Part 8
In der Nacht aber -- die Brüder schliefen nämlich in einem und demselben Zimmer, und für gewöhnlich schliefen sie ein, sobald sie sich hingelegt hatten -- in dieser Nacht aber konnte der Andere nicht einschlafen, weil ihn die bösen Gedanken wach hielten. Und wie er so wach dalag, merkte er, daß auch der Kleine nicht schlief, sondern es war, als wenn er immerfort lauschte und horchte. Als wenn er immerfort in Angst gewesen wäre, daß plötzlich etwas Schreckliches geschehen würde, daß Jemand kommen und ihm seine Uniform wegnehmen würde, so war es. Und als es ganz tief in der Nacht und im Hause Alles ganz still war, da muß in dem Weihnachtszimmer irgend eine Thür aufgestanden und zugeklappt, oder irgend etwas gefallen sein, -- es kam von dem Weihnachtszimmer ein Geräusch.
Im Augenblick also, wie das Geräusch kam, war der Kleine in seinem Bette auf und aus dem Bette heraus, und so, wie er war, im Hemd und ohne Schuh und Strümpfe, lief er aus dem Schlafzimmer hinaus, auf den dunklen, kalten Flur hinaus und in das Weihnachtszimmer hinüber. Gleich darauf kam er dann wieder, und wie er ging, klipperte und klapperte etwas, und da war es der Helm, der Küraß, der Säbel, die ganze Kürassieruniform, die er mit sich schleppte und die er auf sein Bett legte und zu sich unter die Decke nahm, als wenn er gemeint hätte, daß er anders nicht sicher gewesen wäre und doch Jemand kommen und sie ihm fortnehmen würde.
Und dieses Alles machte er so leise, als er nur konnte. Kaum einen Laut gab er von sich. Nur als er wieder in sein Bette kroch, konnte man hören, wie es ihn schauderte und fror, daß ihm die Zähne im Munde klapperten. Und dieses Alles hörte der Andere, und weil das Laternenlicht von der Straße ins Zimmer schien, konnte er es auch sehen. Und auch er gab keinen Laut von sich. Unter seiner Decke lag er zusammengeringelt wie ein böses Thier, und Alles, was er dachte, war nur, daß es kindisch war, was der Kleine that, kindisch und lächerlich. Und wenn er voraus hätte sehen können in die Zukunft, so würde er gewußt haben, daß einmal eine Zeit kommen würde, wo er sein halbes Leben dafür hingegeben hätte, wenn er in der Nacht aufgestanden wäre und dem kleinen Bruder gesagt hätte: »Fürchte Dich nicht! Ich will Dir Deine Sachen nicht nehmen. Und wenn Du Dich vor mir nicht zu fürchten brauchst, brauchst Du es vor keinem Anderen. Denn alle Anderen gönnen Dir ja Deine Freude.« Aber er kam nicht und sagte nichts, sondern in seinem Herzen war nur der giftige Neid, als er sah, wie der Kleine das Alles zu sich ins Bett nahm, wonach er verlangt hatte, weil es dem Kleinen gehörte und nicht ihm, dem Anderen.
Darauf nun, am nächsten Tage, was der erste Weihnachtsfeiertag war, kamen die Schulkameraden, mit denen sie sich verabredet hatten, daß sie zusammen »Pascher und Grenzer« spielen wollten. Der Schnudri hatte seine Kürassieruniform angelegt, denn es machte ihn doch ungeheuer stolz, sich so zeigen zu können. Für den Anderen aber, als er sah, wie die Jungen sich erstaunten, als sie den Kleinen mit der Uniform sahen und nicht ihn, für den war das ein fürchterlicher Augenblick. Sie fragten ihn ja nicht geradezu, aber er las es doch in ihren Augen: »Warum hast denn Du sie nicht gekriegt?« Erklären konnte er ja nichts; dazu hätte er Dinge erklären müssen, die er selbst kaum verstand. Darum, wie nun ein allgemeines, verlegenes Schweigen entstand, ging ihm wieder die Scham über den Leib, vom Kopf bis zu Füßen, daß er blutroth wurde. Ihm war, als wenn man ihn mit der Faust auf den Kopf geschlagen hätte, so daß er den Kopf gar nicht erheben konnte. Und so zogen sie denn ins Feld hinaus und waren alle ganz still.
