Nein und Ja: Roman

Part 18

Chapter 183,691 wordsPublic domain

Stärker mit jedem Tag wird mir der Widerwillen, im absoluten Denken das Totalitätsgefühl, dieses Umfassen alles Lebenden, zu entfesseln, und es im Praktischen zu unterdrücken. Im Totalen schwingen ist Naivität, die Ehe hemmt sie -- sie sind unvereinbar. Hier ist der Punkt, wo ich mich zuerst hart zu sein zwang, dann hart sein konnte: nicht das tun, was alle tun, den Kompromiß schließen, schon geschlossnen rückgängig machen. Viele unternehmen Vorstöße in die Erkenntnis, fast keiner geht zu Ende; der seltenste Mut ist, nicht zurückzukehren.«

»Sublimierter Egoismus,« sagte sie matt.

»Dein Recht, so zu sagen, und doch nur Feststellung des Geopferten. Es ist nicht gut, Bekenntnis in diesen letzten Dingen zu erzwingen, weil der Bekennende seinen Egoismus mit dem Hermelinmantel des höheren Rechts auf Egoismus drapieren müßte. Laß mich es anders sagen. Als ich dich am Steg in Empfang nahm, dachte ich nicht an mich, sondern an dich. Leid kann ich dir nicht ersparen, aber es kürzen. Es ist Konstruktion, an die schöne Kammlinie der Höhepunkte zu glauben, sie genügen nicht, jedes Geschöpf will Dauer, es will Sicherheit und im Tal wohnen. Solcher Konstruktionen werden im Tag fünfhundert gemacht, Verabredungen tausend getroffen, weil schon gewonnene Erkenntnis überdeckt wird. Sie nicht überdecken, ist neue Moralität, des Mathematischen.«

»In das ich dir nicht folgen kann.«

Er fuhr fort:

»Weshalb nicht? Es ist nicht so schwer. Du verstehst, wie die Kirche dazu kommen konnte, dem Priester die Vermischung mit der Frau zu verbieten, oder wie religiöse Menschen sich die absolute Enthaltsamkeit auferlegten: weil die Frau in die reinliche, ewig mit sich selbst identische Rotation dieser Menschkosmen eingegriffen hätte. Nimm jemand an, der zwar nicht mehr religiös im Sinn des Kirchlichen, gleichwohl von ihrem Blut ist. Da er das Geistige soweit vortreibt, daß es sich mit dem Sinnlichen wiedervereinigt, kann er nicht mehr asketisch sein, aber er wird die Bindung durch die Frau vermeiden, die in diesem Zusammenhang Bindung mit der Sphäre des Geschehns, des Irdischen, Nurmanifestierten, Sozialen ist.

Wiederum, man soll dieses nicht breittreten, noch zum Programm erniedrigen. Es für einen Augenblick tuend darf ich sagen: wessen Anschauungsform die des Totalen ist, so daß er neben dem einzelnen Geschöpf die Summe aller andren sieht, kommt, soweit er sinnlich ist, dem Inzest nah; das, was vom Geist her umfassende Liebe ist, wahrhaft katholisch und demokratisch, wird von den Sinnen her Schamlosigkeit -- sublimierte, dürftest du wiederum sagen.

Du weißt nicht, wie oft ich am Eingang der Askese stand. Sie ist nicht der Aufhebung fähig, zwingt finster zu werden, nicht heiter zu bleiben, wird Dämonie. Behaupte dich gegen Dämonie, das ist Lauda, dein Freund.«

»Also ist auch Ehe Dämonie?«

»Ganz recht, die kleine.«

Sie schwieg, er wandte sich langsam zurück, stieg abwärts. Sie folgte ihm, nahm seinen Arm und -- war heiter. Er empfand wie sie und sah die Gefahr. Heiterkeit war nicht Abschluß, nur Befreiung durch Aussprache, Überblick vom Punkt aus, an dem sie jetzt standen. Und bevor sie das Haus erreicht hatten, merkte er in ihr das Sinnen dessen, der die ihm gebliebenen Kräfte sammelt.

