Nein und Ja: Roman

Part 14

Chapter 143,475 wordsPublic domain

Aber die Verteidigung war matt: auch wenn man statt von Schreiner vom radikalisierten Intellektuellen sprach -- die Lüge des Intellektuellen blieb, der nicht so identisch mit seiner Idee wurde, daß er als Proletarier unter Proletariern lebte.

Als Lauda an dem kleinen Hotel der Gasse vorüberging, in der seit Jahrhunderten fahrendes Volk, Varietéleute, Jodler, Soubretten über den Bierhallen des Erdgeschosses hausten, fiel ihm ein, daß Lisbao darin wohnte und bettlägrig war. Er stieg hinauf. Das Zimmer hatte keinen Ofen, es standen Bett, Tisch und Becken; hinter dem Vorhang des Wandschranks hing ein einziger Anzug, den zweiten trug Lisbao im Bett, die Wärme fehlender Decken zu ersetzen. Franziskanische Armut des Poeten -- wäre er Poet im alten Sinn gewesen, Dachkammer mit Versen des klagenden Kinds verbrämend, er hätte auf die Dauer Besitz von der Vorstellungskraft des Bürgers ergriffen.

Daß er kein Wesen von dieser Dachkammer machte, gewann ihm Respekt Laudas, dem er die Hand lächelnd entgegenstreckte. Melancholie der leisen Stimme war natürliche Haltung eines, der Rimbauds Flucht aus Paris liebte, ganz anders war, nur Kaffeehaus und die Druckerei kannte, in der er seine Hefte selbst setzte, zwischen Winkelhaken und Holzschnittpresse jeden Handgriff übte. Nie hatte Lauda ein Wort der Intrige von ihm gehört, in einem Milieu von Künstlern und Literaten, dessen Spannungen sich täglich durch Intrige lösten.

Vielleicht vermied er deshalb, Einblick in seine arme Privatexistenz zu geben, weil sich um ihn, den Entfernten und Angreiferischen, für Entfernte und Nacheifernde ein Nimbus wob -- es hielten ihn manche für einen Alten und Weisen. Auch konnte man sicher sein, daß, wenn er an den Tisch im Café trat, seine Brieftasche mit Zeitungsausschnitten gefüllt war, in denen das Wort Lisbao blau angestrichen -- jeder Charakterzug eines Menschen, dem innren Anstand entsprungen, diente zugleich seinen egoistischen Interessen; es stand ganz in der Willkür des Urteilenden, welche Seite er sehn wollte.

Der Typus dessen, der den Blick für die egoistische Seite hatte, saß neben dem Bett Lisbaos, Brause, Literat aus der deutschen Hauptstadt, Typus in allem, berlinerischer Sprache, Schußfertigkeit des Urteils, Zurstreckebringen. In zehn Minuten war der Kranz der Zeitgenossen durch die unterrichtete Zunge entblättert, es stand die Misere deutscher Geistigkeit in erschreckender Nacktheit. Daß er selbst in einem Propagandaamt saß, war Handlung des Zwangs mit dem jesuitischen Vorbehalt des Klügren. Seinen Einfluß zu beweisen, erbot er sich, Lisbao und Freunde in Berlin berühmt zu machen, genaustes Programm. Halb ward Lisbao verlockt, halb fürchtete er nationalistische Ausnutzung, schädigend in französischen Kreisen. Lauda tröstete ihn, Brause würde hinter der Tür vergessen, was er im Zimmer versprochen hatte.

Heimkehrend fragte er sich, in welche Schicht er selbst gehörte, den Literat nicht liebend, der sich wichtig nahm, nicht den der Bildung und Erziehung hingegebnen deutschen Idealisten, der unfähig war, die Idee des pädagogischen Positivismus zwar zu setzen, aber zugleich durch äußersten Vorstoß des Denkens aufzuheben, und nicht das bürgerliche Lager, das seßhaft in Existenz war und Geistiges zum Schmuck degradierte.

