Nein und Ja: Roman

Part 6

Chapter 63,591 wordsPublic domain

War nicht in dem Haß gegen den Selbsternst des Bürgerlichen und seine gepachteten Domänen Kunst, Wissenschaft, Politik Möglichkeit eines Lachens, das im Zeitalter der Weltorganisation unbekannte Formen annehmen konnte? Lisbao lachte nicht, aber der nächste aus seinem Kreis schärfte vielleicht schon des Florett, das auf andre Art den Stoß ins Herz der Dinge führte.

* * * * *

Am Abend las Lisbao. Es war, als trete in einem Hotel der Herr, den man schon gelegentlich sah, auf und enthülle den Zweck seiner Anwesenheit, Engagement. Er las Italienisch, Französisch und Deutsch; seine eignen Arbeiten waren französisch geschrieben. Sein Manifest wandelte die Gedanken ab, die er Lauda vorgetragen hatte.

Ich suche, las er, eine Bezeichnung für unsre Auffassung, ein zugleich täglicheres und fanfarenhafteres Wort für das, was wir zu feierlich ungegenständlich nennen, ich habe es noch nicht. Nennen wir es vorläufig X, so lauten meine Sätze, die dem Ekel gewidmet sind, folgendermaßen:

Alles, was geeignet ist, das Ideal der Familie zu zerstören, ist X.

Protest mit allen Fäusten der Energie gegen tätliches Handeln ist X.

Abschaffung der Logik, Tanz der Ohnmächtigen ist X.

Ausschneiden des Gedächtnisses mit dem Messer der innren Chirurgie: X.

Verabschiedung der Propheten, der Zukunft und der geistigen Schubladen: X,

Freiheit, Taumel, der Widerspruch ist X; nur unkonsequent sein. An nichts glauben, auch nicht an X, ist X. Jeder schreie hinaus: es ist eine große Arbeit zu tun, ganz Negation: Wegfegen, Säubern, Ausmisten.

Moralisten sind Bauernfänger, Söhne Eisenbarts. Seht ihr den Jahrmarkt der menschlichen Gesellschaft, Pferch für Herdenvieh, von einem Kranz von Tribünen eingezäunt: darauf stehn sie im Kreis. Kopfbedeckung Magisterhut, rote phrygische Mütze, Schlapphut der Philosophen, demokratischer Zylinder, Berliner Sozenkappe, Pfaffenkrönchen, Frauenrechtlerins Strohhut mit der Nadel, und reden aus den zehn Ecken des ersten Mai auf das Vieh, ihm die Pillen des Glücks aufzuschwatzen, pinkpink bummbumm. Wer von Glück redet, ist ein Schwein, seien wir doch Schweine ohne Glück, nur Schweine, über die ich weine, es gibt im Koben kein Unten und Oben, kein Jenseits und Droben.

Er hatte unbewegt vorgetragen, den Blick aufs Manuskript gesenkt, als gehe ihn der Gegner, den er angriff, nichts an. Schreiner sprang auf, drängte mit geballten Fäusten auf Lisbao; Lilian lächelte ungläubig, das Unerwartete war eingetreten; d'Arigo gebot dem Portugiesen in seiner Heimatssprache zu schweigen; Madeleine Betz saß mißbilligend angewidert, der Schweizer schlug aufs Knie und begann zu jodeln, als Lisbao weiterreden wollte.

Ein Äderchen groß wie ein Regenwurm trat aus der Schläfe Lisbaos, er stieß den Stuhl zurück, schrie fast:

»Ich weiß, werte Herren, daß ich ein Majestätsverbrechen an dem Ernst Ihrer Würde begangen habe, bin bewußt, vor mir die Creme der europäischen Gesinnung zu haben. Nicht wahr, der Krieg, über den Sie zu Gericht sitzen, Sie segnen ihn im geheimen, denn er erst hat Sie zu Halbgöttern gemacht, Schiedsrichtern über Tölpel und Barbaren. Eure Selbstherrlichkeit reizte mich; wenn ihr so hoch steht, laßt mich unten im Staub euch in die Zehen beißen, kratzt euch und redet weiter vom Glück.«

