Nein und Ja: Roman

Part 5

Chapter 53,440 wordsPublic domain

Was Sie Diktatur zugunsten einer Idee nennen, ist der diktatorische Wille schlechthin, Sie richten nicht auf das neue Reich, sondern variieren nur das alte, in dem es Herrn und Sklaven gibt. Was Sie Paradoxie nannten und worin Sie eine eminente Überlegenheit sehn, ist nur die Volte, die Sie schlagen, um Ihr Spiel nicht aufzudecken, vor andren und vor sich. Menschen glauben so überlegen zu sein, daß sie den Punkt bestimmen können, wo eine Idee verabschiedet wird, in Ihrem Fall die Idee der zum letztenmal angewandten Gewalt -- die Idee wird Ihnen über den Kopf wachsen, Sie immer weiter treiben, und am Ende werden Sie so blutbefleckt dastehn wie ein preußischer General, der in einem Dorf zweihundert Menschen niederschießen ließ. In Ihnen werden die Iwane Ihrer Geschichte wiedergeboren werden.«

* * * * *

Zum Berg steigend sah Lauda Fräulein Betz auf einer Bank, beobachtete, wie sie ein Buch öffnete, wieder sinken ließ.

»Ich kann nicht mehr lesen,« sagte sie, »alles ist Lüge oder alles gemacht. Wer garantiert, daß in diesem zarten Dichter, den ich in der Hand halte, nicht wie in Mitrofan die Bestie erwacht, deren Triebe um so grausamer werden, desto geistiger die Form ist, in der sie auferstehn?«

Lauda gestand sich, daß sie zu den Frauen gehörte, die er unter gewöhnlichen Umständen nicht aufgesucht hätte. Physischer Charme der Frau fehlte ihr, es blieb nur übrig, den geistigen zu suchen. Daß nur Zufall dazu bewog, empfand er als Ungerechtigkeit, die sie gewohnt sein und dank ihrer Intelligenz festgestellt haben mußte. Er erriet Bitterkeit in ihrem Urteil über Leute, von denen sie sprachen; Bitterkeit wurde nicht selten zu kleiner Gehässigkeit, die ihr Genugtuung verschaffte -- es war nebensächlich, er war sich unklar, welcher Grad von Energie dazu gehörte, so einsam zu sein, auf Herzensbeziehung zu verzichten, sie bei andren Frauen zu beobachten, Altjüngferlichkeit entgegenzusehn. Hinter solcher Energie stand wohl viel Güte, Glaube an Vermenschlichung, der nun durch den Krieg auf härteste Probe gestellt wurde. Er erinnerte sich, Artikel von ihr gelesen zu haben, Melancholie und Zähigkeit seltsam vermischt, geheime Ermahnungen an sich selbst, nicht verbittert zu werden.

Es war nicht leicht, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie mochte mit differenzierten und mißtrauischen Nerven empfinden, daß Mann, der nicht ganz vom Reiz des Geschlechts absehn konnte, falsch vor ihr war, sein Interesse das einer Stunde.

»Die Welt ist vom Mann gemacht,« sagte sie, »kein Vorwurf feministischer Art, Vorwurf erst, wenn er die Wahrheit leugnet. Männlicher Geist ist dem Götzen Tat untertan, er will durch Handlung und Umwandlung der Zustände reformieren. Nutzloses Beginnen, Umweg bloß, die Ändrung ist nur durch Umwandlung des Herzens möglich. Hängt das Glück der Menschheit vom Triumph des Sozialismus ab? Ich komme Ihrem Einwand zuvor und frage mich selbst, hängt es vom Pazifismus ab? Nicht vom äußren der Verabredung, nur von der innren Vorbereitung und Bereitwilligkeit, deren Symbol danach die Tat ist, nicht mehr. Sind Männer, männliche Männer, zu solcher Geistigkeit fähig? Ist Geist Wirkung des weiblichen Teils im Menschen? Wer sieht klar? Wir wissen nichts von den Mischungsverhältnissen in uns. Ist es überhaupt erlaubt, von einem weiblichen und männlichen Prinzip zu sprechen?«

