Nein und Ja: Roman

Part 17

Chapter 173,636 wordsPublic domain

Am Weihnachtstag, in Interlaken, wo er Geschenke gekauft hatte, legte sich, als er das Abendschiff betrat, eine Hand auf seinen Arm. Hannah, durchfuhr es ihn, so hatte sie ihn auf dem Brünig berührt. Aber als er sich umwandte, sah er Assenstand, jenen Patriziersohn aus Danzig, der in Brüssel am schmucklosen Tisch dem vor Chrisanthemen auf Pergament schreibenden Dichter gegenübergesessen hatte, selbst Dichter, einer andern, herrenhaften Prägung, und Hasser der demokratisierten Welt.

Lauda begrüßte ihn froh, da sah er die Zurückhaltung im Gesicht des einst Befreundeten -- Assenstand sagte:

»Ich freute mich, Sie aufzusuchen, da erfuhr ich, daß Sie die Sache Ihres Volks aufgegeben haben, um nicht zu sagen beschimpfen. Es ist mir darum unmöglich, Ihre Gastfreundschaft anzunehmen, ich beschränke mich darauf, mich meines Auftrags zu entledigen. Lassen Sie uns in ein Café gehn.«

Aber das Schiff war das letzte des Tags, und Lauda nicht auf Übernachten vorbereitet.

»Sie nehmen nicht _meine_ Gastfreundschaft an,« sagte er, »sondern einer abwesenden Dame, die Eigentümerin des Guts ist, Frau Graumann.«

»Und trotzdem die Ihrige,« antwortete Assenstand, folgte aber aufs Schiff, »denn ich komme, um Ihnen zu sagen, daß Sie ihr Erbe sind, ich verließ Petersburg am Tag vor ihrer Erschießung.«

Er erzählte. Er war als Dolmetscher nach Brest-Litowsk gerufen worden, im Verlauf der Verhandlungen fuhr er nach Petersburg. Man führte ihn in den Salon der Freundin eines der neuen Machthaber, Frau Hannahs. Sie stellten gemeinsame Bekanntschaft mit Lauda fest, er verkehrte bei ihr. Daß er einmal Lauda von ihr berichten werde, bewirkte, daß sie von sich sprach.

Wer in dieser Sphäre von Macht, Neid, Mißtrauen, Beaufsichtigung lebte, dem war nicht mehr erlaubt, sich zurückzuziehn. Sie dort waren auf Erfolg und Verderben miteinander verbunden, wie eine Goldjägerschar, die in den unbekannten Kontinent vordringt -- kein Brudergefühl, Mißtrauen schlich um, Fieber derer die die Dünste des Bluts atmen. Aus dem Blut stiegen die Geister des Tödlichen auf und waren dämonisch Verwandlungen des verleugneten Gotts; unerbittlich, grausam, lauernd, wie sie ihn verlangten, wies er ihnen die Verschreibung des eignen Lebens vor, sie einzulösen.

»Wie die Augen der Menschen hier sind.« sagte sie, »keiner erträgt ihren Blick, nicht der, dem er gilt, und nicht der, der ihn hat -- er weiß von ihm; das unerträglich überspannte Leben haßt sich selbst darin und findet keine Erlösung, weil es kein Zurück mehr gibt.«

Das Geschlecht schützte nicht, aber es gab Frauen neben ihr, die mit herausfordernder Sicherheit ihren Weg gingen, männerantreibende, die fanatisch über der Revolution wachten, und männererregende, die geil gediehn.

Eines Tags fand er Hannahs Wohnung geplündert, von Soldaten besetzt; Gang zu ihrem Beschützer, dem selbst gefährdeten, war vergeblich -- sie hatte einer vom Tribunal gesuchten Oberstentochter zur Flucht verholfen. Es gelang Assenstand, die Zelle zu betreten; sie wußte, daß es ihre letzte Nacht war. Warum hatte sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt?

