Part 3
Die Böschung Schauender umschließt die Schiene, in der das alles stockt und rauscht und rollt: das Kommende, das Chryselephantine, aus dem sich zu Balkonen Baldachine aufbäumen, schwankend im Behang von Gold.
Und sie erkennen über all dem Weißen, getragen und im spanischen Gewand, das alte Standbild mit dem kleinen heißen Gesichte und dem Kinde auf der Hand und knieen hin, je mehr es naht und naht, in seiner Krone ahnungslos veraltend und immer noch das Segnen hölzern haltend aus dem sich groß gebärdenden Brokat.
Da aber, wie es an den Hingeknieten vorüberkommt, die scheu von unten schaun, da scheint es seinen Trägern zu gebieten mit einem Hochziehn seiner Augenbraun, hochmütig, ungehalten und bestimmt: so daß sie staunen, stehn und überlegen und schließlich zögernd gehn. Sie aber nimmt
in sich die Schritte dieses ganzen Stromes und geht, allein, wie auf erkannten Wegen dem Glockendonnern des großoffnen Domes auf hundert Schultern frauenhaft entgegen.
DIE INSEL
NORDSEE
I
Die nächste Flut verwischt den Weg im Watt, und alles wird auf allen Seiten gleich; die kleine Insel draußen aber hat die Augen zu; verwirrend kreist der Deich
um ihre Wohner, die in einen Schlaf geboren werden, drin sie viele Welten verwechseln schweigend; denn sie reden selten, und jeder Satz ist wie ein Epitaph
für etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes, das unerklärt zu ihnen kommt und bleibt. Und so ist alles, was ihr Blick beschreibt,
von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes, zu Großes, Rücksichtsloses, Hergesandtes, das ihre Einsamkeit noch übertreibt.
II
Als läge er in einem Kraterkreise auf einem Mond: ist jeder Hof umdämmt, und drin die Gärten sind auf gleiche Weise gekleidet und wie Waisen gleich gekämmt
von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht und tagelang sie bange macht mit Toden. Dann sitzt man in den Häusern drin und sieht in schiefen Spiegeln, was auf den Kommoden
Seltsames steht. Und einer von den Söhnen tritt abends vor die Tür und zieht ein Tönen aus der Harmonika wie Weinen weich;
so hörte ers in einem fremden Hafen--. Und draußen formt sich eines von den Schafen ganz groß, fast drohend, auf dem Außendeich.
III
Nah ist nur Innres; alles andre fern. Und dieses Innere gedrängt und täglich mit allem überfüllt und ganz unsäglich. Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern,
welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstört in seinem unbewußten Furchtbarsein, so daß er, unerhellt und überhört, allein,
damit dies alles doch ein Ende nehme, dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan der Wandelsterne, Sonnen und Systeme.
HETÄRENGRÄBER
In ihren langen Haaren liegen sie mit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern. Die Augen zu wie vor zu vieler Ferne. Skelette, Munde, Blumen. In den Munden die glatten Zähne wie ein Reiseschachspiel aus Elfenbein in Reihen aufgestellt. Und Blumen, gelbe Perlen, schlanke Knochen, Hände und Hemden, welkende Gewebe über dem eingestürzten Herzen. Aber dort unter jenen Ringen, Talismanen und augenblauen Steinen (Lieblings-Angedenken) steht noch die stille Krypta des Geschlechtes, bis an die Wölbung voll mit Blumenblättern. Und wieder gelbe Perlen, weitverrollte,-- Schalen gebrannten Tones, deren Bug ihr eignes Bild geziert hat, grüne Scherben von Salbenvasen, die wie Blumen duften, und Formen kleiner Götter: Hausaltäre, Hetärenhimmel mit entzückten Göttern. Gesprengte Gürtel, flache Skarabäen, kleine Figuren riesigen Geschlechtes, ein Mund, der lacht, und Tanzende und Läufer, goldene Fibeln, kleinen Bogen ähnlich zur Jagd auf Tier- und Vogelamulette, und lange Nadeln, zieres Hausgeräte und eine runde Scherbe roten Grundes, darauf, wie eines Eingangs schwarze Aufschrift, die straffen Beine eines Viergespannes. Und wieder Blumen, Perlen, die verrollt sind, die hellen Lenden einer kleinen Leier, und zwischen Schleiern, die gleich Nebeln fallen, wie ausgekrochen aus des Schuhes Puppe: des Fußgelenkes leichter Schmetterling.
