Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf: Fünfzehn heitere Erzählungen
Part 2
Als die Kinder so eine Stunde herumgezogen waren, sagte Heine Peterle zu Annchen Amsee: »Ob sie wohl kommen?«
Zu gleicher Zeit reckte Schnipfelbauers Fritz seine Nase in die Luft und meinte: »Na, nun könnten die Niederheudorfer bald da sein!«
»Sie kommen vielleicht nicht,« erwiderte Krämers Trude, »sie haben es vielleicht gemerkt.«
Aber sie kamen doch. Anton Friedlich, der mit Schulzens Jakob immer mal zwischen dem Einsammeln bis zu Muhme Lenelies' Häuschen gelaufen war, von wo aus man den Weg nach Niederheudorf ein Stückchen weit übersehen konnte, rief es zuerst: »Sie kommen!« Es war, als ob jemand mit einem Stock in einen Ameisenhaufen gestoßen hätte, so kribbelten und krabbelten die Kinder alle durcheinander; eins rief es dem andern zu, und mit einem Male sahen die Dorfbewohner zu ihrem großen Erstaunen, wie von überall her Buben und Mädel kamen und nach des Kohlbauern Hof liefen. Dieser große, stattliche Bauernhof lag etwas über dem Dorf auf einer mäßigen Anhöhe, weiter links davon lag dann der Waldbauern-Hof, wo das Mariandel daheim war.
»Nun möchte ich nur wissen, was die Kinder wollen,« sagte die Waldbäuerin zur Schulzenfrau, die als erster Gast zu einem Fastnachtskaffee zu ihr gekommen war.
Die Kinder gingen aber nicht zum Kohlbauern hinein, sondern stellten sich alle auf eine Wiese, ein Stück abseits vom Hause. Sie zeigten einander ihre Säckchen, taten ganz ungeheuer wichtig und schienen gar nichts, auch rein gar nichts von dem zu merken, was um sie herum vorging. Dabei entstand nach einem Weilchen ein ziemlicher Lärm. Schwatzend und lachend kamen etwa zwanzig Niederheudorfer Buben und Mädel den Berg heraufgezogen. Die hatten gemeint, es sei doch vielleicht lohnend, dem Kohlbauern einen Besuch abzustatten. Sie schauten nicht links und nicht rechts, sondern zogen schnurstracks auf das Haus zu. Sie gingen immer paarweise, schwenkten ihre Säcklein erwartungsvoll und begannen laut zu singen:
»Wir wünschen dem Bauern einen goldenen Tisch, Darauf soll stehen ein gebratener Fisch, Kuchen und Brot und güldener Wein. Eia, da wollt' ich zu Gaste sein! Mög' sich die Bäurin bedenken, Und uns nun auch was schenken!«
»Nä, so ein dummer Vers,« brummte der dicke Friede, und die andern stimmten ihm eifrig zu: »Sehr dumm, unser Lied ist viel feiner!«
Die Niederheudorfer aber fanden wieder ihr Sprüchlein, das auch schon ihre Väter und Mütter gesungen hatten, wundervoll und warteten sehr gespannt auf den Kuchen des Kohlbauern.
