Part 4
Das Mädchen war Miß Lilian, die Lauda geentert hatte, der Mann gab ihm ein seltsames Wort ein: Bruder, nicht im übertragnen Sinn, sondern im physischen. Er sah seinen eignen Kopf, vielleicht war das Profil geschnittner, kameenhaft griechisch, und der Körper durch Sport durchgearbeiteter, aber am ähnlichsten der Hauch einer Geistigkeit, die untertan zu werden ablehnte -- fast hochmütig bei diesem und in dem kleingeformten Kopf viel Eigensinn. Er vermutete, daß es d'Arigo war, und sich erinnernd, daß Miß Lilians Jacht Caramba hieß, reimte er Beziehung von ihr zu dem Künstler, von dem Hannah gesagt hatte, daß er Deutschspanier sei.
Lauda ging hinunter, begrüßte den Mann, der an dem Tag, an dem er mit Hannah auf dem bayrischen See gewesen war, den Browning vor ihn gelegt und gesagt hatte: »Damit könnte ich mich erschießen, oder Sie, oder erst Sie, dann mich, keins von den drei, ich hatte nur daran gedacht.« Zeichen seiner Sachlichkeit auch, daß er im Haus seiner Frau verkehrte. Hannah trat hinzu, nahm Laudas Arm, ihn mit den Gästen bekannt zu machen.
»Es ist, Lilian als Freundin d'Arigos für sich gerechnet, eine einzige Frau dabei,« sagte sie, »dort das ältliche Mädchen, Madeleine Betz, Elsässerin von deutscher Mutter, eingebornem Vater; solches Mischverhältnis bestimmte sie, war ihr vor dem Krieg Glück und Vorzug, jetzt ist es ihre Qual. Sie war in Paris und Berlin zu Haus, fand ihre Aufgabe darin, Fäden zu knüpfen, wurde als Pazifistin in Deutschland nur von literarischen und einigen bürgerlichen Kreisen aufgenommen, in Frankreich höflicher und mondainer behandelt, Männer der Öffentlichkeit schätzten sie dort.«
Lauda ließ Hannah ausreden, aber Madeleine Betz war ihm bekannt. Er empfand sich selbst nicht als Elsässer, obwohl er in Straßburg aufgewachsen war, vor der Auswandrung des Vaters nach Holland. Noch einmal danach hatte es eine Zeit gegeben, wo er sich für elsässische Möglichkeiten interessierte, und was Madeleine Betz zu einem Programm erhoben hatte, war für ihn Versuchung gewesen: Vermittlung zweier Völker zu dienen. Er hatte damals, ein Semester opfernd, die Straßburger Gesellschaft studiert; aber was er vorfand, war eine Bourgeosie, die Inzucht trieb, ein verblaßtes Salonideal pflegte, geistig in den Ideen aus der Zeit vor der Amputation lebend, sie durch gelegentliche Reisen nach Frankreich bestärkend.
Er hatte geurteilt, dieses Kleinbürgerland ohne eigne Tradition, von je dazu verurteilt, von einem Erobrer verwaltet zu werden, sei nicht geeignet, Pfeiler der Brücke von Frankreich nach Deutschland zu sein -- Urteil, das vielleicht voreilig war, aber ihn bestimmte: er hatte darauf verzichtet, Wirkung in der Provinz zu werden, und war nach Berlin gegangen.
»Auch ein Lothringer ist anwesend,« sagte Hannah, wies auf einen untersetzten Mann, der mit dem gleichgebauten Schweizer redete, »hast du Blick dafür, daß sie nicht nur dasselbe Format haben, sondern auch Gleichheit der Bewegungen und der lauten Sprache? Sie sind beide Sozialisten, beide Volksredner von erprobter Wirkung, die weniger geistig als elementar ist. Der Schweizer ist Doktor Nüßli vom Züricher Blatt, augenblicklich ein wichtiger Mann, weil er sich bemüht, die Partei für die Taktik der heimreisenden Russen zu gewinnen.
