Nein und Ja: Roman

Part 10

Chapter 103,477 wordsPublic domain

Das war ihm keine neue Erkenntnis, wohl aber neue Fordrung. Also lag ihm nichts mehr daran, Anschauung erreicht zu haben? Es lag ihm nicht daran, in ihr zu verweilen -- auch sie verlangte, aufgehoben zu werden, der Strom floß als Kurve in sich zurück. Entweder man sagte radikal zu allem, was sich in der Sphäre der Tat bewegte und vollzog, Nein und löschte sich aus Ekel oder Erkenntnis aus, oder man kehrte in diese Sphäre zurück, die die Arena des Einsatzes war. Nannte man Anschauung den religiösen Zustand, dann war Rückkehr zum Ja Abschwächung des Religiösen -- Schicksal, das noch jede Religion erlitten hatte, als sie sich in der als Reich der Sünde und des Leids verworfnen Welt doch einzurichten begann.

Im Garten schwoll, von einem Augenblick zum andren, die Ekstase der den Morgen verkündenden Vögel auf. Er trat ans Fenster. Schwer starrten die Kronen, er empfand wieder die Düsterkeit des prangend Sinnlichen, Astarte in der Anadyomene des jungen Lichts, die nur Nordländern mit dem weißen Blut das Mädchen der knospenden Brüste war. Und als er den Gang zum See antrat, war Morgenrot über den Bergen nicht nur rosiges Erglühn -- auch brennende Flamme. Gleichwohl -- Glühn oder Glut, ob sie Mensch kosten oder fraßen, sie waren Fanfare des Ja, und Wind, ob er der Holden oder der Grausamen vorausging, war Kind des Morgens; wen er anwehte, ward stark, so froh, erfüllt mit dem Hunger nach Tat.

An der Seemauer stand ein Mädchen, wandte sich um, als die Schritte des Einsamen hallend herabkamen, erwartete ihn, sagte:

»Helfen Sie mir ein Boot lösen, fahren Sie mich hinaus.«

Er erkannte sie, nachdem er sie in Stein gesehn, und tat, was La Putana hieß. Auf dem See löste sie das Gewand, sprang in die Flut, schwamm, er tat ein Gleiches. Danach stand sie am Mast, furchtlos vor Männern, im ersten Strahl die Haut trocknend; das Wasser zerrann wie Öl auf wölbenden Flächen. Er sah in den Raum, das Leere, gestellt: die Form, das Bestimmte, den Akzent der Energie, das von Grenzen Umschloßne -- Gefäß des Dämons Tat. Er sah im funkelnden Blick, der entzündeten Kohle, und in geschürzten Lippen: den Dämon Tat.

IV

Bericht des Morgenblatts, ein deutscher Flieger sei über die Grenze geflüchtet, besagte nichts; aber als Lauda am Abend die Villa Graumanns betrat, sah er unter den Politikern den Arzt, der ihm während seiner Militärzeit das Attest geschrieben hatte, durchblicken lassend, es werde nicht mehr lange Wert haben. Dieser Arzt war der Deserteur, er hieß Wendling.

Der Konflikt war ausgebrochen, als er darauf bestand, einen Epileptiker zu entlassen, der Hauptmann neue Bestimmungen entgegenhielt. Dann sind die Bestimmungen verbrecherisch, sagte der Arzt; die militärischen Erfordernisse gehn vor, der Offizier. Es fiel das Wort Pflicht, Wendling stellte das Primat der menschlichen auf, machte eine Bemerkung über Gewissenlosigkeit des Arztes, der denselben Patient, den er in seiner Sprechstunde für schwerkrank erklärte, im Revier als Simulant behandeln mußte, ward angezeigt. Hunderte dachten wie er, dieser eine sprach aus, ausgesprochnes Wort entfesselte die Lawine der Folgrungen. Er wurde entlassen, um danach als Gemeiner eingezogen zu werden -- Hölle des Diensts, jeder Vorgesetzte erkundigte sich nach dem Mann mit den Säbelnarben, vernahm, verhärtete sich.

