Part 2
bei Nacht zu dir, dich ringender zu prüfen, und gingen wie Erzürnte durch das Haus und griffen dich, als ob sie dich erschüfen, und brächen dich aus deiner Form heraus.
RÖMISCHE SARKOPHAGE
Was aber hindert uns zu glauben, daß (so wie wir hingestellt sind und verteilt) nicht eine kleine Zeit nur Drang und Haß und dies Verwirrende in uns verweilt,
wie einst in dem verzierten Sarkophag bei Ringen, Götterbildern, Gläsern, Bändern, in langsam sich verzehrenden Gewändern ein langsam Aufgelöstes lag--
bis es die unbekannten Munde schluckten, die niemals reden. (Wo besteht und denkt ein Hirn, um ihrer einst sich zu bedienen?)
Da wurde von den alten Aquädukten ewiges Wasser in sie eingelenkt--: das spiegelt jetzt und geht und glänzt in ihnen.
DER SCHWAN
Diese Mühsal, durch noch Ungetanes schwer und wie gebunden hinzugehn, gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.
Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn, seinem ängstlichen Sich-Niederlassen--:
in die Wasser, die ihn sanft empfangen und die sich, wie glücklich und vergangen, unter ihm zurückziehn, Flut um Flut; während er unendlich still und sicher immer mündiger und königlicher und gelassener zu ziehn geruht.
KINDHEIT
Es wäre gut viel nachzudenken, um von so Verlornem etwas auszusagen, von jenen langen Kindheit-Nachmittagen, die so nie wiederkamen--und warum?
Noch mahnt es uns--: vielleicht in einem Regnen, aber wir wissen nicht mehr, was das soll; nie wieder war das Leben von Begegnen, von Wiedersehn und Weitergehn so voll
wie damals, da uns nichts geschah als nur, was einem Ding geschieht und einem Tiere: da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre und wurden bis zum Rande voll Figur.
Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt und so mit großen Fernen überladen und wie von weit berufen und berührt und langsam wie ein langer neuer Faden in jene Bilderfolgen eingeführt, in welchen nun zu dauern uns verwirrt.
DER DICHTER
Du entfernst dich von mir, du Stunde. Wunden schlägt mir dein Flügelschlag. Allein: was soll ich mit meinem Munde? mit meiner Nacht? mit meinem Tag?
Ich habe keine Geliebte, kein Haus, keine Stelle, auf der ich lebe. Alle Dinge, an die ich mich gebe, werden reich und geben mich aus.
DIE SPITZE
I
Menschlichkeit: Namen schwankender Besitze, noch unbestätigter Bestand von Glück: ist das unmenschlich, daß zu dieser Spitze, zu diesem kleinen dichten Spitzenstück zwei Augen wurden?--Willst du sie zurück?
Du Langvergangene und schließlich Blinde, ist deine Seligkeit in diesem Ding, zu welcher hin, wie zwischen Stamm und Rinde, dein großes Fühlen, kleinverwandelt, ging?
Durch einen Riß im Schicksal, eine Lücke entzogst du deine Seele deiner Zeit; und sie ist so in diesem lichten Stücke, daß es mich lächeln macht vor Nützlichkeit.
II
Und wenn uns eines Tages dieses Tun und was an uns geschieht gering erschiene und uns so fremd, als ob es nicht verdiene, daß wir so mühsam aus den Kinderschuhn um seinetwillen wachsen--: Ob die Bahn vergilbter Spitze, diese dichtgefügte blumige Spitzenbahn, dann nicht genügte, uns hier zu halten? Sieh: sie ward getan.
Ein Leben ward vielleicht verschmäht, wer weiß? Ein Glück war da und wurde hingegeben, und endlich wurde doch, um jeden Preis, dies Ding daraus, nicht leichter als das Leben und doch vollendet und so schön, als sei's nicht mehr zu früh, zu lächeln und zu schweben.
EIN FRAUENSCHICKSAL
So wie der König auf der Jagd ein Glas ergreift, daraus zu trinken, irgendeines,-- und wie hernach der, welcher es besaß, es fortstellt und verwahrt, als wär es keines:
so hob vielleicht das Schicksal, durstig auch, bisweilen Eine an den Mund und trank, die dann ein kleines Leben, viel zu bang sie zu zerbrechen, abseits vom Gebrauch
hinstellte in die ängstliche Vitrine, in welcher seine Kostbarkeiten sind (oder die Dinge, die für kostbar gelten).
