Part 3
Er hörte Hannah vom Ufer rufen, nahm sie an Bord. Sie brachte ihren Dachshund mit, sechsjährigen, ältren, in dessen Augen, sprach Mensch mit ihm, so erstaunlicher Funke von Intelligenz trat, und der seine Eigenheiten so ausgebildet hatte, daß Lauda ihn nur mit Mynheer anredete. Der Hund stürzte unter den Sitz, zog sich verwandelt zurück, Lauda ward an den Igel erinnert, hob ihn zu Hannah empor und sagte:
»Tat wam asi, die einzigen indischen Worte, die ich kenne, man braucht nicht mehr.«
Sie lachte, es war ihm Ernst:
»Sieh ihn an, wie menschlich sein Gesicht ist, ein dumpfer verarbeiteter Proletarier. Sahst du jemals in einem Koben Schweine? Erschreckend, wie noch menschlicher sie sind. Wo ist der Unterschied? Die Tiere sind, der Mensch wird; die Mutationsfähigkeit ist der Unterschied, nicht die Seele; denn die Seele ist ein Phänomen der Mutation, eine Beunruhigung zwischen zwei Zuständen. Weil Tiere sind, Kinder aber verlangen, daß ich sie in mein Leben einordne, also eine Mutation vornehme, liebe ich Tier mehr als Kind. Daran wird mir klar, daß eine Abneigung gegen Mutation in mir oder uns besteht, also meine Eigenwilligkeit, meine Abneigung, Ideen und Gebote stärker als mich werden lassen, einem Beharrungsbestreben entspringt -- Beharrungsbestreben, Trägheit im Gravitationssinn, ist die Definition von Egoismus. Mag sein, daß wer stolz auf seine Geschlossenheit ist, nur egoistisch ist, und daß, wer sich Vater- und Familienpflichten nicht entzieht, tapfrer ist, gehorsam dem Gebot der ewigen Umwandlung. Was mich zu Tieren zieht, ist die Gemeinsamkeit des Triebs, nur sein zu wollen, nicht zu werden -- bei ihnen Gesetz, mir Wunsch. Nicht untertan werden, suverän bleiben: wahrlich, ich beginne auch da eine Gefahr zu sehn.
Seltsame Epopöe, die mein Denken heißt, ich umkreise mich von allen Seiten. Verzeih, du hast die Eigentümlichkeit, daß ich mit dir fessellos diskutiere; jeder, mit dem man zusammenkommt, veranlaßt so zu einer besondren Haltung, die man sofort, automatisch, einnimmt, sooft man ihn wiedersieht. Du wirst noch, an mich denkend, definieren, daß Lauda jemand sei, der mit Damen philosophiert, bevor er mit ihnen schläft. Es gibt niemand, der nicht komisch würde, denn komisch ist, was konsequent ist.«
»Dafür hast du ja deine Theorie und Taktik der Aufhebung,« sagte Hannah.