»Einer,« antwortete sie, »ist, der es versteht, ohne Erklärung, wir hatten ein Gespräch auf dem Brünig.«

Assenstand fühlte, daß Tage der Befreundung für nichts galten, sie öffnete sich nicht; in ihren Augen war ein Feuer, das er das Wunderbare nannte; sanfter Glanz der Ruhe, harter der Verachtung darin, abgeschloßnes Leben, zitterndes. Konnte eine Frau so sterben, edles Tier, das lautlos den Winkel sucht, edel wie der Mensch der Antike, der das Haupt verhüllend, sich in den Ablauf seines Lebens versenkte?

Welche Kraft, die durch keine Anerkennung, weder eigne noch andrer belohnt wurde, denn ob einer Großes oder Feiges in dieser Nacht dachte, es war im nächsten Frühlicht wesenlos. Und dann, daß sie beim Abschied aufstand, die Hände um seinen Kopf legte und ihn küßte -- erschütternd, weil es eine Situation war, in der die Geste des äußersten Gefühls rein von Theater blieb: er hatte keine andre je erlebt. Sie löste das Angebot an Hannah aus, in seiner Kleidung zu fliehn, und das war pathetische Geste, denn sie war irgendwie Erinnrung an Gelesnes. Hannah schrieb in sein Notizbuch Worte für Lauda und Bestimmungen, dann ging er.

Lauda nahm das Heft in Empfang, schloß es ein, sagte:

»Um Frau Hannahs willen werden Sie vergessen, daß Sie nicht mein Gast sein wollten, als denkender Mensch sich sagen, daß Überzeugung so handeln lassen kann, wie ich gegen mein Land handelte.«

Sie blieben auf, sprachen von Europa. Es erwies sich, daß Assenstand den Glauben nicht teilte, daß der Friede mit Rußland Erleichtrung sein werde.

»Es ist zu spät,« sagte Lauda, »Kraft, die an der Lüge dessen krankt, der behauptet, daß er sich nur verteidige und doch darauf brennt, seinen Willen aufzuzwingen, wird müde. Jener englische Minister, der von den Deutschen sagte, sie seien ein wildes Tier, das in seinem Käfig nur zu weiten Tatzenschlägen ausholt, wird Recht behalten.«

»Wenn es sich so verhält, wie ist es möglich, daß Sie so kalt zuschauen, wie das Tier sich verblutet? Von welcher Art sind Sie?«

»Von Ihrer eignen, die sauber sich entscheidet, Feind alles Verschwommnen, unsachlich Sentimentalen. Daß Sie das Aristokratische wählten, ich das scheinbare Gegenteil, ist vom Wesentlichen her kein Unterschied. Sind Sie noch wie in Brüssel der Überzeugung, daß der deutsche Junker die Manifestation einer Idee sei?«

»Daß Radikalisierung, Zerstörung jeder Bindung durch überpersönliche Hemmungen das größte Unglück ist, das die innre Ordnung treffen kann, steht seit den Petersburger Tagen so fest in mir, daß ich nicht nur religiöse Regulative, sondern sogar kirchliche wünsche.«

»Ganz recht, man könnte mit den stärksten Gründen belegen, daß Sozialismus seinen Sinn noch nicht gefunden hat, solang er weltliche Macht werden will, daß er vielmehr ein Akzidenz, geistiges Prinzip ist, das sich mit jeder zivilisierten Staatsform verbinden läßt -- er wäre also nur Kontrolle, treibende Kraft, moralischer Faktor; aber ich muß meine Frage wiederholen: glauben Sie, daß die preußischen Konservativen ein Gran der Besonnenheit und Geistigkeit besitzen, die ihnen erlaubten, die sozialen Ideen zu binden und den Deutschen das zu geben, was sie nicht haben, Charakter?

Charakter nenne ich Ausgleich zwischen der Widerstandskraft gegen den Ansturm von Ideen und der Bereitwilligkeit, diese Ideen als ernstestes Gebot zu empfinden. Das ist unsagbar fern der Gier, sich die Macht ohne Gegendienst zu sichern -- bei den Junkern finden Sie nichts als diese Gier. Haben Sie je gehört, daß Junker von der Notwendigkeit der Erziehung gesprochen haben, einer Erziehung, die radikale Fordrungen, statt sie als Verbrechen zu erklären, bereitwillig, sachlich, ohne Hintergedanken verarbeitet, weil sie das Recht auf Nachdenken und Bessrungsvorschläge grundsätzlich, aus Moralität, als menschlichste Angelegenheit anerkennt?

