Nein und Ja: Roman

Part 16

Chapter 163,609 wordsPublic domain

Sich nicht ausschließen, auch wenn das Verlangen nach Einsamkeit immer wieder durchbrach; es durch Aufhebung rechtfertigen und erkaufen, wenn es sich als stärker erwies; lieber Leid erfahren und Leid zufügen, als dem täglichen Verschwenden, sinnlichem wie geistigem Umgang Kraft entziehn, um sie dem Werk zuzuführen; verschwenden und doch sowohl genug Kräfte für das Werk als genug Energie für den Wechsel aufbringen; zuzeiten Asket sein, trotzdem man zu andern ganz in Hellas war, dem geliebten, heitren.

Der Pächter des Hotels war ein gebildeter Mann; in den Monaten zwischen den Fremdenwochen gab er sich der Familie hin, erzog die Kinder in aufrechter Frömmigkeit, versammelte sie abends zum Musizieren: Übungsstück war die Verdiarie, er am Klavier begleitend, der Knabe die rührend schwache Stimme der Geige führend, das Mädchen singend die Klage. Familie gründen, Kinder haben, für andre den Unterhalt verdienen, auch das war Bürde und mutig. Alles war wahr, was der, der Einsamkeit wählte, gegen die Fron der Familie sagte, und der Bürger darum doch tapfer.

Nun wäre die Zeit gewesen, Claire zu sehn; nichts war gekommen als ein kurzer Brief: »Du bist so weit, Unwiderrufliches ist geschehn, ich mag nicht schreiben, wenn man mich einläßt, besuche ich dich.«

Es war November, die Wintergäste noch fern, Lauda wähnte sich allein, da sah er am zweiten Tag, daß noch ein Gast da war, der allein aß, nach Tisch fortging, über die Kuppen wanderte, nachts wachte -- hinter den Gardinen des Nebels schimmerte sein Fenster.

Lauda begegnete ihm auf Spaziergängen und im Haus, erfuhr, daß er Stein hieß, sah, daß er Jude war und das Stigma des geistigen Menschen trug; aber im Freien bog jener ab, sobald er ihn bemerkte, und im Haus senkte er den Kopf tiefer, um nicht grüßen zu müssen. Scheu in jeder Gebärde eines mißhandelten Tiers, das in den Winkel strebt, wo es still sein Leiden übersteht oder sterben wird, niemand weiß, was es dabei Düstres empfindet.

Eines Tags, als Lauda im Ort Else abgeholt hatte, sah er dort, wo das letzte Haus schon allein stand, eine Gruppe Menschen; seltsam schwarz und deutlich die Konturen im föhnenden Regentag. Sie alle hantierten wild erregt, bückten sich, warfen Dinge, die wie Kohlköpfe aussahn, zur Seite, aber es wurde geschossen, und nun blitzten Messer. Einer nur stand regungslos, im flatternden Mantel, Stein. Hinzutretend erblickte Lauda das Grauenhafte.

Im Innern dampfte ein Brühkessel, in den noch zuckende Schweine geworfen wurden; vor dem Kessel eine Blutlache, in der der Metzger, Stiefel bis zum Knie, stand und den Tieren den Hals durchschnitt. Hinter dem Haus wartete eine Herde Großvieh wie eine Kompagnie, die sich in Deckung hält, daraus führte man Stück für Stück an den Waldrand und erschoß es militärisch. Daneben ließ einer die Keule auf das Genick von Ziegen sausen, ein andrer hackte die Köpfe ab. Eine riesige monströse Grube war Abgrund von Blut, Wiederkäuermägen, Köpfen, Eingeweide, das mit fast ausgetragener Leibesfrucht verwachsen war -- stinkend, verwesend vom gestrigen Schlachten; Chlorkalk schwamm darauf, übertäubte den Geruch nicht und nicht die schwarze Farbe.