Der Bauer war an diesem Tage noch griesgrämiger als sonst, er ärgerte sich, daß Fastnacht war, daß die Sonne schien, daß alle Leute vergnügt aussahen, am meisten aber ärgerte er sich, daß alle Leute ihn geizig nannten. Er war es, aber wie das oft so geht, er wollte nicht dafür gelten. Nun hatte ihn am Tage vorher der Schulze so recht spöttisch gefragt, ob er auch guten Fastnachtskuchen hätte backen lassen. Des Kohlbauern Frau war schon lange tot, und eine Haushälterin, ein gutes, braves Weib, führte ihm die Wirtschaft. Zu der hatte er denn am Abend vorher fuchswild gesagt: »Wenn Kinder kommen, gib reichlich!«
Das hatte sich Frau Marthe nun nicht zweimal sagen lassen, und in aller Morgenfrühe hatte sie schon eine tüchtige Schüssel Teig eingerührt und köstliche große Zuckerbrezeln gebacken. Den Bauern hatte das freilich sehr geärgert, er wollte aber doch nicht sein Wort zurücknehmen. Seit ihm die Bauern den Traumfriede fortgenommen hatten, weil er den armen Waisenjungen zu schlecht gehalten, hätte er dem Dorf gern einmal gezeigt: »Seht, ich, der Kohlbauer, bin gar nicht so geizig, wie ihr denkt.«
Der Geruch des frisch gebackenen Kuchens durchzog an diesem Tage lecker das Haus, und der Bauer dachte ingrimmig: »Hoffentlich kommen nicht viel Kinder. Es wäre jammerschade, ihnen die Kuchen zu geben.«
Nach Tisch war der Bauer gleich hinter das Haus gegangen und hatte angefangen, Holz zu spalten. Mitten in seiner Arbeit hörte er plötzlich das Singen der Niederheudorfer. Bums, hieb er wütend mit der Axt auf ein großes Stück Holz, daß es gleich auseinandersprang. »So eine dumme Singerei!« schimpfte er.
Die Oberheudorfer Buben und Mädel hatten sich schon auf die langen Gesichter der Niederheudorfer gefreut, als sie auf einmal sahen, wie Frau Marthe ihnen Zuckerbrezeln austeilte.
Potzwetter noch einmal, sahen die verlockend aus!
»Wir gehen auch hin,« rief Heine Peterle stürmisch, und rasch rannten alle auf das Haus zu. Dort aber standen die Niederheudorfer wie eine Mauer, sangen, so laut sie konnten, und ließen die Oberheudorfer einfach nicht heran. »Jetzt sind wir da,« sagten ein paar Buben patzig.
Aber schließlich waren die Niederheudorfer doch mit ihrem Bittgesang fertig, und die Oberheudorfer drängten sich herzu. Frau Marthe erschrak; die schönen Kuchen waren schon verschwunden, und noch so viele, viele Kinder kamen, aber der Bauer hatte doch gesagt, sie sollte reichlich geben. Rasch lief sie darum in die Vorratskammer, holte Backobst herbei und begann damit die bittenden Hände zu füllen. Das gab lange Gesichter. Backobst hatten die Oberheudorfer Kinder schon in ihren Beuteln genug, aber solche leckere Zuckerbrezeln noch nicht, und die verspeisten nun die Niederheudorfer vor ihren Augen mit rechtem Behagen.
»Es ist zu frech von ihnen, zu uns zu kommen,« murrten die Buben, und die Mädel brummten mit, und dabei vergaßen sie alle miteinander, daß sie doch die Gäste herbeigelockt hatten.
Krach, krach, hieb hinten auf dem Hofe der Bauer wütend ein Stück Holz nach dem andern entzwei. Nahm denn die Singerei noch kein Ende? Endlich war es mit seiner Geduld vorbei; er stürmte hinaus und erschien plötzlich mit einem so wütenden Gesicht vor den Kindern, daß die Buben und Mädel aus Oberheudorf, die ihn kannten, geschwind ihr Backobst im Stich ließen und, so schnell sie konnten, ausrissen. Dem dicken Friede blieb vor Schreck eine Pflaume im Halse stecken, und Annchen Amsee verschluckte einen Birnenstiel. Wie schalt aber auch der Kohlbauer!
»Nä, seht nur,« sagte drüben die Waldbäuerin zu ihren Besucherinnen, »so ein alter, unwirscher Kerl! Den Niederheudorfer Kindern läßt er Zuckerbrezeln geben und unsere jagt er weg!«
»Na, der soll mir nur kommen,« rief die Schulzenfrau empört, »der ist ja eine Schande für das ganze Dorf.«
Das sagten an diesem Nachmittag alle Leute im Dorf. Frau Marthe, des Kohlbauern Haushälterin, sagte es auch, denn der Bauer schimpfte fürchterlich, als er sah, daß von allen guten Zuckerbrezeln kein Krümchen mehr übrig geblieben war, und dazu hatten noch die Niederheudorfer alles bekommen. Nun würden die Oberheudorfer ihn doch weiter geizig schelten und ihn weiter verächtlich anschauen; nicht einmal etwas genützt hatten die teuren Brezeln. Es war zum Davonlaufen! Das dachte Frau Marthe ebenfalls; sie packte flink ihre Sachen und verließ am gleichen Tage das Haus, denn, meinte sie, bei einem Bauern, der den Kindern nicht einmal ihre Fastnachtsgaben gönnt, bleibe ich nicht; also zog sie fort. »Nicht einmal die gute Frau hält es bei ihm aus,« sagten sie im Dorfe.
