Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf: Fünfzehn heitere Erzählungen

Part 11

Chapter 113,887 wordsPublic domain

»Es ist nicht wahr!« Friede löste sich aus Muhme Lenelies' Armen, rot, heiß, mit blitzenden Augen stand er da. Er schämte sich unsagbar, daß er so verklagt wurde, aber Mariandels Ruf und Muhme Lenelies' Nähe hatten ihm seinen ganzen Mut zurückgegeben. Er reckte sich stolz und gerade auf, wie ein kleiner Held schaute er sich um und rief noch einmal laut mit klingender Stimme: »Es ist nicht wahr, was sie sagen, ich habe die Arbeit bestimmt allein gemacht, aber« -- er stockte einen Augenblick, dann fuhr er tapfer fort -- »Heine Peterle habe ich geschlagen und Anton Friedlich hingeworfen!«

»Nu guck einer den Buben an,« brummelte vergnügt der Schulze, »wie ein richtiger kleiner Kampfhahn steht er da.«

»Seine Arbeit hat er allein gemacht,« erklärte Muhme Lenelies laut und ernst, »das muß ich doch wissen. Lügen tut mein Friede überhaupt nicht. Freilich so wild um sich zu hauen, das brauchte er nicht.«

»Ich denke,« sagte nun die Gräfin, die still zugehört hatte, »ihr vertragt euch miteinander. Wer einen Kameraden unrecht beschuldigt, ihn gar einer Falschheit und Lüge zeiht, verdient zwar mehr Strafe als eine Ohrfeige und einen Puff, aber weil Friede auch gleich zu heftig war, werdet ihr euch wohl gegenseitig verzeihen.«

Das gütige Wort stellte den Frieden wieder her. Die meisten Buben und Mädel schämten sich ohnehin, daß sie gleich Anton Friedlichs bösem Wort geglaubt hatten, besonders Heine Peterle. Er war herzlich froh, daß er mit dem Kameraden wieder gut sein konnte, und schüttelte Friede ganz vergnügt die Hand, so herzlich, als sei eine Ohrfeige mindestens ein Stück Kuchen. Anton Friedlich aber riß aus. Er war ein Trotzkopf und ging mitunter tagelang einsam und verärgert herum, ehe er es fertig brachte, sich mit jemand auszusöhnen. »Er fährt am schlimmsten dabei,« sagte Muhme Lenelies, als sie mit Friede und Mariandel heimging. »Trotz quält allemal den, der trotzig ist, am meisten. Und nun, Friede, bringe Mariandel heim, und dann komm geschwind zum Essen.«

Hand in Hand liefen die Kinder nach dem Waldbauernhof. Friede war ordentlich stolz auf seine tapfere Freundin, und an dem Hoftor sagte er treuherzig: »Ich danke dir!«

»Du, Friede, ich weiß was!« Mariandel hopste von einem Beinchen auf das andere, und ihre Kornblumenaugen strahlten den Freund lustig an.

»Was weißt du denn?«

»Ach, was Feines, was Feines! Rate mal!« Aber ehe Friede noch seinen Mund auftun konnte, flüsterte Mariandel schon rasch: »Die Frau Gräfin liest deinen Aufsatz. Ich hab's gehört, sie hat's zu der andern Dame gesagt.«

Friede wurde blutrot und sah so unglücklich drein, daß Mariandel erschrocken fragte: »Freust du dich nicht?«

Der Bube schüttelte den Kopf. »Ich schäm' mich so, ich schäm' mich so,« stammelte er, und dann lief er geschwind weg und ließ Mariandel stehen. Die Kleine sah ihm traurig nach, ihr war es zumute, als sei sie mit ihrem Sonntagskleid ins Wasser gefallen.

