Part 6
Und nun weiß ich nicht, ob der arme, kleine Junge sich dessen bewußt war, was in der Seele des Bruders vorging; aber das Eine weiß ich, daß er stiller wurde und trauriger von einem Tage zum andern. Er war ja krank, und solche kranken Kinder -- das ist ja, als wenn sie schon vom jenseitigen Licht etwas in den Augen hätten, daß sie wie kleine Hellseher Dinge sehen, allen Erwachsenen verborgen. Wohl möglich darum, daß er wohl geahnt hat, was für ein Wurm an dem Herzen des Bruders fraß. Und wenn er es gefühlt hat, was muß sie dann gelitten haben, die arme, stumme Seele, die kleine! Da er doch fühlte, daß er nicht schuld war und nicht ändern konnte, nicht helfen!
Damals habe ich erfahren, daß die Seelen der Menschen einander ansehen können, ohne daß sie die Augen, mit einander sprechen können, ohne daß sie den Mund brauchen; habe erfahren, daß der Mensch für den Nebenmenschen ein Kraut ist, an dem er sich das Leben essen kann -- oder den Tod.
Ja, es gibt solche Seelen, in deren Nähe wir aufblühen; und was man die großen Menschen nennt, sind eben solche, an deren Seele tausende aufblühen, während an dem gewöhnlichen Menschen nur eine oder ein paar. Und es giebt dagegen Seelen, von denen der eisige Frost zu uns herüberweht, so daß wir an ihnen verkommen und verwelken. Und so ist es damals gewesen, daß der kleine Junge verwelkt ist an der Seele seines Bruders, neben der er herging wie ein armer, kleiner Bettler, weil er sie brauchte, und die der Andere vor ihm zuschloß wie ein hartherziger Schuft!
Ich habe das Leben kennen gelernt seitdem und Dinge verstehen gelernt, die ich damals nicht verstand. Ich habe es mir wiederholt, tausend und tausendmal, daß er krank war, der Kleine, und gestorben sein würde so wie so. Aber in der schlaflosen Nacht, in der schrecklich geheimnißvollen Stunde, wo uns die Dinge gegenüber treten, so, wie sie sind, wo kein Tageslärm die Stimme des Gewissens übertönt, und kein Sonnenlicht das Nachtgesicht der Reue verdunkelt, da ist das Bewußtsein über mich hergefallen und hat zu mir gesprochen: »Es ist nicht wahr, was Du Dir einredest. Er ist verwelkt und verkommen an Deinem bösen, finstern, harten Herzen, Dein kleiner Bruder, Dein armer, weicher, kleiner Bruder!« Und daß er mir das später ins Gesicht gesagt hat, der Mann -- er -- der Eishacker -- so wie er mir Alles sagte, ins Gesicht hinein, ohne alle Rücksicht, das hat einen Riß zwischen uns gemacht, über den ich nicht wieder hinweg gekommen bin, hat mir mein Leben vergiftet; denn das Leben eines Menschen ist vergiftet, der in Feindschaft seines Vaters gedenkt.
Als nun die Eltern merkten, daß der Kleine immer blässer wurde und immer elender, da natürlich schlossen sie ihn immer zärtlicher in ihr Herz. Und weil sie anfingen, sich um ihn zu sorgen, so forschten sie nach, woher es kommen möchte, daß es so bergab mit ihm ging. Aber zunächst bekamen sie es nicht heraus, denn der kleine Junge sagte nichts. Allen Gram, den ihm der Bruder bereitete, verschloß er in seinem stummen Herzen, und davon wurde das kranke, kleine Herz natürlich noch kränker. Er wollte den Bruder nicht verrathen. Immer, wenn der Vater so hart zu dem Anderen sprach, dann sah man, wie der Kleine darunter litt, weil er doch den Bruder so lieb hatte. Dann zuckte es ihm durch den ganzen kleinen Körper, und sein Gesicht wurde ganz lang und sah gar nicht mehr wie ein Kindergesicht aus, sondern wie das eines alten Menschen. Und das war jedesmal ein so jämmerlicher Anblick, daß die Mutter es gar nicht mehr mit ansehen konnte; und darum kam es vor, wenn der Vater so heftig, beinahe wüthend gegen den Anderen losfuhr, daß sie aufstand und sagte: »Aber Graumann« -- denn das war merkwürdig, daß sie ihn nie beim Vornamen nannte --, »aber Graumann, denk doch an Hänschen! Sieh doch Hänschen an!« Und dann brach der Vater in seinem Strafgericht ab und nahm Hänschen unters Kinn und streichelte ihn und ging hinaus. Aber dem Anderen gönnte er darum doch kein gutes Wort, so daß alsdann die Mutter aufstand und den Kopf des Anderen in ihre Arme nahm und ihn küßte. Und dabei weinte sie -- weinte, -- denn sie fühlte, was sich da anspann zwischen Vater und Kind; daß das etwas Böses, etwas Schreckliches war. Und von da an wurde auch die Mutter immer stiller und immer trauriger.
