Nein und Ja: Roman

Part 15

Chapter 153,582 wordsPublic domain

»Wer sagt Ihnen, daß Konservativismus als Idee nicht weiser als jeder Radikalismus ist? Niemand kennt sich, auch ich nicht mich. Manchmal habe ich das Gefühl, von mir und nebenbei von allen, die die Bindungen lockern, daß wir wider unsren Willen in das scharfe, künstliche Licht des Rationalen schreiten, von einem Dämon gestoßen, der nur Verführer zu Erkenntnis ist. Wir können uns nicht anders verhalten und wir sollen es auch nicht, denn es liegt wohl ein Gesetz der nach irgendeinem Mittelpunkt vorrückenden Kosmen vor, und man kann nur ahnen, daß die Erkenntnis eine neue Naivität ermöglicht -- immer wenn ich handeln muß, glaube ich sie schon zu haben. Temperament kann immer ungebrochen sein, gleichgültig, wieviel Hemmungen es durchschritten hat. Immerhin zeigt sich, daß das, worauf der Mensch seine ganze Energie konzentriert, der freie Wille, auch seine problematische Seite besitzt: Züchtung von freier Energie sprengt die Bindungen -- ohne Bindung kann man nicht leben, und wenn ich mich als Kosmos, Bruder des Himmelskörpers Mensch empfinde, von Druck, Achse und Rotation spreche, denke ich nur ein andres Wort: Bindung, diese Legierung von Ja und Nein; denn gebunden wird das Nein, die Sehnsucht nach der Totalität und der tödlichen Rückkehr. Mit andren Worten, Bindung ist Demut, Gehorsam gegen den Zwang zur Existenz, Bindung ist Scheu vor dem zu Radikalen, von dem man sagen kann, daß es sich nur der Maske der äußersten Energie bedient und in Wirklichkeit Gehilfe des zerstörenden Tods ist. In diesem Sinn ist Bindung konservativ, in demselben Sinn konservatives Denken religiös.«

»Sie lösen sich vom Radikalismus, bevor er sichtbar geworden ist.«

»Darf man der Zeit nicht vordenken?«

»Man soll mitdenken,« sagte sie.

»Ja, aber das einfügen, was überall eingefügt werden muß und die eigentliche menschliche, geistige Leistung ist, den Widerstand. Ist eine Betrachtung, die den Widerstand in den Mittelpunkt stellt, nicht konservativ?«

»Sie kann nicht umhin, auch dem verwirklichten Konservativen Widerstand entgegenzusetzen.«

»Nichts kann wahrer sein, Sie legen das System der Denkströme bloß, die Ebbe und Flut, lebende Vorgänge der Mensch genannten kleinen Welt sind. Das Nein, das die Positivismen des Lebens in Frage stellt, ist nur ein Phänomen des Ja, das sich durch Widerstand verstärken will, und das Ja des Radikalismus ein Phänomen des Nein, das die Lockung des größten Glücks vorschiebt, um das Jasagen tödlich zu treffen.«

* * * * *

Sie hatten sich am nächsten Morgen kaum an die Schreibtische gesetzt, als Rutt gemeldet wurde.

»Ich komme,« sagte sie, »weil ich mit dem Regisseur in der Auffassung meiner Rolle uneins bin, Sie sollen entscheiden.«

Sie berichtete; es erwies sich, daß das Tempo einer Figur nicht geändert werden konnte, ohne alle andren zu beeinflussen. Der Regisseur arbeitete mit Hebeln und mit Schrauben, holte die Sätze schwer hervor, ließ sie langsam zerfließen, starre Lava, und goß das Dämmer wechselnder Lichtmagie darüber. Lauda nahm das Buch, las den Partner, bat Rutt, ihre Rolle zu sprechen. Vollkommne Harmonie, rasch rollten die Szenen, leise gedämpft -- Beschleunigung und Abstand waren die Absteckungen, zwischen denen zwei Stunden Geschehn sichtbar wurden, aufschwellend wie Kammermusik, danach nicht mehr. Schauspieler durfte nicht lebensgroß, wuchtige Materie sein; fern Pathos, Agieren; Gestalten _sind_, überflüssig, daß sie sich erklären; Probleme knüpfen sich, lösen sich wie eine Schleife, Lauda legte keinen Wert darauf, den Zuschauer durch sie aufwühlen zu lassen -- Zuschauer sollte zuschaun. Zuschauer sollte bleiben, was er war, dem Schicksal Andersgearteter, Verstrickter beiwohnen.

