Part 8
»Tat ist die Sphäre des Leids,« nahm er das empfangne Wort auf, »das Reich der Kausalität, des Dämons Logik, des hetzenden Gotts, der Erlösung verheißt, sie schon verriet, als er sich zur Existenz entschloß. Tat ist Dämonie des Bösen, darum ist alle Religion Feind der Tat und weiß nicht, daß sie den Gott lästert, den sie sucht, denn er war aktiv. Der Kreis schließt sich, ich bin bei Pucks Deklamation wieder angelangt; Ja ist so wahr wie Nein, gleich unverbindlich, gleich falsch. Gute Nacht, Lilian, wir sind zu Haus. Morgen gehe ich zu d'Arigo, vielleicht, daß er mir erlaubt, von Ihnen zu sprechen, denn in mir ist erstmalig Wunsch, einem andren Mann Bruder zu sein -- ungewiß ob er das Angebot annehmen wird.«
* * * * *
D'Arigos Atelier stand in einem Hof; auf Hinterfrontbalkonen wurden die Betten der Bürger und darauf gezeugte Kinderbrut gelüftet.
Häßlich wie der Anblick des Nutzbaus war der innre Raum; auf Holzpostamenten standen die Figuren, von ihnen abgekratzter Staub puderte den Zementboden, Ofenrohr ging durch die Decke, kein Diwan zur Verführung von Damen. So arbeiten verdiente Arbeit genannt zu werden, Lauda empfand: stoischer Bruder, verzichtend auf Stimmung. Betrachtend die Figuren, fand er weiterhin: es stellt ein Künstler sich selber dar, die Proportionen seiner Glieder sind die der von ihm Geschaffnen, der Schlanke formte keinen Untersetzten.
Es standen drei Akte derselben Frau, die in verzückter Innigkeit die Arme senkrecht streckte, die Finger wagrecht spreizte, Gebärde der Demut, nackt zu sein, und des keuschen Muts. Auffassung betreffend standen zwei sich nah, es war die eine die Bearbeitung der andren mit Glaspapier und Spachtel: Werkzeuge schmallippiger Energie hatten die Rundung der festen Schenkel und des weichen Bauchs auf ein Äußerstes reduziert, so daß aus Rundung und Nervigkeit ein granitnes Fleisch entstand, überstreckt, gedreht in Geistigkeit, exzessive Gotik, Inbrunst sublime, oben nochmals aufgenommen durch das geschwellte Lächeln und die runde Engelsstirn.
Die dritte Figur war Rückbildung zur primitiven Gotik, die das Willenserlebnis Loyolas noch nicht kannte, nordisch, deutsch, seelenhafter, darum materieller. Da sagte d'Arigo:
»Sie irren sich, es ist die mittlere Figur die frühere, die nordische die jüngste.« Und Lauda erinnerte sich, was er von d'Arigos Entwicklung, dem Rücktritt aus der geistigen Sphäre, gehört hatte.