Die Ställe waren verseucht, alles Lebende wurde ein Tal entlang geschlachtet, Weiber weinten, die Mienen der Männer waren finster, der Beamte des Veterinäramts zuckte die Achseln und überwachte. Das war die Erklärung, die Else erhielt, aber Stein sagte schneidend:

»Rauchen Sie eine Zigarre, wenn Sie den Gestank nicht ertragen, aber bleiben Sie, halten Sie dem Anschauungsunterricht stand. Der Mensch tut das, was ihm Gesetz und Lust ist, er mordet. Wo ist der Unterschied, ob er Stück für Stück zur Bank führt, oder Keule und Gewehr zu Hilfe nimmt? Entsetzt es Sie? Ich sah das gleiche dort, wo der Krieg ist, warf in die gleiche Grube Eingeweide, Köpfe, Arme von Menschen, manchmal stand ein Pfaffe dabei, manchmal keiner. Sehn Sie die Hände der Metzger an, sie eitern von der Blutarbeit; dieser Eiter ist das Geschwür, das alle im Innern tragen; bisweilen bricht es durch, wird sichtbar, es ist ihre Seele; Seele ist Stank und Eiter.«

Danach verließ er sie, stieg zum Hotel auf. Sie holten ihn ein. Ihre Schritte vernehmend, wandte er sich um, und Lauda sah seine Augen: da erkannte er, wie aus dem Tiefsten der Hohn jener Worte gekommen war, so tief, daß er Gift in den Wurzeln des Lebens sein mußte. Hier ging einer mit dem Gedanken um, die Konsequenz zu ziehn, und der Umgang war wohl stündliche, einzige Beschäftigung. Es war nicht schwer zu erraten, daß diesen der Krieg zerstört hatte.

»Wenn Sie Zerstörung,« antwortete Stein, »die Durchschmelzung der lebenschützenden Hemmungen nennen, die vor die Erkenntnis gelegt sind. Was heißt Zerstörung -- ich habe die Realität wiederhergestellt, die so tief liegt, so sehr mit Sentimentalität, Optimismus, Zähigkeit überdeckt ist, daß man sie mit dem bequemen, unverbindlichen Wort Metaphysik bezeichnet und tut, als ob die davorliegenden Hemmungen schon die Realität seien.

Es gibt Philosophien, die ihr System auf dem Leid aufbauen; sie sind die relativ besten, die wir erdacht haben, und doch Schwindel, weil sie immer ein Hintertürchen aufmachen, durch das sie das Ja hereinlassen, die Liebe etwa, wenn sie gerührt die Vielheit der Menschen betrachten, oder den Anarchismus, wenn sie beim Ego haltmachen. Herr, es ist mir unmöglich, Ihnen zu sagen, bis zu welchem Grad des Entsetzens Einsicht möglich ist; es gibt eine verzweifelte Klarheit hinter dem mitteilenden Wort, die nur noch _einen_ Befehl enthält: vernichte dich, um überhaupt, ein einziges Mal, Moralisches getan zu haben.

In Wien tötete sich vor Jahren jung Weininger, als er die Siegel über dem innren Schacht soweit gelöst hatte, daß er das Verbrechen daraus aufsteigen fühlte, körperlich als ein grauenhaftes, in ihm lebendes und mit ihm fressendes Tier -- er glaubte vielleicht noch, daß nur in ihm die Bestie rüttle, wie es in einigen Lebewesen Parasiten gibt, in andern jedoch nicht. Ich aber erkannte, daß sie in allen sitzt, ich sah sie in allen, und während sie ihm nur ein Abstraktum, das Verbrechen, war, sah ich sie konkret, und sie heißt Mörder, blutsaufender Dämon. Sein Ausweg war einfach, er hatte nur sich zu töten, aber nach mir greift der Wahnsinn, weil ich vergebens das Mittel suche, das die Existenz selbst, die sadistische Lebensgier selbst ein für allemal austilgen könnte.«

Stein war Wiener. Als man sich erbot, ihn als Literat im sichren Pressequartier unterzubringen, hatte er sich geweigert -- man schickte ihn ins Feld. Nach seinem eignen Bericht war die Entwicklung seiner Gedanken folgende gewesen. Im Anfang spaltete er sich in Haß und Liebe; Haß denen, die Jünglinge und Wehrmänner dem hochmütigen Phantom opferten; Liebe den Geopferten, die verbraucht wurden, wie man Wasser verschüttet, nach der Laune, der Dummheit, der Ohnmacht, dem Ehrgeiz von Führern, deren niederträchtige Verwesung er kennenlernte, als der Zufall ihn zum Burschen eines Stabsoffiziers machte.