Das war der Augenblick, von dem geschrieben stand, daß am Ende aller Begegnungen, der vertrauten, gequälten, haßerfüllten sogar, die Umarmung stand, Aufhebung des Wühlens im Wort und des Bewußten. Vielleicht dachte sie daran, daß er es einmal ausgesprochen hatte. Er begann am Abend mit Absicht von Berger zu sprechen.

»Ich konnte,« sagte sie, »ihn nur mit deinen Augen sehn. Die benennenden Worte fehlten mir, ich fühlte nur: sein Zustand des geistigen Menschen war anders als deiner. Denken hieß ihm, Bücher von der Bibliothek nach Hause tragen, mit grübelnder Falte sich in sie versenken. Dann kam, was er Verarbeitung nannte, und es war oft Vergleichen mit dem, was wieder andre geschrieben hatten. Ernst um ihn gab mir seltsame Wünsche ein, die wohl der Frau eigentümlich sind: ihn zu stören, seine Ideenreihungen zu verwirren. Ich wußte nicht, ob es boshaft war oder Wiederherstellung der von ihm vergeßnen Welt.

Dann besiegte er mich jedesmal, weil er mir von dem erzählte, was ihn beschäftigte. Er glaubte inmitten alles Verhärteten und Hochmütigen, das grauenhaft im Krieg geschah, so unerschütterlich an das Gute, daß man fühlte: auch das ist Wille, Männlichkeit, Widerstand. Und diese Güte war in ihm selbst. Er sprach nie gegen dich, aber er ließ mich fühlen, daß er dein Schweigen verwarf. Ich konnte mich öffnen, und selbst die Anfechtungen der Enthaltsamkeit wurden menschliche Angelegenheit -- nun war es wie bei dir.

Es kam ein Abend wie dieser, warm durch Ofen und Licht, von Regalen umstellter; ich ging nicht, wollte die Tat tun, damit sie vorwegnehmend den Zustand schuf, dem sie folgt, wenn sie natürlich ist; an diesem Tag war die Nachricht gekommen, daß du durch deine gewollte Tat nie mehr zurückkehren werdest. Wie war ich in so erzwungner Sinnlichkeit matt. Er sah nur die Entfeßlung, es war dann durch Tage Scheu in ihm vor dem Körper des Weibs, als habe sich ihm ein unreines Geheimnis enthüllt; er nahm mich an der Hand, begann mich einer ruhigen Innigkeit zuzuführen, in der Umarmung nur Vertrautheit ist.

Wie wenig stark wir sind; gewähren wir Zeit, formt uns jeder Mann. Als ich die Wandlung fühlte, floh ich, zwischen die Männer Gestellte, jeden in mir tragend, hilf mir.«

»Helfen kann nur, wer sich selbst anbietet oder ganz ausschaltet. Mich ausschaltend wäge ich Berger und Lauda ab und weiß: bei jenem ist die Sicherheit, die Treue und das Angebot, Gefährtin der geistigen Arbeit zu sein. Bei mir ist nichts als Begegnung auf Zeit. Du bist mir nah, die milde Stunde bringt Sehnsucht nach deiner Liebe. Ihr nachgeben ist schön, aber morgen früh wäre jeder Schritt, der dich befreite, rückgängig gemacht, Gewinn eines Jahrs zerstört. Ist sich begegnet sein nicht genug, vermag der Mensch nicht so stark zu sein, daß es genug sein könnte?«

Sie kniete neben ihm, sah ihn mit tiefen Augen an:

»Als ich kam, tobte Schlechtes in mir: daß du mich nähmest, ob du mich behalten wollest oder nicht --, nur genommen werden, um ein Gut, das du verschmähst, zu beschmutzen, und ihm, der es heilig zu halten versprach, beschmutzt zurückzubringen, als ob ich Rache an ihm nehmen müßte, bevor ich bei ihm bleiben kann. Mir war, als seien es deine Gedanken, in mir. Leugnest du, daß du so denken könntest? Ich gebe mich in deine Hand.«

Er zog sie an sich, lag mit ihr in schweigender Umarmung, letzter, reinigender; den Sinnen verwehrte Kraft strömte dem Sinnen zu über Menschen bewegende Dinge. Als die Weinende in Schlaf sank, stand er auf und schrieb.