In Bewegung versetztes Denken verwarf Schritt für Schritt Auswüchse des Militärsystems, Militärsystem als solches, deutsches Bürgertum, das in den Mittelpunkt seiner Geistigkeit die Kriegsbereitschaft stellte, deutschen Staat. Als ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet wurde, weil er Aufsätze veröffentlicht hatte, ohne sie vorzulegen, vollzog er den Schritt vom Persönlichen zum Grundsätzlichen, floh.

Führer des Flugzeugs war Rudolfi, ganz junger Mensch. Dieser hatte sich begeistert aus der Schule zum Heer gemeldet, die Erfahrung gemacht, daß er nicht befördert wurde, weil er zu zaghaft war, um sich ins Licht zu stellen: er galt bei den Offizieren für unfähig, Mitmenschen als Herr entgegenzutreten, bestand die Probe der Brutalität nicht. Verwirrung in dem Religiöserzognen, nicht Ruhe gebender Gegensatz zwischen Erinnrung an Abende der Mutter, die Schubert sang, und Brüdern, die als Schlachtfeldandenken Todesarten photographierten: erschütternd Gesichter, über die wie bei bitterlich weinenden Kindern ein Rinnsal lief, aber es war schwarz verbrannt, die ausgelaufnen Augen. Ein Gespräch mit Wendling, und das Grundsätzliche trieb auch diesen Knaben zum Tun.

Nun stand er, der mädchenhafte Zwanzigjährige, im Kreis der Abtrünnigen, und suchte verstört nach einem, der ihm noch einmal zuredete, daß er recht getan hatte; die Kameraden daheim kämpften, waren treu geblieben, er wurde steckbrieflich verfolgt.

Man beriet, wie Beschäftigung für ihn zu finden sei; Fünfkorn schlug ihm vor, als Volontär in seine neu gegründete Zeitung einzutreten, das nunmehr durch das Geld Shillers ermöglichte Organ der deutschen Opposition. Der Knabe konnte nicht, als er das Programm entwickeln hörte. Da bot Graumann an, für seinen Unterhalt zu sorgen, er brauchte einen Chauffeur. Madeleine Betz widersprach, der Junge sollte, was er getan hatte, ganz tun, die Idee, die ihn geleitet hatte, nicht verleugnen; mochte das Blatt mit amerikanischem Geld gegründet sein -- was für Fünfkorn hätte unerlaubt sein müssen, war es nicht für den Unverantwortlichen.

Ausfall auf Fünfkorn erregte Shiller, Graumann trat auf die Seite der Elsässerin, plötzliche Scheidung der Geister. Fünfkorn hoffte einen Trumpf auszuspielen, fragte Wendling, ob er für sein Blatt arbeiten werde. Der Arzt lehnte ab, Fünfkorn und Shiller verließen das Zimmer.

»Da wir symbolisch zurückgeblieben sind,« sagte Fräulein Betz, »laßt uns überlegen, wie wir die Einheit der Anständigen sichtbar machen. Gegen unsre Regierung aufzutreten, ist Pflicht, der Wille ist da, es fehlt: das Geld.«

»Das Geld fehlt nicht,« sagte Lauda und sah Graumann an, »es fehlen die Leiter, es sei denn, daß Herr Wendling, der am ehrlichsten von uns Männern den Untertanengehorsam gekündigt hat, bereit ist, die Redaktion zu übernehmen. Seine Flucht, sensationeller Akt der Anschaulichkeit, ist gegebner Augenblick.«

Man begann zu verhandeln. Wendling stellte die Bedingung, daß Graumann sich als Geldgeber nannte und ein zweiter als Mitherausgeber. Lauda schlug Fräulein Betz vor, sie ihn, Wendling sie und Lauda. Graumann hatte damit zu rechnen, daß sein deutscher Besitz beschlagnahmt werde, erbat sich Bedenkzeit; dieselbe Lauda.