Ihrer zwanzig saßen in einem Schloß, zwanzigmal Pose Moltkes, Napoleons, weil sie unverzeihlich über Leben verfügten, deren keines ihnen mehr galt als das Streichholz, mit dem sie ihre Zigarette anzündeten. Haß stieg auf unsäglich über Verhältnisse, die zwanzig von Ehrgeiz Verseuchten Macht über den Mitmenschen gaben.

Danach sah er sich in die anonyme Herde der Frontsoldaten zurückversetzt, glaubend, er verlasse das Reich des gesättigten Tiers, um in dem der Armen zu weilen. Sie waren selbst Tier, feiges, das gegen den Stachel löckte, dem Stachel gehorchte, die tiefsten Kräfte der eignen Vitalität entfesselte, um sich zu behaupten, mitzutun; mordend, henkend, stehlend, triumphierend, wenn es Erfolg hatte, lüstern nach Gewalt, egoistisch bis in die letzte Faser, nachgeredete Phrasen auswerfend, wie das Meer Kadaver, und sich doch nicht reinigend; es nisteten die sentimentalen Gefühle wie Schleim in den innren Wänden.

Welche Menschenkenner waren die gewesen, die den einen die Macht, den andern den Gehorsam angewiesen hatten: es konnte Mensch nicht ohne Druck, Gebot, Anweisung leben, das gebändigte Raubtier. Aber Philosophie der Autorität so fern, Haß gegen die einen blieb, Mitleid mit den andern schlug in Verachtung um und ward Qual, Ende, Weigrung, noch fürder Mensch zu sein. Geistliche segneten die Mörder, Troß von Schwestern pflegte die Verwundeten, damit sie wieder töten konnten; in jedem Weib, das im Dunstkreis dieser Hölle weilte, schwelte ein Gemisch von Gefühlen, Idealen, Sinnlichkeit, so schauerlich verschlungen in unentwirrbarer Vielfältigkeit wie in den Männern.

Und er selbst nicht besser; was in ihm vom Geist Christi, des großen Juden, war, rang verzweifelt an, ward im Strudel fortgeschwemmt, tauchte auf, nicht mehr erreichbar, fern; helfen, bessern -- wer konnte helfen und bessern, wenn sein Wesen sich in einen rasenden Trichter verwandelte, in dem der Brocken Güte im Schaum von Schmutz, Gier, Lüsternheit wirbelte?

In den Nächten brannten Feuerwerke aus Raketen, Gaswolken, Bomben auf, als begännen die Mondkrater phantastisch zu speien; in Stacheldrähten brüllten die Zerfetzten; da schickte man, am vierten Tag, den Strom durch sie. Ein Zug der Kompagnie kam zu spät zum Angriff, man ließ sie antreten, wählte den zehnten Mann, erschoß ihn, es waren aus dem Kampf Zurückkehrende darunter. Hunde, knirschte er und raste, bis er sich erbrach. Töte dich, schrie es in ihm, solange du es noch nicht aus Wahnsinn tust, solang es noch Einsicht, einzige moralische Handlung der Bestie ist -- und tötete einen andern: beim Angriff der Italiener war er Zeuge, wie sein Leutnant, achtzehnjähriger, drei Mann, die nicht standhielten, mit dem Revolver niederschoß. Da knirschte er abermals: Hund, du Henker im Auftrag der Kaste, und stieß dem Knaben das Seitengewehr in den drohenden Mund, so fest, daß er ihn an den Boden spießte.

Er floh über die Schneejoche, ohne Bewußtsein des Wegs, war nun im Hotel, seine letzten Gedanken zu ordnen und, was aus den Nerven kam, abermals aus dem Hirn zu rechtfertigen. Starre war gelöst, es blieb der Entschluß aus stöhnender Seele.