Als sie hinausgekommen waren, blieben sie alle stehen, als wenn sie sich berathen wollten, aber Niemand wußte etwas zu sagen. Alle sahen auf die beiden Brüder, namentlich den Aelteren, was der sagen würde, weil er es doch immer war, der bei den Spielen Alles angab; aber weil der nichts sagte, sagte auch kein Anderer etwas.
Endlich fragte Einer: »Aber, wer soll denn nun General sein?« Darauf zeigte der Aeltere auf den Kleinen und sagte: »Na, wer? -- Da steht er ja.« Das sagte er aber nicht in gutem Sinne, sondern aus Bosheit, weil es ihm wie ein Hohn vorkam, daß der Kleine der Anführer sein sollte und weil er wußte, daß die Anderen es auch so aufnehmen würden. Und so war es auch. Denn der Schnudri war ja beinah der kleinste und schwächste von Allen. Darum erschien es den übrigen Jungen wie eine Beleidigung, daß er sie kommandiren sollte. Und außerdem erschien es ihnen überhaupt ungerecht, daß er solch eine schöne Uniform bekommen sollte. Denn unter den Jungen war es eine allgemeine Ansicht, daß der Kleine ein verzogenes Muttersöhnchen wäre, weil sie doch nicht wußten, daß er krank war. Oder, wenn sie es gewußt hätten, würden sie vermuthlich doch keine Rücksicht darauf genommen haben. Denn darin sind ja die Jungen wie die Thiere in einer Herde; wird ein Stück krank, so gehört es nicht mehr zu ihnen. Aber Rücksicht darauf nehmen -- das giebt es nicht.
Darum, als der Andere gesagt hatte: »Da steht er ja«, wurde ein allgemeines Gemurmel unter den Jungen, und der Eine, der vorhin gefragt hatte, sagte: »Na, das wäre mir auch ein schöner General.« Und wie er das gesagt hatte, wurde aus dem Gemurre ein allgemeines Gejohle, und der Kleine stand ganz verdonnert mitten unter den Anderen, weil er merkte, daß sie alle gegen ihn waren, und weil er doch auch fühlte, daß er zu schwach war, um sie anzuführen. Und wie er so dastand und den Kopf hängen ließ, trat Einer auf ihn zu und sagte: »Weißt Du, was Du thun solltest? Deine Uniform solltest Du ausziehen, und sie Deinem Bruder geben; denn für den paßt sie doch viel besser als wie für Dich.« Darauf stimmten alle die Uebrigen mit »ja! ja!« dem bei. Der Kleine aber verzog das Gesicht, als wenn er zu weinen anfangen wollte, und drückte die Hände über der Brust zusammen, wie um seinen Küraß fest zu halten, weil er doch um alle Welt die schöne Uniform nicht hergeben wollte. Der Andere aber, wie er gehört hatte, was für ein Vorschlag gemacht worden war, und daß der Schnudri die Uniform hergeben sollte für ihn -- mit einem Mal kam ihm ein Gedanke, und er sagte: »Jetzt will ich Euch sagen, was wir spielen wollen: Rebellion! Der Hans also ist der General, und wir Anderen sind die Soldaten. Und die Soldaten also machen Rebellion gegen den General. Und der General will ihnen entwischen, und die Soldaten verfolgen ihn. Und dazu kriegt er zwanzig Schritte Vorsprung. Und wenn er bis da oben auf den Berg rauf kommt« -- in der Mitte der Ebene war nämlich ein Hügel -- »dann hat er gewonnen. Wenn er aber vorher eingeholt wird, dann haben die Soldaten gewonnen, und dann wird dem General seine Uniform weggenommen.«
Das war denn ein Vorschlag, der sofort zündete. »Ein famoses Spiel! Ein famoses Spiel!« Feuer und Flamme waren sie gleich alle mit einander. Aber Höllenfeuer war es, und von dem Teufel angezündet, der einstmals dem Kain zugeflüstert hatte: »Schlage deinen Bruder Abel todt.« Wenn er hinauf kam bis auf den Berg, dann sollte ihm seine Uniform gehören dürfen -- jawohl -- aber sie wußten, daß er nicht hinaufkommen würde, daß sie ihn vorher einholen und berauben und vergewaltigen würden, den armen, schwachen, kleinen Kerl.