Seine Stellung war zweideutig; der zweimal verlängerte Urlaub lief ab, aber zwischen diesem Termin und seiner Ankunft lagen nun drei Monate, Erklärung möglicher Wandlung. Er suchte am nächsten Tag Graumann auf, entschlossen anzunehmen, wenn dieser die Bedingung Wendlings erfüllte. Die Entscheidung wurde ihm in der Form mitgeteilt, daß Graumann einen anwesenden Deutschen als ersten Mitarbeiter vorstellte, Doktor Schmitts. Er war Dozent für Geologie an der Konstantinopler Universität gewesen und von der Regierung nach Armenien geschickt worden, um Minerale für die Kriegswirtschaft zu erschließen. Dort war er Zeuge der Systematik geworden, mit der eine ganze Nation, Mensch für Mensch, ausgerottet werden sollte.

Lauda erfuhr zum erstenmal von den amerikanischen Greueln, der entsetzlichsten aller Wellen von dampfendem Blut, die jemals über diese Entsetzliches gewohnte Gegend gerollt waren. Früher hatte man Ortschaften dem Erdboden gleichgemacht, im Zeitalter der Organisation wurde der Plan gefaßt, ein Millionenvolk bis in sein letztes Glied verschwinden zu lassen. Und die erste Million ward getötet. Man mordete an Ort und Stelle, man schickte Züge von Frauen und Kindern in die südliche Wüste, man rief die Kurden. Im Tal von Musch sah Schmitts einen Platz, wo die Kurden zweitausend Frauen geschändet, danach verstümmelt, danach mit Petrol übergossen und verbrannt hatten -- in den Überresten wühlten sie dann, weil das Gerücht ging, die Christinnen hätten Geld und Perlen verschluckt, um sie zu retten. Schmitts' levantinisches Weib hatte seiner Nation, die das geschehn ließ, geflucht, und der erregte Mann zitterte wieder, als er von diesem Augenblick sprach; er wollte nicht mehr Deutscher sein.

Fluchszene, biblischer Erinnrung, weckte Mißbehagen, männlicher Entscheid sollte nicht von Tränen einer Frau abhängig sein, und Moralität, die aus zusammenbrechenden Nerven kam, enthielt von Sentimentalität ein Gran, das auch in der breitren Anhängerschaft des Pazifismus zu finden war -- gleichwohl, man durfte über das christianisierte Naturell allzuberedter Männer hinwegsehn, es galt: die Sache. Die Sache hieß: Kampf ansagen dem deutschen Block aus Stahl und Willen, mit Worten des Hasses in seine Fuge dringen -- ob sie sich sprengen ließ.

»Wir haben Thomas Schreiner vergessen,« sagte Lauda, »er gehört in unser Komitee.« Es erwies sich, daß Schreiner keinen Wert darauf legte, mehr als Mitarbeiter zu sein.

»Was Sie tun,« sagte er, »ist bürgerlich, ich bin russisch geschult, Sozialrevolutionär, Anhänger der direkten Propaganda an der Front und in den Fabriken.«

»Wie vermögen Sie zu wirken,« fragte Lauda erstaunt, »wenn Sie fern in der Schweiz leben.«

Schreiner lächelte geheimnisvoll, deutete an, daß es von der Schweiz aus möglich war, die Soldaten zu erreichen.

»Durch Flugblätter, die Sie von der feindlichen Seite her in die Gräben bringen?«

»Vielleicht, und durch Schulung der Gefangenen in den Lagern, dort läßt sich die Avantgarde der Revolution ausbilden.«

»Dies ist Fünfkorns Plan,« sagte Lauda, »Sie arbeiten mit den Amerikanern.«

»Ja, insofern ich sie benutze; nein, insofern mir ihr Sieg so verhaßt wäre wie der preußische. Ich stehe außerhalb Ihres Reinlichkeitskonflikts, mein Ziel ist: die allgemeine Revolution.«

»Mit einem Wort das russische Programm. Wo ist der Unterschied zwischen Sozialrevolutionären und Bolschewisten?«

»Er wird sichtbar werden oder verschwinden, ich weiß es nicht.«

* * * * *

Graumann räumte der Redaktion das Dachstockwerk seiner Villa ein; nach kurzem zog Lauda in sein Haus, Wendling siedelte nach Bern über; es war nötig, dort einen Vertreter zu haben.