So schlimm wie die Dämonie des Kriegs würde das Vergessen sein, die Rückkehr der Überlebenden zum Alten, die prangende Decke des Frühlings über dem Moder, die großen Worte der Geistlichen, Dichter und Zeitungsschreiber, rubriziert als: Triumph des Lebens.

»Daß sie am Ende aller Wenn und Aber immer wieder diesen Triumph des Lebens ausspielen, diese schlaue Weisheit des Geschöpfs, das wohl fühlt, daß es eine Kolonie fressender Zellen ist, dieses Sichabfinden mit der Tatsache, eine wimmelnde Welt von Raubmonaden zu sein, überzogen mit glatter Haut und lockender Rundung, diese Dynamik aus hundert Milliarden von Appetiten -- das ist es, was mich das Grauen nicht vergessen läßt.

Nicht vergessen wollen, Widerstand leisten dem schamlosen Egoismus des Jasagens, das ist nun die mir eigentümliche Denkkonstellation geworden. Hören Sie einen Satz, den ich bei Hermann Bang las: >Ich sage dir, sähe ein einziger Mensch einem andern ganz bis auf den Grund der Seele, er würde sterben. Und wäre es denkbar, daß man sich selber auf den Grund seiner Seele sähe, man würde es als eine geringe, aber notwendige Strafe betrachten, ohne einen Laut sein Haupt auf den Block zu legen.<«

»Und dieser eine wollen Sie sein?« fragte Lauda leise, »ist das noch ganz Entschlossenheit des souveränen Menschen, der einmal, er wenigstens und für alle symbolisch, ehrlich sein möchte? Ist es nicht schon eine Lockung, Sehnsucht nach dem Martyrium, Hingabe an einen Dämon, ein gotthaftes Gebilde, dem Sie Aufenthalt in sich geben? Ist es nicht schon herostratischer Ehrgeiz, Spiel mit dem Gedanken, eine noch nie gefundne Methode entdeckt zu haben, um von den Menschen genannt zu werden? Ihr Leid hat sich schon verschoben, die Lockung des demonstrativen Tods ist vielleicht nichts als der erste Schritt der Heilung, weil sie nichts als eine unmerkliche Einschmugglung des nicht sterbenwollenden Egoismus ist.«

»Grund mehr, noch rechtzeitig den Riegel vorzuschieben, die Lockung zu morden, indem man sie befolgt.«

»Das ist Dialektik der Todesgedanken, nicht mehr Ehrlichkeit. Unsre äußerste Tragik ist, daß das Nein immer als Dialektik endet. Sie mußten sich töten, als Sie jenen Offizier getötet hatten, im Impuls. Was nicht Impuls bleibt, wird Dialektik. Sich töten, um nicht wahnsinnig zu werden, -- das ist noch nicht die äußerste Leidensstation; diese heißt: erkennen, daß man sich nicht töten kann, weil man sofort wieder zum Aufbau verwendet wird, wahnsinnig werden, weil Wahnsinn nicht erlöst, das >Du mußt leben!< wie Donner hallt.

Es gibt nur eine Rettung: sich damit abfinden. Metaphysisch gesprochen: Was Sie leiden, ist die zu späte Frage des Urwillens, ob er recht getan hat, sich zu manifestieren; da er es tat, hat er seine Freiheit verloren, ist selbst in den Kreis der Tragik gestellt; wir sind verdammt ohne Rettung.

Aber real gesprochen: Haben Sie den Appetit der Tierkolonie in Ihnen, seien Sie die Dynamik ihres Zusammenschlusses, erbrechen Sie sich nicht in Gedanken an den Bodensatz in der Seele des Weibs neben Ihnen, nehmen Sie es und machen Sie ihm das Kind, lassen Sie sich von dem unsaubren Egoismus beflügeln statt zersetzen. Seien Sie schneidend hart, nie vergessend, und gleichwohl fröhlich, ein wenig nur, nur soviel als nötig ist, um das Leid zu ertragen.