Der Lothringer ist Virgile Spieß, Vertreter eines Industriebezirks im Reichstag, wandte sich am vierten August sofort gegen den Beschluß der deutschen Sozialisten, die Kredite zu bewilligen, kam über die Grenze, erklärte, der Frankfurter Vertrag sei hinfällig geworden, Elsaß-Lothringen werde zu Frankreich zurückkehren -- der erste Deserteur aus Grundsätzlichkeit, den du siehst. Um die Sozialisten gleich zu erledigen, ist noch Thomas Schreiner da, der zu den Unabhängigen gehört und schwankt, ob er nicht Kommunist im Sinn Kropotkins sei, dessen Bücher seine Bibel sind, sodann Doktor Shiller, ein Deutschamerikaner, der nun in Zürich Fühlung mit Mitgliedern der deutschen Opposition sucht, und Mitrofan, einer der heimreisenden Russen, der ohne Einladung kam, mit dem Auftrag, darüber zu wachen, daß ich mich meinem Versprechen nicht entziehe.«
Es war weder schwer, den blonden Amerikaner herauszufinden, noch den Russen mit dem Popenhaar. Blieben zwei Herrn, der eine magrer Methodist, der andre kleine ein Poet romanisch melancholischer Prägung.
»Der wie ein Methodist aussieht,« sagte Hannah, »ist Fünfkorn, ein deutscher Journalist, der seiner Gesandtschaft unbequem ist, er ließ sich, um der drohenden Einziehung zu entgehn, von der militärischen Nachrichtenstelle hierher schicken, warf alsbald die Maske ab, machte Enthüllungen über diese Spionageeinrichtung, wurde Spezialist in den verschiednen Weiß- und Gelbbüchern, wies, Antipode Davids in Berlin, die Schuld Deutschlands am Krieg nach, vertritt bedingungslos die Ansicht, daß die Entente die Sache der Gerechtigkeit führt, wünscht Fortführung des Kriegs, bis der deutsche Militarismus wie ein Reptil ausgerottet ist, beginnt Mittelpunkt aller Bestrebungen zu werden, die ein Organ für nicht kaiserliche deutsche Demokraten schaffen wollen, und wird es vermutlich mit Hilfe Shillers, das heißt amerikanischen Propagandagelds gründen. Der Poet, wie du sagst, ist neben d'Arigo der einzige, der der Politik ganz fern steht, Haupt einer neuen Gruppe, von der ich dir neulich sprach, den sogenannten Ungegenständlichen. Er ist Portugiese, nennt sich Lisbao, und wird nach seiner Gewohnheit aus dem Manuskript vorlesen.«
* * * * *
Die Gastfreunde Hannahs blieben acht Tage versammelt, selbst Nüßli kehrte nicht in die Züricher Redaktion zurück, er ließ sich seine Post schicken. Da auch die andren Politiker die Verbindung mit der Welt organisierten -- Graumann hatte seine Sekretärin mitgebracht und stellte sie und ihre Maschine zur Verfügung -- konnte Virgile Spieß sagen, man habe sich zu einer dritten, privaten Zimmerwalder Konferenz vereinigt; die Tage waren mit Debatten gefüllt.
Spieß war der einzige, der sich den Ideen von Zimmerwald und Kiental von allem Anfang an entgegenstellte und ihre Notwendigkeit leugnete. Für ihn bedurfte die Haltung der französischen Sozialisten, bei denen er, die deutschen verlassend, Anschluß gefunden hatte, keiner Rechtfertigung: sie hatten die Kredite zur Landesverteidigung bewilligt, und Landesverteidigung im klaren, eindeutigen Fall eines Angriffs war, seit es Sozialismus gab, von allen Parteiprogrammen und Parteitagen anerkannt worden; er berief sich auf Jaurès, mit dem er bei ungezählten Pariser Aufenthalten verkehrt und jene Formel ausgearbeitet hatte, daß Frankreich auf den Revanchegedanken verzichte, wenn Elsaß Lothringen deutscher Bundesstaat mit allen Rechten der Autonomie werde.
