Nein und Ja: Roman

Part 11

Chapter 113,588 wordsPublic domain

»Sie träumen,« sagte Elena und lenkte ihn ab. In der Zeitschrift blätternd sah er ein Bild der Duse; sie stand in einer Szene der »Toten Stadt« am Turm, ihre Schlankheit in schwarzen Kleidern parallel zu der des höheren, aber der Kopf war zurückgelegt und sie schaute hinaus. In diesem Blick alle Zartheit, die gebrochen worden war und doch sich behauptet hatte, alle Tragik, die erlebt hat und doch demütig stolz ist, ewige Bereitschaft, weiter zu dulden und stolz zu sein, die vollkommenste Frau, Barbaren zur Huldigung zwingend, Siegerin über den, dessen eitler Kopf neben ihr abgebildet war und der sie in die Bücher gebracht hatte. An ihr ward klar der tiefe schöne Inhalt, mit dem sich das Wort Passivität der Frau erfüllen konnte; diese Frau am Turm war Hüterin des Retardierenden, der Liebe, Gestaltung des Gedankens des Indiers, große Europäerin.

* * * * *

Am vierten Jahrestag des Kriegsbeginns ging Lauda durch die Bahnhofsstraße, um fünf Uhr sollten die Straßenverkäufer die erste Nummer der Wochenzeitung ausbieten. Er sah ein Gedränge, hörte Schreie; ein Polizist warf einen knabenhaften Mensch in eine Kutsche, drückte neben ihm sitzend seine Hände nieder, den Vergewaltigten schüttelte ein Lachkrampf, es war Puck. Lauda dem Wagen nachgehend ward von Lisbao angehalten. Lisbao sagte:

»Wir saßen, Miß Lilian, er und ich, beim Tee im Hotel; er war wie sonst, beobachtete die Menschen, kleidete die Reizung in die ihm eigentümlichen preziösgewundnen Worte, so daß man empfand, die Menschen ziehn an ihm wie Marionetten vorüber, jeder am Draht seiner Eitelkeit, Lüsternheit und gespreizten Wichtigkeit. Langsam begann er anzüglicher zu reden; wenn Frauen vorübergingen, zeichnete er die Kurve ihrer Sinnlichkeit auf dem Tischchen nach, ekelte sich, hob die Hand gegen Lilian und sagte: >Blancheflor, ich habe einen Augenblick des Muts, den ich zu Haus nicht finde, entlassen Sie mich aus Ihrem Dienst. Wenn wir uns ansehn, finden wir uns beide bleich, uns ist Frau Minne Flagellantin. Ich sehe eine Wand, den Totentanz darauf und ich und Sie darin Figuren. Mir graut --< und bei diesem Wort machte er einen Satz gegen die Fensterscheibe, als wolle er durch sie springen. Sie war hochgezogen, er stürzte draußen auf die Kniee, Auflauf, Abtransport ins Irrenhaus.«

Sie gingen ins Polizeigebäude, es war unmöglich, zu Puck zu gelangen. Er hatte, als er Uniform und Gitterfenster sah, sich widersetzt, den Agent in die Hand gebissen, sich selbst zu einer Beobachtungszeit beim Psychiater verurteilend. Lauda ging mit Lisbao in die Stadt zurück. Als er an einem Stand seine Zeitung kaufte, hielt ihn Lisbao fest und zeigte auf ein Heft:

»Wir hängen nebeneinander, Herr Lauda,« sagte er spöttisch, »wir sind am gleichen Tag herausgekommen, Ihr ernstes Blatt und unser unernstes. Vielleicht ist Puck über der Redaktion verrückt geworden, es wäre die schönste Reklame, vielleicht ist er nur überarbeitet, wir haben alles selbst in einer Winkeldruckerei gesetzt.«

Sie gingen in ein Café, die Blätter zu lesen. Das Pucks enthielt Manifeste Siriwans und Pucks, Verse Lisbaos und Hans'. Wenn nun Puck es bei sich trägt, dachte Lauda, wird es sein, als finde man bei einem des Mords Verdächtigen Besitztum des Getöteten.

