Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf: Fünfzehn heitere Erzählungen

Part 4

Chapter 43,740 wordsPublic domain

»Der Herr Lehrer hat sich auch gewundert,« sagte Fritz, der ordentlich froh war, daß sich der Lehrer einmal über etwas anderes als über seine Faulheit zu wundern hatte.

»Na, der Friede wird schon kommen, und so arg böse wird der Herr Lehrer nicht auf ihn sein,« meinte die Bäuerin und ging in das Haus, und da es Mittagszeit war, folgte Fritz ungerufen. Er hatte in der Rechenstunde von sechs Exempeln sechs falsch gerechnet und in der Schreibstunde drei Kleckse und dreiundzwanzig Fehler in zwanzig Wörtern gemacht, davon bekommt einer schon Hunger.

Während alle Oberheudorfer Buben und Mädel vergnügt ihr Mittagbrot verzehrten und Muhme Lenelies still in ihrem Stübchen lag und mit Mimi, ihrer Amsel, und Schnurpsel, dem Kater, zusah, wie draußen die weißen Flocken in der Luft herumwirbelten, war Traumfriede weit, weit von Oberheudorf entfernt. Lange vor Tagesanbruch war er mit seinem Laternchen ausgezogen. Trotz haushoher Schneewälle, trotz Sturm und Kälte wollte er doch nach der Stadt wandern, um für seine Pflegemutter die Hustentropfen zu holen. Heimlich war er gegangen; er wußte, Muhme Lenelies würde sich um ihn sorgen, und die Sorge wollte er ihr ersparen. Es bedrückte ihn freilich schwer, daß er nicht in der Schule sein konnte, aber er dachte: »Wenn ich nachher den Herrn Lehrer bitte, wird er es mir schon verzeihen; ich mußte doch gehen.« Tapfer schritt er aus. Es war, als er fortging, noch so dunkel, daß er kaum den Weg erkennen konnte. Dazu lag der Schnee so hoch, daß er oft bis an den Hals einsank. Bis Niederheudorf ging es noch, da war am Tage vorher der Weg gebahnt worden, als Friede aber nachher in den Wald einbog, wurde das Vorwärtskommen immer schwerer, und er blieb manchmal fast verzagt stehen. Aber der Gedanke, Muhme Lenelies würde vielleicht kränker werden, wenn er die Tropfen nicht brächte, trieb ihn immer wieder vorwärts. Nach und nach dämmerte der Tag herauf, und als er aus dem Walde wieder heraustrat, da lag das weite Land im blassen Morgenschein still und weiß vor ihm. Es sah so schön aus, daß er darüber beinahe alle Beschwerden des Weges vergaß. Er blies hurtig sein Laternlein aus und stapfte unverzagt weiter. Nach vielstündiger Wanderung erreichte er endlich die kleine Stadt, in der die Apotheke war. Er fand sie bald, trat ein und verlangte die Hustentropfen für Muhme Lenelies. Dabei wunderte er sich selbst über seinen Mut; ganz vergnügt dachte er: »Na, Heine Peterle sollte sehen, wie ich mich zurecht finde.« Heine Peterle konnte die Stadt nicht leiden, warum, ist schon in einem andern Buche erzählt worden, aber auch die übrigen Oberheudorfer Buben und Mädel wollten nicht viel von der Stadt wissen. Sie kannten sie nämlich gar nicht; wenn mal eins mitgenommen wurde, das war dann immer eine besondere Sache. Zum Vergnügen fuhren die Oberheudorfer nicht in die Stadt, nur zum Kauf und Verkauf. Meist waren da, wenn sie von Oberheudorf abfuhren, die Wagen voll und für Kindervolk kein Platz mehr. Auch Friede war noch nie mit in der Stadt gewesen, es gefiel ihm aber ganz gut darin, und die Leute, die er nach der Apotheke fragte, gaben ihm auch freundlich Auskunft. Der Apotheker freilich war nicht nett, der verlangte ein Rezept, und als Friede verlegen sagte, er hätte keins, wollte er ihm die Tropfen nicht geben. Der Bube, der müde und hungrig war, stand ganz verdattert da. Ein alter Herr neben ihm sah es und fragte mitleidig, für wen er die Tropfen wollte. Friede gab Auskunft, treuherzig erzählte er alles, und der alte Herr riet ihm, er sollte doch zu Doktor Treumann gehen, der wohne ganz in der Nähe und würde ihm sicher die Tropfen noch einmal verschreiben. Das tat denn Friede auch. Der Doktor, der just fortgehen wollte, war sehr erstaunt, den Buben zu sehen. Der freundliche Arzt kam nicht allzu oft nach Oberheudorf, denn viel Kranke gab es nicht im Dorf, er kannte trotzdem alle Leute dort, und die alte Muhme Lenelies mochte er besonders gern leiden. Er wußte aber auch, wie weit es bis Oberheudorf war, und wie schwer es sich bei solchem Schneewetter ging. »Junge,« rief er ganz erstaunt, »bist du denn zu Fuß gekommen?«