Er setzte sich erschöpft, Augen waren Kohlenstückchen in Teerosenblätter gewickelt. Lauda trat zu ihm, roch den Atem eines jungen Kinds, sagte:

»Lesen Sie andres, nicht Manifest, Verse,« gab ihm den Band in die Hand, der vor ihm lag. Lisbao schlug auf, las die Hymne Rimbauds auf die Vokale, nahm ein andres Heft und sagte:

»Hören Sie etwas Deutsches, Gedichte meines Freunds Hans Arp; wenn Sie nicht böswillig sind, werden Sie empfinden, wie rein, von Seelenproblemen unbeschwert, phantastisches Spiel hier die Welt geworden ist, ausgeschaltet Kausalität, übersprungen Zwischenglieder, gleichzeitig alles, Silberkugeln auf Fontänen.«

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Obwohl der mond mir wie ein spiegel gegenüberhängt schmerzt mich der engel im auge / auf den tischen laufen die sämereien auf und pochst du an die pflanzen so springen ihre blumen hervor / die löwen verenden vor ihren schilderhäusern mit gießkannen voll diamanten zwischen den krallen / die führer tragen schürzen aus holz die vögel tragen schuhe aus holz die vögel sind voll widerhall / unaufhörlich rollen ihnen die eier aus ihren kleinen herzen / ihr scheitel trägt den himmelsmast ihre sohlen stehen auf schreitenden flammen / reißt die schneekette so rufen sie den herrgott an / senkt sich das himmelsrad so treten ihre hufe auf schwarze körner

die nachtvögel tragen brennende laternen im gebälk ihrer augen / sie lenken zarte gespenster und fahren auf zartadrigen wagen / der schwarze wagen ist vor den berg gespannt die schwarze glocke ist vor den Berg gespannt die toten tragen sägen und stämme zur mole herbei / aus den kröpfen der vögel stürzen die ernten auf die tennen aus eisen / die engel landen in körben aus luft / die fische ergreifen den wanderstab und rollen in sternen dem ausgang zu

verschlungene knaben blasen das wunderhorn / engel in goldenen schuhen leeren säcke voll roter steine in jedes glied / schon bilden sich maste und sternbilder / die schwestern zeigen spuren von luftschlössern geldkatzen findlingen dampfkuhbissen gesattelten hasen frisch gepolsterten löwen / auf flammenden speichen rollen vögel über den himmel sterne niesen aus ihren wachsnasen blumengarben / betrunken sind mann und maus und schwimmen an weichen Fingern / brennende löwen sausen über zitternde birken / wer einen schwanz hat bindet sich eine laterne daran / die ganze nacht wird auf dem kopf gestanden rittlings auf drachen getanzt / stangenklettern und leiblicher Ringkampf erfüllen die nacht mit wauwau

Die seraphim und cherubim steigen die weißen bauleitern auf und ab und wissen nicht warum / auf wattekugeln schreiten die starken tiere sie sieben glühende kohlen auf die betten werfen speere nach den befiederten höckern und häufen steine über die wegweiser / die kinder ziehen ihre totenstiefel an und warten auf die zeit die in kleine schwarze schlitten und kisten zerfällt und warten auf den kosmetischen Löwen mit dem schwanz aus dünnem draht voll feiner knötchen / in den schattensesseln sitzen die gekalkten toten sie klatschen in die hände und bellen / riesenvögel röhren in den holzschluchten keiner findet mehr die spur von seinen kinderschuhen / die pistille fallen aus den sternen die sterne verzucken in ihren volieren die sterne spalten sich und speien atrappen / die muskeln in den Sternen reißen entzwei die knochenlosen prinzen fließen wie Teig um die räder der mitternacht / in dem metallenen zelt aber sitzt die riesin eisenkopf mit den falschen waden die litfaßsäule und der uhu / die riesin stülpt sich ihren feuerzylinder ihren rauchzylinder aufs haupt verbeugt sich und spricht fröhlich fröhlich fröhlich / also wird der erdball durchsichtig und wie in einem fischglase schweben die magistri horti deliciarum darin / die welttore schlagen auf und zu die wachspuppezeit zerfließt unaufhörlich das übernichts das wohllautei beschießt.

