Nein und Ja: Roman

Part 7

Chapter 73,673 wordsPublic domain

Dies Gespräch fand am letzten Abend statt. Am nächsten Tag fuhren alle nach Zürich, Hannah und Mitrofan setzten die Reise zur Grenze fort, um durch Deutschland nach Rußland zu fahren. Wie sie sich einen Paß verschafft hatte, war ihr Geheimnis.

III

Lauda wohnte in Miß Lilians Pension. Auf seinem Tisch lag die Karte Zürichs, Erleichtrung der Besuche, die er machte. Sooft er eine neue Straße nachsah, zog er die Linie von der Pension zu ihr; die Karte bedeckte sich mit einem Netz. Dieses Netz, sagte er, ist wie einer der Schlüssel, die man auf Geheimschriften legt; es bildet eine Figur, unter der sich die fremde Siedlung einmal in der Erinnrung darstellen wird; es ist so persönlich und einmalig wie die Linien meiner Hand. Immer und überall legen wir solches Netz auf die Erscheinungen; auch das Bild, das ich von einem Mensch gewinne, ist nicht anders, ich stecke Momente ab, durch die er sich enthüllt, und dieses konstruktive Gebilde nenne ich dann seinen Charakter. Verkehre ich nicht viel mit ihm oder treten nicht Situationen ein, in denen er bestimmte Stellung nehmen muß, so bleibt es noch unvollkommner, als selbst das der Stadt, ohne daß doch ich, wir alle, den Hochmut aufgeben, zu glauben, man kenne einen Mensch. Wir wissen wenig vom andren, wir können ehrlicherweise nur feststellen, wie er uns in einem bestimmten Fall erschienen ist, Klarheit über ihn ist Schwindel.

Wie Bestätigung war der erste Besuch, den er machte, bei Fräulein Betz. Sie empfing im Schlafzimmer; der Schreibtisch und die Bücher standen darin, obwohl sie eine kleine Wohnung hatte; man konnte entweder sagen, sie habe in das Schlafzimmer allen Besitz von Wert und Liebe gebracht, die Teppiche, die Felle, die auf Reisen erworbnen Gegenstände, oder sie habe in einen Raum, der diese Dinge enthielt, auch noch das Bett gestellt, es kam auf dasselbe hinaus, Mittelpunkt und Sinn war das Bett. Es war ein kühler Abend, und im Kamin brannte ein Feuer.

Er hatte sie für ein etwas altjüngferliches Mädchen gehalten, nun wurde sie durch die Dankbarkeit, mit der sie vom Bett sprach, das Ruhe, Wärme und denkende Lage spendet, und die Unbefangenheit, mit der sie es tat, mütterlich. Es gab ihr Realität, hier war sie nicht mehr die ein wenig melancholische Einsame, durch die Welt irrende Geistige; in diesem Bett hatte ihre Mutter sie geboren und war gestorben -- etwas von solcher Frauenatmosphäre war nun um sie selbst, und darin wiederum ein Hauch vergangner französischer Jahrhunderte, denn es war ein abstehendes Himmelbett, wie es Montaigne gepriesen hatte, mit einer richtigen Bettgasse, der Ruelle, wie sie sagte; fast konnte man sich die Geschichten Brantomes hier erzählt denken. Die Altruistin, die die Welt nicht mehr begriff, weil sie sich zerfleischte, hatte ihre kleine Welt, in der sie Genügen fand; die Pazifistin, die ruhelos als Wanderapostel umherreiste, verstand sich auf sich selbst zurückzuziehn, und wenn es Resignation war, in dieser Zeit an einem Schreibtisch für die Idee weiterzuarbeiten, enthielt die Resignation doch die Möglichkeit des letzten zähen Willens: bis zu einem Tischchen in die Enge getrieben, nahm er daran Platz. Sie trug ein loses Hauskleid, man sah ihre Gestalt, zarte, so viel mädchenhaftre als das Gesicht mit den nie durch Erleben entspannten Zügen.