Keine Frage war das, die ihm Qual bereitete; unbedingt abgelehnt nur der Literat, Entfeßler des Worts und Pathetiker der heroischen Geste; möglich das Verhältnis zu Idealist und Bürger -- der eine Mitarbeiter, der andre Feld des vor Lauda tretenden Missionsgedankens. Der zu sentimentale Idealismus konnte ersetzt werden durch den, der Synthese aus Ja und Nein war, und das Bürgertum, die Irdischen, war der Boden, aus dem die Jugend wuchs, die Zahl derer herkam, denen man die Idee bringen mußte -- eine Verwandtschaft bestand zwischen diesem Boden und dem Mütterlichen, das um einen Grad heiliger als alles andre Leben war.

Es erzeugte das Wort Erziehung, mit dem er nun zu operieren begann, Mißbehagen in ihm. Erziehung war ein zu positiv geladnes, pathetisch moralisches Wort, eifervoll, sentimentalisch. Erziehung bezeichnete nicht das, was er wollte, eine Auffassung, die Komponente aus zwei Gegensätzen, bedingtes Ja war, das seine Bedingtheit nicht fortwährend zur Schau trug, alle Energie des bedingunslosen Ja enthielt, aber durch das Hintergrundsgefühl des Nein straffer, gereinigter wurde. Erziehn wollen war Anmaßung; Erziehen schlechthin, Da-sein, Wirken, Daseiendwirken, mit andren und für sie denken, wäre die Umschreibung des fehlenden Worts gewesen.

So verhielt es sich auch mit dem Begriff Religiös. Er konnte ihn nicht umgehn, denn das Verhältnis von Ja und Nein, Aufhebung von Irdischkeit und Zeitlichkeit durch Totalität war religiös -- es war die Quintessenz, wenn man die gemünzten Konkreta Gott und Seele einschmolz und den Stimmungsgehalt ausdampfen ließ, so daß nur die reale Abstraktion, präzise, übrigblieb. Und abermals verhielt es sich so mit dem Begriff Güte; sie war wie Religiös moralisch gerichtet, als Eigenschaft, Besitz, Gebot bestimmt, und sollte von diesen stimmungsmäßigen Beimischungen frei sein.

Diese Fordrung, empfand Lauda, ist nicht Willkür. Die Selbstbespieglung des Menschen in der gewählten Idee der Güte war das, was er Sentimentalität nannte -- sie war die Lust, einen Gott gefunden zu haben, in dessen Hände man sich geben konnte: edelste Form der Sentimentalität, aber doch Rührung über sich selbst; das Bewußtsein fehlte, daß dieser Gott Geschöpf des Menschen, Symbol, nicht Wirklichkeit war. Es bestand ein Unterschied, ob man sich unter den _Druck_ begab aus dualistischem Unterordnungsbedürfnis, oder aus einem Entschluß, den man letzthin hygienisch nennen konnte, weil man für seinen Kosmos einen Zustand suchte, in dem er am leichtesten rotieren konnte -- Demut des Moralischen wandelte sich in Anpassung an energetische Gesetze um, Mensch trat aus der ethischen Sphäre in die mathematische und war nur so im Stand, Güte, so weite Macht er ihr einräumte, doch jederzeit zurückzuziehn.

Er brauchte nur zu bedenken, wie verschieden an den verschiednen Tagen in ihm, Lauda, der Grad an Güte, das freie Quantum an Güte war. Es gab Tage, an denen sie schlechthin alle seine Anschauungen und Handlungen bestimmte, andre, in denen sie wie ein dekulminierender Stern ein wenig, ziemlich weit, ganz weit abseits stand; und das Entscheidende nun war, daß er für diese Unterschiede keinen objektiven Grund fand, stets sich mit sich selbst im Einklang fühlte. Bereitwilligkeit -- Zurückhaltung -- Ablehnung; Verzicht auf Egoismus -- Einschlag oder Triumph von Egoismus waren Aggregatzustände, so berechtigt und notwendig wie atmosphärischer Niederschlag, der bald Schnee, bald Wasser, bald leichter Morgendunst, verschwunden am Mittag, war. Die Freiheit, naiv atmosphärisch zu sein, darauf kam es ihm an -- grundsätzliche Güte wäre Vergewaltigung, Zwangszustand gewesen.