»Was erwarten Sie von diesem Blatt?« fragte er.

»Nichts. Sie wollten einmal wissen, warum ich noch Verse mache, wenn ich das Wort Kunst hörend nur eine Grimasse ziehn kann. Sie haben recht, Kunst ist nicht einmal das, was ich antwortete, Zeitvertreib. Als wir das Blatt vorbereiteten und zwischen Schreibmaschine und Setzkasten tätig waren, erfaßte mich der Rausch der Geschäftigkeit, nun ekelt mich davor. Was erwarten Sie von Ihrem Blatt?«

»Die Durchführung einer Idee, zu der ich mich entschlossen habe. Sie sichtbar machen, alle Energie an sie wenden, alle Konsequenzen tragen, ist auch Zeitvertreib, Ausfüllung des großen Nichts, in das wir stürzen, wenn wir vom Absoluten her das Leben betrachten. Der Unterschied zwischen uns ist, daß ich mir zum Aufbau meiner Geometrie, dieser Illusion mit saubren, klaren Gesetzen, eine Idee wähle, die mich von mir, einem Anlaß zur Selbstvergiftung, fernhält und Mitmenschen erlaubt, ihre Energie ihrerseits mit meiner zu vereinigen. Verziehn Sie nicht das Gesicht, Mitmensch ist Tatsache neben mir und Energiebetätigung ist so sehr Gesetz, daß sie unterbinden heißt, an Stauung sterben. Der tiefste Gedanke, auf den praktisches Denken stoßen kann, ist hygienischer Art: gehorsam sein der Kraft, die uns erzeugte. Sie ist blind, sie ist aber auch Mutter -- sehn Sie, wie das rein Phänomenologische ins Gefühlsmäßige übergeht? Was ist _diese_ Liebe? Gehorsam, Aufgeben des Widerstands gegen die Tatsache der Existenz. Sie hassen Moralität? Warum? Vorausgesetzt, daß man sich nicht auslöscht, hat man die vernünftige Pflicht, sich mit der Existenz abzufinden, und sich abfinden hat zur Folge, daß man nicht grämlich Ja sagt, sondern energisch, klar; nicht leidet, sondern seine Aufgabe erledigt. Es bleibt Ihnen erlaubt, Kunst eine fixe Idee zu nennen, aber eine fixe Idee, an die man seine Energie setzt, wird Inhalt.«

»Geben Sie acht,« sagte Lisbao, »daß Sie nicht Wanderprediger des Optimismus und des Maximums an Glück werden.«

»Angst vor Banalität? Haben Sie noch nicht erlebt, daß Gedanken, die Ihnen seit Wochen unerhört erschienen, mit einem Durchbruch in längst gesagte Banalität endeten, wie man, sich verirrend, nach Visionen mittelalterlicher Verzauberter, auf der wohlbekannten Ebne vor der Stadt herauskommt? Wissen Sie, wo wir alle enden, wenn wir Himmel und Hölle durchschritten haben? Bei dem Gedanken, daß es gut ist, die Heranwachsenden zu erziehn und den Erwachsnen durch Kunst, Wissenschaft, andres ein wenig Glück zu geben, auch dabei, das Haus des Menschen, die Gesellschaft, vernünftig zu baun.

Das ist die praktische Form von Souveränität, alle andren, die sprengenden und grundsätzlich revoltierenden, werden auf die Dauer Leidensformen. Was ist Puck? Ein Psychopath, einer, dessen Nerven schwächer sind als die Säule der Existenz, die auf ihnen lastet. Jeder ist Psychopath, der schwächer als die Ideen ist, die in ihm nisten.«