»Ja,« sagte Friede treuherzig, »die Pferde kommen doch nicht mehr durch, sonst hätte die Schnipfelbäuerin die Tropfen mitgebracht.«

»Na, das ist gut,« rief Doktor Treumann, »die Pferde können nicht mehr durchkommen, und so ein Dreikäsehoch läuft den Weg, noch dazu in der Dunkelheit. Aber Junge, Junge, wie konnte deine Pflegemutter nur so unvernünftig sein und dich gehen lassen!«

Verlegen bekannte Friede, daß er heimlich davongelaufen sei, weil die Muhme ihn sonst nicht hätte gehen lassen. »Und sie muß doch ihre Tropfen haben,« flüsterte er.

Der Arzt strich ihm sacht über den Kopf. »Du bist ein braver Bursche,« sagte er ernst, »aber ich habe Angst um dich, du wirst nicht heim kommen. Bergauf brauchst du noch mehr Zeit, das ist noch schwerer; ich fürchte, das wird zu viel für deine Kräfte sein.«

»Ach nä,« rief Friede vergnügt und mutig, »es geht schon, ich bin gar nicht müde!«

Der Arzt überdachte die Sache. Er selbst mußte eilig fort zu einem Schwerkranken, er hatte kaum Zeit, etwas für den Buben zu sorgen. Kam der nun heute nicht heim, dann ängstigte sich Muhme Lenelies vielleicht so, daß sie noch kränker wurde. Die Tropfen brauchte sie, ein Bote, der den Weg machte, würde sich schwer finden, also mußte Friede schon wieder zurückwandern. Er ließ dem Buben heißen Kaffee geben, dazu Butterschnitten, und dann ermahnte er ihn: »Du darfst dich aber nicht ausruhen wollen unterwegs, und wenn du noch so müde bist, sonst schläfst du ein und erfrierst. Gib mir die Hand darauf, Junge, daß du dich nicht hinsetzt!«

Friede gab dem gütigen Mann die Hand, und der mahnte noch einmal: »Denk an dein Versprechen! Sein Wort muß man halten; ein Feigling, wer es nicht tut.« --

Nach einer Stunde trabte Friede gut ausgeruht und satt, die Tropfen in der Tasche und noch ein Paketchen vom Arzt, das er dem Lehrer abgeben sollte, wieder der Heimat zu. Anfangs ging es leicht, bald aber merkte er, daß Doktor Treumann recht gehabt hatte damit, daß der Heimweg schwerer sein würde. An manchen Stellen mußte er durch den Schnee krabbeln wie eine Maus durch einen vollen Mehlsack. Mitunter stand er minutenlang still und meinte vor Müdigkeit umsinken zu müssen, dann trieb ihn aber immer wieder der Gedanke an sein Versprechen vorwärts. Er hatte sein Wort gegeben, das mußte er halten, und Muhme Lenelies mußte ihre Tropfen haben, sonst wurde sie kränker.