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Er las vor, wie man nach Laudas Gefühl vorlesen sollte, monoton, ohne Akzente von Erfassung oder Verarbeitung, nur das Material liefernd, nicht das Werteverhältnis, das dem Zuhörer überlassen blieb -- nichts war so fern von der Konfektionstätigkeit des Schauspielers, der fix und fertig den Complet liefert, wie man in der Schneiderbranche sagte. Diese Einförmigkeit entsprach auch der Grundstimmung den Erscheinungen der Welt gegenüber: sie waren Erscheinungen, nicht mehr, rollend aus dem Ärmel das Magiers mit dem Zauberhut, stürzend in den Wasserfall der Zeit, drängend einander auf den Fersen, Foetuszug, keiner dem andern die Zeitspanne gönnend.

Nüssli war der einzige, der den Unterschied nicht merkte, wie beim Manifest zu jodeln versucht war; in den andren haftete wohl das eine oder das andre Bild aus phantastischer Verschlingung von Milchstraße und Baum, aber sie waren befremdet und fragten, welchen Wert solche Kunst habe für Denken und innre Not.

»Es sind Märchen,« sagte d'Arigo, »aber schwaches Fundament für Revolutionierung der Kunst, und selbst die Phantasterei verliert sich fortschreitend in bloßen Worteinfällen ohne Beziehung.«

»Ganz recht,« antwortete Lisbao, »Beziehungslosigkeit ist eine unsrer Fordrungen. Die Bilder, die mein Freund malt, denn er ist Maler, beziehn sich nicht mehr auf das, was abzumalen überflüssig ist, weil es ja schon existiert. Hängen Sie seine Bilder an die Wand, suchen Sie umsonst Kuh und Nymphe darauf. Halten Sie sich für bedeutender, ernster, weil Sie von dreißig bis siebzig unermüdlich Spargel und Mädchen malen? Ist das eine männlichere Beschäftigung? Spargel und Mädchen haben einen ganz andren Zweck, als in Ihrem Öl aufzuerstehn -- gegessen und beschlafen zu werden. Welch eine Existanz führen Sie denn inmitten arbeitender Bürgerlichkeit? Wäre der Bürger nicht ein so feiger Dummkopf, dann würde er ehrlich sagen, was er von Ihrer Lebensweise hält: daß Künstler Tagediebe sind, vorredend, die Ölspargel seien so wichtig wie die echten und deshalb sei es nötig, Akademien zu unterhalten. Die Gesichte meines Freunds wollen wenigstens nichts sein als Spiel, ihm so ernst wie Ihnen der Pan im Garten, aber eben auf ihre Philosophie betrachtet Spiel, anmaßungslos, ohne das bedeutsame Mundzusammenkneifen.«

»Wo lebt er, wie?« fragte Lauda.

»In Zürich, so reinlich, daß es im Zeitalter von Büro Bank Börse unwahrscheinlich ist, er hat keinem Kritiker einen Besuch gemacht, diniert nicht mit Sammlern, Einladung mit Schmeichelei abzahlend, liest Laotse und Jakob Böhme, hat Hände und Füße wie eine Frau, sein Organismus ist so unbrutal, daß er Ausschlag bekommt, wenn er Fleisch ißt.« Zu d'Arigo gewandt: »Was ahnen Sie, was wissen Sie? Nichts, nicht einmal wie eingesponnen Sie in die kapitalistische Lüge der Kunst sind. Wenn ein Konsumverein Ihnen den Auftrag gibt, auf sein Verwaltungsgebäude die Symbole von Arbeit Handel Friede zu stellen, meißeln Sie Mann mit dem Hammer, Magd mit dem Rocken und als drittes wieder Mann oder Weib mit irgendeinem Spießeremblem -- er täte es nicht, das ist der Unterschied. Und wenn der Kommerzienrat sich anmeldet, lassen wir nicht das Atelier aufwaschen, darum liefern wir ihm auch nicht Nymphen unter die Zimmerlinde zu stellen.«