»Heute morgen,« antwortete Lisbao, »dachte ich allerdings wie Sie. Siriwan und ich wohnen im selben Hotel. Um sechs verlangte ihn ein Paar zu sprechen, eine erschöpfte Frau, ein mitgenommner Mann, zwei österreichische Revolutionäre, die ersten, die dem russischen Vorbild nacheiferten und zum Streik gegen den Krieg aufforderten. Der Mann der Frau wurde verhaftet, sie flüchtete mit dem Genossen über Hochgebirge und Schnee, zu Fuß von Innsbruck bis Zürich. Siriwan sollte sie unauffällig mit Nüßli in Verbindung setzen, sie bringen Botschaft von den Russen. Sah man sie, Fanatismus war größer als Erschöpfung, dachte man: sie sind arme Tiere, von einer Idee gehetzt, die ihnen alles gibt, was Menschen zu innrer Nahrung zu brauchen scheinen, Gefühl der Wichtigkeit, des Mehr als-andre-Seins, des Geheimnisses, des Schmerzes, der ein süßer Druck ist, des Hasses, der den Druck verstärkt, der Beredsamkeit, in der die Spannung entströmt, und der Tat, die sie, wie eine vergiftete Katze die Droge, in sich tragen.«

»Ganz recht,« antwortete Lauda, »so gesehn ist das Bild real und objektiv.«

»Also mein Ekel berechtigt.«

»Doch nicht. Denken Sie scharf. Der Ekel ist etwas, was Sie hineintragen. Sie finden ihn nicht im Bild, dem betrachteten Material. Er ist subjektiv, durchaus Auslegung. Sie müssen sich, wie ein neuer Kant, fragen: welches sind seine Grundlagen, realen Bedingungen? Und hier ergibt sich, daß wir mit der gleichen Legitimität zwei Auffassungen haben können, eine so begründbar wie die andre, Nein und Ja, deren jede aber die Pflicht enthält, die Konsequenz zu ziehn. Sehn Sie in allem Treiben nur das Sinnlose, das Leid, das Abrollen einer Vitalität, die um ihrer selbst, nicht um unsrerwillen da ist, dann vollziehn Sie, als Imperativ gesagt, den Akt der Souveränität und der Ablehnung, den Selbstmord. Erklären Sie sich einverstanden mit dem unverlangten Geschenk der Existenz, dann erklären Sie die Autonomie des von der Urenergie ausgesetzten Geschöpfs und verhelfen Sie ihm zu einer saubren Ordnung, dem wohnlichen Haus, proklamieren Sie das Glück an Stelle des Leids; und Glück heißt Beherrschung der Kräfte, Überlegenheit den Geschehnissen der Existenz gegenüber. Glück ist Waffenstillstand, den innren Vorbehalt des Wissens berührt es nicht. Das ist die Souveränität des Ja, wie der Selbstmord die des Nein ist. Was Sie, Puck, Siriwan tun, ist Halbheit, ihr schleppt die Existenz weiter und hebt euch nicht aus dem Leid.«

»Sie raten mir also kurz und klar, mir eine Kugel durch den Kopf zu schießen?«

»Nur konsequent zu sein. Löschen Sie sich aus, so halte ich Ihnen eine unbefangne Nachrede; Feststellung darin, daß Sie nicht gesund genug waren, wird Ihnen gleichgültig sein. Denn von Gesundheit darf man reden, weil jedes Geschöpf die vorwärtsdrängende Sinnlichkeit mitbekommt, und wenn Sie wollen, ist diese Mitgift das einzige Prä, das das Ja vor dem Nein hat.«

»Wie banal.«

»Durchaus, wenn auch Gesundsein nicht besagt, daß man nichts von dem Ekel verspüre, den die Feststellung der überall existierenden Sinnlichkeit auslöst. Mich verläßt das Wissen um sie keinen Augenblick, ich sehe sie im Glanz der Augen, der Kurve der Wangen, höre sie im Mezzosopran der Sängerin, notiere sie halb zynisch, halb gelassen, und wenn ich wie ein Tier über der Frau bin, denke ich, wir ordnen das alles in unser Dasein ein, wissen darum, verhöhnen damit den Gott, dem wir für das Leben danken sollen -- es sei. Was Ihnen und Ihresgleichen fehlt, ist das Mitleid, das annähernd Aufhebung des Leids ist. Auch ich bin nicht gütig, aus mir wird nie das Bekenntnis der großen Liebe brechen, mit dem man am bequemsten zu einer repräsentativen Stellung gelangt; aber ich mische in mein Denken genau die Dosis Mitleid, die real und objektiv ist: Mitleid gründet sich auf die Tatsache, daß Einzelgeschöpfe neben mir sind und, noch metaphysischer, daß das Individuum, an sich nur Vorwand der Energie, sein eignes Dasein auszubauen unternimmt, sich der Totalität entzieht; mein Mitleid ist Gerechtigkeit.«