Die Niederheudorfer Buben und Mädel zogen singend und vergnügt wieder davon, sie hatten es bei der ganzen Geschichte am besten gehabt, und von den wundervollen Zuckerbrezeln sprachen sie noch lange.
Die Oberheudorfer aber ärgerten sich, sie nahmen sich vor, die Niederheudorfer nie mehr zu necken. »Nie mehr bis zum nächsten Mal,« sagte Muhme Lenelies, als sie das hörte. Trotz der nach Niederheudorf entführten Zuckerbrezeln aber verlief der Fastnachtstag doch sehr vergnügt. Heine Peterle war ein sehr stolzer König, Annchen Amsee hielt sich für eine Prinzessin, und Schulzens Jakob klirrte mit einem verbogenen Säbel und behauptete, er sei General.
Der dicke Friede aber, der eine Leidenschaft für Kasperlespiele hatte, dachte, er sei in seinem himmelblauen Kittel, den ihm die Großmutter aus einem alten Rock genäht hatte, wirklich ein Kasperle und fing auf einmal an, als alle auf dem Dorfplatz standen, ganz fürchterliche Gesichter zu schneiden, und quiekte wie ein Ferkelchen.
»Der Bube hat sich überessen,« schrie Muhme Rese, die zusah, erschrocken, und alle Kinder umringten Friede und fragten mitleidig: »Tut dir der Bauch weh?« -- »Tut er sehr weh?«
Friede war so tiefbeleidigt, daß er erst gar nichts sagen konnte, er schnappte ordentlich vor Wut nach Luft. Doch plötzlich erschien seine Mutter, packte ihn am Arm und rief: »Komm, trink Kamillentee, da werden die Leibschmerzen besser.« Muhme Rese hatte nämlich die Mutter herbeigeholt und ihr von des Buben Krankheit erzählt.
»Ich bin doch ein Kasperle, ein Kasperle,« schrie Friede entsetzt, »huhuhu -- ich habe gar keine Leibschmerzen.« Und schwapp riß er sich los und rannte die Dorfstraße entlang, die Kinder alle hinter ihm her. »Kasperle, Kasperle!« schrieen sie und holten ihn endlich auch ein. Nach langem Hinundherreden und Bitten entschloß sich Friede, noch einmal vor ihnen Kasperle zu spielen.
Sie fanden es alle wundervoll, nun sie wußten, daß es keine Leibschmerzen waren, und zuletzt spielten alle miteinander Kasperle, und es war ein solches Geschrei, ein solcher Lärm auf der Dorfstraße, daß alle Erwachsenen sagten: »Gut, daß nur einmal im Jahre Fastnacht ist.«
Der Kohlbauer brummte: »Wenn doch die dumme Fastnachtsfeier abgeschafft würde!« und die Buben und Mädel seufzten abends in ihren Betten: »Ach, wenn doch nächste Woche wieder Fastnacht wäre!«
Wer hatte da nun recht?
Vorsicht, Gespenster!
Wenn in Oberheudorf Heine Peterle und Schulzens Jakob einmal fünf Minuten miteinander vernünftig sprachen, dann kam sicher eine Dummheit heraus. Waren gar noch Schnipfelbauers Fritz und Anton Friedlich dabei, dann wurde sicher ein sehr dummer Streich ausgeheckt. Hinterher, wenn die Sache vielleicht übel ablief und es nachher Schelte, Nachsitzen oder dergleichen schlimme Dinge gab, wunderten sich die Buben freilich allemal sehr; sie hatten immer gedacht, ungeheuer klug oder ausnehmend witzig zu sein.