Gleiten der Feder über das weiße Papier ward Laut der Ewigkeit, es rollte die Zeit in den Abgrund, aus dem die letzte Lockung kam: nimm was sich dir bietet, Tor ist, wer verschmäht.

»Stark ist, wer sich beherrscht,« antwortete er.

»Abhängig wird, wer Beherrschung über sich setzt.«

»Nichts wird Dämon werden,« verwies er, »morgen wird Claire in wunderbarer Scheu leise zärtlich sein, nicht mehr erreichbare Geliebte.«

Aber einige Tage darauf sah er, daß sie viel zu liegen begann. Aufblühende junge Frau, war sie nicht krank. Da sagte sie ruhig:

»Ich wußte es noch nicht ganz, als ich kam, und ahnte es doch. Aber nun ist fast Gewißheit seines Kinds.«

Er telegraphierte Berger zu kommen. Das Telegramm wurde an der Grenze zurückgewiesen, er sandte es danach in ihrem Namen. Zwei Wochen später erwartete er Berger am Schiff. Der Begrüßende suchte in seinem Gesicht zu lesen, Lauda dachte im Flug eines Augenblicks: es ist undenkbar, daß ich je mein Schicksal so von einem andern entgegennähme; dann: was besagt es? Nichts, es fehlte diesem nur das letzte Glied der Kette, an die er sich binden will -- in der Sekunde, da er die Gewißheit erhält, wird die Kette Kreis, Eisenband um den vollen runden Kosmos, der nun die doppelte Schwingung gefunden hat, eigne um sich selbst und um die Frau -- er ist ein ganzer Mensch und jener einer, die nur einmal lieben.

Liebe war: sich Ordnung geben, darum wurde sie die Eheweisheit des Bürgers, der wie der höchste Geist Ordnung suchte; aber sie war nicht das einzige Mittel, Ordnung zu finden -- das war alles, was sich vernünftigerweise in dieser Frage sagen ließ. Jeder suchte das Mittel, das ihm erlaubte, geschlossen in sich zu rotieren.

Wenn die Menschen über Wert oder Unwert der Ehe diskutierten, bejahten oder verneinten sie immer bedingungslos; aber Nein und Ja waren nur relative Wahrheiten; nur Aussagen über das einzelne Naturell waren erlaubt, in allen irgendwie gearteten Problemen der praktischen Sphäre.

Durch Bergers Anwesenheit verschob sich die Konstellation der handelnden Personen, Claire stand nun von Lauda entfernt, Lauda einsamer und fester; er war der, der Gäste bewirtete.

Claire sah ihn bisweilen verwirrt an, schmerzhaftes Starren und brennende Erinnrung; ihm begannen sie schon Ehepaar zu sein, das gemeinsam auftritt, Phalanx verbündeter Interessen -- unmerklicher Überdruß des Fremden vor solchem Bündnis. Da sagte Claire zu ihm:

»Ich fühle, was in dir vorgeht. Bist du nun der, der nicht durchführen kann, was er selbst begründete? Würdest du billigen, daß ich übergangslos von einem zum andern wechsle? Ich finde es vor mir selbst nicht abstoßend, daß ich wechsle, nur unsagbar seltsam; es ist, als sähe ich eine Unzahl von Stationen vor mir, endlos wie gespiegelte Türen, durch die man einen Pfeil schießen könnte -- sind sie alle durchwandert, wird die Wandlung vollzogen sein. Ich weiß nicht, ob es niederziehend oder tröstend, ob es Güte der Natur oder vernichtende Aussage über die hohe Idee der Liebe ist.«

»Es ist tröstend und Güte,« antwortete er, »schiebe die Zwischenglieder ein, verweile bei allen, und jede für undenkbar gehaltne Mutation ist möglich.«

»Verstehst du, daß mir der Wunsch, reinlich Entfernung zwischen uns zu legen und in den Tagen bis zur Abreise dich zu meiden, als armer Stolz erscheint, über den wir hinausgeschritten sind?«