Ziel der Erziehung ist, Charakter geben, den Mensch mit geschickten und klugen Händen zur Selbstbehauptung führen, ihn das Schritt für Schritt lehren, das keinen Augenblick Stehnbleiben sein darf. Wie sind denn die Deutschen? Überhitzte Brutale als Konservative, feig als Demokraten, Leugner ihrer eignen Grundsätze als Sozialisten, weichlich in einer gepanzerten Hülle, schwankend, verschwommen, unfähig alles Präzisen, Unbeirrbaren, Durchdachten -- sie sind das Volk ohne Charakter.«

»Nun gut,« antwortete Assenstand, »es ist zwecklos zu leugnen, daß mich der Verkehr mit den deutschen Bevollmächtigten in Brest erschreckt hat: Man hatte das entsetzliche Gefühl, daß das Schicksal den mit Hochmut füllt, den es schlagen will. Ich verglich die Idee des leitenden Menschen, der der Masse Bindungen gibt, mit ihren Vertretern: es stieg siedend heiß in mir auf. Aber ich glaube so fest an diese Idee der Führer im Staat, daß ich keinen andren Weg sehe, als den, den ich bisher wählte. Sie sprechen von Erziehung. Ich bin ein Mensch, dem Einwirkung auf andre ganz fern liegt, man muß sich selbst finden. Die deutsche Sache von heute ist meine Sache, wir sind zu weit gegangen, als daß es ein Zurück gäbe.«

»So wird ihr Zusammenbruch Sie unvorbereitet treffen; was werden Sie dann tun? Revanche lehren? Es ist gut, sich vorzubereiten, denn dann wird es nur eine Aufgabe geben: in die Charakterbildung einzugreifen.«

»Und welche Methode werden Sie befolgen?«

»Ich weiß es nicht. Es gehört mir dieses Haus. Heute nacht dachte ich darüber nach, wie gut es wäre, eine Schar deutscher Knaben aus ihrer heimatlichen Atmosphäre zu versetzen und durch eine Zahl von Menschen erziehn zu lassen, die die Katastrophe der deutschen Menschlichkeit so stark in sich erlebt haben, daß sie auf alle deutsche Tradition verzichten und sich die Grundsätze einer neuen Pädagogik selbst zimmern. Deren Taktik wäre, die innre Mathematik, man könnte auch sagen Mechanik von Ideen und Gefühlen durchforschen, ihnen allen sich öffnen und nur ein Ziel im Auge behalten: die Demut nicht Schwäche werden zu lassen, sondern mit letzter Überlegenheit zu verbinden -- es wäre diese Überlegenheit der Ausgleich aus Hingabe und Souveränität, ihre schwebende gegenseitige Aufhebung. Es sind auch andre Formen der Einwirkung auf Menschen denkbar -- welche ich wähle, weiß ich nicht; gewiß ist nur, daß die höchste Illusion, die man Menschen bieten kann, diejenige Einwirkung ist, die vom Individuum zur Generationenfolge vorschreitet. Die Generation ist die dem Menschen mögliche Unsterblichkeit, sie allein erlaubt, Ideen zu erfinden.«

»Ihr Ziel ist also,« sagte Assenstand, »Charakterbildung auf Grundlage des Widerstands, aber mit Ausschaltung des Religiösen im gläubigen Sinn. Wenn Sie eine neue Bindung durch Religion fänden, wäre Ihre Idee vollkommen.«

»Sie irren, sie würde Halbheit werden; es wird nie mehr neue sichtbare Formen des Religiösen geben, nur noch die gereinigte Idee des Verhältnisses zu Ja und Nein, die Gott nicht mehr kennt. Wie ist der Mensch? Er ist so beschaffen, daß er auch Gott stets und überall zu einem Mittel zur Befestigung seiner Machtgier erniedrigt; darum müssen wir soweit kommen, daß wir Gott weder bejahn, noch bekämpfen, sondern ganz frei von ihm sind.

