Part 12
Sie versetzt mich in denselben Furchtzustand wie Lilian, einen andren und doch den gleichen, daß Frauen Raubspinnen seien, die meine Kräfte aussaugen wollen. Freund Lauda, unsre Sehnsucht, bei einem Weib geborgen zu sein, ist ein übler Trick der Natur. Ich merke es, wenn ich meine Stunden Maria auf der Sichel schenke. Wie raffiniert ist diese Fiktion: Wolke und Sichel schweben dicht über unsrem Kopf, damit wir die Himmlische gerade noch mit unsren sinnlichen Wünschen erreichen können. Manchmal überfällt mich eine tolle Lust, ihr, das Auge am Saum ihres Rocks, die deutlichsten Zynismen zu sagen; dann, um die Abendstunde, kommt die namenlose Melancholie, so schwer, daß sie sich wie ein Block von Leid in das Gelatinemeer des Geschehens senken möchte, in ihm die eine feste, große Tatsache.
Was die Ärztin betrifft, so habe ich mit offnen Karten gespielt und ihr zu verstehn gegeben, daß ich von selbst in Ordnung komme, wenn man mich hier ein paar Tage in Ruhe sitzen läßt -- es ist so gut zu schreiben, wenn ringsum die schweren Fälle heulen und einem auf dem Gang der Mann begegnet, der von einem andren erzählt, daß er in seiner Manie alle Türen öffnen müsse -- er macht es einem vor, und er ist dieser Mann selbst.«
Nach acht Tagen wurde Puck nach Hause geschickt, er brachte ein Manuskript mit und sagte spöttisch:
»Positive Arbeit, die einzige, die ich geleistet habe. Nun kann ich sie drucken lassen, so beweist man seine Prinzipien. Es ist keine Spur von Humor in den Versen, dieweil ich mich der Welt als Humorist angekündigt habe. Aber ich gebe mich nicht besiegt. Was tut man mit Versen, wenn sie gedichtet und gedruckt sind? Falsch bescheiden warten, bis einer sie aufgreift? Das ist unanständig, dann schon lieber selbst nachhelfen, tun, als ob man etwas geleistet hätte, und ein Vergnügen daran haben, daß man vom Produkt von acht Tagen ein Jahr lebt -- ich werde das Heilsarmeetempo, das wir an irgendeinen fiktiven Einfall wenden wollten, an mich selbst wenden, auch das ist Ironie.«
Größre Ironie war, daß der Redakteur, den seine Freunde verachteten, ihn entdeckte. Aufsatz des Kritikers war Posaunenstoß, es folgte Einladung der literarischen Gesellschaft zu lesen, Vorstand des Gottfried-Keller-Bunds drückte ihm die Hand, Auffordrung erfolgte aus Berlin, ein Stern war aufgegangen.
Lauda, der Vorlesung beiwohnend, fand ihn liebenswert, Kind mit der ernsthaften Brille bemühte sich zu zeigen, daß Erfolg es nicht verschlingen werde.
»Warum,« fragte er ihn, »verbergen Sie Ihren Kern, der Stärke des Leids ist, Demut des Schmerzes?«
»Ich komme nur auf Brücken der Lustigkeit zu ihm, lassen Sie sie mir. Soll ich mich als Dichter des großen Pathos etablieren, Firma eingetragen in das Register der Literaturgeschichte? Wer andrer als Sie sprach von Aufhebung?«
»Das konstruieren Sie nachträglich. Ich wollte sagen, daß Sie selbst nicht wußten, was in Ihnen Kern ist, Sie sollen ihn nicht leugnen.«
»Noch verläßt mich das Schauspielergefühl nicht, von dem ich Ihnen erzählte, aber seltsam ist, daß es mir selbst nur Verkleidung zu sein scheint, der Kunstgriff eines Gotts, der mich in eine Bahn drängt, gegen die ich mich sträube. Niemand kann begreifen, wie befremdend es ist, sich auf dem andren Ufer wiederzufinden. Es sprang einer durch eine hochgezogne Fensterscheibe, Akt reinen Bluffs, und ward durch ihn zum Bürger.«
* * * * *
Lauda hatte versucht, den jungen Rudolfi zu seinem Gehilfen zu machen. Gehilfe hieß Kamerad, es lag ihm nichts daran, einen Angestellten zu haben. Zwanzigjährige Jugend und deutsche Weichheit, die an Schubert dachte, wenn Brüder von Krepierten sprachen -- doppelte Möglichkeit. Wenn er erreichte, dem Knaben Straffheit, dem Musikalischen einen Tropfen lateinischer Bestimmtheit zu geben, ihn zu lehren, daß, wer wirken will, klar von einer gegebnen Stellung aus entwickeln muß, den Gegner ohne Relativität und Gefühlsbrücken als Gegner sehend, dann gelang Synthese, auf die es ankam, aus Geistigkeit und politischem Willen.
