Neid

Part 7

Chapter 74,132 wordsPublic domain

Statt hinauszulaufen ins Feld, gingen sie jetzt durch die Straßen der Stadt spazieren. In den Straßen war es ja jetzt viel schöner, als da draußen. Da waren die vielen Läden mit den herrlich erleuchteten Schaufenstern, und in den Schaufenstern all' die wundervollen Sachen. Namentlich die Spielwaarenläden. Vor denen blieben die Beiden schier stundenlang stehen, und Einer machte den Anderen auf die einzelnen Herrlichkeiten aufmerksam. Und in ihren Köpfen machten sie sich förmlich ein Verzeichniß, so daß sie am nächsten Tage immer genau wußten, was alles neu hinzu gekommen war.

Da kam auch dem Aelteren die Lust wieder, sich Geschichten auszudenken und sie dem kleinen Bruder zu erzählen. Wenn sie eine Eisenbahn im Schaufenster stehen sahen, setzte er sich mit dem Schnudri im Geiste hinein, und dann fuhren sie, fuhren immer durch ungeheuer lange Tunnels, wo es pechrabenschwarze Nacht drin war, so daß den Kleinen das Gruseln ankam und er sich an dem Bruder drückte. Oder durch alle Hauptstädte der Welt. Und wenn sie nach Paris kamen, fuhren sie gleich bei einem »ganz berühmten« Hotel vor, wo sie sich ein Mittagessen von mindestens zwanzig Gerichten auftischen ließen. Und wenn sie alsdann nach Haus gingen, sagte der Schnudri: »Jetzt sieh nur, was ich für einen dicken Bauch gekriegt habe; so colossal haben wir in Paris in dem berühmten Hotel zu Mittag gegessen.« Dabei zeigte er auf seinen Leib, und der kleine Leib war so mager, so mager -- denn obschon der Kleine jetzt wieder ganz vergnügt geworden war, wollte es doch körperlich gar nicht wieder mit ihm werden, aber auch gar nicht.

Und eines Tages, als sie wieder an die Spielwaarenläden kamen und vor das Schaufenster traten, thaten beide zu gleicher Zeit einen Schrei, ja geradezu einen Schrei, obschon sie sich gleich darauf Mühe gaben, ihre Aufregung zu unterdrücken; so ungeheuer war die Wirkung von dem gewesen, was sie da im Schaufenster angekommen sahen: das war nämlich eine Kürassieruniform, Küraß, Helm und Säbel, und sogar noch eine Trompete dazu. Wie das so vor ihnen hing und flimmerte und blitzte, da wurden beide ganz lautlos und standen, und standen, und endlich, wie betäubt, gingen sie nach Haus.

Zu Hause aber -- wie das die Art des Kleinen war -- lief der Kleine gleich wieder mit ausgebreiteten Armen auf die Mutter zu: »Mama! -- Mama!« -- Und dann kletterte er ihr auf den Schoß und erzählte ihr ins Ohr, was sie da gesehen hatten von der Kürassieruniform. Und dabei zitterte er vor Aufregung am ganzen Leibe, so daß die Mutter ihn wieder an sich drücken mußte und »rege Dich nicht so auf, Hänschen,« sagte, -- »rege Dich nicht so auf.«

Am nächsten Nachmittage aber gingen die Eltern zusammen in die Stadt. Und da zog der Kleine den Anderen in die Ecke der Stube und flüsterte ihm zu: »Paß auf, was ich Dir sage, sie gehen und kaufen den Kürassiergeneral!« Denn daß die Uniform nur für einen General sein könnte, das stand für den Kleinen fest.

Und von dem Augenblick an wurde die Kürassieruniform geradezu der einzige Gedanke in den Köpfen der Beiden, so daß sie sogar des Nachts davon träumten. Der Aeltere aber faßte den Plan zu einem großartigen Spiele, und als er es dem Schnudri erzählte, wurde der ganz Feuer und Flamme.