Die deutschen Sozialisten, waren für Spieß nicht in der gleichen moralischen Lage wie die französischen; wohl wurde ihr Land von Rußland bedroht; aber es hatte die letzte Möglichkeit einer Verständigung vereitelt, weil es von dem Gedanken eines Präventivkriegs hypnotisiert war, und die Partei hatte die Kredite bewilligt, trotzdem sie bereits von dem Einfall in Belgien, also einer Völkerrechtsverletzung ersten Rangs, wußte, und sie hatte bedingungslos bewilligt, während die Minderheit der französischen Genossen sich nur bis zu dem Augenblick band, wo der Feind aus dem Land vertrieben war.
Spieß sah keine Notwendigkeit, eine Konferenz einzuberufen, um die Frage zu besprechen, wie die zerrißne Internationale auf neuer Grundlage wiederhergestellt werden konnte. Es gab für ihn neben der großen Schuldfrage eine sozialistische Schuldfrage; ihre Anerkennung durch die deutsche Partei bedeutete die Beilegung des Bruderzwists -- sein Programm für die Zeit nach dem Krieg.
Er war den Argumenten unterlegen, die von den in der Schweiz lebenden russischen Sozialisten aufgestellt worden waren. Lenin, Trotzki, Radek, denen dann auch Axelrod zustimmte, erklärten, die Schuldfrage interessiere klardenkende Sozialisten nicht, der Krieg sei zugleich Produkt des Kapitalismus und Mittel ihn zu zersetzen. Die Zeit sei gekommen, die Antwort auf die alte Grundfrage, Evolution oder Revolution zu geben, sie heiße Revolution, saubre Abgrenzung der sozialistischen Gedankenwelt gegen die bürgerliche, zu der es keine Brücken gebe -- radikale Gegnerschaft, Unversöhnlichkeit.
Daß das absolutistisch-kapitalistische Deutschland über das demokratisch-kapitalistische Frankreich siege oder umgekehrt, sei gleichgültig, auch die Landesverteidigung gegen einen Angreifer liege außerhalb des sozialistischen Denkens. Ob die Kosaken an der Oder ständen oder die Ulanen bei Noyon, habe nur den Sinn, daß jedes Mittel recht sei, um die Verhältnisse auf die Spitze zu treiben, Verteidigungs- oder Angriffskrieg sei für Sozialisten schlechthin Krieg, das Abzulehnende. Proklamation der abstrakten Idee, hinter der nicht mehr Weltfremdheit stand, sondern im Gegenteil die schärfste, logischste Berechnung, der entschlossne Wille, alle Wirren der bürgerlichen Welt auszunützen, das Ziel auf dem direktesten Weg zu erreichen.
Die Beschlüsse der Konferenzen hatten mit einer Verurteilung der französischen und deutschen Genossen geendigt und mit der Ablehnung des Prinzips der Landesverteidigung, diene sie zur Abwehr eines erfolgten Angriffs (Frankreich) oder der Wahrung der Neutralität (Schweiz). Dieser Proklamierung der nur revolutionären Taktik trat, zwischen Zimmerwald und Kiental, der schweizerische Parteitag von Aarau bei, erstaunlicher Beschluß, wie Spieß nun in Diskussionen mit Mitrofan ausführte.
Spieß war schlagfertig, angreiferisches Temperament, und in seinem Kopf stand mit erstaunlicher Klarheit jedes Datum, jeder Zeitungsartikel, jede grundsätzliche Äußrung eines der führenden Sozialisten gebucht, war gegenwärtig. Er trieb Mitrofan in die Enge, indem er nachwies, daß auch Lenin bei irgendeiner Gelegenheit das Selbstbestimmungsrecht anerkannt, der Schweizer Grimm, Präsident der Konferenzen, nach Kriegsausbruch die Verteidigung der Neutralität empfohlen hatte, der Schweizer Parteitag in Aarau sich über die Folgen seiner Resolution nicht klar war, in allen Hirnen Widerspruch herrschte, jeder zwischen der Frage Evolution oder Revolution hin- und herschwankte, die französische Minderheit, von Zimmerwald heimgekehrt, die Kredite weiter bewilligte.