Friede kam so niedergeschlagen heim und gab so kurze Antworten, daß Muhme Lenelies ärgerlich sagte: »Na, das ist schon wie beim Bader, wenn der'n Zahn rausziehen will, just grad' so muß ich dir die Worte aus dem Mund ziehen. Jetzt red' mal fix und sag, warum du so ein Gesicht machst, als müßtest du sechs Mühlsteine als Vesperbrot verzehren!«

Da erzählte Friede kleinlaut, was Mariandel ihm verraten hatte. Muhme Lenelies lachte herzhaft: »Na, was schadet das? Eine Arbeit, die man recht getan hat, braucht man doch nicht zu verstecken. Wenn die Frau Gräfin die Arbeit liest und ist zufrieden, dann freue dich, aber bilde dir nicht gleich ein, ein wichtiger Bube zu sein. Na, und wenn die Arbeit der Frau Gräfin nicht gefällt, dann mußt du dir halt immer noch mehr Mühe geben. So, und nun iß dich ordentlich satt, und nachher wollen wir beide Kräuter und Pilze suchen gehen.«

Nach dieser Rede der Muhme schmeckte dem Friede das Essen gleich prachtvoll, und fröhlich rüstete er sich dann zum Waldgang. Er durfte Mariandel dazu holen, und die Kleine wurde darüber auch wieder vergnügt; mit Muhme Lenelies in den Wald zu gehen, war eine lustige Sache. Die alte Frau wußte so viel zu erzählen von allen Bäumen und Blumen des Waldes, es war immer, als blätterte sie Seite für Seite eines großen Bilderbuches um. An diesem Tage sagte Friede mit nachdenklicher Bewunderung: »Weißt du, Muhme, wenn du mir wirklich bei meiner Arbeit geholfen hättest, da wäre sie schon besser geworden. Ich glaube, niemand auf der ganzen Welt kann feiner erzählen als du.«

Die Muhme lachte schelmisch: »Na, seh einer den Schmeichler an! Aber wer weiß, Friede, gar lernst du's auch noch mal. Aus einem Traumfriede kann schon ein Geschichtenerzähler werden. Doch nun flink, Kinder, sucht Pfifferlinge! Dort wachsen welche, und wenn ihr brav sucht, erzähle ich euch zum Schluß noch eine Geschichte. 's ist mir just eine eingefallen.«

Flink suchten alle drei. Die Muhme fand Kräuter und die Kinder jedes ein Säcklein Pfifferlinge. Ganz stolz schaute Mariandel auf ihren Fund: »Das gibt ein Abendessen!« Ehe sie heimgingen, setzten sie sich noch alle drei am Waldrand nieder. Ein Baumstamm lag da, der kürzlich gefällt worden war, und auf dem noch mehr Buben und Mädel Platz gehabt hätten. Es war, als hätten das des Schulzen Kinder Jakob und Röse und Heine Peterle gewußt, sie kamen gerade von Niederheudorf heim, am Waldrand entlang. »Kommt her, Muhme Lenelies erzählt uns was,« rief Friede. Das ließen sich die drei nicht zweimal sagen. Sie waren da, als hätte ein Windstoß sie hergeweht, und setzten sich auch auf den Baumstamm, Heine Peterle so einträchtig neben Friede, als hätten sie sich nie gestritten. Muhme Lenelies nickte: so war es recht, Bösesein und Unfrieden konnte sie nicht leiden, und mit einem kleinen lustigen Schelmenlachen begann sie die Geschichte vom unsichtbaren Kaspar zu erzählen.

Der unsichtbare Kaspar.

(Ein Märchen.)

Oben bei Berenbach, ein bißchen weiter in den Wald hinauf, stand, wie ihr wißt, vor Zeiten eine Burg. Jetzt ist nur noch ein kümmerliches Mauerrestchen davon da, früher aber war es eine stattliche Burg. Sie gehörte einem reichen Grafen, der rings im Lande noch viele Schlösser besaß. Auf der Burg wohnte er nur selten; sein Vogt, ein braver, schlichter Mann, bewohnte mit den Seinen darin etliche Zimmer. Des Vogtes einziger Bube hieß Kaspar. Das war ein Bube, der immer zu hundert Dingen Lust hatte, aber nie zur Arbeit, wie das ja manchmal bei Buben vorkommen soll. Am liebsten trieb er sich im Walde herum, immer mit dem heimlichen Wunsch, einmal ein Abenteuer zu erleben. Damals gab es noch Zwerge, Wichtlein, Waldweiblein und Nixen, und der Kaspar hätte zu gern mal so ein kleines, seltsames Männlein oder Weiblein gefangen. Und einmal, es war gerade am Johannistag, lief dem Buben wirklich so ein kleiner Wichtel in den Weg, und Kaspar ergriff ihn flink und hielt ihn fest, so sehr das Männlein auch zappelte und schrie. »Was willst du denn von mir?« rief der Wichtelmann böse, »laß mich doch gehen! Dummer Bube du, mit deinen groben Tatzen zerdrückst du mich ja!«