Es gab andre Stücke, elementarere, wie es neben Kammermusik die heroische gab -- dieses Stück war, wie es war, also galt es, seinen Stil einzuhalten. Rutt, die nervenzerrende Rollen liebte, hatte verstanden, daß sie hier Härte unter zarter Hülle und süßem Dunkel verbergen mußte -- am Regisseur, gleichermaßen zurückzustellen, was er gelernt hatte, den großen Apparat, und sich unterzuordnen.

Lauda begleitete Rutt auf die Probe, griff ein, ließ von vorn beginnen, warf das Tempo von Grund aus um, reduzierte Kulissen auf ein Minimum. Konflikt mit dem Regisseur trat, dem Direktor anheimgegeben, in das Stadium, wo Ausgleich unmöglich wurde. Lauda verlangte die Regie für den Rest der Proben und den Abend selbst, drohte öffentlich zu widerrufen, drang durch, indem er dem Regisseur den nominellen Oberbefehl überließ, und sah sich auf zwei Wochen als unumschränkten Herrn über sechs Menschen und die Trabanten. Es war Vergewaltigung -- wie immer beim Sprung in die Tat empfand er, daß, wenn er handelte, er ganz handeln konnte, Geistigkeit wie ein Fächer war, den man schloß und zum Dirigentenstab machte: kurzes Klopfen, Heben, -- und die klirrende Symphonie begann.

Rutt sagte:

»Elses Freund und Sie sind absolute Gegensätze; er faßt die Energie in anfeuernde Formel, Sie üben sie aus, undenkbar, daß Sie an irgendeinen Gedanken Worte wenden.«

Er lachte, antwortete:

»Fragen Sie andre, sie werden Ihnen sagen, daß ich der sei, der den Entschluß durch Reflexion hemme. Weil sie weder Denken noch Tun des andren naiv nehmen, sondern die Dilettantenkunst des Schlüsseziehens üben, zwingen die Leute, fast selber Schauspieler zu sein, Denken und Tun wie eine Maske zu tragen. Ihnen gegenüber, Fräulein Rutt, werde ich allerdings nie philosophieren, nur handeln; Sie fordern heraus, zum Tun, zum Spiel der Klingen oder zum straffsten Gegenübertreten. Warum, fragen Sie? Weil Sie ganz im Vordergrund Ihres Wesens leben, zu bestimmt, zu unmittelbar Energie in Handlung umsetzen.«

»Was tun Sie denn andres,« fragte sie erstaunt; »wenn man Sie auf den Proben sieht, zugreifend, jäh in eine Trägheit oder auch Verdrossenheit fahrend, leben Sie doch auch im Vordergrund Ihres Wesens.«

»Und mache doch nur Vorstöße aus seinen Hintergründen -- nichts ist so sehr Instinkt in mir, als die Brücke nicht abzubrechen. Als ich noch die Form meines Naturells suchte, zog ich mich oft zu früh auf die Brücke zurück, war feig, ließ im Stich -- man darf die Brücke nur in der äußersten Not benutzen, wenn man aus dem Absoluten dem Tun neue Kräfte zuführen muß.«

»Wie dem auch sei,« antwortete sie, »Sie sind für mich so, wie ich Sie kennen gelernt habe, und manchmal denke ich, daß Sie der seien, dem ich einen Vorschlag machen möchte, einen nie ausgesprochnen, weil der Partner fehlte.«

Aber sie lenkte ab, als er ihn hören wollte.