Mitrofan gab sich nicht besiegt. Was er nicht leugnen konnte, leugnete er nicht, zog sich auf den Standpunkt zurück, daß eben eine radikale Umformung des Denkens begonnen habe, schöpfte aus diesem Gedanken Kraft, stieß vor, fanatisierte sich, entwickelte den ungeheuren Gewinn an Energie, wenn jede Verbindung mit dem evolutionistischen Prinzip aufgegeben wurde, ließ die Schönheit und Geschlossenheit logischer Kettenreihn aufblitzen: das Ziel ist alles; die Mittel nicht zu wollen, bürgerliche Sentimentalität; die Macht in der Hand des Proletariats die wahre Grundlage eines lückenlosen Aufbaus der neuen Gesellschaft.
Für Lauda ergab sich folgendes Bild: straffe Rotation um eine als Achse dienende Idee bei Spieß, dasselbe bei Mitrofan; die andren zersetzt in der Mitte. Fragte sich, welcher von beiden Ideenkosmen die Zukunft hatte. Spieß vertrat die alte Taktik, glaubte nicht, daß der Krieg nötige, sie zu ändern. Es war aber nicht schwer zu ahnen, daß dieser Krieg, ungeheuerste Erschüttrung bestehender Welt, nicht ohne Wirkung vorübergehn werde. Der Entschluß der deutschen Partei, sich mit dem kaiserlichen System zu verbünden, bedeutete eine Verschiebung, die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte, und Lauda zweifelte, sich an Liebknechts Prozeß erinnernd, nicht daran, daß die Mehrheitssozialisten das von Spieß geforderte Bekenntnis zur Schuldfrage ablehnen würden.
Es vollzog sich in ihm, auf seine Weise, gereinigt, aber darum doch verwandt, dasselbe, was sich in Menschen vollzieht, wenn Feststehendes und Vertrautes angegriffen wird -- Mensch geht zum Neuen über. Und er empfand die Lockung, die in der Proklamierung der absoluten Idee enthalten war. Ein Krieg mußte kommen, um das zu erleben; Ideologie wurde Möglichkeit, zum ersten Mal unternahm der Geist den Versuch, die Umwege der Natur abzuschneiden, langsame Entwicklung, die sich nach dem Gesetz des Gegensatzes vollzog, souverain zu überspringen. Er sprach mit Mitrofan, erfuhr, daß es die Partei der Bolschewiki schon seit Beginn des Jahrhunderts gab, wünschte zu hören, wie sich die heimreisenden Russen die Verwirklichung dachten.
»Es ist kein Zweifel,« sagte Mitrofan, »daß wir Kerenski stürzen. Wir benutzen dabei einfach die Tatsache, daß er das des Kriegs müde Volk zwingt, den Krieg weiterzuführen. Eine Revolution, die den Zar stürzt, übernimmt nicht den vom Zarismus begonnenen Krieg. Ist die Macht in unsrer Hand, dann schließen wir Frieden um jeden Preis, es kann uns gleichgültig sein, ob Polen und die Ostgrenze an die Deutschen fällt, denn wir warten ab, bis diese Gebiete und mit ihnen Europa von unsrem Beispiel fortgerissen wird. Dieser Friede wird sehr einfach sein: dank unsrer Propaganda werden die Soldaten die Gräben verlassen und nach Hause gehn.
