Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf: Fünfzehn heitere Erzählungen
Part 10
Muhme Lenelies' Pflegesohn saß an diesem stillen Sommertag höchst vergnügt unter einer alten Eiche und gab auf seine Herde acht. Sonderlich schwer machten es die fünf Kühe und drei Ziegen ihrem Hüter nicht, sie in Ordnung zu halten, und der Bube war wieder einmal recht der Traumfriede, er träumte mit offenen Augen wundervolle Dinge. In den Zweigen des Baumes rauschte es, und dem Buben war es, als flüsterten die leise aneinanderschlagenden Blätter ihm allerlei seltsame Geschichten zu. Der Herr Lehrer hatte den Kindern in der Schule von den alten Germanen erzählt, die im heiligen Eichenhain dem Gott Donar geopfert hatten, und von diesen längst vergangenen Tagen rauschte und raunte es in dem alten Baum, von den Helden, die einst in seinem Schatten von ihren Kriegstaten berichtet und die Schädel der geopferten Kriegsrosse am Stamme befestigt hatten. Aber auch von Elfen und Waldweibchen flüsterte es, von Sommernächten, in denen hier auf weichem Wiesengrund sich ein lustiges Märchenvolk im Tanze drehte. Aus diesen Träumen schrak der Bube plötzlich empor. Über ihm rief eine schnarrende Stimme: »Schafskopp, gib mir ein Küßchen, hahaha, gib mir ein Küßchen!« Friede faßte sich unwillkürlich an seine Nase und zog kräftig daran, -- träumte oder wachte er?
»Mach die Tür' zu, mach die Tür' zu!« kreischte es da wieder, und nun sprang Friede doch auf und sah sich um. In dem Gezweig der Eiche saß ein blaugrüner Vogel, der mit schief gehaltenem Kopf den Buben sehr prüfend ansah. Friede mußte an das Märchen vom blauen Vogel des Glücks denken, das Muhme Lenelies ihm erzählt hatte. War das nun ein Glücksvogel? Er faßte sich wieder an die Nase: nein, er war doch wach und träumte nicht mehr, und der Wundervogel gehörte ins Märchenland, also mußte das wohl hier doch ein anderer sein. Nun sah der Bub aber auch die feine, goldene Kette, die von dem Fuß des Vogels herabhing. Gewiß war der Vogel irgendwo ausgerissen. »Lola hat Hunger, Hunger,« kreischte der Vogel und schlug mit den Flügeln, als wollte er davonfliegen. Friede besann sich nicht lange. Er nahm rasch sein Brot aus dem Sack, zerbröckelte ein Stück und streute es für den seltsamen Gast hin. Der besah sich etwas erstaunt die Sache, hüpfte aber doch auf einen niedrigen Ast, legte den Kopf auf die andere Seite und schien sich zu überlegen, ob die Mahlzeit wohl für ein so vornehmes Tier gut genug sei. In diesem Augenblick griff Friede rasch nach der Kette und zog daran den Vogel vom Baum. Der war erst so verblüfft, daß er sich ruhig greifen ließ, plötzlich aber besann er sich und hackte wütend nach Friedes Hand. »Au!« schrie der Bube laut, hielt den Vogel aber trotz des heftigen Schmerzes fest und steckte den zappelnden und laut »Schafskopp« schimpfenden Gesellen kurz entschlossen in seinen Rucksack. Da war der Herr Papagei gefangen; es half ihm nichts, daß er schnarrte: »Schafskopp, Schafskopp, mach die Tür' zu, mach die Tür' zu!«
Friede lachte: »Sie ist ja zu! Sei du nur still, es wird schon herauskommen, wem du ausgerissen bist.« Der Bube war nicht so empfindlich wie Hans Rumps, und die vielen Schafsköpfe, die ihm der Papagei in seiner Wut zurief, ärgerten ihn nicht. Er lachte darüber, wie drollig das war, daß ein Vogel sprechen konnte. Gewiß war es ein Papagei, von diesen Vögeln hatte der Herr Lehrer auch erzählt.