»Nä,« sagte Kaspar, »los lasse ich dich nicht, erst mußt du mir was schenken. Meine Großmutter hat erzählt, die Wichtelleute wüßten Farnsamen zu finden, der unsichtbar machen soll; gib mir etwas davon.«

»Meinetwegen,« sagte der Wichtelmann, »den sollst du haben. Heute ist Johannisnacht, da werde ich welchen für dich suchen, morgen um diese Zeit kannst du ihn dir holen. Hier auf diesem Baumstumpf wird ein silbernes Döschen liegen, darin ist Farnsamen. Aber merke wohl, wenn du einem Menschen davon erzählst, verliert der Samen seine Kraft; solange du schweigst, kannst du dich immer unsichtbar machen, wenn du das Döschen bei dir trägst. So, nun laß mich los!«

Kaspar ließ das Wichtelmännlein los; er wußte, die kleinen Waldleute hielten, was sie versprachen. Am nächsten Tage konnte er es kaum erwarten, wieder in den Wald zu kommen. Endlich war es Zeit, und er rannte so geschwind in den Wald, als hätte er mit einem Hasen einen Wettlauf verabredet. Da war die Stelle, wo er gestern den Wichtelmann gefangen hatte, da der Baumstumpf, und richtig lag das silberne Döschen darauf. Kaspar nahm es, steckte es ein und rannte nicht minder geschwind heim; er mußte doch sehen, ob er wirklich unsichtbar war. Der Vogt war mit den beiden Knechten zur Heuernte ausgezogen, die Mutter war in der Waschküche mit den Schwestern, und nur die Magd kam gerade über den Hof, als Kaspar zurückkehrte. Geschwind stellte der sich im Haus auf und dachte: Ich will sie mal erschrecken. Die Magd trug einen Korb voll Holz, und mit kräftigem Schwung schüttete sie das Holz gerade dahin, wo Kaspar stand. »Au!« schrie der Bube, denn die dicken Buchenscheite waren ihm auf die Füße gefallen. »Na, wer schreit hier denn?« rief die Magd und sah sich erstaunt um. Da merkte Kaspar, daß er wirklich unsichtbar war. Er rieb sich sein Knie, das ganz wund gestoßen war, und humpelte nach der Waschküche; er gedachte nun den Schwestern einen Schabernack zu spielen, von der Magd hatte er vorläufig genug. Als er die Waschküche betrat, goß seine Mutter gerade das schmutzige Waschwasser aus. Man machte das damals sehr einfach: schwapp! wurde es zur Türe hinausgeschüttet, es konnte ja dann, wenn es Lust hatte, den Burgberg hinunterlaufen. So ein voller Eimer Waschwasser traf nun gerade Kaspar; seine Mutter sah ihn ja nicht, und so bekam er das warme Seifenwasser über den Kopf. »Huhuhu!« heulte er.

»Der Kaspar schreit draußen,« riefen seine Schwestern und schauten hinaus, erstaunt, daß der Bruder nicht da war.

»So ein Wildfang,« sagte die ältere, »nichts als Dummheiten hat er im Kopf. Er könnte wahrlich schon dem Vater helfen.«

»Ja, es ist schlimm mit ihm, er ist ein rechter Tunichtgut,« erwiderte die jüngere.

Da lief Kaspar wütend fort; patschnaß war er, und gescholten wurde er auch noch, das ging ihm doch über den Spaß. Er legte sich in das Burggärtlein und schaute sich die Wolken an. Es sah ja niemand, daß er faulenzte.