Danach, dritte Etappe, ordnen wir die neue Gesellschaft nach dem strengsten Zentralismus, womit ich natürlich den der Idee meine, die den der Verwaltung nach sich zieht. Wir sind nicht wie der Bourgeois oder mit ihm verbündete Nationalsozialisten an gegebne Verhältnisse gebunden, wir schaffen sie neu. Es ist klar, daß solche Erschaffung einer Welt nicht etwa aus dem Nichts, sondern, was schwerer ist, aus der Anarchie der kapitalistischen Privatwirtschaft, freien Konkurenz, Ständeverschiedenheit, nicht möglich sein wird ohne eine Übergangszeit der Diktatur, deren Sinn darin besteht, der Idee der Einheitlichkeit und der Ordnung zum Sieg zu verhelfen. Das Ziel heißt Abschaffung der Klassen, das Mittel ist, der bisher rechtlosen und zahlreichsten Klasse, also der Majorität, die Gewalt zu übertragen -- eine Paradoxie, die doch nur das Mittelstück zwischen Vergangenheit und Zukunft darstellt. Wir werden also die Bürger entwaffnen, die Arbeiter und Bauern bewaffnen, und das Provisorium so lange durchführen, bis der Bürger freiwillig oder gezwungen die neuen Verhältnisse anerkennt.«
»Werden Sie die Nationalversammlung berufen?« fragte Lauda.
»Es steht auf unsrem Programm, aber ich will Ihnen offen gestehn, daß ich nicht zu denen gehöre, die glauben, daß die kapitalistischen Kreise ohne Gewalt zu gewinnen sind.«
»Was würden Sie in diesem Fall tun?« sagte Lauda und war auf die Antwort gefaßt, aber nicht auf die schneidende Unerbittlichkeit, mit der sie gegeben wurde und die für seine Vorstellungskraft wie ein Licht war, das rückwärts auf die Diskussion derer fiel, die, noch in der Fremde, schon in dem Augenblick lebten, in dem sie die Nachfolger des Zaren wurden -- märchenhafter Wechsel im Schicksal hungernder Verbannter.
»In diesem Fall,« antwortete Mitrofan, »werden die andren sich wie ich entschließen müssen, noch einmal die Mittel des alten Machtstaats zu benutzen, um den Staat der durchgeführten Gerechtigkeit zu gründen: Belagrungszustand, Armee und Terror. Für Schonung ist kein Raum, verwirklichen wir die Idee nicht, ist sie für hundert Jahre erledigt. Jetzt oder nie. Fühlen Sie, welcher Abgrund uns von Leuten wie Spieß trennt? Unsre Hirne sind verschieden wie zwei Weltkörper, in ihnen lebt das neue nicht, in uns erzeugt es Ketten von Assoziationen, es ist die größte geistige Stimmung, die je in Menschen war.«
Lauda verstand. Assoziationen bilden, mathematische Reihen entwickeln, Logik triumphieren lassen, war für das Lebewesen, dessen Hirn an die Kausalität geschmiedet war, der tiefste Genuß, so tief wie die Lust, die Achse Gott zu finden, um die sein Mikrokosmos schwingen konnte. Es kam vermutlich, Folge des Kriegs, eine Zeit, in der der Kausalitätsrausch elementar durchbrach, die freigewordnen Körperchen des alten Kosmos -- als Beispiel eines solchen bot sich immer der preußischmilitaristische an -- mit der Inbrunst von in das All geschleuderten Atomen den neuen Kristallisationspunkt suchten: religiöser Vorgang mit dem Triumph aller derer, die nicht in sich kreisen, sondern nach dem Zwang, dem Druck, dem Gebot ungeheurer Atmosphären lechzen.
Und schon fanden sie den Gott: die Logik, die zum Dämon wurde, stärker als sie, ihnen Gewalt antuend. Grundgesetz im Reich der Ideen: das Hirn erzeugt sie, der Gezeugte wächst dem Zeuger unter den Händen zum Herrn, ist er Herr, wird er Dämon; wer Ideen nicht mehr besitzt, wird von ihnen besessen. Die Zeit kam so der Beseßnen, in denen die dynamische Wut des in die Existenz schießenden Weltwillens war. Man konnte Weltuntergangsstimmung haben. Und in der Tat, die Mutation war Weltuntergang.