»Wie seltsam ist Ihr Name,« sagte er, »was ist Rutt, eine Abkürzung?«

»Eine Umwandlung aus Ruth. Mit dem Namen Ruth sind zu bestimmte Vorstellungen verbunden, als daß ich ihn hätte tragen können.«

Lauda machte Barbara mit Else bekannt, nur andeutend, daß es galt, einer schon wankenden Melancholie den letzten Stoß zu geben. Er fürchtete, der Optimismus Barbaras möge Else zu derb erscheinen -- unnütze Furcht, er wurde Zeuge des Gemeinschaftsgefühls von Frauen, das ein Wissen um Nöte des Erlebens war. Barbara stellte Derbheit zurück, bis sie wagen konnte, die Männlichkeit jenes Freunds als die eines Tenors zu erklären. Und sie drang mühlos zum Kern des Mädchens vor, führte sie in die Sphäre des Kinds und der zu betreuenden Mütter.

Auch mit Hans machte er Else bekannt, ohne Absicht, sah unerwartet den Freund von der kleinen Schwester Barbaras zu der noch weiblicheren Orientalin übergehn, aber hilflos werden vor ihren geistigen Interessen, dieser Bereitschaft für praktische Dinge. Ahnend, daß sie Kummer erlitten habe, erkundigte er sich bei Lauda, faßte die Begegnung mit dem Berliner Freund so natürlich auf, daß ihm der Gedanke andrer, man müsse sich darüber hinwegsetzen, gar nicht kam; aber beim Versuch, mit ihr davon zu sprechen, hatte er nichts zu bieten, als die Empfehlung des Wechsels, Selbstquälerei des Zwischenstadiums für unnaives Übermaß an Seele erklärend -- sie fand ihn täppisch. Der Ansatz zur Werbung scheiterte kläglich, er war vom Stamme derer, die sich die Frau selbst nimmt. Siriwan wirkte auf Else zynisch, auf Rutt als männlicher Kavalier; sah er sie an, trat in seine Augen der Blick, mit dem Männer Kokotten auf die Verheißung äußerster Dinge schätzen.

Es waren die Schwestern in allem Gegensatz, gleichwohl so jüdisch die eine wie die andre -- wie war Einheit bei so viel Verschiedenheit möglich? Es gab zwei jüdische Typen, wie es sie unter allen Menschen gab, den in der zeitlichen Sphäre heimischen und den religiösen. Waren Menschen dieser Rasse materiell, so waren sie es ganz; für ihre Leistung im Reich des Absoluten erübrigte sich der Beweis. Temperament im weltlichen Sinn hatte nur der Bewohner der sichtbaren Sphäre, der andre hatte Stoßkraft, Vorstellungskraft, Ideenkraft. Wenn es rationalistisch gerichtet war, bewegte sich jüdisches Temperament leichter, sichrer, anmaßender als jedes andre auf der Oberfläche der Dinge, stets noch vermehrt um den Hunger nach dem Anteil, die egoistische Energie -- sie schwammen in der Materialität wie Raubfische im Wasser; Lehrzeit und Verpuppungsstadium waren abgekürzt, sie sprangen wissend in die Arena, mit dem glänzenden Blick, die Frauen so eifrig wie die Männer, aber die Frauen dieser Art unbeschwert von der Melancholie der Männer, ganz Energie -- geborne Trägerinnen des Radikalen, unfähig, jene Bindung zu finden, durch die die vitale Energie so tief versenkt wird, daß sie Geheimnis wird.

Versenkung der Energie und Befreiung der Energie, das bedingte den Unterschied von Vordergrundsmenschen und Religiösen -- religiös nach Laudas Definition der, der Ja und Nein vereint. Und dieses Verhältnis von Versenkung und Befreiung erlaubte auch, die tiefre Gleichheit beider Typen zu behaupten, wie die aller menschlichen Wesen. Praktisch gesprochen, wies die Melancholie Elses darauf, daß ihr die geistige Sphäre zugänglich war, wie allgemein die Melancholie der jüdischen Menschen Ausstrahlung der stärkren Geistigkeit war -- den rationalistischen Frauen fehlte sie, trat höchstens als Surrogat Fanatismus auf; wo auch das Surrogat fehlte, drohte Selbstverbrennung der Energie, die sich in den kleinen Explosionen der täglichen Verausgabung vollzog, siehe Rutts Mitreden, Dabeisein, sofortige Umsetzung jeden Impulses.