Über des Buben Hand aber rann das Blut, und die Wunde schmerzte heftig. Friede nahm einen Krug mit Wasser, den er sich immer an der Quelle, an der er früh vorbeikam, füllte, und wusch die Wunde ab. Der Papagei hatte ein ganzes Stück Fleisch aus dem Ballen der linken Hand gehackt, und so weh es tat, Friede dachte doch: »Gut, daß es die linke Hand ist, da kann ich wenigstens was anfassen.« Der Papagei zappelte in seinem Gefängnis hin und her, bald fuhr er hier, bald dort mit seinem Schnabel durch den Stoff und suchte sein Gefängnis zu zerreißen. Friede hatte einen Bindfaden genommen und damit die Kette an einem niedrigen Ast angebunden; kam der Vogel aus dem Sack heraus, so mußte er immer noch eine Weile zerren und beißen, ehe er ganz frei wurde.
Etwas hilflos sah sich Friede nun um. Er wußte nicht recht, was er tun sollte; seine Herde konnte er nicht verlassen, sie heimzutreiben, war es zu früh, aber die Hand tat ihm sehr, sehr weh, und er sehnte sich nach Muhme Lenelies, die so gut solche Schäden zu heilen wußte.
Es war recht gut, daß an diesem Tage Leberecht Sperling auch einmal aus dem Walde heraus nach dem Buchberg ging, sonst wäre dem armen Friede die Zeit doch wohl recht lang geworden. Seit ihn der Waldhüter heimgetragen, war zwischen ihnen beiden eine stille Freundschaft, und so rief Friede heute auch laut, als er diesen von ferne erblickte: »Herr Waldhüter, Herr Waldhüter!«
»Na, was soll's denn?« brummte der und kam näher. Friede rannte ihm entgegen und erzählte ihm rasch von seinem Fange. »Den suche ich doch gerade, diesen Ausreißer,« schalt Leberecht Sperling. »Unsere Frau Gräfin ist ganz traurig, und die junge Gräfin heult wie -- wie eine Dachrinne.« Daß eine weinende Gräfin und eine tropfende Dachrinne doch recht verschieden sind, störte den Waldhüter nicht, und Friede fand den Vergleich sehr schön. Leberecht Sperling aber schimpfte auf den Papagei, auf Friede, auf die verletzte Hand, auf des Waldmüllers Ziegen, weil die neugierig herbeikamen, auf die Sonne, die zu heiß brannte, und noch auf alles Mögliche und Unmögliche. Als er genug geschimpft hatte, sagte er, Friede solle noch ein wenig warten, er würde nach seinem Hause gehen, das nahe lag, und einen Korb holen und darin den Papagei selbst nach dem Schlosse tragen. Es dauerte auch nicht lange, da kam Leberecht Sperling wieder zurück. Er brachte in dem Korb ein reines Tuch und eine Flasche Arnika mit und verband Friede unter vielem Stöhnen und Brummen sehr sanft und ordentlich die Hand, dann holte er aus dem Korb noch einen Topf Kaffee und ein Stück Striezel heraus, sagte zu Friede mit einer Stimme, als wollte er den Buben selbst aufessen, er sollte jetzt essen und trinken, nachher würde er wiederkommen und ihm erzählen, wie er den Papagei nach dem Schloß gebracht hätte. »Mach die Tür' zu, mach die Tür' zu,« schrie der Gefangene in seinem Korb. »Freilich wird sie zugemacht,« brummte Leberecht Sperling ungerührt und trabte los.