Der geistige Mensch, wie er ihn empfand, Herrscher in der absoluten Sphäre, in der es keine Wertung mehr gibt, konnte nur dadurch brauchbar für die reale Sphäre gemacht werden, daß er seine fluktuierende Energie, die dazu diente, die Berechtigung aller Standpunkte kausal zu erklären, entschlossen auf ein ordnendes Prinzip verdichtete, die Hochspannung in den Transformator eines ethischen Postulats leitete.
Jeder Deutsche trug eine irrationale Philosophie in sich, war nicht praktisch wie Engländer, noch ironisch-doktrinär wie Franzose. Soweit überhaupt vitale Kraft in ihm war, leitete er, wie alle dem Religiösen Zugänglichen, der Idee des Staats Metaphysik zu. Gesellschaft ohne Achse der Rotation, ohne übergeordnetes Regulativ, war Sphäre des Chaos -- der Organismus eines Volks mußte unter Druck gehalten werden, damit er sich ballte und einheitlich kreiste: solchen Druck ermöglichte die Idee des preußischen Systems, das seine Herkunft aus dem Protestantismus nicht leugnete. Und Protestantismus, so fest er in der Irdischkeit stand, den Mensch recht eigentlich auf seine Souveränität verwies, kam doch, da er Religion war, im letzten aus dem Pessimismus: es gab eine Verwandtschaft der preußischen Herrenkaste mit dem katholischen Priester, für den die Existenz das Reich der Sünde war, das Befehl und Gebot brauchte. Die Junker waren Menschenkenner: entfesselt das Individuum und es weigert Arbeit; unterstellt es der Idee des Gehorsams und es wird nutzbare Energie, sich und dem Ganzen Inhalt schaffend.
Vom Absoluten her war dieses System nicht materialistisch, es wurde es erst, weil es alle Kräfte dem Irdischen zuführte und die Verwalter zu Ausnutzern machte, während katholischer Priester Diener blieb und von ihm gepredigte Ordnung nicht in Marschleistung von Bataillonen umgesetzt wurde. Es geschah nicht ohne Grund, daß selbst die edler denkenden Geister in Deutschland am preußischen System festhielten, sie waren nicht alle, Fünfkorn und den Mittelmäßigen unter den Demokraten zufolge, verlogen und böswillig; ihr unverzeihlicher Fehler war, daß sie zur Idee zurückgriffen, wo sie die Tragik ihrer Überspannung sehn mußten. Schicksal von Ideen war romanhaft wie das von lebenden Menschen, man konnte vom Verfall eines Ideensystems wie von dem einer Familie reden und seinen Roman schreiben.