»Was haben Sie erreicht?« fragte er, »den Verlust Ihrer Überlegenheit, die Bindung durch einen Einzelfall, denn diese Frau ist Individuum, Ihr Werk Porträt, das unbedingt Problematische, in die Niedrung der Existenz, die Nachahmung, Ziehende; es ist gemilderter Realismus, die gewalttätige, schöne, suveräne Energie ersetzt durch Tasten, Unterordnen, Demut, Sehnsucht, Anbetung, Dinge, die dualistisch sind, weil sie zwingen, einerseits dem sinnlichen Reiz gerecht zu werden, andrerseits ihn seelenhaft erscheinen zu lassen -- vorher wurden beide in höhrer Einheit gebunden.«
»Ich bedaure,« antwortete d'Arigo, »Sie Einblick haben gewinnen zu lassen; es stört mich. Sie verstehn mich nicht, es sind in Ihnen nicht die Voraussetzungen des Religiösen, wie ich es erlebte. Sie sind irreligiös. Sie sind im besten Fall katholischer Lateiner, Augenmensch.«
Lauda: »Und Sie, in dem der Fanatismus des Ignatius brennt, wenden sich dem Protestantischen zu, empfinden es als tiefer, was sich vielleicht behaupten läßt; aber das ist eine andre Frage, wichtiger bleibt, daß Sie Ihrem Naturell Gewalt antun, Ihr Blut zersetzen -- warum, um eine Individualität zu formen? Fühlen Sie nicht, wie arm, belanglos Individualitäten sind, wie sehr alle Eigenschaften, also das, was man die persönlichen Züge nennt, dem Religiösen widersprechen? Denn Religiosität ist Sehnsucht, von der Individualität erlöst zu werden, die Sphäre des Gestalteten zu verlassen.«
D'Arigo: »Ich habe mich gefragt, warum mir alle Einzelexistenzen so teuer werden, daß ich mein frühres Leben, das sich unbekümmert über den Mensch hinwegsetzte, nun Sünde nennen muß; und als Antwort fand ich, daß jede Einzelexistenz eine Seele hat, unsterblich als Seele ist. Ich glaube heute inbrünstig an die Unsterblichkeit der Individualität, des Ich, des Einmaligen, des anvertrauten Guts.«
Lauda: »Wenn das Ich einmalig ist, was wird dann nach dem Tod aus ihm, wo war es vor der Existenz? Unsterblichkeit und Einmaligkeit widersprechen sich.«
D'Arigo: »Das ist Dialektik, triumphieren Sie nicht zu rasch. Es ist nicht anders möglich, als daß mein Ich fortwährend durch die Zeiten andren Existenzen überwiesen wird, und ich glaube an die moralische Ordnung dieses Überweisens. Die Vielheit der Menschen hätte keinen Sinn, die Tatsache, daß es unter ihnen grobe, gemeine, stumpfe Individuen ohne Zahl, daneben reinere, reinste, schwankende, entschlossen gütige, halbsinnliche, ganz entsinnlichte gibt, hätte keinen Sinn, wenn diese Existenzen nicht Rangklassen, Betätigungssphären wären, die in aufsteigender Linie geordnet sind. Der Sinn heißt: Läuterung.«
Lauda: »Also eine moralisch begründete Seelenwandrung.«
D'Arigo: »Ja, und es ist mir unbegreiflich, daß sie unter den Dogmen des Christentums fehlt.«
Lauda: »Sie fehlt nicht ganz, Fegfeuer, Hölle, Paradies bringen denselben Gedanken zum Ausdruck; nur die indische Fassung fehlt, weil das Hauptgewicht ganz auf das Jenseits gelegt wurde. Sie dürfen ruhig sagen, daß Sie gläubiger Christ im Schulsinn sind, Anschaulichkeitsmensch durch und durch, jeder philosophischen Differenzierung bar, Anthropomorphist durch und durch -- wenn ich Wortspiele machen wollte, würde ich sagen Anthropomorphinist, es gäbe einen Sinn.«
D'Arigo: »Worin bestände philosophisches Denken, wenn nicht in demütiger Beschäftigung mit den höchsten Fragen?«
Lauda: »Ich könnte antworten: in dem Ausscheiden der Demut, denn Fragen stellen heißt undemütig sein; ich sage besser: in dem Versuch, das, was Sie Gott, Seele, moralischen Sinn des Ganzen nennen, als Anschauungsformen Ihres Ich, genauer Ihrer Grundanschauungsform, der Kausalität, zu erklären. Gott, Seele, moralischer Sinn sind Varianten der Kausalität, es sind Projektionen der Logik, der Teleologie. Sie sprechen von der Unsterblichkeit des Ich, der persönlichen Seele; für mich sind diese Worte unerträglich an Banalität, sentimentalische Eifrigkeiten.