»Lebte Hannah, wäre es mir ebenso natürlich erschienen, zwei Frauen, die beide mir Freundin sind, miteinander bekannt zu machen. Natürlichkeiten neuer Art kann nur schaffen, wer die alten der Eifersucht und des mißtrauischen Stolzes nicht mehr anerkennt. Haß, verwundete Würde, die Skala der Leidenschaft, das ist gut genug für französische Stücke, die der Tragödin, rollenfressendem Tigerweibchen, auf den Leib geschrieben sind. Das Tragische wird eines Tags so bombastisch und dumm sein wie jenes Drama Hebbels, in dem Vater, Tochter und Liebhaber Ehre wie Leben verlieren, weil das Mädchen ein Kind bekam. Überlegenheit, die das Schicksal gestaltet, wird auch ein neues Glück gestalten: Mensch stärker als die Leidenschaft.«

Berger bedauerte, seine Arbeit nicht mitgebracht zu haben, Darstellung der Wandlung des Offiziers zum religiösen Reformer. Lauda bot ihm Schreibtisch, Papier, eignes Zimmer; es erwies sich, daß Berger das Manuskript fehlte, Ablauf der Gedanken war abgebrochen, Abbruchstelle nicht gegenwärtig.

Wie verschieden Denken sein konnte, es arbeitete dieser auf der Geraden, er, Lauda, aus dem Kreis vorstoßend; was man auch an Erkenntnissen fand, es war ihm nur Variation der Grundanschauung, so daß er in welcher Situation immer nichts nötig hatte als Heft und Stift -- ausgesetzt in der Südsee hätte er nicht anders gedacht als im Land der Philologen; er vermochte auf Stimmung und die Bedingungen der Vorbereitung zu verzichten, schrieb nur sich selbst.

»Sie sind zu deutsch,« sagte er Berger, »das war auch die Beschränkung Lagardes. Ein Deutscher kommt immer von den Büchern der Vorgänger her oder von der Billigung des deutschen Kosmos; auch Sie lassen Heer, Kaiser, Ständegliederung darin, wollen sie nur ethisch vertiefen. Was ist der ethisch vertiefte Offizier? Etwas Undenkbares. Ethiker kann nicht Offizier sein, löst die Seelen von der Verpflichtung des Staats.

Sie sind auch zu protestantisch. Der protestantische Reformer ist ein Unding, nicht nur, weil Protestantismus die Ausliefrung des Religiösen an den Staat ist, so daß protestantische Geistliche nichts andres genannt zu werden verdienen, als vom Staat eingesetzte Beamte, dessen gute Beziehungen zum lieben Gott zu pflegen, sondern auch, weil Protestantismus wie sein Halbbruder Sozialismus, im Gegensatz zum Katholizismus, ganz unpessimistisch ist, dem bedingungslosen Ja des Irdischen, des Tuns, der Pflicht zu leben, nichts von dem Vorbehalt entgegenstellt, der das Wesen des Religiösen ist.

Der Pflichtbegriff Kants ist unhaltbar geworden, der deutsche Moralismus strahlt keine irrationale Vitalität aus, alle Erziehungsreformen, die auf Pflicht und Moralität sich aufbauen, sind matt. Wer der Erziehung neue Wege weisen will, muß vom Widerstand gegen diese deutschen Begriffe ausgehn, sie ihrer Absolutheit entkleiden; der Zentralbegriff alles künftigen Denkens wird Relativierung heißen und im Ethischen Ausgleich zwischen Ja und Nein sein.

Es ist nicht schwer, die Katastrophe des deutschen Denkens vorauszusagen. Sollten sie siegen, was nicht sein darf und nicht sein wird, würden sie blasphemisch die Lehre des Tuns zur Unerträglichkeit steigern; verlieren sie den Krieg, werden sie in ihrer Feigheit, die nicht die Verpflichtung kennt, sich der Entwicklung zu öffnen, Wiederaufrichtung des Alten fordern. Wer diese Nation erziehn will, darf nicht mit ihr gehn, er muß gegen sie stehn.«

* * * * *

Als die Formalitäten erfüllt waren, rüsteten sich Claire und Berger zur Reise.

Lauda begleitete sie nach Zürich. Es kam der Augenblick, wo er Abschied von ihr nahm, belastet durch Rückerinnern, scheuend vor der Frage, ob es erlaubt war, das Natürliche durch Eigenmächtigkeit umzuformen, dann zog der Zug an, und Unwiderrufliches war geschehn.