Da stand sie fremd wie eine Fortgeliehne und wurde einfach alt und wurde blind und war nicht kostbar und war niemals selten.
DIE GENESENDE
Wie ein Singen kommt und geht in Gassen und sich nähert und sich wieder scheut, flügelschlagend, manchmal fast zu fassen und dann wieder weit hinausgestreut:
spielt mit der Genesenden das Leben; während sie, geschwächt und ausgeruht, unbeholfen, um sich hinzugeben, eine ungewohnte Geste tut.
Und sie fühlt sich beinah wie Verführung, wenn die hartgewordne Hand, darin Fieber waren voller Widersinn, fernher, wie mit blühender Berührung, zu liebkosen kommt ihr hartes Kinn.
DIE ERWACHSENE
Das alles stand auf ihr und war die Welt und stand auf ihr mit allem, Angst und Gnade, wie Bäume stehen, wachsend und gerade, ganz Bild und bildlos wie die Bundeslade und feierlich, wie auf ein Volk gestellt.
Und sie ertrug es; trug bis obenhin das Fliegende, Entfliehende, Entfernte, das Ungeheuere, noch Unerlernte gelassen wie die Wasserträgerin den vollen Krug. Bis mitten unterm Spiel, verwandelnd und auf andres vorbereitend, der erste weiße Schleier, leise gleitend, über das aufgetane Antlitz fiel
fast undurchsichtig und sich nie mehr hebend und irgendwie auf alle Fragen ihr nur eine Antwort vage wiedergebend: In dir, du Kindgewesene, in dir.
TANAGRA
Ein wenig gebrannter Erde, wie von großer Sonne gebrannt. Als wäre die Gebärde einer Mädchenhand auf einmal nicht mehr vergangen; ohne nach etwas zu langen, zu keinem Dinge hin aus ihrem Gefühle führend, nur an sich selber rührend wie eine Hand ans Kinn.
Wir heben und wir drehen eine und eine Figur; wir können fast verstehen, weshalb sie nicht vergehen,-- aber wir sollen nur tiefer und wunderbarer hängen an dem, was war, und lächeln: ein wenig klarer vielleicht als vor einem Jahr.
DIE ERBLINDENDE
Sie saß so wie die anderen beim Tee. Mir war zuerst, als ob sie ihre Tasse ein wenig anders als die andern fasse. Sie lächelte einmal. Es tat fast weh.
Und als man schließlich sich erhob und sprach und langsam und wie es der Zufall brachte durch viele Zimmer ging (man sprach und lachte), da sah ich sie. Sie ging den andern nach,
verhalten, so wie eine, welche gleich wird singen müssen und vor vielen Leuten; auf ihren hellen Augen, die sich freuten, war Licht von außen wie auf einem Teich.
Sie folgte langsam, und sie brauchte lang, als wäre etwas noch nicht überstiegen; und doch: als ob, nach einem Übergang, sie nicht mehr gehen würde, sondern fliegen.
IN EINEM FREMDEN PARK
BORGEBY-GÅRD
Zwei Wege sinds. Sie führen keinen hin. Doch manchmal, in Gedanken, läßt der eine dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl; aber auf einmal bist du im Rondel alleingelassen wieder mit dem Steine und wieder auf ihm lesend: Freiherrin Brite Sophie--und wieder mit dem Finger abfühlend die zerfallne Jahreszahl--. Warum wird dieses Finden nicht geringer?
Was zögerst du ganz wie zum erstenmal erwartungsvoll auf diesem Ulmenplatz, der feucht und dunkel ist und niebetreten?
Und was verlockt dich für ein Gegensatz, etwas zu suchen in den sonnigen Beeten, als wärs der Name eines Rosenstocks?
Was stehst du oft? Was hören deine Ohren? Und warum siehst du schließlich, wie verloren, die Falter flimmern um den hohen Phlox?
ABSCHIED
Wie hab ich das gefühlt, was Abschied heißt. Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes grausames Etwas, das ein Schönverbundnes noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.
Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen, das, da es mich, mich rufend, gehen ließ, zurückblieb, so als wärens alle Frauen und dennoch klein und weiß und nichts als dies:
Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen, ein leise Weiterwinkendes--, schon kaum erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum, von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.
TODESERFAHRUNG
Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund, Bewunderung und Liebe oder Haß dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund
tragischer Klage wunderlich entstellt. Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen. Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen, spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.