Ein paar Tage darauf erzählte ihm Else von Vorstellungen, die Rutt an die Person Laudas knüpfte, wünschend, daß Else den Weg zu ihm ebne, und den Wunsch verleugnend. Sie träumte von einem Bündnis zweier Energien und Intelligenzen, deren eine die ihrige war, die andre die des zu findenden Manns. Da sie Schauspielerin war, glaubte sie den Partner in dem Dramatiker gefunden zu haben; Ziel: die Erobrung der Zukunft, Mittel: kopulierter Ehrgeiz, Zusammenhalten, gemeinsames Arbeiten, Schaffung von Verbindungen und Benutzung einer jeden unter Schultergefühl; so steigen, wie es zwei klaren Willen möglich war, sehr hoch, ganz weit.

Lauda sagte:

»Ihr Freund, Fräulein Else, wäre der gewesen, den sie hätte wählen müssen; Tenor und Diva sind nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich von der gleichen Welt. Nichts könnte mir ferner liegen, als meinem Ehrgeiz durch Organisation nachzuhelfen. Wie ich naiv leben, nach innrem Gesetz bald denken, bald handeln, bald mich binden, bald mich befreien will, soll auch Wirkung auf andre naiv sich vollziehn; hat man Wirkung, ist es ein natürlicher Vorgang, bleibt sie aus, desgleichen. Niemand weiß, ob das, was er sagt, Wert hat, mag er es als noch so neu empfinden; man kann es nur feststellen. Reisender im eignen Ruhm sein ist so anrüchig wie den Leuten einen Fabrikartikel aufreden.«

* * * * *

»Wenn ich auch nicht Kaiser dieser Stadt bin, kann ich doch ihr Harun sein,« sagte er, auf der Brücke Siriwan begegnend, an einem der Abende, an denen er durch Straße, Fabrikviertel, Restaurants der Reichen und Vorstadtkinos ging. Siriwan lächelte mit dem Blick des Augurn, wenn er Lauda so begegnete:

»Man muß methodisch, gründlich und immer allein streifen,« sagte er, »es ist das wahre Kennzeichen des selbständigen Menschen, die andren werden schon feig, wenn sie fünfhundert Meter vom Zentrum sind.«

Noch einem dritten begegnete Lauda oft, Schreiner -- diesem in den armen Vierteln und immer einem über die menschlichen Höhlen, die Schnapsschenken, die lieblosen Vergnügungsorte Stöhnenden. Ein vierter wäre denkbar gewesen, der, der aufsucht, sieht, leidet und nicht spricht, sich vorbereitend auf den Tag, wo Sprechen nicht mehr Wort, sondern Lehre ist -- er hätte vielleicht gesagt, daß Partei, Organisation, Selbsthilfe nicht das Wesentliche seien, wie Christus nichts von diesen Dingen gesagt hatte. Was hätte er also sagen können? Daß wesentlicher sei, das Reich in sich zu suchen, die Bürde der Existenz in sich zu erleben? Was hätte es dem Armen, Ausgestoßnen, Schwachen, Mutlosen geholfen? Die Bürde des Existierenmüssens nicht vergessen: das war Mahnung an die, die irgendwie fest und geordnet lebten; der, der unter der Bürde stöhnte, verlangte andres, Lindrung, und Lindrung bot ihm die Partei, die Hoffnung auf Vergeltung und Umsturz.

Wie anders war die Situation als zur Zeit Christi; es ließ sich der Mensch nicht mehr auf die innre Zukunft verweisen; Resultat von zwei Jahrtausenden hieß: Mißtrauen gegen die Lehre der Demut, denn Demut hatte zu dem System geführt, das von dem Besitzenden nur die Steuer des Almosens erhob, Kirche hatte ihren Frieden mit den Mächtigen gemacht.