Klarblickender sah den Punkt, wo ein geistiges Prinzip religiöser Färbung durch zeitliche Entfernung von der religiösen Quelle ins Gegenteil umschlug, Hebel in der Hand der an die Spitze gesetzten Familien wurde -- Dämonie auch das einer Idee, die Herrschaft gewonnen hat, statt reguliert zu werden. Axiom: Regulative bedürfen der Regulierung; Lehrsatz: sich zum Tun entschließen, heißt die radikale Energie regulieren, nicht zerstören, sondern beaufsichtigen, nicht hinnehmen, sondern selbst verwalten. In Rotation gesetzt, kreiste der deutsche Kosmos nun um die Idee der zentralisierten Monarchie, bis er zerschellte. Aufgabe war, unter den Denkenden solche zusammenzurufen, die durch Einfluß und Menge der Anhänger stark genug waren, eine Gegenbewegung oder Hemmung zu erzeugen; gelang das nicht, dann einige zu retten für den Augenblick der Katastrophe und die Zukunft.
Das war die Rechtfertigung seiner Opposition, daraus entsprang auch sein Wunsch, mit dem Jungen ein Experiment zu versuchen. Letzter Beweggrund war, wie bei allem, was Mensch tat, der eigne Gewinn, für sich wollte er die Fordrung, Mutation in das deutsche System zu bringen, sichtbar machen. Und da es klar war, daß Sprung in die Sphäre der Tat nichts bedeutete, als sich vom Egoismus der Anschauung den andren zuzuwenden, begann ihn das ihm selbst Unerwartetste und Fernste zu beschäftigen, die Möglichkeit, dereinst Erzieher zu werden. Bejahte man die Tat und stellte Regulative der Ordnung auf, erhielt der Ablauf des menschlichen Geschehns einen selbst gesetzten Sinn, dann war die vornehmste dieser Illusionen die Pädagogik, Vermittlung der Energie an die Nachwachsenden.
Wie mit einer Frau, die zum steilen Flug der Entrückung entfesselt wird, suchte er mit Rudolfi dem neuen Land der Ideen zuzueilen. Tempo der Flucht im Flugzeug war noch in dem Knaben; als er den Rhythmus seines eignen Bluts wiedergefunden hatte, kam die Hemmung. Eine geistige Bastion mit stürmender Hand nehmen, war nicht deutsch, an Stelle des strahlenden Siegs trat das schrittweise Ringen. Ungeduld Laudas, er bezwang sie, sich erinnernd, wie er selbst in diesem Alter gewesen war, von Erdbeben geschüttelt, wenn er sah, wie verschiedenartig Menschen dieselbe Sache betrachteten; aber es war der Loyolawille dagewesen, in Quadern zu bauen.
Rudolfi war schwerfällig, Namen der Mitarbeiter machten ihm Mühe; Vorstellung mit ihnen zu verbinden, größre; Ideen so klar wie Bildhaftes zu sehn, die größte. Lauda schlug den Umweg über die Anschaulichkeit ein, führte Rudolfi in Gesellschaft, so abendliche wie die der Straße. Dem Knaben fiel die besondre Art der Schweizer auf, sie schien ihm von bäurischer Gleichartigkeit zu sein, niemand trat aus der Masse hervor. Lauda half die Linien nachziehn: bestimmtes Bekenntnis zu einer Anschauungsform wie der des deutschen Beamten und Offiziers wurde hierzulande vermieden; man fühlte nicht unmittelbar, daß alle Kräfte eines Lands von einem Willen zusammengehalten wurden, sich um ihn lagerten, in jedem Augenblick des Privatlebens von ihm Bestimmung erhielten; das Bewußtsein großer Aufgaben, der Ausblick auf den Welthorizont des deutschen Lebens fehlte. Deutscher war straffer in Umrissen, großzügiger in Ideen, an ein anschauliches, repräsentatives Zurschautragen der das Volk durchsetzenden Energie gewohnt, in der Schweiz blieb alles anonym. Lauda sagte:
