Nein und Ja: Roman

Part 2

Chapter 23,731 wordsPublic domain

Sie hatte das Pathos der Erschütterten, darnach war sie erschöpft; unmöglich zum Haus zu gelangen. Er breitete das Plaid auf einer Wiese aus, sie hatte Körbchen des Frühstücks mitgebracht. Danach schlief sie, er las; nach einer Weile sah er sie nach einem Buch greifen, ließ sie gewähren. Stunde des Mittagspans war vorüber, die hohe heiße Stunde des frühen Nachmittags kam. Da schloß sie das Buch und sagte:

»Es ist eine Szene darin, die Sie lesen sollen. Sie durchwühlt mich, führt zurück zu dem heute morgen Gefühlten.«

Er sah nach dem Titel, es war ein Roman, der die Erobrung Mexikos durch Cortez behandelte.

»Erzählen Sie aus Ihrer Erregung,« sagte er. Sie:

»Im Land der Azteken herrscht unerhörter Luxus und unerhörte Grausamkeit. Sie reißen den Gefangnen das Herz aus der Brust, bieten sich selbst als Opfer dar. Sie essen das Fleisch der Geopferten in Mais gebacken, nicht mehr Kannibalismus, religiöse Handlung. Ein Krieger hat sein Leben verwirkt. Man schmückt ihn, läßt ihm eine Woche lang jede Freiheit, er wird nun strahlender Gott geheißen, der unter Menschen weilt, jede Frau, zu der er geht, muß ihm zu Willen sein; doch bei diesem ist sein junges Weib, die zärtlich Schöne. Am letzten Tag setzt man ihm ein Gemüse vor, darin sind die Geschlechtsteile seines Weibes gekocht, er ißt, unbeschreiblich Schmerz, Stolz, Demut in ihm. Danach geht er zum Tempel, um sich das Herz aus der Brust reißen zu lassen; Volk bewundert, liebt und bleibt doch mitleidlos. Ist diese Mitleidlosigkeit nicht Sinn für ein Gesetz über uns, Symbol einer Philosophie, in der das Heroische noch die Größe des Barbarischen hat, die Götter grausam sind? Welch tiefer, gerechter Sinn, den Todgeweihten zum Gott zu erheben, solang er noch im Licht lebt, denn das Jenseits ist unsicher. Ist das Schlachten der jungen Frau und der teuflische Einfall, ihr Weiblichstes dem Gatten vorzusetzen, kannibalisch?

Ich fühle die Idee, die denkende Verkettung, die Dämonie darin, die Inbrunst, die Menschen heißt, Reiche zu gründen und Blumenfeste zu feiern, und den Stoizismus, der von Tod und Schmerz als den elementaren Wirklichkeiten weiß. Ich mag nicht mehr denken, denn die nächste Frage ist: waren die Deutschen nur Dummköpfe und Verbrecher, als sie den Krieg zur Achse ihrer Zivilisation machten? Waren die Spanier, Herde von Abenteurern, besser als die Azteken, die sie ausrotteten, um des Glaubens und Gottes willen?«