Die Saaltöchter begannen die Tische zu decken, nach französischer Manier wandelte sich die Galerie des Cafés zum Speisesaal. Hans und Siriwan tauchten auf, erklärten, fünfzig Franken zusammengelegt zu haben, um sich den Abend der Illusion zu schenken, Kommunion mit der Grundtatsache essender Körperlichkeit und ihrer nach dem Geistigeren ausgreifenden Derivate, als da waren Flirt, Musik, Gespräch, Blick auf Kristall und in Taft entblößte Schlankheit von Armen.

Hans, sparsam lebend, feierte solchen Abend selten, Siriwan, als kenne er keine andre Art, zu Tisch zu gehn; Hans empfing von jedem, der um ihn saß und kam, die Schwingung, Siriwan sah nichts, sagte alles zu wissen.

»Was denken sie,« fragte Hans, »die geldmachenden Männer mit den blaurasierten Wangen und die Weiber, die sie vom Goldschmied hierher führen? Vielleicht, daß es so in der Ordnung sei; aber vollzieht sich nicht in jedem von ihnen, hinter seinem Bewußtsein, fortwährend eine Art religiöser und philosophischer Auseinandersetzung? Kreisen sie nicht ununterbrochen um den Grundgedanken von Ja- und Neinsagen? Es schlechtes Gewissen zu nennen, wäre zu viel, aber sie alle operieren mit dem Gegensatz, dem Reiz, daß draußen andre hungern, schlecht verdienen, nutzlosen und verachteten Ideen des Altruismus nachhängen.

Als ich das letztemal hier war, wurden plötzlich die eisernen Läden herabgelassen, weil Streikende demonstrierten, Steine gegen die Scheiben warfen. Eine Sekunde erblaßten sie, dann wandten sie sich um so breiter dem Genuß zu, und in dieser Nacht umarmten sie ihre Weiber gesteigert in Befriedigung, die zugleich Bewußtsein war, das richtige Weltbild zu haben, mit der Sinnlichkeit identisch zu sein -- ja ein Gehorsamkeitsgefühl ist in ihnen, das >Lebt! -- So wollen wir leben.< Und dafür gestehe ich ihnen zu: das Brudergefühl. Seht, wie sie stopfen und schütten, wie die Brillanten sprühn.

Suche ich zu überlegen, was die in diesem Raum Versammelten an diesem einen Tag an List, Niedrigkeit, Raub, Lüge begangen haben, die Frauen an Verkauf ihrer selbst, Betrug, Habgier, die Musiker und Angestellten an Eifersucht, Neid, dann ist es, als sei die Existenz, durch die ich gehn muß, die brennende Stadt der Apokalypse, die über mir zusammenschlägt. Ich erkläre so den Traum von der brennenden Stadt, der oft in meinen Nächten wiederkehrt. Ich glaube, daß wir uns in jeder einzelnen Sekunde mit dem Leben auseinandersetzen, eingehüllt in einen Dunst, der aus uns steigt, oder in erregteren Momenten ein Gleichnis für es suchend.«

»Sie haben recht,« antwortete Lauda, von Freundschaftlichem zu ihm bewegt, »es kann nicht anders sein, als daß der Kosmos, der keine Sekunde ohne Rotation und ohne Wärme ist, jederzeit auch eine Bewußtseinssphäre um sich legt, aus der alles steigt, was wir Traum, Denken, Fühlen nennen. Der Schmarotzer dort mit den kauenden Backen fühlt sich selbst, seine Stellung im All, die Nähe der andren, den Gegensatz zu ihnen, der nur ein andres Wort für Einheit mit ihnen ist. Wir atmen Denken, und man könnte sich vorstellen, daß wir alle jederzeit gegen einen Mittelpunkt der vollkommnen Bewußtwerdung vorrücken, wie die Himmelskörper nach einem Zentrum der Rotation.«