Letztes Ziel, stärkster Trieb in ihm war in der Tat: naiv zu sein; nicht in dem Sinn, daß er Denken, Widerstand leisten, sich selbst Zersetzen je als Hemmung empfunden hätte, sondern in dem des rücksichtslosen Durchbruchs zum Wechsel der atmosphärischen Aggregatzustände.

So kam es, daß nach einem Tag, an dem er sich ganz etwa einer Frau gewidmet hatte, am nächsten dieselbe Frau lästig fiel, weil sie aus dem beglückenden Gestern den Anspruch auf das fortsetzende Heute ableitete. Nichts aber war so schwer, als ihr klarzumachen, daß seine veränderte Haltung heute nicht Verleugnung des Gestern bedeutete, nur Selbstregulierung und die gleiche Naivität wie gestern war: der Konflikt mit ihr wurde unvermeidlich, und es gab nur einen Ausweg -- nicht Trost für sie -- das Nacheinander der Zustände als Gesetz zu formulieren, das unvereinbar mit dem Wunsch nach Dauer war.

* * * * *

Eine der Bühnen der Stadt setzte sein letztes Stück an; eingeladen den Proben beizuwohnen, sprach er mit dem Regisseur, selbstbewußtem Mann, und enthielt sich darauf jeder Teilnahme, vorschützend die ungünstig gelegnen Stunden.

Einiges vom Gang der Einstudierung erfuhr er in der Folge von Graumanns neuer Sekretärin, Else Jakobi, deren Schwester Rutt Schauspielerin war und in einer Rolle des Stücks auftrat. Lob Graumanns ihrer Intelligenz, die er der jüdischen Rasse zuschrieb, veranlaßte Lauda, sie zur Aushilfe heranzuziehn, er hatte für den jungen Rudolfi, der nach Deutschland zurückgekehrt war, noch keinen Ersatz. Sie arbeitete so gut, daß er Graumann vorschlug, sie ganz in die Redaktion zu versetzen. Graumann weigerte sich, da erbot sich Fräulein Jakobi, beide Aufgaben zu übernehmen -- Andeutung, daß sie Grund habe, Arbeit zu häufen.

Der Grund war mühlos zu erkennen: Melancholie; ihre Augen starrten manchmal in Grübeln, und die Freizeit der Abende war ihr tot. Kleine Orientalin, warm und üppig, von Wesen ganz unaufdringlich. Sie kam aus einer großen Landstadt des Ostens, wohin die Söhne, Studium beendet, zurückkehrten, um mit der Praxis die Familie zu gründen, suchend unter den Töchtern nach Geldinteresse und dem Rasseideal, der vollbrüstigen Frau, die Vorstellungen befriedigt und gute Mutter ist. Unlust der Schwestern, so zu warten und gewählt zu werden, Provinz nie zu überschreiten, war in Rutt mit Temperament verbunden, in Else mit Ethik.

Als jene Schauspielerin wurde, entließen die Eltern auch diese, der Schwester zur Seite zu stehn. In Berlin liebte Rutt sich durch die Reihe der Schauspielschüler, in dem Augenblick alles wissend, wo sie sich entschloß, ganz wissend zu sein, und zahlte den Preis, um den Erlebnis erkauft wurde; aber Erlebnis war das Mittel, das der Stimme Fülle, den Gesten Bestimmtheit, dem Blut Macht über die Leute gab. Spannkraft wölbte Brücken über die Stationen; die letzte war das Tor, hinter dem die wenigen sich sammelten, die den äußersten Ehrgeiz kannten -- vor ihnen die Ebnen der Städte, in denen Gold, Hermelin und der große Name warteten. Sie brannte auf die Fahrt in sie mit den Nerven eines Renners, gewiß anzukommen, und sparte sich nicht für den Grafen auf, gewiß ihn gleichwohl zu finden.