Jede Philosophie endet mit dem Gehorsam, sei es der gegen einen außer uns existierenden Gott, sei es der gegen die Identität mit der Kraft, die uns zur Existenz verurteilt hat. Sich mit der Tragik abfinden, heißt sie niederhalten, sie trägt ihr Heilmittel in sich selbst; man muß lachen können. Lüge des Daseins wird Illusion, das Tragende; Bewußtsein, wie schmutzig wir sind und wie ohnmächtig, kann groß sein, größer als das Phantom von Pathos und Herrentum, das jener dort in Sils-Maria ersann, weil er selbst weich, gütig und physisch zu schwach war -- wie idealistisch, das heißt, wie vorsichtig stand er mit Frauen. Seine Lehre der Härte war nur Symbol, er predigte das Maximum und meinte nur ein Minimum -- gerade soviel Härte, als nötig ist, um sowohl vor dem Hochmut des Eifers als vor der Sentimentalität des Allheilmittels Güte zu bewahren.

Verstehn Sie mich? Ich spreche von der Tatsache, daß, wenn wir auf der Suche nach Rettung vor dem Tierischen die Güte finden, das Tierische und Egoistische vergessen oder als Feind betrachtet wird, während es darauf ankommt, aus Zynismus, Lebenshunger und Gerechtigkeit gegen die andern eine Synthese zu bilden, die uns ein neues kompliziertes, aber darum nicht weniger tragfähiges und unmittelbares Temperament gibt. Mensch, sei die Summe deiner Widersprüche, diszipliniere dich so, daß du mit vierzig Jahren der Massenerkrankung aller Reifenden, dem hemmungslosen Einbruch der Güte widerstehst. Wie viele in diesem Alter, glauben Sie, vermögen Widerstand zu leisten? Konnte es doch die ganze antike Kultur nicht, als sie alterte, sie zersetzte sich christlich. Widerstand leisten heißt nicht, die Dämonie eines neuen Gedankens leugnen; es heißt sie fühlen, aber nur in kontrollierter Dosis ins Blut aufnehmen.«

Und auf einem Gang über die Kuppen, als sie von der Möglichkeit der Erziehung sprachen, fuhr er fort:

»Wenn ich mich frage, ob es noch überhaupt neue Gesichtspunkte der Erziehung gebe, die über die Trivialität der moralischen Forderungen hinweghelfen, finde ich diesen Gedanken: Erziehung noch mehr als auf Moralität, das Selbstverständliche, auf Überlegenheit anzulegen. Überlegenheit nenne ich den Entschluß, Einsichten über die Grundlagen unsrer Natur nicht wieder untersinken zu lassen, sondern festzuhalten. Ringsum vollzieht sich alle Entwicklung so, daß die Menschen den vorletzten Gedanken durch den letzten totschlagen, der Weltliche plötzlich asketisch wird, der Individualist Güte predigt. Dieses Nacheinander scheint das Gesetz der innern Vorgänge zu sein, aber es kann ersetzt werden durch das Zugleich. Nie vergessen, daß wir der Gott sind, der die Ideen und Gebote schafft, nicht dualistisch aus Ohnmacht werden.«

»Ja,« sagte Stein, »das Entmutigendste und Sinnloseste ist, daß gewonnene Erkenntnis mit dem einzelnen zugrund geht, immer wieder der sentimentale, eifervolle, pathetische Prozeß von vorn beginnt -- sie, die von Entwicklung der Menschheit reden, müßten darüber verzweifeln.«

»Nein, sie müßten die Erkenntnis sichern,« antwortete Lauda, »und es wäre nicht unmöglich. Hier interessiert mich erst Erziehung, hier zeigt sich die höchste Aufgabe des Widerstands. Eine Propädeutik der Energie ist denkbar, fußend auf einem noch nicht geschriebnen Katechismus, darin von den Gesetzen des Denkens die Rede wäre, von seiner Halbheit und Mühseligkeit, von seinen Rückfällen, vom primären Nacheinander und späteren Zugleich, von dem Versagen des Widerstands und seiner Größe, von der innern Physik, der seelischen Mathematik und der Überwindung des Tods durch die Generation. Aller Aktivismus wäre darin, die ganze Lehre vom Willen zur Selbstbehauptung, der den zur Macht ersetzen soll und seine gereinigte, geistige Form ist.«