Eines Tages aber, als der Kleine mit der Mutter allein war, muß ihm doch das Herz übergegangen sein, und er muß der Mutter erzählt haben, wie es zwischen ihm und dem Bruder stand. Und ob der Vater wieder dazu gekommen ist -- ich weiß es nicht -- aber soviel ist sicher, er hatte es auch erfahren. Und sobald er es erfahren hatte, muß ihm gleich die Wuth zu Kopfe gestiegen sein, denn mit einer Stimme, daß das ganze Haus erdröhnte, rief er den Anderen herein. Und wie der nun vor ihm stand und ihn nicht ansah, weil er ihn nicht mehr ansehen konnte, sondern den Kopf zur Erde senkte, da muß er sich jedenfalls gedacht haben, daß es ein böser, schlechter, verstockter Bube sei, mit dem man nicht anders sprechen dürfe, als mit äußerster Strenge. Und vielleicht, wenn er in dem Augenblicke sanft und freundlich zu ihm gesprochen und ihm vorgestellt hätte, wie unrecht das war, was er an dem kleinen Bruder that, vielleicht, daß dann Alles geschmolzen wäre, was sich in der verrauchten Seele zu verhärten angefangen hatte, daß Alles noch gut geworden wäre; aber statt dessen ging es gleich in einem Tone los, als wäre jedes Wort ein Peitschenhieb gewesen, der den Jungen zusammenhauen sollte. »Und jetzt auf der Stelle gehst Du mit Deinem kleinen Bruder! Und gehst ordentlich, langsam mit ihm spazieren! Und wenn Ihr nachher nach Hause kommt, erkundige ich mich. Und wenn Du's anders gemacht hast, sprechen wir uns anders!«
Und damit wies er uns hinaus. Und ich mußte den Schnudri an der Hand nehmen, und die kleine, magere Hand zitterte in der meinigen. Sie zitterte! Die Hand des Brüderchens zitterte in des Bruders Hand! Und der Bruder fühlte es, er sah die eingefallenen Wangen und die Augen darüber, mit dem hohlen Blick. Und in seinem Herzen war keine Mahnerstimme, die ihn warnte, vorsichtig zu sein mit dem gebrechlichen, kleinen Geschöpf, in seiner Seele kein Mitleid, kein Erbarmen, sondern nur Gefühl für das eigene Leid und die eigene Beschimpfung und die eigene Kränkung. Und jetzt hatte er es ja vor Augen, daß es der kleine Bruder gewesen war, der ihm das eingerührt hatte. Darum gewann der Teufel Macht über ihn, und in seiner verwilderten Seele stieg ein scheußlicher Gedanke auf: Rache! Er nahm den kleinen Wagen mit, den sie brauchten, wenn sie »Post und Reise« spielten, und sprach kein Wort, und der Kleine ging lautlos neben ihm her. Als sie ins Feld hinaus gekommen waren, sagte er: »Wir wollen Post und Reise spielen, setz' Dich ein«. Und obwohl man dem Kleinen ansah, daß er sich fürchtete, wirklich fürchtete, that er doch ganz gehorsam, was ihm der Andere befohlen hatte, und setzte sich still in das