»Ist es erreicht --«

»Werden die einen sehn die vollkommne Harmonie, Summe der Verkettungen, Sphärenklang, die andren die grauenhafte Entsieglung des sinnlosen Geheimnisses, Rasen, Wüten, Ablauf, Sturz in die Zeit, Asche der sich selbst verbrennenden Energie. Ob Anfang, Mitte, Ende der Zeit, es ist jeden Augenblick gleich erlaubt, Ja und Nein zu sagen, Widerstand zu leisten und ihn aufzugeben, Welt zu regulieren und von der Illusion der Regulative zurückzutreten. Höre ich in mich hinein, vernehme ich das Geschrei des jüngsten Tags so gut wie den geordneten Gesang der Chöre, die Zeiten und Räume zusammenfassen.«

»Ich habe über Ihre Theorie des Widerstands nachgedacht,« sagte Siriwan. »Widerstand ist das Prinzip, aus dem Sie die Geburt der Existenzen erklären, weiterhin im Mensch die Entstehung von Idee und Gefühl; und es ist gewiß überraschend, wenn Sie Liebe ein Phänomen des Widerstands nennen. Die Gesamtheit der Widerstände ergibt den Zustand der Souveränität, der Leid nicht leugnet, aber bändigt. Also ist derjenige, der leidet, widerstandslos. Wie aber kann er leiden, wenn nicht deshalb, weil er Widerstand leistet? Und der Souveräne, der sich mit der Tatsache der Existenzen abfindet, gibt er Widerstand nicht auf?«

»Beweis, daß jeder Entschluß, genauer die Verwirklichung einer Idee, uns auf die andre Seite setzt -- wir finden uns staunend auf dem jenseitigen Ufer. Tat ist ein Prisma, das die Strahlen der Ideen im rechten Winkel zum Einfall bricht. Tat ist Aufhebung der Idee, obwohl von ihr erzeugt. Im übrigen unterscheiden Sie nicht scharf genug zwischen Leiden und Erleiden. Wenn man eine Idee Dämon in sich werden läßt, der von Konsequenz zu Konsequenz treibt, erleidet man, und dieses Wort ist nur eine vom Beobachter ausgesprochne Wertung; macht man den Versuch, Widerstand zu leisten, so leidet man, und das ist bereits ein subjektives Gefühl oder ein objektiver Zustand. Man leidet, weil man nicht radikal Widerstand leistet; radikaler Widerstand heißt Souveränität; sie besteht darin, den Widerstand mühelos sowohl ein- als ausschalten zu können. Deutsche Bücher sind schwächlich, weil sie, wie ein französischer Dramatiker auf die große Szene, auf den Augenblick zueilen, wo der Held endlich seine endgültige Weltanschauung erreicht haben wird, meist die der Harmonie, unter Leugnung und Vergessen der vorher erlebten Verneinungen. Es sind Bücher ohne Aufhebung.«

»Das Kaffeehaus wird zum Anschauungsunterricht,« sagte Siriwan und wies auf die Nische, »der perfekte Harmonist sitzt neben uns, Nachtwächter der Ethik an einem Tagblatt, Umwechsler des geistigen Pfunds in Leserkurant, Abteilungschef für Literatur im Warenhaus zur öffentlichen Meinung, kurz ein Feuilletonredakteur, von allen Soldstellen des Kapitalismus die anrüchigste, weil ihm freie Meinung gelassen wird, vorausgesetzt daß Abonnent sich nicht beklagt. Schrieb er nicht heute im Abendblatt vom Glück bei Gelegenheit irgendeines Franzosen, der die Freuden der Familie empfiehlt, weil sie die vollkommenste Kombination von Sorge für sich und Sorge für andre ist? Da haben Sie einen Deuter Ihres Glücksbegriffs.«

»Einen bürgerlichen,« antwortete Lauda. »Ich verstehe unter Glück die Energie, nicht im Zustand des Erleidens zu beharren, stärker zu sein als Vorgänge in uns. Das ist eine dynamische Angelegenheit, was hat sie mit dem Glauben an die moralische Weltordnung zu tun? Nichts, es sei denn, daß sie versteht, wie Menschen dazu kommen, einen Gott zu erfinden.«