An einem Herbsttage, an dem der Wind wie ein recht übermütiger Bengel durch die Dorfgassen jagte, saßen Heine Peterle und Schulzens Jakob auf einer Gartenmauer und erzählten sich Gespenstergeschichten. Weil es heller Tag war und es im Garten wohl fruchtbare Obstbäume, aber keine Gespenster gab, graulten sich die Buben kein bißchen, sondern waren sehr vergnügt. Wie nun Heine Peterle mitten im Erzählen einer höchst sonderbaren Geschichte war, die Muhme Rese noch von ihrer Urgroßmutter wußte, und in der ein Gespenst sich ganz unpassenderweise in eine Milchschüssel gesetzt hatte, bekam der Bube plötzlich einen derben Puff von rückwärts und sauste sehr geschwind in ein Gurkenbeet hinab. Im ersten Augenblick dachte er, trotz der hellen Mittagsonne, das Gespenst aus der Milchschüssel habe ihn gepackt, aber bald merkte er, daß der Puff von einer kräftigen Männerhand gekommen war. An der Mauer stand Heinrich, der bei Heine Peterles Vater den Sommer und Herbst über als Knecht diente. Der Bursche lachte über das ganze Gesicht und sagte sehr behaglich: »Na, ihr Dösköppe, ihr könnt auch wirklich etwas Besseres tun, als euch solche dumme Geschichten erzählen! Kommt, helft mit Kartoffeln hacken!«
Dazu hatten die Buben nicht die geringste Lust, Heine Peterle sah sogar sehr wütend aus und sagte patzig: »Zu dir wird auch noch einmal ein Gespenst kommen.«
»Du meine Güte,« Heinrich lachte, daß seine weißen Zähne in dem gebräunten Gesicht nur so blitzten, »ihr seid doch zu alberne Buben. Na, kommt ihr nur erst mal zu den Soldaten, da werden euch die Gespenstergedanken vergehen. Aber nun marsch, kommt helfen!«
Hops! war da auch Schulzens Jakob von der Mauer herunter in das Gurkenbeet gesprungen, und beide Buben sausten davon, als hätte der Herbststurm sie zu seinen Boten ernannt. Heinrich sah ihnen etwas verdutzt nach, dann brummelte er: »Faule Schlingel!« und ging darauf selbst kräftig und rüstig an seine Arbeit.
Die Buben hatten sich unterdessen am andern Gartenende wieder zusammengefunden. Statt über das Gespenst, das Heine Peterle vorläufig grausam in der Milchschüssel sitzen ließ, sprachen sie beide über Heinrich. Der war ein Bauernsohn aus einem drei Stunden weit entfernten Dorfe. Ostern war er von den Soldaten gekommen; er hatte bei der Kavallerie gedient und trug noch immer die Soldatenmütze auf seinem hübschen Blondkopf. Nach Weihnachten wollte er heiraten und selbst einen Hof übernehmen, bis dahin diente er bei Heine Peterles Vater, der ein besonders tüchtiger Landwirt war. Heine Peterle mochte Heinrich gut leiden, aber doch ärgerte er sich oft über ihn. Sein Vater sagte immer wieder: »Sieh dir den Heinrich an, Bube, so sauber und fix mußt du auch einmal werden. Der arbeitet wie ein anderer tanzt.«
Heine Peterle fand es etwas beschwerlich, immer an künftige Arbeit gemahnt zu werden, er war überhaupt mehr für Ferientage und Freistunden eingenommen, und Heinrich mit seinem Fleiß war ihm manchmal etwas unheimlich. Als wollte der Knecht ihm einen besonderen Schabernack spielen, so kam es ihm vor, und so sagte er auch an diesem hellen, stürmischen Herbsttag beleidigt zu Schulzens Jakob: »Dem Heinrich müßte man mal einen Streich spielen.«
»Ja, das könnte ihm nichts schaden,« stimmte Schulzens Jakob zu und sah gespannt auf einen rotleuchtenden Apfel, der just vom Baume fiel. Er meinte, es sei gut, diesen aufzuessen, und weil noch mehr Äpfel am Boden lagen, fiel es auch Heine Peterle ein, daß Äpfelessen eine ganz angenehme Beschäftigung sei.