Friede saß nicht mehr lange in Einsamkeit und Stille unter der Eiche. Schwatzend, lärmend, Musbrote schmausend, sehr aufgeregt und hoffnungsvoll kamen ungefähr zwanzig Buben und Mädel angelaufen. »Friede, wir suchen einen Papagei! Friede, denke nur, er kann sprechen, und wenn wir ihn fangen, dann kriegen wir was!«
Traumfriede lachte und erzählte nun von seinem Fang, und daß Leberecht Sperling den Papagei nach dem Schloß getragen hätte. »Das ist doch ein Märchen,« sagte Annchen Amsee, und ein paar Stimmen riefen: »Er neckt uns nur.«
Aber Friede verteidigte sich, er zeigte seine verletzte Hand und erzählte, was der Papagei gesprochen hatte, da mußten es ihm die andern freilich glauben, daß der Wundervogel bereits gefangen sei. Anton Friedlich, Krämers Trude und noch ein paar andere sagten ein bißchen enttäuscht: »Ach, nun kriegt Friede alles und wir nichts!«
»Pfui,« murrte der dicke Friede, »ihr seid neidisch, das ist häßlich.« Auch Annchen Amsee, Mariandel, Heine Peterle und noch andere riefen: »Der Friede verdient's doch, gönnt's ihm doch!« Da schwiegen die kleinen Neidhammel beschämt. Friede aber war rot geworden, an eine Belohnung hatte er gar nicht gedacht; nun kam's ihm auf einmal in den Sinn, wie schön das wäre, wenn er Muhme Lenelies etwas mitbringen könnte. Darüber vergaß er fast die Schmerzen an seiner Hand, und als Annchen Amsee ihn mitleidig fragte: »Tut's sehr weh?« da lächelte er tapfer: »Es ist nicht so schlimm!«
Die Kinder beschlossen, auf Leberecht Sperling zu warten. Er würde zwar brummen, aber das schadete nichts, die Neugier war doch größer als die Angst vor seinem Schelten. Aber ach, Leberecht Sperling kam freilich wieder, doch er erzählte gar nichts, er sagte nur ganz kurz und brummig zu Friede: »Sie lassen schön danken, das Schwatztier ist gut angekommen!« Dann wandte sich der Waldhüter zu den Kindern: »Daß ihr mir nicht in den Wald kommt! Hier könnt ihr bleiben. Ob die Kühe, Ziegen oder ihr auf dem Buchberg herumtrampeln, ist ja gleich!« Weg war Leberecht Sperling, und alle miteinander sahen ihm geärgert nach.
»Das ist alles?« schrie Heine Peterle endlich empört, und Anton Friedlich schalt: »Der tut gerade so, als ob jeden Tag ein Papagei im Walde herumfliegt. Nun gehen wir doch in den Wald.«
Er fand aber keinen rechten Beifall mit seinem Vorschlag. Die Kinder fanden es viel besser, auf der andern Seite des Buchberges, dort, wo sich eine kleine Höhle befand, -- Leberecht Sperling nannte es »ein Loch«, -- Indianer zu spielen, da man doch einmal draußen war. Schulzens Jakob orakelte: »Wenn wir jetzt heimgehen, müssen wir Aufsatz schreiben.« Dazu hatten sie alle miteinander herzlich wenig Lust, und so zogen sie lachend und schwatzend weiter, und bald klang ihr fröhliches Spielgeschrei zu Friede hin, der still unter der Eiche saß. Er war ein wenig betrübt und enttäuscht und fühlte wieder heftiger die Schmerzen in seiner Hand.
Auf einmal raschelte es neben ihm: Waldbauers Mariandel war es, die zurückkehrte. »Friede,« sagte sie ein wenig verlegen, »ich will dir frisches Wasser holen für deine Hand, weil du doch nicht fortkannst.« Überrascht sah der Bube auf. Mit dem Mariandel hatte er immer nur wenig gesprochen; mal vor einiger Zeit, als der Kleinen ein Buch in den Schmutz gefallen war, da hatte er sie getröstet und sie heimgebracht. Mariandel nahm Friedes Wasserkrug, lief zur Quelle und kam vergnügt wieder; sie tat ordentlich wichtig wie eine kleine Krankenpflegerin. Dann saßen sie beide unter der Eiche, und Friede begann seiner Gefährtin von den Geschichten zu erzählen, die er am Morgen geträumt hatte. Mariandel lauschte andächtig, sie sah mit ihren großen Kornblumenaugen ernsthaft zu Friede auf, und wenn der einmal Atem holte, flüsterte sie rasch: »Ach, bitte, weiter!«
So saßen die beiden friedlich zusammen. Sie sagten es einander nicht, aber sie fühlten es beide, daß sie von dieser Stunde an gute Freunde waren. Der Nachmittag verging ihnen schnell genug, und sie waren beinahe erstaunt, als die andern spielmüde zurückkamen und mahnten, es sei Zeit heimzukehren. Friede trieb seine Herde zusammen, und vergnügt zogen alle dem Dorfe zu. Als Friede dann Muhme Lenelies sein Abenteuer erzählte und von der entgangenen Belohnung sprach, fragte die sonst so freundliche Muhme ganz ernst und streng: »Hast du's um eine Belohnung getan?«
»Nein,« sagte Friede beschämt.