»Es ist zunächst der Unterschied der Größe zweier Länder. Das kleine war von je darauf bedacht, Existenz zu wahren; Ehrgeiz, wie ein Sonnensystem zu wachsen, benachbarte Zellen in seine Rotation zu ziehn, fehlt vollständig. Es wurden nicht ausgebildet Kräfte der Konzentration noch das gefährliche und, wenn es sich mit Klugheit verbindet, schöne Schauspiel der Vitalität. Daher das Gefühl, das man unter Schweizern immer hat, daß sie mißtrauisch und schwerstirnig, bäurisch wie Sie sagen, importierte Ideen der Fremden abweisen, froh sind, wenn sie unter sich bleiben können. Das Positive dieses Zustands ist schwerer zu erfassen, darum nicht weniger wertvoll: kein Hochmut der Kaste, keiner von Offizier Polizist Beamten, es ist menschlich, unter ihnen zu leben, Anonymität wird wohltätig.«
»Auf mich wirkt unser System stärker, seine Idee ist verständlicher, weil jeder Gebildete sie zur Schau trägt. Auch Sie verwerfen ja nicht, wie ich eigentlich gedacht hätte, den Willen eines Volks zur Expansion. Warum also billigen Sie den Deutschen nicht zu, was Franzosen und Engländern erlaubt ist?«
»Ich wäre gern national,« antwortete Lauda, »weil ich alles liebe, was Kristallisationspunkt für Energie wird, abgegrenzte Wirkungsfelder schafft, Differenzierung in die Welt bringt. Ich kann nicht national sein, weil es mir verwehrt wird, man duldet nur hochfahrend ergebne Diener. Auch ist Expansion und Wachsen in Größe nicht dasselbe; jenes nur die brutale, materialistische, herrische Spielart. Bildung eines großen Kosmos darf nicht auf Kosten andrer Rotationssysteme erfolgen, die schon ihre endgültige Lagrung gefunden haben. Einbeziehung Belgiens in das deutsche System ist nicht Verschmelzung, sondern Einbruch, Diebstahl, Gewalt. Die Kosmen der zivilisierten Nationen, kleine und große, müssen nebeneinander rotieren, es ist ihnen nur eine höhere Form des Ausgleichs erlaubt, die der Verträge, des Handels, des geistigen Tauschs. Keine Dialektik kann das Verbrechen ungeschehn machen, daß man die beschworne Neutralität Belgiens brach. Jedes Gefühl, das mir befähle, trotzdem zu meinem Volk zu stehn, da es nun einmal um seine Existenz kämpft, ist Dialektik. Anerkennend die Vitalität des deutschen Systems und das Recht auf sie, verwerfe ich bedingungslos ihre Methode.«
Aber in dem Knaben war dieses Gleichwohl und Trotzdem stärker. Heimweh ward stärker, wuchs zur Sehnsucht, die deutsche Atmosphäre, bekannte, zu atmen, Befehle zu empfangen, die vorstellbar waren, weil Blut der Väter sie schon empfangen hatte. Es kam der Tag, wo Rudolfi Reue gestand; siegreicher als die Moralität auf sich selbst vertrauender Gegnerschaft wurde die Gewissensqual, Kameraden im Stich gelassen zu haben.
Lauda ging aufs Konsulat, erreichte, daß in Berlin Straflosigkeit zugesagt wurde, eröffnete Rudolfi, daß er heimkehren könne. Weinender umarmte ihn, fuhr an die Grenze, um sühnend im vordersten Graben zu sterben.
Lauda hatte nicht mit dem Widerspruch der politischen Freunde gerechnet, seine Stellung wurde so erschüttert, daß nur der Fahndungsbrief, den das Generalkommando gegen ihn erließ, ihrem Argwohn ein Ziel setzte.
Heftigste Vorwürfe hatte Justus erhoben, Mitglied des Redaktionskomitees, Veteran des demokratischen Gedankens. Die meisten waren erst im Krieg zu Bekennern geworden, er seit 1885, Jahr, in dem er das Deutschland Bismarcks verlassen hatte. Er war in Paris mit den Politikern des Republikanismus verwachsen und Zeuge gewesen, wie schwer, langsam, zuerst nur äußerlich, der Gedanke von 1870 sich durchgesetzt hatte: Erschüttrungen und Rückschläge kamen, bis er zu den letzten Wurzeln der nationalen Existenz vordrang, Macht auf die Erziehung der Jugend, Heer, Kirche gewann.