Immer wieder raffte er sich auf und trabte weiter. Einmal versank er so im Schnee, daß er sich nur an dem tief herniederhängenden Ast einer Tanne wieder emporziehen konnte. Dazu brauste der Wind und trieb ihm die Flocken in das Gesicht; das stach wie mit Nadeln, und mitunter konnte er gar nichts sehen.

Als er endlich den Wald erreicht hatte, überfiel ihn eine solche Mattigkeit, daß er stehen blieb und sich an eine Tanne lehnte; so müde war er, ach so müde. Da war es ihm plötzlich, als rufe jemand laut neben ihm: »Sein Wort muß man halten; ein Feigling wer es nicht tut!« Da raffte er sich wieder auf, um mit zitternden Händen sein Laternchen anzuzünden, denn schon war es dunkel geworden. Der Wind blies es ihm immer wieder aus, von den sorgsam mitgenommenen Streichhölzern verlöschte eins nach dem andern, endlich das vorletzte zündete das Lichtlein an. Friede nahm das letzte Stück Brot, das er noch in der Tasche hatte, aß es auf und wurde nun wieder etwas munter.

Er stapfte weiter. Immer dichter fiel der Schnee. Der Sturm hatte sich ganz gelegt, und es war eine tiefe, tiefe Stille ringsum. Friedes Laternchen schwankte hin und her. Der Bube war so matt, daß ihm jeder Schritt eine schwere Arbeit schien. Immer wieder blieb er stehen, immer wieder meinte er vor Müdigkeit fast umsinken zu müssen, aber immer wieder trieb ihn der Gedanke an Muhme Lenelies und an sein gegebenes Wort empor.

Endlich, endlich sah er Lichter durch die Dunkelheit schimmern. »Niederheudorf,« dachte er wie erlöst, »da kann ich mich ausruhen, jemand nimmt mich schon auf.« Aber wie endlos sich der Weg noch dehnte! Noch immer kein Haus, noch immer kein Mensch zu sehen! Weiter mußte er wandern, immer weiter!

Und wieder lehnte sich Friede an einen Baum. Er fühlte, wie seine letzte Kraft schwand, aber die Tropfen, sein Wort! Taumelnd tat er einen Schritt vorwärts, da packte ihn plötzlich eine kräftige Hand, und eine laute, schnarrende Stimme rief: »Zum Donnerwetter noch einmal, wer treibt sich denn hier herum?«

»Muhme Lenelies muß ihre Tropfen haben,« stammelte Friede halb bewußtlos vor Mattigkeit. »Ihre Tropfen -- ihre Tropfen -- ich mein Wort -- -- weiter -- weiter!«

»Na das ist ja eine nette Bescherung!« brummte Leberecht Sperling, der Waldhüter, er war der Sprecher, und hob den Knaben auf. »Sieh mal einer an, der Traumfriede ist's. Du, Bube,« schrie er, »wo kommst du denn her?«

»Aus -- der -- Stadt,« lallte Friede.

»Bei dem Wetter? Bist du verrückt?« schrie der Waldhüter. »Bist du etwa hin und zurück gegangen?«

»Ja,« murmelte der Bube schlaftrunken, »die Tropfen, -- Muhme Lenelies braucht sie doch!«

»So eine unvernünftige Kreatur,« schalt Leberecht Sperling, »läuft in die Stadt bei dem Wetter! Verwichsen müßte man so einen Buben! Na, ich sag's ja, nichts als Dummheiten machen die Buben, dumm, dumm, ausnehmend dumm!«

Von diesem Schimpfen hörte Friede nichts mehr, er lag auf des Waldhüters Arm, und der trug den Buben so sorgsam, als wäre er dessen Mutter, durch den Schnee. Die bösen Worte meinte Leberecht Sperling nicht böse, je weicher es ihm ums Herz war, desto mehr schalt er, das war so seine Art, und wenn er alle Oberheudorfer Kinder für ausnehmend ungezogen erklärte, so hatte er sie im Grunde doch eigentlich alle lieb -- freilich sie merkten das nur selten.