Die Buben schmausten ein Weilchen, aber plötzlich hielt Heine Peterle inne und rief stolz: »Jetzt weiß ich was.« Und nun bekam Schulzens Jakob eine ungeheuer komische, geheimnisvolle Geschichte zu hören, über die er in ein wahres Freudengeheul ausbrach. Die Buben schüttelten sich vor Lachen, redeten aufgeregt miteinander, vergaßen das Äpfelessen und stürzten zuletzt eifrig auf die Kürbisbeete zu. Die trugen reichen Segen; es gab da Früchte in allen Größen, wie schwere goldene Klumpen lagen sie im Sonnenlicht. Rasch überschauten die Buben den Garten, -- niemand war darin. Über dem Zaun, der den Garten vom Hofe schied, hing Wäsche, und gerade sahen die Buben noch Muhme Rese im Hause mit dem leeren Korb verschwinden; sie hatte wohl gerade die Wäsche über den Zaun gebreitet. Auch auf dem Hofe war es still, ein paar Hühner gackerten schläfrig darauf herum, sonst war kein Laut zu hören.
Geschwind nahmen die Buben jeder einen mittelgroßen, länglichen Kürbis und verschwanden damit im äußersten Winkel des Gartens, in einer kleinen Bretterbude, die zur Aufnahme von allerlei Gerät diente.
Am nächsten Tage sagte Heine Peterles Mutter beim Mittagessen ärgerlich: »Es fehlen zwei Kürbisse im Garten, gerade zwei, die ich morgen zu Mus verkochen wollte.«
»Na nun,« sagte der Bauer erstaunt, »wer sollte denn in unserm Garten Kürbisse stehlen!«
In diesem Augenblick steckte Heine Peterle ein solches Riesenstück heiße Bratwurst in den Mund, daß er krebsrot wurde, so mußte er an dem Bissen würgen und schlucken.
»Schäme dich doch, so gierig zu sein!« schalt die Mutter. »Man muß dich wirklich mal in die Stadt schicken, damit du dich anständig benehmen lernst.«
Heine Peterle wäre gewiß noch röter geworden, wenn das nur gegangen wäre, er fiel mit seiner Nase beinahe auf den Teller, und Heinrich, der ihn beobachtet hatte, dachte bei sich: »Na, da stimmt doch etwas nicht. Von der Bratwurst ist der Bube doch nicht so verlegen geworden.«
Am Nachmittag des nächsten Tages kam die Schulzenfrau sehr aufgeregt zu Heine Peterles Mutter und erzählte ihr, zwei von ihren guten, weißen Bettüchern seien vom Trockenplatz fortgeflogen. Oder sollten sie gar gestohlen worden sein?
Es gab eine große Aufregung im Dorfe. Die Schulzenfrau suchte nach ihren Bettüchern, Heine Peterles Mutter erzählte von den verschwundenen Kürbissen, und kein Mensch konnte sich die Sache zusammenreimen.
»Wenn nur nicht eine Dummheit von ein paar Kindern dahinter steckt,« sagte Muhme Lenelies, als sie die Sache erfuhr. Sie fragte daheim ihren Friede aus, aber der sah sie mit seinen schönen, blauen Augen treuherzig erstaunt an, -- nein, der wußte von nichts.
An diesem Nachmittag war Heinrich nach seinem Heimatdorf gegangen und kehrte erst spät am Abend wieder heim. Es war ein dunkler, stürmischer Herbsttag. In dem Dorfe waren schon alle Leute zu Bett gegangen; am besten schlief vielleicht Hans Rumps, der Nachtwächter, in einem Leiterwagen des Schnipfelbauern. Heinrich ging immer, wenn er aus seinem Dorfe heimkehrte, einen ganz schmalen Weg entlang, der zwischen des Schulzen und seines Bauern Garten hindurchführte, er brauchte dann nicht erst die breite Dorfstraße hinab zu gehen. An diesem Herbstabend war es sehr dunkel, der Mond war nicht verpflichtet zu scheinen, und die Sterne hatten keine Lust dazu. Doch Heinrich kannte den Weg gut, und so schritt er fröhlich dahin. Plötzlich sah er in einem ungewissen Lichte etwas Weißes flattern und schweben, und als er näher kam, tauchten aus dem Dunkel der Nacht zwei Paar glühende, funkelnde Augen auf. Da standen rechts und links am Wege zwei weiße, hohe Gestalten, deren Gewänder im Winde hin und her wehten; gespensterhaft und unheimlich genug sah es aus.