»Verstehn ist Abschwächung des Urteilens. Sie billigen mein Urteil über den Redakteur nicht?«

»Ich müßte erst die Not kennen, die Sie dazu führt, einen Mensch radikal zu verwerfen, radikal böswilligen Dummkopf zu nennen. Ich kenne von Ihnen nur Urteile, die absolut verwerfen -- ich müßte fühlen, durch welche innre Katastrophe oder Neulagrung Sie in den Gegensatz zur Welt geraten sind; ich müßte Atmosphäre um Sie spüren. Sie werden antworten, daß Ihnen alles Tun, Wollen, Sichregen der Menschen eine Verirrung ist, daß sie sich spreizen und blähn. Aber dann wäre die Konsequenz unerläßlich: daß Sie unter diesem Zustand des Menschen leiden, sich nicht ausschließen. Das Recht auf Urteil wird durch Miterleiden erkauft, durch Aktivität. Urteil und nur Urteil ist rein passiv. Urteil, das nicht aus der Wärme des eignen rotierenden Organismus kommt, ist kalt, Urteil, das diese Wärme in sich trägt, ist entweder Haß oder Liebe oder, wenn es das Hoffnungslose feststellt, Trauer. Ich kann nur sinnliche Urteile gelten lassen, alle andren gehn der wichtigsten Frage: Und du selbst? aus dem Weg.«

* * * * *

Am nächsten Morgen gelang es Lauda, Puck zu sprechen; er wurde gebeten, sich danach bei der Assistentin des Psychiaters, selbst Ärztin, zu melden. Puck, lustiger Gnom, saß auf einem Stein und suchte einem frei umhergehenden Melancholiker zu erklären, daß inzwischen draußen der Weltkrieg ausgebrochen war.

»Was ich auch an Zahlen ersinne,« sagte er, »um auf die Depression dieses Alten die letzte Last zu legen, es bleibt Wirklichkeit; der zwanzig Millionen Streiter müde, suchte ich ihn zu überzeugen, daß die sämtlichen Kriegsschulden abgetragen werden können, wenn die Steuer auf Liebesfreuden eingeführt wird: fünf Pfennig, Rappen, Heller pro Umarmung, der Kavalier zahlt willig, Damen bleiben steuerfrei. Ich war gerade dabei, auszurechnen, wieviel eine Stadt wie Zürich in einem Tag einbrächte, was meinen Sie? Auch die Vermutung über die einträglichsten Stunden ist ergötzlich.

Der Sprung durch die Fensterscheibe? Mein Lieber, ich sah ja, daß sie hochgezogen war. Allerdings, die Stimmung war ernst, ich kann nicht mehr Lilian zu Willen sein. Ich will Ihnen ein Märchen erzählen. Es war einmal ein armer Junge, der gern mit seinem Wissen prahlte, aber von freiwilliger, geheimer Zärtlichkeit der Frauen wenig wußte. Niemand starrte ungläubiger als er, als Blancheflor an einem Sommerabend die Gewänder löste und ihn an sich zog. Es werden wohl auf den weißen Altar, der aus dem dämmernden Zimmer leuchtete, Tränen getropft sein. Er glaubte, nun sei die Hemmung, die vor die Entrückung gelegt ist und die er so gefürchtet hatte, ausgelöst, warum hätte sie sonst sich ihm angeboten? Da erwies es sich, daß er die größte und unerwartete noch zu besiegen hatte. Keine Liebkosung, kein Gespräch über das, was ihn Liebe suchen ließ, kein Lachen und keine Güte konnte ihr die Erregung des Eros geben; statt geborgen zu sein, stieß er auf eine Aufgabe, die ihn abscheulich dünkte -- durch Brutalität, Bisse, Schmerzzufügen ihr zur Lustvorstellung des männlichen Tiers zu verhelfen. Sie lag, die Härte erwartend, den Rücken zugekehrt, was er zuerst für eine Geste der Laszivität hielt, und _gebot_ ihm ungeduldig, weh zu tun.