D'Arigo maß ihn kalt, sagte: »Daran erlaube ich mir zu zweifeln. Mag sein, daß Ihr ein paar Jahre weder vom Konsumverein noch vom Kommerzienrat Bestellung erhaltet. Kommt sie aber, dann werdet Ihr verlogen, wie Ihr im Innersten seid, denn Ihr beeilt Euch zu liefern, was man verlangt. Darin sind wir ehrlicher, denen der Bürger die Akademie bezahlt.«

Er ließ ihn stehn und ging zu den Männern, die von dem sprachen, was sie interessierte. Lisbao blieb allein, sein Vortrag hatte keinen veranlaßt, ihn einzuladen. Da sah Lauda, der bei Hannah stand, daß Fräulein Betz zu Lisbao ging, ihm Gesellschaft zu leisten. Hübsch von ihr, er trat selbst hinzu, neugierig zu hören, was sie sagte:

»Wenn ich Sie recht verstanden habe, leugnen Sie, daß ein Künstler sich mit irgendwelchen Dingen abgeben soll, die den Mensch beschäftigen, Problemen, Konflikten?«

»Durchaus, ich lehne ab Theater Museen Konzerte.«

»Und lesen nicht, was vor Ihnen Geister gedacht und gestaltet haben?«

»Nein, es ist sich jeder selbst genug, die Geister vor mir interessieren mich nicht.«

»Selbst angenommen, Sie wären so reich, daß Sie sich selbst genügen können, glauben Sie nicht, daß Sie durch solches Prinzip zu einem Hochmut kämen, der Dürre würde? Sie hören nicht Musik, lesen nicht Bücher -- wie bequem Sie sich die Verwerfung der andren machen. Oder: wenn Sie die Beschäftigung mit Fragen, die uns alle angehn, ablehnen, warum lassen Sie nicht den andren das Recht, sich mit ihnen zu beschäftigen? Sie sind ja genau dem verfallen, was Sie bekämpfen, dem Schulmeistern, dem Moralisieren, denn Sie wollen die Menschen dazu zwingen, die Welt mit Ihren Augen zu sehn. Proklamation des Egoismus erschiene mir nur in einem Fall zulänglich: wenn man schwiege und kein Manifest verfaßte. Manifeste sind Symptome des Pädagogischen. Sie wenden sich damit an Gleichgesinnte? Also wollen Sie eine neue Schule gründen, also sind Sie wie alle. Und drittens: wenn Sie den Menschen Theater Bücher Museen nehmen, was geben Sie ihnen dann? In welche Verdummung stürzte die Welt, wenn man jedem einredete, er brauche nichts mehr zu lernen. Sie schütten ihnen ja alle Quellen zu, Kunst ist nicht nur eine absolute Angelegenheit, sondern auch eine soziale in dem Sinn, daß sie die Menschen vor der Langeweile schützt. Ich sehe lauter Widersprüche in Ihnen.«

»Der größte ist,« sagte Lauda, »daß die Theorie des Ungegenständlichen nur relativ standhält. Denn nicht nur Kuh Spargel Nymphe sind gegenständlich, auch die mathematischen und statischen Gesetze, deren direkte Darstellung Sie versuchen, sind es; sie sind Realität im philosophischen Sinn. Kunst, überhaupt alles, was aus dem innren Kosmos kommt, ist Nachahmung bestehender Zustände. Man kann wohl variieren, aber nicht neu erfinden. Man kann Menschen mit Fischschwänzen, Pferdeleibern und Flügeln erfinden, aber nichts Neues schaffen, das Groteske ist eine Variation des Seienden, nicht mehr.

