen, um sich für den Nachtdienst zu stärken.
Die Kinder aber waren empört, sie waren alle miteinander bitterböse auf Hans Rumps. Am ärgerlichsten war Heine Peterle. Der Bube bekam daheim noch einmal Schelte, und das wäre alles nicht gewesen, wenn der Nachtwächter die Pantoffel nicht in den Teich geworfen hätte. »Hans Rumps nimm dich in acht!« murmelten die Buben in den nächsten Tagen, und die Mädel flüsterten und tuschelten einander zu: »Sie spielen ihm einen Streich.«
Dem Nachtwächter selbst war es gar nicht behaglich zumute. Als sein Linksaufstehtag zu Ende war, sah er ein, daß er den Kindern doch eigentlich unrecht getan hatte; er ärgerte sich darüber und war darum noch dreimal schlechterer Laune als vorher. Er schnitt ein Gesicht, als sollten alle Nachtwächter der Welt auf eine wüste, einsame Insel verbannt werden, und jeder, der in diesen Tagen Hans Rumps traf, erschrak vor dessen bitterböser Miene.
Etliche Tage vergingen, und der Freitag kam heran. An diesem Tage butterten alle Oberheudorfer Bauernfrauen, zählten ihre Eier zusammen, pflückten Obst und Gemüse ab, denn am Sonnabend fuhren immer etliche in aller Morgenfrühe in die nächste Stadt, um dort auf dem Markt ihre Sachen zu verkaufen. Meist fuhren drei bis vier Frauen, und die andern gaben ihnen ihre Waren mit. Die Bäuerinnen wechselten meist mit dem Fahren ab, sie sparten auf diese Art viel Zeit.
Hans Rumps konnte den Sonnabend gar nicht leiden, der begann immer viel früher als andere Tage, und meist wurde er gerade im schönsten Morgenschlummer gestört, was er nicht gut vertragen konnte. Er wollte aber auch dabei sein, wenn die Bäuerinnen abfuhren, er hielt das für seine Pflicht. Die Bäuerinnen sagten zwar, es sei Neugier, und neugierig war nun Hans Rumps wirklich sehr. Der Freitagabend war sehr schön und warm, ja man konnte schon sagen heiß. Hans Rumps, der sich sonst gern in eine Scheune legte, wenn er die zehnte Stunde abgeblasen hatte, legte sich an diesem Abend auf die Bank unter der Linde, die gerade vor dem Wirtshaus »Zur himmelblauen Ente« stand. Hier pflegten sich am Morgen alle Bauernfrauen zu versammeln, hierher kamen sie mit ihren Wagen, und die andern, die daheim blieben, brachten ihre Waren. Der Nachtwächter war also gleich dabei, und verschlafen konnte er es nicht; die Frauen sprachen meist lebhaft miteinander, da wurde er schon munter.