Else, Hüterin nach dem Willen der Eltern, verständigte sich mit der Schwester. Hüten, das war ein Begriff aus der Sphäre des Patriarchalischen, die Welt war anders geworden. Else sah dem Schauspiel zu, das die Schwester gab, nicht abgestoßen, der Verschiedenheit bewußt. Mochte sich auch für Rutt aus Geschehn und Geschehn eine Einheit formen, ihr eignes Wesen war: Einheit bleiben. Sie wurde von den blonden Schauspielern begehrt, die Naturell voraussetzten. Verkehrend im Kreis der Verwandten, fand sie, großstädtisch modifiziert die gleiche Welt, in der die Männer heirateten, klug Sinnlichkeit und Interesse vereinend; sie fühlten, daß dieses schwellende Mädchen mütterlich war, Anträge folgten sich wie die feststehenden Namen der Tage. Else floh; es zog sie nicht an, was diese bewegte, Praxis des Anwalts, des Kaufmanns Gewinn. Sie suchte ein andres Lager auf, in dem die Standarte der sich befreienden Frau wehte.

Wenn sie die überzeugten Worte vernahm, fühlte sie wohl dahinter die mächtige Idee, aber wenn sie die Idee aussprechen wollte, wurden ihr dieselben Worte platt im Mund. Was lag vor? Ein Mangel dieser Worte, die so nützlich klangen; doch sie verstand ihn nicht zu benennen. Andre mochten dasselbe empfinden, sie steigerten die Nützlichkeit in Fanatismus, Fanatismus donnerte gegen den Mann -- war sie selbst dem Mann feind? Er gab das Kind, er gab Erlebnis, er war zum mindesten eine der Möglichkeiten der Frau, den eignen Mittelpunkt, das innre Kreisen zu finden -- war das nichts?

Berge legten sich vor, ehe sie den Umkreis des Menschlichen überblicken würde, Gang eines Jahrzehnts. Ihn anzutreten, begann sie mutlos zu machen, denn manchmal war es, als sende das noch ferne vierte Jahrzehnt nach dem kaum beschrittnen dritten das aus, was es an Ergebnis barg -- Enttäuschung.

Zurückkehrend in den Kreis Rutts begegnete sie einem, der ihr den Punkt, an dem sie stand, geheimes Zögern, Atemschöpfen vor dem Antritt der Reise, mit bestimmtesten Worten benannte; seine Geistigkeit Wirbel aus: Wissen um die menschliche Natur, Spott über die Angst vor Erlebnis, klarstem Befehl, Erlebnis zu suchen. Er galt als Wortführer unter jungen Literaten, die Beschleunigung des Tempos in Stil und Aussprechen verlangten, war über Nacht aus dem Nichts in das Getümmel gesprungen, schon war ihm eine Fahne zugefallen.

Er zog von Stadt zu Stadt, in jeder fand er eine Freundin unter den Töchtern der Bürger; als die erste Dekade erreicht war, begann er die Rundreise von neuem und zwang jene, sich damit abzufinden, daß ein jeder die Folgen einer Begegnung, Sehnsucht nach Dauer, Qual des Alleinseins, Konflikt mit Bürgerlichkeit für sich zu tragen habe; Sehnsucht, Qual, Konflikt waren in Energie zu verwandeln, die Denken und Gefühl in Bewegung setzte; Begegnung war Festtag, und Festtage sind Episoden. Die Konsequenz verlangte, daß es auch der Frau erlaubt war, sein System der Vielheit und des Nacheinander zu proklamieren; da es konsequent war, erkannte er es an.