Sie legen zu großen Wert auf den Begriff Eigenschaft, Seele ist philosophisch betrachtet eigenschaftslos, in allen lebenden Wesen gleich, unindividuell. Eigenschaften sind Phänomene der gestalteten Welt, der Sphäre des Geschehens oder der Manifestation, Akzidenzien sekundärer Art, Resultate des Aufbaus von Organismen. Es ist vielleicht nicht richtig, zu sagen, daß mit dem Zerfall des Organismus die Eigenschaften erlöschen, sie können latent in den kleinsten Zellen weiterbestehn, so daß Vererbung nicht an den elterlichen Organismus gebunden wäre; aber nicht darauf kommt es an, sondern darauf, ob, was Sie persönliche Eigenschaften eines Ich nennen, eine grobe oder feine, gute oder egoistische Art des Handelns, eine bestimmte Tendenz des Denkens, die Ihnen eigentümlich ist, wie Farbe und Geruch der Pflanze -- es kommt darauf an, ob man von diesen Eigenschaften annehmen kann, daß sie ursprünglich sind oder im Verlauf der Differenzierung entstanden, anders ausgedrückt, ob sie in der absoluten Sphäre existieren. In ihr löst sich mir alles in Vitalität, Dynamisch-Primäres auf, und Unsterblichkeit wird selbstverständlich, Individualität aber ohne Sinn, denn Sinn hätte ja nur ihre Bewahrung mit Haut und Haar, den Lastern und der erreichten Erkenntniskraft. Der Naturwissenschaftler, der von Erhaltung der Energie sprach, war der Wahrheit näher als Sie Christ, der seine Zeitlichkeit retten will.
Ihrem Glauben an Seelenwandrung kann ich nur ein Zugeständnis machen: es wäre denkbar, daß auch nach Auflösung eines Organismus, zum Beispiel Mensch, die Zellenkerne, als eigentliche Träger der reizbaren Energie, von seiner Individualität imprägniert blieben -- gleichsam kleine ausgesetzte Minen mit eingestelltem Zünder, mit einem Vorzeichen geschlüsselt, Zellen, _die ihr Erlebnis hatten_; sie würden milliardenfach von den Späteren auf dem Nahrungsweg verschlungen und wären an dieselbe Bedingung wie etwa krankheitserregende Bazillen gebunden, den günstigen Boden, Prädisposition zu finden: Zellenkerne des Plato sind unwirksam im Organismus des Cortez, wirksam in dem des Paracelsus. Voraussetzung wäre, daß diese Zellenkerne nicht durch Verdauung zerstört würden, das wird in der Tat behauptet. Sie also würden eine Art seelischer Wandrung ermöglichen, Erinnrung des Plato keimte in Paracelsus auf, wird weitergegeben an Kant, und Existenz wäre eine ewige Wiederholung von typischen Kernen, die in einer fernen Vorzeit ihre »Eigenschaft« adoptiert hätten, wie Tiere und Pflanzen, heute im wesentlichen unverändert, früher einmal erste Eigenschaften annahmen. Aber diese Theorie ist wie eine Einlage in der Symphonie der monistischen Phänomenologie, und keine Stärkung Ihrer ethischen Seelenwandrung, die hilflos an ihrem Dualismus zugrunde ginge, wenn Sie klar dächten.«
D'Arigo nahm einen gelben Band, den Lauda nun schon kannte, und las:
Der Sinn den man ersinnen kann ist nicht der ewige Sinn. Der Name den man nennen kann ist nicht der ewige Name.
Lauda: »Wie dunkel muß die Weisheit Laotses sein, wenn so verschiedne Naturelle wie Puck und Sie sich auf ihn berufen. Aber was Puck ansteht, steht Ihnen nicht an. Lassen Sie mich alles rücksichtslos sagen: betrachte ich Sie, Ihre Herrengestalt, lasse ich die Schwingungen auf mich wirken, die von Ihrer hagren, verschloßnen Energie ausgehn, dann bedaure ich, daß Sie, geboren sich in allen Störungen der innren Rotation zu behaupten, das neue Erlebnis der Demut nicht organisch verarbeiten, nicht gleichsam dosieren, sondern alles Feste, Nervige durchsetzen und zersetzen lassen. Jeder neue Gedanke, der in uns aufkeimt, ist Störung und wird Wuchrung, wenn wir ihm nicht aus unsrer Gesundheit heraus Schutzstoffe entgegensetzen; verdünnen wir ihn nicht, vergiftet er uns. Es gibt eine geistige Schwängrung, der auch der Mann erliegt, es ist die Vergewaltigung durch die Seele; sie erfolgt immer dann, wenn in die Sphäre des Ich, des Einzelnen, die Vorstellung der andren oder der Totalität einbricht.