Doch als du gingst, da brach in diese Bühne ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt, durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne, wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.
Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes hersagend und Gebärden dann und wann aufhebend; aber dein von uns entferntes, aus unserm Stück entrücktes Dasein kann
uns manchmal überkommen, wie ein Wissen von jener Wirklichkeit sich niedersenkend, so daß wir eine Weile hingerissen das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.
BLAUE HORTENSIE
So wie das letzte Grün in Farbentiegeln sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh, hinter den Blütendolden, die ein Blau nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.
Sie spiegeln es verweint und ungenau, als wollten sie es wiederum verlieren, und wie in alten blauen Briefpapieren ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;
Verwaschnes wie an einer Kinderschürze, Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht: wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.
Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen in einer von den Dolden, und man sieht ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.
VOR DEM SOMMERREGEN
Auf einmal ist aus allem Grün im Park man weiß nicht was, ein Etwas, fortgenommen; man fühlt ihn näher an die Fenster kommen und schweigsam sein. Inständig nur und stark
ertönt aus dem Gehölz der Regenpfeifer, man denkt an einen Hieronymus: so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer aus dieser einen Stimme, die der Guß
erhören wird. Des Saales Wände sind mit ihren Bildern von uns fortgetreten, als dürften sie nicht hören, was wir sagen.
Es spiegeln die verblichenen Tapeten das ungewisse Licht von Nachmittagen, in denen man sich fürchtete als Kind.
IM SAAL
Wie sind sie alle um uns, diese Herrn in Kammerherrentrachten und Jabots, wie eine Nacht um ihren Ordensstern sich immer mehr verdunkelnd, rücksichtslos, und diese Damen, zart, fragile, doch groß von ihren Kleidern, eine Hand im Schoß, klein wie ein Halsband für den Bologneser; wie sind sie da um jeden: um den Leser, um den Betrachter dieser Bibelots, darunter manches ihnen noch gehört.
Sie lassen, voller Takt, uns ungestört das Leben leben, wie wir es begreifen und wie sie's nicht verstehn. Sie wollten blühn, und blühn ist schön sein; doch wir wollen reifen, und das heißt dunkel sein und sich bemühn.
LETZTER ABEND
(AUS DEM BESITZE FRAU NONNAS)
Und Nacht und fernes Fahren; denn der Train des ganzen Heeres zog am Park vorüber. Er aber hob den Blick vom Clavecin und spielte noch und sah zu ihr hinüber
beinah, wie man in einen Spiegel schaut: so sehr erfüllt von seinen jungen Zügen und wissend, wie sie seine Trauer trügen, schön und verführender bei jedem Laut.
Doch plötzlich wars, als ob sich das verwische: sie stand wie mühsam in der Fensternische und hielt des Herzens drängendes Geklopf.
Sein Spiel gab nach. Von draußen wehte Frische. Und seltsam fremd stand auf dem Spiegeltische der schwarze Tschako mit dem Totenkopf.
JUGENDBILDNIS MEINES VATERS
Im Auge Traum. Die Stirn wie in Berührung mit etwas Fernem. Um den Mund enorm viel Jugend, ungelächelte Verführung, und vor der vollen schmückenden Verschnürung der schlanken adeligen Uniform der Säbelkorb und beide Hände--, die abwarten, ruhig, zu nichts hingedrängt. Und nun fast nicht mehr sichtbar: als ob sie zuerst, die Fernes greifenden, verschwänden. Und alles andre mit sich selbst verhängt und ausgelöscht, als ob wirs nicht verständen, und tief aus seiner eignen Tiefe trüb--.
Du schnell vergehendes Daguerreotyp in meinen langsamer vergehenden Händen.
SELBSTBILDNIS AUS DEM JAHRE 1906
Des alten lange adligen Geschlechtes Feststehendes im Augenbogenbau. Im Blicke noch der Kindheit Angst und Blau und Demut da und dort, nicht eines Knechtes, doch eines Dienenden und einer Frau. Der Mund als Mund gemacht, groß und genau, nicht überredend, aber ein Gerechtes Aussagendes. Die Stirne ohne Schlechtes und gern im Schatten stiller Niederschau.
Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt; noch nie im Leiden oder im Gelingen zusammgefaßt zu dauerndem Durchdringen, doch so, als wäre mit zerstreuten Dingen von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant.