»Gewiß nicht, es wäre ein Dualismus, der zwei absolute Regulative annimmt, eins ist schon zweifelhaft.«

Weitergeführtes Gespräch enthüllte das, was man die Stimmung nennen konnte, die diese Frau von sich selbst hatte. Sie stand in der internationalen Frauenbewegung, referierte, saß vor, schrieb, gehörte zur führenden Schar. Für ihre angelsächsischen Kolleginnen lag das Problem einfach, war praktischer Art: die Frau wurde von der Gleichberechtigung künstlich ferngehalten, es galt sie zu erzwingen, Zweifel über eine geistige Verschiedenheit der Geschlechter fochten nicht an. Die Kontinentale, Mitteleuropäerin, fühlte anders. Die Verschiedenheit war da, es war nicht nur Zufall oder Böswilligkeit, daß der Mann die Geschichte gemacht hatte. Sie gab es zu, aber was besagte es? Nichts. Sie war überzeugt, daß der Mann, der der eigentliche Schöpfer war, dieses Schöpferische von den Müttern erhielt, den Trägern des namenlosen und wesentlichen Funkens; nicht die Energie war geistig, sondern die Erregbarkeit, die Fähigkeit, beunruhigt zu werden, weiterzudenken, Sehnsucht zu haben, Phantasie und Vorstellungskraft im weitesten Sinn.

Die Frau war der stille Triumphator der Welt, nicht anerkannt, anonymer Mächtiger, Salz des Bluts. Es aussprechen, unendlich schwer, weil Aussprechen die Einheit zerstörte, mit dem Gegensatz arbeitete, denn Aussprechen hieß auch: angreifen, einen Gegner erfinden. Nah lag, solches Wissen um das Wesen der Frau wie ein schönes, tiefes Geheimnis zu hüten, aber das Leben zwang, aus der Anschauung in die Arena der Fordrung zu treten. Widerstreben in Madeleine, manchmal Müdigkeit angesichts der Worte und Proklamationen, und Einsamkeit in der, die kompliziert fühlte, vereinfacht handeln sollte.

»Die Liebesbereitschaft,« dachte Lauda, »spricht so in ihr, sie möchte selbst Mutter sein, den Funken weiter geben. Es bleibt ihr versagt, weil -- ihrem Arm und Busen ein paar Rundungen fehlen.«

Aber wenn man sich ganz in einen Mensch versenkte, stieß man immer auf den einen Grundkonflikt: Verhältnis von Tat und Beharren, Handeln und Sein; dieses Verhältnis war kein andres, als das primäre von Erzeugen und Erzeugtwordensein; das Erzeugte verlangte, etwas für sich zu werden, dem Prinzip, durch das es Leben erlangt hatte, Widerstand zu leisten, aus dem Kreislauf auszuscheiden.

Was wir Güte nannten, war die Anerkennung des Rechts auf eigne Existenz, von einem Lebewesen ausgesprochen, das doch keinen Einfluß auf die Tatsache seiner Existenz hatte. Wer Güte sagte, ging von der vollzognen Existenz aus; wer Energie sagte, von der noch nicht vollzognen.

Wer wie Mitrofan Energie, Rücksichtslosigkeit, Diktatur, Machtwille sagte, ging von der Tatsache des Urwillens aus, der Existenz erst schafft; darum war in ihm die Grausamkeit und Mißachtung der Einzelexistenz, dieses bereits selbständig Gewordnen.

Was war eine Lehre, die über die Einzelexistenz hinwegging, andres als ein Einbruch des Elementaren in das Geordnete: Ruhe einer Generation, Wunsch einer Generation, ihr kurzes Leben nicht selbst zu zerstören, wurde für nichts erachtet und die Natur, allerdings nur eine der Natur untergeschobne Absicht, künftiges Glück genannt, über den Augenblick gesetzt. Der letzte, äußerste Glaube dieser russischen Diktatoren mußte sein, sie seien Träger der Natur, Bevollmächtigte mit der Verfügung über Leben und Tod -- Cäsarenstimmung, alle Mittel erlaubt um des höhren Zwecks willen.