Sie stand am Kamin, vor ihr, im Sessel, saß Lilian und schaute mit blauen Augen, das hartnäckige amerikanische Kinn gehoben, verzückt zu ihr hinauf, denn Fräulein Betz sprach von Amerika. Lilian stieß kleine Schreie der Freude aus, zum erstenmal sah Lauda sie bewegt. Madeleine erzählte, wie sie an dem Eiswasser des Hotels magenkrank geworden war: Begeistrung Lilians für ihr Land.

Lauda hörte aufmerksam auf die Worte des Mädchens, den augenblicklichen Sinn und den tiefren, aussagenden, der vielleicht in ihnen verborgen war -- doch was sie sagte, war plaudernde Nichtigkeit, Freude am Belanglosen; Unterhaltung über rückwärts gelegne Dinge verhalf ihr zu der Illusion, gesehn und erlebt zu haben -- dumme kleine Puppe, hübsche schlanke Puppe mit den gotisch vorgewölbten Hüften.

Sie schlug die Beine übereinander, und wenn sie wechselte, war es wie die Bewegung zweier Arme, die sich öffnen, um an sich zu ziehn -- unmöglich, daß sie sich der erregenden Gebärde nicht bewußt war. In ihm ein Hin und Her. Ihre Harmlosigkeit und Dankbarkeit, reden zu dürfen, rührte ihn, die junge hilflose Sinnlichkeit, die an den Exhibitionismus kleiner Mädchen vor Fremden zurückdenken ließ, verstärkte dieses Gefühl, aber danach war alles Auslegung, sowohl: sie ist ein Mensch, der geschont sein will, ein Recht auf Leben hat, als auch: sie ist ein Mensch, der nicht geschont sein will, mir wider meinen Willen, dank einer Deutlichkeit, die ihre Angelegenheit ist, diese vergewaltigende Vorstellung der zweiten Arme und des geheimren Munds mit schwellenden Lippen gibt. Suche ich mir ein Bild von ihr zu machen, bleibt alles ungeformt, wenn ich an ihre »Seele« denke; Bestimmteres, Züge stellen sich erst ein, wenn ich von der sinnlichen Seite sie betrachte, da erst bieten sich Vorstellungen ihres möglichen Temperaments, Warten auf Angriff, Provokation, die dann vielleicht in Empörung umschlägt -- das heißt, daß man ihr zu einem moralischen Faktum verhelfen soll, das ihr erlaubt, endlich eine klare Haltung einzunehmen.

Ihr dazu zu verhelfen, sind andre nötig: Auffordrung an andre, den Dienst zu erweisen. Erweisen sie ihn, werden sie vermutlich abgelehnt -- was ist das? Not, verständlich und zugestanden; aber auch Unmoralität im Sinn von Undankbarkeit und Unaufrichtigkeit. Vielleicht tat er ihr unrecht, er wußte es nicht, aber er war nun geneigt, sie in die Sphäre Masochs zu stellen.

Widersprechende Empfindungen auch Madeleine gegenüber. Es rührte ihn sowohl, sie in ihrer frauenhaften Häuslichkeit gesehn zu haben, als sie mit Lilian menschlich, fast mütterlich plaudern zu hören, doppelte Einsicht in Güte; aber als sie das Gespräch mit dem Mädchen abbrach, erhielt er einen Blick von ihr, der Achselzucken über die Trivialität der Amerikanerin war, mokanten einer schmallippigen Schulleiterin, die sich durch Abhören einen Einblick in die Reife eines Zöglings verschafft hat. Es deprimierte ihn; von Natur aus war stärkre Neigung in ihm, das »Gute« im Menschen zu sehn als das Egoistische, gut im Sinn von Duldung, Gerechtsein, Existierenlassen ohne Urteilen und Verwerfen. Stand sie mit dem Rücken gegen ihn, sah er die zarte Gestalt; sah er das Gesicht, las er darauf die in die Jahre wachsende Verbittrung. Er kannte die Versuchung, aus einem Mensch einen Charakterzug herauszunehmen und als wesentlich hinzustellen, so gut aus seinem Handwerk und dem der Schriftstellergefährten; es war so bequem. In Wirklichkeit mußte man neben den einen Zug viele andre setzen und darauf verzichten, die Einheitlichkeit zu geben -- Mensch war vielleicht nur ein Nebeneinander von Zügen, Wesen in der Zeitlichkeit.