Wägelchen. Nur mit den Händen hielt er sich fest an den Seiten des Wagens, beinahe krampfhaft. Aber das hatte der Andere wohl bemerkt, die Canaille, und er dachte bei sich: »Das soll Dir doch nichts helfen«. Darauf nahm er die Deichsel des Wagens in die Hände und fing an zu laufen und den Wagen hinter sich her zu ziehen, immer schneller, immer toller, immer wilder. Und wie das so über Stock und Stein ging und gar nicht den gewohnten Weg, da fing der Kleine an zu merken, daß das gar kein Spiel mehr war wie früher, sondern ganz etwas Anderes; er fing an zu weinen und dann zu schreien, ganz laut, ganz kläglich. Aber der Andere that, als hörte er es nicht, und plötzlich an einer Stelle, wo der Kleine es sich nicht versah, mit einem Krach warf er den Wagen um, so daß der kleine Kerl hinausflog und mit Kopf und Gesicht auf die Erde schlug. Und so, mit dem Gesicht an der Erde, blieb er liegen, eine lange Zeit, eine merkwürdig lange Zeit, daß es fast unheimlich wurde. Und als er sich dann endlich aufrichtete, da hatte er eine dicke Beule an der Stirn. Denn an der Stelle, wo der Andere ihn umgeworfen hatte, lagen Steine, und auf einen davon war er mit der Stirn aufgeschlagen.
Als der Andere das sah, bekam er einen Schreck, und so niederträchtig er auch schon geworden war, so that ihm das Brüderchen in dem Augenblick doch leid. Darum wollte er ihm die Erde vom Gesicht abwischen und ihm gut zureden.
Aber inzwischen hatte sich der Kleine aufgesetzt und die Arme um die Beine geschlungen und den Kopf auf die Kniee gesenkt und schluchzte vor sich hin. Und wie der Bruder herantrat und ihn trösten wollte, schüttelte er den Kopf, als sollte er nicht kommen, sollte nicht kommen. Und wenn er in dem Augenblick aufgestanden wäre und dem Anderen eine Strafpredigt gehalten hätte wegen seiner Schändlichkeit, so wäre es nicht halb so schrecklich gewesen wie der kleine, stumme Kopf, der immer hin und her ging, hin und her, so traurig, als wären die Gedanken darin so trostlos gewesen, daß kein Mund sie aussprechen konnte. Darum blieb der Andere stehen, wo er stand, und getraute sich kein Wort zu sagen und wartete, bis daß der Kleine von selbst aufstand und anfing, nach Hause zu gehen. Und auf dem Nachhauseweg gingen sie neben einander her; der Kleine faßte nicht nach der Hand des Bruders, sah nicht zu ihm auf, und der Andere sah nicht zu ihm hin, und das Schweigen, das zwischen den Brüdern war, redete eine Sprache -- eine Sprache --
Zu Hause natürlich wurde die Beule sogleich entdeckt, und es kam auch heraus, wie er zu der Beule gekommen war, und es dauerte nicht lange, so wußte auch der Vater, was geschehen war.