So liegen sie mit Dingen angefüllt, kostbaren Dingen, Steinen, Spielzeug, Hausrat, zerschlagnem Tand (was alles in sie abfiel), und dunkeln wie der Grund von einem Fluß.
Flußbetten waren sie, darüber hin in kurzen schnellen Wellen (die weiter wollten zu dem nächsten Leben) die Leiber vieler Jünglinge sich stürzten und in denen der Männer Ströme rauschten. Und manchmal brachen Knaben aus den Bergen der Kindheit, kamen zagen Falles nieder und spielten mit den Dingen auf dem Grunde, bis das Gefälle ihr Gefühl ergriff:
Dann füllten sie mit flachem klaren Wasser die ganze Breite dieses breiten Weges und trieben Wirbel an den tiefen Stellen; und spiegelten zum erstenmal die Ufer und ferne Vogelrufe, während hoch die Sternennächte eines süßen Landes in Himmel wuchsen, die sich nirgends schlossen.
ORPHEUS. EURYDIKE. HERMES
Das war der Seelen wunderliches Bergwerk. Wie stille Silbererze gingen sie als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen, und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel. Sonst war nichts Rotes.
Felsen war da und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres und jener große, graue, blinde Teich, der über seinem fernen Grunde hing wie Regenhimmel über einer Landschaft. Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut, erschien des einen Weges blasser Streifen wie eine lange Bleiche hingelegt.
Und dieses einen Weges kamen sie.
Voran der schlanke Mann im blauen Mantel, der stumm und ungeduldig vor sich aussah. Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg in großen Bissen; seine Hände hingen schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten und wußten nicht mehr von der leichten Leier, die in die Linke eingewachsen war wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums. Und seine Sinne waren wie entzweit:
indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief, umkehrte, kam und immer wieder weit und wartend an der nächsten Wendung stand,-- blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück. Manchmal erschien es ihm, als reichte es bis an das Gehen jener beiden andern, die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg. Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang und seines Mantels Wind, was hinter ihm war. Er aber sagte sich, sie kämen doch; sagte es laut und hörte sich verhallen. Sie kämen doch, nur wärens zwei, die furchtbar leise gingen. Dürfte er sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes, das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen, die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:
den Gott des Ganges und der weiten Botschaft, die Reischaube über hellen Augen, den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe und flügelschlagend an den Fußgelenken; und seiner linken Hand gegeben: _sie_. Die So-geliebte, daß aus einer Leier mehr Klage kam als je aus Klagefrauen; daß eine Welt aus Klage ward, in der alles noch einmal da war: Wald und Tal und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier; und daß um diese Klage-Welt ganz so wie um die andre Erde eine Sonne und ein gestirnter stiller Himmel ging, ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen--: diese So-geliebte.
Sie aber ging an jenes Gottes Hand, den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern, unsicher, sanft und ohne Ungeduld. Sie war in sich wie eine hoher Hoffnung und dachte nicht des Mannes, der voranging, und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg. Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein erfüllte sie wie Fülle. Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel, so war sie voll von ihrem großen Tode, der also neu war, daß sie nichts begriff.
Sie war in einem neuen Mädchentum und unberührbar; ihr Geschlecht war zu wie eine junge Blume gegen Abend, und ihre Hände waren der Vermählung so sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottes unendlich leise leitende Berührung sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit.
Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau, die in des Dichters Liedern manchmal anklang, nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland und jenes Mannes Eigentum nicht mehr. Sie war schon aufgelöst wie langes Haar und hingegeben wie gefallner Regen und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.
Sie war schon Wurzel. Und als plötzlich jäh der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf die Worte sprach: Er hat sich umgewendet begriff sie nichts und sagte leise: Wer?
Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang, stand irgend jemand, dessen Angesicht nicht zu erkennen war. Er stand und sah, wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen, die schon zurückging dieses selben Weges, den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern, unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
ALKESTIS
Da plötzlich war der Bote unter ihnen, hineingeworfen in das Überkochen des Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz. Sie fühlten nicht, die Trinkenden, des Gottes heimlichen Eintritt, welcher seine Gottheit so an sich hielt wie einen nassen Mantel und ihrer einer schien, der oder jener, wie er so durchging. Aber plötzlich sah mitten im Sprechen einer von den Gästen den jungen Hausherrn oben an dem Tische wie in die Höh gerissen, nicht mehr liegend und überall und mit dem ganzen Wesen ein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach. Und gleich darauf, als klärte sich die Mischung, war Stille; nur mit einem Satz am Boden von trübem Lärm und einem Niederschlag fallenden Lallens, schon verdorben riechend nach dumpfem umgestandenen Gelächter. Und da erkannten sie den schlanken Gott, und wie er dastand, innerlich voll Sendung und unerbittlich,--wußten sie es beinah. Und doch, als es gesagt war, war es mehr als alles Wissen, gar nicht zu begreifen. Admet muß sterben. Wann? In dieser Stunde.
Der aber brach die Schale seines Schreckens in Stücken ab und streckte seine Hände heraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln. Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend, um Monate, um Wochen, um paar Tage, ach, Tage nicht, um Nächte, nur um eine, um eine Nacht, um diese nur: um die. Der Gott verneinte, und da schrie er auf und schrie's hinaus und hielt es nicht und schrie, wie seine Mutter aufschrie beim Gebären.
Und die trat zu ihm, eine alte Frau, und auch der Vater kam, der alte Vater, und beide standen, alt, veraltet, ratlos, beim Schreienden, der plötzlich, wie noch nie so nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte: Vater, liegt dir denn viel daran an diesem Rest, an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert? Geh, gieß ihn weg. Und du, du alte Frau, Matrone, was tust du denn noch hier: du hast geboren. Und beide hielt er sie wie Opfertiere in einem Griff. Auf einmal ließ er los und stieß die Alten fort, voll Einfall, strahlend und atemholend, rufend: Kreon, Kreon! Und nichts als das; und nichts als diesen Namen. Aber in seinem Antlitz stand das andere, das er nicht sagte, namenlos erwartend, wie ers dem jungen Freunde, dem Geliebten, erglühend hinhielt übern wirren Tisch.
Die Alten (stand da), siehst du, sind kein Loskauf, sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos, du aber, du, in deiner ganzen Schönheit--
Da aber sah er seinen Freund nicht mehr. Er blieb zurück, und das, was kam, war sie, ein wenig kleiner fast, als er sie kannte, und leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid. Die andern alle sind nur ihre Gasse, durch die sie kommt und kommt--: (gleich wird sie da sein in seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun). Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm. Sie spricht zum Gotte, und der Gott vernimmt sie, und alle hörens gleichsam erst im Gotte:
Ersatz kann keiner für ihn sein. Ich bins. Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Ende, wie ich es bin. Was bleibt mir denn von dem, was ich hier war? Das _ists_ ja, daß ich sterbe. Hat sie dirs nicht gesagt, da sie dirs auftrug, daß jenes Lager, das da drinnen wartet, zur Unterwelt gehört? Ich nahm ja Abschied. Abschied über Abschied. Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja, damit das alles, unter dem begraben, der jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflöst--. So für mich hin: ich sterbe ja für ihn.
Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt, so trat der Gott fast wie zu einer Toten und war auf einmal weit von ihrem Gatten, dem er, versteckt in einem kleinen Zeichen, die hundert Leben dieser Erde zuwarf. Der stürzte taumelnd zu den beiden hin und griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingen schon auf den Eingang zu, in dem die Frauen verweint sich drängten. Aber einmal sah er noch des Mädchens Antlitz, das sich wandte mit einem Lächeln, hell wie eine Hoffnung, die beinah ein Versprechen war: erwachsen zurückzukommen aus dem tiefen Tode zu ihm, dem Lebenden--
Da schlug er jäh die Hände vors Gesicht, wie er so kniete, um nichts zu sehen mehr nach diesem Lächeln.