»Verbrecher und Dummköpfe waren jene nicht,« antwortete Lauda, »selbst ihr Einfall in Belgien war nicht schlimmer als der Krieg, den Engländer gegen Buren führten. Expansion und Imperialismus eines Volks sind biologisch oder philosophisch gesehn nichts als das Bestreben eines Kosmos, der in sich einheitlich rotiert, die Nachbarzellen in sein System einzubeziehn und zur Stoffwechselgemeinschaft zu zwingen. Es ist der Grundvorgang alles Geschehns, und diese Vitalität empfanden die Deutschen wohl, sie hatten eine Philosophie, die auf die ältesten Urzustände zurückgriff. Und doch ist diese Philosophie ein verlorner Posten, denn der Mensch ist, wie jeder Kosmos, dem Gesetz der Mutation unterworfen. Schon die Bildung eines in sich rotierenden Kosmos ist Überwindung des Urzustands, in dem Zelle Zelle auffrißt. Zelle und Zelle gehn bereits eine Gemeinschaft ein. Der Begriff der Brüderlichkeit, der als Idee Güte heißt, beginnt den Kosmos von sich aus umzuschichten. Das ist der Sinn des christlichen Begriffs und seine Überlegenheit, die auf die Dauer den Sieg über die grandiose Barbarei eines aztekischen Systems davonträgt. Flache Köpfe sagen, der Krieg sei eine Verirrung, klare leugnen nicht, daß er der Vater aller Dinge war, aber sie fügen hinzu, daß er veraltete Methode geworden ist. Es gibt ja zwei Grundtatsachen der Existenz, ich und die andren, deshalb sind Egoismus und Brüderlichkeit gleichberechtigt und der Brudergedanke zuletzt der stärkre. Die Deutschen werden den Krieg verlieren und büßen, wie nie in zivilisierter Zeit gebüßt wurde; sie werden nicht nur für sich büßen, sondern für alle andren, die erst im Begriff sind, das kriegerische Prinzip aus sich auszuscheiden -- sie werden also für die Gesamtheit der Völker ein Problem, das ein wahres Menschheitsproblem ist, durchkämpfen, und die andren werden von diesem Bruderdienst nichts wissen, sondern nur rufen: kreuzige sie. Das wird die Ungerechtigkeit sein, gegen die Deutschland wehrlos ist, und es wird seine Entsühnung sein. Fühlt man das, so ist es schwer, noch zu der Schuldfrage in der Tagesform Stellung zu nehmen. Aber es wird gut sein, von dieser höchsten Betrachtungsweise gar nicht zu sprechen, weil es neben ihr, der elementaren Sphäre, die Fordrung der praktischen Welt gibt, in der man nicht anschaun, sondern Stellung nehmen muß.«

Hannah sagte, zärtlich für einen Augenblick das Sie verlassend:

»Du sprichst weise wie ein Gott, erhaben und unberührt. Sagen Sie mir, ob Sie nicht auch wie ich vorhin das Bedauern empfinden, daß die großen elementaren Perioden so in uns sterben müssen und nur noch in Büchern mühsam rekonstruiert werden, unverweilende Erregung einer Stunde.«

»Als ich gestern das Tal herauffuhr, beobachtete ich, daß mitten in Mulden, durch die nun die Eisenbahn läuft, Moränenreste, ungeheure Ablagrungen von Gletschern liegen, die auch die Wände des Tals bis zur äußersten Höhe ausgeschliffen haben. Ihre Zeit ist vorüber. Als ich heute auf der Höhe stand, bleichten zwischen Moosteppich und starrenden Tannen Blöcke wie ein entblößter Kirchhof von Mammutschädeln. Die Zeit der Mammutschädel ist vorüber. Auch die Natur ist an das Nacheinander gebunden, und was uns erlaubt wird, ist, als späte Nachkommen eine Erinnrung an das Elementare zu haben. Wir sind mehr als alles an das Nacheinander gebunden, und unsre Kunst ist in ihrer letzten Absicht ein Versuch, die Möglichkeit, die nicht mehr besteht, zu rekonstruieren; Kunst ist Ergänzung.

Aber wer sagt, daß darum ein aufwühlender Eindruck wie der Ihrige nur Unterhaltung einer Stunde sei? Er durchsetzt Sie ja, wird weiter wirken und vielleicht schon heute abend einen Einfluß auf die Gestaltung Ihres Lebens haben, der ohne diese Lektüre unmöglich gewesen wäre. Wenn es uns gelänge -- vielleicht gelingt es einmal -- eine einzige unsrer Ideen in ihrer Chemie darzustellen, dann würde sich zeigen, daß in einem Traum, einer Handlung, einer Vorstellung dieselben Elemente gebunden sind, die in irgendeinem heroischen Zeitalter ungebunden, elementar vorhanden waren. Um ganz weise zu sein und Ihr spöttisches Kompliment zu verdienen: alles ist Variation, fortwährende Verbindung und Scheidung, nur das Format wird immer kleiner und reduzierter.