Sinn dieser Streifzüge war Lauda, das zu erkennen, Tragik des Christentums zu fühlen, das gezwungen worden war, die Idee der Nichttat, des Religiösen, durch Tat zu verwirklichen. Mission für das Reich des Mehr-als-Irdischen treiben, hieß zu den Mitteln des Irdischsten, der Organisation greifen. Darum hatte, als das Christentum gescheitert war, der Sozialismus die Verwirklichung der Idee auf ganz materiellen Wegen unternommen: Organisation der Kräfte und Wille zur politischen Macht.

Kein Christus war mehr möglich, die Menschen hätten ihn gefragt: und was rätst du zu _tun_? Man hätte ein Programm von ihm verlangt, und Programme sind irdischer als alles andre, so fern dem Pessimismus der Religionsstifter, der Mißachtung des Leibs und des Staats. So war das Zeitalter, in dem wir alle leben; unmystisch, unlegendisch, unreligiös auf immer. Staat war der Gott, Gesellschaft die Form, mit der sich jeder Gedanke, jede Energie verbinden mußte, wollten sie überhaupt Form annehmen und mehr sein als Rezept für Individualismus. Noch gestern, dachte er, lebte der letzte große Christ, Tolstoi, begann das Beispiel bei sich und dem kleinen Kreis, der um ihn war -- die Ausdehnungskraft dieses Kreises, wie schwach blieb sie, auf das Gut beschränkt; Dorf, Provinz, Land, Staat konnte sie nicht erreichen -- es war vergrößerter Individualismus, Nachfolge Christi als Angelegenheit des Privatmanns.

Keiner heute, keiner in Zukunft wird mehr lehren, mehr erreichen können als dieses »Beginne bei dir selbst«, Beispiel sein, Da-sein, nach seinen Kräften wirken, und das war der tiefste Sinn des Pädagogischen; aber welche Tragik darin -- unsre Tragik, des Menschen Tragik, dem Ideen, sobald sie aus der Sphäre des Elementaren in die der Materialität traten, zu Materie erstarrten, nützliches Handwerkzeug wurden.

Er hatte an diesem Tag das Buch einer Gruppe junger Dichter gelesen, Aufständiger gegen solche Irdischkeit. Haß darin gegen die sichtbaren Formen, in denen Weib nur Frau der gesitteten Welt, Mann nur Nutztätiger war. Dichtung ward als das Ewige und folgerichtig als Sprengung der bürgerlichen Regulative proklamiert; nicht weniger als drei hatten Frauen gestaltet, die sich, die einen aus Demut, die andren aus Sehnsucht nach dem Totalen, die dritten aus Fanatismus der Weibidee vielen, allen maßlos hingaben, keusch zuchtlos, schreiend brennend -- was war es? Literatur, Ding für sich, denn alles blieb Literatur, was das Elementare absolut in die Welt des Existierenden werfen wollte; Existenz hieß Kontrolle des Elementaren; Existenz war Form, Form Rationierung des Elementaren.

Die Kritiker und die vom Bürgertum verehrten Dichter selbst hatten schon längst die Philosophie auf den Zwang gemacht, Elementar hieß ihnen Mildrung des Materiellen und Ewig Menschlichkeit -- sie hatten das Pathos des Elementaren, nicht es selbst, sonst wären sie Zerstörer gewesen, denn das Elementare war, insofern es auf das schon Bestehende traf, Prinzip des Umsturzes, und es war, absolut betrachtet, doch zugleich die Ursache dieses Bestehenden; Entschluß des Urwillens zur Existenz war Selbstverurteilung zur Form.