Die Überwindung der Tradition, in Fleisch und Blut nistender, die Ausscheidung noch immer kreisender Säfte, die innerste Umschichtung, die Entstehung einer neuen Vitalität, die letzte große Krise des Dreyfusprozesses, das Schritt für Schritt, die Energie, ein Ideal der Zukunft sichtbar und sieghaft zu machen, das war Justus die Größe der Männer von 1890, und er hatte bewundernd die Geschichte der bürgerlichen Führer geschrieben, die ein größres Werk als die Sozialisten vollbrachten die theoretische Fordrung gänzlich andrer Grundlagen schien ihm banal, der zähe Kampf mit realen Interessen, die Mutation der Realität war Leistung. Und Lauda verdankte ihm Einsicht, was es heißen wollte, in den lebenden Kosmos eines Volks einzugreifen und Mutation zu erzeugen. Es war die Zeit, da in Deutschland die Parole der Neuorientierung ausgegeben wurde, demokratische Vertreter Anteil verlangten, fühlend die Katastrophe.
»Machen Sie sich keine Illusion über die Ohnmacht dieser Ansprüche,« sagte Justus, »das ist, als hätten vor 1870 die französischen Demokraten die Republik im Bund mit Napoleon dem Dritten einrichten wollen. Frankreich hatte ein Jahrhundert republikanischer Tradition, es hatte Temperamente und Charaktere ohne Zahl hervorgebracht, und doch bedurfte es einer von uns nicht gekannten und nicht begriffnen Größe der Anstrengung, um die Idee zu sichern. Der Deutsche versagt vor der Schwierigkeit dieser Fordrung, er ahnt die Problemstellung nicht einmal, ist ohne Sinn für die Noblesse derer, die, was sie tun, ganz tun, die Lösung einer Aufgabe nicht den Beamteten überlassen, sie wie eine Leidenschaft bis zum Ende erleben und nicht auf halbem Weg zur bequemen Hausfrau zurückkehren. Dieser Mangel an radikalem Anstand ist von allen Lastern das deutschste und für mich das verächtlichste -- was hilft die innre Freiheit, die gefunden zu haben, Deutsche sich rühmen, sie ist nur Feigheit und Flucht vor Realität.«
Bei Ausbruch des Kriegs erlangte er Erlaubnis, zu bleiben, wurde im zweiten Jahr vom schützenden Minister gebeten, ihn der Aufgabe zu entbinden, ging nach der Schweiz, mittellos, Opfer des Sequester. Er ernährte sich von Unterricht, Zeitung, Arbeit der zu schneidern beginnenden Töchter und Sparsamkeit der Frau, kleinbürgerlicher Französin -- Demokratie ward Märtyrertum, fanatisch getragnes; Züge des Alternden wurden scharf; bitter und tröstend die Stimmung eines verspäteten Achtundvierzig.
Lauda war bei ihm zu Gast, sah, in wie engem Bezirk ein Mensch leben kann, Grenzen des Käfigs waren die der Welt. Es durchwanderte der Alte diesen Bezirk unermüdlich, hatte Wege angelegt, alles eingeteilt: wer nicht böswillig war, brauchte sie nur zu begehn und schaute die in Demokratie geordnete Welt. Sie war die Wahrheit, es gab keine andre; noch größer als Erregung über Nichtbereitschaft der Geister war Staunen -- darüber grübelnd, fand er neuen Beweis, fügte ihn ein, nun war die logische Kette geschlossen. So war einer Freidenker -- er selbst war Freidenker, Priester hieß Pfaffe, König Tyrann. Justus gestand, einst Romane und Verse geschrieben zu haben, Thema des Romans: Kampf gegen Vorurteile, Verse: Epigramme, darin einer die Welt am gesunden Verstand maß. Die Welt hatte sie nicht gelesen, ihr Schade.