Es war nicht richtig, den Begriff Mutation auf die kleinen Störungen, fünfhundertmal am Tag, anzuwenden, die jedesmal eintraten, wenn der geringste Eingriff der Außenwelt in unsre Welt erfolgte -- diese Schwankungen wurden rasch überwunden. Mutation war eine Störung der Lagrungsverhältnisse.
Wenn diese Russen die Macht erlangten, dann brach ein religiöser Wahnsinn aus, den die Psychologen nur darum nicht erkennen würden, weil das Wort Gott nicht fiel, dem aber alle zuströmten, die nicht so selbständig waren, daß sie auf den Krampf der Demut und Unterordnung verzichten konnten, alle, in denen die unterirdischen Spannungen zerrten -- und wer war ohne solche Spannung, von der Hannah gesprochen hatte? Jakobiner, Terroristen, Inquisitionshenker, sie waren die Religiösen im primären Zustand, Zurückgekehrte zur Zeitlosigkeit vor aller Zivilisation.
Mitrofan und Lauda saßen sich an Hannahs türkischem Rauchtischchen gegenüber; es zog jeder, Auskunft erteilt, Gespräch beendet, seine innren Kreise. Madeleine Betz kam vom Klavier, wo sie Mitrofans Rede angehört hatte, zu ihnen; melancholisch ihr Versuch, den Pazifismus zu retten, für sie genügendes Heilmittel der kranken Menschheit.
»Pazifismus,« sagte Mitrofan, »ist eine rein bürgerliche Angelegenheit; seine Ohnmacht besteht darin, daß dieselbe Gesellschaft, die aus der kapitalistisch-imperialistischen Idee der unbeschränkten Machtvergrößrung geboren ist, in Verabredungen einwilligen soll, die eine Hemmung dieses Triebs bedeuten. Jeder starrt in Waffen, aber man will vereinbaren, daß sie nicht benutzt werden; man will die auf Raub und Gewalt gegründete Existenz von Staaten verschiednen Rangs in einem gegebnen Augenblick zum status quo erklären: wer viel hat, behält es, wer wenig hat und klein ist, begnügt sich damit. Eine Horde hungriger Hunde kommt überein, friedlich nebeneinander zu leben -- glauben Sie, daß Mißtrauen und Raubtiergelüste plötzlich unterdrückt werden können? Was machen Sie mit den Offizieren, den Diplomaten, dem ganzen Geist, mit dem die Gesellschaft durchsetzt ist? Fühlen Sie denn nicht, daß diese Ändrung so radikaler, grundsätzlicher Natur wäre, daß sie gar nicht durch materielle Verabredungen, sondern nur durch Auflösung der seelischen, moralischen Verfassung erzeugt werden kann?
Es ist seltsam, daß die Menschen immer flicken, immer überleiten wollen. Wenn sie noch eingeständen, daß sie so aus Angst vor der Unbequemlichkeit und der Schädigung persönlicher Interessen argumentieren -- nein, sie stellen die Kulissen großer Ideen auf, sagen, Gleichheit und Gerechtigkeit verlangten, daß niemand Zwang erleide, die Ändrung freiwillig vollzogen werde. Da aber niemand freiwillig auf Macht und Geld verzichtet, so bedeutet das demokratische Prinzip der Friedlichkeit in Wahrheit nichts, als daß nichts Ganzes geschieht, alles beim alten bleibt. Reformen innerhalb der kapitalistischen Welt sind möglich, sogar Deutschland kann republikanisch werden, aber sie werden kapitalistisch bleiben. Ersetzung des kapitalistischen Fundaments durch das sozialistische ist nur durch das Eisen des Pflugs möglich.«
»Sagen Sie ruhig, durch Blut und Eisen,« antwortete Madeleine Betz, »warum scheuen Sie, die Formel Bismarcks zu gebrauchen? Das Mittel, das Sie wählen, ist nichts andres als der variierte preußische Militarismus, das Ziel, das Sie wollen, nichts andres als eine Abart des zentralistischen Zwangsstaats, schlimmer als der Bismarcks.«
»Ich kann Ihnen zynisch zugeben, daß Sie recht haben, aber ich kann mit einem Herzenston der Not sagen, daß es keine andre Möglichkeit gibt, die Wirklichkeit nach einer Idee zu formen.«
Lauda dachte: »Wie, wenn bei diesen Dingen der Sozialismus, die Republik, die Demokratie, der Kapitalismus, also praktische Fragen, gar nicht Kern, sondern Projektion, Symbol, Veranschaulichung sind? Wenn es sich um ganz etwas andres handelt, um den Kampf dynamischer und unmaterieller Energien? Mit dem materiellen Begriff Atom kommt Wissenschaft nicht mehr aus, sieht sich widerwillig genug gezwungen, in ihnen, die doch das sichtbare System der Elemente ergeben, raum- und zeitlose Phänomene rein dynamischer Natur zu sehn.