Lauda: »Und laufe Gefahr, Don Quichotte zu werden, Wotan-Wandrer, der die große Arie vom ewigen Wechsel singt.«
Hannah: »So kritisch gegen dich selbst?«
Lauda: »Durchaus. Man muß sich selbst Wahrheiten sagen. Manchmal, wenn ich dir erkläre, wie ich etwas sehe, ist es, als sei ich der liebe Gott, der sich über seelische Probleme interviewen läßt, Besserwisser und Tyrann -- einziger Unterschied, daß er einen langen Bart trägt, ich als bartloser Jüngling mit Faunsöhrchen in deinem Garten stehe.«
Hannah: »Wer sich selbst verspottet, ist der Gefahr des Hochmuts fern.«
Lauda: »Keineswegs, er spiegelt sich in dieser Verspottung. Die Wände in unserm Innern, Wände der Individualität, sind Spiegelglas, in dem wir uns beobachten und -- gefällig finden. Daß mir jedes Ja in Nein umschlägt, Aufhebung, Schließung des Kreises wird, das erklärt sich daraus, daß wir buchstäblich in körperliche Wände eingeschlossen sind, in denen nur der Kreis möglich ist; ohne sie strahlten wir in das All hinaus, uns auflösend, materielle Erklärung eines Seelengesetzes. Je mehr ich in Seelisches eindringe, desto häufiger wird die Erkenntnis, daß es nicht Tiefres gibt als das Materielle, daß es das letzte Wort ist, hinter Seele und Metaphysik gelegen. Metaphysik ist die Zurückführung der seelischen Phänomene auf das Wunderbarste, nie zu Erklärende, die körperliche Existenz.«
Hannah: »Hast du noch nie daran gedacht, Komik, Humor, Satire als Ausdrucksmittel zu gebrauchen? Du liebst nicht Seele, sondern Unbelastung, nicht Dunkel, sondern Helle. Von Helle zu Heiterkeit ist nur ein Schritt.«
Lauda: »Daran habe ich gedacht, ja. Es ist nur eins gegen die komischen Gattungen zu sagen: daß sie im Grund die Fragen, die den Mensch beschäftigen, ebenso ernst nehmen wie die ernsten Gattungen selbst. Sie sind Ausgleich zwischen Ja und Nein, mittlere Linie, also zwar Vorbehalt dem Ja gegenüber, aber auch Verleugnung des Nein. Die komischen Gattungen sind beschaulich -- ich fürchte, daß ich nie beschaulich werde, den Florettstoß ins Herz der Dinge vorziehe.«
Hannah: »Also setzt du dich immer mit einem Gegner auseinander, lebst von ihm?«
Lauda: »Wie wir alle. Man könnte wie ein Freisinnsmann von einer Theorie der Notwendigkeit des Gleichgewichts der Kräfte sprechen -- drei Genitive.«
Hannah: »Gleichwohl wirst du auf die Dauer nicht umhin können, Ausgleich, mittlere Linie zu wählen, denn soviel glaube ich zu verstehn, daß Durchführung der Aufhebung in der Praxis zu einem reinen Nein führen muß, da Leben in einer fortlaufenden Reihe positiver Angebote besteht. Wenn du alles, woran Menschen glauben oder auch nur ihre Energie setzen, aufgehoben hast, bleibt nur noch übrig, die Existenz selbst aufzuheben, Nein zu ihr zu sagen.«
Lauda: »Gut Dialektik getrieben, Frau Hannah; du vergißt, daß danach Aufhebung des Nein sich automatisch einstellen, zum modifizierten, durchdachten Ja werden wird, und daß ich nicht ein solcher Pedant sein werde, von diesem zweiten Ja zum zweiten Nein und so fort in Ewigkeit weiter zu gehn.«
Hannah: »Und wenn die Bereitwilligkeit, Ja zu sagen, eines Tags versagt?«
Lauda: »Stürzt alles zusammen wie in jedem, der nicht an absolute Werte glaubt. Du selbst fandst ja an jenem aztekischen Paar schön, daß es für die, die zum Tod verurteilt sind, kein Wiedersehn im Jenseits gibt, und zogst daraus die wahre, einzig starke, heroische Stimmung der Tapferkeit.«
Hannah: »Wohl wahr. Für dich aber wünsche ich die Tat, mein Vorschlag ist nun nicht mehr, das Haus in meiner Abwesenheit zu beziehn, sondern -- komm mit mir nach Rußland, stürze dich in den Strom, er trägt den, der nicht schwer ist.«
Lauda: »Was versprichst du?«