»Potzwetter,« rief Heinrich im ersten Augenblick erschrocken, aber gleich darauf sagte er laut: »Ei, die verflixten Buben! Na wartet, euch zahl' ich's heim!« Er ging beherzt auf die weißen unheimlichen Gesellen zu, und bald darauf sah der Hofhund des Schulzenhauses einen Mann über die Gartenmauer klettern, eine Leiter an das Haus anlehnen und oben vor einem Kammerfenster eine weiße Gestalt befestigen. Den braven Sultan ärgerte die Geschichte sehr, er begann wütend zu bellen. Aber das störte den Mann auf der Leiter gar nicht; er schlug mit der Faust einige Male so kräftig an das Fensterchen, daß die Scheiben nur so klirrten und dröhnten, und dann stieg er geschwind von der Leiter herab und kletterte wieder zurück über die Gartenmauer. Der arme Sultan bellte sich ganz heiser, und zuletzt erwachte der Schulze von dem Gebell, aber just in diesem Augenblick tönte ein so gellendes Geschrei durch das Haus, daß alle Hausbewohner munter wurden.
»Der Jakob schreit,« rief die Bäuerin und lief nach oben, ihr folgte ihr Mann und die Magd, die im Hause schlief, und alle stürzten sie in Jakobs Kammer. Da saß der Bube in seinem Bett und brüllte jämmerlich, und nebenan klang Röses und der kleinen Geschwister Schreien. »Na Jakob, was... du meine Güte!« Die Mutter starrte entsetzt nach dem Fenster, -- in das Kämmerlein hinein schauten ein paar glühende Augen, und das schwebte und flatterte weiß vor dem Fenster auf und nieder.
»Zum Kuckuck, was ist denn das?« schrie der Schulze, sprang hin, riß das Fenster auf und holte das Gespenst herein.
Die Magd schrie noch lauter als Jakob und wollte unter das Bett kriechen, wozu sie freilich zu dick war; sie mußte es aufgeben und kauerte sich nur in einer Ecke zusammen. »Mein Bettuch,« rief die Bäuerin verdutzt, »und ein Kürbiskopf, ja, und Jakob -- ist das nicht deine Laterne?«
Jakob war ganz jäh unter das rotkarierte Federbett gekrochen, aus der Tiefe heraus tönte dumpf und unheimlich sein Geheul.
»Ih, du unnützer Bengel du,« sagte der Schulze, »mir scheint, du weißt etwas von der Sache. Komm einmal hervor, aber rasch, sonst...«
Jakob hielt es für geratener, dem väterlichen Befehl zu folgen. Schluchzend, jammernd, noch an allen Gliedern vor Schreck zitternd, beichtete er, daß er und Heine Peterle für Heinrich Gespenster aufgestellt hätten, und da Gespenster entschieden weiße Gewänder brauchen und Köpfe haben müssen und Augen, die unheimlich leuchten, da --
»Unnützes Gesindel ihr!« schalt der Schulze. Für Jakob sah die Sache in diesem Augenblick höchst bedenklich aus, und er blickte sich gerade ängstlich um, vielleicht gelang ihm das Untersbettkriechen besser als der Magd. In diesem Augenblick trat die Großmutter ein. Auch sie war von dem Lärm erwacht, und ihr gutes, altes Frauengesicht trug einen ängstlichen Ausdruck. »Was gibt es denn?« fragte sie. Als sie die Jammergeschichte erfahren hatte, da lachte sie lieb und herzlich und sagte schelmisch: »O du dummer Bube, nun hast du dich ja vor deinem eigenen Gespenst gefürchtet!«