* * * * *

D'Arigo wurde erwartet, kam nicht, Lauda ging mit Lilian allein nach Haus. Der Weg führte über den Zürichberg, entlang dem Wald, der einst bis zum See hinabgestiegen war, jetzt nur noch auf der Höhe die geregelten Irrlichter der Stadt umkränzte.

Ein Ton drang herauf, Lauda blieb betroffen stehn. Es war ein wiederkehrender Klagelaut, wie wenn Wind durch eine Aeolsharfe zieht, er hatte ihn einst vor Paris aus der bewohnten Ebne gehört und Stimme der Ebne, des geheim lebenden Geschöpfs genannt -- nun schwebte er über der Stadt am See.

»Auch die Dinge aus Stein sind belebt,« sagte er, »Städte sind Himmelskörper, wesenhaft. Paris ist eine Frau, bereit, jedem, der zu ihr kommt, Südamerikaner Schweden Tonkinesen, Erlebnis zu werden -- ein wenig kokottenhaft mag es sein und doch so fröhlich, jung. Paris ist die einzige Stadt, die Gegenwart hat, die andren haben Zukunft oder Vergangenheit.«

»Neuyork oder Berlin hätten keine Gegenwart?«

»Materielle wohl der Arbeitsstätte; sie sind Stadium einer Jagd nach Geld und Macht; geistige Gegenwart, Wissen um den Sinn des Augenblicks haben sie nicht. Daß man in der Zeitlichkeit lebt, einmal nur, fühlt man auch anderswo, aber dann ist es immer ein losgelöstes Gefühl, für sich gedanklich existierend -- in Paris ist es wie ein Duft in das unbedingte Ja gemischt, ein Hauch von Geist und Geistigkeit im Treiben der Materialität. Verstehn Sie, Miß Lilian, was ich sage?«

»Ein wenig, nicht sehr, freimütig gesagt nein, in Amerika philosophiert man nicht,« antwortete sie. Er sagte spöttisch:

»Nein, das tut man dort nicht. Die einzige Form von Vergeistigung des Sinnlichen, die ich bei Amerikanern kenne, ist der Flirt, und er allerdings hält von dem nahliegenden Urteil ab, sie seien eine junge Rasse. Sie sind darin älter als die Deutschen, die von der Raffiniertheit des Flirts nichts wissen. Lieben Sie ihn?«

»Sehr.«

»Warum wohl?« forschte er.

»Weil er hübsch und kurzweilig ist.«

»Weil er eine Einrichtung ist, die allen Vorteil der Frau gibt. _Sie_ fordert heraus, _sie_ bestimmt die Grenze, die erstaunlich weit gesteckt ist, und _sie_ macht den erregten Mann reif zu dem, wonach sie verlangt, der Heirat, einer Heirat, die ihr erlaubt, auch jetzt noch die Prinzessin zu sein, verwöhnte in Luxus.«

»Ich weiß, die deutschen Männer lieben es nicht, die Frau zu verwöhnen.«

»Wenn es das allein wäre, warum nicht? Aber es ist eine Lüge in dieser Verherrlichung der Frau. Theoretisch ist Flirt wundervoll, weil er kühn die Sinnlichkeit in den Verkehr schon der jungen Leute einstellt und ihr nicht gestattet, mehr als ein Spiel zu sein. In amerikanischer Praxis aber wird er ein Mittel, den Mann zum Knaben zu machen, seine Kenntnisse der Frau zu verfälschen, die vollkommenste Gynokratie einzuführen. Was weiß er von euch? Nichts, er ist euer Schemel. Er wird gelockt, aber danach soll er anbeten. Es ist nicht eine einfache Moralität, die ihn zum Heiraten zwingt, sondern eine komplizierte, die die weiblichen Versprechungen nicht scheut; es ist die Verheißung der Amazone, die im Oberleib männlich ist, aber in den Hüften Weib. Wenn ihr nach Europa kommt, erfüllt ihr die Männer mit bösen und harten Gelüsten, mit einem schlimmen Wunsch, euch zur Eindeutigkeit zu zwingen.«

»Sie sprechen wie d'Arigo.«

»Wie stehn Sie mit ihm?« fragte er und war neugierig, wie sie solche Frage aufnahm.