Ein Spiel nannten sie das, -- und es war kein Spiel, sondern etwas Ernsthaftes, Furchtbares, Gräßliches, ein Stück Menschenniedertracht, die sich einen unschuldigen Mantel umhing, wie sie das immer thut, weil sie sich schämt und fürchtet vor dem Gottesauge dadrinnen in der Seele; Neid, höllischer, verdammter, verfluchter Neid, der sich Spiel nannte, während er in Wirklichkeit die Jungen, so, wie sie waren, in Wölfe verwandelte, in habgierige Bestien. Und daß so etwas vorging, daß er plötzlich umgeben und umringt war wie von Wölfen, das muß er gefühlt haben, der kleine Junge; das sah man seinem Gesicht an, wie er umhersah, so kläglich, wie er nach seinem Bruder sah, seinem großen Bruder, ob ihm der nicht zu Hülfe kommen würde. Aber der -- von dem ging ja die ganze Geschichte aus; und in dessen Seele war jetzt wahr und wahrhaftig der Teufel los, daß er nichts Anderes mehr denken konnte, als daß die Uniform, nach der er sich so rasend gesehnt hatte, ihm nun für einige Zeit wenigstens doch gehören würde, doch!
Darum sah man dem Kleinen an, wie ihm die Sache unheimlich wurde, und wie er dicht am Weinen war, und wie er am liebsten gar nicht mitgespielt hätte, sondern fortgegangen und weit davon gewesen wäre, weit davon. Aber das Alles war nun nicht möglich, und die Jungen würden ihn auch gar nicht davon gelassen haben. Sondern sie sagten ihm: »Hier, wo wir jetzt sind, bleibst Du also stehen. Wir gehen jetzt zwanzig Schritt zurück. Dann wird gezählt eins -- zwei -- drei -- und bei drei fängst Du an zu laufen, nach dem Berge hin, und wir hinterher.« Und damit so ging der ganze Haufe von ihm fort, zurück, und indem sie gingen, zählten sie laut ihre Schritte, bis daß sie zwanzig gezählt hatten; und alsdann so machten sie wieder Kehrt, und Einer zählte ganz laut eins -- zwei -- drei. Und im Augenblick, als das »Drei« heraus kam, fing die ganze Meute an zu laufen, zu laufen -- und Jeder schrie, so laut er schreien konnte: »Fangt den General! Fangt den General!« Und wenn in dem Augenblick ein Erwachsener vorübergegangen wäre und es mit angesehen hätte, dann, in der Art, wie die Erwachsenen über die Kinder denken, würde er wahrscheinlich gesagt haben: »Sieh' Einer, wie die munteren Jungen sich amüsiren«, -- und nicht geahnt würde er haben, daß das, was er für ein Vergnügen hielt, in Wahrheit ein Wettlauf war um Leben und Tod. Ja! Um Leben und Tod! Denn wie er die Meute losbrechen sah, fing auch der Kleine zu laufen an, so schnell die kleinen Beine vermochten. Aber gleich bei den ersten Schritten muß er gefühlt haben, daß es eine verlorene Sache war, daß sie ihn einholen würden. Wie er das Geschrei hinter sich hörte, muß es ihm gewesen sein als käme eine Indianerhorde hinter ihm drein, die ihm die Kopfhaut abziehen würde, so daß ihn die Todesangst ergriff und die Verzweiflung. Darum gleich nach den ersten Schritten fing er an zu schreien, ganz gellend, ganz kreischend. Was es war, konnte man nicht verstehen, aber es klang, als wenn er »nein! nein! nein!« schrie. Sie sollten ihm das nicht thun, sollten nicht so gegen ihn sein. Aber natürlich hörte Keiner darauf, sondern die Hetzjagd ging weiter. Der Helm flog ihm vom Kopfe. Wie er zur Erde rollte, waren gleich drei, vier darüber her, aber der Andere stieß sie alle fort; Keiner außer ihm sollte den Helm haben und die Uniform. Er setzte sich den Helm auf; und dann mit einem »Hussah« weiter und wie ein wildes Thier hinter dem Kleinen her. Denn wie ein toller Hund, so war er gerade, der nichts mehr von Allem weiß, was er früher gescheut und geliebt hat, sondern nach Allem schnappt und beißt. Die Uniform! die Uniform! Das war das Einzige, was er noch denken konnte und fühlen. Wie eine Fackel, die ihm der Teufel vor die Augen hielt, so war das. Und darauf, wie der Kleine die Schritte immer näher hinter sich hörte und das keuchende Laufen und die Stimmen, die schon ganz heiser geworden waren von dem rauhen Geschrei, blieb er plötzlich stehen, lief nicht weiter, blieb stehen, gab Alles verloren, warf sich zur Erde, ganz platt, streckte beide Arme von sich und drückte das Gesicht in das feuchte, graue, kalte Wintergras. In dem Augenblick waren sie über ihn her, und allen voran der Andere, der Bruder über den Bruder.