Und er, Lauda, stürzte von neuem in den Abgrund, der sich zwischen ihm und Künstlertum aufgetan hatte, als es ihm feststand, daß Dichter und Künstler nur Leute waren, die das Elementare in maßvoller Dosis dem Materiellen zusetzten. Aber die Wirkung war heute anders; Ja war zu stark, denn starkes Nein hätte in drei Tagen zur selbstvollzognen Auslöschung geführt; Ja war zu stark, und es ergab sich Abfindung mit dem Gedanken, daß

Kunst Dosierung ist,

Handeln Kompromiß,

Leben Hut vor dem Elementaren,

Alle menschlichen Angelegenheiten banale Tapferkeit, maßvolle Abfindung sind,

Menschen sich nicht zerstören wollen, Lobpreisung der Kunst als einer Verschönrung und Beschäftigung Wert hat,

Der Radikale, der vor dem Meer von Leid stehn bleibt, ohne sich zu töten, es mit der großen Geste an deklamierend, ein Lügner ist,

Ein wenig Glück besser ist als die Ohnmächtigen nicht zur Ruhe kommen lassen,

Alles Starke, Elementare, Kompromißlose sich auf die einsamen Stunden des Einzelnen beschränkt und der der Anständigste ist, der doch nicht zum Egoist wird, sondern dem Bruder das Recht gibt, ein wenig hilft, ihm den Glauben an die Allmacht von Ideen, Tat, Kunst und Gedichtetem nicht zerstört.

Er war nicht Schreiner, nicht Siriwan, nicht der vierte imaginäre, nie mehr wiederkehrende Christ aus Nazareth, er ging in diesen Nächten einfach auf die Begegnung mit Menschen aus,

Zu fühlen bei ihrem Sein und Tun die Verschlingung der beiden Ströme Ja und Nein,

Dem Ja, in dessen Lichthälfte er nun getreten war, nicht so untertan zu werden, daß er streitbarer Optimist wurde,

Von Leid, Elend, Schmutz sich ein Wissen zu wahren, denn der Mensch war ein Wesen, das, was es war, ganz war, nicht aus Stärke sondern aus Ohnmacht: das Hirn vergaß, suchte zu beharren.

Siriwan hätte Lauda nicht verstanden; Lauda sprach mit den Mädchen, die jener bei ihm gesehn hatte, nicht, weil er auf die Jagd nach der Nachtbeute ging, sondern weil sie die waren, die über den Weg liefen. Er erfuhr Biographien, so gleich an geschminkter Lüge und so verschieden an Zustand, Motiv und Herzenston, daß er, wäre er noch Autor gewesen, auf Material versessen, die weite Anlage des Werks Balzacs hätte planen können.

Das war so fern, die Zeit war derart beschaffen, daß es des Romanhaften zu viel wurde; die Zeit lockerte in solchem Maß das Feste, das gewesen war, daß sie Krepierende wie die See Fische auswarf; ein Angebot an Material, Schicksal, Variation fand statt, daß Überdruß in ihm entstand, Verzicht auf Material, das nicht mehr vom Dichter gesucht werden brauchte, sondern dem Zeitungsschreiber auf den Tisch flatterte.

Oft war zu helfen, er half oft, durch Graumanns Geld; gleichwohl, es wuchs ein Gedanke, der nur deshalb nicht Zynismus war, weil er bitter war: daß wichtiger als die schon Leidenden die noch nicht Leidenden seien, deren Jugend, sei es die physische, sei es die innre, sich noch durch Einwirkung, Lehre, Beispiel in Energie verwandeln ließ. Den schon Leidenden helfen, daß sie, in irgendeinen Winkel kriechend, schlecht und recht den Rest ihrer Jahre ablebten; aber diejenigen _aufsuchen_, die noch dem Existenzableben Existenzgestalten entgegensetzen konnten, der Passivität die Aktivität, die Wille zur Mutation war.

Welches Regulativ blieb, es den Menschen zu lehren, nachdem das größte gelehrt war, das sentimentalisch Güte, sachlich Anerkennung der Gleichberechtigung des Mitgeschöpfs hieß? Man konnte die Güte ihres dualistisch-theologischen Charakters entkleiden (denn sie war nicht jenseits des freien Willens als Imperativ in uns gelegt) und ihr statt der moralischen Färbung die tragisch-reale geben (die von Natur aus Feindlichen und vom Totalen her Getrennten verbinden sich gegen das dämonisch gleichgültige Abrollen, Brüder durch Widerstand); aber das war nur eine Reinigung des Begriffs Güte, der dadurch allerdings aus einem Sittengesetz zu einem Regulativ, einer der großen starken Künstlichkeiten wurde, mit aller Einsicht in ihr illusionistisches, idealistisches, nie zu verwirklichendes, nur den Egoismus modifizierendes Wesen.