»Ich lernte ihn in Paris kennen, er war sofort rücksichtslos wie Sie, verlangte, ich solle ihm stehn. Er besuchte mich bei meiner Familie in Trouville, reiste über Nacht ab. Er bot mit halbem Wort die Ehe an, zögerte vor dem ganzen. Dann traf ich ihn in Zürich wieder.«

»Und hoffst, daß er das ganze doch finden wird,« dachte er, »gute Lilian, wo der Flirt versagt, bleibt dem Mädchen aus der neuen Welt nichts übrig, als wie das der alten auf die Initiative des Manns zu warten.«

Aber warum ging sie nicht nach Amerika zurück, einen der jungen Leute zu heiraten, die in Hemdsärmeln und Schweiß des Angesichts arbeiteten, damit die Frau keinen Finger zu rühren nötig hatte?

Die Antwort enthüllte private Bedingungen ihrer Existenz. Solang sie studierte, empfing sie Unterhalt; kehrte sie ohne Examen zurück, wäre ihr nichts übrig geblieben, als Sekretärin zu werden.

»Aber das ist ja das Sprungbrett zur typischen Prinzessinnenkarriere Amerikas,« sagte Lauda.

Gleichwohl, es war unsicher, und sie zog vor, als Dame zurückzukehren. O, sie hatte ihre Wünsche, Passivität verband sich mit Anspruch, belohnt zu werden, daß man hübsch war und Männer gern mit einem durch die Straßen gingen. Aber wie andeutungsweise, ungeformt das alles in ihr ruhte; wie gering jene Beunruhigung durch das Bewußtsein, Widersprechendes in sich zu tragen, aus der das Temperament entspringt -- Temperament war die moralische Manifestation dieses Bewußtseins, der tapfere Entschluß, sich durch Erlebnis zu ordnen. Hätte er ihr von der Sweetgirllüsternheit gesprochen, die er in ihr vermutete, von der sinnlichen Vorstellung, zu der sie ihn vorhin im Zimmer herausgefordert hatte, wäre sie nicht weiter mit ihm gegangen; hätte er ihr gesagt, daß man die Verpflichtung habe, solche Elemente im Blut selbst einzugestehn, durch Tat so oder so blühn zu lassen oder auszuscheiden, würde sie ihn nicht verstanden haben. Hirn im Stadium des Ungefähr, Egoismen verankert im Anspruch auf Recht zu existieren, und vermehrt durch Bewußtsein der Jugend und dessen, was man in Deutschland Holdheit eines jungen Mädchens nannte. Sweet girl, warum soll ich sentimentalistisch dieser Holdheit untertan werden und übersehn, daß du von der Kokotte das Lippenrot adoptierst, um ihre Sphäre unverbindlich zu streifen? Du gibst mir Barbarengedanken ein, Männergedanken, dich zum Bekenntnis zu zwingen, durch Gewalttat das erste wirkliche Faktum in dein Leben zu setzen, unpersönlicher Rächer zu sein, denn es ist nicht erlaubt, unverbindlich zu bleiben.

Er wagte es die Hand um sie zu legen, die negative Brust, die positiven Hüften, und Mephistowunsch, sie zur Tatsache dieser Hüften hinzuleiten, ward stark. Sie standen an einem Gartenpförtchen, dahinter eine dunkle Tür, die in ein Zimmer führte. Da ward Licht angedreht, und sie sahn in den Raum hinein, es stand ein Bett ohne Leinenzeug darin, im übrigen war es unmöbliert, nur Stickereien an der Wand. Drei junge Leute, brüderlich durch Knabengröße, hüpften auf und ab, als hingen sie an Fäden von der Decke und würden angezogen, die grotesk troddelhaften Bewegungen eines Grizzlitanzes auszuführen -- es schwankten die Köpfe hin und her wie schwere Birnen an zu schwachem Stiel.