DER KÖNIG
Der König ist sechzehn Jahre alt. Sechzehn Jahre und schon der Staat. Er schaut, wie aus einem Hinterhalt, vorbei an den Greisen vom Rat
in den Saal hinein und irgendwohin und fühlt vielleicht nur dies: an dem schmalen langen harten Kinn die kalte Kette vom Vlies.
Das Todesurteil vor ihm bleibt lang ohne Namenszug. Und sie denken: wie er sich quält.
Sie wüßten, kennten sie ihn genug, daß er nur langsam bis siebzig zählt, eh er es unterschreibt.
AUFERSTEHUNG
Der Graf vernimmt die Töne, er sieht einen lichten Riß; er weckt seine dreizehn Söhne im Erbbegräbnis.
Er grüßt seine beiden Frauen ehrerbietig von weit--; und alle voll Vertrauen stehn auf zur Ewigkeit
und warten nur noch auf Erich und Ulriken Dorotheen, die sieben- und dreizehnjährig (sechzehnhundertzehn) verstorben sind in Flandern, um heute vor den andern unbeirrt herzugehn.
DER FAHNENTRÄGER
Die andern fühlen alles an sich rauh und ohne Anteil: Eisen, Zeug und Leder. Zwar manchmal schmeichelt eine weiche Feder, doch sehr allein und lieblos ist ein jeder; er aber trägt--als trüg er eine Frau-- die Fahne in dem feierlichen Kleide. Dicht hinter ihm geht ihre schwere Seide, die manchmal über seine Hände fließt.
Er kann allein, wenn er die Augen schließt, ein Lächeln sehn: er darf sie nicht verlassen.
Und wenn es kommt in blitzenden Kürassen und nach ihr greift und ringt und will sie fassen--:
dann darf er sie abreißen von dem Stocke, als riß er sie aus ihrem Mädchentum, um sie zu halten unterm Waffenrocke.
Und für die andern ist das Mut und Ruhm.
DER LETZTE GRAF VON BREDERODE ENTZIEHT SICH TÜRKISCHER GEFANGENSCHAFT
Sie folgten furchtbar; ihren bunten Tod von ferne nach ihm werfend, während er verloren floh, nichts weiter als: bedroht. Die Ferne seiner Väter schien nicht mehr
für ihn zu gelten; denn um so zu fliehn, genügt ein Tier vor Jägern. Bis der Fluß aufrauschte nah und blitzend. Ein Entschluß hob ihn samt seiner Not und machte ihn
wieder zum Knaben fürstlichen Geblütes. Ein Lächeln adeliger Frauen goß noch einmal Süßigkeit in sein verfrühtes
vollendetes Gesicht. Er zwang sein Roß, groß wie sein Herz zu gehn, sein blutdurchglühte: es trug ihn in den Strom wie in sein Schloß.
DIE KURTISANE
Venedigs Sonne wird in meinem Haar ein Gold bereiten: aller Alchemie erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die den Brücken gleichen, siehst du sie
hinführen ob der lautlosen Gefahr der Augen, die ein heimlicher Verkehr an die Kanäle schließt, so daß das Meer in ihnen steigt und fällt und wechselt. Wer
mich einmal sah, beneidet meinen Hund, weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,
die unverwundbare, geschmückt, erholt--. Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause, gehn wie an Gift an meinem Mund zugrund.
DIE TREPPE DER ORANGERIE
VERSAILLES
Wie Könige, die schließlich nur noch schreiten fast ohne Ziel, nur um von Zeit zu Zeit sich den Verneigenden auf beiden Seiten zu zeigen in des Mantels Einsamkeit--:
so steigt, allein zwischen den Balustraden, die sich verneigen schon seit Anbeginn, die Treppe: langsam und von Gottes Gnaden und auf den Himmel zu und nirgends hin;
als ob sie allen Folgenden befahl zurückzubleiben,--so daß sie nicht wagen, von ferne nachzugehen; nicht einmal die schwere Schleppe durfte einer tragen.
DER MARMORKARREN
PARIS
Auf Pferde, sieben ziehende, verteilt, verwandelt Niebewegtes sich in Schritte; denn was hochmütig in des Marmors Mitte an Alter, Widerstand und All verweilt,
das zeigt sich unter Menschen. Siehe, nicht unkenntlich, unter irgendeinem Namen, nein: wie der Held das Drängen in den Dramen erst sichtbar macht und plötzlich unterbricht:
so kommt es durch den stauenden Verlauf des Tages, kommt in seinem ganzen Staate, als ob ein großer Triumphator nahte,
langsam zuletzt; und langsam vor ihm her Gefangene, von seiner Schwere schwer. Und naht noch immer und hält alles auf.