Ihre Augen brannten noch in ihm, er ging schwer denselben Weg, den er am Tag seiner Ankunft gegangen war, zum See. Kein Silber flammte, nüchterner Tag. Es galt, Dinge zwischen sich und sie zu bringen, er suchte die Bekannten auf. Er fand Hans in Erregung, es war aufs Bestimmteste die Nachricht gekommen, daß Picasso in Paris zum Gegenständlichen zurückgekehrt war und herausfordernd akademisch, betont konventionell malte, scharfen Kontur setzend; bereits hatte ein Schweizer Aufnahmen gemacht, kein Zweifel war mehr erlaubt.

Wird er Widerstand leisten oder die Weichen in sich herumwerfen? dachte Lauda; stählt es ihn, allein auf dem ungewissen Weg weiterzugehn, oder ist das Bedürfnis nach Kampfgenossen stärker? Er fühlte, wie in den Kosmos des Freunds der Stab der Verwirrung gestoßen war, Rotation gestört und der Gedanke an gänzliche Umschichtung, parallel zu der Picassos, erregt umkreist wurde. Er erinnerte sich der starken Zeichnungen nach Körperakten, die er aus früheren Perioden des Freunds gesehn hatte, und sagte:

»Nach dem Gesetz des Gegensatzes werden Sie zum Körperlichen zurückkehren, wie Lisbao eines Tags feststellen wird, daß es unhaltbar ist, mit dreißig Jahren noch den Weltekel des Dreiundzwanzigjährigen zu verkünden. Extreme schlagen um, weil Nein in Ja umschlägt, das Ja automatisch das Nein auslöst. Gleichmäßig, stark, unerschütterlich ist nur, wer über seinen Extremen steht, indem er sie zu Vorgängen in sich macht, wie Sommer und Winter wechseln. Ich versandte heute das neue Stück, das ich geschrieben habe, Rückkehr zur Illusion von Wirken und Arbeiten.

Es ist im Großen dasselbe, was sich im Kleinen jede Nacht begibt: ein Tag endete mit solchem Überdruß, das Treiben mitzumachen, daß man sich wie zum Nichtmehrerwachen ins Bett legt -- am nächsten Morgen erwacht man frisch und hat ihn, den Appetit der Kolonie von Raubmonaden, deren Summe man ist. Jeder Müdigkeitszustand ist so natürlich wie dieser Hunger, und die Einheit der Persönlichkeit besteht nicht, wie deutsche Moralisten glauben, darin, daß man den Widerwillen unterdrückt und den Hunger in Ethos fälscht, sondern in der Fortdauer des Kosmos, der die Phänomene seiner Aggregatzustände erduldet, wie Landschaft die des Himmels.«

Puck kam, um Hans vorzuschlagen, er möge seine jüngste Arbeit illustrieren, die Groteske vom Fleischseelenmenschen.

»Ich will es an Ort und Stelle erklären,« sagte er und führte die Freunde in eine Seitenstraße des Geschäftsviertels, wo in der Hinterfront von Warenhäusern und Bankpalästen ein altes Fachwerkhaus sich erhalten hatte. Er zog sie an die Gitterfenster, sie sahn eine Halle mit Schlagschatten, düstren Ecken; Männer mit nackten Armen standen über Tische gebeugt, Bewegung wie von hobelnden Tischlern, aber das Gehobelte spritzte Blut.

»Sie schneiden und häuten,« sagte Puck, »schinden und säbeln, seht Ihr an den Wänden die senkrechten Parallelen? Es sind Leichname, die Rippen glänzen, das Nierenfett leuchtet gelb wie Honigballen von Eingeweidebienen. Es ist eine Roßschlächterei; aber späht schärfer hin: darunter wird eine Stunde der Inquisition sichtbar, Henkersknechte beugen sich über Liegende, wühlen darin. Warum arbeiten sie in so düsterm Licht? Ich weiß den Grund: in dieser Halle wurde in der Tat einst gefoltert, es ist der Geist des Baus, der ihnen die Atmosphäre schafft.