»Ich bin dreihundert Jahre zu spät geboren,« sagte der mittlere, »wäre Hofnarr in ernster Zeit gewesen. Meine Mutter trug mich nicht aus, die zwei letzten Monate sollte ich in der Organisation des Zeitalters unterrichtet werden, da kam sie nieder, bin der Organisation nicht gewachsen.«

»Lieber Mitembryo,« sagte der zweite und hob eine Stickerei von der Wand, »erinnerst du dich, wie wir in der Nacht des Schoßes vom gegensätzlichen Licht träumten, blauen Tagen mit rauschendem Birnbaum und roten Tomaten? Das Licht langweilt mich nun, ich träume mich in den Schoß zurück und sticke seine Landschaft, die grünblaugelben Stränge, Korallen des Bluts, Flechten der Schleimhäute, Hälften der Niere.«

»Kunst ist Traum der innren Geographie, Nach-traum der Vorgeburt,« sagte der dritte, in dem Lauda Lisbao erkannte, »Uterus stellt sich selber dar, Land der vegetativen Existenz, da noch nicht Individualität ist, und noch nicht Lüge. Ich sehe zehntausend Embryos in ihrer Zelle, Händchen ohne Finger spielen mit dem Nabelstrang, dem wahren Band der Totalität.«

Sie lachten, drehten Auftritt abgestellt das Licht aus, verließen das Haus, man hörte die Stimmen sich bergabwärts entfernen.

Lauda lenkte Lilian zu dem Pförtchen, als sei das der Weg, führte sie ins Zimmer. Ihr Fuß sieß sich an die Wand.

»Mein Gott, wo sind wir?« schrie sie auf.

»In der Mitternacht, der erste Schlag hebt aus. Bis der zwölfte verklingt, ist mir Freiheit vor mir selbst, Erlaubnis dem Dämon gegeben, der, wenn er Salambo sieht, die Begierde fühlt, das goldne Kettchen zu sprengen. Sie sind feig, Lilian, denn sie gehn zum Spiel, ohne den Einsatz bereitzuhalten.«

Der zwölfte Schlag verklang, aber eine andre Uhr hob aus, und Lilian lächelte im ungewissen Licht der Tür wie ein Kind, das schlau Dialektik treibt -- war sie ihm willig?

»Habe ich denn auch mit Ihnen gespielt,« sagte sie, und es konnte heißen, daß sie nicht widerstand. Aber die Frage dämpfte seine Rücksichtslosigkeit; nein, ihn hatte sie nicht herausgefordert; er sagte sanft: »Wir sind auf falschem Weg,« und führte sie zurück. Zu spät, die Tür ward aufgerissen, und vom Revolver Lisbaos gedeckt, schaltete der knabenhafte Erste das Licht ein. Sein ängstliches Gesicht hellte sich auf, als er Lilian sah, schnell gefaßt beugte er ein Knie und sagte:

»Schöne Blancheflor, ich bin entzückt, daß Ihr zum Stelldichein mit diesem Ritter mein Haus gewählt habt. Wisset, daß Ihr bei Puck seid, dem aus dem Sommernachtstraum; es tut mir leid, daß ein Eigentumsdünkel, den Ihr dem Jahrhundert zuschreiben wollt, mich einen Augenblick an Diebe und Mörder denken ließ. Verzeiht, wir ziehn uns zurück und bedauern nur, das Lager nicht mit Euch zukommenden Rosen geschmückt zu haben.«

Er machte Miene, die Freunde hinauszudrängen. Lauda sagte: »Miß Lilian wurde von einem Unwohlsein befallen, ich hatte vorhin Herrn Lisbao gesehn und nahm an, es sei sein Haus.«

»Allrigt, so wollen wir die Schwäche mit Kognak lindern,« antwortete Puck und führte in die vordre Stube, niedre eines Bauernhauses, Tafelwerk; es stand ein Tisch, kondensierte Milch, Papiere drauf, drei Stühle, eine Kiste; Adresse daran wie auf den Briefen: Puck, Dr. phil.