Verborgenster Gedanke, von Lauda längst gesucht, begann sich zu enthüllen: das Leben, dort betrachtet, wo es in die Erscheinung schoß, verurteilte sich zu einem unlösbaren Konflikt: um sich zu manifestieren, brachte es Existenzen hervor, die ihm also nur Vorwand, Kristallisationspunkt, waren; die Existenzen wurden selbständig, waren da, traten in Gegensatz zu ihrem Erzeuger, dem nur an unaufhörlichen Weitermanifestationen gelegen war.

Banal ausgedrückt trat die Unvereinbarkeit von Tod und Leben ein, philosophisch ausgedrückt der Gegensatz von Monismus und Dualismus -- dieser von jenem erzeugt. Wo ein unversöhnlicher Gegensatz war, war Leid, das Leben war Leid, Leid philosophisch erwiesen; die Paradoxie der Existenz ward sichtbar, was man auch so ausdrücken konnte, daß der »Wille« sich selbst aus der Hand gab; die Tat war etwas andres als der Drang zu ihr.

Abends, allein, kam er auf die Auffassung zurück, die Fräulein Betz von der Frau und der Mutter hatte. Geistigkeit als femininer Zustand, das erinnerte ihn an Gedanken, die gelegentlich in ihm aufgetaucht waren. Aber Geist war auch nichts als verwandelte Energie, also das männlichste aller Phänomene. Dies wies darauf hin, daß die Unterschiede der Geschlechter nicht primärer Natur sein konnten. Zwei Gegensätze lösten sich auf, wenn man sie als Differenzierung eines dritten ansah, das besser das Erste, vor der Spaltung Gelegne genannt wurde.

Ging man davon aus, daß die Welt nur ein Ding im Fluß war, dann verschwand der letzte Rest jener Theologie, die zwei Extreme als feste Pole ansah -- es gab nur Bewegung nach den Polen hin, nicht die Pole selbst, wie es nicht Seele, sondern nur Seelenhaftes gab.

Die Pole waren höchstens sekundärer, geschichtlicher Natur. Männlich und weiblich konnten nur Aggregatzustände sein, wie Wasser, Dampf, Eis Variationen waren, unterschiedlich nur an Dichtigkeit. Erhob sich die heikle Frage, ob Weiblichkeit der flüssigere oder komprimiertere Zustand war. Ohne Zweifel der undichtere, das paßte zu Laudas eigner Definition, daß Geist das Symptom einer Beunruhigung, das heißt einer Mutation zwischen zwei vorläufig definitiven Lagrungen war.

Soweit schien diese Frage gelöst. Wenn er nun daran dachte, wie er Mitrofan ideell, als energetisches Phänomen sah, wie ihm die männliche Energie in diesem Phänomen gerade Zerstörung des komprimierten Aggregatzustands war, dann schien sich Ja in Nein zu verwandeln, und die Tatsache, daß Frauen, noch eben Trägerinnen des Geistigen und Undefinitiven, konservativer, beharrender waren, verwickelte das Problem noch mehr.

Der Widerspruch war nur scheinbar, bot nur Schwierigkeit, wenn man dualistisch Weiblich und Männlich als getrennte Elemente behandelte. Man mußte den Begriff der Tat untersuchen, die Madeleine Betz dem Mann zuschrieb. Tat entsprang dem rasenden Trichter der Energie, ihr Ziel war, einen Zustand zu schaffen, das heißt ein Definitivum, die Ruhe; die Tat, das Geschaffne, suchte zu beharren, aber die nicht abstellbare Energie, dieser Taumel und Trieb zur ewigen Variation ihrer selbst, zersetzte das Produkt der ersten Tat, drängte zu neuen Lagrungen mit neuer Achse der Rotation. Die Überwindung der Trägheit verlangte eine äußerste Anstrengung der Energie, diese Anstrengung war genau so groß wie die Urenergie; nannte man die Fähigkeit zum Maximum dieser Energie männlich, so war verständlich, daß ein Mann mit derselben Kraft die erste Tat zersetzte, mit der er sie geschaffen hatte. Der undichtere Aggregatzustand des weiblichen Organismus erklärte dann sowohl dessen undefinitivre Lagrung, aus der das Unruhephänomen Geist geboren wurde, als seine größre Trägheit, wenn es galt, sich in Bewegung zu setzen.