Und da zeigte es sich, wie das ist, wenn ein Mensch seine Leidenschaft immer hinunterschluckt, und die Leidenschaft eines Tages sich nicht mehr halten läßt, sondern herausbricht. Denn für gewöhnlich hatte er so kalte Augen und Züge wie von Stein. Aber an dem Tage, als er gehört hatte, was geschehen war, wurden die Augen -- ganz gräßlich wurden sie, -- die Glieder flogen ihm am Leibe, und wenn nicht in dem Augenblicke die Mutter dazwischen gefahren wäre -- mit einem Schrei kam sie zwischen beide -- so glaube ich, er hätte den Jungen am Halse genommen und erwürgt. Weil aber die Mutter dazwischen kam, blieb er stehen und wollte etwas sagen. Denn zuerst konnte er nicht sprechen, so furchtbar war die Aufregung in ihm und die Wuth. Und endlich sagte er: »Solch ein niederträchtiger Lümmel!« Und als der Junge das hörte und den Vater vor sich stehen sah und fühlte, wie der Vater ihn haßte, da kam etwas über ihn, -- als wenn er verrückt geworden wäre in dem Augenblick -- als wenn ein wildes Thier in seinem Leibe gesessen hätte und plötzlich heraus kam. Da vergaß er, daß der Mann ihm gegenüber sein Vater war, daß der Mann ein starker, erwachsener Mann war, der ihn mit einem Streich in Grund und Boden hätte schmettern können. Er hob beide Fäuste auf und ballte sie und stieß damit in die Luft nach dem Vater hin und schrie, -- so laut er konnte, schrie er: »An dem Allen bist Du schuld! Du! Du! Ich habe eine Menge mit dem Schnudri gespielt. Und die Spiele haben ihm immer sehr gut gefallen. Und dann hast Du uns alle Spiele zu nichte gemacht. Und aus unserem Laden hast Du die Mandeln und Rosinen genommen. Und hast gesagt, ich wäre ein großer Bengel. Und hast sie an den Schnudri gegeben. Und was ich dem Schnudri erzählt habe von dem Einhorn in dem großen Walde, das wäre alles Unsinn, hast Du gesagt. Und darum kann ich ihm nichts mehr erzählen. Und weiß nicht mehr, was ich mit ihm spielen soll. Und daß das Alles so gekommen ist --«
In dem Augenblick aber stürzte sich die Mutter auf den Jungen. Wie eine Verzweifelte stürzte sie sich auf ihn und hielt ihm die Hände, beide weiche Hände, vor den Mund, -- ja -- es sind sechzig Jahre her, -- und noch jetzt fühle ich, wie weich die Hände waren, die sie dem Jungen vor den Mund drückte. Und als der Junge die Hände an seinem Gesicht fühlte, fing er an zu weinen, zu heulen. Denn er fühlte, was er an dem kleinen Bruder gethan hatte, und fühlte, wie gräßlich das Alles war, daß er so sprach und schrie, und konnte sich doch nicht helfen, nicht helfen. Und als er so zu heulen anfing, drückte die Mutter seinen Kopf an sich, fest, als wenn sie ihn ersticken wollte mit seinem Weinen. Und ihren Shawl -- denn es fror sie damals schon immer so, und darum trug sie auch in der Stube immer einen Shawl -- ihren Shawl, den wickelte sie förmlich um dem Jungen seinen Kopf, als wenn sie ihn verstecken wollte. Vielleicht, weil es ihr graute, ihn anzusehen, vielleicht auch, weil sie ihn schützen wollte. Und zu dem Allen sprach sie kein Wort. Nur das Keuchen konnte ich hören, mit dem ihre Brust ging, als sie mich an sich drückte, so fest, so fest, so fest. Dann riß sie ihn fort, aus dem Zimmer hinaus. Als sie mit ihm auf den Flur gekommen war, ließ sie ihn los. Aber es war nicht, als wenn sie ihn freiwillig losließe, sondern die Arme fielen ihr herab, wie von selbst. Und auf dem Flur stand eine Bank. Auf die setzte sie sich. Aber es sah wieder nicht so aus, als ob sie sich freiwillig setzte, sondern als ob sie darauf niederfiele. Ihr Kopf fiel hinten über an die Wand. Sie machte beide Augen zu, ihr Gesicht wurde so blaß, als wenn gar kein Blut mehr darin gewesen wäre, und der Mund ging ihr halb auf, so daß sie aussah wie eine Todte. Als der Junge, der vor ihr stand und immer auf sie hinblickte, das sah, wollte er wieder anfangen zu schreien und zu heulen. Aber da that sie die Augen auf, riß sie auf, und die Augen waren so verstört, so verstört. Und wollte etwas sagen, konnte aber nicht sprechen, sondern winkte ihn heran. Und da kniete der Junge vor ihr nieder, zwischen ihren Knieen, und umfaßte ihre Kniee mit seinen beiden Armen. Und sie beugte sich auf seinen Kopf, legte die Hände auf seinen Kopf, faltete die Hände auf seinem Kopf. Auf die gefalteten Hände drückte sie das Gesicht. Und dann kam ihr das Weinen. Und so furchtbar weinte sie, so furchtbar, daß ihr ganzer Leib sich schüttelte und zuckte. Und während sie so weinte, sprach sie immer vor sich hin, sie murmelte nur, so daß der Junge nicht verstehen konnte, was sie sagte. Aber es klang, als wenn sie betete. Und sicherlich war es auch so; sicherlich hat sie in dem Augenblick gebetet für die Seele ihres Kindes, für die arme, verlorene Seele. Sicherlich hat sie vorausgesehen in dem Augenblick in die weite, weite Zukunft, in die Zeit, wo sie nicht mehr da sein würde, um ihm zu helfen, um die Einzige zu sein, die ihn noch liebte, und hat geahnt, was für eine Zeit das für ihn sein würde, was für ein Leben! Was für ein Leben!