Zum Abendessen kam er erst wieder. »Jetzt sollen sie einmal alle staunen,« dachte er und nahm sich vor, sich eiligst die besten Bissen aus der Schüssel zu nehmen. Er setzte sich vergnügt auf seinen Platz. Der Vater sprach das Tischgebet und sagte dann: »Nehmt Kaspars Stuhl weg! Wer nicht zur rechten Zeit kommt, braucht nicht zu essen.«

Schweigend nahm der Knecht Hermann den Stuhl mit dem unsichtbaren Kaspar und stellte ihn in eine Ecke. »Potzwetter, ist der Stuhl schwer,« rief er verblüfft und schüttelte ihn ordentlich, da plumpste Kaspar ziemlich unsanft herunter. Alle sahen erstaunt auf. Was war das eben gewesen?

Kaspar stand wütend auf. Er hatte sich den Arm verrenkt, dazu war er noch immer naß, sein Bein tat ihm weh, und sein Magen knurrte gewaltig. An den Tisch wagte er sich nicht mehr, obgleich er sehr hungrig war. Er schlich sich hinaus, suchte sich ein Stück Brot in der Küche, und dann dachte er patzig: »Nun werde ich Hermann zur Strafe recht ärgern!« Er legte sich also in das Bett des Knechtes und schlief auch bald ein. So fest schlief er, daß er gar nicht hörte, als der Knecht in die Kammer kam, sich auszog und sich auch in das Bett legte. »Uff!« stöhnte Kaspar, denn Hermann hatte sich ihm gerade auf das Bäuchlein gelegt.

Hui, fuhr der Knecht empor. »Zum Kuckuck, was ist denn das hier?« schalt er. »Das schreit ja, und etwas liegt im Bett, und dabei seh' ich doch nichts!« Bums, drehte er sich rechts herum, bums, links herum, er puffte und stieß, und Kaspar flog jäh in einem weiten Bogen wie ein Federball zum Bett hinaus. Er rollte an die Kammertür, die flog auf, der Bube rollte hinaus, die Treppe hinunter, und auf einmal lag er jämmerlich zerschlagen und zerbleut im Hausflur.

Oben schrie der Knecht: »Hier spukt es im Hause!« Unten jammerten die Schwestern und die Magd, vom Hofe her tönte der Mutter Stimme: »Kaspar, Kaspar, wo bist du denn?«

Der blieb stumm, er dachte: »Wenn ich mich jetzt melde, muß ich alles erzählen, und erzählen darf ich nichts, sonst verliert der Farnsamen seine Kraft.« Er seufzte tief, er fand es eigentlich ziemlich schwer, unsichtbar zu sein. »Es ist am besten, ich gehe in die weite Welt zu einem König. Vielleicht kann ich in eine Schatzkammer kommen und mir viel Geld holen,« dachte er. Vorläufig kroch er in eine Scheune; dort schlief er, bis es Tag wurde, dann nahm er sich noch ein Stück Brot und wanderte ziemlich niedergeschlagen in die weite Welt hinaus.

Sehr unterhaltsam war es auf die Dauer wirklich nicht, unsichtbar zu sein, und manchmal hätte Kaspar gern sein Döschen fortgetan, aber er wagte es doch nicht, weil er dachte, es könnte ihm gestohlen werden. Am schwersten hielt es, etwas zu essen zu bekommen. Anfangs hatte Kaspar auch mal da, mal dort um ein Stück Brot gebeten, da waren die Leute immer schreiend davongelaufen, und natürlich hatte niemand daran gedacht, einem, der unsichtbar war, Brot zu geben. Dem Kaspar blieb nichts weiter übrig, als selbst in die Speisekammern der Hausfrauen zu gehen, um sich etwas zu holen. Das drückte ihn schwer. Er schämte sich recht und merkte sich immer die Häuser und dachte: »Ich zahle es später zurück!« Einmal ging er auch in ein Bauernhaus und betrat eine Kammer, weil er meinte, dies sei wohl die Speisekammer. Er war aber in eine Waschkammer geraten, und ehe er noch wieder hinaus konnte, wurde draußen zugeschlossen, und er mußte die ganze Nacht in der Kammer sitzen; es gab nicht einmal eine Bank, auf der er sich hätte richtig ausstrecken können.