Ich bin, dachte Lauda, den Dingen der Realität fremd geworden, es wird notwendig, alle Energie des Denkens auf sie zu richten; hier ist Rhodus der Tat, hier springe. Er stellte angesichts jedes einzelnen der vielen Menschen, mit denen er zu unterhandeln begann, dieselbe leise Befremdung fest, der ihn Schmitts und Fünfkorn ausgesetzt hatten: der Eifer, mit dem sie Politik trieben, erschien ihm eng, ihr Fanatismus banal. Demokratie, Wort, das sie wie eine goldne Münze liebkosten, trug ihm Altersspuren der Abgegriffenheit; Teilung, die sie zwischen dem deutschen Block und dem der Entente vollzogen, jener Hürde der schwarzen Schafe, dieser der weißen, begegnete in ihm einem warnenden Instinkt.

Was Lisbao derb mit dem Wort bezeichnete, Schweine sind sie auf beiden Seiten, und Mitrofan mit dem andren: sie sind beide Verbrecher, formte sich in ihm als Einsicht, daß die Staatsform, die sich ein Volk gab, nicht Schuld war, sondern Schuld wurde. Es konnte sich höchstens um Entwicklungsstufen handeln und nur die Feststellung erlaubt sein, daß das eine System besser geeignet sei, bestimmte Grundfordrungen des staatlichen Lebens, etwa gleiches Recht und gleiche Verantwortlichkeit des Einzelnen zu verwirklichen, als das andre.

Er ward sich klar, daß diese Betrachtung die der reinen Anschauung war, die nur feststellt, nicht wertet. Er ward sich danach auch klar, daß, wer nicht wertet, sich von der Sphäre der Tat ausschließt -- unmoralischer Vorgang im Sinn eines unhygienischen, denn es verlangt die Energie, die die Erscheinungen schafft, Betätigung, Einsatz, Rotation, Umwandlung -- alles Ersatzworte für den einen Grundbegriff: Gehorsam gegen das Gesetz, das Stillstand untersagt.

Der Begriff der Mutation war es, der ihm die moralische Wertung des Phänomens des deutschen Militarismus und die Anerkennung von Regulativen des Gesellschaftlichen erlaubte. Unterhaltungen mit Wendling brachten eine große Überraschung: es deckten sich die Ideen. Der Arzt hatte unternommen, den Begriff Krieg wissenschaftlich zu zergliedern, nicht a priori setzend, daß Krieg eine Degeneration der natürlichen Anlage, sondern durch Zivilisationen hindurch ihr adäquater Ausdruck sei; aber was ursprünglich natürlich war, wurde mit fortschreitender Vermenschlichung und wachsender Suveränität Atavismus.

Genau das war im Begriff Mutation enthalten: neue Ideen bedingten eine neue Achse des gesellschaftlichen Zusammenlebens; neben den Begriff Einer und Ego, trat der des Bruders -- unethisch, rein rationell ausgedrückt, der der Organisation. Der Natur gehorsames Tier bedurfte keiner Regulative; der Natur sich entwöhnender Mensch bedurfte ihrer; Ethik war nur der Imperativ, der von einem Präsens in ein Futurum führte.

Die Form, die sich der deutsche Organismus gegeben hatte, war wohl Schicksal, unentrinnbar kausal verkettet; aber die deutsche Schuld begann da, wo Widerstand geleistet wurde gegen eine deutliche Mutation der ganzen Menschheit, die daran arbeitete, Macht durch Reglung zu ersetzen. In einem Augenblick, wo sich aus dem Denken des Erdballs der Gedanke des höheren Regulativs bereits hervorrang, hatte Preußen noch einmal alle Energie darauf verwandt, ein Instrument der Macht zu schaffen, jede Äußrung geistigen Lebens, Philosophie und Wissenschaft zum Trabantendienst zu zwingen -- Schuld hieß hier: eine alte Methode als größte Tatsache Europas aufzurichten.