Als es dunkel wurde und Friede immer noch nicht kam, begann Muhme Lenelies sich zu ängstigen. Schnurpsel mochte noch so schnurren und Mimi noch so viel im Zimmer herumhüpfen, der alten Frau erschien es heute doch bedrückend einsam. Sie atmete auf, als endlich draußen Schritte erklangen. Es war Heine Peterles Mutter, die kam, und nach einem Weilchen erschien auch die Frau Lehrerin. Von den beiden nun erfuhr Muhme Lenelies, daß Friede an dem Tage gar nicht in der Schule gewesen war. »Ich denke mir, der Bube ist zum Schulzen nach Niederheudorf gegangen,« sagte Heine Peterles Mutter, »dort sind zwei Mägde krank, und weil doch nächstens Hochzeit ist, haben sie alle Hände voll zu tun.«

Muhme Lenelies schüttelte den Kopf, nein, das glaubte sie nicht, darum hätte Friede nicht die Schule versäumt. Ihr wurde es auf einmal so bang zumute, und angstvoll rief sie: »Meinem Buben ist etwas passiert, ein Unglück ist geschehen!«

Die Frauen suchten sie zu beruhigen, aber ihnen kam die Sache jetzt selbst seltsam vor. »Ja, wenn's mein Heine Peterle gewesen wäre,« murmelte dessen Mutter, »der brächte es schon fertig, mal hinter die Schule zu gehen.«

Da erklangen draußen schwere Tritte und eine laute Stimme, Leberecht Sperling riß die Türe auf und setzte Friede mit einem Ruck mitten ins Zimmer. »Da ist er,« rief der Waldhüter. »So ein dummer Purzel läuft bei dem Wetter in die Stadt!« Friede riß krampfhaft seine Augen auf, sah sich verdutzt in dem hellen Zimmer um und murmelte halb im Traum: »Die Tropfen -- ich darf nicht ausruhen -- mein Versprechen! Ich --«

»Bube, mein Bube,« rief Muhme Lenelies, »du warst in der Stadt?«

»Ja, da war er,« sagte Leberecht Sperling, »und jetzt geht er ins Bett. Der schläft ja schon wie ein Hase mit offenen Augen!« Er nahm dem Buben seinen Korb ab, zog ihm ritsch, ratsch die Stiefel aus, die Frauen halfen Jacke und Höslein herunterziehen, und weil der ganze kleine Kerl kalt wie ein Eiszapfen war, wickelten sie ihn in eine wollene Decke, dann legten sie ihn ins Bett. Schon halb schlafend trank Friede noch den heißen Kaffee, den die Frau Lehrerin ihm reichte; von allem dem, was um ihn herum gesprochen wurde, hörte er aber gar nichts mehr. Er hörte nicht, daß Muhme Lenelies unter Tränen rief: »Gott sei Dank, daß mein Goldjunge wieder da ist,« und daß Leberecht Sperling schalt und die beiden Frauen ihn lobten, er schlief und träumte wundervolle Dinge. Er ging im Traum an der weißen Hand der Schneekönigin, die führte ihn in einen glitzernden, funkelnden Palast, und lächelnd nahm sie einen köstlichen Pelz und legte ihn über seine Knie: »Damit du nicht frierst.« Wie weich und warm der Pelz war! Friede strich ihn sacht und wußte nicht, daß Schnurpsel, der Kater, der sich auf seine Füße gelegt hatte, der köstliche Pelz der Schneekönigin war.

Um Mitternacht legte sich der Wind, es hörte auf zu schneien, und am nächsten Morgen schien hell die Sonne auf Oberheudorf herab. Sie schien dem Traumfriede so lange auf die Nase, bis der Bube erwachte.

Muhme Lenelies stand vor seinem Bett. Sie hatte eine große Kaffeekanne in der Hand und sah aus, als hätte sie sich ein bißchen mit Sonnenschein gewaschen. »Muhme,« stammelte Friede verwirrt, »bist du denn gesund?«

»Na, so ziemlich,« rief die alte Frau. »Die Tropfen haben mir gut getan, mein Goldjunge. Paß auf, nun reißt das Kranksein aus!«

So wurde es auch, das Kranksein riß wirklich aus. Als nach einiger Zeit, als der Schnee nicht mehr haushoch lag und die Wege versperrte, Doktor Treumann nach Oberheudorf kam, da fand er Muhme Lenelies recht munter und vergnügt. »Ei, da scheint ja mal wieder der Arzt überflüssig zu sein,« sagte er lachend.