Die Schnallen, mit denen der Küraß an den Schultern des Kleinen fest gemacht war, schnallte er auf. Das Säbelkoppel, das der Kleine um den Leib hatte, schnallte er ihm ab. Alles rack -- rack -- rack. Alles mit ein paar Griffen. Alles so rasch, obschon ihm die Hände vor Leidenschaft flogen, wie ein Räuber, der Jemanden überfallen hat und ausplündert. Und dann eben so rasch den Küraß an die eigenen Schultern, das Säbelkoppel um den eigenen Leib. Und dann den Säbel herausgerissen. Und »hurrah« -- jetzt war er der General! Und »hurrah«, jetzt hatten sie einen Anführer, wie es sich gehörte. Jetzt konnten sie spielen. Jetzt wollten sie spielen, »Pascher und Grenzsoldat«, gehörig, so daß man sich am Kragen kriegte und raufte und prügelte; denn sie waren Alle wild geworden, wild, wild. Zwar der Kleine lag noch immer an der Erde, die Arme ausgestreckt, das Gesicht ins Gras gedrückt, und schluchzte und wimmerte, daß der kleine Körper gegen den Erdboden stieß. Aber -- ach was -- das Muttersöhnchen! Es war ihm ja gar nichts geschehen. Er würde sich schon beruhigen und, wenn er sich ausgeheult, aufstehen und nachkommen. Alles war doch ein Spiel; und Spaß muß doch Jeder verstehen. Darum jetzt nur fort von hier und vorwärts, daß wir zum Spiel kommen! Fort -- denn ob es den Anderen so ging, wie ihm, daß sie eine Art Grauen fühlten, als sie den Kleinen nicht aufstehen sahen -- ich weiß es nicht -- aber wahrscheinlich war es so. Wahrscheinlich war es so, daß sie fühlten, sie hätten da etwas gethan, was sie lieber nicht hätten thun sollen, nicht hätten thun sollen.
Und so wurde denn nun losgespielt, so wild und toll und wüthig wie nur möglich. Eine Stunde lang, und noch eine, und immer weiter. Und endlich kam dann eine Pause, und in der Pause ein Umhersehen, ein Hälserecken, ein Fragen von Einem zum Anderen -- war denn der Kleine nicht nachgekommen? Nein -- der Kleine war nicht nachgekommen. Also in einem Hui ging es nach der Stelle zurück, wo vorhin, -- aber die Stelle war leer. Er war nicht mehr da -- war fort -- wo denn hin? Und darauf, als nach all' dem Lärm und Geschrei eine Stille eintrat, eine ganz lautlose, allgemeine, kam Einer damit heraus -- er glaubte -- er hätte gesehen, wie der Kleine ganz allein übers Feld gegangen wäre -- nach der Stadt zu -- nach Hause zu. -- Und da mit einem Mal -- wie wenn Jemand in einem wüsten Rausch gewesen ist und plötzlich zur Besinnung kommt -- so ging es dem Betreffenden, so war ihm zu Muthe. »Nach der Stadt zu wäre er gegangen?« -- »Ja! -- Als ob er eins getrunken gehabt hätte -- ganz taumelig -- und die Hände am Kopf.«
Wie ein eiskalter Strom ging es dem Jungen über den Leib und sauste und brauste ihm in den Ohren. Keinen Laut konnte er hervorbringen. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Ohne ein Wort zu sprechen, knöpfte er sich den Küraß ab, und den Säbel ab, nahm den Helm vom Kopf. Nichts vom Spiel mehr; das Spiel war ihm verleidet. Die Uniform, nach der er so wüthend verlangt hatte, sie war ihm verleidet. Am liebsten hätte er sie von sich geworfen, fort. Aber das ging doch nicht; es war doch dem Kleinen sein Eigenthum. Also mußte er sie dem Kleinen wieder bringen, nach Haus. Und indem er das dachte -- nach Haus -- war ihm, als wenn eine Hand in seiner Brust gewesen wäre, mit langen, eisernen Fingern, die sich um sein Herz legten und sein Herz zusammendrückten, langsam wie eine Schraube.