Selbst der Vergleich mit England war nicht richtig. England war wohl durch dieselbe Methode groß geworden, aber in der Blütezeit dieser Methode, und von England war zu sagen, daß es Bereitwilligkeit zeigte, den neuen Fordrungen sich anzupassen, es war der Mutation gehorsam. Schuld Deutschlands war, daß es sein Schicksal ohnmächtigen und durch ihr Machtgefühl verdorbnen Menschen überließ, die Parolen ausgaben, wo sie Rechenschaft hätten ablegen müssen, ihren Dienern Befehle erteilten, wo sie Männer hätten zu Rat ziehn müssen -- Deutschlands Schuld war der unbeschränkte Freibrief, den es seinen Regierenden gab.

Wenn Demokratie einen Sinn hatte, dann den, daß der christliche Gedanke, wir seien alle Menschen hilflosen Hirns und darum gleichberechtigt und gegenseitig zur Hilfe verpflichtet, in ihr eine grundsätzlich politische Form gefunden hatte. Möglichkeit der Mitbestimmung und der Kontrolle; wurde Schicksal gemacht, so trugen es alle. Man konnte zugeben, daß in den westlichen Demokratien dieses Kontrollrecht noch nicht rein ausgebildet war, durch Demogogie befleckt wurde: worauf es ankam, war, daß dort gleichwohl dieses Recht aufgerichtet stand, sein Sieg nicht bezweifelt werden konnte, die Idee gefunden war.

Überall in den Demokratien wurden die Ideenträger als Hüter, Bahnbrecher, geistige Elite angesehn, Pazifist war nicht verächtlich, heißblütiger Wächter über garantierten Rechten galt als Mann von Adel und Herz -- in Deutschland wetteiferten die Intellektuellen, eine irrationale Philosophie zu treiben, die dem Herrn sein Herrenrecht bewies, oder standen lustlos zur Seite -- Mangel an Noblesse, die wacht, eintritt, kämpft.

Daraus ergab sich ihm die Aufgabe, der vielfache Gegner: die Feigheit der deutschen Geistigen, die triumphierende Selbstunterordnung der deutschen Menschen unter die Herren, die Anbetung eines nicht mehr lebensfähigen Prinzips. Und es ergab sich die Möglichkeit, diesen Dreifrontenkrieg, obwohl er nur mit dem Wort, dem Abgegriffnen, Verhurten, operierte, reinlich, straff zu führen, ohne die Geschwätzigkeit derer, denen die Welträtsel gelöst waren, weil sie den Freisinn hatten.

Die Aufgabe gestellt, brach er die Brücke zur Sphäre des Absoluten entschlossen ab, stand in der der Tat, der wertenden, streitbaren; Energie des Totalen durfte nur Florett sein, den Stoß zu führen. Kein Zweifel, nur Glaube, keine Zersetzung, nur Konzentration. Er fühlte die Grausamkeit der Tat in sich strömen, Sphäre des Geschehens war die des Hasses, der täglich wachsenden Feinde, des Hohns, der unterdrückten Liebe, der sich suchenden Männer. Traf er Elena, die sich La Putana nennen ließ, sah er im Schwung ihres Munds denselben Trieb, sich vom Blut der andren zu nähren, denselben Triumph, zu sein und Schicksal für Menschen zu werden; und sich mit ihr verstehn, war wie Kommunion des Irdischen; Sinnlichkeit des einem Zweck dienstbar gewordnen Geists und die des Fleisches, das Macht suchte, waren eins.

Sie verschwand auf Tage, Wochen, das Goldnetz aus ihren Opfern zu spinnen, aber wenn sie zurückkehrte, suchte sie ihn auf, bei dem sie unausgesprochne Bestätigung der Idee ihrer Erdentage fand. Was er schrieb, verstand sie nicht, aber die Gemeinsamkeit aller Dinge, die aus dem Willen kommen, gab ihr: das Brudergefühl.

* * * * *

Fräulein Betz hatte ihn mit Elena gesehn; sie riet, vorsichtig zu sein.