Hannah: »Alles, was auf der Linie der Tat liegt, die Dämonie der ersten Zustimmung, die zu Konsequenzen führen könnte, vor der unsre Menschlichkeit zurückschreckt, solange wir noch nicht Kausalität, Folgerichtigkeit, Unerbittlichkeit untertan werden. Oft in den Worten der Russen weht es mich wie Entsetzen an, weißt du, was Jakobiner waren?«
Lauda: »Menschen, die von der Idee der Gerechtigkeit und Gleichheit ausgingen, dank Macht der Logik und der Verhältnisse damit endeten, die Brüder aufs Schafott zu schicken. Darauf willst du doch wohl hinaus?«
Hannah: »Schreckt es dich?«
Lauda: »Nicht im persönlichen Sinn, warum soll man nicht sterben -- ich kann es jederzeit. Wohl aber im geistigen. Ich will nicht Sklave der Logik werden, die ich die Hure nenne, nicht mehr weder vorwärts noch zurückkönnen, es sei denn durch Blut. Lockt es dich?«
Hannah: »Es lockt. Es ist in der neuen Taktik, von der die Russen reden, eine Größe, die sie selbst erst ahnen. Für sie ist die Frage Evolution oder Revolution nicht nach der lahmen Manier ihrer deutschen Genossen zu lösen, sondern nur durch die Antwort: Revolution in einem bisher unbekannten Grad von Entschlossenheit -- Diktatur. Um mit dir zu reden, dieser Begriff ist Mittelpunkt, Achse, um den sich alles ordnet, die Mittel, die Ideen, die Argumente. Man fühlt sich körperlich, in seiner inneren Zusammensetzung, fester, gedrängter, rascher rotierend werden. Es war niemals da, daß ein Wagen voll Leute in ein Riesenreich fährt, um es zu erobern -- es ist so kühn wie der Zug des Cortez, und sie wissen: keiner kommt zurück, es geht um ihr Leben.«
Lauda: »Also kommst auch du nicht zurück, wenn ihr nicht Erfolg habt?«
Hannah: »Nein. Eben darum gehe ich mit ihnen. Nenne es das Unterordnungsbedürfnis des Menschen, seinen Zwang, sich einen Gott zu schaffen und ihm gehorsam zu sein -- wir wollen alle Erfüllung, Gesetz, Glauben, wir suchen alle die Achse.«
Lauda: »Und wenn ihr Rußland erobert habt?«
Hannah: »Wird zum erstenmal menschliche Gesellschaft radikal aus der Idee gestaltet, Weg der Natur verlassen, der ein Umweg, langsame Evolution mit allen Zwischenstufen und Kompromissen ist. Du, der von Mutation und Selbständigwerden eines Organs wie dem Hirn sprichst, sollst du nicht an die Möglichkeit solchen Versuchs glauben?«
Lauda: »Ich beginne die Tragweite eurer Fahrt zu begreifen. Sagtest du nicht, jedes Mittel sei ihnen recht, selbst Pakt mit Ludendorff, da sie nur ihr Ziel wollen? Unsympathischer Jesuitismus, doch verständlich. Es wird der Versuch sein, die Idee über die Geschichte zu setzen, den Intellektuellen zum Schöpfer zu machen. Fast könnte es mich verlocken, mitzufahren -- laß, ich tue es nicht; warum? Mein Instinkt warnt mich, die Summe meiner Lebenskräfte. Schlösse ich mich an, könnte es sein, daß die Logik mich zwänge, Kriegsminister in Petersburg zu werden oder dem Standgericht zu präsidieren. Die Dämonie der Logik wird teuflisch sein. Hannah, wärst du bereit, Jakobinermegäre zu werden?«
Hannah: »Niemand weiß, was aus ihm wird, wenn die Hemmungen fallen. Im Anfang war die Tat, denn Existenz ist Eintritt in die Handlung, Gott ist die Tat, Nichthandlung ist Nichtexistenz.«
* * * * *
Später im Zimmer allein, dachte Lauda diesen Dingen weiter nach. Für Hannah gab es keine andre Möglichkeit als solche »Tat«, mochte sie nach Rußland führen oder in andre Sphäre, denn sie war Frau und das hieß, wenn der Ausweg, Hausfrau oder Lehrerin der heranwachsenden Generation zu sein, verschmäht wurde, tragisch sein, nicht in sich selbst Ziel finden. Das Jahrhundert verlangte die Emanzipation der Frau, aber das war Beglückung nur für diejenigen, die mit festen Füßen in der Irdischkeit standen. Für die andern, die den Instinkt des Absoluten hatten, also den Gegensatz zwischen Ego und Gesellschaft empfanden, Erfüllung des Ego für wichtiger hielten als Dienst in der Gesellschaft, gab es nicht den männlichen Ausweg, geistiger Kosmos zu sein, durch den alle Ströme, alle Existanzen der andren fluten.