Zunächst war der Mann beharrender, weil er komprimierter war (Energieleistung), dann wurde er Zerstörer (ebenfalls Energieleistung); zunächst war die Frau fluktuierender (geringre Energie), dann wurde sie konservativer (schwerere Trägheitsüberwindung).

Der erste Schritt zur innren Mathematik, zur dynamischen Geographie war getan, die Stadt des Hirns, schon längst Kosmos des Hirns geworden, begann ihre Pforten zu öffnen, hinter denen die Metaphysik lag, so nah.

* * * * *

D'Arigo hielt sich ein wenig fern; er lag den ganzen Tag mit Lilian auf dem See. Lilian war es, die zuerst entdeckte, was Lauda so stark empfunden hatte, daß d'Arigo ihm wie Bruder sei. Sie nahm an, Verwandtschaft des Äußren lasse auch Verwandtschaft der Ansichten vermuten, bemühte sich, sie zusammenzubringen, liebte es, beide nebeneinander sich gegenübersitzen zu sehn, zog Lauda in den Umkreis des auf den Freund gerichteten Lächelns ein, eines erstaunten, knabenhaften Lächelns, in dem immer Erwartung irgendeiner unerwarteten Handlung war -- sie wußte wohl allein nicht viel mit ihrer Zeit anzufangen, brauchte Gesellschaft andrer dazu, den Ablauf von Spaziergang Rudern Teestunde Flirt; rätselhaft für Lauda die Nötigung zum Hochschulbesuch -- Geheimnis der amerikanischen Seele. Reizend ihr Tailormade über den gotischen Hüften, leises Pariser Parfum darin, und siehe, die schmalen Puritanerlippen kannten den Rotstift.

D'Arigo war in Madrid aufgewachsen. Die Stadt: katholische Vergangenheit, die Schule: englisches Internat, das Haus: kosmopolitische Modernität -- Gang durch sie drei wie Gang durch drei verschiedne von Dingen geworfne Schatten. Der Vater Spanier aus Ehe mit einer Norwegerin, die Mutter Deutsche. Die Elemente einer Seele schienen offen zu liegen, Verführung zu Konstruktion: Gestalt und Blondheit von der nordischen Großmutter oder der deutschen; Künstlertum im Sinn der Velasquez Greco Loyola vom Vater, die formale Energie darin durch englische Willenserziehung gestärkt bis zum Starrsinn: der Bildhauer erklärte sich und Gentleman mit Training.

Jugend zwischen zwanzig und dreißig ward in Paris und England verbracht, wo, in Salon und Landgut, gleiche Resultanten aus großer Vergangenheit und nervenbestimmender Schulung lebten, die Europäer, die Späten. Er trieb Sport, jeden denkbaren, empfand dabei Geistiges, Konzentration und Willen zur Bändigung. Ging von der Jacht zu Picasso ins Atelier, der gerade von seinen wunderbar gekonnten und aus Überlegenheit leidenschaftslosen Figuren den Vorstoß in die neue Welt des abstrakten Dahinter unternahm -- keine Figur mehr, keine Landschaft, nichts vom Mensch, nur wunderbar gekonnte Statik aus Gerade, Tangente, Kreisabschnitt; Realität durch drei Spiegel gesehn, durch zehn gebrochen, mathematische Vegetation, aus Überlegenheit leidenschaftslos bis zur Zärtlichkeit.

Hier erhob sich erstmalig in d'Arigo die Stimme des Anteils deutschen Bluts; solche Vortreibung der Kunst in Sphären, die jenseits des Seelischen lagen -- wenn man Seele die Sphäre nannte, woraus das Geschöpf Nahrung für seine Individualität, Trost, Erschüttrung, Rührung, Sehnsucht bezog -- solche Neuerung war für germanisches Gefühl Überzüchtung, Artistentum, äußerster Gegensatz zu Rembrandts Menschlichkeit.