Hier bringe ich Stunden zu, während ihr im Café sitzt; gegen Zahlung einer Runde lassen sie mich zuschaun. Sie glauben, ich sei ein Sadist, der sich aufs Kinderschlachten vorbereitet; ich lächle und sie sehn nicht die Verzerrung des Munds. Hier läßt sich alles empfinden, was vom Mensch zu sagen ist, er atmet nicht Luft, sondern Dunst des Bluts; er ist Methodiker, er zerreißt nicht, er schneidet. Ist es denkbar, daß es Leute gibt, die ihren Achtstundentag damit füllen, Mitgeschöpfe zum Kochen fertigzumachen? Ein ganzer ehrenwerter Stand tut ein Lebenlang nichts andres, und die Meister sind Gemeinderäte.

Von hier gehe ich in die Metzig am Quai, wo das Fleisch für die gehobnen Bürger bereitet wird, es liegen gebrühte Köpfe, Kutteln, Lungen. Dort sind auch Fleischerinnen, blühende Mädchen, schwellend vor Sinnlichkeit, die sie aus braunen Augen gratis verschleißen -- man möchte sie über den blutigen Ladentisch legen, das bekannte Spiel mit ihnen zu treiben. Die Dame kommt, ein Stück zu kaufen, und aus dem Schlachthaus geht sie zu ihren Kindern und ist gut zu ihnen.

Nachts träume ich von einem Planet, auf dem der Mensch die Rolle des Tiers übernommen hat, man hängt junge Mädchen geöffnet ins Schaufenster und weiche Brüste sind gesucht; Hirn wird gewogen und enthaarte Köpfe stehn in Reihe. Das Epos schwillt, ich habe den großen Stoff gefunden, der das Erhabne enthält, den Triumph des Lebens und die tragende Lüge. Zwischen der Kannibalenszene des Anfangs, wo man mit Knütteln zermalmt, und dem Salon, wo man Lende des Bruders Tier verzehrt, über die Dinge des Geists diskutiert, ist alles enthalten.

Das Thema ist so ungeheuer, daß mir manchmal der Schweiß vor Angst ausbricht, daß ich nicht in jedes Kapitel die schneidende Lustigkeit, die unsagbare Mischung von Grauen und tanzender Befeurung bringen könnte.«

»Ich schenke dir einen Beitrag,« sagte Hans, »den ich in einem Buch gelesen habe. In Südamerika schneiden Wilde ihren Feinden den Kopf ab und zermalmen ihn durch vorsichtige Schläge so geschickt, daß die Haut unverletzt bleibt. Sie schrumpft danach in der Sonne zu der Größe eines Apfels ein; indem sie eine Schnur durch den Rand ziehn, machen sie einen Beutel daraus, darin sie Geld und Kleinigkeiten bewahren. Man geht dort mit diesen Gesichtsbeuteln zu Markt, siehst du sie an den Schürzen hängen?«

»Famos,« antwortete Puck, »es leuchtet mir nur eins nicht ein, daß Kannibalen Geld verwahren, sie müßten schon Zivilisierte sein.«

»Wie alle Kannibalen,« dachte Lauda, »Kannibalismus ist religiös, Ausfluß des Totalitätsgefühls. Statt den Bruder zu lieben, frißt man ihn, es ist durchaus dieselbe Kommunion, dieselbe Aufhebung der Vereinsamung durch Einzelexistenz.«

Sie wandten sich zur Stadt, da kam ihnen Lilian mit einer Dame entgegen und übersah sie, Gruß ablehnend. Puck sagte:

»Die Begleiterin liefert die Erklärung. Es ist eine verheiratete Amerikanerin, die mit ihrem europäischen Mann in Geschwisterehe lebt, das Fleisch ward verworfen. Sie verbietet Lilian Umgang mit uns. Aber glauben Sie, daß sie dieselbe ist, die Obrecht in Christian Society unterweist, die von Problematik durchseuchte Puritanerin den inbrünstig Religiösen?