»Na, das wäre auch noch schöner gewesen,« schalt die Muhme. »Nä, nä, nur nicht immer alles gleich aufs Belohnen ansehen, dabei kommt nischt Rechtes raus. Und nun geh ins Bett und sei vergnügt, daß du jemand hast einen Gefallen tun dürfen! Damit basta!«
Und Friede kroch geschwind und fröhlich in sein Bett und verschlief selbst die Schmerzen an seiner Hand. Es war doch ein reicher, schöner Tag gewesen: er hatte einen Wundervogel gefangen und eine liebe kleine Freundin gefunden.
Ferienarbeiten, und was daraus wird.
Man fängt nicht immer einen seltenen Vogel, und nach sehr ereignisreichen Tagen kommen mitunter recht stille Stunden. Dies merkte Traumfriede so recht am Tage nach seinem glücklichen Fange. Er saß wieder am Buchberg und war ein bißchen unruhig und erwartungsvoll, weil er dachte, irgend etwas oder irgend jemand müßte kommen. Aber kein Papagei, kein Waldhüter, keine fröhlichen Schulkameraden ließen sich sehen, ja selbst die Sonne kam den ganzen Tag nicht zum Vorschein. Früh war es trübe gewesen, und am Nachmittag war es immer noch grau und trübe, es regnete nicht, der Wind wehte auch nicht, und alle Vögel, Eichhörnchen und Häslein, und was sonst einmal an Friede vorbeigehuscht war, blieben ebenfalls unsichtbar. Alles in allem war es eigentlich etwas langweilig. Zum ersten Male fand es Friede recht still und einsam, und schließlich nahm er sich seine Bücher vor und begann seine Ferienarbeit ins Unreine zu schreiben.
Um die gleiche Zeit wanderte Muhme Lenelies nach Schloß Friedheim. Am Morgen, bald nach Friedes Weggang, war Leberecht Sperling bei der alten Frau gewesen und hatte ihr gesagt, sie möchte doch einmal zur Frau Gräfin kommen. Warum, das sagte der Waldhüter nicht, das war ihm zu beschwerlich, er war schon wieder draußen, ehe sich die Muhme von ihrem Erstaunen erholt hatte. »Na, ist recht,« dachte diese, »werd's schon erfahren.« Sie versorgte noch ihre Ziege Friederike, brachte ihr Häusel in Ordnung und trat dann ihren Weg an.
Muhme Lenelies war eine schlichte, bescheidene Frau, gehörte aber nicht zu den Menschen, die vor einem, der reicher und höher gestellt ist, gleich allen Freimut verlieren. »Jedem die Ehre, die ihm gebührt, aber nicht vergessen, daß wir Menschen vor unserm Herrgott alle gleich sind,« pflegte sie wohl zu sagen. Unter allerlei guten, freundlichen Gedanken verging der Muhme der Weg rasch, und bald lag das Schloß vor ihr. Sie fragte höflich und bescheiden nach der Frau Gräfin, und ein Diener führte sie gleich in ein hohes, schönes Zimmer.