In ferner Zukunft ist eine Zivilisation denkbar, die über Absolutes und Zeitliches, Bejahung und Verneinung, Idee und Tat, Geistigkeit und Materialität klare, weise, unpathetische und unsentimentale, durchdachte, bindende Vorstellungen hat. Diese Vorstellungen sind nicht mehr gefährdet durch Rückfälle in das Chaotische, weil das Chaotische nicht geleugnet, sondern als große primäre Macht benannt wird. Es ist die Verwirklichung dessen, was ich suche: eine gewisse Summe von Erkenntnissen nicht mehr untergehn zu lassen, sondern kraft der Energie und des Widerstands gegen Zeitlichkeit zu vererben.

Dem Charakter Form geben, ihm zugleich Widerstand und Einlaß des Radikalen lehren, so daß er das Maximum beider Ströme einschalten kann, wird die höchste Idee sein. Die Mutationsfähigkeit züchten, Leid durch Zersetzung vermeiden, Glück vermittels Steigrung der Kontrollfähigkeit vergrößern. Wissen ist uns noch Gegensatz zum Schöpferischen, und wir stehn ihm noch kritisch gegenüber, weil es das Ideal des Aufklärers, des Nuroptimisten ist: in der Zukunft liegt eine neue Möglichkeit, klare Energie in unmittelbares Temperament umzusetzen, eine neue Menschlichkeit, die nicht mehr wie die unsrige Feminität ist.

Es gibt kein Ja ohne Glaube an die Generation, die Kette der Geschlechter, und nirgends wird so deutlich, daß Glaube für uns nur noch gesetzter Wille ist. Insofern dieser Wille bewußt ist, genau soweit sind wir bewußt, aber nicht mehr; wir sind im Grund ebenso naiv wie die Früheren. Lehren, die nicht der Naivität neue Kraft zuführen, sind ohnmächtig.«

* * * * *

Am Neujahrsmorgen saß Lauda im Zimmer, in dem Helle des Schnees und Wärme der Kacheln war, und las die Zeitungen. Die deutschen brachten die Versichrung der ungebrochnen Kraft und des kommenden Siegs, die schweizerischen Betrachtung des mitarbeitenden Pfarrers, daß der Krieg Prüfung des zürnenden, gleichwohl gerechten Gottes sei; schleimige Hirne. Für ihn selbst stand der Plan des Jahrs fest, und als der Gärtner kam, seinem neuen Herrn aufzuwarten, ließ er ihn wissen, daß er bei ihm, sobald die Arbeit im Freien begänne, Lehrstunde nehmen werde. Er wollte sein kleines Reich verwalten können.

Zeit der Zürcher Wirkung war fern, als sei sie nicht gewesen, nichts blieb als Erinnrung an Energie; es würde eine Zeit neuer Wirkung kommen -- dazwischen Hingabe an das Beruhigte. Wechsel der Existenz, ewige Wanderschaft, durchgeführte Naivität: sie wurden Sinn und erlaubt, wenn man sie nicht erhitzt beschleunigte und in jeder Station sich willig zeigte.

Er hörte das Dampfboot pfeifen, sah es im Geist am Gebirgsstock entlanggleiten, der wie ein Wall gegen Norden und den Krieg war, Geborgenheit zaubernde Kulisse. Er hörte das Kind lärmen, bedauerte, daß es zu jung war, um schon von Menschlichem mit ihm zu sprechen, erinnerte sich an ein zwölfjähriges Mädchen, das er bei den Streifzügen in Zürich mit einer verderbten Mutter, demnächst oder bereits kuppelnder, gesehn hatte, und sann über die Möglichkeit nach, solcher Kinder einige auszuwählen; sie mußten den wesentlichen Keim haben und ihn verräterisch in Gesicht oder Gliedern tragen; Durchschnitt und die Reizlosen interessierten ihn nicht. Gegen das Mittelmaß gerecht zu sein genügte; ihm Wärme und das Freiwillige entgegenbringen, das war Angelegenheit derer, die in Güte tiefer einzuschreiten vermochten als er. Liebe zu dem, was ist, war möglich, aber ihm nur, wenn die Urenergie in den Geschöpfen nicht verkümmert noch gehemmt war.