Mit einigen von ihren Schulkameraden -- natürlich sollten das nur ihre besten Freunde sein, und sie wurden auch gleich namentlich alle festgestellt -- wollten sie sich am ersten oder zweiten Feiertag, je nachdem das Wetter sein würde, zusammenthun zu einem Spiel »Pascher und Grenzsoldat«. Sobald der Kleine das gehört hatte, fing er vor Entzücken an, auf einem Beine herumzutanzen. »Famos! Und Du bist der General von den Grenzsoldaten.«

Das hatte sich der Andere im Stillen auch schon so gedacht; denn die Kürassieruniform war ja, wie es schien, nur einmal vorhanden, also konnte nur Einer von ihnen beiden sie bekommen. Aber der Schnudri war doch eigentlich zu schwach dafür und zu klein, während er sich im Geiste schon sah, wie er mit geschwungenem Säbel durchs Feld galoppirte und seine Soldaten gegen die Pascher anführte. Und dem Schnudri leuchtete das auch gleich so ein, daß ihm gar kein anderer Gedanke kam, zumal doch der Andere es wieder gewesen war, von dem der Gedanke zu dem famosen Spiele ausging. Darum war das Einzige, was er sagte, nur, daß er fragte: »Bei welcher Partei soll ich denn aber sein? Pascher oder Grenzsoldat?« Worauf der Andere erwiderte: »Natürlich bist Du auch Grenzsoldat, und ich gebe Dir die Trompete, und dann bist Du der Trompeter von den Grenzsoldaten und galoppirst immer neben dem General.« Und wie der Kleine das hörte, wurde er ganz taumelig vor Freude, und galoppirte durch das Zimmer, legte die hohle Hand an den Mund und machte »tütü! tütü!«, als wäre es schon die Trompete. Und obschon die Trompete doch eigentlich nur etwas Jämmerliches war im Vergleich zu der ganzen herrlichen Kürassieruniform, die der Andere bekommen sollte, war der kleine Junge doch ganz zufrieden damit, und es schien ihm bloß ganz natürlich, daß der Andere die ganze Herrlichkeit bekam, und es war kein Hintergedanke in ihm, keine Bitterkeit, sondern in dem kleinen Leibe war ein Gemüth größer, als das manches Erwachsenen, in dem armen, kranken Körper eine Seele, so schön, so gesund, so rein, und ohne die Krankheit, an der die Menschen kranken, ohne Neid. Ohne Neid! Ohne Neid!

Und so rückte nun der heilige Abend immer näher, und es waren bis zu ihm nur noch wenige Tage, und täglich standen die Beiden vor dem Kalender und zählten, wie viel Tage noch dazwischen waren. Und der Aeltere sagte zu dem Schnudri: »Siehst Du,« sagte er, »das sind jetzt die kürzesten Tage vom ganzen Jahr. Weißt Du, warum sie so kurz sind? Weil sie wissen, daß sie eigentlich ganz überflüssig sind und dem heiligen Abend bloß den Weg vertreten. Darum machen sie, daß sie so schnell aus der Welt kommen als nur möglich.« Und wie der Schnudri an den Späßen des Anderen immer ein großes Vergnügen empfand, so auch an diesem. Darum lief er schnurstracks wieder zu der Mutter und wollte sich ausschütten vor Lachen: »Mama, jetzt gib mal Acht, weißt Du, wer ich bin? Einer von den kürzesten Tagen. Siehst Du, die sind so kurz -- >guten Morgen< sagen sie und dann gleich darauf >gute Nacht.<« Und damit machte er der Mutter eine Verbeugung und gleich darauf noch eine und lief davon. Aber es war merkwürdig -- die Mutter, die sonst immer so froh dreinschaute, wenn sie ihr Kerlchen vergnügt sah, blieb heute ganz ernst, beinah traurig. Ja, es sah beinah so aus, als ob sie verweinte Augen hätte, so daß ich immer bei mir denken mußte, sie hätte da still in ihrem Zimmer über ihrer Arbeit gesessen und vor sich hin geweint. Worüber denn nur? Und dann fiel es mir ein, daß heute Morgen, bevor der Vater auf das Gericht ging, da hatte ich Vater und Mutter so laut mit einander sprechen hören, beinah heftig, als wenn sie sich zankten. Als die Thür aufging, und der Vater heraustrat, hatte ich noch die letzten Worte der Mutter gehört: »Doch nur jetzt nicht! Nur jetzt nicht!« Aber der Vater hatte sich nicht mehr umgesehen, sondern mit dem Hut auf dem Kopf war er davon gegangen, zum Hause hinaus, den Kopf so gesenkt und die Augen in die Erde gebohrt, was immer ein Zeichen war, daß irgend etwas wieder »abgeschmackt« in der Welt war, daß es in dem Bergwerke da drinnen brannte, brannte, brannte. Und ich weiß nicht -- aber von dem Augenblick an legte es sich dem Jungen auf das Herz -- wie ein Vorgefühl, eine Ahnung, wie etwas Schweres, das ihm das Herz erdrückte, so daß er sich gar nicht mehr freuen konnte, wie er sich bisher gefreut hatte.