Keiner von Allen dachte mehr ans Spielen; Keiner sprach ein Wort. Wie eine Herde von stummen Thieren zogen sie nach der Stadt zurück. Es war ein grauer, nebeliger Wintertag. Kein Strahl von Sonne, auch keine Ahnung davon. Wie sie nun in die Nähe der Stadt kamen und die Stadt vor ihnen lag und der graue Himmel über den Dächern, den Ziegeldächern, auf denen die rothen Ziegel ganz rostbraun aussahen vor Alter, so daß Alles in einander verschwamm, so öde, so grau in grau -- wie er das Alles sah -- da war es ihm -- da überkam es ihn -- als wenn da etwas Todtes vor ihm läge -- wie ein todtes Gesicht, das er früher gekannt, das ihm zugenickt und gelächelt hatte, und das nun gestorben war und die Augen auf ihn richtete, erloschene, in denen nie wieder Licht sein würde, nie wieder. Und nicht wie ein Gesicht nur -- wie ein großer, stummer, todter Leib, so sah es aus, daß er denken mußte, so müßte es aussehen, wenn die Mutter vor Einem läge, kalt, stumm und todt. So war ihm zu Muth; und so stark fühlte er das, so furchtbar, daß er nicht weiter gehen konnte, sondern stehen bleiben mußte. Und dabei schlugen der Küraß und der Helm und der Säbel, die er in den Händen trug, an einander, und gaben einen leisen Klang, beinah wie eine ferne, ferne Glocke. Und da war es ihm, als wäre irgendwo, wo er sie nicht sehen konnte, eine Uhr, eine große Uhr, und als schlüge die Glocke in der Uhr mit einem Tone, wie er nie einen gehört, so tief, so dumpf, so schwer. Und heute, da sechzig Jahre um sind seit dem Augenblick, weiß ich, wo die Uhr war, die er damals nicht sehen konnte -- in seiner Seele -- und was die Uhr damals schlug: Schicksal, Schicksal, Schicksalstunde.
Eine solche Angst war in ihm, solch' ein Grauen, daß er am liebsten gar nicht in die Stadt zurück und nach Hause gegangen wäre, sondern in die Welt, irgend wohin -- vielleicht noch lieber in den See, in das kalte Wasser hinunter und den Tod. Ja -- so war ihm, so war ihm zu Muthe. Aber die Sachen des Kleinen, die ihm in den Händen wie Blei lagen, weil er sie dem Kleinen genommen hatte, geraubt, gestohlen, er mußte sie doch zurück bringen an den Kleinen. Darum mit den Anderen ging er in die Stadt, und als sie in die Stadt gekommen waren, wandte er sich in der Richtung, wo das Haus der Eltern lag. Als er aber an die Straße kam und das Haus von ferne sah, packte ihn das Grausen wieder so, daß er nicht darauf zu gehen konnte, sondern umkehrte und in eine Nebenstraße ging und aus der in eine andere und wieder in eine andere, immerfort, die ganze Stadt entlang, wie sinnlos, wie betäubt, wie ein verwildertes Thier, das vom Hofe gelaufen ist und sich nicht wieder zurück getraut. Essen und Trinken -- Hunger und Durst -- danach fragte er nicht, daran dachte er nicht, davon wußte er nichts. Erst als es dunkler und immer dunkler, zuletzt fast ganz dunkel wurde, und weil er doch nicht auf der Straße bleiben konnte in der Nacht, und weil er so müde geworden war, daß er kaum mehr gehen konnte, sondern beinahe hingefallen wäre und liegen geblieben auf dem Pflaster, schlich er nach Hause, ganz langsam, leise, ganz leise. Und nun hatte er sich vorgestellt, wenn er in die Nähe von dem Hause käme, dann würde darin ein Lärmen und Toben sein, und bis auf die Straße hinaus würde er die Stimme hören, vor der er sich so fürchtete, die Stimme des Vaters, die mit dem Tone, den er kannte, mit dem schrecklichen Tone durch das ganze Haus donnerte: »Wo steckt der Bengel? Wo bleibt er?« Und als er nun an das Haus heran kam, lag das Haus so dunkel, so still, und kein Laut war rings herum zu hören, kein Laut. Eigentlich hätte ihm das ja lieb sein müssen -- aber dennoch war es ihm nicht lieb, sondern -- er wußte selbst kaum, warum -- unheimlich, unheimlich.