Im Mann deckten sich Sinnlichkeit und geistige Energie, in der Frau nicht. Mann konnte Pantheist sein, Zusammenfassung der Welt -- die Frau? Nein. Seltsame Erkenntnis im Zeitalter der siegreichen Demokratie, in dem angelsächsischer Feminismus die Welt eroberte. Aber daraus eine Apotheose des männlichen Primats machen, Geltung als Prophet der Virilität erlangen wie noch Nietzsche? Das war für ihn verlegter Weg, obwohl er die Möglichkeit sah, durch ihn Wirkung zu erreichen, denn das Geheimnis der Wirkung war, den Zeitgenossen einen Kristallisationspunkt zu bieten, um den sich das Chaos des Denkens lagern konnte.
Er war vielmehr unbedingt für Emanzipation der Frau; menschlichen Wesen nichts versagen, was ihnen das Gefühl gab, ausgeschlossen zu sein. Unmöglich, eine Lehre aufzustellen, die dem Schöngeist erlaubte, von der Überlegenheit des Manns zu reden, mochte diese Überlegenheit auch existieren. Es war einfach Einsicht in die Konsequenzen, was ihn abhielt. Was ausgesprochen wahr war, wurde gelehrt falsch, stieg in die Arena des Praktischen herab und diente nur der Reaktion, den Konservativen, den Vereinsrednern, die sich dumm in Männlichkeit spreizten, weil sie ahnten, was Männlichkeit war, und es doch nicht gereinigt sichtbar machten.
Er konnte es auch so ausdrücken, daß er die Ansicht, die Frau habe die schwächre Position, ursprünglich gar nicht mitgebracht hatte, vielmehr von der Tatsache ausgegangen war, daß Wesen der gleichen Gattung a priori Recht auf Gleichheit besaßen -- seine Art von Ritterlichkeit, die auf dem Begriff Würde beruhte, eine geistige Ritterlichkeit. Erst empirisch war er gezwungen worden, diese Bereitwilligkeit aufzugeben und zwischen den Geschlechtern einen Unterschied der Denkenergie festzustellen, für die es dann Gründe konstitutioneller Art zu finden galt.
Wenn männliches Denken darin bestand, daß das Hirn ein Hemmungsapparat war, in dem sich die Weltkraft brach, also Sichtbarkeit erlangte, prismatisch in ihre sämtlichen Strahlen zerlegt wurde, sich gedanklich rekonstruierte, dann war der weibliche Kosmos diffuser, nicht imstand, die gesamte Sinnlichkeit der Existenz in sich aufzunehmen, ohne von ihr vergewaltigt zu werden -- er war unfähig, das Material restlos zu verarbeiten, in Geist zu überführen; er war materieller.
Fragte sich nur, ob der so fruchtbare Gedanke der Mutation, die Möglichkeit, aus Funktion selbständiges Organ zu werden, nicht auch der Frau die Freiheit von der Funktion in Aussicht stellte. Kaum ein Zweifel, daß durch bewußte Züchtung und Vermeidung jenes Zustands von neun Monaten, in dem die Frau ins Geschlecht zurückkehrt, das Funktionelle reduziert werden konnte; aber das Ergebnis war -- eine Karikatur des Manns; der Kopf eines alten Philosophen war machtvoll, der einer greisen Frau vielleicht klug, mild, gütig -- alles Werte, die aufs praktische Leben verwiesen. Es war nicht einfach so, daß der Mensch in einen männlichen und weiblichen Teil zerfiel und der durch die Frau ergänzte Mann mit der durch den Mann ergänzten Frau identisch gewesen wäre.
Das alles vom Absoluten her; in der sozialen Sphäre spielte der Unterschied der Geschlechter eine so geringe Rolle, daß hier die Fordrung der Gleichberechtigung Postulat sein durfte. Daß es nicht weiblichen Plato und Kant gab, damit konnten sich die Frauen abfinden in einem Zeitalter, das von absoluten Ideen zu praktischen, wie denen der großen Revolution übergegangen war -- der Mensch war bei seinem rationalen Stadium angelangt, die heimkehrenden Senegalneger würden die Keime einer Mutation mitbringen, die sogar Afrika aus der irrationalen Epoche des Kriegs herausführen mußte. Die letzten Irrationalisten in Europa waren die Deutschen, sie waren im Begriff, ihre Lehre zu empfangen.