Sie sagen, ich sei nicht religiös. Ich verzichte nur darauf, das zu vereinigen, was sich nicht vereinigen läßt, die Sphäre des Ich und die der andren, oder die Sphäre des Geschehens und die des Absoluten, ich bewege mich in beiden, nacheinander, der Brückenlosigkeit bewußt, und bin so, Sucher des Zugleich und der Einheit, doch im praktischen Gebrauch reiner Dualist. Sie aber grenzen den Fremdkörper, der in Sie getreten ist, nicht ab -- vielleicht ist er eine Frau, diejenige, die Sie porträtieren.«
D'Arigo begann die Figuren mit nassen Tüchern zu bedecken; symbolische Handlung, Bedeutung Laudas, daß Freundschaft nicht sein werde.
Sie gingen zusammen zur Stadt, vor einem Garten gab d'Arigo die Hand, sagte: »Leben Sie wohl, hier ist Sellos Atelier, ich werde erwartet.«
Absicht war deutlich, Lauda sagte ruhig: »Wenn es möglich ist, nehmen Sie mich mit, es ist erwünschte Gelegenheit, ihn kennen zu lernen.«
Sellos Statuen der triumphierenden Nacktheit schmückten Brunnen und Hallen, auch war er Liebling der Kunstzeitschriften.
Sello war bei der Arbeit; straff, mit geschloßnen Schenkeln, die Arme rückwärts gestreckt, damit die Kuppel des Bauchs, die Fanfare der Brust sieghafter sei, stand in Lebensgröße das Weib. Sie stand und schritt doch entgegen den Blicken, furchtlos vor Männern, Spitzen der Brüste gegen sie gerichtet; im archaisierten Blick letzte Erinnrung an junge Astarten.
Sello sagte: »Es ist mir etwas begegnet, wovon ich nicht weiß, ob es mich entzückt oder stutzig macht: dieses Geschöpf (er wies auf die Statue), Produkt der innren Energie, Überhöhung der Wirklichkeit, lebt, sie war heute morgen hier und stand neben der Figur, ihre Kopie. Sie wird mich zwingen, meinen Stil zu ändern, ich wäre nur noch Modellnachahmer. Es ist eine junge Tessinerin, im ersten Jahr der Hetäre, die wiedererstandne Renaissancekurtisane, von einer ältren Schwester begleitet, die sie einführte. Die Grenzen sind geschlossen, sonst wäre sie die Sensation Roms; statt mit jungen Fürsten lebt sie mit den Zürcher Kriegsjuden. Sie ist sich ihrer Karriere bewußt, erlaubt königlich, daß man sie La Putana nennt, als sei es der Name einer großen Schauspielerin.«
* * * * *
Sello, umgänglicher Mensch, lud Lauda ein zur Zunft; einmal in der Woche trafen sich die einheimischen Künstler in der Trinkstube einer historischen Hotellerie, darin seit den Tagen der Humanisten jeder Europareisende von Rang abgestiegen war. Sie waren trinkfreudiger als Literaten, Malerei war sinnlichres Handwerk, Malerei hielt die Berührung, mehr, die Verbindung mit Scholle Gebirge Landschaft aufrecht; Malerei verwies auch auf die bodenständige erste Derbheit der Erscheinungen -- so war um jeden etwas von der Philosophie des ebenfalls mit der Realität verwachsnen Gottfried Keller, mannhafter Freisinn bäurischer Färbung, sozialen Instinkts.
Dazu kam nach Wahl ein Akzidenz fremdländischer Reizung, Italiensehnsucht wie bei Sello, vergnügte Erinnrung an Münchner Treiben, Pariser Aufenthalt. Man war bei aller Freiheit eingeordnet in seßhafte Wirklichkeit, fand Aufträge und konnte sich darauf verlassen, daß das Organ der öffentlichen Meinung, die große Zeitung der geistigen Hauptstadt, gewissenhaft von Zeit zu Zeit den Namen druckte, kurz man durfte ruhig wie der Steuerzahler am Nebentisch seinen Veltliner trinken, man war nicht mehr als er, man war gut demokratisch soviel wie er.
