Part 13
War das königlich, oder mütterliche Klugheit, die um den erotischen Untergrund aller Wirkung wußte, oder ein hetärischer Anflug? Was war prachtvoll an ihr? Daß sie alles Komplizierte und Getrennte mit optimistischer Energie hinwegschob -- aber um diese Geste war ein Schleier zu wenig. Ihre beste Zeit, dachte er, wird sein, wenn sie in reifem Alter steht, noch immer eine schöne große Frau, die erlauben wird, gewisse Dinge sehr deutlich zu benennen, nicht prüde, erfahren, unverwüstlich an Spannkraft, von jener Klugheit des Nahen, die Beschränktheit des Fernen ist, und Derbheit durch Würde gebunden. Gegenwärtig ist sie eine Frau, die noch nicht selbst erlebt hat, erregte Wünsche noch nicht erfüllt.
Konnte sie sie erfüllen? Ihm nicht, dem sie zu der erstaunten Feststellung verhalf, daß sie, Gefäß des drängenden Bluts, ihn nicht in Versuchung führte. Sah er sie an, wünschte er seiner nächsten Geliebten ihre Gestalt, die Erfüllung der Sehnsucht war, im Körper der Frau das Symbol des Kosmos zu umfangen, der mühlos rotiert, denn alles ist fest, reich an Energie, voll Spannung, nicht nur eben lebensfähig, Nerven gebettet in Fülle -- und blieb doch kalt bei so viel Wärme, weil sie den dunklen süßen Schmerz nicht gab, Hauch der Bitterkeit nicht kam; zu positive Frau.
Und da er Zeuge des fast knabenhaften Idylls wurde, in das sich Hans mit der heimlich getroffnen Schwester spann, verzückt vom Glück des kleinen straffen Puppenleibs, dem innigen Dunkel lächelnd hingegebner Augen sprechend, ward das Bedauern, nicht selbst die volle Summe notwendiger Bedingungen erfüllt zu sehn, zur Trauer, daß es ihm versagt sein werde, sie je erfüllt zu sehn. Ein neuer Typus ersehnter Frau ergriff von ihm Besitz, der königlicher, üppiger als der frühere war -- gesunder Körper, der machtvoll in sich ruhte, sieghaft, stark.
Vorstellung war es, die parallel auf der ganzen Linie vorrückte. Tag brachte Geschäftigkeit in Fülle, Wirken durch Wort, Einsatz von Mut, der die Folgen des Bekennens nicht mehr scheute, Umgang mit Menschen. Nachtstunden waren der eignen Arbeit zugewandt -- Energie wuchs aus Energie, er sah sich ganz versetzt in die Arena der Tat, und die Zeit, da er bei allem die Frage nach dem Wert des positiven Treibens aufgeworfen hatte, lag fern zurück, entglitt; er fühlte wohl, daß er ein Seil verlor, an dem sich entlang zu tasten gut gewesen war, aber er konnte es nicht halten, neue Jugend war stärker als vergangnes Alter. Es zog ihn zu den Menschen, über deren Ohnmacht, Egoismus, Sentimentalität, sich eingeschlossen, er keine Illusionen hatte. Gleichwohl, ein Rest blieb, der durch Scheidewasser nicht aufzulösen war, ein radiumhafter, unerschöpfliche Potenzen schleudernder Kern, mystisch und zäh, und war wohl die vitale Energie an sich, das sieghafte Ja, das triumphierte, sobald man nicht die letzte Konsequenz des Nein zog, die Selbstaustilgung.
Und dieser Kern war mit einer bestimmten Eigenschaft positiv geladen, die zu benennen es ihn nun drängte: mit einer seltsam süßen Zärtlichkeit. Bei Barbara stellte er negativ fest, daß diese Eigenschaft irgendwie existieren müsse. Eines Abends ging er durch die Bahnhofstraße, sah vor einem Kürschnergeschäft eine Frau stehn, auch sie königlich, ganz in Biber gehüllt. Er fühlte den elektrischen Schlag, trat neben sie, es war Elena. Abermals Bedauern in ihm und in unmittelbarer Reaktion Erkenntnis jener Eigenschaft, nach der er sich sehnte: die Vitalität durfte nicht zu direkt ausströmen, mußte einen Widerstand passieren, der die Scham der Frau gebar, die in sich lauschende Innigkeit.