Die innre Kosmogonie ist noch nicht gefunden, wäre sie es, würde ich sagen: Hannah, Sie sind ein Stern aus Milliarden Sternchen, ich neben Ihnen wie Jupiter neben dem Abendstern; das ist die neue Religion, des Himmelskörpers Mensch. Es gibt einen Grad von Identifikation mit den Mitmenschen, der mir manchmal wie Irrsinn erscheint. Ich sehe eine Frau und philosophiere von ihren Hüften aus, fühle, höre das Rasen ihrer Zellen, steige in ihren Säften, breite mich in ihren Ästchen aus, aufgehoben jede Fremdheit, jeder Ekel. Lust, nach ihr zu greifen, sie durch Akt des Eros in mich zu überführen, dieses kannibalische Stadium, das wir Liebe nennen, wird ersetzt durch das geistige und darum nicht weniger absolute, mich in ihr zu wissen, Blutkörperchen in ihrem Blut.«

Sie sah ihn unsicher an, ihr Mund öffnete sich, zweimaliger Ansatz zum Reden, und Lauda bereute ein wenig, das Gespräch in jene Region geführt zu haben, wo alles Geistige zur primären Sinnlichkeit zurückkehrt, aber sie bezwang sich, fragte ablenkend:

»Und was haben Sie gelesen?«

»Das Eingangskapitel von Eugenie Grandet. Es ist bewunderungswürdig. Das ist Diktatur des Geists, die einzige, die erlaubt ist, Architektur einer Intelligenz, die alle Erscheinungen der realen Welt in Bausteine auflöst, aus denen das Fundament aufgeführt wird. Es ist die anschauliche irdische Welt, die Welt der Anwendung, nicht der Ideen, in denen ich mich bewege. Aber in meiner Welt nicht weniger klar, fugenlos, überlegen zu sein, das ist das höchste Ziel, das noch locken kann. Nur ein Franzose kann Balzac sein, kein Franzose kann der Balzac der elementaren Welt sein, dem doch die lateinische Klarheit unentbehrlich wäre.«

* * * * *

Lauda lag im halben Schlaf und suchte den ganzen zu finden, indem er auf das Rauschen des Falls lauschte, der am Morgen wie der Silberbart Kühleborns gewesen war, da hörte er zweimal ein Steinchen durchs Fenster fallen.

»Auch Undine treibt ihr Wesen,« dachte er und trat in die Öffnung; weißes Gewand schimmerte.

»Ich kann nicht schlafen,« rief Hannah hinauf, »die Nacht ist warm wie im Juni, kommen Sie noch in den Garten?«

Sie hüllten sich in Mäntel und stiegen zur gemähten Wiese. Der Bär stand zwischen den Berghörnern, Venus leuchtete wie ein Hospiz auf dem höchsten Grat, die Milchstraße zog gleich Rauch eines Holzfeuers unter der Wölbung, als zwinge die Wölbung ihn, sich auszubreiten.

»Man muß es von unten sehn,« sagte Hannah und legte wie am Mittag den Mantel, »ich konnte nicht schlafen. Es machte wohl froh, mit Ihnen zu reden, alles Wirre ordnete sich durch Gespräch, Gespräch ist Entspannung. Aber als ich allein war, kehrte alles verstärkt wieder. Es ist ein Unterschied zwischen uns, der des Geschlechts. Mann, der philosophiert, wohnt in seinem legitimen Reich, Frau fühlt nur ihre Tragik. Was haben wir? Die Sehnsucht nach dem Druck, der über uns komme; was sind wir? Die nicht in sich selbst Schwingenden, die Kosmen ohne eigne Achse, um mit Ihnen zu reden, diejenigen, die Geistiges, wie wir es heute sprachen, erst ganz begreifen, wenn es in die Feststellung der letzten Sinnlichkeit einmündet. Warum fügten Sie diesen seltsamen Schluß hinzu, dieses Wort vom Von-den-Hüften-Philosophieren? Ich bin so weich geworden, es widerstrebt nicht, einem Mann zu gestehn, daß ich ihn nicht erreiche. Ich habe in diesen zwei Jahren alle kennengelernt, die in diesem Land für die Selbständigkeit der Frau streiten. Das Höchste, auf das sie hoffen, ist Wahlrecht und Bankkonto ohne Unterschrift des Manns. Es ist eine Fordrung der praktischen Welt und der sanft gewordnen Zivilisation, in der Bahnen fahren. Dahinter liegt die elementare, wie ist ihr das Wahlrecht gleichgültig. Was bin ich? Ein Mensch, täglich dem Einbruch der elementaren Sphäre in die gesittete ausgesetzt. Ahnen Sie, wie er zerrissen sein muß? Was ich Ihnen von dem Verlangen sagte, die Wahrheit durch Zweifel und Haß zu erkaufen, ist nichts als die nie gestillte Begierde, des Elementaren teilhaftig zu werden, damit Existenz in Ordnung erträglich und nicht als feige Lüge empfunden werde. O Freund Lauda in schweigender Nacht, die Dinge des mexikanischen Romans haben mich tiefer aufgewühlt als das extremste Programm. Helfen Sie einem Stolz, der vor Ihnen das Visier öffnet. Sei mir Bruder, da Brüderlichkeit Gerechtigkeit ist.«