Dann endlich, wie nun der Tag gekommen, an dem Abends beschert werden sollte, weil da die Kinder in das Zimmer nicht hineindurften, wo aufgebaut wurde, drückten sich die Beiden im Hause herum; der Kleine immer am Schlüsselloch, um in die Weihnachtsstube hineinzugucken, der Andere aber still in irgend einer Ecke. Darauf, als die Mutter aus dem Zimmer heraustrat, und als sie merkte, daß der Schnudri durch das Schlüsselloch geguckt hatte, drohte sie ihm mit dem Finger und lächelte. Aber es war ein so schwaches Lächeln, gar kein recht freudiges, sondern als ob traurige Gedanken dahinter ständen. Und wie sie den Anderen so dahinten stehen sah, in der Ecke, blieb sie stehen, als überlegte sie etwas, und dann ging sie hin zu ihm, legte den Arm um ihn und ging mit ihm hinaus, in ein anderes Zimmer, wo sie mit ihm allein war. Da ging sie mit ihm auf und ab, sagte erst gar nichts, und endlich fing sie an, und man hörte, wie schwer es ihr wurde.

»Heut ist nun Weihnachten,« sagte sie, »und das, was ich Euch neulich gesagt habe, als ich mit Euch auf der Bank saß, nicht wahr, das hast Du behalten? Daran wirst Du denken? Nicht wahr? Und mein lieber Junge sein? Daß Menschen nicht neidisch sein sollen auf einander? Und Hänschen ist noch so schwach; ein krankes kleines Kind. Und so einem armen kranken Kinde dem thut man doch gern etwas besonders Gutes an. Und das begreifen die Anderen. Nicht wahr?« Dann schwieg sie. Und es war, als wenn sie eigentlich noch mehr hätte sagen wollen, als ob sie aber nicht recht gewußt hätte, ob sie es sagen sollte. Beinah als wenn sie sich davor fürchtete. Und weil der Junge auch nicht wußte, was er erwidern sollte, so gingen sie noch eine Weile stumm mit einander auf und ab. Und dann blieb sie stehen, nahm seinen Kopf zwischen beide Hände und küßte ihn auf den Kopf. Ganz schwer drückte sie die Lippen darauf, und es war ein so langer, langer Kuß -- beinah, wie wenn man Jemand küßt, den man vor einer schweren Gefahr weiß, oder von dem man Abschied nimmt. Ja -- wie wenn sie Abschied nähme -- so war es. Denn während ihm sonst immer zu Muthe war, als küßte ihn das Leben selbst, wenn die Mutter ihn küßte, ging es heute wie ein kalter Strom von ihren Lippen durch ihn hin, vom Kopf bis zu den Füßen.

Und nun endlich, als es dunkel geworden war, kam die Mutter und kleidete die Beiden zur Bescherung an, in ihre Sonntagssachen. Der Vater war im Zimmer geblieben, und aus dem Zimmer erscholl jetzt eine Klingel, was so viel heißen wollte als: »Jetzt könnt Ihr kommen.« Und die Klingel, die tönte so kurz, so grell und gar nicht wie eine freundliche Einladung, sondern wie ein Befehl. Darauf nahm die Mutter die Beiden an der Hand, und so mit ihnen ging sie hinein.