Nicht zu positiv sein, nicht als Frau herausfordernd zur Schau tragen, daß in ihrem Schoß die Quellen springen, es in Geheimnis hüllen, das nur ein andres Wort für Demut ist -- Demut enthielt noch immer den Bestandteil Mut; aber Elena hatte nur den Mut, nicht die Wärme des Bergens. Schauend in die Auslage, wo kostbarer Pelz ausgebreitet lag, hatte er die Vision einer Frau, von der dieses Rauchwerk fallen könnte: sie stand gleichwohl in Wärme, Wärme war Ausstrahlung des in sich geschlossnen Kosmos, dessen Wesen ist: Hüten, Hegen.
Jene Eigenschaft des vitalen Kerns war also, um in seiner Sprache zu reden, nicht primäre Eigenschaft, erst sekundäre, erworbne, Produkt eines Widerstands gegen das Elementare, und es fiel ihm ein, daß er schon einmal Güte und Liebe als Widerstandsphänomen empfunden hatte. Widerstand wessen? Des vom Primären erzeugten Geschöpfs, das nun selbständig geworden ist, dem Elementaren nicht mehr willenlos untertan sein wird. Hier war die Geburt der Menschlichkeit.
Elena war ihm nie Geliebte gewesen: Brudergefühl, das er, Geistiger, ihr, der Hetäre, gab, war wie eine Kameradschaft, heterogen und parallel -- nun geschah es, daß er auf dem Umweg über das luxushafte Restaurant mit ihr nach Hause fuhr; aber zum erstenmal Gast in ihrem üppigen Gemach, der stolz selbstbewußten Verwertung ihr verliehner Reize, wußte er, daß er es nicht mehr betreten werde, sehnsüchtig nach leisrer Weiblichkeit. Und Claire, fragte es in ihm, ist sie nicht von dieser Art? Auf der innren Szene stand die Ferne, Halbvergessne, alles Licht auf ihr vereint, und siedend stieg das Gewissen auf. Aber welchen Wert hätte es gehabt, zu leugnen, daß Gewissen nur Macht über ihn hatte, wenn die Zeit gekommen war, daß er selbst, aus sich, auf den Mensch neben ihm stieß?
Im Anfang hatte er nicht geschrieben, weil Sinn der Trennung war, jeden sich selbst zu überlassen, abzuwarten, unter welchen Umständen er sich dem andren wieder zuwenden werde; danach nicht, weil schriftlicher Verkehr ihm gesperrt war. Er wußte nur, daß Claire Brüssel verlassen hatte, als er nicht zurückkehrte, und in Berlin lebte. Er schrieb ihr, Graumann erbot sich, den Brief auf geheimem Weg, der der direkteste des Botschaftskuriers war, zu besorgen.
* * * * *
Suchend den Mensch, begann er, im ersten Schimmer die Frage zu sehen, die wie ein verhülltes Bild dort stand, wo der Weg der letzten Erkenntnis sich verlor, scheu gemieden, immer umkreist -- die Frage nach der Freiheit des Willens.
Wer tätig war, wer an Einwirkung glaubte, wer irgendwie Erzieher sein wollte, mußte die Mutationsfähigkeit des menschlichen Kosmos bejahn. Es stand ihr gegenüber die reine Anschauung, die keine Wertung, nur Abrollen der Dinge kennt.