Muhme Lenelies nickte: »Ihre Tropfen waren gut, aber ich glaube, Herr Doktor, daß mein Friede den schweren Weg für mich gemacht hat, das hat mir noch mehr geholfen. Freude ist allemal gesund!«

»Ja, Freude ist gesund,« sagte auch der Arzt, »und Euer Friede, Muhme Lenelies, das ist ein Staatsjunge. Paßt auf, der sorgt noch oft für Freude in Euerm Leben!«

Im Dorfe sagte dies noch mancher Bauer und manche Bäuerin, und Friede bekam jetzt jeden Tag so viele freundliche Blicke und Worte wie früher, als er noch beim Kohlbauern gewesen war, im ganzen Jahr nicht. Über nichts aber freute er sich mehr als über Muhme Lenelies' Genesung und über den Herrn Lehrer, denn der hatte gar nicht über den versäumten Schultag gescholten, kein Wort hatte er gesagt, nur den Traumfriede sehr, sehr gütig angeschaut.

Das Hünengrab.

In dem Kuhberger Walde, der Oberheudorfs Felder nach Süden und Westen abgrenzte, lag tief innen auf einer Wiese ein mächtiger Steinhaufen. Es war ein seltsam schöner Platz da mitten im Walde, immer lag es wie eine stille Feierlichkeit darüber; eigentlich war es so recht ein Erdenwinkelchen für Leute, die einmal ein bißchen träumen und ausruhen wollen. Mitunter kam der Lehrer von Oberheudorf hierher und saß dann wohl auf dem Steinhaufen und beobachtete still das Leben der Vögel und Insekten. Es kam auch vor, daß er Traumfriede hier sitzen fand, denn auch der Knabe hatte eine besondere Vorliebe für die einsame Waldwiese. Dann erzählte der Lehrer dem Buben wohl allerlei von den Tieren und Blumen des Waldes, und Traumfriede hörte versonnen zu. Er selbst erzählte freilich nie, warum er just so gern hier saß, denn er war, so munter er auch mit seinen Kameraden umging, seit er Muhme Lenelies' Pflegesohn geworden war, doch ein etwas schüchterner Junge. Und der Lehrer bedrängte ihn nie mit Fragen, er dachte immer: »Er wird schon zutraulich werden.« Der Bube mit den schönen, blauen Träumeraugen war ihm lieb, und des Lehrers Gedanken beschäftigten sich mehr mit Friede, als der und seine Pflegemutter ahnten.

Muhme Lenelies ließ ihren Buben gern seinen Lieblingsplatz aufsuchen, sie wußte ja, nach solchen Freistunden war er dann doppelt fleißig. So verbrachte Friede manchen schulfreien Nachmittag auf der kleinen Wiese. Hier fand er dann auch immer allerlei besonders schöne Dinge: die größten Erdbeeren wuchsen zwischen den Steinen des Hügels, so saftig und würzig, daß Muhme Lenelies, wenn ihr Pflegesohn die Beeren heimbrachte, allemal sagte: »Das reine Festessen!« Auch ein Stachelbeerbusch, der gelbe, süße Beeren trug, hatte sich hier angesiedelt; niemand wußte, woher er gekommen war, er wuchs und trug Früchte, als stünde er mitten in einem wohlgepflegten Garten. Ihn umdrängten noch Himbeeren und Brombeeren, dazwischen blühten bunte, leuchtende Blumen, und in all dem Wirrwarr hausten auch noch ein paar kleine, lustige Vogelfamilien.