Das Telephon schlug an; hebend die Muschel vernahm er eine süße, von Erregung rauhe und ganz in die Ferne gerückte Stimme -- Claires.

»Ich bin mit dem Schiff gekommen, rufe dich vom Gasthaus an, denn ich weiß nicht, bei wem du wohnst und ob ich dir willkommen bin.«

Er ging zum Ufer, sah sie entgegenkommen. Was von denen gesagt wird, die in den Sekunden der Todesgefahr ihr ganzes Leben schauen, empfand er bei ihrem Anblick: sich selbst, die Summe von Komponenten, die wie ein Gerüst verschrägt waren und sich in der Schwebe hielten, Aufbau aus Gegensätzlichkeiten, sowohl allgemein als im besondren Fall des Verhältnisses zu Claire. Ich liebte sie -- ich entfremdete sie mir; sie ist nicht mehr in mir -- ich bin ihr noch gut; die junge schuldlose Bereitschaft ist nicht mehr herzustellen -- ein neuer Mensch kommt; sie ist durch von mir nur geahntes Geschehn belastet -- hinter jedem Erlebnis steht neue Naivität.

Da hob sich die Welle, die ihn ihr entgegenführte, barst und gebar den Sturm, der ihn erschütterte, Taifun des Ekels vor sich selbst und dem Wesen des Menschen, der leiden macht, sich nicht einem Geschöpf neben ihm verbrüdert, der Dämonie gehorsam um die eigne Achse rotiert. So plötzlich, wie der Aufruhr ihn durchfegt hatte, legte er sich, und als Lauda den letzten Schritt machte, die Hand Claires ergriff, war er ruhig, bis in die letzte Zelle durchdrungen von dem Entschluß, zu sein, wie er war, Leid abzukürzen, erworbne Erkenntnis über sich selbst nicht zu verlieren, für sie beide zu denken -- Ehe war nicht mehr möglich.

Und während er sprach und sie sprechen hörte, lauschte er in seine Tiefe, wo die Klarheit mit äußerster Anstrengung dagegen ankämpfte, von den Erregungen des Augenblicks und kommender Tage überdeckt zu werden; Botschaften wie ein Schiff in Seenot sendend, sagte sie: Mache den Schritt, den Claire von dir getan hat, nicht ungeschehn, sie hat ihn allein gefunden, das ist ihre Kraft. Ziehst du sie zu dir und erlebst erst dann den Rückschlag, muß sie den Schritt zum zweitenmal machen und ist kraftlos. Wenn du nicht so gütig sein kannst, daß du dein Leben ihr unterordnest, sei so besonnen, daß du ihr Selbständigwerden nicht erschwerst -- memento.

Sich zurückwendend zu dem, was Claire sagte, empfing er die zitternden Untertöne und wußte: sie spricht Nebensächliches, weil sie danach bebt, zu hören, warum du sie sich überließt. Da handelte er bewußt und benannte das, was wohltätig geeignet war, zwischen ihnen zu sein, fragte:

»Weiß Leutnant Berger, daß du hier bist?«

»Ja.«

»Ließ er dich gehn?«

»Er gab mir Freiheit.«

»Erwartet dich zurück?«

»Wenn ich zurückkehre.«

»Hat er das Recht, dir Freiheit zu geben?«

»O Lauda, muß das zuerst zur Sprache kommen, ist dir das Wichtigste, mich zur Rechenschaft zu ziehn?«

»Nicht im persönlichen Sinn. Bot er dir die Ehe an?«

Sie senkte schweigend den Kopf. Er atmete auf, das Rohste war vorüber, wie niederträchtig war Taktik. Zu ihr gehörte, Claire beim Glauben zu lassen, ihre Beziehung zu Berger stehe zwischen ihnen.