Was blieb Hannah, wenn das russische Abenteuer erledigt war und sie dabei nicht das Leben verloren hatte? Der Sprung in ein neues Abenteuer -- das eben war die weibliche Tragik. Er dachte an die Erzählung, die in Brüssel Leutnant Berger vorgelesen hatte, darin die Figur Nellys, die wie Schwester Hannahs war. Ihre Biographie ein fortlaufender Versuch, den Durchbruch des Absoluten zu erzwingen -- am Ende heiratete sie den, den sie schon am Anfang hätte heiraten können, Rückkehr zum Gegebnen, der Arena.
* * * * *
Am nächsten Tag begleitete er Hannah nach Interlaken; sie machte Einkäufe für die zum Abend erwarteten Gäste.
Der Ort gefiel ihm, weil sein Aufbau so klar war, daß er sich beschreiben ließ. Gegebne Punkte waren Ende des einen Sees, Anfang des andren. Zog man dazwischen eine Gerade, so erhielt man die Linie der Hotel- und Geschäftssiedlung. In der Mitte war sie nur auf einer Seite bebaut, auf der andren der Promenadenweg mit dem Musiktempelchen, dahinter Wiesen, die bis zu den Bergen gingen, Grasebne, Sitz der melancholischen Frösche.
Wo die zweiseitige Bebauung wieder begann, stand ein Pavillon; Korbstühle, Spiegelscheibe vor Patisserie, heitre Tischchen. Einkäufe besorgt, lud er Hannah dahin ein, war zauberhaft versetzt in Kurortsommertage, wie es sie vor dem Krieg gegeben hatte: Kurgast der unbeschwerte Mensch, der Landschaft und Zivilisation freundlicher Gasthöfe genoß, als gebe es nicht Bergwerk, Armut, harte Fron, und Reisen sei die legitimste Handlung in einer Welt, die glücklicher Garten ist.
Er war froh an diesem Tag, leicht, so jung, Fähigkeit ganz, im Augenblick zu leben; die Freundin entspannt wie er, Gefährtin des Augenblicks; Rückkehr nachher zum Schiff schon frohe Erwartung, Versprechen für den Körper, sich spielerisch zu bewegen.
Da kam mit schleppendem Gang ein junger Mann daher, gebeugt der Nacken, als trage er die Last der Welt. Unlust in Lauda und zugleich ungläubiges Erkennen: so ging Thomas Schreiner.
»Der erste der Gäste«, sagte Hannah, rief ihn an. Lauda sah zum zweitenmal das Gesicht, das wie das eines war, der Sträfling in den Bergwerken gewesen ist und seinen Groll verwandelt hat in den gegen die arme Bestialität der Menschen, die nur durch Mitleid überwunden werden kann; in den Augen drohende Auffordrung, es mit ihm zu bekennen, die Verurteilung der Mächtigen.
Schreiner begrüßte ihn gleichgültig, als wollte er sagen: Du bist deren einer, die sich dem Einfluß meiner Ideen entziehn werden, darum existierst du nicht für mich; danach überreichte er Hannah einen Band:
»Mein Buch ist erschienen.«
Hannah war interessiert und höflich, Schreiner lächelte schwer:
»Ein Buch, das mehr sein wird als Literatur, Abschluß zweier entsetzlicher Jahre. Lesen Sie, lesen Sie; wenn Sie danach nicht zur Tat übergehn, war alle Qual umsonst.«
Explosion einer Düsterkeit in der Ehrgeiz und Fanatismus schwelten. Lauda nahm den Band, las folgende Stelle: ein Arbeitersohn, dank einem Mäzen der hohen Schule zugeführt, durch Einstellung der Zahlung plötzlich wieder von ihr ausgeschlossen, schleicht durch den lichten Tag, dumpfe Empörung der Erwachsnen in dem mißhandelten Kind. Er sieht in einer Kutsche ein Mädchen der Reichen vorüberfahren, Locken, nackte Beine, meergrüner Musselin. Da bricht in ihm ein Gefühl durch, das der Dichter mit dem Satz umschrieb: ihm, dem Proletarierkind, wurde klar, daß hier ein ungeheures Menschheitsverbrechen vorlag.