Nachdem sie alsdann zu weinen aufgehört hatte, that sie die Hände vom Kopfe des Jungen und legte sie um sein Gesicht und zog seinen Kopf zu sich herauf, so daß sie ihm ins Ohr sprechen konnte, und dann sagte sie: »Weißt Du denn nicht mehr, was ich Dir gesagt habe? Daß Kindern, die nach ihren Eltern schlagen, die Hände aus dem Grabe wachsen? Wie konntest Du denn nur die Fäuste gegen den Papa erheben? Warum bist Du denn jetzt so? So häßlich und böse gegen Deinen kleinen Bruder? Siehst Du denn nicht, wie er sich grämt? Weil er Dich doch so lieb hat! Hänschen ist doch so schwach; also solltest Du doch doppelt gut zu ihm sein. Und statt dessen wirfst Du ihn mit dem Wagen um, so daß er sich Beulen an den Kopf schlägt. Weißt Du denn nicht, daß Du Deiner Mutter das Herz brichst, wenn Du so bist? Willst Du denn das? Hast Du denn Deine Mutter gar nicht ein bißchen lieb?«
Und indem sie so sprach, hielt sie den Kopf ihres Jungen an ihre weiche Brust gedrückt, ein so milder Hauch ging von ihr aus, von ihrem Kleide, ihrem Munde, ihrem ganzen Wesen, beinahe, wie ein Duft von Blumen, und doch noch anders, noch lieblicher, und indem der Junge die holde Luft athmete und ihre sanften, traurigen Worte hörte und daran dachte, wie er sie da eben hatte sitzen sehen, so blaß, beinahe als wenn sie todt gewesen wäre, und eine Ahnung ihm kam, daß das Alles, was er da umfaßt hielt, die Güte, die Liebe, die Mutter, daß ihm das Alles einmal verloren gehen könnte und er dann nichts mehr haben würde, nichts, da kam ihm die Reue, der Kummer, der Jammer, und all' der Neid, der sein Herz verbittert hatte, all' die Verstocktheit, die seine Seele verhärtet hatte, all' das Böse, Schlechte, Niederträchtige wurde noch einmal weich, und er wurde noch einmal wieder gut; denn von Haus aus war er nicht schlecht, war es nicht, -- nur Fußtritte konnte er nicht vertragen. Darum, statt daß er vorhin geheult hatte, fing er jetzt an, bitterlich zu weinen, und küßte die Mutter ins Gesicht, immer wieder und noch einmal.
Und weil sie eine so feine Seele war, eine so kluge, eine, wie ich gesagt habe, daß die Menschen daran aufblühen und warm und lebendig werden, so mochte sie wohl fühlen, daß es jetzt nicht gut gewesen wäre, wenn sie dem Jungen noch mehr zusetzte, sondern daß es am besten war, wie es jetzt war. Darum streichelte sie ihm das Haar und küßte ihn und sagte nur: »Und morgen, nicht wahr, gehst Du wieder wie früher mit Hänschen? Und spielst mit ihm? Und bist gut zu ihm? Bist wieder mein lieber Junge?«
Und darauf nickte der Junge, -- Alles wollte er thun, Alles.