An einem warmen Sommertag saß Traumfriede wieder hier auf seinem Lieblingsplatz. Die Stille wurde manchmal durch ein Lachen, einen fröhlichen Schrei unterbrochen, denn die Oberheudorfer Kinder suchten wieder einmal Erdbeeren im Kuhberger Walde. Friede hatte fleißig gesucht, nicht so viel in den Schnabel, und nun stand sein Töpfchen schon voll neben ihm. Er wartete hier auf seine Gefährten und träumte noch ein wenig in den schönen Sonnentag hinein. Mitten in seinem Träumen und Sinnen störte ihn Schulzens Jakob, der herbeikam. Sein Töpfchen war noch ziemlich leer, aber dafür trug er im Gesicht deutliche Spuren davon, daß ihm die Beeren gut geschmeckt hatten.

»Weißt du,« sagte er und blieb vor dem Steinhaufen stehen, auf dem Friede saß, »das ist ein Hühnergrab.«

»Was,« rief Friede verdutzt, »ein Hühnergrab? Ja wer hat hier denn Hühner vergraben?«

»Das weiß ich nicht,« brummte Jakob, »aber mein Vater hat einen Brief bekommen, in dem steht, es wollten Leute aus der Stadt kommen und das Hühnergrab aufmachen. Und Vater sagt, das hier wär's!«

»Quatsch!« sagte Friede ärgerlich, doch da wurde Jakob wild. Quatsch ließ er seine, des Schulzensohns, Weisheit nicht nennen. Er stellte geschwind sein Beerentöpfchen auf den Boden und rüstete sich zu einer regelrechten Balgerei. Es wäre wohl auch dazu gekommen, wenn nicht auf einmal Heine Peterle, Schnipfelbauers Fritz, der blaue Friede, Annchen Amsee und Jakobs Schwester Röse herbeigekommen wären. Unter großem Geschrei erzählten sie, daß sie soeben drei Rehe im Walde gesehen hätten. Darüber vergaß Jakob ein Weilchen seine Wut, nachher aber kam sie wieder, und er erzählte aufgebracht die Geschichte von dem Hühnergrab.

»Ein Hühnergrab ist das?« riefen die Kinder alle verdutzt, und Annchen Amsee fragte ganz hausfraulich weise: »Was sind's denn für Hühner, die hier liegen, gewöhnliche oder etwa Perlhühner?« Auf diese Frage wußte Jakob keine Antwort zu geben, es tröstete ihn aber sehr, daß die andern seine Weisheit anerkannten, und sein Zorn legte sich allmählich.

Friede, der den Kameraden nicht hatte kränken wollen, sagte nun auch einlenkend: »Wenn es dein Vater sagt, wird es schon stimmen, aber warum sind nur hier gerade Hühner begraben?«

Das war wirklich eine schwere Frage, die sehr, sehr viel Nachdenken erforderte. Weil die Oberheudorfer Kinder mitunter recht viel Geschrei beim Nachdenken machten, so traten sie ziemlich lebhaft und aufgeregt ihren Heimweg an, und die vierfüßigen und gefiederten Waldbewohner verkrochen sich ängstlich in ihren Höhlen, Moosbettlein und Nestern ob dieses Geschreies.

Am nächsten Tage gab es in der Schule eine sogenannte Plauderstunde, etwas, das alle Kinder wundervoll fanden. Verstanden die Kinder etwas nicht, wollten sie etwas wissen, dann durften sie nämlich den Herrn Lehrer vor Schulanfang fragen. Fand der Lehrer, daß die Frage vernünftig sei und sich darüber allerlei sagen ließ, so schloß er die Schule ein wenig früher und hielt dann noch die Plauderstunde ab. In dieser gab er Antwort, die Kinder durften Gegenfragen stellen, und meist fanden die Kinder die Plauderstunde viel zu kurz, und sie lernten darin manchmal mehr als vorher aus den Büchern.

An diesem Morgen hatten neun Buben und Mädel gefragt, ob der Steinhaufen im Walde wirklich ein Hühnergrab wäre. Da erzählte ihnen denn in der Plauderstunde der Lehrer, daß es Hünengrab heiße und nicht Hühnergrab, und daß es solche uralte Gräber noch in manchen Gegenden gebe. In Deutschland, aber auch in Dänemark, England, selbst in Palästina finde man solche riesenhafte Grabdenkmäler. Viele habe man geöffnet und darin alte Urnen, Steinhämmer, auch wohl Schwerter, Armringe, Pfeile und dergleichen gefunden.