Glaube an die Mutationsfähigkeit war Widerstand des Optimistischen gegen den religiösen Pessimismus, der Tat verwarf, wie er den Eintritt des Willens in Existenz verwarf, weil Teilung der Totalität Untreue der Totalität gegen sich selbst war. Das von der Totalität hinausgeschleuderte Geschöpf trug ihre Energie in sich, verwandte sie dazu, in der Existenz seßhaft zu werden -- aber die Energie drängte zur Totalität zurück, erreichte sie durch den Tod. Konnte nun das Geschöpf einen Teil der Energie dazu benutzen, um sich ihrem eignen Ablauf entgegenzustellen, wie man vom hochgespannten Strom einen Teil für den Hausgebrauch ableitet? Ohne Zweifel, die Tatsache des Widerstands stand fest, Zeitlichkeit, das heißt Tat, verhielt sich zum Elementaren wie Hausstrom zur Hochspannung. Das war die eine Wurzel des freien Willens.
Der Mensch richtete sich in der Existenz ein, als sei er nicht sterblich, schuf die eigne Domäne und erfand Regulative, die nichts waren als Hemmung des Triebs, sich und nur sich zu manifestieren, den man Egoismus nannte. Die geteilten Existenzen, von Natur aus Todfeinde, einander zur Nahrung brauchend, erkannten das Recht des Bruders an -- freier Wille war Spaltung des Willens, Aufruhr des Gezeugten gegen den Vater, ein Widerstandsphänomen.
Barbaras Umgang mit den Patienten beobachtend, fragte er: »Woher nehmen Sie diesen positiven Glauben an die Mutationsfähigkeit des Organismus, aus der Wissenschaft oder Ihrem Naturell?«
Sie verstand die Problemstellung nicht, er erläuterte: »Soweit die Medizin Wissenschaft ist, arbeitet sie mit materialistischen, das heißt passivistischen Auffassungen. Der Organismus ist das Gegebne, ein Gegenstand mechanischer, chemischer, physikalischer Einwirkung, nicht aber seelischer, über die nichts ausgesagt wird, weil der Begriff Seele nicht objektiv erfaßbar ist. Der Wille entzieht sich dem Mikroskop, also geht man ihm aus dem Weg. Haben Sie schon einen Wissenschaftler gesehn, der den Mut hätte, etwas über die Freiheit des Willens zu sagen, es sei denn, daß er zu den Psychoanalytikern gehörte? Deren große Leistung ist dieser Mut, Angriff auf die Materie von der vitalen, lebenden Seite her und Glaube an Mutationsfähigkeit -- sie dringen von dem, was nur Manifestation des Willens ist, dem Körper, zu dem vor, was primär ist, dem Willen. Die große Frage lautet: ist Wille, sobald er einmal eine körperliche Form gefunden hat, an ihre Struktur gebunden, oder kann er Einfluß auf sie gewinnen, das heißt sie und das heißt doch wieder sich selbst ändern? Sehn Sie die Tiefe des Problems?
Was ist ein schwächlicher Mensch, einer Ihrer Psychopathen? Zunächst Manifestation eines bestimmten Zustands der vitalen Kraft, der zwar auf erblichem, historischem Wege bedingt worden ist, uns aber durch und durch bestimmt. Können diese Bedingungen geändert werden? Wie kann ein solcher schwächlicher Wille dazu gebracht werden, von sich selbst frei zu werden? Das ist nur denkbar, wenn man ein rein philosophisches Glied einfügt: daß in allen Existenzen, mindestens derselben Gattung, der gleiche Grad von Energie gebunden sei und daß diese Bindung sich irgendwie wieder lockern lasse. Wodurch? Gewiß nicht durch den freien moralischen Willen, den die Dualisten annehmen, sondern eben durch Lockrung, mit andren Worten durch zähe, langsame Einwirkung, Erziehung, Absolvierung unendlicher Stadien und Zwischenglieder.
Grundsätzlich sind ein plumper Realist und ein differenzierter Ideenmensch durch nichts getrennt als durch verdickte Ebnen, die aufgelockert werden können; Genie und Durchschnittsmensch durch noch nicht überschrittne Zwischenglieder. Es eröffnet sich eine wunderbare und ungeheure Demokratie der Existenzen, und sie ist, nebenbei, die metaphysische Begründung der politischen Demokratie.