»Brüderlichkeit,« antwortete er so leise, wie sie gesprochen hatte, und ihr so nah wie sie ihm, »ist ein andres Wort für Inzest. Bruder nimmt die Schwester, es vereinigen sich die Getrennten. Wenn wir anfangen, geistig zu sein, überwinden wir die Sinnlichkeit, wenn wir es ganz sind, kehren wir zu ihr zurück. Ich wehrte mich, es ist gleich, was geschieht. O warme, brennende Schwester.«

In seinem Arm sagte sie:

»Ich gebe hin allen Fortschritt des Jahrhunderts, könnte ich jene Prinzessin sein, deren Geliebter Gott wird, bevor er stirbt. Er wählt sie unter allen, die ihm erlaubt sind, er könnte in den Nächten sie töten, um sie der letzten Grausamkeit zu entziehn, er tut es nicht, man muß sein Schicksal erfüllen. Sie stirbt vor ihm, aber während man sie verstümmelt, fühlt sie die Lust, daß er von ihr essen wird, er Held, für den es keine Auferstehung nach dem Tod gibt.«

Am nächsten Tag erfüllte sich die Szene, die ihn am Morgen vorher imaginär zur Flucht getrieben hatte. Er stand beim Gärtner, da kam Hannah aus dem Haus, an der Hand das Kind. Kein Grund mehr, zu widerstreben, Tat ist gerecht, so einfach. Es war ihm fremd, beim Anblick einer Frau, die sich in der Nacht in seine Arme geflüchtet hatte, am Morgen zu denken, nun sei »alles geändert«, Recht oder Verpflichtung entstanden. Es war auch ihr fremd; Wärme, im Druck der Hand verspürt, war gewachsen, darum nur sachlicher geworden; zwangloser Stolz in ihr, gute Haltung.

Das Kind, abwechselnd zwischen aufrechtem Gang und Kriechen, war unbefangen zu ihm, er zu dem Kind. Seejungen nannte er es, Hannah sah ihn verwundert an, er sagte:

»Auf einem bayrischen See gezeugt, am Zürcher geboren, aufwachsend am Brienzer.«

Sie lächelte, führte ihn in die Ecke des Gartens, bog Gebüsch zurück, zeigte die Statuette eines Jünglings; in der wolligen Haarschur, die wie die eines Stiers war, leise Andeutung tierischer Ohren.

»Pan, von dem du an jenem Tag in Bayern sagtest, er sei nicht bocksbärtiger Faun, sondern Jüngling aus den olympischen Spielen. D'Arigo machte ihn, ein deutsch-spanischer Künstler, der Ähnlichkeit mit dir hat, ich lud ihn auf morgen, mit noch einigen.«

»Laß ihn in die andre Ecke Eros stellen, der die Spannung löst, froh macht, straff, untragisch, wie du heute bist.«

»Ja, seltsam ist es; heute nacht konstruierte ich mir die nächsten Tage mit dir, die letzten vor der Abreise: voll Dunkel, gewalttätig gegen mich selbst sein, gewalttätige Liebe suchen, dann wie eine aufgewühlte Schauspielerin, Gefäß des Tragischen, dorthin reisen, wo das Geschick ins Maßlose wächst, Untergang eines im Bürgerkrieg zerfleischten Volks ist -- nichts von allem mehr heute morgen, klar, froh, so hell die Tage vor mir, hinter dem Gewitter.«