Für Stimmung solcher Existenz und des Gewordnen, das sich auf Erden einrichtet, war Lauda nicht unempfänglich, und Herzlichkeit der Aufnahme verpflichtete menschlich; aber daß künstlerisch hier das Geruhige galt, sie alle in überkommner Atmosphäre lebten, nicht eine neue bildeten, war klar. Hier war noch Farbenfreude, Lust an der Unerschöpflichkeit der sichtbaren Dinge; sie malten Spargel Engadinsee Kuh, und Duft stand höher im Wert als Auflösung in Geometrie, Renoir höher als die Mathematik Picassos. Irgendwie bestand Zusammenhang, grundsätzlicher, beleuchtender, zwischen der Behaglichkeit des Stammtischs und der Überlegung Sellos, ob sein Stil nun gefährdet sei, weil in der Realität ein Modell aufgetaucht war, das ihn zum Kopisten machte. Daß solcher Zufall möglich wurde, bewies, wie gering Umformung war, die er mit der Natur vornahm.
Und was war von der Antwort zu halten, die d'Arigo gab, als Sello sich anbot, ihm La Putana zu schicken, damit er ihren Akt studiere -- die Antwort war, er dürfe sein Werk nicht gefährden. Lauda bekam Sehnsucht, die Jungen, andren zu sehn, in denen Revolte war gegen die dumme Existenz einer Malerei, die nun seit vierhundert Jahren sich in der Sphäre der Realität eingerichtet hatte, den Zugang zur absoluten nicht anders fand als durch die Dialektik, Abbildung der Erscheinung ziele auf das Absolute hin, gemaltes und gemeißeltes Geschöpf lobe Gott.
Nein, das war in mittelalterlicher Kunst gewesen, als Geschöpf noch nicht dualistisch Selbstzweck war, sondern nur Schmuck und Lobpreisung in den dem Schöpfer gebauten Räumen. Nie sah er unmittelbarer die Sinnlosigkeit einer Beschäftigung, die inmitten einer bürgerlich fronenden Welt Weiber in ein Atelier führte, um sie auszuziehn und zu malen -- kein Unterschied auch, wenn andre die Staffelei in die Landschaft stellten, Schönheit von Weidenbaum und Wiese einzufangen. Das alles war tragisch irreligiös in dem Maß, wie es religiös zu sein behauptete, letzte Verbeugung der Zivilisation vor dem verlornen Elementaren.
Er verließ die Zunft und ging dorthin, wo man die Jungen traf, ins Kaffeehaus. Die in der Trinkstube mißachteten das Café, nannten es die Börse der Heimatlosen. Die Literaten blieben nichts schuldig, hießen sie ihrerseits Bürger -- es lag dieser Feindschaft objektiv eine Tatsächlichkeit zugrund; gemeinsame Norm, an der sie sich beide maßen, war das Verhältnis zur Realität, als welche philosophisch Sphäre der Existenz, des Sichtbaren, Getrennten, praktisch Bürgerlichkeit, Bejahung, Wille zum Positiven hieß. Kein Zweifel, wo die größre Geistigkeit war: bei den Literaten; sie warfen doch wenigstens wie der religiös, grundsätzlich denkende Mensch die Frage nach dem Wert der Bejahung auf, erklärten die Sphäre der Tat mitsamt ihrer optimistischen Philosophie des Du sollst Dich regen und bürgerlich voranbringen, als problematisch -- Antwort auf diese Frage war also nur bei ihnen zu erlangen, und wenn sie hundertmal Nichtstuer, in der Luft Schwebende waren, sie waren diejenigen, die den Mut hatten, das Prinzip des Geists dem der Tat radikal entgegenzustellen, und es war klar, daß, wenn nach dem Krieg die Revision aller Grundlagen begann, das Prinzip der reinen Intellektualität gleichberechtigt neben das des Positivismus treten würde.