In einem blanken Messingkäfig saß nun wieder gefangen der Papagei. Als der die fremde Frau erblickte, schlug er mit den Flügeln und rief recht unhöflich: »Schafskopp, Schafskopp!«
»Na,« sagte Muhme Lenelies ganz ruhig, »ich dächte, du wärst eher einer. Wozu brauchst du denn auszureißen?«
»Das stimmt,« sagte lachend jemand hinter der Muhme. Es war die Gräfin selbst, die leise eingetreten war. Freundlich reichte sie der alten Bauernfrau die Hand, und dann saß Muhme Lenelies, sie wußte selbst nicht wie, auf einmal auf einem wunderschönen, weichen Samtstuhl und erzählte vergnügt, als müßte es so sein, von ihrem Friede. Sie erzählte, wie der Bube zu ihr gekommen war, und wie lieb, brav und fleißig er sei, und weil die Frau Gräfin so aufmerksam zuhörte, erzählte sie auch von dem Wintertag, an dem der Bube im Schneesturm den weiten, weiten Weg gelaufen war, um ihr die Medizin zu holen.
Ganz still hörte die Gräfin zu, dann fragte sie noch allerlei, auch, was der Friede wohl einmal werden wollte. »Du meine Güte,« sagte Muhme Lenelies bescheiden, »was soll er werden! Ein rechtschaffener Arbeiter hoffentlich. Freilich, freilich, so'ne Buben die haben immer mächtig große Rosinen im Kopf. Da ist der Heine Peterle, der sagt, er möchte mal General werden, und Schnipfelbauers Fritz, dem die Unnützigkeit schon aus den Jackenärmeln herausguckt, meint, zu einem Doktor würde er's schon bringen.«
»Und der Friede?« fragte die Gräfin noch einmal.
Muhme Lenelies wurde ein wenig rot, dann sagte sie halb lachend, halb verlegen: »Na ja, der ist erst recht ein Hochhinaus, obgleich er ja sonst ein ganz bescheidener Bube ist, der -- der -- nä, die Frau Gräfin müssen ihn dann nicht für eingebildet halten, er möchte ein Lehrer oder ein Bücherschreiber werden.«
Die Gräfin lachte und meinte: »Da wird er freilich noch viel lernen müssen.« Sie fragte sie noch dies und das, dann brachte ein Diener einen vollgepackten Handkorb herein, den übergab die Gräfin der alten Frau und sagte freundlich: »Lassen Sie und Ihr Friede sich das gut schmecken, was in dem Korbe ist.«
Muhme Lenelies war ganz verwirrt; sie dankte etliche Male, hörte es gar nicht, daß der Papagei sie um ein Küßchen bat, und dann war sie wieder draußen und war ordentlich niedergeschlagen, weil sie ihrer Meinung nach nicht genug gedankt hatte.
Als Friede am Abend heimkam und alle Herrlichkeiten anschaute, -- es waren Kaffee, Zucker, Schokolade, Wurst und noch viele andere gute eßbare Dinge in dem Korb gewesen, -- tanzte er vor Freude in der Stube herum. »Nun war der Papagei doch ein Glücksvogel!« jubelte er. »Oh, Muhme Lenelies, was für wunderschöne Ferien habe ich!«
Die Ferien benahmen sich nun nicht mehr anders, als sich Ferien leider benehmen. Schwipp, schwapp waren sie zu Ende, und an einem Montagmorgen liefen die Oberheudorfer Kinder wieder ihrem roten, leuchtenden Schulhause zu. Sie saßen wieder auf ihren Bänken, hier die Mädel, da die Buben, hinten die Großen, vorn die Kleinen. Und der Herr Lehrer, der verreist gewesen war, stand da, schaute in all die blinkeblanken Kinderaugen und fragte: »Na, waren die Ferien schön?«
»Ja!« schrieen alle miteinander, und alle Ferienlust und Ferienfreude klang in dem Ruf noch mit. Am lautesten aber schrie Friede, und seine Augen strahlten wie ein Paar Sterne. Dann begann die Stunde. Zuletzt sprach der Herr Lehrer: »Nun sollen noch einige von euch uns ihren Aufsatz vorlesen. Heine Peterle, fang mal an!«
Heine Peterle bekam einen Kopf, so rot wie ein ganzes Büschel Feuernelken, und stotternd las er: »Es war furchtbar schön. Dreimal mußte ich aufs Feld. Viermal gab's Kuchen. Es hat mir am besten gefallen, daß der Papagei immerfort Schafskopf schriete.«
»Schreite!« tuschelte Schulzens Jakob.
»Schreite,« stotterte Heine Peterle.