»Nein, wir sind nicht gemacht,« bestätigte er, »im Dunkel zu weilen, seßhaft zu werden in Selbstzersetzung, letzte Heiden, erste wieder.«

Sie war ihm nah, wie nie vorher, es verband ihn mit ihr das Gefühl, Vorstadium der Annäherung, suchendes, zehnmal in Frage gestelltes, sei überwunden, durch Gespräch und durch Handlung; Abstimmung sei erreicht, die große Parallelität, jeder für sich, einer neben dem andren. Ritterlichkeit, die sich um den Freund kümmert, war nicht mehr lügnerische Galanterie -- Herzlichkeit der Selbständigen.

Bukolischer Tag ward Belohnung solcher Harmonie; Villa im Sinn des Horaz lag am alpischen See unter Bergen, die am Abend rosig erglühten; Verse des Horaz waren nicht mehr gewärtig, aber ihre Rebe und Ulme; kühler Wein zu Mittag, Schatten zum Vesper, Forellen am Abend. Es formte sich das Ideal künftiger Lebensmöglichkeit: ein Haus zu haben in Landschaft, über die die Schauspiele des Himmels ziehn, Sitz der Ruhe und des bestellten Bodens; Gegengewicht gegen Geistigkeit, Obst züchten und Gemüse. Wandrer hätte einen Ort, wo seine Habseligkeiten, Bücher, Gesammeltes waren -- Ort, von dem er aufbrechen, zu dem er zurückkehren konnte; Märkte beliefern oder auch nur den eignen Tisch; Fischfang treiben und ländlichen Wein keltern.

Lauda verriet Hannah nichts von ersten Gedanken, damit sie nicht Pläne machen würden; aber als sie sah, daß er sich vom Gärtner Sinn jedes Beets erklären und um den Bezirk des Guts führen ließ, sagte sie:

»Es bleibt ungenutzt, wenn ich fort bin, der Bonne, dem Mädchen und dem Gärtner überlassen; ich wage nicht, ihnen zu sagen, wie lang und wie weit ich fortgehe. Bleibe hier oder benutze es zu Aufenthalten. Mir wäre es ein Dienst und verringerte Sorge um das Kind, dir eine Annehmlichkeit.«

* * * * *

Er saß an ihrem Schreibtisch und dachte: »Ist es poetische Reminiszenz an Romane, ist es Atavismus aus Zeiten, in denen die Menschen nachts zusammenkrochen, ist es einfach Wirkung bürgerlicher Zustände, die die vierundzwanzig Stunden in beschäftigten Tag und freie Nacht teilen -- Hannah zeigt wie alle den Wunsch, Liebesstunde in die Nacht zu verlegen. Vielleicht ist es auch der Reiz, eine doppelte Existenz zu führen, tagsüber die eine nichts von der andren wissen zu lassen, den Mann und sich selbst durch den geheimen Gegensatz zu erregen. Wie dem auch sei, mir ist Eros in Tag und Licht am nächsten.«

Er sah ein Heftchen liegen, seine Leere lockte ihn, es zu beschreiben. Unerwarteter Gedanke bot sich an, es mit Feststellungen zu füllen, die sich von allen andren seiner Selbstbeobachtungen durch die Überzeugung unterschieden, daß sie nicht nur halbwahr, sondern von diktatorischer Bestimmtheit seien. Er schrieb der rücksichtslosen Diagramme Laudas erstes:

»Er liebt die Liebesstunde im hellen Tag, denn er will nicht im Dunkel der Frau zerfließen. Sinn der Liebeshandlung ist wohl, daß vom Ganzen abgetrennte Partikelchen zum Ganzen, noch nicht Geteilten, zurückkehren; darum warten die meisten die Nacht ab, Symbol der Rückkehr ins Primäre. Er aber wollte, _weil_ er diesen Sinn fühlte, die Selbständigkeit nicht aufgeben, darum liebte er den Nachmittag, der erlaubte, danach nicht in Schlaf zu versinken, sondern im Licht zu bleiben. Den Verzicht des Partikelchens auf seine Individualität erreichte er auf andrem Weg, indem er die Frau zwang, mit ihm dem dritten Gemeinsamen, der Körperlichkeit, zu opfern, und ersparte ihr dadurch die verlogne Sentimentalität, daß sie glaubte, er gehe in ihr auf, oder sie in ihm.