Aber kehren wir zu dem Schwächlichen, am Willen Krankenden zurück. Wissen Sie in Ihrer Gesundheit, wie dumpf, matt, stündlich aussetzend das Hirn eines blutarmen Menschen funktioniert? Was werden Sie als Ärztin tun? Die Blutarmut durch Ernährung und andre Einflüsse beheben wollen. Gut, aber da Sie Frau sind, vital und praktisch, tun Sie noch mehr, als die Wissenschaft Sie lehrt, Sie suchen auf die Energie selbst zu wirken, das heißt, Sie üben aus, was ich theoretisch errechnete, die Gleichheit des Energiequantums in allen Menschen; Sie glauben instinktiv an die Mutationsfähigkeit, Sie arbeiten mit einem unwissenschaftlichen Prinzip, dem Willen, der in das Gebiet der Metaphysik gehört, und -- berichtigen die Wissenschaft.«
Danach machte er die alte Erfahrung, daß Einstellung auf einen Gedanken genügte, um ihn auch bei allen andren, in jeder Stunde des Tags, zu finden. Es war Schreiner, mit dem er die nächste Diskussion hatte. Schreiner schrieb alles Elend, Verbrechen, geistige Dumpfheit den Verhältnissen zu -- ändert die Verhältnisse und es wird kein Verbrechen mehr geben, der Mensch ist von Natur aus gut; belehrt ihn, er wird gütig sein; versetzt eine Schar Proletarierkinder in lichte, warme Sphären, und ich mache mich anheischig, so tüchtige, talentierte, geniale Menschen aus ihnen zu machen, wie das wohlhabende, studierende, herrschende Bürgertum sie stellt; Erziehung ist alles.«
»Erziehung ist viel,« sagte Lauda, »sie ist sogar alles, vorausgesetzt, daß man sie weit genug nimmt. Wir betreten ein Gebiet, wo äußerste Differenzierung der Behauptungen nötig wird. Zunächst ist zu sagen, daß der Mensch nicht gut ist, sondern gut werden kann, in dem Sinn, daß das Regulativ des Guten sich in ihn wie eine Achse senken läßt, um die sein Kosmos rotieren soll. Gut sein ist eine Korrektur des natürlichen Egoismus, wird nie mehr sein, es ist eine Idee über der Wirklichkeit, nicht Wirklichkeit selbst. Ferner ist zu sagen, daß keine Erziehung das Verbrechen ganz aus der Welt schaffen wird, denn das Verbrechen ist nur vom Standpunkt der Gesellschaft und des Brudergedankens aus verwerflich; neben dem Bruder wird es immer das Ego geben, und hier ist Verbrechen eine Manifestation der primären Energie des Ego, es ist eine ganz tiefe und so reale Erscheinung, daß man es metaphysisch nennen kann, es ist unmittelbare Aktivität, Widerstand des Ego gegen Gesellschaft und Bruderidee, es ist das Leben selbst; würde die Gesellschaft je ganz licht organisiert und Armut ausgeschaltet, das Verbrechen würde als Reaktion gegen die Sanftmut und Banalität dieser Ordnung auftreten, denn Verbrechen ist Aufhebung der Idee der Ordnung, wie diese ihrerseits Aufhebung der Idee der egoistischen Einzelerscheinung.«
»Worte,« sagte Schreiner.