»Aber unseres ist doch gar nicht so groß,« rief Schulzens Jakob erstaunt dazwischen.

»Nein,« erwiderte der Lehrer, »das ist es auch nicht, und darum ist man auch noch im Zweifel, ob es wirklich ein Hünengrab ist. Vielleicht ist es nur ein großer Steinhaufen, der von Hirten zusammengetragen wurde. Es mögen auch die Überreste menschlicher Wohnungen sein, denn der Sage nach soll dort früher ein Dorf gestanden haben. Etwas Genaueres läßt sich darüber allerdings nicht ermitteln.«

Die Kinder lauschten gespannt den Erklärungen; jetzt fanden sie es sehr dumm, daß sie zuerst gedacht hatten, Hühner lägen unter den großen Steinen begraben. Schulzens Jakob tat wichtig und tuschelte seinen Nachbarn zu: »Wie konntet ihr nur so dumm sein und denken, Hühner liegen da!«

»Na, du hast es doch zuerst gesagt,« rief Heine Peterle halblaut. Ein Weilchen gab es ein erregtes Tuscheln und Wispern, und der Lehrer ließ die Kinder gewähren; er lächelte über ihren Eifer und sah dabei Traumfriede an, der still und versonnen dasaß. Der Bube fühlte den Blick des Lehrers, er hob seine schönen Augen zu ihm auf und fragte leise, traurig: »Wird nun der Steinberg abgetragen werden?«

Der Lehrer nickte. »Ja, Friede, es geht an unsern Lieblingsplatz, er wird wohl etwas zerstört werden.« Der Bube wurde rot. Daß der Lehrer gesagt hatte, >unsern Lieblingsplatz<, das gab ihm eine heimliche Freude, aber dann wurde er wieder traurig, und während die andern Kinder nach Schluß der Schule laut und lustig auf die Dorfstraße eilten, ging er still seinen Weg. Die Buben und Mädel redeten daheim gewaltig klug von dem Hünengrab. Annchen Amsee meinte, vielleicht könnte ein Topf voll Gold darin gefunden werden. »Oder eine Krone und ein goldenes Schwert,« rief Heine Peterle, und zuletzt redeten alle nur noch von den goldenen Schätzen des Hünengrabes.

Ganz ärgerlich aber war Muhme Lenelies. Sie schalt aufgebracht darüber, daß auf der schönen, friedlichen Waldwiese gegraben werden sollte. »Wirklich,« brummte sie, »die Stadtleute müssen ihre Nase auch in alles stecken. Es ist jammerschade um unsern hübschen Platz.« Sie ließ ihren Friede darum auch gleich am Nachmittag dahinlaufen; wer weiß, wie lange der Bub seinen Lieblingsplatz noch haben würde, mochte er ihn also noch genießen, soviel er konnte. So saß denn Traumfriede am Nachmittag wieder still auf einem der beiden Steinhügel dicht neben dem Stachelbeerbusch. Um ihn herum war ein Schwirren und Summen der Bienen und Käfer, bunte Schmetterlinge flogen über die blühende Waldwiese, und dicht neben ihm saßen auf einer Blumendolde vier Perlmutterfalter, ihre Flügel glänzten und flimmerten märchenhaft im Sonnenlicht. Während der Knabe so still in der warmen Sommerschönheit saß, war es ihm, als löste sich plötzlich Stein um Stein von dem alten Grab und riesenhafte Männer traten aus dunklen Höhlen hervor. Sie klirrten mit Schild und Schwert, goldene Kronen funkelten auf ihren Häuptern, ihnen folgten schöne Jungfrauen in schimmernden Gewändern, und plötzlich verschwand der Wald, ein hohes Schloß mit Türmen und Zinnen wuchs empor, auf der Brücke stand ein Torwächter und blies in sein Horn.