Nach etlichen Wochen gelangte der Bub schließlich doch in die Königsstadt. Am Eingang der Stadt lag ein großes Kloster, wohlverwahrt wie eine Festung. »Hier will ich mich ausruhen,« dachte Kaspar und schlüpfte neben einem Mönch in die Klosterküche. Ein guter Bratengeruch zog ihm entgegen. Das Kloster hatte vornehmen Besuch erhalten, und der Klosterkoch wollte zum Abendessen Ehre einlegen mit seiner Kochkunst. Am Spieß steckte ein saftiger Wildbraten, und in der Pfanne schmorten junge Hähnchen. Kaspar war nicht faul, er nahm eine Gabel, fuhr in die Pfanne, nahm sich ein Hähnchen heraus und setzte sich damit in eine Ecke.

Der Koch schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als eine Gabel in seine Pfanne fuhr und ein gebratenes Hähnchen durch die Luft flog, als wäre es ein lebender Sperling. Der brave Mann erhob ein so furchtbares Geschrei, daß Kaspar gewaltige Angst bekam und am liebsten durch das Fenster gesprungen wäre. Aber das war fest vergittert, und die Tür konnte der Bube nicht erreichen. Der Koch hatte einen Rußbesen genommen, stöberte damit in allen Ecken herum und brüllte: »Hinaus mit dem Teufel, hinaus mit dem Teufel!« Ritsch fuhr er Kaspar mit dem schwarzen Besen über das Gesicht und merkte es gar nicht. Nun drehte sich der Bube um, ritsch bekam er eins über die Jacke, und schließlich war er heilfroh, als es ihm endlich gelang, aus der Küche zu flüchten.

Draußen begegneten ihm sehr viele Mönche, die alle auf des Kochs Geschrei herbeikamen, und Kaspar flüchtete in seiner Verwirrung in die Bücherei des Klosters. Ganz still und niedergeschlagen kauerte er dort und knabberte an seinem Hühnchen herum, aber das wollte ihm trotz seines Hungers gar nicht recht schmecken. Und wieder, wie so manches Mal in den letzten Tagen, dachte der Bube sehnsüchtig: »Wäre ich doch daheim!«

Nach und nach verstummte der Lärm im Kloster, und dann ertönte das Abendgeläut fromm und feierlich. Das hörte Kaspar noch halb im Traum, dann schlief er fest in seinem Winkel ein. Er schlief bis zum nächsten Morgen, da schlich er sich leise zum Kloster hinaus, an einem Pilger vorbei, der gerade zur Rast einkehrte. Kaspar war zwar sehr hungrig, er wagte aber nirgends, in eine Küche oder Speisekammer einzudringen; noch zitterte er vor Angst, wenn er an den gestrigen Auftritt in der Klosterküche dachte. Er schlug den Weg nach dem Schloß ein, und unterwegs hörte er, daß heute ein großes Fest stattfinden sollte. Bald stand der Bube auch vor dem goldenen Schloßtor und staunte über die Pracht ringsum. Keine Wache sah ihn, niemand hinderte ihn daran, in das Schloß hineinzugehen, trotzdem war es ihm sehr beklommen zumute, und immer, wenn jemand an ihm vorbeikam, drückte er sich an die Wand. Sein Büchslein mit Farnsamen hatte er in die Hand genommen und hielt es ängstlich fest, denn er hatte eine gewaltige Angst, er könnte es verlieren. Bei dem Herumwandern im Schloß kam er auch in den großen Festsaal. Heisa, riß er da die Augen auf, denn in dem Saal blinkte es nur so von Gold. Viele Diener liefen geschäftig hin und her, sie trugen goldenes und silbernes Geschirr herbei, wundervolle Torten und große Schalen, auf denen herrliche Früchte und andere leckere Sachen lagen. Dem Kaspar lief das Wasser im Munde zusammen. Am liebsten hätte er gleich eine ganze Torte aufgegessen, aber das wagte er doch nicht. Er schlich sich vorsichtig an eine Tafel heran und wollte sich heimlich ein paar Früchte nehmen. Doch o weh, die Schale geriet ins Wanken, sie wackelte hin und her, und dann purzelte sie mit großem Gepolter um, und alle köstlichen Früchte und Bonbons kollerten auf den Fußboden. Die Diener schalten einer auf den andern, er hätte die Schale schlecht hingestellt.