Jakob nickte, und dicke, dicke Tränen rollten über seine Pausbacken. Das Lachen der Großmutter aber fand Widerhall: des Schulzen Gesicht klärte sich auf, seine Frau lachte, die Magd kam aus ihrer Ecke heraus und lachte, und an der Tür, die zur Nebenkammer führte, stand Röse mit den zwei kleinen Geschwistern, und die drei Hemdenmätzchen lachten, daß sie ordentlich wackelten, und Hansele, der kleinste Bub, schrie keck mit krähendem Stimmlein: »Oh, is unse Jakob dumm, bitzdumm!«
Das war nun sehr beschämend für Jakob, und da er nicht unter das Bett kriechen konnte, kroch er tief hinein, zog sich das Deckbett über die Ohren und schluchzte und stöhnte jammervoll. Der Vater meinte nun auch, der Bube sei durch die ausgestandene Angst schon genug bestraft, er zog ihn nur ein wenig an dem dicken schwarzen Schopf, der unter dem Deckbett hervorsah, und sagte anscheinend streng, während doch ein heimliches Lachen in seinen Augen lag: »Die Gespenstergeschichten läßt du mir aber jetzt, Bube, wenn ich noch einmal von dem Unsinn höre, dann...«
Weiter sagte der Vater nichts, Jakob verstand ihn aber auch so, und er war herzlich froh, als er endlich wieder allein in seiner Kammer war und es still im Hause wurde. Mit Nachdenken hielt er sich nicht weiter auf, er drehte sich um und schlief geschwind wieder ein, schlief galopp, denn er mußte doch die versäumte Stunde nachholen.
Um die gleiche Zeit lag Heine Peterle in seinem Bett und stöhnte vor Angst. Er war von einem schweren, dumpfen Poltern an seiner Kammertür erwacht, und aufschauend hatte er etwas ganz Schreckliches erblickt. An der Türe stand eine weiße Gestalt, und zwei glühende Augen funkelten ihn an. Gräßlich sah das aus, ein Gespenst war es, nichts anderes. Heine Peterle kroch unter sein Deckbett, und es wurde ihm glühend heiß darunter. Er pustete und ächzte, und es war ihm, als käme leise, leise etwas auf ihn zu.
Zu schreien wagte er gar nicht, er atmete nur schwer. Er meinte allerlei seltsame Geräusche zu hören, Tappen und Schreiten, das näher kam. Ach, sicher hatte irgend ein Gespenst es übel genommen, daß Jakob und er Gespenster hatten nachahmen wollen, und kam nun, ihn zu bestrafen.
Ein Weilchen lag er so da, endlich wagte er wieder unter seinem Bett hervorzuschauen. O Himmel, da stand das Gespenst ja immer noch!
Nein -- es kam doch näher! Es schwankte -- neigte sich und -- plumps! fiel es polternd, klirrend zu Boden.
Rutsch! war Heine Peterle wieder in seinem Bett verschwunden, immer heißer wurde es ihm vor Angst. Nun würde das Gespenst ihn anpacken, ihm den Hals umdrehen oder sonst etwas Schreckliches tun. Fürchterliche Dinge fielen dem Buben ein. Er meinte schon eine kalte, harte Hand zu fühlen, -- aber es blieb alles still.
Nichts rührte und regte sich in der Kammer, und endlich wagte der Bub doch wieder unter dem Deckbett hervorzusehen. Da sah er zu seinem maßlosen Erstaunen das Gespenst auf der Erde liegen. Es rappelte sich kein bißchen, und die glühenden Augen waren erloschen.
Das war doch ein seltsames Gespenst. Heine Peterle kroch wieder unter sein Deckbett, pustete und ächzte wieder ein Weilchen und schaute dann wieder zum Bett heraus.
Das Gespenst lag noch immer am Boden, muckstill lag es da. Da legte sich des Buben Angst etwas, da er aber kein Licht hatte, konnte er sich das weiße Ding nicht näher ansehen. Eine Ahnung jedoch stieg in ihm auf, daß Heinrich vielleicht nicht so ganz unschuldig an dieser Gespenstererscheinung sein möchte.