»Nein, Metaphysik.«
»Erbärmliche Worte, weil ich nach der Konsequenz fragen muß, die Sie aus dieser Anerkennung des Verbrechens ziehn. Sie reden wie ein Ästhet, der die sogenannte Schönheit und Wildheit des sich zerfleischenden Lebens nicht missen will; es soll alles bleiben wie es ist, denn das soziale Elend erzeugt eine Differenzierung und eine Zerlegung des Daseins in Milieus, die ihm wohlgefällig sind, weil er Romanstoffe daraus gewinnen kann.«
»Mögen Sie das dem Ästheten sagen, nicht mir,« antwortete Lauda. »Richtig ist, daß es auf die Konsequenz ankommt, die man zieht. Die meine heißt, daß die Einsicht in den ewigen, elementaren Charakter des Verbrechens der Idee der Güte ihre Größe und ihre idealistische, das heißt relative Eigenschaft gibt. Güte ist Setzung, nicht Wahrheit, souveräne Leistung, nicht Gehorsam. Ohne das Hintergrundsgefühl ihrer Künstlichkeit ist sie sentimental -- der moralische Optimismus der deutschen Pädagogen ist sentimental, weil er bekehren und zum Guten zurückführen will, während es gar keinen Punkt gibt, wo das Gute tatsächlich existiert. Rousseau suchte diesen Punkt und fand ihn in der paradiesischen Vergangenheit; auch Sie sind rousseauisch und darum bolschewistisch, denn bolschewistisch sein heißt, durch Zwang zum Normalguten zurückführen wollen.«
»Leugnen Sie,« fragte Schreiner, »daß durch Verpflanzung in günstiges Erdreich verkümmerte Arbeiterkinder zu Menschen werden können?«
»Niemand leugnet es, obwohl ich jede Präzision dessen vermisse, was Sie in diesem Satz unter Menschen verstehn. Leute, die freier von Neid, Haß, Bitterkeit, reicher an Würde, Selbstbewußtsein, Unbefangenheit sind? Ohne weiteres zugegeben. Aber Ihre Meinung scheint zu sein, daß solche entlasteten Kinder auch besser, gütiger hilfsbereiter sein müssen. Es wäre ein Irrtum. In dem ungeduckten Mensch wird Energie frei, die er nicht mehr zur kümmerlichen Behauptung seiner Existenz braucht -- er wird sie sofort seinem primären Egoismus zuführen, mehr Macht, Geld, Genuß erreichen wollen; das in günstige Verhältnisse gestellte Proletarierkind wird Unternehmer, Beamter, Offizier, so banal wie irgendein Bürger werden, wenn Sie nicht den Druck der Not, unter dem es stand, durch einen andren _ersetzen_, denn das tiefste Geheimnis des Menschen ist, daß sein Kosmos nur dann Dichtigkeit besitzt und rotiert, wenn er unter einem atmosphärischen Druck gehalten wird. Statt daß das Proletarierkind durch die bloße Befreiung gut werde, wird es entfesselt werden, es sei denn, daß Sie ihm das Regulativ einer Idee setzen: das ist der Sinn der Erziehung, und dieses Regulativ ist jener Druck -- das heißt, genügt nicht, den Menschen zu befreien, es ist erforderlich, ihn danach zu leiten. Energie braucht Form; befreite Energie zerstört die Form. Druck durch Not, eine ausnutzende Kaste, irgendwelche andre materielle Faktoren: das ist niederträchtig; Druck durch eine Idee, ein Erziehungsideal: das ist notwendig.
Deshalb halte ich nicht viel von dem Angebot des Sozialismus, Ersatz für Religion zu sein. Er meint, es genüge, die materiellen Bedingungen des Arbeiters zu ändern, um bereits den bessren Mensch zu erhalten; er ist ganz optimistisch, es fehlt ihm jener Einschlag von Pessimismus, der weiß, daß der Mensch Bindung, Gebot, übergeordnete Ziele braucht -- die Herrenkasten, die Konservativen wissen es, auch die Kirche, die darum so gern das Bündnis mit den Regierenden eingeht. Sozialismus ohne eine pessimistisch abgeleitete, optimistisch orientierte Erziehungsarbeit, mit andren Worten Sozialismus ohne das Verhältnis zu Ja und Nein, wird sich als kraftlos erweisen, wenn je der Augenblick kommt, wo er die Macht erhält.«
Aber hier begann erst das Problem, das ihn interessierte: war Naturelländrung durch Einwirkung möglich? Das Proletarierkind, um bei diesem Beispiel zu bleiben, brachte, Befreiung vollzogen, doch sein Naturell mit, das in einem bestimmten Verhältnis zwischen freier und gebundner Energie bestand -- es hatte Eigenschaften, die Zellen waren von den Eltern, der Vorgeburt her, imprägniert. Konnte ein Unzuverlässiger zuverlässig, Jähzorniger beherrscht, Eitler sachlich, Zögernder und Unschlagfertiger rasch und bestimmt werden? Hier, in der mitbekommnen Form des Ich, lag die zweite Wurzel des freien Willens und war nur die angewandte Form der ersten, daher man auch fragen konnte: ist Lockrung der Form des Ego, Ändrung des Verhältnisses von freier und gebundner Energie, Verstärkung des Quantums an freier, also Verwendung der Reserven, möglich?