In den Gedichten Ihres Freunds ist eine außerordentliche Phantasie: >unaufhörlich rollen den Vögeln die Eier aus den kleinen Herzen, ihr Scheitel trägt den Himmelsmast, ihre Sohlen stehn auf schreitenden Flammen, senkt sich das Himmelsrad, so treten ihre Hufe auf schwarze Körner.< Das sind freie Assoziationen über der Realität, aber die Elemente sind aus der Realität genommen; es sind Kombinationen, bei denen die Kausalität zärtlich ironisiert wird -- bei andren wird sie vielleicht herausfordernd ironisiert. Ich vermute, daß Sie trotz Ihres Hasses auf überlieferte Kunst den ganzen unausgesprochnen Hochmut des Künstlers haben, schöpferischer als der Bürger zu sein, Absolutes zu fühlen -- ich habe ihn nicht mehr, die Kunst legt sich in den Weg, wenn wir das Absolute suchen, ich bin entschloßnerer Empörer als Sie. Sie lassen Rimbaud gelten, rechnen ihn wohl mit Picasso zu ihren Vätern -- Rimbaud ging, nachdem er Paris mit dem Ruhm seiner zwanzig Jahre gefüllt hatte, zu den Barbaren, fortan ein Anonymer; das war Tat, so fern den Manifesten. Ich würde Sie ganz verstehn, wenn Sie auch die Kunst auf die Liste setzten, über der steht Mes Haines.«

* * * * *

»Europa ist dekadent,« sagte Shiller, »wenn es Erscheinungen wie diesen kleinen Portugiesen hervorbringen kann.«

Lauda hatte ihn beim Croquet beobachtet. Es gab in Hannahs Haus nichts dergleichen, keinen Spielplatz, keine Stöcke, keine Kugeln; Shiller hatte den Platz eingerichtet, Material in Interlaken telephonisch bestellt, danach zog er Fräulein Betz, Doktor Nüßli und Fünfkorn zu Partnern, nicht unlebhaft, aber zäh. Dem kindlichen Spiel oblag er mit einer Ausdauer, die wie Hypnose war, Hypnose des Willens, der ein Ziel sieht, es erreichen wird. So einfach wie die Spielregeln war Bild der Welt in ihm. Die Wahrheit hieß Demokratie, der Friedensstörer und Bedroher der Völker Preußen; die amerikanische Demokratie, ausgebildetste von allen, nahm den Kampf auf, würde ihn bis zum Sieg durchführen. Daß er Sozialist war, wurde für die Zeit dieser Aufgabe nebensächlich, zuerst galt es, die Demokratie in allen Ländern einzuführen.

Er war Sohn eines Achtundvierzigers, sprach Deutsch, war nach Europa gekommen, um die Opposition der deutschen Demokraten gegen das kaiserliche System zu organisieren. Sein Lieblingsdichter war der, dessen Namen er führte, ohne mit ihm verwandt zu sein, Schiller; bei Schiller war die Begeistrung für redliche Ideale, das Temperament des Redners, der große Massen führt, die Dreieinigkeit des Guten Schönen Wahren. Lauda erinnerte sich der Amerikaner, die er in Brüssel gesehn hatte; dieser gab ihm dieselbe Empfindung der großen Menschenmaschine jenseits des Ozeans, die gleichförmige Hirne in Millionen Exemplaren hervorbrachte -- Banalität und prachtvolle Jugendlichkeit, zähe Frische, die die Welt nach ihrer Absicht formen wird.

Aber er konnte nicht mit Shiller sprechen. Klang das, was er sagte, nach dem Sinn des Amerikaners, war er sein Mann, Übereinstimmung der Ansichten auf der ganzen Linie; paßte es nicht in die Idee Shillers, hatte er einen Gang zu bestehn, in dem jener heiß und unbefangen mit den größten Gemeinplätzen argumentierte, wahre Boxerschläge austeilte. Sie sprachen vom preußischen System. Lauda, fern jeder Billigung, suchte klarzumachen, daß es eben ein System war, als solches geschlossen, klar, bewundrungswürdig durchdacht. Solche geistige Betrachtung eines Augenblicks war Shiller unverständlich, er wollte widerlegen, was nicht widerlegt zu werden brauchte, sprach Leitartikel.