Und alsdann ging sie in die Stube zurück und kam dann wieder heraus und führte den Kleinen an der Hand mit sich. Dem Kleinen hatten sie inzwischen, der Beule wegen, den Kopf verbunden; und wie das kleine Gesicht unter dem weißen Verbande beinahe verschwand, sah das so jämmerlich aus, so jämmerlich, daß der Andere wieder zu weinen anfing. Aber da sagte die Mutter: »Hör' nur jetzt auf zu weinen; morgen ist Hänschens Kopf wieder heil, und dann ist Alles wieder gut. Nicht wahr, Hänschen?« Darauf hing sich der Kleine an ihr Kleid und sah zu der Mutter auf und dann auf den Bruder und dann wieder auf die Mutter und sagte: »Post und Reise will ich nicht wieder spielen.« Und die Mutter drückte ihn an sich, ganz vorsichtig, daß sie ihm nicht wehe that, und sagte: »Nein, nein, er wird etwas Anderes mit Dir spielen. Ihr habt ja noch eine Menge anderer Spiele. Aber jetzt gebt Euch die Hände, gebt Euch die Hände.«
Aber da sah es so aus, als wenn der Kleine sich fürchtete, und es zuckte ihm durch den Leib, wie es immer geschah, wenn der Vater zu ihm sprach, vor dem er sich auch immer fürchtete. Darum nahm die Mutter seine kleine Hand in ihre Hand und winkte den Bruder heran und sagte: »Komm her und gib Hänschen die Hand und sag ihm, Du wirst ihm nie wieder weh thun.« Und unter Stocken und Schluchzen nahm der die Hand des Brüderchens und sprach nach, wie die Mutter ihn geheißen.
Alsdann so setzte sie sich auf die Bank, auf der sie vorhin gesessen hatte; den Schnudri nahm sie auf ihren Schoß, und den Anderen winkte sie heran, daß er sich zu ihr setzen sollte, an ihre andere Seite. Mit dem rechten Arme hielt sie den Kleinen an sich, den linken hatte sie um den Anderen geschlungen, und so saßen die Dreie, und keines sprach ein Wort, so daß eine tiefe Stille entstand. Und weil es schon Nachmittag gewesen war, als das Alles geschah, und im Flur noch kein Licht angezündet war, so wurde es immer dunkler. Und wie die Mutter so zwischen den beiden Brüdern, ihren Kindern saß, mit dem Kopfe zurückgelehnt an die Wand, immer vor sich hin denkend -- wer weiß, was sie da Alles gedacht haben mag --, da schimmerte ihr Gesicht durch das Dunkel ganz weiß, fast schneeweiß, so daß es dem Jungen, indem er zu ihr aufblickte so erschien, als säße da ein Engel zwischen ihnen, wie er sich immer vorgestellt hatte, daß die Engel aussehen müßten, schneeweiß von Kopf zu Füßen und im ganzen Gesicht. Und endlich, nach einer langen Zeit seufzte sie auf, und das klang, als wenn sie fort gewesen wäre, weit fort, und nun zurück käme. Dann richtete sie den Kopf von der Wand auf, legte die rechte Hand auf den Kopf des Kleinen, die linke auf des Anderen Haupt und drückte sie zueinander, daß ihre Stirnen sich berührten, ganz leise, damit es dem Kleinen nicht weh' that, und auf die beiden Köpfe drückte sie die Lippen, so daß sie beide zugleich berührte, und dann sprach sie, mit einer Stimme, die ganz anders klang als gewöhnlich, so wunderbar, so tief: »Meine Kinder, meine Kinder, denkt daran, was der Herr Christus gesagt hat, der so gut war und ohne Neid -- Menschen müssen nicht neidisch sein auf einander, alle Menschen müssen sich lieben. Aber Geschwister noch mehr als alle Anderen, die müssen sich noch mehr lieben. Und wenn Geschwister sich nicht lieb haben, kommen sie in die Hölle.«
So sagte sie. Und der Ton, mit dem sie das sagte, der war so wunderbar, so feierlich, daß mir in dem Augenblick war, als spräche Gott selber vom Himmel herab, so daß ich das Wort nie wieder vergessen konnte, sondern es behalten habe, sechzig Jahre lang, ein Leben lang. Und in den sechzig Jahren habe ich erfahren, daß es die Wahrheit gewesen ist, was sie damals sprach, die Wahrheit! die Wahrheit!