Antwort lautete: unaufhörliche Schläge lösen das festeste Gefüge, sei es, daß der Wille zur Lösung von dem an seinem Naturell leidenden Individuum selbst oder von Erziehern ausging. Lauda erinnerte sich seines Vaters. Dieser war ein weicher, impulsiver, schwankender, ruheloser, unbefriedigter Mensch gewesen, der eines Tags freiwillig schied, als der Ausweg verstellt war, eine zu spät überlegte Handlung Konsequenzen zeigte, wie ein Gläubiger den Schuldschein präsentiert. Er war im Kampf des Willens gegen das Naturell unterlegen, aber er hatte dessen Gefüge so gelockert, daß der Keim des Sohns von diesem Willen neue Richtung, den mystisch elektroiden Stoß erhalten hatte. Was er selbst nicht erreichte, erreichte er generativ: der Nachkomme, gezeugt in einem Augenblick von Energieanstrengung, die für den Vater ein Maximum und doch nicht genügend war, vollzog die Mutation durch einen verhältnismäßig leichten und in frühe Jahre fallenden Kampf -- Erinnrung Laudas an Selbstbehauptungskrisen um das zwanzigste Jahr.
Man konnte die Mutation auch in sich selbst dadurch erreichen, daß man zwischen zwei extreme Zustände unendlich viele Zwischenglieder einlegte, fort und fort die unmerklichen Schritte vollzog; doch das war nur denen gegeben, die in sich selbst den Gegner sahn, sich nicht hinnahmen, sondern Widerstand leisteten. Für die Masse galt, daß der freie Wille die Generation zu Hilfe nehmen mußte, und das wurde Lauda die Begründung des sich ihm anbietenden Erziehungsgedankens. Das Individuum genügte nicht; wer das Ja aussprach, wurde dazu gezwungen, in Generationen zu denken; Gestaltung einer Idee, Formung eines Charakters griff in die Zukunft über den Einzelnen hinaus. Errichtung des vollkommnen Staats durch Festsetzung eines Termins und durch die lebende Generation selbst wurde sinnlos: Ablehnung des Terrors von der energetischen Auffassung des freien Willens her, der darin bestand, daß neue Kristallisationsachsen des Kosmos Mensch gefunden wurden.
Aber für seine Person stand er nun tief im Land der gestalteten Welt. Gemeinschaft griff nach ihm, drängte den einst am fernsten liegenden Gedanken der Erziehung im Sinn der Umschichtung auf, wie andre in dieser Zeit sich in den Gedanken der Macht gedrängt sahn -- wurde Erziehung die für ihn eigentümliche Form der Tat?
* * * * *
Schreiners Tisch und der Laudas im Café standen nebeneinander, bei Lauda saßen Hans und Siriwan. Seitdem in Rußland Lenin und Trotzki Kerenski gestürzt hatten, war Schreiner in ungeheurer Erregung; ihre Ablehnung des Kriegs bedingte, daß sie den Widerstand gegen die Deutschen einstellen mußten -- die Frage war, ob sie Frieden mit ihnen schlossen oder einfach die Operationen abbrachen. Ihm war nur der zweite Fall denkbar: sie würden zurückweichen, die Deutschen einmarschieren und sich in dem ungeheuren Land verlieren lassen.