Lauschte er in sich, schien es ihm, es gäbe noch andre, neue, nie ausgesprochne Formen des Widerstands, Keime einer künftigen Erziehungslehre. Sie lagen nicht auf der Linie der Radikalisierung, sondern der innren Energie, die in neue Kontinente des Hirns vorstößt, sie findend, indem sie sie erschafft, und nicht auf der Linie der Tat, die versklavt, sondern der geistigen Freiheit.

* * * * *

Als er nach Hause kam, fand er eine Mitteilung der Behörde vor, die ihm die weitre Herausgabe seines Blatts verbot; die deutsche Regierung hatte Vorstellungen wegen Verletzung der Neutralität erhoben. Auch Fünfkorn war das gleiche Schicksal widerfahren, aber die Entente hatte ihn geschützt. Da niemand hinter ihm stand, wußte Lauda, daß der Berner Entscheid unwiderruflich war.

VI

Achtzehnhundert Meter über dem Meer lag der Ort, sechshundert über dem Ort das Hotel; steilste Leiter verband sie, die Zahnradbahn.

Mehr als zweitausend Meter über den Ebnen stehend, in denen sie töteten, weil sie nicht einig wurden, ob ein Streifen Land dem Reich im Westen oder dem im Osten gehören sollte, empfand er die Verlockung des Hochmuts, der die Menschen unter sich sieht. Jenseits des Tals öffnete sich die ewige Weihnacht des Gletschers, und in der Schußlinie einer Kette von Seen erblickte er das Dorf, in dem Nietzsche dem schwachen Körper die starken Gedanken abgerungen hatte.

Einsamkeit, ihm selbst einst lustvolle Vorstellung, gefüllt mit hundert Reizen, wie ein andrer sich Liebe der Kinder, heiligen Abend, Walten der Lebensgefährtin ausmalt; Einsamkeit, einzige Möglichkeit, um Gebot des Egoismus und gutes Gefühl für Menschen zu vereinigen, weil gerecht gegen Menschen nur ist, wer nicht die Personen sieht, einzige Möglichkeit auch, naiv zu leben, fern der Ungeduld über die Konsequenzen, durch die eine Begegnung getötet wird, Einsamkeit war nicht mehr Realität, nicht die ohne Zögern gegebene Antwort auf die bisweilen gestellte Frage, wie er die Zukunft des nächsten Jahrzehnts wünsche, sondern hatte sich in ein Ideal verwandelt, das verwirklicht matt geworden wäre.

Wer Verweilen in der Arena der Menschen verwarf, so entschlossen dem Absoluten sich zuwandte, daß er jenseits der Manifestationen des Absoluten stand, solches Heimweh nach der Totalität hatte, daß seine Antwort auf die Frage Ja-Nein dadurch bestimmt wurde -- er mußte das Leben von sich werfen, es sei denn, daß er gläubig war und die Bürde als Geheiß seines Gotts trug.

Fehlte dieser Glaube und wählte er doch die Einsamkeit, dann log er, denn er suchte nur einen Annäherungszustand des Nein und ließ sich noch vom Ja bestimmen. Aus der Einsamkeit die großen Worte in die Ebne hinabsenden: hinüberschauend nach jenem Sils-Maria, ahnte er, wieviel nutzlos verbrauchte Energie dazu gehörte, das Pathos der Distanz durchzuführen -- so viel, daß sie genügt hätte, in der Gemeinschaft der Menschen sich zu behaupten, teilnehmend an ihren Angelegenheiten, der Kausalität dieser Angelegenheiten nicht zu verfallen und souverän zu bleiben. Einsamkeit war der Mantel der Größe, in den sich der hüllte, dessen Widerstandskräfte versagten.