»Hat geschriet!« flüsterte der dicke Friede.
»Hat geschriet!« stammelte Heine Peterle.
»Schrie!« sagte der Herr Lehrer und runzelte ein wenig die Stirn. »Nun lies weiter!«
Heine Peterle riß die Augen weit auf, seufzte schwer und murmelte bedrückt: »Ich -- bin fertig.«
»Na, das muß man sagen,« rief der Herr Lehrer, »angestrengt hast du dich nicht.«
»Nä,« bekannte Heine Peterle ehrlich und fiel mit der Nase beinahe auf sein Pult.
»Wir sprechen nachher noch miteinander,« sagte der Lehrer streng. »Annchen Amsee, lies du vor!«
Annchen las. Sehr lang war ihr Aufsatz auch nicht, auch sie hatte von dem verflogenen Papagei geschrieben. Dann kam der blaue Friede dran, der hatte die gleiche Geschichte erzählt. Ein Berenbacher Bube hatte eine Fahrt nach der Stadt beschrieben, ein Mädel einen Besuch bei der Großmutter. Zuletzt rief der Herr Lehrer Traumfriede auf, und rasch wisperten ein paar Stimmen: »Der hat auch den Papagei.«
Aber Friede hatte den Papagei nicht in seinem Heft. Der Bube hatte einen Tag im Walde beschrieben. Von Bäumen und Blumen, von der Sonne, dem Wind, dem Gesang der Vögel und den schneeweißen Ziegen hatte er erzählt; von dem alten Hünengrab und denen, die darin schliefen, und deren Singen und Sagen an sonnenhellen Tagen im Walde zu hören war. Wie ein Märchen klang es. Alle hörten ganz andächtig zu, und als Friede geendet hatte, da sahen ihn alle verwundert an. Nein, so einen Aufsatz hatte kein anderes Kind geschrieben, das war ja beinahe, als hätte Muhme Lenelies eine Geschichte erzählt.
Der Lehrer sagte nichts weiter, er nickte Traumfriede nur sehr freundlich zu, so freundlich, daß in dem Herzen des Buben die Hoffnung erwachte, eine besonders gute Zensur zu erhalten. »Nun gebt mir alle eure Hefte ab,« gebot der Lehrer, und da ertönte auch schon draußen das Bimbaum der Schulglocke.
Etliche Minuten später standen alle Buben und Mädel draußen vor der Schule und schwatzten noch ein Weilchen hin und her, denn so ein erster Schultag nach den Ferien ist doch eine wichtige Sache.
Plötzlich rief Anton Friedlich ganz laut und patzig: »Traumfriede kann gut Aufsätze schreiben, wenn er sie sich von Muhme Lenelies machen läßt.« Und gleich riefen ein paar andere Buben- und Mädelstimmen: »Pfui, das darf man doch nicht!«
Traumfriede war totenblaß geworden. Er war so ein ehrlicher, aufrichtiger Junge, daß der Gedanke, seine Arbeiten nicht allein zu machen, ihm nie gekommen wäre. Der leichtfertig ausgesprochene Verdacht kränkte ihn so tief, daß er gar nicht sprechen konnte. Als sei ihm die Kehle zugeschnürt, so war es ihm, und er kämpfte mit den heiß aufsteigenden Tränen. Da sagte auch Heine Peterle, der sich wegen seiner schlechten Arbeit schämte, ein bißchen hochfahrend: »Na, abschreiben würde ich nicht. Pfui, wie ruppig!«
Schwapp hatte er eine Ohrfeige bekommen, er wußte nicht wie, und Traumfriede wandte sich nach dieser Tat bleich mit funkelnden Augen von Heine Peterle zu Anton Friedlich: der flog in den Sand wie ein Gummiball. Die andern Kinder stoben erschrocken auseinander, so hatten sie den sonst so freundlichen, sanften Traumfriede noch nie gesehen. Der Bub sah aus, als wollte er seine sämtlichen Schulgenossen in den Sand werfen, und alle Buben und Mädel erhoben ein wildes Geschrei. »Er hat doch abgeschrieben,« schrieen einige, und Anton Friedlich, der wieder aufgestanden war, brüllte laut: »Jawohl, sonst wäre er nicht so wild. Pfui, pfui!«
In all das laute Stimmengewirr hinein tönte ein sanftes Stimmlein: »Er hat es bestimmt nicht getan, er schreibt gewiß nicht ab!« Niemand hörte sonderlich auf Waldbauers Mariandel, nur Friede hatte der Freundin Stimme gehört. Die brachte ihn etwas zur Besinnung, und er begann sich seiner Heftigkeit zu schämen. Er sagte kein Wort, aber er drehte sich verächtlich um und rannte weg, so blitzschnell, daß die andern ihm erst ganz verdutzt nachsahen. Aber dann erhoben Anton Friedlich und Heine Peterle ihre Stimmen: »Er reißt aus, er reißt aus, pfui, er reißt aus!« Und Mädel und Buben, die Großen und die Kleinen rannten alle lärmend hinter Friede her.