Er gedachte der Gewissensnot, die Berger von Moltke zu Lagarde geführt hatte, und wußte, bevor Claire erzählte, daß nicht er Verführer gewesen war, sie war zu ihm gekommen. Sie begriff nicht, daß Lauda von dieser Zeit und ihrer Qual nichts zu erfahren verlangte, Gespräch darüber sanft ablenkte. Als sie ruhig geworden war, führte er sie darauf zurück, und Freunde besprachen seelische Dinge; Aussprache war Schmerz, doch nicht Leidenschaft; sie hatten die Form gefunden, unheftig ihre Gefühle auszubreiten.

Eine Woche verging, da begann er zu ahnen, daß Claire sich diese Form aneignete wie ein von Krankheit Aufstehender, der Schritt für Schritt wieder gehn lernt: er hat sein Ziel, nähert sich ihm zäh. Sie paßte sich an, verzichtete nicht darauf, von ihm das Bekenntnis seiner selbst zu erlangen. Sie kreiste ihn unmerklich ein, sie war in diesem Jahr bewußter geworden. Auch herber. Herb war, wer sich zu fragen begann, ob sein Einsatz an Bereitschaft belohnt wurde. Er sah, daß sie zu dem Kind freundlich war und es doch lästig empfand -- versteckte Feindschaft. Zu Anfang hatte er ihr vorgeschlagen, Aufsicht über den Haushalt zu übernehmen, und betroffen, im Verkehr mit Köchin und Mädchen, eine neue reale Seite an ihr kennengelernt, deren Folge Gespanntheit im Haus war.

Mißgriff ward rasch dadurch beseitigt, daß sie wieder nur Gast war, aber es blieb die Erkenntnis, die, festgestellt, so selbstverständlich war: daß die Frau nur in ihrer Liebe unkleinlich, ganz bereit, ganz liebenswert war. Und die Idee Claire durch die Claire der Wirklichkeit, die frohe Möglichkeit durch den Alltag modifizieren zu müssen, weckte nochmals das schmerzhafte Bewußtsein, daß es an ihm gelegen hatte, der Frau den zärtlichen Duft des Mädchens zu bewahren. Es tat weh festzustellen, daß sie älter, bestimmter und auf ihre Interessen bedachter geworden war, eingeordnet in die Reihe der Vielen -- Schicksal, Gesetz und Notwendigkeit. Es betraf nicht Claire allein, sein Wissen um Frauen vermehrte sich um eine Einsicht, ihm fremd gebliebne: der Weg jeder Frau senkte sich den Niedrungen des Alltags zu.

Es heftiger aussprechen, mehr als leises Bedauern empfinden, war nicht erlaubt, nur Tölpel nannten, was im Geschlecht der Frau lag, Minderwertigkeit. Auch Eifersucht gehörte dazu, von der jede Frau überzeugt war, daß sie Geschlechtsmerkmal sei, doch überwunden von ihr. Claire verlangte von Hannah zu hören; was war natürlicher, als daß sie die nicht verwand, die ihr Kind Lauda hinterlassen hatte.

An der Stelle, wo er Hannah aus dem Felsspalt befreit hatte, sagte Claire:

»In Brüssel sagtest du eines Tags zu mir: >Heute nacht, als ich ans Bett trat und dich schlafen sah, dachte ich, es wäre schön, so immer durch alle Jahre den einen Mensch zu sehn, vielleicht von ihm getrennt, durch Schicksal, Abwesenheit, freiwillige Trennung, stets doch mit ihm sich treffend, um ihn wissend, solang bis Alter Unruhe löscht und letztes Gleichmaß kommt.< O Lauda, das grub sich in mich ein und es ist kaum ein Jahr her. Was bleibt heute von Worten, die ich damals nicht als Worte empfand? Die Schlafende wird dich nie mehr zu gutem Entschluß rühren und Alter wird uns nicht gemeinsam sein. Letztes Gleichmaß wird nicht mir zugut kommen, die dann die spärlichen Briefe, die du schriebst, mit mattem Herzen liest, denn auch sie erwiesen sich nur als Worte.«

»Claire,« bat er.