Lauda schloß den Band. Revolutionäre Gesinnung mochte stark sein; Fähigkeit, Gesinnung in anschauliche Form zu übertragen, war nach dieser Probe mäßig. Hätte der Knabe noch empfunden: dieses nackte Mädchenfleisch ist nicht für dich; wenn es das einer jungen Frau geworden ist, wird es sich einem Herrensohn entschleiern -- nein, er mußte statt dessen die Notwendigkeit des Klassenkampfs empfinden. Lauda saß einem Menschen gegenüber, der, weil er nur Moralist sein wollte, in Wirklichkeit Dualist war, das Unmoralische nur dadurch aus der Welt schaffen konnte, daß er es totschlug -- Zwangsmonismus. Er saß seinem Antipoden gegenüber, Feststellung, die er schon einmal vor zwei Jahren beim ersten Anblick Schreiners gemacht hatte.
Aber nun war auffällig, daß diese Feststellung nicht mehr genügte, verflogen seine beschwingte Laune. Als Hannah das Zeichen zum Aufbruch gab, schlug er ihr vor, mit Schreiner allein zu fahren, er werde das Abendschiff nehmen; und er bat sich Schreiners Buch aus. Sie gingen, er begann zu lesen.
Es waren bessre Stücke darin als jenes, in dem er geblättert hatte. Schreiners Leistung bestand darin, daß er für all diejenigen, die längst stumpf über die Todesangaben der Heeresberichte hinweglasen, weil ihnen die Anschauung auch nur eines Tods fehlte, solches Einzelsterben herausgriff und sie so zwang, sich vorzustellen, was da draußen an Grauen und in der Heimat, etwa im Herz einer Mutter, an Leid geschah. Man mußte anerkennen, hier stemmte sich mit allen Mitteln des anschaulichen Worts ein einzelner Mensch der Gleichgültigkeit, dem Gewährenlassen aus Hilflosigkeit, dem zynischen Optimismus entgegen, gestaltete die Idee der Menschlichkeit, deckte Qual der Erleidenden nicht mit pastoralem Trost zu, sondern riß sie auf, wühlte in ihr, damit der Aufschrei erzeugt wurde und der Haß gegen den Gehorsam.
Lauda zweifelte nicht mehr, daß das Buch den großen Erfolg haben und Kristallisierungspunkt aller unterirdischen und noch nicht zu benennenden Auflehnung sein werde; unausgesprochne Lehre des Buchs war: ein Anfang muß gemacht werden, ich will das schleichende Gift sein, das eure Bereitschaft, Kredite und Menschen zu bewilligen, lähmt. Daß jede Szene der beiden symbolisch einander gegenübergestellten Kinder verriet, wo solche Gesinnungskunst vermutlich endete, bei der direkten Tendenz, die künstlerische Ohnmacht hieß, war zunächst nebensächlich.
Einen Augenblick dachte Lauda: Es ist mir einer zuvorgekommen, stellt ein paar Monate früher als ich die grundsätzliche Frage; dann: diese Feststellung wirst du heute abend und fortan noch öfter machen, und ahnte, daß in dem seinem Willen nicht zugänglichen Dunkel der innren Vorgänge sich ein Plaidoyer des natürlichen Egoismus vollzog, einflüsternd, er möge auf den schon gewiesnen Weg nicht folgen.
Wichtiger als dieses Rudiment einer Versuchung war, daß ihm die Rückkehr aus der absoluten Sphäre, in der es keine Wertung gab, in die praktische, in der er, nach eignem Entschluß, Stellung nehmen mußte, als das Ende der schönen, naiven, überlegnen Zeit erschien; solang sie angedauert hatte, war der Krieg für ihn Verirrung der andren gewesen, die ihn nichts anging und erlaubte, abzuwarten, bis ein Geschehnis sich erschöpfte und nur eine Reihe neuer Zustände schuf, in denen es danach zu leben galt.