Als wir eintraten, war das ganze Zimmer ein Meer von Glanz. Alle Lichter brannten. Aber vor dem strahlenden Baume stand es wie ein Schatten; das war der Vater in seinem langen, schwarzen Gehrock. Er war ja von Natur lang und groß, heute aber sah es aus, als wäre er noch länger gewesen als gewöhnlich. Die Mutter ließ die Hände ihrer Jungen los und ging auf die andere Seite des Zimmers hinüber, die Beiden aber blieben auf der Schwelle, weil sie sahen, daß der Vater zwischen ihnen und dem Baume stehen blieb. Er wollte ihnen zuvor noch einige Worte sagen, und das that er denn auch. »Bevor Ihr an Eure Tische tretet,« sagte er, »wünsche ich, daß Ihr Euch überlegt, was Weihnachten bedeutet. Weihnachten bedeutet das Ende eines Jahres, und wenn ein Jahr zu Ende geht, sollte sich ein Jeder Rechenschaft geben, wie er sich im Laufe des Jahres verhalten hat, ob er Anlaß zur Zufriedenheit gegeben hat oder zur Unzufriedenheit. Und ob das Erstere oder das Letztere der Fall gewesen ist, das wird ein Jeder an dem erkennen, was er am Weihnachtsabend geschenkt bekommt. Und darnach möge dann ein Jeder sich für das nächste Jahre einrichten und ernste, feste Entschlüsse fassen, damit, wenn im abgelaufenen Jahre nicht Alles so gewesen ist, wie es hätte sein sollen, dieses im nächsten Jahre anders und besser wird.« Und während er beim Beginn seiner Ansprache die Beiden angesehen hatte, als spräche er zu beiden gemeinsam, richtete er die letzten Worte ganz ausschließlich an den Aelteren, an den Großen. Und unter seinen Worten stand der Junge mit gesenktem Haupt; die Worte gingen über ihn hin wie ein eisiger Strom, und trotz der Wärme, die von dem brennenden Baume kam, fing er an zu zittern, wie im Frost. Denn hinter all' dem Licht und dem Glanz stieg ihm die Erinnerung wieder auf an all' die schrecklichen Dinge, die da gewesen waren, die da untergetaucht waren unter der Erwartung, der Freude, und die nun wiederkamen, wie etwas, was immer da sein würde, vor dem es kein Entrinnen gab.

»Und nun kommt heran,« sagte der Vater, und damit trat er auf die Seite.

Im Augenblick aber, als er zur Seite trat und die Aussicht auf den Baum frei machte, kam ein Jubelschrei, als ob das ganze Zimmer bersten sollte. Von dem Schnudri kam das her, und es war geradezu merkwürdig, daß der Kleine so viel Kraft in der Lunge hatte, um solch einen Laut von sich zu geben. Unter dem Weihnachtsbaume flimmerte, funkelte und blitzte es; das war der Kürassiergeneral, Küraß, Helm und Säbel; auch die Trompete fehlte nicht, und das Alles lag auf dem Kleinen seinem Tische. Solch ein Entzücken nun wie damals an dem kleinen Jungen habe ich mein ganzes Leben lang bei keinem Menschen gesehen. »Der Kürassiergeneral,« schrie er, »der Kürassiergeneral!« Dann galoppirte er rund um die Stube, flog auf den Vater zu und kletterte an dem hinauf, lief auf die Mutter zu, sprang ihr auf den Schoß und küßte sie, wie nicht gescheidt. Und von der Mutter zu dem Bruder, den er mit seiner Umarmung anlief, als wenn er ihn umreißen wollte. Er hatte eben gar nicht an die Möglichkeit gedacht, daß er die Uniform bekommen könnte, darum war seine Ueberraschung so ungeheuer groß; der Andere würde sie bekommen, so hatte er gedacht. Und der Andere hatte sie nicht bekommen. Auf dessen Tisch lagen ein paar Bücher, die er für die Schule brauchte; auch eine Reisebeschreibung, eine vernünftige, in der vom Einhorne nichts stand, dann noch einige nützliche Gegenstände -- und weiter nichts. Von Spielsachen nichts.