Er ward ganz schlaff, das Gefühl, um das Schönste betrogen zu sein, formte sich in harten Worten; die trank sie gierig, lächelte verzückt und -- war willig. Seither wurde er gehorsamer Schüler, lernte gewünschte Energie, staunte über die Phantasie der doch Unberührten, die sich schuf, was sie brauchte, verließ sie jedesmal um einen Grad elender. Ich kann nicht mehr, dem Frau das Heimlichste, Zärtlichste ist, Wärme ihres Körpers Güte des Bergens. Arme Kleine, warum verfiel sie auf mich, da ihr Lustmörder und Fleischergeselle das süße Grauen geben? Was tun? Es blieb nichts, als durch das Fenster zu springen. Immerhin ist zu sagen: in diesem Augenblick war ich so durchaus Schauspieler, daß Grenze zwischen Lüge und Wahrheit verschmolz; in fünf Minuten steigre ich mich in jeden Wahnsinn, begehe jede Tat, finde für jede Verwandlung die sie erschaffenden Worte. Was ist Phantastik? Die Fähigkeit, die Assoziationsbrücken von irgendeiner Vorstellung zu der entferntesten und nicht verwandten herzustellen, also nachzuweisen, daß doch Verwandtschaft ist. Ich bin der blaue Funke des Hirns, der die Bahnen überspringt.«

»Haben Sie dem Arzt das alles erzählt?«

»Die Ärztin hielt mich ab, sie ist scharfsichtiger als er, ich mache ihr nicht das Vergnügen, mich zu durchschaun.«

»Und doch entgehn Sie nur so der Drohung, Sie acht Tage lang zu beobachten.«

»Was machen sie mir aus, sie sind mir willkommen. Wolke voll erregenden Leids hat sich auf mich gesenkt, ich will durchaus in ihr weilen, bis sie sich wieder hebt. Darüber schwebt, auf der Sichel, Maria, zaghaft leise begehrt, weil sie Königin und Mutter ist, gelästert, weil sie Frau ist. Lassen Sie mich, es formen sich Verse, Gedicht einfach im Schmerz des Geschundnen.«

Lauda suchte den Arzt auf, wurde ins Zimmer der Assistentin geführt. Es standen alte kräftige Möbel mit Grün bezogen, lag Teppich, Raum war Mischung aus Sachlichkeit und Frauenhand. Die Frau trat ein, Blick auf sie ward Huldigung vor Persönlichkeit -- schöne Frau, ganze Frau. Flut von Adjektiven drang auf ihn ein: groß, fest, üppig, gesund, dunkel an Kraft, hell an Wirkung; zugreifend, braunäugig, warm; bisweilen derb, im ganzen königlich. Wie sie komponiert war, wie sie vor ihm stand; aus straffen Säulen der Beine kam die mächtige Kurve des Beckens, bog in die Wölbung des Rückens ein, floß über die Schultern in die der Büste. Farbe des Gesichts war wie bei dunklen Keltinnen, die er in Vogesentälern gesehn hatte, von Welle des Bluts erzeugt, das zurückweichend weiße Höfe ließ -- Stoß des Bluts durch die ganze Frau.

Puck, den er um Barbaras willen nun öfter besuchte, sagte:

»Es ist eine groteske Situation. Wenn sie eine Brille und schlechtsitzende Röcke trüge, würde es mir ein Vergnügen machen, ihr einen Indianertanz von Irrsinnigkeiten vorzuführen. Ich kann es nicht, ihre Augen, in denen ein schlaues und lustiges Bewußtsein von Energie ist, würden es nicht dulden. Die Ärztin anzuerkennen weigert sich Männliches in mir. Es bliebe nichts übrig, als mich in sie zu verlieben, nach dem Rezept, daß Liebe eine Schutzhandlung und Abgang mit Ehren ist, aber es wäre aussichtslos und -- sie macht mir Angst. Es ist eine Vitalität in ihr, eine Fülle des Bluts, der ich nicht gewachsen wäre.