Es war nicht anders, als nehme er von seiner Jugend Abschied. Aber wie denn, dann war ja jene Zeit der Anschauung und der behaupteten Suveränität nur eine Vorbereitungsphase und er, Lauda, wie der Held eines Entwicklungsromans zu dem verurteilt, was er verwarf, dem System des Nacheinander, da dessen Wesen war, daß einer immer das letzte Erlebnis und die daraus gezogne Weltanschauung für die allein richtige hielt und seine Vergangenheit gering schätzte?
Was war mit ihm? Vorstellung von Klarheit, Helle, Heiterkeit, heidnischer Ablehnung der Feminität stand nicht mehr im Mittelpunkt, sondern entfernte sich wie ein Stern, der die Kulmination überschritten hat, stand seitlich. Und doch, wenn er an Thomas Schreiner oder die Russen auf dem See dachte, wußte er, daß seine Grundstellung den Dingen gegenüber bleiben würde -- was also lag vor?
Ein Zustand kam in dieser Nachmittagsstunde über ihn gleich der Selbstversenkung eines Buddhisten; Zeit und Raumgefühl hoben sich auf wie im Schlaf -- da _erkannte_ er das Gesetz, nach dem er lebte: Rückkehr in die gestaltete Welt war der Preis, durch den er sich den Aufenthalt in der anschauenden Sphäre stets neu erkaufen mußte; und sie war die Rechtfertigung dieses Aufenthalts. Dauernder Aufenthalt, ein für allemal feststehendes Philosophiesystem hätte den menschlichen Angelegenheiten entfremdet: er mußte sie von Zeit zu Zeit so restlos miterleben, als gebe es nur diese Arena.
Das Seltsame war, daß dieser Wechsel seinem Willen sich entzog; das Gebot stieg aus dem innren Kosmos, war nichts als eine Meldung der bereits vollzognen Verschiebung -- nie hatte er das Geheimnis der Vitalität stärker empfunden, fast war ein Grauen, als niste da unten in ihm ein zweites tierhaftes Lebewesen.
Und er ahnte, daß das Bewußtsein, auf die Dauer doch den Ideen, denen er sich nun hingeben mußte, überlegen zu sein, ihm nichts von den Kämpfen, nichts von den Qualen ersparen würde, die von denen, die er die Femininen nannte, erlitten wurden. Suveränität war ein Regulativ, kein dauernder Zustand des rotierenden Himmelskörpers Mensch. Ein Gefühl stellte sich ein ähnlich dem, als er von der Militärmaschine im Augenblick, als er die rettende Grenze hatte überschreiten wollen, gepackt worden war, Gefühl des Zwangs und vergewaltigender Monate, die unentrinnbar waren.
Suveränität war nicht behaglicher Landsitz eines, der klüger als die war, die sich in den Städten mühten; nicht Vorteil eines, der die andren für Narren erklären konnte, weil sie sich mit den Ideen herumschlugen; triumphierender Egoismus war nicht erlaubt.
II
Während Lauda sich zum Abend umzog, vernahm er im Garten die Stimmen der Gäste; man redete englisch, französisch und deutsch in reiner, schweizerischer und fremdländischer Aussprache. Als er ans Fenster trat, bemerkte er Graumann, den Mann, von dem Hannah geschieden war, so beleibt und lebhaft wie ehemals in München. Er war froh, ihn zu sehn, er hatte ihn gern, und es war ein bekanntes Gesicht.
Graumann unterhielt sich mit einem untersetzten Herrn, der Schweizer Dialekt sprach und aussah, als sei er gewöhnt, vor Volksversammlungen auf der Rednertribüne zu stehn, nicht eben wählerisch in Gesten und Argumenten. Da öffnete sich das Gebüsch, in dem d'Arigos Büste stand, und es trat ein junges Paar heraus, gleich durch herrenhafte Schlankheit -- Volk mußte empfinden: sie sind schön.