»Warum?« fragte er, »weil der Agent des Konsulats, den ich nun wie einen plumpen Schatten hinter mir beobachtete, mir zu einem Aktenvermerk verhilft, in dem neben >Landesverräter< steht >Verkehrt mit einer Dirne<? Wie hilflos man gegen solche abstrakten Charakteristiken ist (und fügte in Gedanken hinzu: sie fallen ins Gebiet der Bewertungen, Beweis wie brutal dumm diese sein können, wie infiziert vom Unrecht des Urteilens).«

»Nicht darum allein handelt es sich,« antwortete Fräulein Betz, »Sie sind der Bewegung, die Sie vertreten, Rücksicht schuldig, und Sie dürfen den schweizerischen Detektiven, die mit den deutschen Agenten in Verbindung stehn, nicht Gelegenheit geben, ihrerseits einen Aktenvermerk zu machen. Sie sind doppelt rechtlos, man wird Sie hetzen; sobald Ihre Regierung Vorstellungen über Ihre Tätigkeit erhebt, werden Sie der politischen Polizei lästig. Sie müssen auf Leumund bedacht sein, dürfen nur als politischer Idealist, demokratischer Vorkämpfer gelten. Es ist wahrscheinlich, daß unter der Klientele des Mädchens auch Parteigänger oder Spione der Entente sind: eine Denunziation des deutschen Überwachungsdiensts, und Sie geraten in den Verdacht, Mittelsmann zu sein.«

»Das sind Winke,« sagte er, »an die ich nicht gedacht hatte; aber sie gehören zu denen, die man nur zu erhalten braucht, um ihre Realität einzusehn -- alles Gemeine, Egoistische, Lieblose, das man von der Realität erfährt, leuchtet ein; es ist, als wachse man sofort als vollgültiges Mitglied in sie hinein und trage das Wissen um sie als eingebornen Besitz in sich.«

Danach besprachen sie die Aufgabe, die Madeleine Betz bei dem Blatt zufiel. Sie war Frau, ihr Wirkungskreis war die Frau. Es kam weniger darauf an, für ihre staatsbürgerlichen Rechte und Politisierung einzutreten, als ihre natürlichen Instinkte, die gegen Krieg und Gewalt standen, zu wecken, es galt, ihr die Augen zu öffnen, wie erbärmlich es war, daß sie dem Mann nachsprach, was er zur Rechtfertigung des harten Geschehens vorbrachte, und in Lazaretten seine Wunden heilte, damit er wieder an die Front ging.

»Ich lese,« sagte Fräulein Betz, »die Schriften jenes einzigen Indiers, der uns bekannt ist, Tagore. Es ergreift mich, wie ein Asiate, der der Verwalter des Geists Buddhas ist, Europa vom Osten her sieht. Was wir wohl sagen, aber nicht Erschüttrung werden lassen, daß der Europäer der Materialität verfallen ist und wie ein mißbrauchter Sohn des Bösen die Eingeweide der Mutter in Eisen und Chemie verwandelt -- er fühlt es unmittelbar, schmerzhaft; er sieht es legendenhaft wie einen Aufmarsch von Urprinzipien; Europa muß ihm der Fluch heißen. Was kann, für ihn, grauenhafter sein, als daß unsre Frauen Granaten drehn, Hochöfen speisen, Bahnen baun? Der Orient, der die Frau in ihrer Passivität niederhält, muß ihm doch als Hüter der Weisheit und der mütterlichen Kräfte erscheinen, die weibliche Passivität als der große ewige retardierende Faktor, Gegenstück des von seiner Aktivität verzehrten männlichen.«

Am Abend dieses Tags durchblätterte Lauda, während Elena auf seinem Divan lag, Zeitschriften. Blickte er auf, sah er die hohe Kurve ihrer Hüfte, und an Madeleines Worte sich erinnernd, dachte er: Verkleide sie dort auf dem Diwan in die orientalische Tänzerin, nicht mit Stoffen behängt, mit Rubinen, Smaragden, Steinen, spitz wie ihre Brüste, und sie ist ein Tempelmädchen, mühlos zur noch symbolischeren Astarte erhöhbar -- auch das ist indisch, fern dem mütterlichen oder auch nur lotussanften Mädchenhaften.