BUDDHA
Schon von ferne fühlt der fremde scheue Pilger, wie es golden von ihm träuft; so als hätten Reiche voller Reue ihre Heimlichkeiten aufgehäuft.
Aber näher kommend wird er irre vor der Hoheit dieser Augenbraun: denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre und die Ohrgehänge ihrer Fraun.
Wüßte einer denn zu sagen, welche Dinge eingeschmolzen wurden, um dieses Bild auf diesem Blumenkelche
aufzurichten: stummer, ruhiggelber als ein goldenes und rundherum auch den Raum berührend wie sich selber.
RÖMISCHE FONTÄNE
BORGHESE
Zwei Becken, eins das andre übersteigend aus einem alten runden Marmorrand, und aus dem oberen Wasser leis sich neigend zum Wasser, welches unten wartend stand,
dem leise redenden entgegenschweigend und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand ihm Himmel hinter Grün und Dunkel zeigend wie einen unbekannten Gegenstand;
sich selber ruhig in der schönen Schale verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis, nur manchmal träumerisch und tropfenweis
sich niederlassend an den Moosbehängen zum letzten Spiegel, der sein Hecken leis von unten lächeln macht mit Obergängen.
DAS KARUSSELL
JARDIN DU LUXEMBOURG
Mit einem Dach und seinem Schatten dreht sich eine kleine Weile der Bestand von bunten Pferden, alle aus dem Land, das lange zögert, eh es untergeht. Zwar manche sind an Wagen angespannt, doch alle haben Mut in ihren Mienen; ein böser roter Löwe geht mit ihnen und dann und wann ein weißer Elefant.
Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald, nur daß er einen Sattel trägt und drüber ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.
Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge und hält sich mit der kleinen heißen Hand, dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.
Und dann und wann ein weißer Elefant.
Und auf den Pferden kommen sie vorüber, auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge schauen sie auf, irgendwohin, herüber--
Und dann und wann ein weißer Elefant.
Und das geht hin und eilt sich, daß es endet, und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel. Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet, ein kleines kaum begonnenes Profil. Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet, ein seliges, das blendet und verschwendet an dieses atemlose blinde Spiel.
SPANISCHE TÄNZERIN
Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß, eh es zur Klamme kommt, nach allen Seiten zuckende Zungen streckt--: beginnt im Kreis naher Beschauer hastig, hell und heiß ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.
Und plötzlich ist er Flamme ganz und gar.
Mit ihrem Blick entzündet sie ihr Haar und dreht auf einmal mit gewagter Kunst ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst, aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken, die nackten Arme wach und klappernd strecken.
Und dann: als würde ihr das Feuer knapp, nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde und schaut: da liegt es rasend auf der Erde und flammt noch immer und ergibt sich nicht--. Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht und stampft es aus mit kleinen festen Füßen.
DER TURM
TOUR ST.-NICOLAS, FURNES
Erdinneres. Als wäre dort, wohin du blindlings steigst, erst Erdenoberfläche, zu der du steigst im schrägen Bett der Bäche, die langsam aus dem suchenden Gerinn
der Dunkelheit entsprungen sind, durch die sich dein Gesicht, wie auferstehend, drängt und die du plötzlich _siehst_, als fiele sie aus diesem Abgrund, der dich überhängt
und den du, wie er riesig über dir sich umstürzt in dem dämmernden Gestühle, erkennst, erschreckt und fürchtend, im Gefühle: o wenn er steigt, behängen wie ein Stier--:
Da aber nimmt dich aus der engen Endung windiges Licht. Fast fliegend siehst du hier die Himmel wieder, Blendung über Blendung, und dort die Tiefen, wach und voll Verwendung,
und kleine Tage wie bei Patenier, gleichzeitige, mit Stunde neben Stunde, durch die die Brücken springen wie die Hunde, dem hellen Wege immer auf der Spur, den unbeholfne Häuser manchmal nur verbergen, bis er ganz im Hintergründe beruhigt geht durch Buschwerk und Natur.