War aber die Frau von Natur aus sentimental, dann verstand sie solche Parallelität nicht, und stellte fest, daß er den >Mensch in ihr beschmutzte<, denn um das körperliche Opfer, die Bereitwilligkeit zur sachlichen Lust, als reinliche Handlung zu empfinden, in der einer dem andren nur einen Dienst erweist, dazu gehörte das Vermögen, die Würde der Persönlichkeit als Fiktion zu erkennen, unpersönlich, herrisch, elementar zu sein. Aber auch feinfühlige Frauen litten durch ihn, weil sie fanden, daß er sie in sinnlichen Fordrungen, sinnlichen Deutlichkeiten zu weit führe, und sie wahrhaft nackt, seelisch nackt vor ihm waren, der ihnen nicht den Mantel der Scham ließ. Eine Frau mußte von äußerster Leidenschaftlichkeit, also individueller Begierde sein, also Hingabe nicht >nur um seinetwillen< vollziehn, und sie mußte die äußerste Gewißheit seiner Freundschaft besitzen, um nicht plötzlich in höchster Lust ihrer Einsamkeit bewußt zu werden oder ihre Sicherheit zu verlieren; sie hätte vielleicht weniger Deutlichkeit, weniger Sachlichkeit verlangt, denn wenn er von ihr ging, war ihr das Mysterium für alle Zeit entschleiert und es blieb eine Kenntnis ihrer Sinne, die zugleich wie ein brennendes Gift weiterwirkte und die Begegnung mit einem andren Mann matt erscheinen ließ, in dessen größrer Rücksicht sie die Klarheit Laudas vermißte.

Das fühlend litt er an sich selbst, nicht in dem Sinn, daß er sich für einen Zerstörer hielt, aber die Zerstörung feststellte. Gab sich ein junges Mädchen in seine Hände, wurde es unter ihnen reif -- das war Zerstörung und doch nach seiner Auffassung Erfüllung ihres Schicksals. Löste sich eine Frau von ihm, fluchte sie ihm vielleicht und verleugnete ihn -- es war zu ertragen.

Er sah durchaus, wie das Positive seines Naturells von einem andren Gesichtspunkt her negativ wirkte: zu wenig Güte, zu wenig Bereitschaft, in seelischen Bezirken zu weilen, zu kurze Behandlung des sogenannten Menschlichen. Er konnte nur sagen: Mensch wird dem Mensch Schicksal. Jene Männerauffassung, die in der Frau das Beßre, Höhre, Reinre suchte, war nicht in ihm, weil er sie Auslegung nannte, tiefer sah, wenn er dem unberührtesten jungen Geschöpf begegnete: die Zärtliche in weißen Mädchenstrümpfen war doch Gefäß aller Erregungen und forderte heraus, auf den Weg des Erlebens gestoßen zu werden -- ihr unbewußt, aber er empfand es, dachte nicht wie andre Männer: sie muß geschont werden, sondern: sie will nicht zu sehr geschont sein.

War eine Frau ihm nicht restlos gut, nannte sie ihn sinnlich. Es war wahr und sagte doch nichts aus: er konnte ganz neutral mit ihr verkehren, mußte sie nicht >haben<, aber solche Beziehung war eine Möglichkeit und das Gegenteil eine andre, jene nicht moralisch besser, denn Unsinnlichkeit ist kein ethisches, sondern ein geistiges Prinzip, Vorgang in einem, der manchmal die Sinnlichkeit aufheben muß, um nicht von ihr abhängig zu sein. Er glaubte also in dieser Frage ganz sachlich zu sein, was auch hieß, daß er ganz seinem Naturell treu war. Von andren her hatte sein Naturell Grenzen, von ihm, Lauda, her gab es sich Grenzen, indem es das ausschied, was nicht zu ihm paßte, zum Beispiel Übermaß des Seelischen.«