Der Lateiner in ihm widersprach, vermochte willig mitzugehn, empfand stolz die größre Geistigkeit, die späte Reife dieser Kunst, die nicht religiöse Kommunion mit dem All, sondern Florettstoß in das Herz des Erschaffnen war. Er schloß sich in seinem eignen Atelier ein, formte die Statue eines Gladiators, in dem nichts mehr vom anatomischen Muskelspiel des Modells war, nur vier in die Luft gestoßne Stümpfe, Muskellianen, in der Mitte ineinandergedreht um die Mutterfalte des Nabels; Mannequinkopf, Holzspeck des Nackens.

Ausstellung ergab die Paradoxie, daß dieselbe Gesellschaft, deren Verfeinerung Voraussetzung solcher nicht mehr realen Kunst war, hilflos nur den Maßstab der Salonkunst hatte, und ein Deutscher, in dessen Blut keine Tradition zu Greco führte, die Statue kaufte, den Künstler einlud, Aufträge gab. Als d'Arigo in Deutschland war, kam der Krieg. Ihm blieb der Sturm des Enthusiasmus fremd, aber es wuchs wie in einem versetzten Strauch ein Trieb nach; er empfand es als zweite Jugend, Bereichrung. Er begann Musik zu lieben; er, Anbeter des Sichtbaren, Künstler durchs Auge, stieß in den deutschen Kontinent vor, ward verwirrt, ging in die Schweiz, Klärung zu suchen -- die deutsche Lockung blieb stärker. Er kehrte zur Gestaltung des weiblichen Körpers zurück und suchte wie alle, die Gegensätzliches in sich tragen, Ausgleich, indem er die Form, mit romanischster Männerhand herausgearbeitete, durch deutsche Musikalität beseelte.

D'Arigo betrachtend, während er von sich erzählte, empfand Lauda die Stockung, mit der es geschah, wohl als herrischste Straffheit, Willen zur Form, und empfing doch noch unbestimmten Eindruck einer der Produktion gefährlichen Verbissenheit, Ausgleich erzwingen zu wollen, etwa als überließe d'Arigo sich nicht fessellos genug dem deutschen Gefühl, führe zu früh die Bändigung ein.

Und die Zurückhaltung, mit der jener von der zärtlichen Keuschheit sprach, die er nun seinen Frauen zu geben versuchte, schien Lauda selbst Keuschheit zu sein, neue, unvereinbar mit diesem antiken Kameenkopf und den Liebeserfahrungen der Pariser Gesellschaft. Wie, wenn die deutsche Bereichrung nur eine Rückbildung war, zersetzend frühere Klarheit? Er wußte es nicht, hatte nur den Eindruck der Möglichkeit. Was hatte d'Arigo zu Lilian geführt, die neue Lockung oder die alte? Und sie selbst, auch zwischen die Rassen Gestellte, was war sie, Sweegirl, durch Paris Gegangne?

* * * * *

Manchmal begegnete man Lisbao, und das war, als sei man nicht in einem Privathaus, sondern im Hotel; er nickte unmerklich, ging weiter. Er schien flüchtige Bekanntschaften unter den Gästen zu haben, aber nie redete er sie an, sie nur ihn. Kleine, zierliche Gestalt, blasser Teerosenteint unter schwarzen Haaren, die Stimme so leise, daß sie unvernehmlich war, zwanzigjähriges Kind, gestern noch Kind in einem Stift mit mönchischen Brüdern.