Kaspar hatte sich ängstlich in eine Ecke geflüchtet. Einen einzigen Apfel hatte er aufzuheben gewagt, er hielt ihn in der Hand und dachte bedrückt: »Wenn ich ihn esse, hören sie es vielleicht.« Wie er nun so stand und sich ängstlich im Saale umschaute, fiel sein Blick auf den goldenen Baldachin über dem Platz des Königspaares. Wenn er dort oben säße, dann würde er sicher ganz ungestört das ganze Fest mit ansehen können. Er sah sich den Baldachin an und fand, daß es gar nicht so schwer war hinaufzukommen, und während sich die Diener noch gegenseitig stritten, kletterte er geschwind hinauf. Dabei verlor er aber seinen Apfel; das dröhnte ordentlich, als der herunterfiel und durch den ganzen Saal rollte. »Hier spukt es, o Himmel, hier spukt es!« schrie der alte Haushofmeister. »Hier ist doch kein Apfelbaum, von dem die Äpfel herunterfallen können!«

»Nein, ein Apfelbaum ist wirklich nicht hier,« sagte der Obertellerabwischer und drehte sich wie ein Kreisel auf seinen Absätzen herum, »ich sehe keinen.«

»Seht doch nur, wie der Thronhimmel wackelt,« schrie plötzlich der Obermesserputzer so laut, daß Kaspar beinahe von seinem hohen Sitz heruntergefallen wäre. Vor Schreck blieb er mucksstill sitzen, und als alle Diener hinaufsahen, wackelte der Baldachin nicht mehr. »Du hast geträumt, lieber Obermesserputzer,« sagte der Obermesserbänkchenverwahrer spöttisch.

»Ich bin noch nicht so kurzsichtig wie du, der neulich einer echten Prinzessin nur ein silbernes Messerbänkchen hingelegt hat,« höhnte der Obermesserputzer.

»Sputet euch, sputet euch!« schrie der Haushofmeister erschrocken, »in zwei Minuten kommt der König. Geschwind, geschwind! Oh, die Schande, wenn nicht alles zu rechter Zeit fertig ist!«

Da vergaßen der Obermesserputzer und der Obermesserbänkchenverwahrer ihren Streit, und alle rannten aufgeregt durcheinander, hierhin und dahin, -- nach dem Thronhimmel sah niemand mehr. Darüber war Kaspar herzlich froh. Er setzte sich behaglich zurecht, und wenn er nur etwas zu essen gehabt hätte, dann wäre ihm die ganze Sache recht gemütlich gewesen. Er staunte aber und vergaß ein Weilchen allen Hunger, als endlich der König und die Königin mit ihrem ganzen Hofstaat und vielen edlen Gästen in den Saal zogen. Potzwetter, das war eine Pracht! Der König und die Königin trugen Kronen, die funkelten wie zwei Sonnen, und es war ein solches Rauschen von Seide im Saal, ein solches Funkeln von edlen Steinen, daß dem Kaspar ordentlich Ohren und Augen weh taten. Das war doch eine andere Sache als das Erntefest daheim im Dorf! Neben dem König saß seine Tochter, eine wunderholde, liebliche Prinzessin, schön wie ein Frühlingsmorgen. An der konnte sich Kaspar gar nicht satt sehen. Ganz verwegen dachte er, die möchte ich mal heiraten; es hat doch schon mancher arme Bube später eine Prinzessin bekommen, warum soll es mir nicht gelingen? Darüber wurde er so lustig, daß er zu pfeifen begann. Unten an der Tafel sahen sich die edlen Herren und Frauen ganz erstaunt um, auch der König horchte auf. »Ist denn hier eine Amsel im Saal?«

»Nein, gewiß nicht,« sagte der Haushofmeister und verbeugte sich ganz tief. »Ein Apfelbaum ist auch nicht im Saal, und doch ist vorhin ein Apfel durch die Luft geflogen.«