Und vor dem Tische stand er nun, und das weiße Tischtuch, das von den paar Büchern kaum zugedeckt wurde, sah ihn an wie ein blasses, weißes, leeres Gesicht, in dem nur eins zu lesen war: Vorwurf, Vorwurf. Er konnte sich kaum entschließen, eins der Bücher zu berühren. Endlich that er es doch, weil er den Blick des Vaters auf sich gerichtet sah, weil er sich fürchtete und sich schämte. Denn die schreckliche Scham von damals war wieder in ihm; das rauchige Feuer, das Alles dunkel in ihm machte, dunkel. Und unterdessen sah er, wie der kleine Bruder schier närrisch vor Freude herumtanzte. Und da kam ihm ein ganz sonderbares Gefühl, -- als gehörte er gar nicht mehr mit dem kleinen Bruder zusammen, als wären sie gar nicht Brüder mehr, als wäre der Kleine das Kind seiner Eltern, er aber nicht mehr, sondern als wäre er ganz fern von dem Allen hier, ganz wo anders, ganz da draußen, ganz allein. All' diese Gedanken, all' diese Vorstellungen, das ging ihm durch den Kopf, als wenn schwarze Flügel ihm um die Ohren schlugen. Darum fühlte er zunächst kaum einen Kummer, überhaupt nichts Bestimmtes, sondern nur eine dumpfe Betäubung.

Und wie er so stand und gar nicht wußte, was er mit sich anfangen sollte, fühlte er, wie sich von hinten zwei Arme um ihn legten, das waren die Arme der Mutter, und wie sich ein Gesicht an sein Gesicht schob, das war wieder die Mutter, und sie flüsterte ihm ins Ohr, so leise, als ob Niemand außer ihm es hören sollte: »Du bist mein lieber Junge -- das weißt Du -- nicht wahr?« Aber er regte kein Glied, er konnte nicht, denn zum ersten Mal im Leben war ihm auch die Mutter fremd geworden, und nichts war in ihm als eine Angst und ein kaltes Grausen. Darum, als die Mutter ihm weiter sagte: »Komm mit mir, der Vater erwartet, daß Du Dich bedankst,« setzte er keinen Widerstand entgegen, sondern ließ sich führen, ganz willenlos, ganz mechanisch -- ja -- mechanisch -- denn heute noch fühle ich, wie das war, als er die paar Schritte da hinüberging zu dem langen, schwarzen Mann in dem langen, schwarzen Rock. Wie wenn Einem die Füße eingeschlafen sind, so daß man sie gar nicht fühlt, sondern immer denkt, sie müßten unten Einem abbrechen wie Stücke Holz, so war das.

Der Vater hatte sich in den Armstuhl gesetzt und die Zeitung vorgenommen. Als nun die Mutter mit dem Jungen zu ihm herantrat, ließ er die Augen nicht von der Zeitung, drehte sich auch nicht herum, sondern sagte nur: »Nun?« Darauf sagte die Mutter für mich: »Er will sich bedanken.« Der Vater las in seiner Zeitung weiter und zuckte mit den Achseln, und das sah so aus, als wollte er sagen: »Das glaube ein Anderer.« Alsdann, nach einiger Zeit ließ er die Zeitung sinken, wandte sich herum und sagte: »Daß Du im Rechnen kein Held bist, brauche ich Dir wohl nicht erst zu sagen. Trotzdem, was ein Defizit ist, das wirst Du doch wohl wissen? Und dann wird es Dir auch klar sein, daß dieses Jahr mit einem gehörigen Defizit abschließt. Laß Dir das jetzt als eine heilsame Lehre dienen für das kommende Jahr und sorge dafür, daß das nächste Jahr besser abschließt.« Und nachdem er das gesagt hatte, nahm er seine Zeitung wieder auf und fing an, weiter zu lesen. Der Junge aber, als er hörte, daß der Vater nicht weiter sprach, richtete das Haupt auf, das er bis dahin gesenkt gehabt hatte, und als er sah, daß der Vater ihn nicht mehr ansah, sah er ihn von der Seite an, und da war es ihm, als ob es nie auf Erden ein menschliches Wesen geben würde, vor dem er solches Entsetzen empfände wie vor dem Manne, der da saß, und der sein Vater war. Darum, ganz still ging er in eine Ecke, hinter dem Baume, und setzte sich dort hin und sah auf den Lichterbaum und in der Stube umher und auf die Menschen da vorn, und es kam ihm vor, als wäre das eine ganz andere Stube als früher, als wären das Menschen, die er gar nicht kannte, und als wäre das Alles, was er erlebte, ein gräßlicher, gräßlicher Traum.