Hinter ihm stand Geldkraft, er kam mit Vollmachten. Sein Plan war, eine deutsche Zeitung zu gründen, die Gefangnen in den Lagern mit diesem Blatt von ihrer Blindheit zu befrein. Herausgeber sollte Fünfkorn sein. Es kamen die ersten Korrekturen, Lauda las den Eröffnungsartikel Fünfkorns. Er war logisch und es war erlaubt, daß jemand, der aus Überzeugung glaubte, daß Deutschland die Schuld am Krieg allein trug und die Entente, selbst zugegeben, daß auch sie vom Imperialismus herkam, die Sache des Rechts vertrat -- es war logisch, daß dieser Deutsche soweit ging, mit der Entente in einer und derselben geistigen Front zu kämpfen; aber es widerstrebte zu hören, daß er sich das Geld zu diesem Kampf von ihr geben ließ, von ihr Unterhalt bezog.

Diese Auffassung vertrat auch, mit aller Deutlichkeit, Graumann. Spieß ließ sich den Bundesgenossen gefallen, Mitrofan und Nüßli zuckten die Achsel über das bürgerliche Unternehmen. Fünfkorn hatte sich nicht auf das Studium der verschiednen Weißbücher beschränkt, er hatte auch gelesen, was in den Pariser Blättern über den deutschen Geist gesagt wurde, daraus nach dem Gesetz des Gegensatzes die französische Auffassung von Zivilisation kennengelernt.

Das Ergebnis war ein Versuch, das Gedankengebäude der deutschen Geistigkeit zu konstruieren, wie es seit der Reformation über Hegel bis zu Marx und Lassalle errichtet worden war. Die Reformation war der Abfall vom Prinzip der selbstgewählten Bindung des Menschen durch eine überreale Idee, sie war, im Keim, die Proklamierung der Souveränität des Denkens. An Stelle Gottes war der Begriff des Staats getreten, der profanen Bindung, die Freiheit war also illusorisch, die irdische Autorität schlug den Freigelaßnen in neue, härtre Bande -- Geburt der deutschen Subalternität. Hegel erklärte sie als Geist der Weltgeschichte, Marx und Lassalle waren nicht minder protestantisch, bereiteten das Bündnis von 1914, zwischen dem Sozialismus, autoritärem Mikrokosmus im preußischen Makrokosmus, und dem Militarismus vor.

Ernsthafte These, aber sie schwenkte ab zu dem, woran Fünfkorn gelegen war, der Empfehlung des französischen Systems als der einzig möglichen Methode, Gesellschaft aufzubaun. Für den denkenden Geist war das deutsche System ein Versuch der Lösung, das französische ein andrer, wie Hellas, die mittelalterliche Kirche Lösungsversuche gewesen waren. Die Grundidee eines Systems bedingte seine Größe und seine Beschränktheit. Man durfte innerhalb des praktischen Daseins von einem System sagen, es führe zu Konsequenzen, die unerträglich waren; man durfte nicht im absoluten Sinn, wie Fünfkorn tat, von ihm sagen, es beruhe seit nun vier Jahrhunderten auf Betrug, Lüge, List. Die Geschichte eines Volks war nie Betrug, sie war Schicksal.

Die Unfähigkeit, diese zwei Betrachtungsweisen der praktischen Wertung und der ideellen Anschauung auseinanderzuhalten, die Kleinlichkeit der Beweisführung, die nicht verschmähte, aus Boulevardblättern das Argument zu übernehmen, Goethe habe im Faust das Recht des sinnlichen Genusses gepriesen (Beweis für die Minderwertigkeit der deutschen Seele), die Empfehlung französischer Geister dritten Rangs, die als Ersatz für Kant und Hegel genannt wurden, verstärkte Laudas Abneigung, in Fünfkorn den geeigneten Führer anzuerkennen.

Graumann zog Lauda in die Whiskyecke und bot ihm eine Importe an, Zeichen, daß er sich etwas vom Herzen reden wollte.