Welch ein Hexensabbat ist das Treiben der Existierenden. Jeder einzelne, der unter der Sonne atmet, ist eine Brutstätte, in der Ideen, Stimmungen, Triebe, Gefühle und Gebote unaufhörlich, ohne eine Sekunde auszusetzen, die perverseste Unzucht miteinander begehn; es mischt sich das Heterogenste, der Fülle von Mißbildungen ist kein Ende, und das alles schwimmt in einem Schleim, der dem innersten Schoß des Egoismus entfließt und sich klebrig Ethik nennt.

Gott sei dem gnädig, der wirklich ethisch ist, er müßte sich mit Dynamit in die Luft sprengen, um der Qual zu entgehn -- Beweis, wie dumm und dumpf das Hirn eines Ethikers organisiert sein muß. Mir wächst -- ich stehe dem Phänomen hilflos gegenüber -- mit jedem Tag die Kraft des Lachens, was mit andren Worten heißt, daß ich in das Schamlose hineinwachse. Das befreiende Lachen, von dem sie reden, ist das Sprungbrett, das der Egoismus uns unter die Füße schiebt. Unser aller Lebensbaum wurzelt in einem Schlangennest -- manchmal fühle ich sie körperlich sich regen und finde mich damit ab, wie einer sich damit abfindet, daß er Trichinen in sich hat. Halloh, da kommt Siriwan, jagend in der Stunde, wenn die Läden sich leeren und die Kokotten vom Berg steigen. Er wählt eine andre Methode, sich abzufinden, und treibt die Weiber dem ewigen Dämon zu.«

Lauda aß mit Siriwan zu Nacht, erzählte von Pucks Definition.

»Ich bin heute vierzig,« sagte Siriwan, »und fühle schwer die Luft über mich streichen, die mit den Erkenntnissen des fünften Jahrzehnts beladen ist. Wissen Sie etwas von den Begierden, die in ihm in Männern und Weibern brennen? Sie zu erforschen wird Inhalt sein, ich kenne keinen andren mehr. Es findet nicht Ihren Beifall? Es ist gleich.

Zu Hause liegen die Bücher, aus denen sich rekonstruieren läßt, welch ungeheuerliches Bordell die Vergangenheit gewesen ist. Sieht man näher zu, gibt man sich die Mühe, die Menschen aufzusuchen, so zeigt sich, daß auch die Geschichtsschreibung der Gegenwart sich lohnt. Ich wittre aus den Jahren, wenn der Krieg zu Ende sein wird, noch Stärkres, Vergangenheit wird übertrumpft werden. Mein selbstgewolltes Ziel steht fest, ich will der Historiograph dieser Zeit sein. Reisen nach Brüssel, Genf, Berlin, Paris und in das ungeheuerliche Rußland, dessen Rasereien durch ein Jahrtausend ich jetzt lese. Bis dahin ist Zürich Vorbereitung, anerkennenswert, nicht übel.

Erinnern Sie sich der Alten, die keinen Schritt ohne ihr zwölfjähriges Mädchen machte, dasselbe, das Sie rührte? Sie vermuteten zuerst, sie hüte das Kind, dann kamen Sie der Wahrheit näher, daß der Weg zur Tochter über sie geht, aber die ganze Wahrheit ist, daß der Mann, der mit dem Mädchen allein zu sein glaubt, sich zwei Frauen gegenüber sieht und eine Perversion der Gleichzeitigkeit erlebt, die in der Alten nach dem Taumel eine wahrhaft stürmische, ekstatisch röchelnde Zärtlichkeit zu der Kleinen entzündet. Die Wege, die der Mensch zur überindividuellen Kommunion findet, sind phantastisch, und je sinnlicher sie sind, desto tiefer sind sie.«

»Es kommt auf das Gehirn an,« antwortete Lauda, »das sie feststellt. Es wäre mir unmöglich, an ihre Erforschung Jahre zu wenden, wie Sie planen, weil nichts mich überraschen kann, während die Art, wie Sie sich ihr widmen, nicht Feststellung ist, sondern Ihrerseits Abhängigkeit von der Dämonie dieser Dinge verrät. Es ist nicht die ganze Wahrheit, was Sie sehn, es ist nur die halbe. Der Baum ist nicht beschrieben, wenn Sie seine Wurzeln ausgegraben haben.