»Er sieht aus,« sagte Lauda, »als besinge er den Mond und die verheiratete Geliebte unzugänglich.«

»Sprich mit ihm,« antwortete Hannah mit einem feinen Lächeln, »er liebt zwei Dinge nicht, Politik und Philosophie.«

Lauda tat, wie ihm geheißen war, bat Lisbao, ihm eins seiner Bücher zu leihn. Lisbao hatte kein Buch herausgegeben, kein Verleger war zu finden gewesen. Er veröffentlichte seine Gedichte in italienischen Zeitschriften, war Gast bei Futuristen, obwohl er die Achseln über sie zuckte, sie waren Naturalisten, denn sie stellten Fordrungen auf, mit dem Schmutzigen verbunden, dem Krieg, den sie als befreiende Barbarei priesen, kämpften gegen den Bürger und genossen seinen Zorn, wenn sie ihm vorschlugen, den Schatz der Sentimentalität, die Museen mit Inhalt von Raffael bis Tizian an noch Sentimentalre, die Amerikaner, zu verkaufen. Gegen den Bürger führte man nicht Krieg, der Bürger bestand nicht -- Vakuum, über das man hinwegsah; die Welt der Realität war Vakuum.

Es beschäftigte sich diese Welt mit: Geschichte, Pädagogik, Philosophie, dreimaligen Sisyphuserfindungen, das Nichts der Hirne auszufüllen. Geschichte: man durchwühlte die Vergangenheit, das Gesetz der Kausalität zu finden. Kausalität bewies ihnen, daß ihre Existenz Zweck hatte -- Geburt des Freisinns, der den Enkeln vermitteln will, was Väter erschaffen hatten, Zeugungskette von Wilhelm Tell bis Gottfried Keller. Wilhelm Tell war ihm Guillaume tel et tel, was ging er ihn an. Von allem, was gewesen war, gedacht, geschrieben, übernahm er einen Satz des Descartes: Ich will nicht einmal wissen, ob es Menschen vor mir gegeben hat, der Rest war ihm Papyrus, unverständliche Hieroglyphe, wohltätig tot -- Tod war die einzige Gerechtigkeit, die es gab, das Gesetz, mit dem man sich identifizieren konnte, der große Würger: recht so, drücke mit zwei Knochenfingern die Kehle des Menschen zu, wie der Mensch die eines Vogels, écrasez l'infâme.

Pädagogik: denn Mensch in seiner Feigheit und Armseligkeit verwandelte sein Hirn in ein System von Schubladen, Apotheker des Daseins, der das sinnlos Seiende in sinnvoll Seinsollendes umzuschaffen glaubte, wenn er kann, soll und muß aufklebte. Verwesender Pedant, der durch Erfindung der Ideale Unsterblichkeit zu erlangen meinte, Schulmeister, der sich durch Gase des Gefühls aufblies und doch nur ein Ballon war, mit nichts gefüllt. Kunst die unreine Seßhaftigkeit in den eignen Exkrementen, statt daß er sie über Bord warf, leicht und vegetativ zu sein; Seele, die Selbstzufriedenheit der verseuchten Hure vor dem Spiegel, wenn sie sich schminkt und dreht. Vernahm er die Worte Ideal und Wissenschaft, vernahm er das Bumbum des großen Kalbfells der Jahrmärkte.

Es gab keine andre Kunst als die, die Beschäftigung mit sich selbst war, saubre, reinliche Angelegenheit, die andre nicht bekehren wollte. Es saß im Irrenhaus der Welt jeder in seiner Zelle -- Korridor davor, auf dem man sich begegnen konnte, wenn er zugleich erlaubte, sich zurückzuziehn, und in der Zelle saß jeder, spann aus seinem Nabel. Kunst tat niemand weh, und wer sich damit abzugeben wußte, erfuhr Angenehmes und gute Gelegenheit, das Land der Unterhaltung zu bevölkern. Kunst war Privatangelegenheit, genau wie wenn einer Knöpfe sammelte oder Kaktus mit der Birne pfropfte -- falls es ihm Spaß machte? Aber Kunst der Ausstellungen und Museen, Lehrstühle und Kritiker -- o Freunde. Er löschte aus, was von Praxiteles bis vor Picasso gestaltet war, mit Picasso begann das Neue, darin nicht mehr Belehrung, Moralität, Gottsuchen, Gegenständlichkeit war. Philosophie war Bildungstrieb, Vermehrung der Qualligkeit des Hirns, das tönende Pathos, Sentimentalität, Rührung des armen Teufels über sich selbst.