GEBURT DER VENUS
An diesem Morgen nach der Nacht, die bang vergangen war mit Rufen, Unruh, Aufruhr,-- brach alles Meer noch einmal auf und schrie. Und als der Schrei sich langsam wieder schloß und von der Himmel blassem Tag und Anfang herabfiel in der stummen Fische Abgrund--: gebar das Meer.
Von erster Sonne schimmerte der Haarschaum der weiten Wogenscham, an deren Rand das Mädchen aufstand, weiß, verwirrt und feucht. So wie ein junges grünes Blatt sich rührt, sich reckt und Eingerolltes langsam aufschlägt, entfaltete ihr Leib sich in die Kühle hinein und in den unberührten Frühwind.
Wie Monde stiegen klar die Kniee auf und tauchten in der Schenkel Wolkenränder; der Waden schmaler Schatten wich zurück, die Füße spannten sich und wurden licht, und die Gelenke lebten wie die Kehlen von Trinkenden.
Und in dem Kelch des Beckens lag der Leib wie eine junge Frucht in eines Kindes Hand. In seines Nabels engem Becher war das ganze Dunkel dieses hellen Lebens.
Darunter hob sich licht die kleine Welle und floß beständig über nach den Lenden, wo dann und wann ein stilles Rieseln war. Durchschienen aber und noch ohne Schatten, wie ein Bestand von Birken im April, warm, leer und unverborgen lag die Scham.
Jetzt stand der Schultern rege Wage schon im Gleichgewichte auf dem graden Körper, der aus dem Becken wie ein Springbrunn aufstieg und zögernd in den langen Armen abfiel und rascher in dem vollen Kall des Haars.
Dann ging sehr langsam das Gesicht vorbei: aus dem verkürzten Dunkel seiner Neigung in klares, wagrechtes Erhobensein. Und hinter ihm verschloß sich steil das Kinn.
Jetzt, da der Hals gestreckt war wie ein Strahl und wie ein Blumenstiel, darin der Saft steigt, streckten sich auch die Arme aus wie Hälse von Schwänen, wenn sie nach dem Ufer suchen.
Dann kam in dieses Leibes dunkle Frühe wie Morgenwind der erste Atemzug. Im zartesten Geäst der Aderbäume entstand ein Flüstern, und das Blut begann zu rauschen über seinen tiefen Stellen. Und dieser Wind wuchs an: nun warf er sich mit allem Atem in die neuen Brüste und füllte sie und drückte sich in sie,-- daß sie wie Segel, von der Ferne voll, das leichte Mädchen nach dem Strande drängten.
So landete die Göttin.
Hinter ihr, die rasch dahinschritt durch die jungen Ufer, erhoben sich den ganzen Vormittag die Blumen und die Halme, warm, verwirrt wie aus Umarmung. Und sie ging und lief.
Am Mittag aber, in der schwersten Stunde, hob sich das Meer noch einmal auf und warf einen Delphin an jene selbe Stelle. Tot, rot und offen.
DIE ROSENSCHALE
Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben zu einem Etwas sich zusammenballen, das Haß war und sich auf der Erde wälzte wie ein von Bienen überfallnes Tier; Schauspieler, aufgetürmte Übertreiber, rasende Pferde, die zusammenbrachen, den Blick wegwerfend, bläkend das Gebiß, als schälte sich der Schädel aus dem Maule.
Nun aber weißt du, wie sich das vergißt: denn vor dir steht die volle Rosenschale, die unvergeßlich ist und angefüllt mit jenem Äußersten von Sein und Neigen, Hinhalten, Niemals-Gebenkönnen, Dastehn, das unser sein mag: Äußerstes auch uns.
Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende, Raum-brauchen, ohne Raum von jenem Raum zu nehmen, den die Dinge rings verringern, fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes und lauter Inneres, viel seltsam Zartes und Sich-bescheinendes bis an den Rand: ist irgend etwas uns bekannt wie dies? Und dann wie dies: daß ein Gefühl entsteht, weil Blütenblätter Blütenblätter rühren?