Der Bube aber war bei seiner eiligen Flucht auf ein unerwartetes Hindernis gestoßen. Mitten auf der Dorfstraße vor der Schmiede stand ein stattlicher Wagen, und an dem Wagen stand die Frau Gräfin Dachhausen und sprach mit dem Schulzen. Etliche Dorfleute standen dabei, auch Muhme Lenelies hatte sich dazugesellt. Die Gräfin kam mit ihrer Begleiterin von einer Spazierfahrt zurück. Unterwegs hatte das eine Pferd ein Hufeisen verloren, nun sollte der Schmied das Tier frisch beschlagen. »Nä, Friede,« rief Muhme Lenelies entsetzt und hielt ihren Pflegesohn geschwind am Jackenärmel fest, »warum rennste denn so? Man läuft doch die Menschen auf der Straße nicht um!«
Friede blickte sich ganz verstört um; er sah die Frau Gräfin, die erstaunten Gesichter der andern, hörte das immer näher kommende Geschrei seiner Kameraden, und eine wilde Verzweiflung ergriff ihn. Nun würden es alle hören, daß man ihn für einen Abschreiber, einen Lügner hielt. Er klammerte sich an Muhme Lenelies an und brach in ein verzweifeltes Schluchzen aus.
»Friede, mein Junge, ih, was fehlt dir denn?« rief die alte Frau besorgt, und die Gräfin fragte freundlich: »Ist das der Bube, der meinen Papagei gefangen hat? Warum weint er denn so?«
Die ganze lärmende, schreiende Schuljugend war jetzt herangekommen. Als sie die allen bekannte Gräfin erblickten, blieben sie aber doch ganz verdattert stehen, und ihr Schreien verstummte. Nur ein Stimmlein hob sich wieder mutig aus der Schar heraus, und diesmal wurde es von allen gehört; Mariandel rief: »Er hat es nicht getan, er tut so etwas nicht.«
»Was soll denn mein Friede getan haben? Warum verfolgt ihr ihn?« fragte Muhme Lenelies aufgeregt. Ihre sonst so freundlichen Augen blitzten drohend die Kinder an, und die wurden ganz verlegen; eins sah betreten das andere an, und etliche, die vorn standen, suchten sich hinter den andern zu verstecken. Endlich aber trat doch Anton Friedlich vor und wollte erzählen, was Friede getan haben sollte. Gleich fielen zwei, drei andere Stimmen ein, und dazwischen rief Mariandel wieder: »Er hat es nicht getan.« Annchen Amsee und Krämers Trude riefen nun auch der Freundin nach: »Er hat es nicht getan!«
»Potzwetter noch einmal, macht nicht so'n Geschrei,« brüllte jetzt der Schulze die Kinder an. »Was soll denn die Frau Gräfin von unserm Dorf denken? Jakob, komm mal vor und sag, was los ist, aber geschwind und kurz, sonst sperre ich euch alle zusammen ein!«
Das half. Jakob trat vor und erzählte etwas stotternd und verlegen von Friedes Aufsatz, und was Anton Friedlich und Heine Peterle gesagt hätten, und daß Friede gleich wild geworden sei.