DER PLATZ
FURNES
Willkürlich von Gewesnem ausgeweitet: von Wut und Aufruhr, von dem Kunterbunt, das die Verurteilten zu Tod begleitet, von Buden, von der Jahrmarktsrufer Mund, und von dem Herzog, der vorüberreitet, und von dem Hochmut von Burgund,
(auf allen Seiten Hintergrund):
ladet der Platz zum Einzug seiner Weite die fernen Fenster unaufhörlich ein, während sich das Gefolge und Geleite der Leere langsam an den Handelsreihn
verteilt und ordnet. In die Giebel steigend, wollen die kleinen Häuser alles sehn, die Türme voreinander scheu verschweigend, die immer maßlos hinter ihnen stehn.
QUAI DU ROSAIRE
BRÜGGE
Die Gassen haben einen sachten Gang (wie manchmal Menschen gehen im Genesen nachdenkend: was ist früher hier gewesen?) und die an Plätze kommen, warten lang
auf eine andre, die mit einem Schritt über das abendklare Wasser tritt, darin, je mehr sich rings die Dinge mildern, die eingehängte Welt von Spiegelbildern so wirklich wird, wie diese Dinge nie.
Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie (nach einem unbegreiflichen Gesetz) sie wach und deutlich wird im Umgestellten, als wäre dort das Leben nicht so selten; dort hängen jetzt die Gärten groß und gelten, dort dreht sich plötzlich hinter schnell erhellten Fenstern der Tanz in den Estaminets.
Und oben blieb?--Die Stille nur, ich glaube, und kostet langsam und von nichts gedrängt Beere um Beere aus der süßen Traube des Glockenspiels, das in den Himmeln hängt.
BÉGUINAGE
BÉGUINAGE SAINTE-ELISABETH. BRÜGGE
I
Das hohe Tor scheint keine einzuhalten, die Brücke geht gleich gerne hin und her, und doch sind sicher alle in dem alten offenen Ulmenhof und gehn nicht mehr aus ihren Häusern, als auf jenem Streifen zur Kirche hin, um besser zu begreifen, warum in ihnen so viel Liebe war.
Dort knieen sie, verdeckt mit reinem Leinen so gleich, als wäre nur das Bild der einen tausendmal im Choral, der tief und klar zu Spiegeln wird an den verteilten Pfeilern; und ihre Stimmen gehn den immer steilern Gesang hinan und werfen sich von dort, wo es nicht weitergeht, vom letzten Wort, den Engeln zu, die sie nicht wiedergeben.
Drum sind die unten, wenn sie sich erheben und wenden, still. Drum reichen sie sich schweigend mit einem Neigen, Zeigende zu zeigend Empfangenden, geweihtes Wasser, das die Stirnen kühl macht und die Munde blaß.
Und gehen dann, verhangen und verhalten, auf jenem Streifen wieder überquer-- die Jungen ruhig, ungewiß die Alten und eine Greisin, weilend, hinterher-- zu ihren Häusern, die sie schnell verschweigen und die sich durch die Ulmen hin von Zeit zu Zeit ein wenig reine Einsamkeit, in einer kleinen Scheibe schimmernd, zeigen.
II
Was aber spiegelt mit den tausend Scheiben das Kirchenfenster in den Hof hinein, darin sich Schweigen, Schein und Widerschein vermischen, trinken, trüben, übertreiben, phantastisch alternd wie ein alter Wein?
Dort legt sich, keiner weiß von welcher Seite, Außen auf Inneres und Ewigkeit auf Immer-Hingehn, Weite über Weite, erblindend, finster, unbenutzt, verbleit.
Dort bleibt, unter dem schwankenden Dekor des Sommertags, das Graue alter Winter: als stünde regungslos ein sanftgesinnter langmütig lange Wartender dahinter und eine weinend Wartende davor.
DIE MARIENPROZESSION
GENT
Aus allen Türmen stürzt sich, Fluß um Fluß, hinwallendes Metall in solchen Massen, als sollte drunten in der Form der Gassen ein blanker Tag erstehn aus Bronzeguß,
an dessen Rand, gehämmert und erhaben, zu sehen ist der buntgebundne Zug der leichten Mädchen und der neuen Knaben, und wie er Wellen schlug und trieb und trug, hinabgehalten von dem ungewissen Gewicht der Fahnen und von Hindernissen gehemmt, unsichtbar wie die Hand des Herrn;
und drüben plötzlich beinah mitgerissen vom Aufstieg aufgescheuchter Räucherbecken, die fliegend, alle sieben, wie im Schrecken an ihren Silberketten zerrn.