Es ist erlaubt, in Ideen eine Analogie zu den sichtbaren Körpern zu ahnen, sie Manifestation von Kräfteverhältnissen, ihren Kampf Manifestation von Kräftekämpfen zu nennen -- wir (als Körper) ein Vorwand unbekannter Vorgänge, unsre Ideen Vorwand von Machtkämpfen zwischen Entfeßlung und Bindung. Mitrofan sagt: der radikale Sozialismus und glaubt, er wolle damit das Glück der Gesellschaft, aber in Wahrheit muß er einem Gebot seines innren Kosmos gehorchen, der offenbar der geschloßnen Rotation widerstrebt, auf der Suche nach einer neuen ist. Madeleine Betz sagt: ungewalttätige Entwicklung und drückt damit aus, daß sie den elementaren Explosionen ausweicht. Ich von mir stelle fest, daß ich nach einigen Minuten gar nicht auf den materiellen Inhalt ihrer Worte acht gebe, sondern die Schwingungsvorgänge in ihnen empfinde, Gravitationsgesetze in ihnen fühle -- meine alte Definition, daß Phantasie Fähigkeit ist, die Lagrungsgesetze eines fremden Organismus zu empfinden.
Welch eine phantastische und mehr, grauenhafte Sache ist also menschliche Geschichte und Geistigkeit: einer sucht den andren zu überzeugen, daß man zur definitiven Lagrung durch Entfeßlung des rasenden Drehns gelange, der andre ihn, daß man nur vorsichtige Modifikation vornehmen dürfe -- Illusion beides, denn die Welt ist, als Schauplatz der rasenden Partikelchen, nie definitiv, Rasen ist Selbstzweck. Es steht frei, die beiden und mit ihnen alle andren, mich eingeschlossen, nach Belieben als arme Narren oder tragische Helden zu betrachten.«
Er hörte Madeleine Betz zu Mitrofan sagen:
»Wenn Sie so zu mir sprechen, funkelnd vor Energie, verbissen vor Entschlossenheit, empfinde ich etwas, was Sie nicht verstehn werden, die Abneigung der Frau vor der Vitalität des Manns, dieser triumphierenden, zu sinnlichen Herausforderung. Ich sah Offiziere auf Urlaub im Familienkreis, sie waren gütig gegen die Ihrigen, höflich gegen Fremde, aber wenn die Rede auf gewisse Augenblicke ihrer Tätigkeit im Feld kam, auf Exekutionen fremden Lebens, grauenhafte Verletzungen, dann trat in ihre Augen das Unheimliche: die Freimaurerei der Männer, die das Morden betreiben, von der sie zu den Frauen sagen: es ist nichts für euch. Dieser Ausdruck ist auch in Ihren Augen, Mitrofan, wenn Sie von der revolutionären Tat sprechen, und das beweist, daß Sie, Sozialist, für den es keinen Unterschied der Geschlechter gibt, männlicher Freimaurer sind, die Sphäre der männlichen Grausamkeit vor mir abschließen und das heißt vor allen, die menschlich sind.