Er kam nach Berlin und stand vor Else Jakobi -- an ihr, den Sinn zu begreifen. Er strahlte wie ein junger Gott in Energie; störend die olympische Gebärde. Sie durchschaute ihn, empfand die Lockung, gab nach; er mochte recht haben, daß, wer den Sprung nicht wagt, den Schritt nicht findet. Woche der Entrückung, Meister lehrte die Novize, vollkommner Kurs, dann reiste er ab, nahm sie in die Zahl derer auf, die er Korrespondentin zu sein würdigte; seine Briefe waren wie neue Berührung mit dem elektrischen Kontakt.

Sie sprach, als Lauda ihr Vertrauen gewonnen hatte, ohne Verhüllung. Ihre Schildrung des Freunds war ironisch, aber auch von einem Fatalismus, der hellsichtig war. Was half es, den Selbstsichren moralisch zu werten? Erlebnissen durfte man nicht fluchen, selbst wenn ihr Gewinn nur Melancholie war -- vielleicht hieß Melancholie der letzte Sinn? In guten Stunden erkannte sie an, daß er ihr viel erspart hatte, den Umweg des Herzens und die Qual, verlorne Unabhängigkeit mühsam wiederzugewinnen.

Hätte sie nur gewußt, was mit diesem Gewinn anfangen. Wohltat war, daß die Ländergrenze, schwer überschreitbar, zwischen ihm und ihr lag; da las sie in der Zeitung, daß er zu einem Vortrag kommen werde. Sie erbat Urlaub, um so lang in die Berge zu gehn, zog ihn dann selbst zurück; bleiben und ihm wieder auf acht Tage untergeordnet sein, war weniger feig als flüchten. Lauda gab ihr recht; sie gehörte zu denen, die sich selber heilen, indem sie austragen, was in sie gesenkt wurde, langsam Wandelnde, doch sicher.

Als der Freund kam, erhob er nicht viel Anspruch auf ihre freie Zeit, eine Zuhörerin lud ihn aufs Seegut ein. Dort traf er Rutt, entführte sie nach St. Moritz. Else kam nicht aufs Büro, am zweiten Tag suchte Lauda sie auf, fand sie in einem der Mietszimmer, in denen Frauen zu sehn bewegte; freudlose Wände, nicht der Mühe wert, weibliche Hand daran zu wenden.

»Es ist gut so,« sagte sie, »er verhalf zur Krise. Das Entsetzliche war, daß ich immer fühlte, etwas müsse noch kommen, um die Erniedrigung voll zu machen; es selbst herbeizuführen, fehlte weniger der Mut, denn ich sehnte mich danach, als die Vorstellungskraft; ich grübelte und fand es nicht.«

Er fragte, ob er es verantworten dürfe, sie allein zu lassen; sie antwortete:

»Am Tag gewiß, die Nächte sind schlimm, aber dann sind Sie ohnmächtig. Gut, daß es Nacht gibt, in der man die Dinge, sich selbst absolut sieht, das Absolute ist die Sphäre des Tods.«

Er hielt sie an diesem Abend durch Beschäftigung hin, dann führte er sie hinunter ins Fremdenzimmer Graumanns, da zu schlafen. Sie nahm an, aber als sie erfuhr, daß er die Nacht durcharbeiten wolle, bat sie, bei ihm lesen zu dürfen. Er begann zu schreiben, legte die Blätter auf den Stuhl, sie griff danach, nach einer Weile bemerkte er, daß sie selbst schrieb. Als er aufstand, sah er, daß sie seine Arbeit abgeschrieben hatte.