Das Abendblatt wurde ausgerufen, Schreiner stürzte hinaus, als er wieder eintrat, stierte er in die Zeitung:
»Ungeheures geschieht, sie verhandeln.«
So groß war sein Glaube, daß er sich bezwang und sagte:
»Sie wissen, was sie tun, wir übersehen ihre Pläne nicht. Der Friedensschluß des Partners wird in den Völkern der Entente das gleiche Verlangen, der Widerstand der Regierungen die Revolution erzeugen, zwischen zwei Revolutionen wird Deutschland nicht kaiserlich bleiben; es ist im Marsch: die Weltrevolution. An Neujahr ist Europa sozialistisch.«
»Was ist dann?« fragte Lauda hinüber, »es beginnt die Epoche der äußersten Irdischkeit, der großen Materialität, der souveränen Macht des Staats. Ich leugne nicht, daß es der grandioseste Versuch sein wird, Wirklichkeit nach der Idee zu formen, ganz schöpferisch zu sein -- ich stelle nur die Frage, was wird geschehn, wenn Ihre Erwartung nicht eintrifft, daß alle großen Staaten gleichzeitig diesen Willen haben? Im System der kapitalistischen Staaten kann System der sozialistischen nicht bestehn -- es kündigt sich an, was der an die reine Idee Denkende vergißt, die Frage der Überführung von Idee in Form. Werden die russischen Arbeiterheere die Revolution nach Europa tragen? Schon daß sie sich bilden, ist Negation der Idee, Rückfall in das von ihnen verworfne Prinzip der Gewalt. Sozialismus darf keine Heere bilden, auch nicht zu Kreuzzügen.«
Danach begab es sich, daß Puck eintrat und erzählte, daß vor der großen bürgerlichen Zeitung Streikende demonstrierten: Steinwürfe fielen auf die herabgelassnen Läden, Patrouillen wurden bedrängt. Schreiner sprang auf, sagte:
»Jetzt fünf Minuten zu ihnen reden können, die russischen Nachrichten vor ihnen verlesen, sie anfeuern zum Glauben, daß heute die Umwandlung der Welt beginnt.«
Er zog seinen Mantel an, ging zur Tür, kam zurück und bat Hans, ihm seinen Überzieher zu leihn, unscheinbaren, sein eigner war mit Pelz gefüttert, ungeeignet unter Demonstrierenden getragen zu werden. Und er vertauschte die Mäntel.
Das war Wirklichkeit gewordner Vorfall aus einem Pamphlet »Der Revolutionär im Pelz,« dessen grober Ironie man Anerkennung versagt hätte, weil sie zu direkt gewesen wäre. Puck lachte schallend, Siriwan sagte befriedigt: »Der Revolutionär hat sich entschleiert« und schien nicht erstaunt zu sein; Hans erklärte:
»Die Menschen sind erstaunlich, und es ist mir immer wieder im Innersten fremd, was sie treiben. Warum soll einer, der die Lage des Volks verbessern will, nicht einen Pelz tragen; heißt denn Sozialist sein, den Sansculotten spielen? Statt zu denken: jeder, der im rauhen Wetter zu tun hat, soll einen Pelz besitzen, trägt er den seinigen mit schlechtem Gewissen.«
»Aber er trägt ihn, und darauf kommt es an,« antwortete Siriwan, »und schlechtes Gewissen besagt nichts andres, als daß er zwischen den Gesinnungen steht, mutlos, unaufrichtig, verlogen, der Intellektuelle, der Schaumschläger des großen Worts, begierig auf die Führerrolle, die nie dem Könner, immer dem Hetzer oder Schmeichler übertragen wird. Tat, Tat schreit er sich und den Geistigen zu und weiß nichts andres darunter zu verstehn als Demagogie. Was ist er? Einer, der die Bequemlichkeiten des Bürgers kennen gelernt hat und zu schätzen weiß, sein Instinkt sagt ihm ganz richtig, daß Aufstieg immer eine Vermehrung von Komfort ist.«
»Nehmen wir zu seinen Gunsten an,« sagte Lauda, »daß er nicht nur subjektiv unklar zwischen den Lagern steht, sondern objektiv in einem Konflikt ist, gern das Recht auf den Pelz aussprechen möchte, vorläufiges Mißverständnis fürchtet.«