Von da an gingen die beiden Brüder wieder mit einander spazieren, neben einander und Hand in Hand, so daß es aussah wie früher. Aber es war doch nicht mehr, wie es früher gewesen war. Denn obgleich Keiner es dem Anderen sagte, so war es doch so: sie fürchteten sich vor einander. Der Kleine -- das merkte man ihm an und daran konnte man sehen, was für eine feine Seele in dem Kinde war -- der Kleine zwar wollte den Anderen vergessen machen, was geschehen war, und hing sich an seine Hand und bemühte sich beinahe, Unterhaltung zu machen, wenn er den Bruder so stumm vor sich hingehen sah. Aber wenn der Andere eine plötzliche Bewegung machte oder ein heftiges Wort sprach, dann zuckte er unwillkürlich zusammen, durch den ganzen Leib, wie er es früher nie gethan hatte. Und das Alles sah der Andere, und er merkte daran, daß der Kleine sich zwang, und daß im Grunde seiner Seele das Mißtrauen saß. Und darum war es ihm, als ginge in dem kleinen Bruder sein böses Gewissen neben ihm her, und er getraute sich nicht mehr, die Spiele mit ihm zu spielen, die sie früher gespielt hatten, weil er immer dachte, daß das Brüderchen sich vor ihm fürchten würde. Und an das Erzählen, wie früher in der Cajüte, dachte er schon gar nicht mehr; denn auf seiner Seele lag es jetzt immer wie eine Centnerlast, wie ein Alb.
Und trotz alledem -- wenn damals -- denn die Seele eines Menschen, in der es so hergegangen ist, die ist ja wie ein umgestürzter Acker, wo es nur darauf ankommt, was hineingesät wird -- wenn damals ein Säemann gekommen wäre, ein kluger, wahrhaft kluger, herzenskluger, und die Saat gestreut hätte, aus der das Heil für die Menschen aufgeht, einzig und allein, Vergebung, Vergebung, Vergebung, statt des tauben, todten Zeugs, was so schöne Schulmeister-Namen hat, Zucht und Ordnung, heilsame Strenge, und wie es heißt -- es hätte damals -- auch damals noch, Alles -- aber --
Und die Gelegenheit war eigentlich so günstig.
Denn dieses Alles, was ich da gesagt habe, hatte sich im Winter zugetragen, nicht allzu lange vor Weihnachten. Und jetzt rückte die Weihnachtszeit heran. Weihnachten aber, das ist eine so wunderbare Zeit. Da werden die Menschen ein paar Tage lang besser. Kinder, die krank gewesen sind, werden gesund, und Kinder, die nicht mehr kindlich gefühlt haben, lernen wieder fühlen, daß sie schließlich doch Alles nur durch die Eltern haben. Denn in der Zeit werden ihnen die Eltern heilig, weil sie mit dem Weihnachtsmann sich unterhalten, der doch eigentlich Niemand anders ist als der liebe Gott.
Und so, als der heilige Abend heranrückte, ging es auch den beiden Kindern, den verstörten. Die Erwartung und die Freude ging in ihren Herzen auf, wie ein Licht; erst nur leise, dann aber immer heller, zuletzt wie ein brennender Lichterbaum, der da drinnen angezündet war, lange vor dem wirklichen. Und vor dem Freudenlichte ging aller Schatten, alles Dunkle aus ihren Seelen, das da hinein gekommen war, und es war, als ob sie sich in dem hellen Lichte wieder fänden, daß der Aeltere den Schnudri wieder erkannte, und der Schnudri den Anderen.