»Warum tun Sie das?« fragte er, »Abschrift hätte nur Sinn, wenn sie mit der Maschine in vielen Exemplaren angefertigt würde.«

»Ich weiß, ich wollte nicht Ihnen helfen, sondern mir. Geistiges vom Keim bis zur Ausbreitung zu verfolgen tut wohl, es gibt nichts andres, was standhält. Ich fing zuerst das Buch einer Politikerin an, dann kam der Wunsch, die stärkre männliche Energie zu spüren, stärker weil sie weiter und duldsamer ist. Liegt in der Tiefe nicht das Gefühl, daß alles auch anders sein könnte, als es ausgesprochen wird? In den Büchern der Vorkämpferinnen begegne ich ihm nie.«

Sie bereitete den Kaffee der zweiten Morgenstunde, danach sprachen sie von dem, was der Frau bleibt, die jenseits der Ehe getreten ist.

»Als die Frau noch aufs Haus angewiesen war,« sagte Lauda, »gestern noch, war sie derjenige, der kraft des Gehorsams gegen die Tatsächlichkeiten von Geschlecht und Wirkungskreis, identisch mit ihnen zu bleiben vermochte, allein dauernde und reine Menschlichkeit erreichte, weil er duldend war. Herr bleiben, also identisch sein, diese Idee des Manns, ist nur eine Fiktion, ein künstliches Ideal. Jeder Mann ist nur eine Zeitlang, periodisch, identisch mit Sinnlichkeit oder Geistigkeit; zuletzt ekelt ihn immer vor sinnlicher Unverbindlichkeit, die Güte ausschließt, und vor Güte, die totale Befriedigung des Sinnlichen verbietet. Der Mann, nicht die Frau, war damals der ewig Zerrissne; er ist das Geschöpf, das die Bekehrungen, die Sinnesänderungen, das Nacheinander erfunden hat; er ist der Zerstörer der Bindungen.«

»Und heute ist die Frau wie er, zerrissner als er, weil selbst das Nacheinander nicht ihren Instinkt übertäubt, daß sie sich Gewalt antut. Wenn wir nicht krampfhaft sind, glauben wir nicht an die Illusion, die in den politischen und andren Freiheitsidealen liegen könnte. Keine von uns gibt zu, wie schwer es uns fällt, einsam zu sein, nur auf uns und Abstraktionen angewiesen; jede hat die Sehnsucht nach Bindung durch den Mitmensch, der Geliebter oder das Kind heißt. Als ich mich damit quälte, etwas zu tun, was mich zugleich ganz meinem Freund auslieferte und dann von ihm befreite, kam ich auf den Gedanken, ein Kind von ihm zu haben -- sein Triumph, denn bereits proklamiert er die zwanzig Kinder, die von ihm zeugen sollen, und danach meiner, wenn ich ihn, Dienst erwiesen, gynokratisch verabschiedet hätte.«

»Warum haben Sie es nicht getan?«

»Weil er mir die Gelegenheit nicht mehr gab, sondern an Rutt Gefallen fand,« antwortete sie mit einem Lächeln, das plötzlich in ein Lachen überging, helles, befreites.

»Ein wenig Kaffee,« sagte sie, »ein helles Zimmer, und das Blut pulst mit einer Leichtigkeit, als könne es nie anders sein. Morgen früh werde ich es ebenso unbegreiflich finden, daß ich leicht war; nicht eine Spur des gegenwärtigen Zustands wird geblieben sein, selbst wenn ich ihn mit der größten Willensanstrengung suche. Was für ein barometerhaftes Gebilde ist ein Naturell -- ich denke das oft, wenn ich eine Geschichte lese oder im Theater sitze: immer sind die Menschen der Literatur unveränderlich, als liefen sie, einmal in Bewegung gesetzt, auf Schienen. Ist das Wesen der Kunst oder Ohnmacht der Dichter?«

Lauda: »Fast immer Ohnmacht, ganz selten Stilisierung zum Zweck der Vereinfachung. Die Einheit von Zeit und Ort hat man längst aus dem Drama verabschiedet, die Einheit des Charakters ist noch unangetastet und macht die Dichtungen so unzulänglich. Von hier aus könnte man die ganze Welt der Kunst aus den Angeln heben -- um am Ende die Einheit des Charakters doch wieder einzuführen, allerdings eine neue, härtre, gereinigte.«