Lauda, dem er der rationalistische Mensch schlechthin war, reines Extrem, klar zu überschaun, folgte der Einladung, wiederzukommen, begegnete plötzlicher Herzlichkeit und dem Geständnis eines entbehrten Ideals: Verkehr aufrechter Männer, zweimal in der Woche, Schachspiel zur Übung der Hirnkräfte und Kegeln zu der des Körpers; Gemütlichkeit bei Bier und einfachen Sitten. Er entwand sich höflich, Justus kam ihn mit seiner Familie besuchen, Prinzip der Gegenseitigkeit. Mensch, den er als Mensch gelten lassen wollte, ward lästig, zwang dazu, Beschränktheit lieblos zu benennen, Abstand mit allen Mitteln zu setzen, und aus einem Freund ward Feind, der ihn geheimen Anhänger des preußischen Systems nannte, weil er von dessen Philosophie sprach.
Es kam der Augenblick, wo Justus vor den Versammelten aufsprang, sagte: »Er ist nicht das, was uns nottut, Politiker, er ist der Geistigen einer, die alles verstehn, mit jedem Gedanken huren; sie werfen ihre Leidenschaft auf ein Objekt für drei Monate wie ein Schauspieler seine unehrliche Glut für drei Stunden in eine Rolle. Denkt er ans Volk? Er denkt an sich, er will nicht Zustände ändern, sondern Ideen klären«, und mit gerecktem Zeigefinger dastand, als fordre er das Volk auf, zu steinigen.
Lauda war versucht, für einen Augenblick hinauszugehn, nicht wiederzukehren -- es hätte jener recht gehabt. Blick in das verzerrte Gesicht des Manns gab ihm das skrupellose Argument unbefriedigter Ehrgeiz, und er war gehorsam dem Gesetz der Realität, Angegriffner wehre dich. Danach ekelte ihn vor erlangter Kenntnis, was ein Tribun sei, Beredsamer in Geste der Treuherzigkeit.
Ruhiger geworden, sprach er mit Hans von dem leisen Grauen, dem Widerwillen im Hintergrund, die er empfand, wenn wieder die Bekanntschaft eines Menschen durchlaufen war. Zuerst, war er noch neu, sah man das Tüchtige in ihm, seine Energie, das, um was er kämpfte, die durchdachten Ideen; dann, schattenhaft, verschob sich das Bild, es traten hervor die Banalität, die fixe Idee, die Grenzen, die Enge; zuletzt wies er die Zähne des Egoismus, verteidigte den Käfig, in dem er saß und den er nannte Leuchtturm der Wahrheit.
»Was schwerer wiegt,« sagte er, »und was zu lähmen droht, ist der Widerstreit in mir, wie ich solchen Menschen, jeden, werten soll. Wertung ist nicht nur Anmaßung, sie ist auch durchaus willkürlich, denn wir tragen keine andre Norm in uns als selbstfestgesetzte, eine von vielen. Wonach aber setzen wir fest? Nach Interesse, nach einem politischen oder gesellschaftlichen Standpunkt, von dem ich wenigstens weiß, wie relativ er ist. Was habe ich ausgesagt, wenn ich Justus einen Dummkopf nenne -- gestern hatte ich Respekt vor ihm, morgen werde ich mit ihm zusammenarbeiten. Klarheit ist nur, wenn ich jemand liebe oder hasse, Urteil ausscheide oder einschalte. Alle scharfen Urteile sind diesseitig; in der Welt, in der jede Existenz von der andren getrennt ist, kann es nur Urteile des Hasses, des Gegensatzes, der Trennung geben. Aber in sie spielen fortwährend die Urteile des Absoluten hinein, die skeptisch gegen Benennung sind, weil sie religiös sind, die Getrennten vereinen und, nun nicht mehr pessimistisch, Nachsicht, Milde, Duldung gebieten. Nicht darum zuletzt ist die Sphäre der Realität die der Qual, des Hin- und Hergezerrtseins -- man könnte, man sollte ein neues Lehrfach der Erziehung finden: Unterweisung in Grundtatsachen der Existenz; Zwiespalt, Unversöhnlichkeit der Prinzipien würden gelehrt, Ableitung daraus einer großen Klarheit, einer Kenntnis der Maschinerie in uns, einmündend in die Nachsicht mit ihrer Ohnmacht und das Suchen nach Überwindung der Ohnmacht -- erkannte Gesetze werden Schalter mit spielenden Gelenken. Der Mensch hat noch nicht denken gelernt, weilt noch im Stadium des geistigen Manchestertums, wo die Welt der Empfindungen ein Haufe durcheinander kriechender Schlangen ist.«
Sie saßen am Kai, Wellen des Sees schlugen nach den Bänken. Barbara ging mit einem Mädchen vorüber, grüßte. Lauda stand auf, Barbara sagte:
»Wir wollen segeln, meine Schwester und ich, wir haben Platz, schließen Sie sich an?«
»Darf ich meinen Freund mitnehmen?« fragte er, wandte sich nach Hans um und sah ihn verzückt das Mädchen anstarren.