Also klinkte er die Hausthür auf, ganz vorsichtig, ganz leise, und dann auf den Fußspitzen, wie ein Verbrecher schlüpfte er hinein. Und im Hause war Alles dunkel, und so, wie es draußen gewesen war, so war es drinnen, ganz still Alles, daß man keinen Laut hörte, fast todtenstill.
Kein Mensch war zu sehen, nicht der Vater, nicht die Mutter und der Kleine erst recht nicht. Darum tappte er sich über den Flur nach dem Zimmer hin, wo er mit dem kleinen Bruder zusammen schlief; da wollte er hinein, ins Bett und sich verstecken. Im Augenblick aber, als er die Thür ergreifen wollte, kam ein Lichtschein, und den Gang herauf, der nach der Küche führte, kam Jemand, und die da kam, das war die alte Köchin. Sie hatte ein Licht in der Hand, und weil sie gehört haben mochte, daß Jemand da herum schlich, blieb sie stehen und hielt die Hand vor das Licht, damit sie erkennen konnte, wer es war -- und wie sie da stand und das Licht ihre Stirn beleuchtete, die so alt und voll Runzeln und Falten war, das sehe ich noch, daß ich es malen könnte, so genau. Darauf, als sie erkannt hatte, wer es war, ließ sie die Hand herab und sagte -- und auch das, wie sie sprach, höre ich heute noch ganz deutlich und genau -- und sagte -- kein Vorwurf war in dem Ton, wie sie sprach, nicht einmal ein Erstaunen, sondern nur etwas so Schweres, als wenn sich die Worte aus ihrem Munde heraus schleppten -- und sagte: »Wo bist denn Du gewesen? Weißt Du denn nicht, was hier geschehen ist? Und daß Hänschen im Sterben liegt?«
So sagte sie, und als sie so gesagt hatte, war dem Jungen, als würde ihm ein Nagel, ein ganz langer Nagel vom Kopf herunter durch den ganzen Leib geschlagen und nagelte ihn am Fußboden fest. Und was man den kalten Schweiß nennt, damals in der Stunde habe ich das kennen gelernt.
Darauf, wie ein Rasender wollte er auf und in die Stube der Eltern hinein, aber da faßte ihn die alte Köchin am Arm und sagte, und diesmal sprach sie ganz hastig, ganz flüsternd, ganz angstvoll: »Nein, nein, da darfst Du nicht hinein, Vater und Mutter sind ja da bei ihm drin, und Niemand darf hinein.« Und dann, wie der Junge am Thürpfosten lehnte, selber so starr und steif wie ein Stück Holz, machte sie die Thür zu dem Zimmer auf, wo die Brüder schliefen und leuchtete hinein und sagte: »Geh Du nur jetzt und leg Dich zu Bett, da ist nun nichts mehr zu machen.«
Und als sie so hinein leuchtete und er hinein trat in das Zimmer, da sah er, daß das Bett, in dem der Kleine sonst lag, nicht mehr da war, und an der Stelle, wo es gestanden hatte, war ein leerer Fleck. Und was damals in dem Zimmer war, das ist seitdem in seinem Herzen geworden, ein leerer Fleck. Ein leerer Fleck! Sechzig Jahre sind hingegangen seitdem, und der leere Fleck ist geblieben, nichts hat ihn ausgefüllt; nur ein Schattengesicht, das mich ansieht mit traurigen Augen, an dem kein Leib mehr ist, kein Leben, das mich ansieht in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann!
Dann bewegt es die Lippen, dann hör' ich's: »Kann nicht mehr spielen mit Dir, nicht mehr sitzen mit Dir in der Cajüte und den Arm um Dich schlingen und zuhören, wenn Du erzählst von dem großen Wald und dem Einhorn und den Thieren darin. Nie mehr -- nie mehr -- --«
Die Erzählung brach ab.
Aus der Ecke hinter mir, von wo die Erzählung gekommen war, kam es hervor; mit schwerem Schritt kam der alte Graumann hervor. Auf einen Stuhl fiel er nieder; auf den Tisch daran ich saß, warf er die Arme, auf die Arme fiel sein graues Haupt. »O Bruder! O Brüderchen! O armer, kleiner Bruder!«
Ein Stöhnen durchschütterte ihn. Wie ein alter Baum sah er aus, den Sturmwind schüttelt, als wenn er ihn brechen wollte.