Und dies: daß eins sich aufschlägt wie ein Lid, und drunter liegen lauter Augenlider, geschlossene, als ob sie zehnfach schlafend zu dämpfen hätten eines Innern Sehkraft. Und dies vor allem: daß durch diese Blätter das Licht hindurch muß. Aus den tausend Himmeln filtern sie langsam jeden Tropfen Dunkel, in dessen Feuerschein das wirre Bündel der Staubgeläße sich erregt und aufbäumt.
Und die Bewegung in den Rosen, sieh: Gebärden von so kleinem Ausschlagswinkel, daß sie unsichtbar blieben, liefen ihre Strahlen nicht auseinander in das Weltall.
Sieh jene weiße, die sich selig aufschlug und dasteht in den großen offnen Blättern wie eine Venus aufrecht in der Muschel; und die errötende, die wie verwirrt nach einer kühlen sich hinüberwendet, und wie die kühle fühllos sich zurückzieht, und wie die kalte steht, in sich gehüllt, unter den offenen, die alles abtun. Und _was_ sie abtun, wie das leicht und schwer, wie es ein Mantel, eine Last, ein Flügel und eine Maske sein kann, je nachdem, und _wie_ sie's abtun: wie vor dem Geliebten.
Was können sie nicht sein: war jene gelbe, die hohl und offen daliegt, nicht die Schale von einer Frucht, darin dasselbe Gelb, gesammelter, orangeröter, Saft war? Und wars für diese schon zu viel, das Aufgehn, weil an der Luft ihr namenloses Rosa den bittern Nachgeschmack des Lila annahm? Und die batistene, ist sie kein Kleid, in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt, mit dem zugleich es abgeworfen wurde im Morgenschatten an dem alten Waldbad? Und dieses hier, opalnes Porzellan, zerbrechlich, eine flache Chinatasse und angefüllt mit kleinen hellen Faltern,-- und jene da, die nichts enthält als sich?
Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend, wenn Sich-enthalten heißt: die Welt da draußen und Wind und Regen und Geduld des Frühlings und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal und Dunkelheit der abendlichen Erde bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug, bis auf den vagen Einfluß ferner Sterne in eine Hand voll Innres zu verwandeln?
Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen.
INHALT
Früher Apollo Mädchenklage Liebeslied Eranna an Sappho Sappho an Eranna Sappho an Alkaïos (Fragment) Grabmal eines jungen Mädchens Opfer Östliches Taglied Abisag David singt vor Saul Josuas Landtag Der Auszug des verlorenen Sohnes Der Ölbaumgarten Pietà Gesang der Frauen an den Dichter Der Tod des Dichters Buddha L'Ange du Méridien (Chartres) Die Kathedrale Das Portal Die Fensterrose Das Kapitäl Gott im Mittelalter Morgue Der Gefangene Der Panther (Im Jardin des Plantes, Paris) Die Gazelle (Antilope dorcas) Das Einhorn Sankt Sebastian Der Stifter Der Engel Römische Sarkophage Der Schwan Kindheit Der Dichter Die Spitze Ein Frauenschicksal Die Genesende Die Erwachsene Tanagra Die Erblindende In einem fremden Park (Borgeby-Gård) Abschied Todeserfahrung Blaue Hortensie Vor dem Sommerregen Im Saal Letzter Abend (Aus dem Besitze Frau Nonnas) Jugendbildnis meines Vaters Selbstbildnis aus dem Jahre 1906 Der König Auferstehung Der Fahnenträger Der letzte Graf von Brederode entzieht sich türkischer Gefangenschaft Die Kurtisane Die Treppe der Orangerie (Versailles) Der Marmorkarren (Paris) Buddha Römische Fontäne (Borghese) Das Karussell (Jardin du Luxembourg) Spanische Tänzerin Der Turm (Tour St.-Nicolas, Furnes) Der Platz (Furnes) Quai du Rosaire (Brügge) Béguinage (Béguinage Sainte-Elisabeth, Brügge) Die Marienprozession (Gent) Die Insel (Nordsee) Hetärengräber Orpheus. Eurydike. Hermes Alkestis Geburt der Venus Die Rosenschale