»Sehn Sie,« sagte er, »es ist bedauerlich, daß wir nicht die Kraft haben, unsrer Regierung den Krieg ohne fremde Subsidien zu erklären. Die Schwierigkeit liegt weniger auf finanziellem Gebiet -- ich ließe mit mir reden -- als auf geistigem, oder soll ich sagen moralischem. Ich lebe nun sein Jahren unter den Intellektuellen, komme aber selbst aus ganz andren Schichten, war Kaufmann, machte Geld -- Geld gemacht, suchte ich es vernünftig anzuwenden, für mich und andre. Man war bereit, mir dabei zu helfen, gab mir die Rolle des Mäzen. Ich ließ es mir gefallen und suchte inzwischen den, der, mit schriftlichem oder gesprochnem Wort begabt, das ausführen konnte, was ich meine. In allen diesen Jahren wurde ich mit einigen Dutzend Künstlern und Literaten bekannt, es waren nicht alle Schwätzer, aber keiner so überlegen, daß man empfand: diesem ist Gabe des Geists ein anvertrautes Gut, für andre zu handeln -- es war ihnen allen ein persönliches Gut, Ehrgeiz zu befriedigen.

Da ist dieser Fünfkorn. Er legte seine Militärbehörde ordentlich hinein, guter Anfang, werbende Handlung -- warum zum Teufel läßt er sich nun von den Fremden, die ihre eignen Zwecke verfolgen, die Mittel geben? Warum wandte er sich nicht an mich, den Deutschen? Sie werden sagen, ich hätte vielleicht nicht genug durchblicken lassen, daß ich bereit sei. Aber eben das, dieser Mangel an Instinkt oder an Mut verrät seine Beschränkung. Nun geht er hin und verpfuscht eine schöne Sache. Die Geistigen kommen mir wie Gäule vor, die darauf brennen, Galopp zu laufen, aber sie haben Scheuklappen an den Augen. Ich lerne allmählich skeptisch denken vom Zustand der Geistigkeit. Da ist der kleine Lisbao: schöner Haß gegen bürgerliche Bequemlichkeit, aber können Sie daraus irgendeinen Hebel machen, die Verhältnisse aus den Angeln zu heben? Es ist alles bei ihm Nein, müßte er dieses Nein in Energie verwandeln, die man dem Ja zuführen kann, würde er jämmerlich versagen.

Ein tüchtiger Mensch ist Madeleine Betz, aber Frau, ungeeignet zur Führung von Männern. Spieß hat sich der Wirkung auf Deutsche begeben, bleibt hübsch innerhalb der französischen Partei, denkt an die Nachfolge von Jaurès. Mitrofan wälzt in seinem Kopf die europäischsten Gedanken, aber er schenkt sich die Mühe, die Zukunft aus den gegebnen Verhältnissen zu entwickeln. Bleibt Schreiner. Ich bin indiskret, wenn ich verrate, daß er sich seit Jahren von mir nährt, er kommt von Zeit zu Zeit, sagt: der Kapitalismus ist hündisch, enteignet ihn -- und enteignet mich um zehntausend Mark oder Franken, je nach dem Land, in dem wir weilen. Der eine, der sagte: ich muß monatlich dreihundert Franken haben, Minimum des Lebens, alle andre Kraft und alles andre Geld sollen der Idee zugute kommen, auf den warte ich vergeblich.

Resultat: ich langweile mich und gerate in Gefahr, meine Bereitwilligkeit zu verlieren. Der dicke Graumann mit dem Spruch leben und leben lassen ist auf dem Weg, eine tragische Figur zu werden. Hätten Sie nicht Lust, dieselbe Sache in die Hand zu nehmen, die Fünfkorn nun verdirbt? Sie gefallen mir. Man muß, wenn man gegen die andren denkt, erst aus ihnen heraus denken können; man muß sie nicht niederknüppeln, sondern zum Leben zwingen. Überlegen Sie es; wenn Sie mir etwas vorschlagen, sage ich nicht nein.«

»Wie könnte ich Fünfkorns Rolle übernehmen?« antwortete Lauda, »es wäre nicht weniger unanständig. Ich war gestern noch in einem deutschen Büro, bin nur beurlaubt. Griffe ich sie an, würden sie sagen, ich sei gekauft. Erst muß ich mich lösen, dann in das Neue hineinwachsen.«

»All right, so ist es richtig,« sagte Graumann, »besuchen Sie mich in Zürich, Frau Hannah ist kein Hindernis, außerdem reist sie ab.«