Von seiner Ecke aus sah er dann, wie die Eltern dem Schnudri den Küraß anlegten, den Säbel umschnallten und den Helm aufsetzten. Aber der Körper des kleinen Jungen war viel zu mager und dürftig für die Sachen, so daß sie ihm alle nicht paßten. Der Helm rutschte ihm beinahe über das kleine Gesicht, der Küraß und das Säbelkoppel waren zu weit; die Sachen waren eben auf einen größeren Jungen berechnet. Und als er sah, daß der Kleine ein betrübtes Gesicht machte, freute er sich. Den Kummer des kleinen Bruder zu sehen, das war an dem heiligen Abend seine Weihnachtsfreude.

Aber die Mutter wußte der Sache abzuhelfen. Sie holte rasch ein paar alte Zeitungen herbei, stopfte davon einen Ballen in den Helm, ein paar Ballen unter den Küraß, dann holte sie einen Hammer und einen runden Nagel und schlug damit noch ein paar Löcher in den Riemen des Säbelkoppels und als nun die Sachen dem Schnudri wieder anprobirt wurden, saß Alles wie angegossen, und der kleine Kerl stand mitten im Zimmer und strahlte vor Wonne und Vergnügen, daß sein Gesicht fast noch heller glänzte als der Küraß, in dem die Lichter spiegelten. Und wie er da stand -- unterm Weihnachtsbaum -- so froh, so glücklich, ohne eine Ahnung, daß Jemand es ihm mißgönnen könnte, weil er selbst von Neid nichts wußte, so sehe ich ihn stehen, immer noch, heute noch, nach sechzig Jahren noch, den Kleinen, das Brüderchen, dem er seine Freude nicht gönnte, -- seine unschuldige Freude, die auch seine letzte sein sollte -- in seinem armen, kleinen unschuldigen Leben -- der Andere -- die Canaille, der Satan, der Hund!

Und bis dahin war der Kleine so von der eigenen Freude erfüllt gewesen, daß er noch an gar nichts Anderes hatte denken können. Erst nachdem er sich ein wenig beruhigt hatte, fiel ihm der Bruder wieder ein, und er ging an dessen Tisch, um zu sehen, was der Schönes bekommen hatte. Und als er vor dem Tische stand und sah, wie traurig der aussah, wurde er ganz still, und sein Gesicht wieder ganz alt, und über den Tisch hin blickte er in die Ecke, hinter dem Baume, wo er den Anderen sitzen sah. Da wurde er ganz rathlos; das konnte man an seinem Gesichte wahrnehmen. Es fiel ihm ein, was zwischen ihm und dem Bruder verabredet worden war, daß sie mit den Schulkameraden »Pascher und Grenzer« spielen wollten, und daß der Andere der General hatte sein sollen -- und nun war es so gekommen, und das Alles war doch nicht mehr möglich.