Die braven Maler waren Leute des Kompromiß, die Literaten Radikale der Idee. Bei ihnen allein war eine Parallele zum System der Geometrie zu finden, die, von gewissen letzten Abstraktionen ausgehend, eine Welt der Statik und Konsequenz errichtete. Das Werk Picassos war eine solche Parallele: die ersten Konzeptionen waren ganz, wie der Bürger und die Kritiker sagten, künstlich, ohne Beziehung zu seelischen Nöten und Bedürfnissen, aber das künstliche Gebilde begann zu sprossen und zu blühn, alle Vitalität und Säfte ließen sich ihm zuführen, so daß es ein Kosmos wurde wie ein andrer; das verstanden in deutschen Ländern die Leute nicht, klagten befremdet, daß in dieser Kunst nichts von Trost für ihren Seelenhunger sei, nicht Anhalt für ihre Ehe- und Gottprobleme.
So falsch. Sie wollten in der Kunst noch einmal die gegenständliche Welt sehn, in der Meinung bestärkt werden, daß diese Sphäre für sie das Wichtigste sei, ohne zu erkennen, daß sie nur Projektion einer absolutren Sphäre war, nur Vorwand, um deren Gesetze, Proportionen, Stoß, Gegenstoß, Mischungsverhältnisse sichtbar zu machen: sie wußten nicht, daß das reale Geschöpf nur ein Kristallisationszentrum für dynamische Kräfte war -- Ausgangspunkt jenes Grauens, das Lauda bisweilen angesichts der Rührigkeit und des Optimismus des menschlichen Treibens überfiel; denn das nur als Vorwand dienende Geschöpf, diese _Hemmung_, an der die absolute Kraft sich brach, differenzierte, Eigenschaften gewann, sichtbar wurde, neu sammelte, hielt sich für selbständige Individualität, baute sein innres Leben aus, sprach in groteskem Mißverständnis von einem Gott, der ihm gutgesinnt sei.
Der Abend war warm, Gang die Kais entlang zum Café schön, aber er spürte das Grauen in allen Haarspitzen, hörte das böse Lachen aus der Lüge der Schöpfung und verstand, daß in dieser neuen Kunst, die nicht mehr die äußre Erscheinung der Gegenstände, sondern ihre innren Rotationsfiguren darzustellen begann, so seltsam neben den ernst Arbeitenden die Höhnenden, Überdrüssigen, Verwerfenden auftraten -- aus gemeinsamer Wurzel entsprang der Geist der Demut und der Dissonanz, der bejahten Kunst und der Ironie.
Er fand Lisbao und Puck, Miß Lilian und Hans in einen Kreis unbekannter Menschen, aber es ward ihm nicht erlaubt Platz zu nehmen, Puck ging ihm entgegen, sagte:
»Wir brechen auf, zwei Autos warten, kommen Sie mit, zum ersten Versammlungsabend aller Ungegenständlichen und zur Besichtigung ihres Ausstellungshauses, das kein andres als mein eignes ist.«
Das Haus war in dem einen Tag umgestaltet worden, nicht wiederzuerkennen. In jedem Zimmer lag ein Teppich, an jeder Wand hingen Bilder -- nur dadurch möglich, wie Puck sagte, daß jeder Künstler seinen Teppich mitgebracht und seine Werke selbst aufgehängt hatte. Da die Ausstellungshallen verweigert worden waren, hatten die Maler Selbsthilfe beschlossen. Hans führte Lauda vor seine Arbeiten in Tusche, Holz und Wolle.