»Und Sie wollen heute Abend,« fragte Lauda, »Manifest und Verse vorlesen, die diesen Auffassungen entsprechen? Warum tun Sie das? Wenn der Bürger eine schleimige Kröte ist, bösartig, seßhaft in seinen Büros, vom eignen Gift vergiftet, wendet man sich nicht an ihn. Warum tun Sie es also? Denn selbst die hier Anwesenden, die sich für die fortgeschrittensten Europäer halten werden, da sie ja ebenfalls der Bourgeosie Todfeindschaft geschworen haben, sind für Sie nichts andres als Narren ihrer Ernsthaftigkeit, Moralisten und Pädagogen.«

»Um sie herauszufordern,« antwortete Lisbao.

»Das Epatez le bourgeois ist nun ein Jahrhundert alt, die deutschen Romantiker übten es zuerst, die französische Boheme formulierte es.«

»Ein Stachel in ihrem Fleisch zu sein, ihre Sicherheit zu beunruhigen, aus sonst einem Grund, ich weiß es nicht, ich bin nicht Psychoanalytiker.«

Einem bürgerlichen Betrachter standen zur Erklärung eines Phänomens wie dieses Ungegenständlichen verschiedne Schlagworte bereit: Weltschmerz der zwanzig Jahre; Artistentum; geistige Ratlosigkeit gegenüber dem Ansturm des ersten Denkens; Irrsinn.

Weltschmerz war pathetischer Genuß des Leids, das nicht ganz der Überzeugung entsprach -- in Lisbao war offenbar Haß gegen Pathos und eine Stimmung vom letzten her, als sei Seele ein Geschwür, krebshafte Wuchrung in entarteten Organismen. Ob damit ein Gott getroffen werden sollte oder er selbst, blieb unklar.

Die andren Erklärungen waren nicht wesentlicher; Vorwurf des Artistentums traf nicht, denn hier galt nur noch die kleine Sphäre, in der sich ein Individuum einspann, aus seinem Nabel zu spinnen. Warum aber verwarf er nicht auch diese letzte Beschäftigung? Um dem in der Zelle Eingesperrten nicht das letzte Vergnügen zu rauben, oder weil er eben persönlich -- Künstler war? Es wäre ihm nichts übrig geblieben, als sich zu erschießen. Irrsinn, wenn auch nur in der mildren Form der Dämonie? Es gab Kunst, die Stammeln der unter dem Griff Aufstöhnenden war, oder Anklage der Gepeitschten, Flamme, die aus denen schlug, die verbrannten; aber das portugiesische Kind war von einer Ruhe, die eine sinnliche Empfindung gab: Körper wie der eines Pelztiers in Wärme gebettet, ruhig atmend in dieser Wärme. Radikalismus, der sich mit Ruhe verband, war hohe Geistigkeit, ja man konnte Geistigkeit schlechthin so definieren.

Lauda folgte Lisbao auf sein Zimmer, die italienischen Zeitschriften zu sehn. Er fand auch französische, spanische und erfuhr, daß ungegenständliche Kunst sich als eine übernationale Bewegung zu dokumentieren begann, der erweiterten westlichen, lateinischen Hemisphäre. Ein Vorstoß war bis Neuyork gedrungen, wo das erste Heft einer Zeitschrift erschienen war, das zweite darauf in Barcelona. Das war wie das Aufflackern anarchistischer Attentate -- Gleichnis nur, durch irgendeine dem Wort Barcelona entspringende Assoziation bei Lauda sich meldend, aber im selben Augenblick durchfuhr ihn der Gedanke, diese Bewegung, die den Strich unter das Bürgerliche setzte, berge einen kalten Fanatismus, der dem der bolschewikischen Russen verwandt sei an Ursprung und Energie, gleich ihm vielleicht die Welt überziehn könne. Aus der Mutation des europäischen Kosmos, Weltkrieg genannt, brachen zwei Entladungen, elektrische Ströme, die über den Ball griffen, die soziale und die geistige Revolution.