Sie lehnte sich an den Fels, der den hilflos ausgestreckten Armen nur breite Wand war, sagte:

»Damals, als mich deine Selbständigkeit verzweifeln machte, dachte ich oft: O, wenn er krank würde, damit er mich braucht; wie würde ich gut sein, ihn gewinnen.«

»Und danach, wenn ich wieder gesund wäre?«

»Wären wir uns nah gewesen, und es würde über lange Zeit hinweggeholfen haben; nichts andres hätte ich verlangt als einst, rückblickend, so mein Leben mit dir Kette von Höhepunkten zu nennen -- ich hätte nur sie gesehn, die langen, öden, einsamen Wegstücke dazwischen vergessen. Hattest du nicht selbst solchen Wechsel aus Begegnung und Trennung die Lösung genannt? Wie bereit wäre ich gewesen.«

»Und konntest doch die erste Trennung nicht überstehn, lehntest dich auf, und Auflehnung gab dich einem andren hin.«

»Weil du mich nicht vor dem Zweifel bewahrtest; Zweifel, ob dir überhaupt daran lag, daß ich auf dich wartete, verwundete den Stolz, Stolz wurde Trotz, Trotz Entschluß, nicht das demütige Mädchen zu sein. Vor dem Zweifel bewahren, das wäre allerdings Voraussetzung jener Verabredung; du warst es, der sie nicht erfüllte. Und es kam hinzu der Gedanke, tückischer, schlechter, einflüsternder Freund, daß du mich absichtlich auf Berger verwiesen habest, und Bergers Güte kam hinzu, den man lieben lernte, wenn man mit ihm umging.«

»Es war mir nicht ernst, als ich sagte, du habest schon die erste Trennung nicht überstanden. Dich auf die Probe zu stellen lag fern; wer das tut, muß auch dem andren den Weg zur Rückkehr freihalten. Ich tat es nicht, vergaß dich. Ich zog aus auf die innre Jagd, das Jägerglück allein zu sein, war stärker.«

»Ich lasse dich noch nicht,« sagte sie, »weil ich dich kenne. Alle Gefühle erschöpfen sich dir, wenn die natürliche Zeit vorüber ist. Wenn der Jäger zu den Menschen zurückkehrt, geht er dorthin, wo die Heimat seines Herzens ist. Sag mir das letzte, ob du so nie mehr an mich gedacht hast.«

»Nun ist äußerste Offenheit nötig. Ich dachte so an dich, aber nicht ausschließlich an dich, in dem Sinn, daß nicht auch andre Frauen an deine Stelle treten könnten. Es ist Menschen wie mir, die die letzte Gleichbeschaffenheit und darum Gleichberechtigung der Geschöpfe finden, unmöglich, durch eine Frau alle andren Variationen zu binden, nur in dieser Frau die Erfüllung dessen zu sehn, was zur Frau führt.

Das Warme, Schöne, Zärtliche; das Erregende, Dunkle, die sinnliche oder seelische Kommunion, die eine Frau gibt -- es liegt theoretisch in allen, praktisch in unendlich vielen. Die einzelne Frau wird Symbol, Statthalterin. Dieselben Kräfte, die in ihr sind, bei den andren zu übersehn oder sich zu verbieten, wird unmöglich in dem Maß, wie die Einsicht in jene Brüderlichkeit der Existenzen wächst; bricht sie zum umfassenden Weltgefühl durch, schwindet auch das Individuelle der einzelnen Geliebten; höchste Gerechtigkeit wird Ungerechtigkeit gegen die eine. In diesem Sinn lockt mich nicht mehr das Persönliche, nur noch das Geschlecht.

Und da jede Zunahme an Geistigkeit, wenn sie echt war, auch eine Zunahme an Sinnlichkeit ist, so wird unvermeidlich, daß ein solcher Mensch in einem den andren unverständlichen Grad die Lust kennt, neben der einen Frau den Schwestern zu begegnen. Es will verstanden sein; die Lust ist das sinnliche Symptom einer geistigen Feststellung, und diese ist so tief fundamentiert, daß ihr Träger sich als Lügner vorkommen müßte, wenn er der einen Frau sagte, sie sei ihm alles.