»Voraussetzung wäre der Glaube an den freien Willen, ich habe ihn nicht mehr -- hätten Sie erlebt, was ich erlebt habe.«

»Ich könnte sagen, ich habe es, beschränke mich darauf, zu sagen: ich behaupte die Mutationsfähigkeit der Seele -- sie ist eine Frage der Trainierung von Hirnmuskeln durch den Willen, der identisch ist mit Selbstbehauptung, leichtfüßiger Energie. Das Hirn ist ein Kosmos, in dem neue Erdteile angelegt werden können: ein so mystischer Vorgang wie das Phänomen des Denkens überhaupt. Wie ist es möglich, daß wir immer wieder an derselben Stelle Empfindungen haben, ohne daß die früheren den späteren den Platz fortnehmen? Nur dadurch, daß Seele oder Hirn eine Masse ist, durch die in beliebiger Wiederholung Ströme gehn: es empfängt sie, reagiert raum- und zeitlos, leitet sie ab, ist aufs neue bereit, magische Landschaft der blauen Phosphorblitze, wunderbare Gelatine, berstend von Erinnrungen und doch keine lokalisierend, willig jeder Zucht und Steigrung, freudig wie ein edles Tier, das sich als Künstler und adlig fühlt, wenn es Aufgaben bewältigen lernt.«

* * * * *

Warum war Else zu ihm gekommen? Sie sagte:

»Weil meine Gedanken dorthin folgen, wo ich jemand unbrutal und verstehend weiß.«

Daß sie solchem Menschenwunsch wie etwas Selbstverständlichem nachgegeben hatte, gefiel ihm; das war die ethische Regsamkeit von Jüdinnen, die entschloßner als andre sich von geistigen Werten bewegen ließen. Stolz der Christin, sich suchen zu lassen und nicht zu offenbaren, bis der Mann um sie warb, erschwerte das Bekenntnis, daß menschliche Angelegenheiten, Nöte, seelische Interessen überpersönlich, allen gemeinsam sind; das Geschlecht wurde weniger wichtig genommen; erhob es danach seine Ansprüche, war eine geistige Fundamentierung gelegt.

Auch zwischen ihm und ihr kam dieser Augenblick. Beisammensein des Tags ward an den Abenden fortgesetzt; schon hatte sich seit jener Nacht, in der sie sein Manuskript abgeschrieben hatte, eine Gewohnheit gebildet; sie las, während er schrieb, und störte nicht. Stand sie dann auf, in ihr Zimmer zu gehn, fühlten beide, daß die unsichtbare Spinne Fäden um sie gewoben hatte, die zu zerreißen größren Entschluß kostete als, dableibend, sie bestehn zu lassen.

Aus Bemerkungen des Unwillkürlichen schloß er, daß sie diesen Augenblick bedacht hatte; sie stand allein, war ihm gut, hatte das Bedürfnis der Frau nach einem Gefährten bekannt. Aber er seinerseits glaubte die Tiefe dieser Sehnsucht, der die Melancholie des ersten Erlebnisses vorangegangen war, zu ermessen und ahnte, daß sie eine Bindung von ihm verlangen werde, die ihn, für das Mädchen, die Qualen spätrer Lösung scheuen ließ.

Er fühlte, Tag für Tag im Freien zubringend, wandernd, dem Champagnerrausch der Höhenluft ausgesetzt, so große schöne Beschwingung aller Energien, so straffen, frohen Hunger nach Begegnung, Mensch und Tat, daß er sich Auslösung nicht anders als unbeschwert durch Seelenhaftigkeit und die den Frauen teure Aussprache, Bestätigung, Feststellung denken konnte -- er erkannte sich: wenn er ganz wahr war, zog er Frauen vor, die durch äußre und innre Bedingungen so selbständig waren, daß sie begegneten, ohne Häuser zu bauen. Und Else wußte es, aus dem Eindruck seines Naturells abstrahierend, er merkte es an der Wiederkehr ihres: Es ist gleich, was geschieht, dieses schmerzlichen und wagenden Fatalismus.