* * * * *

Nach dem Abendessen wollte Hannah auf dem See rudern, vorausgesetzt, daß er eine halbe Stunde wartete, bis das Kind zu Bett gebracht war. Sie forderte ihn auf, zugegen zu sein, aber es lockte ihn nicht. Er leugnete nicht, daß kleines Kind, rosig unter dem Schwamm strampelndes, hübsch anzusehn war, aber er mied noch die Sphäre des Kinds. Eine junge Frau hatte ihn einmal gefragt: Sind Kinder nicht das Wertvollste, was wir haben? Er verstand es von der Frau aus, aber nicht vom Mann. Die junge Frau, vor der noch das eigne Leben lag, fand das Wertvollste schon außerhalb ihrer selbst; vor fünf Jahren war sie noch selbst Kind gewesen -- erwuchs sie, ging alsbald der Wert von ihr auf die Jüngren über. Sich in dieses Nacheinander einzuordnen, solche Verlegung auf die Zukunft der Rasse war ihm undenkbar. Der erwachsne Mensch war ebenso wertvoll.

Er rief Hannah zu, daß er vorausgehe, stieg zum See hinunter. Ein Igel lief über den Weg, er hob ihn auf, sah ein auf Märchenformat reduziertes verrunzeltes Menschengesicht zwischen winzigen Ärmchen, rückwärts in Urzeiten verzaubertes, nahm das Tier ins Boot und fuhr nun selbst rückwärts in Urzeiten. Düster der See, wie im Pfahlbaualter, feucht, vom Schatten der Berge belastet. Stärker mit jedem Tag wurde ihm die Fähigkeit, sich aus der Gegenwart zu lösen, fünfhundert Jahre rückwärts, fünfhundert auch vorwärts zu denken. Märchen des Mönchs von Heisterbach wurde dank Übung eines Hirnmuskels Wirklichkeit, und entspannte sich durch die Konträrfigur Chidhers, des ewig Jungen, der, wenn er wieder des Wegs gefahren kommt, Hirt mit dem Stab findet, wo eine Stadt gestanden war.

Aus dem Ablauf der Geschehnisse, aus der Kette der eignen Tage heraustreten können, sich dem Ablauf entgegenstellen, die Zeit aufheben, das gab das spezifische, ihm eigentümlichste Gefühl, in den Ereignissen seines Lebens nur Gast zu sein, der ganz da ist, danach ganz fort sein wird. Das hieß auch, daß eigentlich die andren das Leben ihm vorlebten, er nur Zuschauer war: er sah die Gefahr. Erhob er seine Wanderschaft zum Prinzip, dann schloß er sich nicht nur aus, das wäre das Geringste gewesen -- er wurde auch abhängig vom Prinzip, sein Träger.

Ausweg war, zu wechseln; aber Wechsel war selbst wieder nur ein Prinzip, das von andren Möglichkeiten ausschloß. Andrer Ausweg: die Ergänzung im Geist vollziehn: entweder Wandrer bleiben und die Seßhaftigkeit der andren nicht mißachten, oder selbst seßhaft werden und den Vorbehalt, daß das nur eine Handlung der praktischen Existenz ist und durch die Idee des Wanderns relativ wird, frisch erhalten.

Immer schloß sich der Kreis, Ja und Nein gingen ineinander über. Das war die allgemeine Richtung seines Denkens, aber das Problem von Tat und Betrachtung, Praktisch und Elementar, Ja und Nein darum noch nicht gelöst. Er begann zu ahnen, daß er selbst in die Sphäre der Tat geführt werden mußte, daß er irgendwelchen großen Entscheidungen nicht entgehn konnte, daß er sich ganz in Bindung im Dienst eines menschlichen Glaubens begeben, in irdischer Tätigkeit verwachsen, und danach schmerzhaft sich losreißen mußte. Die Ehe mit Claire war eine solche Arena, in der Ja und Nein miteinander stritten, aber es gab wichtigre Angelegenheiten als die Ehe, sie lagen in der Sphäre des Sozialen. Hannah fuhr nach Rußland, und er fühlte: diese Sozialisten, die heimkehrten, um Revolution aus dem ersten Stadium ins zweite, dritte zu führen, wuchsen in Möglichkeiten, die das Problem der Tat geschichtliches Format annehmen ließen.