»Doktor Puck, der Zeit entsprechend,« sagte er, »das erstaunt Sie? Im übrigen fühle ich mich voll und ganz, wie die Deutschen in ihren Reden sagen, als aus dem Märchenstamme Pucks entsprossen. Sehn Sie mich an, neunundneunzig Pfund schwer, das ist fast engelhaft und gibt Gedanken ein an Fliegenkönnen; bartlos wie ein Chinese und die Hasenscharte in der Lippe Stigma der kleinen Dämonie. Es wundert Sie, daß ich kaum zwanzigjährig schon den Doktor habe? Little Puck war ein Wunderkind, schlüpfte im siebten Monat aus und erweckte alle Hoffnungen, spielend das Reich der Realität zu meistern, drei Tanten suchen nun Erbinnen für ihn aus -- die Brüder fallen im Krieg, die Erbinnen steigen. Hehe, Puck wird nicht heiraten, will das Lachen organisieren, Hofnarr der ernsten Zeit. Erlauben Sie, daß er seine Gehilfen vorstellt: Lisbao, der düstre Poet, Hans mit den opalisierenden Augen, in dem ein pflanzenhafter Elementargeist wohnt; Fleisch ist ihm ein Greuel, hat noch nie einen Pfennig verdient, nie einen Feind gehabt, sein Gutsein ist negativ, weil ihm die positive Energie fehlt, und positiv, weil Gutsein immer sieghaft ist -- Sie haben vor sich das Triumvirat der Drei im feurigen Ofen dieser Zeit: sie verbrennen nicht, denn es ist keine Materie in ihnen, die dem Staub der Zeit verwandt wäre, sie schießen nicht, töten nicht, spekulieren nicht in Aktien, sie sind Vorboten der metaphysischen Welt, darum lacht der eine über die Realität, der andre fällt sie grimmig an, der dritte bestaunt sie hilflos und verwundert.«

»Lieber Puck,« sagte Lauda, »das sind große Worte, sagen Sie nun, was Sie tun.«

»O, hängen Sie der Tat an? Hören Sie?«

Er setzte eine Hornbrille auf, nahm am Tisch Platz und las aus einem Buch, langsam, laut, als öffne sich die Wand und die Arena senke sich bis zum See. Das Schalksgesicht war demütig ernst, geglättet quecksilberne Beweglichkeit. Er las:

Die Welt erobern wollen durch Handeln ich habe erlebt daß das mißlingt. Die Welt ist ein geistiges Ding das man nicht behandeln darf. Wer handelt verdirbt sie wer festhält verliert sie. Denn die Geschöpfe gehen voran oder folgen sie seufzen oder schnauben sie sind stark oder schwach sie siegen oder unterliegen. Also auch der Berufene: Er meidet das Heftige Er meidet das Üppige Er meidet das Großartige.

»Die Welt ist ein geistiges Ding, das man nicht behandeln darf -- als ich das las, beging ich zum einzigen Mal in meinem Leben eine Nachahmung, ich wollte wie Laotse tun, der nach Westen ritt, zum Reich hinaus. Dem Wächter an der Grenze gab er sein Buch; aber mich hätten sie festgenommen und unter die Soldaten gesteckt, das ist der Unterschied. So blieb nichts übrig, als das zweite zu tun, was er empfiehlt, aus der Stadt aufs Land zu gehn, da fand ich dieses Haus. Es ist noch der Schweißgeruch des Bauern darin, heiliger Geruch, weiser Geruch. Es einzurichten ist unnötig; wer ein Haus schmückt, wird sein Sklave, in ihm leben ist genug; zweimal am Tag wird es mir lieb: wenn ich es verlasse, um den Berg hinab zu den Menschen zu gehn, und wenn ich den Berg ersteige, müde der Stadt. Hans tut nichts im handelnden Sinn, er sitzt in einem andren Haus und zeichnet mit schwarzer Tusche die innren Gebilde auf gelbliches Reispapier; an der Wand kauern Mädchen und sticken mit seidnen Fäden die innren Gebilde; sanfter Pascha schläft er nicht mit den Mädchen. Lisbao tut nichts, er spinnt um seinen Nabel Wortfäden, den Strang der Totalität. Nichtstuer sind wir im Sinn derer, die im Reich des Geschehens leben; die einzige Lüge ist, daß wir von Vätern, Onkeln das Geld nehmen, so müßig zu gehn. Ihr Entgelt, daß sie uns verachten dürfen; aber früher, als Blancheflor geheiratet hat, wird die Zeit kommen, da das Geschehn draußen zusammenbricht und die Menschen der Tat überdrüssig werden -- unsre Zeit, wir die Verkünder des Geists, der Anschauung ist.«