Während sie so, sich nachdenklich in die Augen sehend, einander zutrieben, geschah es, daß er zwei Tage das Zimmer hütete: sie wanderte allein, begegnete Stein und trat Lauda verändert entgegen.

»Als ich ihn das erstemal, mit Ihnen,« sagte sie, »von dem Gebot reden hörte, sich zu vernichten, um einmal wenigstens Moralisches getan zu haben, ergriff es mich wohl, aber meine Gedanken antworteten ihm schon aus denen Laudas heraus. Mit ihm allein, war es, als trete ein andrer Geist in mich, ihm und mir und unsrer Rasse Gemeinsames, ferner dem Ihrigen, mitleidvoller, wissender um das jüdische Leid. Sie, Lauda, setzen ihm entgegen, was Sie sind; mir scheint es möglich, ihm den Revolver zu entwinden, indem ich mich mit ihm identifiziere.«

»Das Resultat,« sagte Lauda, »wird gemeinsame Ethik sein, der Ethik wiedergegeben, wird er in Flammen stehender Revolutionär werden, und er wird Ihre Mütterlichkeit nicht erfüllen, denn sie ist Wunsch nach Ruhe.«

Sie verstand, wie er es meinte, nicht abratend, man muß sein Schicksal erfüllen, sehend dem Konflikt entgegengehn, vor jeder neuen Bindung wissen, daß sie, auf andre Art, das gleiche bringen werde wie die frühren. Immerhin berichtete sie am nächsten Tag:

»Vielleicht erspart er sich und mir die Abbiegung in die revolutionäre Heerstraße, wählt eine kleinre, frohere Aufgabe: wir sprachen vom Zionismus. Er fühlt, daß die Zeit naht, wo der jüdische Geist wieder Anspruch erhebt, eine der Kräfte der Welt zu sein, neue Gestaltung oder Untergang sucht.«

»Man darf annehmen,« antwortete Lauda, »daß er sowenig untergehn wird wie in der Vergangenheit. Die Rationalen werden die Anpeitscher der Revolution werden, um durch Zerstörung der Nationen Gleichberechtigung für die ihrige zu erlangen, die Religiösen den jüdischen Kosmos zu bilden suchen. Wird ein Palästina, mit Londoner und Pariser Bankiergeld saniert, Musterfarmen und Häuser mit Zentralheizung gründend, auf enges Gebiet beschränkt, sentimental längst verstorbne Rabbiner studierend, mehr als rationalistische Angelegenheit sein?«

Sie wußte es nicht und er nicht, es ging ihn nichts an.

Er ward überflüssiger Zeuge der zwei, erinnerte sich, einen Brief vom Personal Hannahs erhalten zu haben, der nahlegte, am Brienzer See nach dem Rechten zu sehn, blieb zuvor in Zürich drei Tage, seinen Überschuß Elena zutragend, in deren Zimmer er nun doch wieder saß, fatalistisch überzeugt, daß ihm Begegnung mit der zartren und innigeren Frau nie gewährt werde, weil er sie nicht suchte -- Feststellung, die tragische Koketterie zu vermeiden hatte -- und hielt mit seinen Koffern acht Tage vor Weihnachten Einzug im Landhaus jenseits des Brünig.

* * * * *

Er fand den Knaben gewachsen, und Funken der Intelligenz in seinem Auge entzündeten alsbald eine Assoziationskette, die über fünfzehn kommende Jahre hinweg zu einem jungen Menschen führte, den er erzogen hatte. Wunsch, Erkanntes und Errungenes weiterzugeben, nahm erste Gestalt an.

»Ein Schloß sprang ein,« sagte er, »ich habe mich in die Generationsreihe gestellt: Die Schale weitergeben, nicht auf die Barrikade rufen; Erziehung ist die wirkliche Tat, Aufpeitschen nur Über-die-Tat-reden.«