»Auf morgen,« sagte er, »sind die Kritiker geladen. Sie werden vor meinen Stickerein feststellen, daß ich ein begabter Kunstgewerbler sei, denn sie werden zwar begreifen, daß man in Wollfäden nicht Zwerge und Häuschen sticke, sondern abstrakte Flächen und Wertverhältnisse, aber sie werden nicht fühlen, warum ich das für höher als Malerei achte, für reiner. Denken Sie sich diese Komposition hier, die gleichnishalber wie ein Querschnitt durch die innren Organe, ihre Aufeinander- und Nebeneinanderlagrung ist, in Öl: es wäre zu direkt, die Farbe zu brutal, es wäre der wirkliche Querschnitt durch die geöffnete Bauchhöhle. Dadurch, daß ich die Farbe an ein Material binde, vergeistige ich sie, rücke sie hinaus; in uns, in mir wenigstens, ist eine Abneigung gegen die Heftigkeit der Farbe, ihre triumphierende, vergewaltigende Sinnlichkeit.«
»Mir ist es verständlich,« antwortete Lauda, »vorhin, als ich zu Ihnen ging, dachte ich, daß die Energie, um sichtbar zu werden, Materie braucht, Materie ihr Kristallisationspunkt ist; Sie fügen eine neue Phase hinzu: daß, zum zweitenmal vollzogen, die Materialisation die Energie vergeistigt; die von der Materie auf den Künstler ausstrahlende Energie bedarf abermals der Kristallisation, Kunst ist durch zwei Instanzen von der primären Energie entfernt, Phantasie ist also Brechung und Hemmung, ein Widerstand -- wessen? Offenbar des Individuums, des von der Totalität Getrennten, gegen die Totalität. Das erlaubt mir, die oft erhobne Forderung der Suveränität zu begründen und zugleich festzustellen, an welchem Punkt sie kunstfeindlich wird: wenn der Widerstand andauert, nicht nur dazu dient, die Materie prismatisch zu zersetzen; Suveränität ist also der durchgeführte Widerstand des Individuums gegen die Totalität, Kunst nur der kurzfristige.«
»Wir sollen nicht dauernd widerstehn,« sagte Hans mit einer Herzenshöflichkeit, die aus dem Gefühl geistiger Begegnung kam, und Lauda empfand: mit ihm wird Freundschaft möglich sein, Ablehnung d'Arigos ward hier Milde.
Sie traten vor eine Tuschzeichnung Hans'. Lauda sagte:
»Durch Ihre von Lisbao vorgelesnen Gedichte bin ich dem Verständnis näher. Es ist eine phantastische Ballade, Märchenelemente darin, die Totenbarke Dantes oder die Versammlung der Bremer Stadtmusikanten; es steht frei, Marhaftes und Tierhaftes anklingen zu fühlen.«
»Ja, es ist der Niederschlag der Stimmung eines bestimmten Tags. Man kommt nach Hause; Erinnrung an Wald, Spuk, Barke im Licht, Gespanntes in sich und andren, Quälen, Gutzueinandersein zieht noch einmal aus dem innren Schacht, gleichzeitig, nebelhafter Schwaden abgeschiedner Gespenster: hier sind sie, in Schwarz gebannt, unmateriell, unaufdringlich; nicht Unterschrift und Legende darunter, sondern dem Beschauer überlassen, sie nach seinen eignen Erlebnissen auszulegen; denn auch diese, seine Erlebnisse, reduzieren sich auf Spannung, Härte, Weichheit, Atomverbindungen des Temperaments.«
»Wissen Sie auch,« antwortete Lauda, »daß das, was Sie eben sagten, dazu nötigt, mit dem Begriff abstrakte Kunst vorsichtig zu sein? Sie geben den Niederschlag Ihrer _Stimmung_, Ihres Temperaments, in ihrem Fall eines unheftigen, pflanzenhaften, weichen Temperaments, Sie sind also nicht radikal abstrakt im philosophischen Sinn, denn dann wären Sie ganz unsinnlich, sondern nur mild sinnlich, annähernd abstrakt im anschaulichen Sinn eben der Kunst. Sie geben nicht reine Geometrie, sondern nur gereinigtes Gefühl wie im Lied des Musikers. Es ist aber theoretisch denkbar, daß ein Künstler auf die Stimmung verzichtet und nur Geometrie darstellt, er würde die Farbe, die Sie ja auch haben, ganz meiden, nur Linien gelten lassen, und sie wären nur noch die Verbindung von Punkten, durch Gerade oder Kurve.«