Was sollte denn nun werden? Er wußte sich keinen Rath. Er grämte sich für den Bruder -- das sah man ihm an. Daneben aber konnte er doch die Freude nicht unterdrücken, daß er die Uniform bekommen hatte -- das sah man ihm auch an. Und plötzlich, weil er den Drang fühlte, irgend etwas zu thun, trat er hinter den Baum, zu dem Bruder, und ohne ein Wort zu sagen, bot er ihm die Trompete an, die er in Händen trug. Die wollte er ihm schenken; so hatte er doch etwas. Und nun war das ja von dem Kleinen so gut gemeint, wie nur möglich, aber es kam zur unrechten Zeit. Denn dem Anderen, der auch daran gedacht hatte, wie er als General den Kleinen zu seinem Trompeter hatte machen wollen, und der schon zu den Schulkameraden geprahlt hatte, wie er morgen als Kürassiergeneral erscheinen würde, kam es vor wie eine furchtbare Beschimpfung, daß er nun vorlieb nehmen sollte mit dem elenden Ding da, der Trompete. Wie ein Almosen erschien es ihm, das der Kleine, der Alles bekommen hatte, ihm hinwarf, wie einem Bettler. Darum, als der kleine Bruder ihm die Trompete hinhielt, riß er sie ihm aus der Hand, -- wie ein böser Affe riß er sie ihm aus der Hand. In seinem Herzen war eine Wuth, ein Haß und ein Neid -- mit beiden Händen packte er die Trompete, um sie zu zerbrechen, und weil er sie nicht zerbrechen konnte, verbog er sie, so daß sie einen Knick bekam und nicht mehr zu gebrauchen war. Das Alles geschah ganz lautlos, so daß die Eltern nichts davon hörten und sahen. Nur der kleine Bruder sah es, und der wurde leichenblaß, als er es sah, und wollte aufschreien. In dem Augenblick aber kam dem Anderen das Bewußtsein, was er gethan hatte, und die erbärmliche Angst vor dem Manne im langen, schwarzen Rock, und unwillkürlich sah er hinüber, wo der saß, ob der auch nichts gesehen hätte. Und als der kleine Bruder den Blick gewahrte, schluckte er den Schrei hinunter, den er hatte thun wollen. -- Solch ein Kind war das! Solch eine Seele war in dem kleinen Kind! Schluckte den Schrei hinunter, schluckte Alles hinunter, Schreck, Kummer, Jammer und blieb ganz still, ganz lautlos, und nahm die verbogene Trompete rasch wieder an sich und stopfte sie irgendwohin, versteckte sie, daß Niemand sie finden, Niemand sehen sollte, was der Andere gethan hatte, Niemand den Bruder strafen sollte! Nur sprechen konnte er an dem Abend mit dem Bruder nicht mehr, kein Wort, kein Wort. Mit dem Bruder nicht mehr, und überhaupt mit Niemand mehr, sondern er wurde ganz still; lachte nicht mehr und freute sich nicht mehr, und so blaß, wie er in dem Augenblick geworden war, als der Andere ihm die Trompete verbog, so blieb er den ganzen Abend. Nur von Zeit zu Zeit sah er nach der Ecke hin, wo der Bruder war, und immer, wenn er es that, war eine Angst in seinen Augen, eine Angst --

Und, wie gesagt, das blieb den ganzen Abend so, ja, es wurde eigentlich immer schlimmer. Wie ein armes, kleines Thier, das den Raubvogel über seinem Kopfe sieht, oder irgend etwas Schreckliches wittert, das nach ihm blinzelt, so war es mit dem Kinde, so daß er am ganzen Leibe zitterte, als die Mutter ihm sagte: »Jetzt, Hänschen, denk' ich, gehen wir zu Bett!« Und als sie ihm den Helm abnahm und den Küraß und den Säbel, fing er plötzlich an, lautlos zu weinen. Lautlos, wie solche kranke Kinder weinen. Und als die Mutter ihn an sich drückte und fragte: »Warum weinst Du denn, Hänschen?« sagte er: »Aber morgen gehört sie mir doch wieder?« Darauf lächelte die Mutter, und als sie fühlte, wie er zitterte, setzte sie sich und nahm ihn auf den Schoß: »Wem soll sie denn sonst gehören? Freilich doch gehört sie Dir. Meinst Du denn, es wird Jemand kommen, sie Dir wegnehmen?« Und so etwas Aehnliches war es gewiß, was er meinte; aber er sagte es nicht, sondern drückte seinen kleinen Kopf an die Mutter, und allmählich hörte er auf, zu weinen.