Else: »Warum wird es mir morgen früh nicht gelingen, die Stimmung von jetzt zu verwerten? Glauben Sie, daß man es überhaupt könnte?«

Lauda: »Durchaus. Das ganze Geheimnis, das eines der wesentlichen ist, besteht darin, daß man einen neuen Gedanken, eine neue Willensrichtung hundertmal wiederholen muß, bis sie geläufig, vertraut, aktivistisch werden. Sich seiner augenblicklichen Stimmung, die nur ein andres Wort für Dichtigkeitszustand des innren Kosmos ist, entgegenstellen -- das ist Widerstand der freien Energie gegen die gebundne. Nicht das Ich stellt sich entgegen, sondern im Ich ein kleines Quantum freier Kraft dem großen der unfreien. Verstehn Sie die Tragweite? Es ist eine Erklärung des Phänomens Ich. Ein Freund, d'Arigo, spielte diesen Vorgang, daß das Ich sich auflehnt, als Beweis der Seele aus und sah in ihr ein selbständiges X, das souverän die Körperlichkeit reguliert. Das ist natürlich dilattantischster Dualismus. Freier Wille heißt: das Quantum ungebundner Energie vergrößern und danach als Widerstand trainieren. Wenn irgendwo der Punkt ist, wo indische Willensreglung und das banale europäische Wie werde ich energisch sich decken können, dann hier.«

Else: »Sie sind gütig zu mir, warum?«

Lauda: »Weil Sie keinen Anspruch auf mich erheben, ich nicht an Sie. Darum besagt es auch noch nichts über meine wirkliche Fähigkeit zur Güte, und ich weiß nicht, ob ich sie frei machen könnte, wenn ich die Stelle Ihres Freunds einnähme. Güte trotz Verpflichtung ist etwas durchaus andres als Güte aus Stimmung.«

Und da es die Stunde der Vertraulichkeiten im nächtlich stillen Zimmer war, fügte er hinzu:

»Ihr Bericht seines Wesens wirkte auf mich wie mein Verkehr mit Siriwan -- irgendwo schneidet auch Ihr Freund sich mit mir, und als Ihre Schildrung, nur durch Aneinanderreihung der Tatsachen, ungewollt ironisch wurde, empfand ich, heiß und unbehaglich es wäre leicht, auch deine Gastspiele unter den Töchtern der Bürger in dieses Licht zu rücken. Unterschied mag da sein, als Verzicht auf die olympische Gebärde, von der Sie sprachen. Wenn ich etwas bin, so Antipode des Schauspielers, worunter ich den verstehe, der aus dem magischen Wechsel seiner Wallungen rasch irgendeine Form zusammenrafft in der zwitterhaften Absicht, zugleich Einheitlichkeit zu haben und auf die Tiefe seiner Verwandlungen schließen zu lassen; Eitelkeit ist Stolz auf Tiefe.«

»Geben Sie mir einen Rat, nennen Sie eine Idee, eine Tätigkeit, in die ich mich retten kann, wie man in ein fremdes Land geht, sich eine neue Existenz zu schaffen und -- Abstand zwischen sich und die alte zu legen.«

Er betrachtete sie, sah ihre jüdischen Züge, sagte:

»Zuerst wollte ich Ihnen Frauenbewegung oder Pazifismus nennen, alle diese Bestrebungen haben den großen Illusions- und Beschäftigungswert -- es kommt mir ein andrer Gedanke: arbeiten Sie im Zionismus. Er wird Wirklichkeit werden, wenn die Türkei zerschlagen ist und England sein Versprechen einlöst.«

»Was wissen Sie von ihm?«

»Nichts als daß er jede andre Idee, die auf Staatengründung ausgeht, durch seinen Gehalt an überrealen Gefühlswerten übertrifft, also religiöse Bindung ermöglicht.«

»So könnte ein Konservativer sprechen.«