»Es drängt sich auf,« sagte Lauda zu Lilian auf dem Heimweg, »daß alle Elemente des Geistigen jederzeit vorhanden sind. Seit mich die Unvereinbarkeit von Tun und Anschauung beschäftigt, begegne ich auf Schritt und Tritt Menschen, deren ganzes Sinnen auf dieses Problem gerichtet scheint. Wäre ich nicht selbst nun darauf eingestellt, würde ich die drei vielleicht nur Narren heißen, heute bin ich versucht, sie zwar nicht die Nornen der Zeit, aber ihre Kobolde zu nennen. Sahn Sie je eine so seltsame Übereinstimmung der Figuren, des körperlichen Formats? Das Geschlecht derer, die nicht das Format der Tat haben, kommt aus den Höhlen, wird Wirkung werden; das Geschlecht auch derer, die leiden und die Vergewaltigung durch einen Gott suchen, bereitet sich aufzustehn, der Krieg hält sie noch nieder, der Krieg wird sie entfesseln.« Er dachte an Schreiner.

»Wer ist Blancheflor?« fragte Lilian.

»Hat es Ihnen Eindruck gemacht? Die Schöne aus den Epen, die Junge, Zarte, die in ihren Gliedern den Gral trägt.«

Er fand den Namen selber gut, und als hätte es nur seiner bedurft, ward er empfänglicher für das Süße, das die gotischen Hüften des Mädchens bargen. In den Hüften aller Frauen ruhte es; so gleichgültig, daß es der einen oder andren, vielen, an Intelligenz gebrach; die Zärtlichkeit ihrer Bewegungen, lautloser, weicher, war wesentlicher; Zärtlichkeit war die vermenschlichte Form des Ansichlockenden, Saugenden, des Urdämons, dem auch in gemilderter Gestalt jeder gehorsam war. Nun sah er, in zweiter Morgenstunde, Lilian ganz als Bergerin des Zarten, bis zur Unkenntlichkeit den Begriff von ihr verändert, und war froh, ihr nicht Gewalt angetan zu haben.

Es gewollt zu haben, war wie Auslösung einer Hemmung, Überwindung eines Hindernisses zwischen ihm und ihr -- Geburt freundschaftlicher Bereitschaft. Und als fühle sie dasselbe, zog sie den Schleier von sie quälenden Gedanken. Sie verstand, was die Männer, in Paris zuerst, von ihr verlangten, Einsatz der ihr anvertrauten Weiblichkeit; Furcht in ihr, Vergleich mit der Bequemheit heimatlicher Ehe, Scheu auch vor d'Arigos Halsstarrigkeit, dessen Bedingung sie nun bekannte: sie sollte zu ihm kommen, bedingungslos und mit gesprochnem Wort Feigheit eingestehn.

»Es mag rechthaberische Fordrung eines Hartnäckigen sein,« antwortete Lauda, »gleichwohl hat er in tiefrem Sinn recht, er verlangt die Tat. Verwerfung der Tat, wie sie der Kleine aussprach, hat Wert nur nach der Tat, in der denkenden Sphäre, als Aufhebung, Setzen des Gegenteils. Was ist Puck? Ein Literat, jemand, der an der einen Seite zieht, ermangelnd der Polarität.«

»Und wo führt Tat hin die Frau?« klang Lilians Frage an sein Ohr, im Zwiegespräch, das jeder nach seiner Bedingung führte, »was ist Tat? Der erste Schritt auf einem Weg, der zum Glück zu leiten verspricht, von ihm entfernt.«