Barbara richtete die Segel selbst, die Kleine ließ sich schelten, weil sie Handreichung verschmähte, lächelte nur aus so dunklen Augen, daß die Pupille nicht sichtbar war. Andres Temperament, innigeres, derb schaltende Herzlichkeit Barbaras gedämpft durch Süße.
»Wenn ich hätte tun können, was Gefühl mich hieß,« sagte Hans nachher, »würde ich wie mit einer kleinen Insulanerin ein zärtlich-lehrhaftes Gespräch über mein Entzücken auf den ersten Blick und seine Gesetze, die Gesetze in ihr selbst, begonnen haben. Denn es gibt Gesetze unsres Naturells und wir müssen ihnen nur gehorsam sein, um ohne Vorbehalt und Lüge zu lieben. Fast immer entschließen wir uns unter Vorbehalt und Lüge zur Werbung: Zufall führt mit einer Frau zusammen, die uns fast ganz, aber doch nicht ganz gefällt, Gelegenheit ist günstig, man ist des Suchens müde, und das übrige tut die Frau, sie fühlt, daß wir zur Anpassung bereit sind und holt sich, was sie haben will.
Ich, der kleine feste Körper ohne differenzierte Nerven anbetet und auf die Entdeckung der heimlichen Fülle um der sichtbaren willen verzichtet, bin immer von Schlanken, Nervösen erobert worden, selbst zu underb und hilflos, um zu widerstehn. Das war die Untreue gegen das erste Gesetz, das mich kräftigere Körper, als meiner ist, lieben heißt. Das zweite hebt die Gegensätzlichkeit wieder auf und verlangt, daß ganz zarte, heimliche Wärme in ihnen ist, ohne Dämonie oder kaporalhaftes Temperament. Wie ein kleines warmes Tier schaute sie aus Mantel und Muff heraus; die Eigenwärme des Geschöpfs ist das Herrlichste.«
V
Wie Puck es gesagt hatte, in den Augen Barbaras war ein schlaues und lustiges Bewußtsein von Energie. Sie konnte nicht untätig sein, und sie ertrug es nicht, wenn ihre Patienten untätig der Mattheit in sich selbst zuschauten. Indem sie bei denen, die Kranke des Willens waren, das Gefühl, dem Leben nicht gewachsen zu sein, nicht duldete, hatte sie große Erfolge, heilte durch persönliche Kraft, selbst Heilfaktor; es geschah aber bisweilen, daß einer unbesiegbar sich vor ihr verschloß, ihrer zu deutlichen Gesundheit die Verachtung des Differenzierten entgegensetzte.
Lauda beobachtete, daß es ihr dann nicht darauf ankam, die bei jenen erprobte Macht bei diesem bewußt zu versuchen, indem sie sie in weibliche Reizung verwandelte, Wünsche erregte, Wunsch erlaubte. Auf die stumme Frage des Zeugen gab sie gleichsam die Antwort: was macht es, daß einer mich nachts in seine Träume zieht?