Nicht Indisch und Europäisch sind Gegensätze, sondern Zart und Hart, Mild und Grausam; nur die Dichtigkeitsunterschiede sind Prinzipien. Gretchen und Astarte, Lotusmädchen und Messalina sind erst dann auf den gemeinsamen Nenner Frau, Attila und Christus auf den des Manns zu bringen, wenn man statt in den Frauen Passivität, in den Männern Aktivität zu sehn, in ihnen allen den Kampf zwischen Passivität und Aktivität erkannt hat; erst das Vorwiegen, der Sieg, der vielleicht auf einem winzigen Mehr beruht, bestimmt den Gesamtcharakter. Die Aktivität Messalinas ist zunächst primärer als die Christi, unendlich stärker als sie; das ganze Temperament des in die Existenz schießenden Willens ist darin, die Urenergie vor aller Geschlechtsdifferenzierung ist darin.

Was macht den Unaktivren gleichwohl zum Überlegneren, was befähigt ihn zur Handlung, wenn man die Ersinnung einer Religion Handeln nennt? Etwas Sekundäres: das Vermögen, Vitalität in Geistigkeit zu verwandeln, die Einschaltung eines Widerstands, an dem die Sinnlichkeit sich bricht und als Gedanke ausstrahlt. Primäre Sinnlichkeit braucht sich auf, bleibt Phänomen, findet keine Projektion; verwandelte wird Wirkung über das Individuum hinaus.

Aber nun erhob sich die Komplikation, die Madeleine schon einmal ausgesprochen hatte: die Widerstandsfähigkeit, diese Voraussetzung des Denkens, wurde von den Müttern vermittelt, war Gabe der Frau an die von ihr Gebornen, das Männlichste wuchs aus dem Weiblichsten. Trägheit -- Passivität -- Widerstandskraft, in dieser Atomkette lag das Geheimnis. Praktisch gesprochen: wie in der Sphäre der Existenz alle Erklärung dualistisch operierte, waren Gretchen und Lotusmädchen das eigentliche Weib, und Madeleine durfte sagen, daß die Frau, die hütete und hegte, wenn sie sich nicht astartehaft selbst verbrannte, der ewige große und retardierende Faktor war, der die Instinkte der Liebe und Güte ausbildete. Liebe, diese Liebe, was war sie, wenn man sie nicht als ein moralisches Faktum ohne präzise Definition hinnahm, sondern auf das letzte Prinzip der Energie zurückführen wollte, andres als ein Hemmungsphänomen, das der rein vitalen Wut des Sinnlichen und noch nicht Gestalteten die Idee des Gestalteten, das Recht des Einzelnen und Vereinzelten auf Selbständigkeit entgegensetzte?

Hier ward faßbar: die Geburt eines Gedankens aus dem Sinnlichen, einer Idee aus dem Gefühl der Totalität, eines Verständlichen aus dem Vitalen, eines Herzlichen aus dem Energetischen, eines Moralischen aus dem Egoistischen: es _mußte_ erlaubt sein, Phantasie und Verstand gleichzustellen, weil die Gleichstellung auf ein Drittes, Übergeordnetes zielte.

Er schaute, während er dachte, Elena in die Augen, unbewegt; sie beobachteten sich wie Tiere, deren Blick durch die Dinge geht, weil die Dinge nicht Widerstand für sie werden. Was war Denken, von der Physis und in ihr gesehn? Ein Dunst aufsteigend aus der innren Landschaft, wie Regen aus der der Täler und Berge aufsteigt, ein Niederschlag des Bluts, des Fleischs, des ganzen Organismus, der sie rotierend ausschied, wie kreisende Erde die Atmosphäre; ein Duft gleich dem der Pflanze war Denken, so sehr, daß von der unsterblichen Seele nicht mehr zu sagen war als von der der Pflanze.