»Ei, das spukt hier wohl?« rief der König. »Na, das wäre ja eine nette Sache, wenn es in unserm königlichen Speisesaal spuken sollte.«

Die holde Prinzessin rief kichernd: »Ach, das wäre so schön! Ich habe mir schon immer gewünscht, einmal ein Gespenst zu sehen, und heute ist mein Geburtstag. Wenn doch gleich eins käme!«

»Nun, wenn heute ein Gespenst erscheint, dann schenke ich es dir,« sagte der König lachend, und die Prinzessin klatschte in ihre schneeweißen Händchen und jubelte: »O wie freue ich mich, o wie freue ich mich!«

»Ich heirate sie ganz gewiß, sie gefällt mir zu gut,« dachte Kaspar und beugte sich weit vor. Nein, wie gut das roch! Er schnupperte wie ein Mäuschen, das eine Speckschwarte riecht. Ach, der Bratenduft! Er spürte wieder gewaltigen Hunger, und sein Magen knurrte so laut, daß unten die Prinzessin rief: »Es ist ein Wolf im Saal, ich höre ihn knurren!«

»Nein, eine Katze schnurrt,« sagte ein alter Graf, der Katzen nicht leiden konnte.

»Ich glaube, es ist ein Frosch, der quakt,« flüsterte ein Hoffräulein zimperlich, vor Fröschen graulte sie sich sehr.

Inzwischen hatten zwei Diener eine mächtige goldene Schüssel voll Kompott gebracht, die stellten sie vor die Frau Königin hin. Kompott teilte diese immer selbst aus, es wurde sonst zu viel davon gegessen.

»Ach, wie fein!« dachte Kaspar. »Könnte ich doch mitessen!«

Das roch so köstlich wie ein großer Obstgarten und ein großer Zuckerladen dazu. Noch weiter beugte sich der Bube vor, und als die Königin dem Diener immer einen gefüllten Kompotteller nach dem andern reichte, da griff er unwillkürlich danach, und dabei rutschte ihm sein silbernes Döschen mit dem Farnsamen aus der Hand, und platsch fiel es in die goldene Kompottschüssel hinein.

Die Königin schrie laut auf: »Wo ist denn meine Schüssel hin?«

»Sie war doch eben da,« sagte der König betroffen und setzte sich geschwind seine Brille auf. »Hm ja, liebe Frau, wo ist denn die Schüssel?«

Jeder schaute hin, niemand sah sie, denn weil nun der Farnsamen darin lag, war die Schüssel auf einmal unsichtbar geworden.

»Da oben sitzt das Gespenst, es sieht wie ein schmutziger Junge aus!« quiekte die Prinzessin mitten in alles Verwundern und Erstaunen hinein. Erschrocken sahen alle zum Thronhimmel hinauf, -- da oben saß der nun nicht mehr unsichtbare Kaspar und heulte.

»Bist du ein Gespenst?« rief der König zürnend.

Der Bube heulte nur, er brachte vor Angst kein Wort heraus. »Holt ihn herunter!« gebot der König, und zwei Diener kletterten geschwind hinauf und brachten den zitternden Kaspar vor den König. Der sah ihn so böse an, daß der Bube dachte: »Nun werde ich gewiß ins Gefängnis geworfen!« Ach, es war jammervoll, und sein Büchschen lag in der Kompottschüssel, und sehen konnte er es nicht, weil ja die ganze Schüssel unsichtbar war.

»Bist du das Gespenst, das erst gepfiffen und dann geknurrt und jetzt die Kompottschüssel verzaubert hat?« fragte der König streng. »Und warum siehst du wie ein schmutziger Straßenjunge aus und spukst am hellen Tage in meinem Schloß herum? Gespenster dürfen doch nur in der Nacht erscheinen, und außerdem sehen sie weiß aus!«

»Halten zu Gnaden, mit Äpfeln hat es auch geschmissen,« sagte der Haushofmeister.

»Ich -- ich -- bin -- ja kein Gespenst, ich -- bin ja der Kaspar,« schluchzte der Bube. In seiner Herzensangst und Verzweiflung begann er die Geschichte von dem Farnsamen zu erzählen.